Archive for November, 2007

James Joyce im Zwiegespräch mit einer letzten Flasche auf Erden, vorzugsweise unter freiem Himmel zu säuseln wie wandernde Wellen auf dem Meer

Dienstag, November 20th, 2007

Komm her, du Ende vom Anfang: nun geh es los, wir gehn es an mit neuem Atem. Zerteilt in Unteilbares sei uns die Ewigkeit nun sicher. Sieh, und sei’s drum. Ich bin dein Waschbecken, du bist mein Wasserhahn – zusammen sind wir die menschliche Innenarchitektur. Hör wie ich gluckse vor Freude. Auch ich höre dich glucksen im Streit mit der Luft, die dein Inneres zu füllen beansprucht, Frechheit flüchtiger Materie. Deine Hüfte reicht dir bis an die Knöchel. Meine Finger fallen dir unter die Fußsohle, von unter dir steigt es bis ins erhebende Gefühl, wenn wirklich aller Atem aus mir weicht. Du schmeckst so süß, ich sauge dich aus wie der Mückengott einen ganzen warmblütigen Planeten. Meine Lippen schmatzen in alle Gehirme hinein – wer’s glaubt, wie auch ich geglaubt hab mit der Vorderzunge an heißen Sommertagen, sei selig bis ans Ende seiner Liebe.

Wäre ich kein Dichter gewesen, du hättest diesem Schicksal entgehen können. So stopfe ich denn meine Zunge in dich hinein, perfekte Flaschenpost. Solange dein Körper Form wahrt, wird das Wort in dir verschlossen sein. Das Wasser um dich rum ist bald kein andres Rauschen als das Blut in meinem Ohr. Die Küsten gleichen sich. Unterm Mond die Gezeitenschwelle legt den Nerventieren ihren Samen ins Gehirn, auf daß draus Worte wachsen im Gejammer der sich aufreibenden Eingeweide. Ich geh nun von dir. Deine Beine in meinem Augenraum sinken zu Boden, Muscheln im vollen Ohr der Meeresklänge.

Als Lichtstrahl unterwegs

Dienstag, November 20th, 2007

Den Knorpel einer menschlichen Pupille durchquerend wurde ich zum erstenmal gebrochen. Es zwang mich in jenen Hautsack hinein, dessen Hinterseite von so ekelhafter Beschaffenheit ist, daß es einen bei Berührung dieses knotigen Himmels zicken und zucken läßt, als sei der Gott der Lichtquanten ein Ziegenbock mit zwei verschieden langen Maßhörnern.

Später sollte ich auch die Glaswand durchdringen, deren Mineralhaut die ewig ruhelosen Wesen unter der Sonne vorm plötzlichen Kältetod bewahren will, der regelmäßig die Kolonien kurzatmiger Wasserballons mit zottiger Innenoberfläche und Quantenchaos im Innenkammerbereich der elektromagnetischenPotentiale zu befallen pflegt – als sei das Lichtquantum irgend so ein Kornkreis auf dem Meer.

Außerhalb dieser Höhlenwelt mußte ich zwar lange wandern, bis die unverhoffte Begegnung mit einem Schicksalskollegen dem mikrosekündlichen Einerlei der Auf- und Untergänge meiner Pracht eine wechselwirkende Beschränkung des ewig Gleichen hervorrief, Form eines Materietropfens, allein dieser kurze Moment der Selbstauflösung im Weltraum der Körpergeburten um den Preis einer Identitätsverdopplung war es wert, nicht nur meine Frequenz im Schmelzofen der spezifischen Wirkungen nach wer-weiß-wohin zu verschieben, sondern auch den individuellen Reichtum, Amplitude über dem durchschnittlichen Nullniveau aller kosmischen Festsetzung, auf ein fast infinitesimales Prozentchen der ursprünglichen Größe schrumpfen zu lassen.

So wurde ich zum Teilchenpaar, geboren aus dem Opfer des Lichts.

In Bewegung

Freitag, November 9th, 2007

Am Ufer: Hildegard

Am gestrigen Abend, mit Feuerwerk und Krawall-

demonstration der eigenen Meinung, Volks-

Herrschaft von Söhnen ihrer Väter, Mutter in

das weiße Kopftuch aus Wolken gehüllt,

Ging für mich das 20. Jahrhundert zu Ende.

Was vor dreiundneunzig Jahren begonnnen,

fand nun seinen Abschluß in der

Mitternächtlichen Hitparade der Sterne hoch

oben im schwarzen Samt, so weich ver-

Hüllt wie ein Staubkorn im Ozean.

Aus der Unermeßlichkeit strahlender Augen,

mit der Stimme einer Überlebenden,

Durch die letzten Signale eines blinkenden

Weltraumkörpers hörte ich, ein Kind

Von vierzig Jahren deine Frage – keine Frage.

„Es ist doch so, daß man im Traum

die Welt sieht, man sieht sie

Immer wieder, damals, diesen kleinen

kleinen Schmetterling vor dem Fenster

Meiner Küche, und dann lag er und schlief.”

Einer fragte nach Blumen und Sonnenschein,

du lebtest im Schatten der Erde, dein

Söhnchen strahlte in dich hinein – ach

immer wird es so strahlen nun, du

Gabst ihm ein menschliches Gesicht…

Wie sah es aus in jenem Jahrhundert,

da das Korn am Reißbrett gezüchtet ward,

Als der Wahnsinn seine eigene Stimme ver-

nahm und sich leise leise sagen hörte:

Bruder, mein Bruder, ich bin du – du bist hier.

Begonnen hatte es wie üblich mit dem

Glück, das versucht war sich mitzu-

Teilen – es ging wie so oft noch nicht auf;

später war es dann der Hunger, aus dem

Mit Kanonendonner Geld wie Stahl hervorblitzte.

Einige hat es gegeben, die mußten ihre

Augen verbrennen in diesem unerbittlichen

Feuer, es schwelt noch immer durch den

Herbst dieser Welt und fegt nun als

Wasserwalze übers Körpergebiet der Klimazonen.

Auch der Träume gab es viele in jenem Jahr-

hundert, manches wurde wahr – das Wenigste

War es wirklich wert gewesen, den Synapsen-

wald mit Denkkraftverstärkern so sehr

Unter Druck zu setzen wie den Kessel deines Erdenlebens.

Zuerst tuckerte hinterm Berg ein

stolzes Automobil, später zischte die

Eisenbahn den Mond an, nachts, wenn

niemand mehr zuhörte außer dem Gras

Unter den Bäumen vor dem Fenster der Küche.

Die Schafe im Stall hörten irgendwann auf zu

blöken, heute lernen sie fremde Sprachen

Und versuchen der Sonne zu folgen auf ihrem

Weg durch das große Tal, das unter ihren

Füßen die Vergangenheit mit der Zukunft vereint.

Die Mitte war nicht die Mitte, die Mitte war

das Ende, und der seitdem die Lufthülle

Füllende Staub wird sich nie mehr zur Ruhe

setzen: Feuer, Wasser, Erde, Luft – so

Viel Freude verteilt sich für nichts. Aber später

(Das bist alles du; laßet die Kindlein

zu mir kommen – kein Samenkorn

So eigen wie der Mensch, Kindlein eines

Vaters und seiner Mutter – kein ver-

Fluchtes Geschlecht so sehr Samen im Korn)

Sollte es die Liebe sein, der Mensch, seine

Mutter und nichts als die Liebe, womit sich

Die Annalen der Erde füllen durch Zeichen

aus Wasser und Luft – nur das Feuer,

Langer Bart des Holzes, sei dem Licht fortan eingefügt.

(…)

29.10.2007