Archive for Oktober, 2007

Das Schweigen

Dienstag, Oktober 30th, 2007

Das Schweigen

Er erzählt
mir nicht mehr von gestern
und spricht mit seinen Freunden
über mich wie eine alte Krankheit.
Doch wenn er mich dann zufällig
unter seinem Bettlaken findet,
bekommt er feuchte Augen.

Er sagt,
er hätte sich das Schreiben
abgewöhnt wie die Angst
vor´m dunklen Keller.
Denn er wisse nun,
dass es hier wie dort
nichts zu entdecken gäbe.

Er sagt,
er wäre jetzt erwachsen
und dass ich brennen müsse
wie die schlechten Klassenarbeiten.
Da, wo er jetzt hingehe
gehörten Schwächen auf den Scheiterhaufen.
Dann wärmt er sich ein letztes Mal

Im Feuerschein der Erinnerungen

Ein Herrenbein (Auszug)

Donnerstag, Oktober 25th, 2007

Baronin Morast hatte sich bereits zu Mittag in ihr Schlafgemach zurückgezogen, das der Gatte vor dem späten Abend nicht betreten durfte. Sie fürchtete seit ein paar Tagen seine derberen Gelüste. Diese Furcht vermochte sie nicht recht zu deuten, deshalb musste sie sich legen, den Stuck anschauen und nachdenken. Der Baron sprach besorgt vom Stuck und seinen Widrigkeiten. Dass die Malerrolle nicht bis in die Rosenritzen dringe. Dass dort die Weltsicht sich verlor. Dass er die Deutung den Kunsthistorikern überlassen müsse. Dreimal Rund ineinander – rund. Frau von Morast wälzte trübe und konturlose Eindrücke wie ihre Kissen hin und her, kehrte das unterste zu oberst, tat, als würde sie ein inneres Bett neu beziehen. Sie wühlte Matrazen auf, entfernte feuchte und stockige Flecken, fönte trocken, rubbelte. An ihren Gatten konnte sie nicht denken, ohne dass ein feiner sie Brechreiz streifte, nur eben streifte wie der zuckende Nervenschmerz im linken Ohr. Die Lust, dachte sie, die Lust empfand sie doch. Irgendetwas an ihrem Manne war ihr unheimlich geworden. Sie erinnerte sich an das dröhnende Lachen, mit dem er den Privatier Kellermann und seine Clique begrüßt hatte, während er sein neues Mohnpräparat an ihnen ausprobierte. Bläulich hatten sich allseits die Lippen verfärbt, und als Morast nach ihr griff mit dünnen Fingern, hatte sich zu der vertrauten Lust, die ihr den Unterleib wie ein Schwert durchschnitt, ein leiser Ekel gesellt, ein  Kontrapunkt, der ihr den Hals kitzelte. Ein fremder Eigner. Eigner welcher ihrer Körperregionen? Sie hatte ihn geehrt, ihn, ihren Mann, der ihr Lüste verschaffte. Der Hüte á la mode trug, orangenorange, linzertortenrund, zuckerkristallbesprenkelt. Der mit der neuen Mode ging, ein Lebensdetail, das immer mehr auch Männer betraf. Der ihr ein Papageienzimmer für ihre gefiederten Freunde eingerichtet hatte, anspruchsvolle Wildtiere, die sie niemals, wie ihren Gatten, einfach mit „puttputt“ locken durfte, damit sie handzahm wurden. Die federbestückten Ungetüme. Ihr Mann war rasiert. Ganzkörperrasuren ließ er wöchentlich vornehmen, bei einem Freunde, dem Frizör.

Der Frizör schnitt nicht nur Haare, kämmte, ondulierte und shampoonierte – nein, er rasierte auch, sowohl Herren als auch Damen. Sein Salon war Stadtgespräch, derzeit noch. Ein, zwei Monate, und der Trend erreichte seinen Höhepunkt, um dann langsam wieder abzufallen wie eine sanfte winterliche Bergsenke, schließlich wurden Besuche beim Frizör zu einer Gewohnheit, die Zwang war. Die Klugen folgen einer Mode und reden nicht darüber. Sie scheinen. Haben Linzertorten auf den Haaren oder Orangenblütenextrakte in die noch feuchte Frisur gerührt und hineinzitiert, mit zittrigen Fingern, Haare, die ein Windhauch hochfahren lässt. Frau von Morast zog Luft ein, stieß sie aus ihren offenen Mund geräuschvoll gegen die Wand zu ihrer Linken aus. Drückte mit dem Kopf das Kissen zur Seite, Augen auf wie eine Tote. Er möge sie mir zudrücken. Gundolf! Sie rief nach ihrem Gatten, pelzig fuhr es ihr über Bauch und Beine, Gundolf! Sie schrie es dem Stuck entgegen und sah einen Himmel schimmernd wie Glas, eine Kuppel wölbte sich auf die Umtriebige nieder und umfing ihr Gehirn, durch dessen Windungen Serotonin und Endorphin, Dopamin und Neurasthenin schoss wie ein ICE durch die platte Landschaft zwischen Hamburg und Berlin-Ostbahnhof.

Baron Morast war inzwischen in einem unangenehmen Brüten versunken, welches das Endorphingeschoss im Hirn seiner Gattin kontrastierte, pfiffig und nicht ohne Überlegenheit. Warum hatte Gertrud ihn aus seinen Gemächern verbannt? Hatte sein Kuss auf ihren Hals, den er lange, lange vorbereitet hatte, sie nicht überzeugen können, dass er den Körperregionen mit zarteren Dünsten durchaus zugetan war? Ihr Hals roch so nach Frühlingsblumen, war so Jugendstil! Das hatte er ihr beichten wollten mit gefalteten Händen und verschlossener Hose. Nichts, aber auch nichts war auf diesen Kuss gefolgt. Nur eine Schweigeminute wie nach unfassbaren  Ereignissen oder während eines katholischen Gottesdienstes, wenn die Gemeinde auf die Knie gesunken war und gleich das „Vater unser“ in leierndem Gesange beten würde. Die Erinnerung an dieses Schweigen, diese Schlaffheit der Windhose, in die kein Hauch hineinblies, veranlasste ihn jetzt, im Wechsel ungelesene Kuriere und Zeitungen vom Tische zu nehmen und mit ihnen zu wedeln als verscheuche er Insekten. „Du musst du zuerst freundlich sein, du kennst doch Weiber. Klopfet an, so wird euch aufgetan, notfalls klopfst du mit dem schönen Gedanken, nicht gleich mit der Flöte. Manche lieben auch Musik. Aber fang nicht mit Wagner an, das wird sie verscheuchen wie ein frischer Morgen den Scheuen Nachfalter,“ hatte Kuraschowski, der Landbote, ihm beim Diner in den halb geöffneten Mund gesagt, der gerade eine Gabel voll Lacknudeln empfing.

“Sie müssten mal…”

Donnerstag, Oktober 25th, 2007

„Sie müssten mal Ihre Prosa vom Facharzt untersuchen lassen!“ Das schöne Wetter, das nun schon seit Tagen über Karlpeters Haus herrschte, konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser Arztbesuch erschütternd für ihn war und blieb.

Autodafé

Montag, Oktober 22nd, 2007

Reif auf den Büschen : wo wir uns versteckt haben

voreinander : wo wir die Feuer feierten

jedes Mal : wenn wir vorbeiliefen : im Mund

den Verrat : Asche auf den Feldern

körniger Nebel : aufsteigend aus den Furchen

bevor uns der Tag aufheizt in unseren Glasgehäusen

schau nur : wie wir aufwirbeln : ohne Wind

während draußen der Schneid Einzug hält &

die Wiederkehr des Groben zum Aufstand reizt

Eigenfrequenz 155-Hämo-Post-Globyl&Trans-Mitternacht

Montag, Oktober 15th, 2007

EZRA POUND

aus Canto XCIX

Und wenn dein Kind nichts wissen will, hast du’s versaut.

Frag’ es. Bejammere die Kindheit nicht, und lüge nicht.

Erkläre bündig, antworte; im Gespräch

nicht mit weichlicher Geschäftigkeit (chiao)

nimm immer deinen eignen Weg.

Laß’ es fragen vor seinem Tun;

Daß da keine nachlässige Pfütze sei

zwischen dem guten Menschen & seiner Frau.

R. ist r. . Klein ist klein;

Unter Freunden ist eins eins

zwei ist zwei

Nicht zu lügen aus Unbekümmertheit oder

allein zu lassen im Trug

Füttere den Klang seiner Stimme mit Worten

die wie Wasser über ein Mühlrad strömen.

Kleid’ es in Aktenordner

und beschenk’ es mit Niedlichkeiten,

Am Ende versetzt es den Hausrat.

Mit Steuern, für das allgemeine Wohl,

einem Teil des Produkts

Sind Menschen, weil körperlich

immer am Säen und Ernten,

Soldaten sind auch körperlich,

behüte das Werkzeug deines Körpers,

Er beschützt dich als Wesen

Vor Sintflut und Gaunerei.

The Dead – Animated Poetry

Freitag, Oktober 5th, 2007

dear viktor,

the idea to animate poems came from the Sundance Channel and the J Walter Thompson advertising agency (JWT). They assured me that they would bring in tto the project the best animators they could find and that the selection would be competitive. Apparently a number of people who tried out, were not invited to animate. I like the idea of poetry being adapted to different media (except dance) so I agreed to read the poems to be animated.

I was very pleased with the results. the first one I saw was “The Dead” which set a high standard for the rest. I never liked the idea of illustrated books of poetry. A poem about a tree and on the facing page. guess what? a tree! but animation casts a kind of spell over the eye as the voice does over the ear. And two senses are usually better than one.

I have no idea how the animations got on YouTube. Apparently, just about anything ends up there. The films first ppeared as “filler” on the Sundance Channel (USA TV). But I was happy to hear that some of the films were getting 500,000 hits on YouTube. Next we need to promote iPoetry so that poems can be easily put on your iPod along with your music.

If this phenomenon needs a star, I am happy to volunteer. I am an only child and have a great capacity for receiving attention.

My best to you and Ron Winkler,

Billy