Ein Herrenbein (Auszug)

Baronin Morast hatte sich bereits zu Mittag in ihr Schlafgemach zurückgezogen, das der Gatte vor dem späten Abend nicht betreten durfte. Sie fürchtete seit ein paar Tagen seine derberen Gelüste. Diese Furcht vermochte sie nicht recht zu deuten, deshalb musste sie sich legen, den Stuck anschauen und nachdenken. Der Baron sprach besorgt vom Stuck und seinen Widrigkeiten. Dass die Malerrolle nicht bis in die Rosenritzen dringe. Dass dort die Weltsicht sich verlor. Dass er die Deutung den Kunsthistorikern überlassen müsse. Dreimal Rund ineinander – rund. Frau von Morast wälzte trübe und konturlose Eindrücke wie ihre Kissen hin und her, kehrte das unterste zu oberst, tat, als würde sie ein inneres Bett neu beziehen. Sie wühlte Matrazen auf, entfernte feuchte und stockige Flecken, fönte trocken, rubbelte. An ihren Gatten konnte sie nicht denken, ohne dass ein feiner sie Brechreiz streifte, nur eben streifte wie der zuckende Nervenschmerz im linken Ohr. Die Lust, dachte sie, die Lust empfand sie doch. Irgendetwas an ihrem Manne war ihr unheimlich geworden. Sie erinnerte sich an das dröhnende Lachen, mit dem er den Privatier Kellermann und seine Clique begrüßt hatte, während er sein neues Mohnpräparat an ihnen ausprobierte. Bläulich hatten sich allseits die Lippen verfärbt, und als Morast nach ihr griff mit dünnen Fingern, hatte sich zu der vertrauten Lust, die ihr den Unterleib wie ein Schwert durchschnitt, ein leiser Ekel gesellt, ein  Kontrapunkt, der ihr den Hals kitzelte. Ein fremder Eigner. Eigner welcher ihrer Körperregionen? Sie hatte ihn geehrt, ihn, ihren Mann, der ihr Lüste verschaffte. Der Hüte á la mode trug, orangenorange, linzertortenrund, zuckerkristallbesprenkelt. Der mit der neuen Mode ging, ein Lebensdetail, das immer mehr auch Männer betraf. Der ihr ein Papageienzimmer für ihre gefiederten Freunde eingerichtet hatte, anspruchsvolle Wildtiere, die sie niemals, wie ihren Gatten, einfach mit „puttputt“ locken durfte, damit sie handzahm wurden. Die federbestückten Ungetüme. Ihr Mann war rasiert. Ganzkörperrasuren ließ er wöchentlich vornehmen, bei einem Freunde, dem Frizör.

Der Frizör schnitt nicht nur Haare, kämmte, ondulierte und shampoonierte – nein, er rasierte auch, sowohl Herren als auch Damen. Sein Salon war Stadtgespräch, derzeit noch. Ein, zwei Monate, und der Trend erreichte seinen Höhepunkt, um dann langsam wieder abzufallen wie eine sanfte winterliche Bergsenke, schließlich wurden Besuche beim Frizör zu einer Gewohnheit, die Zwang war. Die Klugen folgen einer Mode und reden nicht darüber. Sie scheinen. Haben Linzertorten auf den Haaren oder Orangenblütenextrakte in die noch feuchte Frisur gerührt und hineinzitiert, mit zittrigen Fingern, Haare, die ein Windhauch hochfahren lässt. Frau von Morast zog Luft ein, stieß sie aus ihren offenen Mund geräuschvoll gegen die Wand zu ihrer Linken aus. Drückte mit dem Kopf das Kissen zur Seite, Augen auf wie eine Tote. Er möge sie mir zudrücken. Gundolf! Sie rief nach ihrem Gatten, pelzig fuhr es ihr über Bauch und Beine, Gundolf! Sie schrie es dem Stuck entgegen und sah einen Himmel schimmernd wie Glas, eine Kuppel wölbte sich auf die Umtriebige nieder und umfing ihr Gehirn, durch dessen Windungen Serotonin und Endorphin, Dopamin und Neurasthenin schoss wie ein ICE durch die platte Landschaft zwischen Hamburg und Berlin-Ostbahnhof.

Baron Morast war inzwischen in einem unangenehmen Brüten versunken, welches das Endorphingeschoss im Hirn seiner Gattin kontrastierte, pfiffig und nicht ohne Überlegenheit. Warum hatte Gertrud ihn aus seinen Gemächern verbannt? Hatte sein Kuss auf ihren Hals, den er lange, lange vorbereitet hatte, sie nicht überzeugen können, dass er den Körperregionen mit zarteren Dünsten durchaus zugetan war? Ihr Hals roch so nach Frühlingsblumen, war so Jugendstil! Das hatte er ihr beichten wollten mit gefalteten Händen und verschlossener Hose. Nichts, aber auch nichts war auf diesen Kuss gefolgt. Nur eine Schweigeminute wie nach unfassbaren  Ereignissen oder während eines katholischen Gottesdienstes, wenn die Gemeinde auf die Knie gesunken war und gleich das „Vater unser“ in leierndem Gesange beten würde. Die Erinnerung an dieses Schweigen, diese Schlaffheit der Windhose, in die kein Hauch hineinblies, veranlasste ihn jetzt, im Wechsel ungelesene Kuriere und Zeitungen vom Tische zu nehmen und mit ihnen zu wedeln als verscheuche er Insekten. „Du musst du zuerst freundlich sein, du kennst doch Weiber. Klopfet an, so wird euch aufgetan, notfalls klopfst du mit dem schönen Gedanken, nicht gleich mit der Flöte. Manche lieben auch Musik. Aber fang nicht mit Wagner an, das wird sie verscheuchen wie ein frischer Morgen den Scheuen Nachfalter,“ hatte Kuraschowski, der Landbote, ihm beim Diner in den halb geöffneten Mund gesagt, der gerade eine Gabel voll Lacknudeln empfing.

Dieser Beitrag wurde von crysantheme am 25. Oktober 2007 um 16:38 Uhr geschrieben.

Genre: Trauersymmetrie

3 Kommentare »

  1. morast auf’m ast so’n ballast

    Comment by sumpfotter — 29. Oktober 2007 @ 23:24

  2. Ich kann nicht umhin, ich beginne diesen Text mit ich, und mache gleich weiter mit Befindlichkeitsanalysen. Es möge mir verziehen sein, der Tag ist fortgeschritten, im Magen drückt es, doch das tut nichts zur Sache, noch kann ich keine Verbindung zwischen dem, was hier aus mir heraus will und dem Magenschmerz herstellen. Zumindest schrieb ich noch nicht hierüber, sondern schwieg beharrlich, so wie die Stimme: “Die Stimme schwieg beharrlich.” Dieser Satz entstammt den Schreibversuchen einer lieben Freundin, die eines Tages das Bedürfnis verspürte, mich an ihren Gedanken teil haben zu lassen. Und ist auch die Überschrift, die ich für diesen Text gewählt habe, irgendwie hängen geblieben zwischen Traum und Tag, zwischen Trauma und Nachtschweiß, eben so mal dahingeworfen zwischen Tür und Angel und bei einer halbgerauchten Zigarette, als ich diesen Sätzen noch glaubte, denen mit der halbgerauchten Zigarette, sie könnten ernsthaft Literatur in der 1. Hälfte des 21. Jahrhunderts werden, doch nun, da alles von Ironie zerfressen ist, wir auf Level 101 angekommen sind und nicht mehr wissen, wie viele schon vor uns da waren, also, die Möwen, die lachen ja auch schon über uns – löchriger sind wir, deutungsloser sind wir, wer sind wir, wer wir? Die Sprache ist ein ausgekautes Kaugummi, zehnmal auf den Tisch geklebt, mit der Schuhsohle dran hängen geblieben, und doch wieder in den Mund zurück gestopft, ja, auch das ist nicht neu, diese säuglingshafte Überfressenheit ach. Meditative Ruhe wäre mal was Neues.

    Comment by frau kleist — 14. Juli 2017 @ 22:40

  3. Stichwort: Befindlichkeitsanalysen. Ein großes Thema auch im Hause Morast. In der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts wurde deren Wohnung möglicherweise schon ausgekehrt – aber weshalb so resigniert, was die Künftigkeit Ihrer Worte betrifft? “Halbgeraucht” hat immer Saison, da es so wandelbar ist – wie Sie.

    Comment by crysantheme — 15. Juli 2017 @ 21:06

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag.

Hinterlasse einen Kommentar