Lyrikpolemik

Patricia erhielt Verstärkung von einem Lyriker, der die neue Lyrik für abscheulich hielt. Sein Name war Klaus Kobold, eine Veröffentlichung konnte er noch nicht sein eigen nennen, trotz erfolgreich hinter sich gebrachten Germanistikstudiums. All die publizierenden und preisverwöhnten Lyriker, die sich in der Aufmerksamkeit der Jurys und Lektorate sonnten, riefen seinen Neid hervor. Reim und Rhythmus hatten sie längst über Bord geworfen, dafür übten sie sich in Kleinschreibung („kleinschreibung“) und der nichtgewerblichen Nutzung des und-Zeichens („&“) – oh diese Verräter an der deutschen Sprache, am substanziellen Gedanken und der politischen Botschaft! Endlich kam Klaus Kobold daher, es ihnen heimzuzahlen, dieser wahre Dichter hatte noch um Breshnew getrauert, als er selig von uns schied und wußte darauf Balladen zu singen – leider völlig unrhythmisch, reimlos und ohne einprägsamen Witz. Graumauspoesie war das, was aus Klaus Kobolds Mund quoll. Er aber bildete sich ein, die Lyrik in den deutschsprachigen Landen zu retten vorm nahen Untergang, den Kunst und Kunze ihr beibrachten, von den namenlosen Poeten der neu hervorwuchernden Blogs ganz zu schweigen. Seinen gesammelten pubertären Haß spuckte Klaus auf die Dichter, die ihm verwässert und konturlos erschienen, ewig mit sich selbst beschäftigt. Daß Gedichte aus der Einsamkeit erwachsen und der Blog den notorisch von der Gesellschaft abgehängten, sozial isolierten Individuen, die sich Dichter nannten, nach einer historischen Phase der kalten Technisierung die Gelegenheit bot, miteinander in Austausch zu treten, sich gegenseitig zu inspirieren – das war ihm in seiner Selbstverliebtheit und strengen Normgläubigkeit entgangen. Nach Manier des fin de siècle erwartete er das genialische Werk, das erlösende Wort, die ewige Gültigkeit – was sich im Vorfeld und an den Rändern abspielte, dafür hatte er nur Verachtung übrig: Karolin und Eisenhans, diese Namen weckten in ihm nicht die Erinnerung an glorreiche Zeiten, sondern an den lachhaften Gestus der Dilletanten. Dabei wußte Klaus theoretisch aus seinem Studium in Leipzig, daß schon der olle Freud gepredigt hatte: Junge, wenn du anderen was vorwirfst, meinst du am Ende dich selbst. Wirf nicht mit Steinen, wenn du … und so weiter und so weiter. Doch die ph-wert-neutrale Optik auf Klaus’ Nase erlaubte ihm keinen Blick in den Spiegel, alles, was er beschimpfte, hatte sich vor seiner Linse verzerrt. Ach, nehmt mich doch endlich unter Vertrag, seufzte er, seht doch, wie all die vernachlässigten Geister mir zujubeln, ihr werdet es nicht bereuen. Ich will ein eigenes Buch und nicht nur einen Eintrag auf den „Inskriptionen“. Da wunderte sich selbst Patricia ein wenig über ihren alten Freund.

Dieser Beitrag wurde von Marquis de Passade am 7. Mai 2012 um 22:46 Uhr geschrieben.

Genre: Gemütstiefe, Wortmysterien

7 Kommentare »

  1. Zwei anonyme Dichter von den “Inskriptionen” haben auf dem “Freitag” eine Debatte entfacht und wissen nichts davon …

    http://www.freitag.de/kultur/1218-neue-lyrik-neue-impotenz

    Comment by Theodor Holz — 8. Mai 2012 @ 08:07

  2. Wollen wir es nicht alle?

    aus: Schreibgymnastik. 21.08.2011
    Er bestellte sich einen Grog und ein Bauernfrühstück, griff sich die Tageszeitung und suchte gezielt nach den Kleinanzeigen: Verlag sucht Autoren. Auch Sie können schreiben.
    aus: Schreibgymnastik geht weiter, 21.08.2011
    Emsig spielte er die nächste Stunde durch. Er würde sich Tee machen, schwarz. Er würde mit dem Büro telefonieren und sein Erscheinen ankündigen. Und er würde das Buch zu Ende schreiben. Er musste.
    aus: Jenseits von Mainstream, 22.2.2012
    Nach und nach wagte er die ungeöffneten Briefe zu lesen, deren Inhalte sich scheinbar durch den Umschlag zu erkennen gaben. Es tut uns leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihr Manuskript nicht in unser Verlagsprogramm passt. Wir wünschen Ihnen dennoch weiterhin viel Erfolg. Er legte die Briefe in die oberste Schublade seines Schreibtisches. Widerwillig setzte er sich an den Laptop. Dich will keiner, dachte er bitter…

    Comment by rapunzel — 8. Mai 2012 @ 10:46

  3. zu: neue lyrik-neue impontenz:

    ik hatte einen onkel jan, jott hab ihn selich. und onkel jan, ja, der sachte imma, nee, er “dozierte” das so mit stolz jeschwellter brust, ja, und nem grinsen auf seinem jesicht und dabei freute er sich wie son schulbub: “junge, ehrlich sollste sein. imma ehrlich. denn: es ist und bleibt im ganzen land das größte schwein der denunziant.”

    Comment by soundroom — 8. Mai 2012 @ 11:44

  4. offenbar sind die wildhühner verschreckt.

    Comment by frau kleist — 9. Mai 2012 @ 15:22

  5. bißchen brüten statt unentwegt eier legen – ist doch auch mal ganz gut

    Comment by fryxell — 10. Mai 2012 @ 13:34

  6. und was man alles so machen kann mit ausgebrüteten eiern: solei, rührei, spiegelei, omlett, eistich, pfannkuchen oder einfach nur roh aufgeschlagen mit viel zucker. und sonntags, sonntags gibts zwei! allein die vorfreude auf eierschmaus läßt mich glücklich weiterbrüten.

    Comment by rapunzel — 10. Mai 2012 @ 19:07

  7. da wird gern mal gleich ein ganzer planet samt mond in die luft gesprengt. setzen wir unsere ganze energie ein.

    Comment by frau kleist — 12. Mai 2012 @ 20:24

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