Das Ende der Willkür

Als sich der neue König die Krone aufs Haupt setzte, blickte er mit einem Auge auf die Schar der Diener zu seinen Füßen im Saal, die sich, bis die Nasenspitze den Boden berührte, vor ihm verbeugten. Sein anderes Auge ließ den Blick aus dem Fenster schweifen ins weite Land, das nun sein Reich war. Ohne Grenzen erschien es ihm, ihm ergeben, bis zum Horizont, das Volk eine konturlose, knetbare Masse. Seine Fähigkeit, beide Augen verschieden auszurichten, war bemerkenswert: bei gemeinen Menschen wurde sie verächtlich „Silberblick“ genannt, bei ihm galt sie als Indiz eines schlauen Strategen. Er saß noch nicht lange auf den Thron, war dennoch kein junger König, sein verbliebenes stummelkurzes Haar war schon ergraut. Eine Glatze bedeckte die größte Fläche des Schädels. Er hatte bis zur Abdankung seiner Vorgängerin, der Großen Königin, als Schatzmeister gedient. Berühmt geworden war er durch legendäre Ankauf-Verkauf-Geschäfte: Er kaufte den einen drückende Schulden ab und verkaufte die Schulden meistbietend an Superreiche, die damit ihre Steuerlast mindern konnten. Ein Super­deal des Super-Schatzmeisters der alten, schon etwas schwächlich und kurzsichtig gewordenen Königin. Auf diese Weise konnte er trotz Steuersenkung den Staatsschatz steigern und die Superreichen im Reich behalten. Als er nun endlich den Thron von seiner Vorgängerin erbte, be­merkte er, daß sein geliebtes Volk von einer sozialen Krise geschüttelt wurde: einer gras­sierenden Wohnungslosigkeit. 

Tatsächlich besaßen etwa 100 Familien 100 Millionen Wohnungen, die sie an die Wohnungslosen vermieteten. Weil aber die Zahl der Vermieter auf eine derart überschaubare Größe geschrumpft war, hörte die Konkurrenz auf. Sie buhlten nicht mehr um Mieter, sondern die Mieter standen Schlange, um sich auf eine Wohnung oder auch nur ein Zimmerchen zu bewerben. Die Mieten schossen in die Höhe, überstiegen erst ein Zehntel des durchschnittlichen Monatslohns, dann die Hälfte.  Als die Mieter etwa drei Viertel ihres sauer verdienten Gehalts den von Monat zu Monat gierigeren Vermietern in den Rachen warfen, wurde die Mehrheit der Woh­nungslosen obdachlos. Sie konnte sich die Miete schlicht nicht mehr leisten.

Der neue alte König mit dem bestechend schlauen, einschläfernden Silberblick erinnerte sich an sein einstiges Erfolgsrezept: die Ankauf-Verkauf-Geschäfte. Ich muß nur die richtigen „Anreize“ setzen, sprach er zu sich, dann kommen wir aus der Krise, das garantiere ich. Also bot er allen Vermietern eine Prämie von 50’000 Talern für den Bau einer neuen Wohnung. Zugleich erkannte der raffinierte Fuchs, daß die Konzentration aller Wohnungen in wenigen Händen die eigentliche Ursache des Übels war, und versprach allen Vermietern, die Wohnungen unbewohnbar machten, eine Prämie von 36’000 Talern. 

Wunderbar. Es dauerte nicht lange – genauer gesagt, nicht einmal 24 Stunden nach Erlaß des legendären „Doppelanreiz-Gesetzes“ – bis die ersten Vermieter dem Vorbild ihres weisen, schiefäugigen Königs folgten und die Vorteile des Ankauf-Verkauf-Mo­dells für sich entdeckten: Sie bauten neue Wohnungen und kassierten Prämie 1, ließen sie leerstehen, indem sie die Baupolizei bestachen, die sie aus Brandschutzgründen für unbewohnbar erklärten, und kassierten Prämie 2, und vermieteten sie schließlich inoffiziell als Ferienwohnung zu überteuerten Preisen an Obdachlose, deren Miete der Staat übernahm. Auf diese Weise übertrumpften sie die Doppelanreizstrategie ihres alternden neuen König mit einem dritten Faktor. Die Zahl der Vermieter ging zurück auf die zehn schnellsten, die den dritten Faktor auszunutzen verstanden. Die übrigen 90 ehemaligen Vermieter reihten sich ein in die Masse der Wohnungslosen (damit waren die Menschen gemeint, die keine Eigentumswohnung besaßen, falls es der Leser noch nicht bemerkt hat.)

Die Mieter aber drängelten sich und bildeten endlose Schlangen, um auch in den Genuß einer der inoffiziellen Ferienwohnungen zu gelangen. Da kam dem Bauminister eine glänzende Idee, die er dem König für eine außerordentliche Spende ver­kaufte: Wäre nicht allen gleichermaßen gedient, wenn er per Definition diejenigen, die „nur“ eine Wohnung besaßen kurzerhand zu Wohnungslosen deklarierte, so daß auch sie sich bewerben könnten für die staatlichen Mietzuschüsse?

Ein geniales Modell. Die Verordnung wurde kurz vor Mitternacht erlassen und galt unanfechtbar vom nächsten Morgen an. Die frisch als wohnungslos Deklarierten, die noch eine Wohnung besaßen, durften sich sofort einfügen in die Masse der Wohnungssuchenden. Ihre eigene Wohnung ließen sie „freiwillig“ von der Baupolizei sperren. Die all­mählich versiegenden Steuergelder flossen in die Fördertöpfe und von dort geradenwegs auf die Konten der verbliebenen zehn Vermieter, die das Land noch hatte. Den König packte Ungeduld. Endlich müsse ihn das Volk einmal bejubeln für seine Fernsicht, Weitsicht und Umsicht. Obwohl er glaubte, die grassierende soziale Krise zum Wohle aller gelöst zu haben, versammelte sich das Volk auf der Straße. Nein, es brauchte sich nicht einmal versammeln, es war schon da. Denn die meisten Wohnungslosen waren nun obachlos geworden. Ein Sturm der Entrüstung fegte den König vom Thron.

Viktor Kalinke
geb. in Jena, Studium der Psychologie und Mathematik in Dresden, Leipzig und Beijing, Kreativitäts-Preis der Hans-Sauer-Stiftung, Mitbegründer der Edition + Galerie Erata, Promotion, Professur, lebt in Leipzig.

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