„Augen im Rücken“

Zu einem Roman von Heidi von Plato

Was bleibt von einem Menschen, wenn sein Leben von der Geschichte überrollt wird? Und was bleibt von einer Liebe, die Gefängnis und politische Gewalt, jahrzehntelange Trennung und Entfernungen über die halbe Welt überdauert? Augen im Rücken erzählt diese Geschichte, nicht als historischen Roman im herkömmlichen Sinn, sondern als Erinnerungsschübe einer Frau, die gelernt hat, daß die Vergangenheit nicht einfach vergangen ist.

Hanna Herder, geboren im Jahr 1900, ist eine ungewöhnliche Heldin. Als junge Sinologiestudentin verläßt sie Deutschland und geht 1931 in die Mongolei. Dort verliebt sie sich in Lemo Genden, einen Pelzjäger – was als Abenteuer zwischen fremder Landschaft, kulturellen Unterschieden und großer Leidenschaft beginnt, gerät bald in die politischen Verwerfungen der Zeit. Die Mongolei der frühen dreißiger Jahre ist kein exotischer Freiraum, sondern ein Land im Umbruch: kommunistische Modernisierung, antireligiöse Kampagnen, soziale Zwangsmaßnahmen und politische Verfolgung verändern die Gesellschaft radikal. Hanna gerät ins Visier der Behörden, wird als konterrevolutionäres Element und „amerikanische“ Spionin verdächtigt und schließlich verhaftet.

Aus der Reisenden wird eine Gefangene. Die Jahre der Haft bilden einen dunklen Kern des Romans. Hanna erlebt Isolation, Verhöre, Schlafentzug und die Begegnung mit anderen Gefangenen. Die Erfahrung in der Gefangenschaft verändert ihren Blick auf das Land ebenso wie auf sich selbst. Danach führt ihr Weg nach Hankou in China und 1949 schließlich zurück nach Deutschland, nach West-Berlin. Erst zwei Jahre später trifft sie Lemo wieder. Die große Liebe ist plötzlich nicht mehr Erinnerung, sondern wieder gegenwärtig: komplizierter, widersprüchlicher und verletzlicher, als die Erinnerung sie bewahrt hat.

Augen im Rücken ist vor allem ein Roman über Erinnerung. Der Titel bezeichnet eine mongolische Redewendung und zugleich das poetische Prinzip des Romans: Wer zurückblickt, sieht nicht einfach die Vergangenheit, sondern ein Spiegelbild der Gegenwart. Szenen tauchen auf, brechen ab, kehren verwandelt wieder. Das Geschehene wird nicht chronologisch erzählt, sondern psychologisch erfahren – dies verleiht dem Roman eine eigentümliche Sogwirkung.

Seine stärkste Figur ist Hanna selbst: keineswegs die makellose Heldin eines historischen Schicksalsromans, sondern mitunter impulsiv, arrogant, eifersüchtig und selbstgerecht. Sie urteilt vorschnell und erkennt manches erst spät; Widersprüche machen sie glaubwürdig und menschlich nahbar. Hanna ist zunächst fasziniert von der Mongolei, von Landschaft, Menschen und der vermeintlichen Fremdheit. Allmählich erkennt sie, daß auch ihr eigener Blick von Projektionen getragen ist. Die Fremde wird nicht nur zum Gegenstand ihrer Beobachtung – sie beginnt, den Blick der Beobachterin selbst zu beobachten.

An diesem Punkt gewinnt der Roman eine überraschende Aktualität. Seine Auseinan­dersetzung mit den sogenannten Völkerschauen und mit dem europäischen Blick auf „fremde“ Kulturen bleibt nicht bei einer historischen Anklage stehen. Sie führt zurück zur Frage, wie Wahrnehmung überhaupt funktioniert: Was sehen wir – und was legen wir in das Gesehene hinein? Hanna entdeckt, daß sie Erinnerungen (re-)konstruiert, indem sie ihre eigene Lebensgeschichte erzählt und sie sich mit jedem Blick zurück verändern.

Literarisch lebt das Buch von seiner Sprache. Kurze Satzfolgen, abrupte Schnitte, Bildsprünge und sinnliche Wahrnehmungen erzeugen eine nervöse, manchmal geradezu filmische Dynamik. Geräusche, Gerüche, Farben und Körperempfindungen werden zu Erinnerungsträgern. Metaphern und Synästhesien verleihen vielen Passagen eine poetische Dichte. Besonders dort, wo die Sprache nicht erklärt, sondern wahrnimmt, besitzt der Roman seine größte Kraft.

Allerdings erscheint diese sprachliche Intensität nicht durchgehend gebändigt. Gelegentlich häufen sich die Metaphern, rhetorischen Fragen und psychologischen Deutungen derart, daß d eher erklärt als erzählt wird. Manche Passagen wollen dem Leser nochmals genau erläutern, was die Handlung oder die Figur längst bereits vermittelt hat. Auch manche Nebenepisoden wirken wie historisches Recherchematerial, das in die Romanhandlung integriert wurde, als wie organisch aus ihr erwachsende Erzählung.

Hinzu kommen hier und da handwerkliche Unstimmigkeiten, terminologische und formale Inkonsistenzen. So wird einer Berlin-Passage, deren Kapitelüberschrift „Juni 1951“ nennt, im  Text selbst auf Ende April datiert… Solche kleinen Brüche stören gerade in einem Roman, der so stark mit Erinnerung und Zeit arbeitet, sie berühren aber nicht die eigentliche literarische Substanz.

Topographisch spielt Augen im Rücken an einem reizvollen Schauplatz, der in der deutschsprachigen Literatur äußerst selten literarisch aufgegriffen wird. Die Mongolei der dreißiger Jahre erscheint nicht als dekorative Kulisse, sondern als politisch und kulturell umkämpfter Raum. Die Erfahrungen von kommunistischer Repression, antireligiöser Politik, Gefangenschaft und sowjetischem Einfluß geben dem Roman historische Tiefenschärfe. Vor diesem Hintergrund erscheinen einzelne Details in den Gefängnisszenen eher für den späteren Höhepunkt des mongolischen Terrors von 1937/38 als für die Repressionspraxis der frühen dreißiger Jahre zu sprechen. So ist im Buch beispielsweise zu lesen: „In Handschellen oder mit archaischen Halseisen versehen. Auf dem Rücken steht in Mongolisch Verbrecherin.“ Wird hier unbeabsichtigt eine eher allgemeine Vorstellung vom Stalinismus auf die Mongolei übertragen?

Seine eigentliche Stärke entfaltet der Roman dort, wo Geschichte und private Erfahrung ineinandergreifen. Hanna erlebt die große Politik nicht aus der Perspektive eines Staatsmannes oder Chronisten, sondern aus der einer Person, deren Leben plötzlich von politischen Ereignissen durchgeschüttelt wird. Ideologien erscheinen nicht als abstrakte Systeme, sondern als etwas Konkretes, das wie Nebeltröpfchen in Beziehungen, Körper, Ängste und Entscheidungen eindringt. Die politische Geschichte der Mongolei wird zur persönlichen Geschichte einer Frau.

Und über allem steht die Liebesgeschichte zwischen Hanna und Lemo. Die Wiederbegegnung nach fast zwei Jahrzehnten stellt nicht einfach eine verlorene Liebe wieder her; sie zwingt Hanna vielmehr zu der Frage, ob sie den wirklichen Lemo liebt oder den Lemo ihrer Erinnerung. Damit schließt sich der Kreis zum Titel: Die Vergangenheit hat „Augen im Rücken“ – aber sie sieht niemals vollkommen objektiv und klar.

Augen im Rücken ist ein anspruchsvoller, historisch grundierter Erinnerungs- und Beziehungsroman, dessen eigentliche Stärke weniger in einer spektakulären äußeren Handlung als in der psychologischen Rekonstruktion einer Frau liegt, die ihre Vergangenheit nachträglich verstehen will. Sein Anspruch liegt vielleicht darin: Dieser Roman will nicht nur erzählen, was gewesen ist. Er fragt, wie wir uns daran erinnern – und was aus uns wird, wenn das Erinnerte plötzlich wieder vor uns steht.

Viktor Kalinke
geb. in Jena, Studium der Psychologie und Mathematik in Dresden, Leipzig und Beijing, Kreativitäts-Preis der Hans-Sauer-Stiftung, Mitbegründer der Edition + Galerie Erata, Promotion, Professur, lebt in Leipzig.

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