Aus „24 Portraits“

Günther und Marlies

Günther hat eine lange Autofahrt hinter sich. Er hatte Marlies, seiner Frau, schon per Handy seine Ankunft angekündigt. Darum ist das Essen fertig, als er zur Tür eintritt. Sie begrüßen und küssen einander. Marlies fragt, wie der Tag war und ob Günther müde sei. Ja, er sei müde, aber es ginge ihm gut. Unterwegs habe er sich sogar noch ein paar Euro hinzuverdient. Er müsse nur nach dem Essen schnell an den Computer und eine Datei verschicken. Günther schaltet den Computer schon ein.

Marlies ist neugierig geworden und fragt, was es denn so Dringendes sei. „Ich erzähl’s dir beim Essen“, antwortet Günther. Die beiden sitzen jetzt am Familientisch und speisen. Im Hintergrund läuft im Fernseher ein Musikvideo. Günther be­ginnt mit halbvollem Mund zu er­zählen: „Auf der Autobahn, in der Nähe von Hannover, hat auf der Haltespur ein brennender Bus gestanden. Ja, einfach so dagestanden. Ich habe abge­bremst wie all die anderen auch. Aber dann bin ich nicht an dem Bus vorbeigefahren, sondern habe hinter ihm gehalten und das Feuer mit dem Handy gefilmt. Du weißt doch, wie gute Auf­nahmen unser neues Handy macht. Schließlich bin ich mit laufender Kamera an dem Bus vor­beigefahren. Vorne stand ein Mann und hat wild mit den Händen gestikuliert. Der müßte auch auf dem Film sein. Nach dem Essen schaue ich mir das Material kurz an und schicke es, so­fern es etwas taugt, ans Fernsehen. So ein Film kostet schon was. Dafür kann man etwas ver­langen.“

„Und“, fragt Marlies, „waren noch Menschen in dem Bus?“ „Das konn­te ich von hinten nicht genau sehen. Aber als ich vorbeifuhr, sah ich, dass der Bus offenbar noch nicht ganz geräumt war. Einige Leute saßen oder standen auf dem Grünstreifen.“ „Und ? hast du nicht angehal­ten?“ fragt Marlies. „Aber Schatz, was hätte ich denn tun sollen? In so einem Fall muß man das Helfen den Fachleuten überlassen. Habe den Unfall gleich übers Handy ge­meldet. Was aber schon etliche vor mir getan hatten.“ Marlies hakt noch einmal nach: „Und bist du sicher, dass du nicht helfen konntest?“ „Ja, absolut. Ich hätte mich nur selbst in Gefahr ge­bracht. Kei­ner hat angehalten. Kein einziger Pkw stand bei dem Bus. Hier konnte nur die Feu­erwehr hel­fen.“ „Aber Günther, wir haben doch einen Feuerlöscher im Auto!“ „Das ist mir später auch eingefallen. Aber was willst du mit so einem Ding gegen einen brennenden Bus ausrichten? Sei vernünftig, Marlies, und beruhige dich. Es ist alles in Ordnung. Du weißt doch, wie ich solche Situationen auf der Straße hasse. Immerhin, hier ist der Film“, er hält das Handy hoch, „und den schick ich gleich ab. Mal sehn, was sie zu zahlen bereit sind.“ „Aber Günther, ich find’s ir­gendwie furchtbar“, sagt Marlies bedrückt.

„Man darf nicht so empfindlich sein, wenn man sich um jeden Cent prü­geln muss“, versetzt Günther. „Ich weiß nicht, wie viele vor mir und nach mir Auf­nahmen von dem Bus gemacht haben. Sah übrigens aus, wie so ein typischer Oma-Bus, du weißt schon, Kaffeefahrten und so weiter. Wahrscheinlich hat eine von den Alten mit Feuer gespielt. Nun, genug davon. Nach­dem ich den Film abgeschickt habe, machen wir’s uns ge­mütlich. Du kannst schon den Wein hinstellen.“ „Wenn du meinst“, lächelt Marlies ihm nach­denklich und zögerlich zu.

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Walter Thümler
schreibt Poesie, Philosophie, Erzählprosa

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