Stilles Murmeln

Ein kleiner Junge sitzt auf seinem Bett. Im Kinderzimmer, das ganz im gedämpften Licht des Morgens schwimmt, liegt eine Stille wie von Jahrhunderten. Das Fenster an der Schmalseite des Raums ist mit Vorhängen zugezogen, deren orangebraune Färbung alles Anwesende in eine melancholische Stimmung taucht. Der Junge sitzt auf der Bettkante und betrachtet seine Hände. Da sind Falten und Linien, unerklärliche Muster, Höcker und Vertiefungen, Furchen wie in einem Acker, aufgenommen aus größer Höhe. Wo kommen nur diese Rillen her? geht es staunend durch seinen Kopf. Er wirft einen Blick nach gegenüber, wo vom Gitterbett das sacht zitternde Geräusch eines atmenden Babys herüberweht. Du also bist mein Brüderchen, mein kleines feines Brüderchen. Und du warst es, der Mamas Bauch fast zum Platzen gebracht hätte. Arme Mama, sie konnte sich kaum noch bewegen. Ob sie noch schläft? Sicher schläft sie noch. Ich soll sie nicht stören so früh am Morgen, ja, es muß noch sehr früh am Morgen sein. Und das Brüderchen dampft in seinen Kissen, als sei die Erde aufgebrochen, als zöge dichter Nebel durch die Gitterstäbe hindurch, ganz so, als sei er das Kind einer Nixe, die ihn auf einem Stein neben der Quelle – ihrer Wohnung – abgelegt hat, um sich im klaren morgendlichen Wasser des Bachs Gesicht und Arme zu waschen. Und über der Quelle putzt sich in den Zweigen der Eberesche ein Vöglein das Gefieder.

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