Am Nebentisch

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Ich war in den verliebt. Ja, in den, links unten auf dem Foto. Ihm verfallen, zugegeben. In die Art verliebt, wie er seinen Arm über die angewinkelten Beine legte, kaum wusste, was er da tat. In Tweed gekleidet, zu gut für einen jungen Kunststudenten. Für einen jungen, armen Kunststudenten. Das Bild von ihm ist schon alt. Hat blasse Farben und Knicke am Rand, trägt Spuren von Fingern, Hautcreme und Küssen. Man tut immer so, als seien solche Aufnahmen lediglich für ein Magazin gemacht oder für die ganz jungen Mädchen, die willfährigen Opfer, die Sex noch mit Liebe verwechseln. Und wissen Sie, eine Frau in reifem Alter kann die Vergangenheit einholen. Verliebt. Wie bescheiden das klingt. Fällt Ihnen ein besseres Wort ein? Ja, sexuelle Entschiedenheit. Das Ergebnis langer Enthaltsamkeit. Oder wie erklären Sie sich das, wenn jemand beim Anblick eines in Tweed verhüllten Herrenbeines bereits schwach wird, es in der unteren Hälfte zu kribbeln und beinahe schmerzhaft zu zucken beginnt? Ich rede ja nicht von Rheuma. Glauben Sie, es gibt kaum etwas Gesünderes. Und was tue ich jetzt? Ich gehe zum Tablettenschrank. Ein Königreich für eine Schachtel Valium. Schaffe es kaum, mehr als einen halben und mehligen Apfel am Tag zu mir zu nehmen, vielleicht eine Walnuss, ungefähr die Größe seiner Nüsschen, die ich nie zu sehen bekam. Zum Teufel. Ich knabbere an der Walnuss. Während meine Zähne sie zerbeissen, kommt es mir fast so vor, als hätte sie nur darauf gewartet, mit ihnen Bekanntschaft zu machen. Das Knabbern eines Eichhörnchens kann nicht zärtlicher sein. Flinke und weithin unsichtbare Tiere sind mir die liebsten, und dann, wenn niemand hinschaut, könnte ich kurz mal einen Blick auf all das werfen, was der Tweedstoff da verhüllt. Wunschdenken. Ich Dumme, ich. Tablettenschrank, Vodka, mit Zitrone – oder ohne. Später dann, im Café, einen Herren am Nebentisch, der löffelt vielleicht gerade seinen Eiscafé aus. Ist um die fünfzig oder älter. Aber er trägt keinen Tweedanzug. Ein Feiner, der in Tweed. Ich werde also tun, was ich immer tue: ich winke der Kellnerin und bestelle die Zeitung.

Dieser Beitrag wurde von crysantheme am 29. November 2009 um 23:39 Uhr geschrieben.

Genre: Trauersymmetrie

1 Kommentar »

  1. Der Text ging mir zwei Tage lang nicht aus dem Kopf. Mir zeigt sich die Nachhaltigkeit sublimierter Sexualität. Mir scheint in dem Maße, in dem Kultur die Triebhaftigkeit zähmt, steigert die Kultur die Nachhaltigkeit des Genusses.
    Ich muss mal wieder Tweed tragen.

    Comment by Horst Appelhagen — 15. Januar 2010 @ 09:53

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