Neue Sentenzen, 1. Reihe

Einfach einen Schnips in die Luft machen und der Kaffee ist da, das Essen ist fertig, die Tür geht auf oder man ist in einem anderen Land oder der Freund steht im Zimmer. Zaubern kön­nen: Ein Kinderwunsch. Ein Kind wünscht sich das, weil es von Weltmächtigkeit ausge­schlossen ist. Aber sollte der Erwachsene sich das auch wünschen? Wir können es ein biß­chen: Unsere Technik ist ein kleiner Zauberer. Aber was wir bei unserem naiven Wunsch ver­gessen: Bemühung, Arbeit, Anstren­gung um eine Sache ist Teil der Erfüllung. Wenn jeder meiner Wünsche auf einen Schnips hin Er­füllung fände, wäre das die Hölle. Ich hätte keinen Weg mehr. Keinen Weg, den Kaffee oder das Es­sen liebevoll zuzubereiten, keinen Weg, die Reise zu planen, keinen Weg zum Freund oder zur Freundin. Das Leben ist lebendig im Weg, nicht erst am Ziel. Wenn ich zaubern könnte, wäre mein einziger Wunsch, dass mir diese Fähigkeit wieder genommen würde. Wie also mit der Technik um­gehen, deren einziges Agens ist: Zaubern, Zaubern, Zaubern?

Kultur als Fluchtkultur, als Kultur des Machens und des Immer-Neuen. Unser Problem: Wir können nicht verweilen und darum auch nicht wohnen. Denn eh wir im Haus wohnen können, wenn wir es denn wollen, müssen wir „dichterisch“ gewohnt haben und also fähig sein, uns in der Dauer einzu­richten, müssen wir ein Verhältnis zur Dauer haben. Aber da wir das nicht vermögen oder wir davon abgelenkt werden, leben wir in der ständigen Umwälzung unserer Alltagsverhältnisse, sind wir aus­gesetzt an jedes Spektakel. Über die Dispositive der Macht erreichen uns die Nachrichten und Be­fehle der Wirrnis in immer kleineren Intervallen. Unser Haus, unser Wohnraum, ist nur noch Funkti­onsraum, ist Wirrnis. Darin sind wir zwangsläufig besitzlos. Nur eines gehört uns, und das auch nur scheinbar: Das Dispositiv, womit wir die Befehle empfangen. Darum pressen wir es ans Herz.

Die technische Welt als gnosisierende muss zwangsläufig in die klinische, aseptische münden. Für die aseptische Welt sind Viren die größte Bedrohung, mehr noch als Krieg oder Naturka­tastrophen. Viren können unseren hygienischen Zaun überspringen. Folglich müssen wir jede Kontaktfläche und damit Nähe meiden. Anders könnten wir uns infizieren und also fremdbe­stimmt werden. Unser Auto war doch innen so schön sauber, die Hände haben wir stets desin­fiziert, die Wäsche und das Geschirr mit zahlreichen Waschmittelzusätzen gewaschen. Und doch sollte uns der aseptische, von Fremdstoffen freie Raum nicht gelingen? Das Aseptismus-Syndrom … Wir haben lange dafür gear­beitet, endlich Atemmasken wie die Japaner tragen zu dürfen. Aber gibt es ein Leben, wenn wir die Gefahr aussperren, oder wird nicht vielmehr dann die Angst das Leben?

Die Umkehrung des Zu-Verantwortenden gegen den Verantwortlichen durch den Verantwortungsn­ehmer … Oder wie das Feigenblatt der Humanität zur Tyrannei wird. Ein Beispiel: Den Kranken­häusern ist aus irgendeinem Grund der Gips ausgegangen. Darum darf sich niemand mehr Arm oder Bein brechen. Man könne diese Patienten ja nicht behandeln und würde so an seinem humanen Ide­al schuldig werden. Also verbietet der Gesetzgeber im Umkehrschluss alle Sportarten, wo es ver­mehrt zu Arm- und Beinbrüchen kommt. Oder Gesundheitsämter sind wegen akuten Personalman­gels nicht in der Lage, von Läusen befallende Kinder formell zu erfassen. Also werden allen Kin­dern Kontaktbeschränkungen auferlegt, statt dass das Per­sonal aufgestockt wird. Derartige Umkeh­rungen sind auch ein beliebtes Mittel – hier nicht aus vorgeblichen humanitären, sondern pekunären Gründen – von Versicherungen. Sich für eine Leistung bezahlen lassen und dann derart auf den Ge­setzgeber einwirken, dass der Schadens­fall gar nicht eintreten kann. Ein Schadensfall verhindern wird als löblich empfunden und ist darum leicht durchsetzbar. Das erste Beispiel ist eine Perversion der humanen Idee. Das zwei­te ist Betrug. In beiden Fällen sind luzide Logiken der doppelten Ver­neinung am Werk, schwer zu durchschauen, aber stets mit der Beschneidung der Freiheit endend, das Verspre­chen der Freiheit im Munde führend.

In welchen Zugzwang bringt sich der Mensch durch seine Erfindungen und Vorstellungen? Die Er­findung folgt der Vorstellung, und der Erfindung folgt, abgesichert in der Vorstellung, der Zwang zur Verwirklichung. So resultiert aus der Vorstellung der Globalität z.B. die Erfin­dung des Fluggeräts und der Telekommunikation, und diese Erfindungen nähren wiederum die Vorstellung. So folgt der Vorstellung vom homo sapiens als erst durch Bildung vollendba­rem Wesen seine Optimierung. Die Optimierung wird Idee und Forderung, während der Man­gel Realität bleibt und Schulderfahrung präliminiert. Die Vorstellung von der Gleichheit der Menschen rückt von seiner moralischen Wurzel weg zur äußerlich technischen Behand­lung, die sich auf alle Menschen erstreckt. Die Welt wird homogen gemacht und der reibungs­lose Verkehr in ihr durch Technik ermöglicht. Die Optimierung des Menschen wird eine tech­nische, eine transhumane. Nicht seine Sittlichkeit muss gehoben, sondern die Mängel seines Körpers müssen behoben werden. Dieser Körper wird durch Maschinen ergänzt, wird im Sinn der Fürsorge überwacht. Da aber die Sittlichkeit nicht mitwächst, vielmehr verkümmert, der Mensch aber im nunmehr globalen Verkehr nicht mehr das Vertrauen eines Dorfes, einer Ge­meinschaft genießt, wo man ihn kennt, braucht es Zeichen, woran man ihn erkennt. Er braucht einen Identitätsnachweis. Weil das zwischenmenschliche Vertrauen im globalen Verkehr mehr und mehr verlernt wird, muss der Identitätsnachweis immer genauer und umfassender werden. Die Arbeit und die Versorgung geschehen nicht vor Ort, sondern global als Fernarbeit und Fernversorgung. Darum weiß man nicht, was die Bedürfnisse des Einzelnen sind. Da aber in Massen produziert wird, muss das Verhalten des Menschen, wozu auch seine Bedürfnisse gehören, gekannt sein. Der Bäcker im Dorf weiß aus dem Kontakt mit seinem Kunden, welches Brot und welchen Kuchen dieser bevorzugt. Das globale Unternehmen kann das nur über anonyme Ausforschung ermitteln. So kommt es zur doppelten Überwachung: Zur Feststellung der Identität und zur Auslesung des Verhaltens. Keiner muss noch Vertrauen leisten, noch gibt’s eine Güterversorgung, der gegenüber Dank zu bezeigen möglich wäre. Die Technik ist unser Schicksal im Verein mit unserem Vorstellungsmodell der Gleichheit, eines Körpers ohne Mangel und weltumfassenden Verwaltungsorganisation zur Erreichung dieser Optimierungen. Kraft solcher Vorstellungen steht und fällt eine Welt, die in Wahrheit nur ein Kartenhaus ist, auch wenn sie aus Stahlbeton gebaut und in Fels gehauen ist.

Wir leben in einer Rundum-Kultur des Machenschaftlichen. Dieses Machenschaftliche hat der Posi­tivismus im Verein mit Kapitalismus und Technologie zum Totalitarismus ausgebaut, zu­gespitzt, op­timiert. Deutliches Indiz für das Machenschaftliche: Der Mensch darf nicht sein, nur noch das Hu­mane und schließlich das Transhumane. Im Transhumanen sind wir Funktion und Adresse des Ma­chenschaftlichen. Dieses ist ein allesfressender Objektivismus, ein Totali­tarismus des Machens. Wir leben nach dem Rhythmus der Maschinen, diese nicht nach dem Rhythmus des Menschen. Welt und Mensch werden befreit von den Keimen der Armut, der Krankheit, des Schmutzes, eingepflanzt in den Horizont des Klinischen und Prothetischen. Und wo ist der Ausgang? Gibt es einen? Das ganze Projekt des Machenschaftlichen zu unter­laufen, nicht zu glauben, dass die Welt einen errechenbaren Sinn haben, der Mensch vermes­sen werden könnte. Die Maschinen den Gezeiten des Menschlichen unterwerfen. Die Maschi­nen ausstellen, statt den Menschen in die Schichtarbeit einbestellen. Den Tee nicht aufgießen, wenn das Wasser kocht, sondern wenn seine Zeit ist. Wann ist die Zeit des Menschen? Im­mer. Aber diese ist täglich neu zu bestimmen und gegen die schnappatmende Zeit des Ma­chenschaftlichen durchzusetzen.

Um mit einer Sache, einem Ding vertraut zu werden, muss es mir gehören. Muss ich mich ihm hin­geben und es muss sich mir hingeben können. So entsteht Vertrautheit im Dasein. Ge­nau diese Hin­gabe unterläuft ein Wirtschaftssystem, darin es kein Eigentum an den Sachen mehr gibt, sondern al­les auf Leihbasis gestellt ist. „Gekauft“ heißt jetzt „Geliehen“. Wir werden fremd in der Welt, wer­den geschwächt. Wir verlieren die Kraft zum Widerstand.

Warum gibt es Krieg oder „hundert Mann und ein Befehl und ein Weg, den keiner will“? Dennoch gehen wir ihn. Ein Grund, warum die Bevölkerung mitmacht, ist der Überdruss, die Langeweile. Das in tiefgreifender Feigheit vor dem Leben sich hinschleppende Gros der Men­schen fühlt Mut für den Hass, den Krieg, aber nicht für das Leben. Im Krieg verlieren alle bis auf jene, die die Beute unter sich aufteilen. Und diese nehmen nicht teil am Krieg. Sie betrei­ben die Propaganda, reißen den nach Zugehörigkeit lechzenden unmündigen schlafenden Bür­ger hinein in die Zockerei. Ohne ihn wäre kein Krieg möglich. „Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin.“ Aber sie gehen hin, glauben an das projizierte Feindbild. Sie glauben es, weil ihre Unmündigkeit, Schlafmützigkeit und Feigheit Weisungsabhängigkeit bedeutet. Sie ersehnen den Befehl. „Es ist ehrenvoll, das Land zu verteidigen“, lassen sie sich einreden. Gäbe es keine Uniform, wüssten sie gar nicht, wer der Feind ist. Aber wer wird zum Feind aufgebauscht? Der Bürger des anderen Beute-Regimes, der von der anderen Elite durch Propaganda Losgehetzte. Auch dieser weiß nicht, was er tut. Im Krieg ist nie die Bevölkerung der Sieger, selbst nicht, wenn ihre Seite gesiegt hat. Die Bevölkerung sieht nur zer­störte Familien, Häuser, verwüstete Landstriche, Millionen Tote. Und folgen nicht aus jedem Krieg neue ungerechte Regelungen, woran sich der nächste Krieg entzündet? „Der Herr gibt deinen Gren­zen Frieden“, heißt es im Psalm. Ein Verbleiben in den Grenzen. Das ist spannend genug, ist eine täglich neue Aufgabe. Der Elite, den Regierungen, den Räuberbanden den Wind aus den Segeln nehmen. Krieg ist keine Naturkatastrophe, aber er wirkt wie eine. Kriegstreiber ist, wer die Gren­zen, denen man zugestimmt hat, propagandistisch und beuteorientiert verletzt oder wer den andern in die Enge treibt. Neu entstandene ungerechte Grenzverschiebungen oder ein provozierendes und bedrohliches Bündnisungleichwicht müssen durch Verhandlungen und ein Schiedsgericht beseitigt werden. Aber darüber lacht die Räuberbande. Wer soll dieses Schiedsgericht sein? Ein solches müsste über exekutive Gewalt verfügen  Die Räuberbande ist auf Raub fixiert. Nur eines kann sie bremsen: Sie ruft „Krieg“, aber keiner geht hin. 

Zum totalitären Geist gehört der Wille zur Ausschließung bzw. zur Selbsterhöhung. Dieser Geist muss irgendetwas an den Haaren herbeiziehen, was angeblich einen Unterschied macht: Rasse, Hautfarbe, Impfung. Die Unterscheidungen sind gern biologisch begründet, denn sol­che sind unab­änderlich. Und wenn biologische nicht aufzurichten sind, müssen ideologische herhalten. Am besten man vermischt beide.

Der Überdruss und der damit verbundene Sinnverlust sehnt sich nach Zerstörung, nach Krieg. Lie­ber Totsein als Leben in der Sinnleere. Zerstörung wird ein letzter Sinn. Was aber schafft freudigen, erbauenden Sinn? Das Wagnis in die Lebensgefahr, die nicht Krieg ist, ins Fest, in die Unterneh­mung, ins Abenteuer. Jeder kann sein Überdruss-Gefängnis verlassen. Aber dafür braucht er die Er­fahrung von Rest-Sinn. Das Leben in der Feigheit pulverisiert den Sinn. Es ist die Feigheit, die Krieg will.

Unsere technischen Erfindungen verfolgen immer das gleiche Ziel: Die Schwerkraft überwin­den. Ist die Schwerkraft das, worunter wir am meisten leiden? Nein, sie ist eher ein Unbeha­gen, eine Unbe­quemlichkeit. Wir leiden an unserer Art des Umgangs mit ihr, an unserem Re­agieren auf sie. Wenn mir statt zu fahren zu fliegen gelingt, dann hab ich zwar eine Entfer­nung zeitlich verkleinert, aber sofort hängt sich mein inneres Raum-Zeit-Verhältnis an die neue Möglichkeit. Jetzt will ich nicht mehr nach Amerika, sondern zum Mond oder zum Mars. Mit jeder überwundenen Schwerkraft macht mein Raum-Zeit-Verhältnis eine neue Rechnung auf. Es ist ein Schattenboxen ohne Ende. Unsere Siege sind vorläufig. In ihrem Ge­folge baut sich die altbekannte Niederlage anders wieder auf. Aber woran leiden wir, wenn es nicht eigentlich die Schwerkraft ist? Wir leiden an der Multi­plikation der irrigen Mittel, die die physische Schwerkraft, anstatt sie zu verkleinern, vergrößern zur Sprachlosigkeit, zur Nicht-Kommunizierbarkeit, leiden daran, dass die Schwerkraft durch uns nicht in Spiel und Fest, in Schönheit verwandelt wird, sondern in Arbeit, Mühe, Betäubung, Leere. 

Aber mehr noch als am irrigen Zugriff auf Welt leiden wir am charakterlichen Mangel, unse­rer in­neren Unfreiheit und Unaufrichtigkeit, an unserem selbst-losen Eingepasstsein in eine Rede-Rolle … Leiden wir? Es leidet, wer ins Offene drängt. 

Anmerkungen: 
„Der Herr gibt deinen Grenzen Frieden“, Psalm 147,14
„Hundert Mann und ein Befehl und ein Weg, den keiner will“, Originaltitel „The Ballad of the Green Berets“, ist ein 1966 in den USA veröffentlichtes Lied, verfasst von Robin Moore, über eine Spezialeinheit der US-amerikanischen Armee. 
Der deutsche Text (Ernst Bader) ist aus Sicht des Soldaten geschrieben und stellt den Sinn des Krieges in Frage, während der englische Text eine Hymne auf die Spezialeinheit darstellt.
„Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin“, Carl August Sandburg, aus seinem Lang-Gedicht „The Peo­ple, Yes“

September 2022

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Walter Thümler
schreibt Poesie, Philosophie, Erzählprosa

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