Nautilus

Von | 27. Februar 2008

Seit vielen Jahren kreuzt die Nautilus in den Meeren. Sie ist gewunden wie eine Spirale, früher ähnelte sie einer spitzen Zigarre. Kein Hafen steht unter ihrem Namen, ihr Heimathafen sind die Ozeane. Wenn sie einen Hafen anläuft und wir auf Große Liege gehen, so lasse ich die Luken für Neugierige öffnen. Ich zeige ihnen das Schiff und schildere das Rätsel: die Rufe der Wale, den Liebestanz der Seepferdchen, das Gift der Nesselquallen, den aufsteigenden Wasserqualm der Schwarzen Raucher, das Verschlucken der Kontinente, die schwarze Stille der Tiefsee. Oft bleibt jemand an Bord – fast jeder in meiner Besatzung schloss sich so der Suche an. Sie wissen, dass wir nichts finden werden.

Die Nautilus erreicht den Grund der See. Dort unten wächst das Leben langsamer als ein Gebirge. Das Witjastief ist längst nicht mehr der tiefste Ort. Aber der Borstenwurm, der dort schwebte, ist vielleicht noch derselbe. Der Teil des Meeres, den ich erkundet habe, ist so klein wie ein Sandkorn gegen den Himmel, und so groß wie ein Planet gegen eine Sternschnuppe. Ich habe Ruinen gefunden, von denen ich nicht sagen kann, ob sie die Überreste von Atlantis sind oder eine Laune der Natur. Ich habe Städte gesehen, deren Bewohner ich nicht erkannte und deren Häuser ich nicht zählen konnte. Andere Städte trieben in der Strömung und hatten weder Häuser noch Straßen. Ich habe Metropolen entdeckt, von denen ich nicht weiß, ob sie Städte waren oder Wiederholungen einer einzigen Struktur. Vielleicht wächst auch die Zeit hier anders, und die Nautilus ist hier unten eine von ihrer Hülle begrenzte kausale Wirklichkeit, umgeben von komplexeren Zeitlichkeiten. Sie ist nichts weiter als ein Sonderfall in der Ganzheit. Aber das eigene Schiff zur Ausnahme zu erklären ist derselbe Fehler, wie die Erde zum Mittelpunkt der Welt zu erheben. Es ist vielleicht nur wenig besser, wenn ich unsere Wirklichkeit einen Einzelfall nenne, der von unendlich vielen weiteren Einzelfällen umgeben ist. Jeder dieser Einzelfälle ist, ich kann keine Gewissheit darüber haben, eine Welt mit eigenen Gesetzen.

Ich weiß, dass alles die Schrift ist. Die Städte sind die Schrift, das blaue Licht unter der Meeresoberfläche, die gewaltigen Seebeben, die lebensreichen Korallenriffe, die uralten Quastenflosser, auch die Nautilus. Ich kann die Schrift nicht lesen. Kein Zeichen scheint sich zu wiederholen, jeder Buchstabe ist nur einmal vorhanden. Ich habe es aufgegeben nach einer Grammatik zu suchen, nach einem Muster, nach irgendeiner Form einer Ordnung. Die ich gefunden hatte, musste ich verwerfen, letztlich war es immer meine Ordnung und nie die der Schrift. Keiner meiner plumpen Versuche war der unendlichen Mannigfaltigkeit auch nur ansatzweise angemessen. Die Schrift wandelt sich. Sie ist schneller geschrieben und wieder ausgelöscht, als ich sie verstehen kann. Ich weiß, es ist vermessen, die ganze Schrift lesen zu wollen, doch ohne dieses Ziel hat die Suche keinen Sinn. Manchmal, in Momenten höchster Konzentration, verstehe ich ein oder zwei Zeichen. Dann sehe ich einen gewaltigen zarten Klang, höre eine Farbe, dir mir noch nicht einmal in meinen Träumen begegnet ist. Ich habe hier die Wörter «sehen» und «Klang», «hören» und «Farbe» benutzt, aber ich weiß, dass keines dieser Worte das Verstehen der Schrift beschreibt. Wenn ich sage, dass die Schrift klingt wie eine klackende Tastatur, und dieser Gedanke kam mir, leider, dann begehe ich wieder den alten Fehler. Es gibt keine geeignete Methode, mein kurzes Verstehen mitzuteilen, weil die gemeinsame Erfahrung fehlt, die die Voraussetzung allen Verstehens ist.

Selten habe ich Gelegenheit, die Schrift zu studieren. Kaum eine Woche vergeht, in der nicht irgendein Gerät sich für eine Aufgabe schlecht geeignet zeigt oder ausfällt. Entweder lasse ich es reparieren, auswechseln, oder ich konstruiere es ganz neu. Es ist nicht einfach, etwas an der Nautilus zu verändern, selbst wenn es nur eine Schraube ist. Jede Verbesserung hat Auswirkungen auf die Balance des Systems und zieht weitere Änderungen nach sich. Ich muss versuchen, alle möglichen Folgen eines noch so kleinen Umbaus bereits vorher abzuschätzen. Jede Änderung kann sich leicht zu einer Gefahr für die Nautilus entwickeln. Einmal ausgeführt, ist es fast unmöglich eine Änderung wieder zurückzunehmen. Ich habe schon erwähnt, dass die Nautilus früher die Form einer spitzen Zigarre hatte. Damals schien es mir wichtig, möglichst schnell durch das Wasser zu stoßen. Später war mir anderes bedeutsam, darum windet sie sich heute über meinem Panoramafenster. Um die neuen Probleme zu lösen, arbeite ich an einer neuen Form, vielleicht wird die Nautilus in den nächsten Jahren zu einem Dodekaeder. Betrachte ich die Entwicklung der Nautilus über die Jahrzehnte, so muss ich zugeben, dass es keine neuen Teile auf der Nautilus gibt. Was früher der Bug war, ist jetzt das Heck. Mit dem begrenzten Material schaffe ich die Nautilus, die ich gerade brauche. Ich träume von einem vollkommenen Schiff, das alle bekannten und noch unbekannten Anforderungen erfüllt. Aber ich weiß, dass ich bis zum Ende meiner Tage auf die Nautilus angewiesen bin.

Kategorie: Trauersymmetrie

Über Patrick Beck

geb. 1975 in Zwickau, lebt nach Aufenthalten in Leipzig, Speyer und London in Dresden. Erzählungen, Essay und Dramatik u.a. in den Zeitschriften „randlos“, „Der Maulkorb“, „Die Brücke“ und „Ostragehege“ sowie am Staatsschauspiel Dresden. Swantegard (Hörspiel), ERATA 2008.

Ein Gedanke zu „Nautilus

  1. yorrick stinktier mit den rosa eselsohren

    Wunderschöner Text; das Graffiti am Haus gegenüber ist hier schon länger sichtbar als ich – es lautet (sinngemäß): „Käptn Nemo Wofür leb?t du“

    Bin seit heute morgen glücklich, und es will einfach nicht nachlassen!

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