Parabeln auf die Pandemie 10: Das Ministerium für Gesundheitssicherheit

Von | 28. März 2021

Ottmar Spieler, der Direktor des bedeutenden Reinhold-Bäcker-Instituts, das nicht nur eine wissenschaftliche Größe, sondern in erster Linie eine staatliche Oberinstanz darstellte, hatte einen Glückstag: Die Große Vorsitzende ernannte ihn kurz vor ihrer Pensionierung zum Minister. Es war nicht irgendein Ressort, dem der ehemalige Ameisenforscher nun vorstand, es war die Schaltzentrale des Neuen Normstaates (NNS) schlechthin: das Ministerium für Gesundheitssicherheit (MfGS), im Volksmund Gesi genannt. Galten in der Demo­kratischen Republik (DR), die dem NNS vorausging, noch Wirtschafts-, Finanz- und Ver­tei­digungsministerium als entscheidende Posten der öffentlichen Verwaltung, so vereinte die Gesi den Zentralisierten Verfassungs­schutz (ZVS) mit dem Allgemeinen Fürsorgefond (AFF). Das MfGS war eine neuartige Organisation: Es speiste sich nicht von Steuergeldern, sondern war eine, wie es hieß „public-private-partnership“ – achtzig Prozent seiner Gelder bezog es von Firmen, die am Pillendrehen verdienten, die übrigen zwanzig Prozent kamen von den Bürgern, die von Geburt an monatlich eine Gesundheitsgebühr (GG) an den AFF zu entrichten hatten. Das Erkennungszeichen des MfGS bestand aus einem roten Kreuz, dessen Arme in der Mitte von einen dünnen Kreis gehalten wurde. Auf diese Weise symbolierte es sowohl medizinische Hilfe als auch die Präzision eines Scharfschützen. „Ich schütze euch doch alle!“, wurde Ottmar Spieler auf Transparenten und Werbeplakaten zitiert, ein Bonmot, das er anläßlich seiner Ernennung im kleinen Kreis der Ministerriege hatte fallen lassen, das in Kürze aber nach außen gedrungen war und jedermann aus dem Herzen sprach. Keiner wußte, daß dieser Gruß an die Ministerkollegen ein Vorbote des künftigen Ruhmes und Erfolges des Hauses von Ottmar Spieler war: indem er die anderen Minister mit der Pillenschluckverordnung und der Fiebermeßanweisung in persönliche Haftung nahm – nur wer zu 100% gesund war, durfte sich seines Amtes weiter erfreuen – schon der Hauch eines Schnupfens stellte einen Skandal dar, dem die Presse mit Rücktrittsforderungen wegen Asozial-unsolidarischen Verhaltens (AUV) Nachdruck verlieh. Bereits nach sechs Monaten hatte Ottmar Spieler aufgeräumt: Sämtliche Ministerkollegen, die ihm hätten ge­fährlich werden können, waren im Zuge der Sommergrippe zu unzuverlässigen Elementen erklärt und aus dem Amt entlassen worden. Die Nachfolger entpuppten sich als willfährige Marionetten, die Ottmar Spieler gern im Hintergrund die Strippen ziehen ließen, während sie nach außen hin weiterhin eine Art „Demokratie“ sym­bo­lisierten.

Die erste Amtshandlung des mächtigen Gesundheitssicherheitsministers war die Einfüh­rung der Elektronischen Identitätskarte (EIK): auf ihr waren nicht nur sämtliche Fieber­meßwerte und Pillenschluckaktionen gespeichert, die dem Einzelnen als Bürger von Kindesbeinen an ein unverwechselbares Profil verliehen, das man in Anlehnung an frühere Methoden der Forensik den Gesundheitlichen Fingerabdruck (GFA) nannte. Vor allem enthielt die EIK die Höhe der monatlichen Beiträge für den AFF, die der Bürger seit seiner Geburt geleistet hatte und die seinen indivduellen Be­we­gungsspielraum entsprechend der aktuell gültigen Quarantäne-Regularien (QR) definierte. Im Volksmund war in Anlehnung an eine altmodische IT-Technik von QR-Code die Rede, auch wenn diese an abstrakte Kunst erinnernde Schwarzweißgraphik heutzutage für die EIK keine Rolle mehr spielte. Die Technik war soweit fort­geschritten, daß der einzelne Bürger seine elektronische Identitätskarte als UV-Lackierung für das menschliche Auge unsichtbar auf der Stirn trug. Die all­gegen­wärtigen Gesundheitsscanner konnten an jeder Straßenecke den individuellen QR-Code von der Stirn lesen. Sobald sich ein Fußgänger über seinen persönlichen Bannkreis hinaus bewegte, wurde die automatisierte Kontaktverfolgung aktiviert.

Auf der untersten Stufe wurde die QR-Überschreitung nur registriert, beispielsweise wenn der betreffende Bürger, im Behördenjargon „Bagatellisierer“ genannt, statt das ge­neh­migte Fitnessstudio fünzig Meter weiter das be­nach­barte Kino besuchte. Hier saß jeder Gast in seiner eigenen Plexiglasbox, auf deren Wände ihm der gewünschte Film in 5D-Technik projiziert wurde – für die Gesund­heits­sicherheit ein geringfügiges Risiko. Schwerwiegender waren schon illegale Besuche des örtlichen Stadions: Hier waren im Zuge der Großen Gesundheits­sicherheitsreform vor Jahren schon allgemeine Abstandsregeln eingeführt worden. Wo sich in früherer Zeit noch 40’000 Zuschauer johlend und grölend dicht aneinander drängten, waren jetzt noch knapp 4000 Zuschauer zugelassen, die im Abstand von 12 Metern ein Einzelsegment für sich beanspruchten. Wie Gesundheitsforscher in aufopferungsvollen Detailstudien herausgefunden hatten, stellte der Mindestabstand in den Stadien aufgrund der beim Grölen ausgestoßenen Aerosole immerhin ein moderates Risiko dar, sich mit dem Schnupfen seines Nachbarn anzustecken, der sich ein Segment weiter, also im Abstand von 24 Metern befand. Wurde die automatisierte Kontaktverfolgung in der Anfangszeit durch die Gesundheitspolizei vollzogen, die dem „Regelverletzer“ unauffällig folgte, so sorgte der umtriebige und hemds­ärmelige Ottmar Spieler mit seiner ruhigen und zurückhaltenden Art dafür, daß die funktionslos gewordenen Überwachungskameras, die bereits in der Zeit der Demo­kratischen Republik installiert worden waren, die Aufgaben der Kon­takt­ver­folgung übernahmen. In die folgenschwerste Kategorie fielen schließlich die „Grenz­verletzer“. Sie überschritten die Grenzen des ihnen zugewiesenen Landkreises, in dem sie sich auf­zuhalten hatten. An den Landkreisgrenzen wurde permanent der aktuelle Fieber­meßwert und Pillenschluckstatus kontrolliert. Lediglich triftige Gründe, die im UV-Lack auf der Stirn eingebrannt waren, legitimierten den Grenzübertritt zum benachbarten Landkreis: zum Beispiel wenn die Oma im Krankenhaus lag oder verstorben war. Der Besuch des enteigneten Gartengrundstücks oder gar eines ehemaligen Spaßbades – beides war im Zuge der Großen Gesundheitsreform liquidiert worden – gehörte zum von der Gesi besonders hartnäckig verfolgten Asozial-Unsolidarischen Verhalten. Ottmar sorgte, kaum drei Monate im Amt, dafür, daß derartige Grenzverletzer un­mittelbar an der Landkreisgrenze mit einem blitzartigen Elektroschock ins Ohr an die geltenden Schutzregeln erinnert wurden. Die Gesundheitspolizei trug daher einen Blitz als Erkennungszeichen auf dem Kragenspiegel.

Einen bemerkenswerten Karrieresprung verdankte Ottmar Spieler dem kleinen Hans. Er nannte ihn fortan „mein Hans im Glück“, obwohl er ihn nie persönlich kennengelernt, sondern nur dank der informellen Gesi-Mitarbeiter von ihm erfahren hatte. In Wirklichkeit war der kleine Hans ein Hans im Unglück. Sein schwarzer Tag begann damit, daß er während der ritualisierten Fiebermessung in der ersten Unterrichtsstunde niesen mußte. „Niesen“ – ein modernes Kind, ein Kind unserer Zeit, in der Gesundheitssicherheit groß geschrieben wird – weiß gar nicht, wie man dieses Wort buchstabiert. Welch eine animalische Verhaltensweise! Mit ihr kündigte sich beim kleinen Hans der Abtrünnige verräterische Charakter (AVC) an. In zahllosen Fortbildungen waren die Lehrer und Erzieher geschult worden, diese Subjekte bereits im Frühstadium zu erkennen und auszusondern. Dafür war das altehrwürdige Institut der „Sonderschule“ wiedereröffnet worden. Der kleine Hans offenbarte sich also durch spontanes Niesen während der morgendlichen Fieber­messung als unzuverlässiges und verräterisches Element. Offenbar hatten ihn seine Eltern trotz erkennbarer Erkältungssymptome ins Lernkollektiv geschickt, damit er seine Parasiten und Krankheitserreger dort fröhlich weiterverbreite – ein klarer Fall für die Gesi. Der arme kleine Hans wurde nach dem dritten Nieser, nachdem die ganze Klasse entsetzt aufgesprungen war und mit dem Finger auf ihn gezeigt hatte, sofort in die Sonderschule gebracht, wo er eine zweiwöchige Quarantäne bei Wasser und Brot absolvieren mußte. Die Gesi-Fahnder fanden heraus, daß die Eltern des kleinen Hans aus zwei verschiedenen Landkreisen stammten – sie hatten sich illegal getroffen, kennengelernt und ihre genetischen Codes in völlig unverantwortlicher Weise miteinander verschmolzen. Kein Wunder, daß der kleine Hans derart aus dem Rahmen fiel.

Für Ottmar Spieler war dieser skandalöse Zwischenfall ein großes Glück: Er konnte seine Behörde zum Internationalen Ministerium für Gesundheitssicherheit (IMfGS) ausbauen. Sogleich wurde er von der Weltgesundheitssicherheitsverwaltung als Internationaler Minister (IM) bestätigt. Kraft seiner neuen Befugnisse konnte er nun Grenzüberschreitungen zwischen den Landkreisen wirksamer bekämpfen als je zuvor: Fiebermessungen, die in Landkreis A vorgenommen wurden, wurden in Landkreis B fortan als ungültig angesehen. Der Pillenschluckstatus, den ein Bürger in Landkreis A erworben hatte, galt in Landkreis B nichts.Entsprechend erloschen die elektronischen Identitätsbefugnisse beim Übertritt in den benachbarten Landkreis und konnten nur durch eine langwierig bürokratische An­er­ken­nungs­prozedur (LBAP) übertragen werden. Pendler, die berufsmäßig den Landkreis wechselten, wurden von dieser neuen Regelung ausgenommen. Alle privaten Land­kreis­grenzverletzer verloren fortan ihren Bewegungsspielraum. Und Ottmar Spieler feierte seinen größten Triumph. Der Neue Normstaat aber war noch sicherer geworden.

Kategorie: Panphobie

Über Viktor Kalinke

geb. in Jena, Studium der Psychologie und Mathematik in Dresden, Leipzig und Beijing, Kreativitäts-Preis der Hans-Sauer-Stiftung, Mitbegründer der Edition + Galerie Erata, Promotion, Professur, lebt in Leipzig.

9 Gedanken zu „Parabeln auf die Pandemie 10: Das Ministerium für Gesundheitssicherheit

  1. Genrefragen

    Also beim ersten Lesen dachte ich, dass sei science fiction. Beim zweiten Lesen hielt ich es für so ’ne Dystopie, wie sie gerade Mode sind. Beim dritten Lesen finde ich, ist es Gegenwartsliteratur.

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  2. Was ist nur aus uns geworden...

    Ist das nur eine Mode, welche bald wieder vergeht?
    Oder sind es Ansichten, die immer weiter in unseren Geist sickern und sich dort verfestigen?

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  3. Erinnerung

    Nutzen wir die Gelegenheit, um an den guten alten Kurt Gödel zu erinnern. Wir schreiben den 5. Dezember 1947, Kurt Gödel wird bei der Einbürgerungsanhörung von einem Richter geprüft.

    „Nun, Mister Gödel, wo kommen Sie her?“
    „Wo ich herkomme? Österreich.“
    „Was für eine Regierung hatten sie in Österreich?“
    „Es war eine Republik, doch die Verfassung war so, dass sie in eine Diktatur verwandelt wurde.“
    „Oh, das ist schlecht. Das kann in diesem Land nicht passieren.“
    „Aber ja. Ich kann es beweisen.“ (Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Zahlen-bitte-Goedel-und-der-US-Verfassungszusatz-Nummer-5-4710987.html, veröffentlicht am 28. 4. 2020)

    Worauf wohl Albert Einstein und Oskar Morgenstern, die beide als Zeugen anwesend waren, Gödel mit rollenden Augen zugeraunt haben: „Mensch, halt jetzt bloß die Klappe!“

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  4. Genie

    Gödel, echt genial. Davon hat die Große Vorsitzende wohl nie gehört. (Was hat sie gleich nochmal – angeblich – studiert?)

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  5. Jubiläum mit Museum

    AUD, 1976 von Joseph Beuys „geadelt“

    (Pol. Abk.verz. 010)

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  6. Analyst in Gemeinwohlbezug

    Was die Regierung derzeit am dringendsten bräuchte, wäre ein Ministerium für Unsicherheit.

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  7. Analyse

    So lange es Ministerien gibt, gibt es einen Souverän
    Ein Souverän ist per definitionem einer
    mit Auftrag

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