Parabeln auf die Pandemie 9: Die Kulturrevolution – ein Plädoyer

Von | 8. November 2020

Noch war der Kapitalismus nicht verloren. Zwar häuften sich die Stimmen, die be­haup­teten, das alte Gegensatzpaar – Sozialismus und Kapitalismus – sei gebrechlich geworden, habe ausgedient. Doch hinter den Kulissen bewegte sich etwas. „Vorhang auf“, rief die Große Vorsitzende, „ihr habt mich bereits abgeschrieben, doch ihr kennt meine Blaupause nicht. Im Westen geboren, bin ich ein Kind des Ostens – dort habe ich siegen gelernt. Ein langer Marsch mit verheerenden Verlusten kann die Gegner vergessen machen, daß es mich überhaupt noch gibt. Ihr wißt, daß ich lieber im Hintergrund die Strippen ziehe. Die Schauspielerkunst ist mein Handwerk nicht. Im Gegenteil, laßt mich still die Zahlen studieren und ich sage euch die Zukunft voraus. Eine Wahrsagerin bin ich, ausgestattet mit allen prophetischen Fähigkeiten, die von der Wissenschaft für regelrechte Prognosen bereitgestellt werden. Folgt mir, ich zeige euch den Weg. Den Weg durchs Dunkel, durch den Sozialismus hindurch zu einer höheren und vollkommeneren Stufe des Kapitalismus. Eines Kapitalismus, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat!“

Die Große Vorsitzende hielt bedeutungs­schwanger inne und blickte sich um. Aus Gesundheitsgründen hatte sie nur eine Handvoll Vertraute um sich geschart, die erwartungsgemäß nickten. Sie wußte, daß das Volk in seine Endgeräte glotzte und ihren Worten lauschte.

„Ihr seht“, fuhr sie fort, „daß in den Verschwörerstaaten eine unzureichende Wahrsagepraxis vorherrscht. Manche behaupten, daß es auf der Welt gar kein Gesundheitsproblem gebe. Ich werde euch beweisen, daß es möglich ist, auf der Gesund­heitswelle reitend, die Gesellschaft auf eine höhere Stufe zu katapultieren: Man nehme eine mittelschwere Krankheit, die es erlaubt, hier und da furcht­ein­flößende Bilder von elend röchelnden Patienten zu produzieren und zu verbreiten. Nun wird die anhaltende Angst genutzt, um die Bewegungs- und Berufsfreiheit der Bürger an gewinnbringende Arbeit zu binden. Schuften und fressen – das ist die Moral, die zählt. Orchideenberufe, die bloß der individuellen Selbst­ver­wirklichung dienen, Berufe der Eitelkeit, die auf Ruhm statt auf Profit ausgerichtet sind, werden per Dekret verboten. Schlagzeuger zu Tiefbauarbeitern, mit dem Preßlufthammer in der Hand! Maler zu Malern und Lackierern, mit der Sprühflasche an den Autos der Zukunft in sauberen Fabriken! Dichter zu Klempnern, sie haben gelernt, Dichtungen abzudichten!“

Die Große Vorsitzende blickte sich mit strahlenden Augen um, bevor sie fortfuhr: „Ihr werdet sehen, wie in kürzester Zeit alle künst­lerischen Aktivitäten ihren künst­lichen, für den menschlichen Fortschritt kom­plett über­flüssigen, kurz gesagt, faulen, parasitären und absterbenden Charakter offenbaren. Ja, ich gestehe“, schob die Große Vorsitzende mit gedämpfter Stimme ein, „diese Idee ist nicht ganz neu. Meine Vorgänger im Amt haben sich daran mit mehr oder weniger rühmlichem Erfolg bereits ausprobiert. Heute rufen wir die Kulturrevolution mit entgegengesetztem Vorzeichen aus! Wenn all die Tänzer, Sänger, Musiker und ihre Erfüllungsgehilfen aus dem Backstagebereich wieder der wirklich systemrelevanten Produktion zugeführt werden, dann spart das nicht nur Millionen im Staatshaushalt ein, der Staat verdient sogar an höheren Einkommenssteuern. Das Volk wird sein Gehalt nicht mehr wie in der Phase des »blühenden Kapi­talismus« an Luxusgüter, Schminke, Mode und spontane Wochenendreisen quer über den Globus verplempern, sondern sich mit Wattejacken, Blaumännern und Kernseife zufrieden geben. Die neue Phase der gesellschaftlichen Entwicklung, nennen wir sie den »hochkonzentrierten Kapitalismus« kann sich auf eine überschaubare und damit in engstem Austausch mit der Politik auch handlungsfähige Elite stützen, der 99.99% des gesamten  ver­wert­baren Eigentums auf dem Planeten gehört. Nachdem der sogenannte Mittelstand, der sich im sogenannten »blühenden Kapitalismus« noch als Rückgrat der Gesellschaft wähnte, in Wirklichkeit aber lediglich Vorteile aus einer ihm wohlgesonnenen Steuergesetzgebung gezogen hatte, nun mit Hilfe unserer unmißverständlichen, der Gesundheit und damit dem Volkswohl dienenden Dekrete zur Aufgabe seiner Geschäftstätigkeit und damit als Wirtschaftssubjekt un­wider­ruflich liquidiert wurde, gerät die Entscheidungsbefugnis über sämtliche wirt­schaftlichen Fragen automatisch in die Hände der hochkonzentrierten Elite.“

Die Große Vorsitzende legte eine kurze Pause ein. „Sie werden Verständnis dafür haben“, flüsterte sie, „daß ich Ihnen keine Namen nennen kann.“ Wieder eine wohldosierte Pause von ein paar Bruchteilen einer Sekunde. „Doch Sie sind frei, noch sind Sie frei, selbst zu denken“, fügte sie schmunzelnd hinzu.

„Die Abschaffung der kleinbürgerlichen Gier, die uns auf diesem Wege für alle Zeiten gelingt, wird in den ersten Monaten durch großzügige soziale Maß­nahmen abgefedert. Zunächst erhalten die bankrotten Mittelständler einen Verdienstausfall. In dieser Zeit sind sie angehalten, sich nach abhängigen Beschäftigungen in den exponentiell wachsenden Elitefirmen umzuschauen. Gelingt ihnen dies nicht, werden wir sie dauerhaft staatlich alimentieren – Lenin und Genossen würden sich wundern über derart humanistische Regungen. Wir haben aus der Geschichte gelernt. Niemand soll uns vorwerfen, wir seien Extremisten. Nein, wir nutzen den Sozialismus gezielt als historisches Interregnum, um eine höhere Konzentration des Kapitals zu erreichen: Kapitalismus durch Sozialismus!, lautet die Devise. Sie fragen, was hat dieser, wissenschaftlich begründete, ökonomische Wandlungsprozeß mit der Verkündung der Kulturrevolution zu tun?“

An dieser Stelle hob die Große Vorsitzende belehrend den Zeigefinger: „Vielleicht erinnern Sie sich an den Spruch: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Früher fühlten wir uns – ich meine mich und meine Partei –  dieser Botschaft ver­pflichtet. Wenn wir jetzt verlangen, daß sich die Bevölkerung in breiten Kreisen auf die Dualität von Schuften und Fressen einschränkt und aufhört, ihre wertvolle Arbeitszeit durch Besuche in Theatern, Museen, gar Opern und Ballett­häu­sern zu vergeuden, brauchen wir Stille. Ich meine Stille in den Köpfen. Es darf einfach keine querulatorischen Spinner mehr geben, die mit Phantasie und Satire an die ver­flosse­nen Zeiten des »blühenden Kapitalismus« erinnern. Die Kulturrevolution ist die notwendige Begleitmusik für die Geburt der neuen, hochkonzentriert-kapitalistischen Gesell­schaft. Konkret gesagt genügt es, wenn wir vier staatlich genehmigte Opern in ausgewählten Häusern spielen. Titel wie Mit der Maske Berge erklimmen, Der Sieg des Abstandsgebotes in den Kindergärten, Die Schönheit geimpfter Körper und Die sieben Prinzipien der Freiwilligen Unterwerfung erscheinen nicht nur geeignet, sondern auch hinreichend, um die Bevölkerung im niemals endenden Kampf um die Gesundheit bei Laune zu halten. Atmet tief!“

Mit diesen Worten verabschiedete sich die Große Vorsitzende, verbeugte sich vor dem eingebildeten Publikum und lächelte ein letztes Mal in die Kamera.

Kategorie: Panphobie

Über Viktor Kalinke

geb. in Jena, Studium der Psychologie und Mathematik in Dresden, Leipzig und Beijing, Kreativitäts-Preis der Hans-Sauer-Stiftung, Mitbegründer der Edition + Galerie Erata, Promotion, Professur, lebt in Leipzig.

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