Parabeln auf die Pandemie 4: Der schlaue Orfin

Von | 1. April 2020

Vor langer Zeit liebten die Menschen das Wandern und Reisen. Sie zogen quer durch Europa, die Grenzen waren durch farbig bemalte Steine in den Wäldern markiert, aber hielten niemanden auf, mochte er sich der Arbeit wegen an einen anderen Ort begeben oder weil ihn die Sonne in den Süden oder der Schnee in den hohen Norden lockte. Heutzutage hocken die Menschen die meiste Zeit zu Hause in ihren vier Wänden, starren auf flackernde Rechtecke in ihren Händen und raffen sich nicht einmal mehr bis zur Ostsee auf. Genauer gesagt: der Weg dorthin wird ihnen versperrt. Von einem, der es geschafft hat, mehrere undurchdringliche Grenzen zu überwinden, habe ich folgende Geschichte gehört:

Ich bin zu Fuß den Wegen gefolgt, die ich bereits als Kind mit meinen Eltern gewandert bin, als die Grenzen trotz Eisernem Vorhang noch weitaus durchlässiger waren als heute. Also auf dem Grenzpfad am Prebitschtor unbemerkt in die Böhmische Schweiz, dann per Anhalter durch Tschechien. Im Süden erreichte ich schließlich Ukrien, ein traumhaftes Land, wo zwischen den Pfirsischbäumen herrliche Salamis wachsen. Welche Wonne, dachte ich, und wollte mir gerade ein Plätzchen zum Schlemmen suchen, als ich eine Stimme im Lautsprecher vernahm. Die Polizei fuhr umher und ließ ausrufen: „Vorsicht, Vorsicht! Ein neuartiger Mehlwurm wurde entdeckt! Gefährlicher als alle bisher bekannten Mehlwürmer! Wer in der Öffent­lichkeit beim Kauen eines Salamibrotes angetroffen wird, wird bestraft.“ Tatsächlich beobachtete ich, wie die Ukrier gleichsam auf Befehl ihre Salamibrote wegwarfen. Genauer gesagt, aßen sie schnell noch die Salami und warfen nur das Brot in den Müll. Einige alte Mütterchen traf ich, die murmelten: „Brot wegwerfen, das gibts doch nicht! Mehlwürmer gab es schon, als ich klein war. Damals herrschte Krieg. Und wir haben unsere Brote doch nicht wegen ein paar Mehlwürmern weggeschmissen.“ Diese Jammerei wollte aber niemand hören und bald schon hatte ich die Gelegenheit, eine Ansprache des neuen Königs, Orfin I., genannt der Schlaue, zu seinen ukrischen Untertanen auf einer Großbildleinwand anzuschauen. Mit einem rotgold schillernden Krönchen auf dem Kopf trat er vor die Kamera. „Liebe Ukrier!“, sprach der schlaue Orfin, „ihr seht, der neuartige Mehlwurm trachtet uns nach dem Leben und er wird unser aller Leben ändern. Bald wird es keinen Ukrier mehr geben, der weiß, was ein Brot ist. Stattdessen werden wir saubere, wissenschaftlich geprüfte Lebensmittel zu uns nehmen und unsere Feinde werden uns nicht besiegen.“

Die Ukrier ringsumher standen staunend mit offenen Mündern vor der Groß­bild­leinwand. Es dauerte nicht lange und ich hörte ihre Mägen knurren. „Ukrier“, flüsterte ich, „wer sind eure Feinde?“ Statt einer Antwort trafen mich stumme Blicke, ihr wißt schon, Blicke von denen man sagt, daß sie töten könnten. Nun, das vermochten sie nicht. Aber ich sah, wen diese stechenden stummen Blicke trafen: diesen und jenen, den Nachbarn, den Vater, die Schwester… ‚Aha’, dachte ich, ‚es sind die inneren Feinde gemeint, über die keiner spricht, und doch weiß jeder Bescheid.’ Kaum war ich zu dieser Erkenntnis gelangt, meldete sich der schlaue Orfin auf der Großbildleinwand im Stadtpark zurück: „Bürger!“ schrie er und hustete, „der neuartige Mehlwurm verursacht ein tödliches Husten. Wir haben zu eurer Sicherheit Q-Lager eingerichtet. Ihr wißt, wofür der Buchstabe Q steht, das muß ich euch nicht erklären. Meldet euch freiwillig, wenn ihr einmal gehustet habt, und geht ins Lager. Wenn ihr euren Nachbarn, eure Mutter oder euren Bruder husten hört – sagt dem Gesundheitsamt Bescheid, damit es sie ins Lager geleite.“ Hier wurde die Übertragung für eine halbe Minute unterbrochen. Im Hintergrund, d.h. ohne Bild, hörte man das heisere Hüsteln des schlauen Orfins. „Ihr seht, meine Lieben“, meldete sich der schlaue Orfin mit vollem Bild zurück, „ich habe für euch bestens gesorgt und schütze eure Gesundheit. Geht ins Lager und vertraut mir!“ Tosender Beifall brach aus. Er übertönte das Magenknurren im Park. „Ukrier!“, fuhr der schlaue Orfin fort, „nachdem mich heute das Parlament für alle Ewigkeit zum Alleinherrscher über euch bestimmt hat, habe ich ein Gesetz erlassen: Jeder, der euch eine beunruhigende Nachricht überbringt, wird mit fünf Jahren Gefängnis bestraft. Denn ich allein bin der Garant für eure Sicherheit und Gesundheit.“

Schade, dachte ich, schade um die Millionen Salamibrote, die nun in der Tonne landeten, während den Ukriern im Stadtpark der Magen knurrte. Wenn sie noch im Stadtpark sein durften und noch nicht ins Lager abtransportiert worden waren. Denn kurz nach der Ansprache Orfin I., genannt der Schlaue, verbreiteten sich epidemisch die Denunziationen im Land. Man mußte befürchten, daß bald ein Zehntel, genauer gesagt, die Hälfte der Untertanen – sie nannten sich nicht einmal mehr „Volk“, geschweige denn „Bevölkerung“ – in den neu errichteten Q-Lagern einsaß. Doch davon sah ich nicht viel. Die Lager waren mit bunten Graffiti besprüht, so daß sie nach außen hin wirkten wie Jugendherbergen – also konnte es doch nicht so schlimm sein.

Nach ein paar Tagen bemerkte ich, was der schlaue Orfin mit „beunruhigenden Nachrichten“ meinte: Es war das Gemurmel der alten Mütterchen, das ihm auf die Nerven ging. Von wegen, früher habe es auch schon Mehlwürmer gegeben. Diese tödliche Gefahr war brandneu. Wenn also jemand, sei er nun alt oder jung, sagte: „Leute, es sind nur Mehlwürmer, habt keine Angst“, so galt er in den Augen des schlauen Orfin – und bald auch der Mehrheit der Untertanen – als „Beunruhiger“. Nun, ihr wißt, was den Beunruhigern blühte – sie durften nicht ins Q-Lager gehen, sondern wurden ins Gefängnis gesperrt, mindestens fünf Jahre. Und weil das Brot vom bösartigen Mehlwurm infiziert war, wurde ihnen nur noch Wasser zum Essen gereicht, nicht mehr Wasser und Brot, wie es früher, in alter Zeit einmal üblich war. Darin konnte man doch wirklich einen wissenschaftlich fundierten Fortschritt zum Wohle der politischen Gefangenen erblicken.

Wer dagegen, begleitet von hysterischen Schreien, laute Kampfparolen gegen den tödlichen Mehlwurm ausstieß, wurde von Orfin I. als „Held“ bezeichnet und mit Orden geehrt. „Krieg dem Wurm! Krieg dem Wurm!“ zu skandieren, bot die beste Aussicht auf Beförderung zum Pappsoldat. Denn bald schon besann sich der schlaue Orfin, daß er allein – und der Rest seiner Untertanen im Lager – kaum eine Chance hätte gegen den äußeren Feind. Wer war denn das?, fragte ich mich und fand tief im Keller einen verborgenen Freak, der an seinem alten PC noch Zugang zum weltweiten Netz besaß: Mit zitternden Händen tippten wir „Orfin“ in die Suchmaschine ein und wir fanden: „Später Nachfahre des mächtigen Dschingis Khan. Schon als Schüler war Orfin an der Orga­nisation von Massenbewegungen interessiert. Der Fall des Eisernen Vorhangs gab ihm dazu die erste Gelegenheit. Als Studentenführer forderte er un­eingeschränkte Reisefreiheit für alle Bürger Ukriens. Seitdem er die absolute Mehrheit im Parlament errungen hat, setzt er sich zunehmend für die Würde und Größe des ukrischen Volkes ein.“ In alter Zeit gab es eine Tugend, die „zwischen den Zeilen lesen“ genannt wurde. Was bedeutete die „Würde und Größe des ukrischen Volkes“? Nichts anderes, als daß die Ukrier tatsächlich eine winzige Minorität innerhalb Europas darstellten, und die freien Europäer des Westens in ihrer häuslichen Quarantäne nicht einmal bemerkt hatten, daß sich Orfin I. inmitten ihrer liberalen Union als königlicher Alleinherrscher ausgerufen hatte. Wen interessierten die Ukrier überhaupt? Im Westen spielten die Bürger weiter auf ihrer Playstation und es war ihnen einfach egal, was in der Welt geschah.

So konnte der schlaue Orfin ungestört walten. Kurz nachdem er die „Beunruhiger“ bei Wasser und sonst nichts eingesperrt hatte, baute er eine mächtige Armee von Pappsoldaten auf. Denn noch immer bohrte der Stachel des Ersten Weltkriegs in ihm. Nicht der Vertrag von Verseilles ärgerte ihn, sondern der Vertrag von Trianon: der schlaue Orfan verspürte Lust, sich einen Namen in der Geschichte zu verschaffen, indem er all die verlorenen Ländereien in Transylvanien, der Slowakei sowie in Slowenien, Kroatien und Serbien heim ins ukrische Reich holte. Nein, all dies genügte ihm nicht. Der schlaue Orfin wußte, daß ihn ein sprachliches Band mit den Finnen im hohen Norden verband. Also sollte sich sein neuer Staat bis nach Helsinki erstrecken. Leider erhielt er auf all seine Depeschen – per eMail, SMS oder Whatsapp – an die finnische Präsidentin nie eine Antwort, geschweige denn eine Einladung in die Sauna. Also besann sich der schlaue Orfin auf seine ferneren Vorfahren. Der mächtige Dschingis Khan, kann er nicht als einziger wahrer Weltherrscher bezeichnet werden, der Orient und Okzident gleichermaßen unter seiner Fuchtel wußte? Gedacht, getan.

Der schlaue Orfin stellte seine unbesiegbare Armee aus Pappsoldaten auf in Reih und Glied. Nun ging es dem äußeren Feind an die Wäsche. Zuerst wäre Siebenbürgen dran, dann der Balkan. Leider nur konnten die ukrischen Bauern, die Orfin als Pappsoldaten rekrutierte, nicht mehr auf den Feldern fleißig Salamis züchten. ‚Zum Glück gibt es Mehlwürmer’, dachte sich der schlaue Orfin im Stillen. Dann rief er die alten Mütterchen herbei. Sie kauten ihm vor, wie man in Kriegszeiten Brot ißt, das von Mehlwürmern durchsetzt ist. Ob tödlich oder nicht, spielte nun keine Rolle. Hauptsache nahrhaft. Den Ukriern fehlten ja die glorreichen Salamis.

Kategorie: Panphobie

Über Viktor Kalinke

geb. in Jena, Studium der Psychologie und Mathematik in Dresden, Leipzig und Beijing, Kreativitäts-Preis der Hans-Sauer-Stiftung, Mitbegründer der Edition + Galerie Erata, Promotion, Professur, lebt in Leipzig.

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