Frühe Prosaskizzen, Jugendsünden

Frühe Prosaskizzen 

Die Tür steht halboffen, ich gehe hinein. Dort liegt er, auf der Jugendstilcouch. Sein Kopf mit dem vollen nackenlangen Haar ruht in seiner Handfläche. Er scheint nicht zu schlafen. Die andere Hand hält ein Buch mit zwei Fingern zwischen den Seiten. Es knistert leise. „Warum schaust du nicht? Hast du mich nicht kommen hören?“ Ich gehe noch zwei oder drei Schritte auf ihn zu. Ich höre meine roten Schuhe auf dem Parkett: klick-klack. – „Du Narzist!“ Ich sehe auf die Hand, die das Buch hält. Wunderschön, schlank ist sie wie die Aubrey Beardlsleys oder wie die eines Pianisten. Die soviel Leidenschaft in sich birgt, wirkt jetzt so kühl und stilisiert als wäre sie von Marmor. „Ich weiß du schläfst nicht!“ Auf dem Tisch steht eine Jugendstilvase, in ihr eine gelbe, welkende Rose. Der Narzist sieht sie nicht. Er atmet nur ihren Duft und denkt, er müsse sich nun nicht mehr waschen: „Was kann so gut riechen wenn nicht ich?“ Dieser Zynismus, der mich zeitweilig überkommt, wenn er wie eine Statue daliegt, total anämisch, und jede Leidenschaft in mir umbringt. Hassen kann ich nicht. Die Raserei der Küsse ist mir wohlbekannt, die des Hasses kaum. Ich kann nicht hassen. Ich kann nur genauso kalt sein wie er. Träge und kalt wie blaues Glas. Wie das blaue Glas der Vase. „Wirf die Vase nicht um, beweg’ dich nicht! Laß mich deine Kälte fühlen!“  

(1988)  

Als ich viel später, so lange danach, den Raum durch die immer noch weit offen stehende Tür betrete, ist es still. Beinahe unnahbar still. Die Stille ist zu einer festen Form geworden und nichts deutet mehr auf irgend etwas hin, das zu einer anderen Zeit hätte gewesen sein können. Nichts – außer den vielen sinnlos verschütteten und zerbrochenen Überresten, die irgendwann einmal ein nicht mehr bestimmbares Ganzes gewesen sein müssen, jedes mit seiner individuellen Funktion. Doch diese verstreuten Fetzen sagen nichts mehr darüber aus. … Dieses Zimmer scheint zu atmen und ich weiß, ich weiß … es ist mir, als wäre ich nicht mehr allein hier. Denn diesem Zimmer ist ein bestimmter Gedanke zugeordnet, eine Idee, eine Stimmung. Eine Person? Die ganze Zeit davor, vor dem Moment meines Eintretens, wußte ich es. Es war kalt in den anderen Zimmern, mir war es kalt dort, und das so tief im Sommer, in den grellsten Stunden des Tages. Der Sommer war doch heiß. Ich würde dort sein, wären meine Visionen Realität…

Dieser Beitrag wurde von crysantheme am 30. Januar 2008 um 23:56 Uhr geschrieben.

Genre: Trauersymmetrie

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