Archive for November, 2011

Ductus

Montag, November 28th, 2011

Zugvogel, Wandervogel, Vogelzug,
Passageritus.
Gefahrenübergang

.

Mitten in den tiefverschneiten
Bergen wurde eine
Lok vor den ICE gehängt,
da der Triebwagen nur
noch mit halber Kraft lief.

.

Schiffsreise.
das Feuer der Finsternis
am Ende des Absatzes
mussten wir aussteigen und zu Fuß

Eigentumsübergang
und die alte, längere Strecke

Korridor.


Sinn für Solidarität

Montag, November 28th, 2011

Salopp gesagt: Ist der Chef der Stasiunterlagen-Behörde ein Sturkopp? Roland Jahn ist ein Konsequenter. Er ist ein Charakterstarker. Er ist ein Verletzbarer. Er ist kein Unversöhnlicher.
Selbst noch im Jugendalter, hat Roland Jahn den Tod seines Freundes Matthias Domaschk in der Untersuchungshaft der Staatssicherheit hinnehmen müssen. Die ihm versprochene Unterstützung der Kommilitonen, ihn vor dem Rausschmiß aus der Universität Jena zu schützen, erwies sich als leeres Versprechen. Dreizehn der vierzehn Mitstudenten ließen ihn im Stich. Roland Jahn hat sich nicht wehren können, als er am Morgen des 8. Juni 1983 in Probstzella in einen Interzonenzug gestoßen wurde, der in Richtung Bundesrepublik fuhr.
Wer hat den Menschen Roland Jahn geschützt, den seine Selbstständigkeit, seine Gesellschaftskritik, sein Aktivismus zu einem Unliebsamen in der DDR gemacht hatten? Er ist ein Geschädigter, der ein Unbeugsamer, ein Beharrlicher geblieben ist. Das sollte jeder im Sinn haben der urteilt. Der Mensch Jahn hat andere, unmittelbarere Erfahrungen als seine beiden Vorgänger im Amt des Bundesbeauftragten der Stasi-Unterlagen (Gauck, Birthler). Er muß ein Anderer sein in der Amtsführung. So ist es!
Die Biographie Roland Jahns wurde nachhaltig durch die ersten drei Jahrzehnte geprägt, die er in der DDR zu Hause war. Es war nicht die Jedermanns-Biographie die Jedermann lebte und erlebte. Gerald Praschl hat sich bemüht, eine Jahn-Biographie zu schreiben. Zustandegekommen ist das Buch “Roland Jahn. Ein Rebell als Behördenchef”. Die Untertitelung muß den Porträtierten stören wie die meisten Überschriften der Kapitel des Buches. Klischees, Etikette, Normen sind Jahn zuwider. Das hätte der Biograph zuerst im Blick haben müssen. Offensichtlich ist das Buch keine autorisierte Biographie. Der 1963 geborene Bayer Praschl schreibt über den 1953 geborenen Thüringer Jahn. Praschl schreibt über eine DDR, die er vom Hörensagen kennt. Er schreibt über einen Menschen, über den er sich einiges hat erzählen lassen. Das Buch ist die Addition von Angelesenem und Angehörtem. Verfaßt ist das Buch in einem Stil, der ganz dicht an dem des Boulevard-Journalismus ist. Auch das muß dem Porträtierten stören, der das Buch, Monate nach seinem Erscheinen, nicht gelesen hat. Warum wohl?
Die drei DDR-Jahrzehnte des Roland Jahn sind auf 80 des 240 Seiten-Buches zusammengefaßt. Oder sollte man sagen zusammengerafft? Zum Wesentlichen der Biographie macht Praschl, was Jahn nach der Zwangsaussiedlung getan hat. Das heißt in den achtziger Jahren des Vorjahrhunderts. Also Jahn in der Rolle eines Medienaktivisten, der die Bürgerrechtler in der DDR, entsprechend aller Möglichkeiten, mit allen möglichen Mitteln unterstützte. Die koordinierende Arbeit des Aktivisten ist für Praschl das Beispielloseste in der Biographie. Also hat das den größten Platz im Buch. Das wird dann auch das regste Interesse der Leser wecken. Die Außenstehenden, das sind die Millionen in Ost wie West, werden über Interna der Medienarbeit im geteilten Deutschland informiert, wie sie sonst so nicht informiert werden. In all den nun veräußerten Vorgängen wird deutlich, welches die Wesensmerkmale des Roland Jahn sind. Er ist ein Mann, dessen Stärke sein Sinn für Solidarität ist. Er ist ein Mann, dem keine Ungerechtigkeit seinen Glauben an Gerechtigkeit nehmen kann. Derart charakterlich ausgestattet und geprägt handelte er, und muß er handeln. Auch als “Stasi-Akten-Hüter”, wie ihn Gerald Praschl wiederholt verniedlichend nennt. Der “Rebell als Behördenchef” ist kein Held. Er ist kein Hasardeur. Er ist kein Hasenfuß. An dem Menschen können sich die Millionen messen, ohne sich zugleich als Unterlegene zu fühlen. Wie menschlich!
Gerald Praschl: Roland Jahn. Ein Rebell als Behördenchef. Ch. Links Verlag: Berlin 2011, 240 Seiten, Geb.

Weibes Konsequenz.

Freitag, November 18th, 2011

ich bin
wieder unpässlich.

wenn das weib
unpässlich
wird, vermodert
der müll
in den säcken,
beginnt es in den straßen
zu stinken
sagen die ratten aus den gulliritzen
uns “guten tach”.

durchaus niedlich,
mit süßen pfötchen
und feinen näschen
einem lieblichen zünglein:
sind sie,
putzig & possierlich,
weich & und manierlich

ein guter einsatz für die

Unpässlichkeit Weib.

Fernanda’s Haus

Mittwoch, November 16th, 2011

unscheinbar : in die Häuserreihe gefügt
mit sieben Schlössern gesichert
gegen Diebe & Katzen : der Schatten
Fernanda’s verstorbener Mutter

bevölkert die Zimmer : vom Vater
ist nichts bekannt : alles blieb
wie es war : nur die Pflanzen
im Garten wuchern wilder : die Wege

verfallen : die Farbe blättert
von den Schränken : die Fotografien
verblassen : hinter Glas schlummert
Fernanda’s vergessene Jugend

in hundertjährigem Schlaf : altes
Haus : gealtert mit Fernanda
Herberge des Mißtrauens : der Schlaflosigkeit
der hastig angezündeten Zigaretten

um Mitternacht : wenn Fernanda innehält
sich auf die kußlosen Lippen zu beißen

MVI !

Freitag, November 11th, 2011

eigentlich besteht das alles nur
aus luft.”

Theodor Holz

Donnerstag, November 10th, 2011

Vor einer Weile schrieb hier des öfteren ein Autor namens Theodor Holz – sein Gedicht “steifer iro auf kahlem kopf” habe ich noch gut im Ohr. Leider hat sich mit der Zeit so etwas wie eine Ohrenentzündung herausgebildet.  Und von Theodor Holz ist im Blog weit und breit nichts zu spüren – außer vielleicht Schmerzen. Mich würde interessieren, weshalb Herr Holz uns verlassen hat. Falls er dies hier liest, so möge er es als Aufforderung verstehen, uns doch wieder einmal mit seiner Kunst zu beglücken.

Holz war, bzw. ist ein Dichter, der seine Worte mit einer gewissen Hemmungslosigkeit an den privaten vier Wänden zu reiben wusste, wir erhielten grobe Einstellungen der Wirklichkeit vor der eigenen Haustür. Am stromkasten & vermeiden es
Auf den gehweg zu kotzen.
Holz macht uns hier unmissverständlich klar: es geht um die Kontur, das kurzzeitig Belichtete. Auch dann, wenn es weniger angenehm riecht, denn: Wenn die Müllabfuhr kommt, sollte der Sack auf der Straße stehn.

H&rzbl&t (4)

Dienstag, November 8th, 2011

Es ist Sommer. Eigentlich ein schlechter Sommer, bisher. Nur Regen und mäßige Kälte. Seit zwei Jahren studiere ich nun, und es sieht nicht danach aus, dass ich das Grundstudium bald geschafft haben werde. Nun, dass es nicht leicht werden würde, wusste ich, von Sandmann, von Thomas Feindt und all den anderen. Ich dachte nur, mein Herzblut für die Sache und mein Labor im Keller würden mich rascher voran bringen. Ich lerne regelmäßig und probiere es heimlich im Keller aus. Ich muss erfahren, dass man auch mit kleinen Schritten vorwärts kommt. Hier im Wohnzimmer? Ich habe Turnschuhe mit Klettverschluss an. Sauber sehen sie nicht aus. Die Schuhe von Sandmann sehen auch nicht sauber aus, aber der macht viel Sport. Rennt durch das Stadion, sprintet im Bürgerpark. Lacht, wenn ich am Institut mein Auto schief einparke. Dein Wagen braucht keine neue Karosserie mehr, schüttelt er den Kopf, der braucht eine Tonne Sprengstoff.

Gestern hat es in unserem Keller gebrannt. Das glaubt keiner, wenn er es von mir persönlich hört! Doch der Wolfenbütteler Zeitung, in der heute unser Haus auf Seite eins von „Lokales“ abgebildet ist, glaubt jeder. Unser Haus ist keine Schönheit, ein graues, tristes Mietshaus im Stil der sechziger Jahre. Heute vormittag füllte ich Natriumphosphat in eine Flasche. Ein kleines Streichholz. Dann fuhr ich ins Institut. Auf dem Rückweg kam mir schon die Feuerwehr entgegen. Ich lächelte in mich hinein, nur ich allein wusste, warum jetzt, am Donnerstag, den 21. August 1985, die Feuerwehr mit Vollgas durch Wolfenbüttel bretterte.

Datenübertragung. Stop. Studierte ich nicht einst Chemie? Meine Fingernägel glitzern grünlich und erhellen manche Nebenstraße, wenn ich das Auto wegen einer Panne in den Schrebergärten stehen lassen muss und zu Fuß nach Hause gehe. Ich setze Fuß vor Fuß, und der dunkle Boden der Braunschweiger Börde leuchtet smaragden.

Die Erde dreht sich noch immer, ein rundes Gebilde, pur und mit wenig Kalorien. Im Tiefdruckgebiet herrscht kein Zwang zu höflicher Distanz. Mutter, rufe ich, Mutter, da draußen, hörst du mich, wenn da jemand ist, bitte antworten. Ich bin H7, der König von zehn Quadratmetern Chaos, auf geschnittenem und wiederverlegtem Teppich breite ich meine Habseligkeiten aus. Mutters Dampfbügeleisen gehört nun mir.

H&6 (3) (Zimt und Zucker)

Sonntag, November 6th, 2011

Turnschuhe mit Klettverschluss. Hier im Wohnzimmer. Sauber sehen sie nicht aus. Die Turnschuhe von Sandmann sehen auch nicht sauber aus, aber der macht viel Sport. Mutter kommt rein, eine aufgeschnittene Melone auf dem Tablett. Ich trete einen Schritt zurück, ein weiches Gummigefühl unter den Füßen.

„Nimm dir ein Stück Melone, liebes Kind, hier sind Zimt und Zucker, tu’ dir ordentlich davon drauf, du magst doch süß, nicht wahr?“ Seine Mutter schneidet eine dicke, blässliche Scheibe von der Melone ab und legt sie auf ein weißes Tellerchen mit Goldrand. Du magst doch süß. Mutters Verrat. Sie schiebt seiner Schülerin das Tellerchen hin, sofort streut – nein, schüttet sie sich Zucker und Zimt auf die Melonenscheibe. Weiches Gummi füllt seinen Körper. Er sieht, wie Mutter für sich eine dünnere Scheibe abschneidet und sie mit Zitrone und Süßstoff beträufelt. Das Gummi faltet sich klein und dürr zusammen. „Und du? Isst du nichts?“ Seine Schülerin kaut das fleischige, zuckersüße Etwas und sieht aufdringlich zu ihm hin. „Nein danke, ich ess’ nichts.“ Mein Labor im Keller. „Melone mit Zucker und Zimt ist lecker“, lügt sie vom Sofa, er weiß, die Melone ist unreif oder schlicht überzüchtet, schmeckt nach nichts, schmeckt nur nach Zucker und Zimt. „Ach, nee, der H., der nimmt keinen Zucker, der nimmt Zitrone und Süßstoff. Wir nehmen Zitrone und Süßstoff, nicht wahr, H.?“ Ja, Mama. Schon lacht mir die Feuerwehr entgegen. Natriumphosphat in der Flasche. Seine Schülerin kaut verdutzt. Hihi, Zucker. Sie greift sich eine weitere Melonenscheibe, die gleich darauf unter einer Decke von Zimt und Zucker verschwunden ist.

die Gerechtigkeit

Mittwoch, November 2nd, 2011

(im Giardino dei tarocchi)

schwarz : weiß : gestreift : kariert
gesichtslos : blind : außerirdisch
wägt die Gerechtigkeit ab : Gleichstand
die Waagschalen : Brüste : halb
geöffnet : weibliche Konsequenz

thronend hinter der Hohepriesterin : immer im Blick
der Herrscherin : Unglückliche : im Zebragewand
du erhebst dich über den Stein : maulwurfsgleich
dein Amt zu üben : Akten anhäufend
kennst du nicht : worüber du sprichst

zweiteilend die Welt in Gut & Böse : die Waage
an der Stirn befestigt : die Schalen gefüllt
mit Muttermilch : statt Argumenten : schwer
wohlgenährt : ausgeglichen : weibliche Logik
wachsend im Leib : ordnet anders die Welt