Dem Verlag verpflichtet

Von | 3. März 2011

Kiepenheuer-Bücher waren begehrte Bücher. Sie wurden gelesen. Kiepenheuer-Bücher waren keine Massenware. Sie hatten Wert. Sie waren ein Wert an sich. Vor allem in den Zeiten, in denen der Kiepenheuer Verlag am ärgsten bedrängt und bedroht war: In den Jahren der nazistischen Diktatur. Auch in den mageren Zeiten, die dem Tode des Verlagsgründers Gustav Kiepenheuer folgten, der 1949 starb. Magere Zeiten, die nicht Noa Kiepenberg verschuldete, die bis 1970 dem Verlag in Weimar vorstand. Das Niveau von Kiepenheuer zu drücken oder zu unterdrücken ist niemand gelungen. Oft am Rande der Existenz, ist es erst den geschäftigen Geschäftsführern des Aufbau-Verlages gelungen, den Gustav Kiepenheuer Verlag zu Grabe zu tragen. Und das im Jahr des Jubiläums. 2010 wurde der Verlag Hundert. Das Ereignis wurde mit einer Ausstellung gewürdigt, die von Februar bis Mai 2010 im Leipziger „Museum für Druckkunst“ zu sehen war.
Nicht nur zur Freude der „Familie“ Kiepenheuer, zu der alle Freunde des Verlages zählen, ist nun eine würdige, würdigende Publikation erschienen. Von Siegfried Lokatis und Ingrid Sonntag als Herausgeber betreut, ist eine ergiebige Edition entstanden, die Wesentliches der „100 Jahre Kiepenheur-Verlage“ zusammenfaßt. Der Band ist eine abwechslungsreiche Darstellung der Geschichte des Verlages, der Erhebliches zur Kultur des Landes in Deutschland beigetragen hat. Nie einer der großen deutschen Verlage, wurde der Gustav Kiepenheuer Verlag in den ersten beiden Jahrzehnten zu einem Verlag der Großen der linken, linksbürgerlichen deutschen Literatur. Von Brecht bis Heinrich Mann und Anna Seghers bis Carl Zuckmayer und Arnold Zweig versammelte der Verleger ein seinem Hause, was auf dem Wege war, sich Rang und Namen zu erschreiben. 1910 in Weimar begonnen, 1918 nach Potsdam umgezogen, wurde das „Vagabundieren“ ebenso zum Schicksal des Verlages wie das Auf und Ab.
Dank der schnellwechselnden Kapitel, der vielen verpflichteten Autoren, der Essays, Aufsätze, Gespräche, Dokumentationen, ist das Buch zum Verlag zu einem nie ermüdenden Lese-Buch geworden. Die Substanz macht die Qualität von „100 Jahre Kiepenheuer-Verlage“. Die Substanz verantworten vor allem die, die, zu unterschiedlichen Zeiten, für den Verlag verantwortlich waren, die sich ihm verpflichteten und so für die Kiepenheuer-Qualität sorgten. Ihnen, den Dabeigewesenen räumt die Publikation reichlich Platz ein. Es wird weniger reflektiert und analysiert. Es wird berichtet und erzählt. Das gibt den Beiträgen Unmittelbarkeit und stachelt die Aufmerksamkeit der Außenstehenden an. So wie sich viele Leser als stille Abonnenten der Kiepenheuer Bücher fühlten, so können sich nun vor allem ältere Leser als Teilhaber der Verlagsgeschichte fühlen. Die geistige Verwandtschaft zwischen Verlag und Lesern ist ein immer noch stabiles Band. Die Dankbarkeit ist in der Anerkennung für das Durchhalten des Gustav Kiepenheuer Verlages, der eher Buch-Verlag denn Markt-Verlag war. Das können alle Generationen zur Kenntnis nehmen und sich, sofern jünger, ihre Gedanken zum Gewesenen und Gewordenen machen. Die Geschichte der Kiepenheuer-Verlage ist auch die Geschichte von Widerspruch, Widerstreit, Widerstand. Von Verletzungen und Verletzten zu sprechen macht die Ausgabe authentischer und glaubwürdiger. Also zu einer Lektüre, die gleichermaßen anregt wie sie angenehmen aufregt, so daß die interessierten und zu interessierenden Leser wacher und wacher werden. „100 Jahre Kiepenheuer-Verlage“ ist eher Festschrift denn Chronik“. „100 Jahre Kiepenheuer-Verlage“ ist ein gut zu lesendes, lesenswertes Buch über das Büchermachen. Die Publikation ist in ihrer Gesamtheit eine rege Literatur-Kultur-Geistes-Personen-Geschichte wie sie in dieser Art nicht so häufig ist.
100 Jahre Kiepenheuer-Verlag. Hg. Siegfried Lokatis, Ingrid Sonntag. Ch. Links Verlag: Berlin 2011. 424 Seiten, Broschur

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