Europa-Nachrichten

Von | 21. November 2009

Gestern Abend wurde am Kernforschungsinstitut CERN bei Genf der weltgrößte Beschleuniger im zweiten Anlauf in Betrieb genommen. Der erste Durchlauf war im vergangenen Sommer nach 9 Tagen abgebrochen worden, als ein Kabel in einem Verbindungsschacht fast einen Brand verursachte. In der 27 km langen, unterirdischen Röhre kreisen die von Forschern systematisch vereinzelten Elementarteilchen um ein unsichtbares Zentrum. Solche Teilchen werden mit ihrem Verhalten die Bedingungen simulieren, aus denen der gegenwärtige Kosmos hervorgegangen sein soll. Umstritten ist in der interessierten Öffentlichkeit nach wie vor, ob die Entstehung eines neuen Universums im Ergebnis der experimentellen Extrembedingungen ausgeschlossen werden kann. Kritiker halten den Anhängern des Schreckensszenarios entgegen, dass auch zwei Weltkriege in den vergangenen hundert Jahren nicht vermocht hätten, die Lebensbedingungen der Menschheit grundlegend zu ändern.

Einwohner von Genf stehen dem Ereignis interessiert oder skeptisch gegenüber. Hinter einem Imbissstand in der Nähe des Marktplatzes brach gegen Mitternacht ein Feuer aus, das nach einigen Stunden von selbst verlöschte und keinen Schaden anrichtete.

Auf dem Flughafen von Prag gab es am gestrigen Abend einen Brand in der Flugleitzentrale. Die anstehenden Flüge nach Berlin, Dresden und Karlsbad wurden kurzfristig abgesagt. Etwa hundert Reisende mussten in einem Notquartier untergebracht werden. Da sich einige Reisende spontan bereit erklärten, die knappen Schlafplätze zu teilen, konnte eine drohende Überbelegung des Flughafenhotels unbürokratisch abgewendet werden. Die EU-Richtlinien zur Vermietung von Einzelzimmern schließen Doppelbelegungen kategorisch aus. Ob diese Regelung auch Notfälle umfasst, ist unter Brüsseler Experten nach wie vor umstritten.

In Sankt Peterburg versammelte sich am Morgen eine Menschenmenge, um des vor über 67 Jahren verstorbenen Dichters Daniil Charms zu gedenken. Am Rande der Feierlichkeiten kam es zu einem Unfall, bei dem drei Frauen mittleren Alters aus den Fenstern eines fünfstöckigen Wohnhauses stürzten. Laut Zeugenaussagen waren dem Unfall Gezeter, das Hissen zweier Bettlaken sowie der Versuch vorausgegangen, sich in zwanzig Metern Höhe über drei Hauseingänge hinweg zu verständigen. Ein Passant kommentierte den Vorfall mit den Worten, die Geschichte wiederhole sich. In der heutigen Nachmittagsausgabe eines lokalen Nachrichtensenders widersprach der Moderator völlig überraschend einem örtlichen Regierungsbeamten, der behauptet hatte, der tragische Vorfall sei Ausdruck des für Russland ganz normalen Chaos‘.

Kategorie: Trauersymmetrie

Über Zhenja

Künstlername des aus Südrußland stammenden Dichters Jewgeni Sacharow; hob unter nickname Zhenja 2007 gemeinsam mit Gesche Blume und Viktor Kalinke den literarischen Blog www.inskriptionen.de aus der Taufe. Das seit 2009 verwendete Pseudonym stand dabei zunächst Pate für eine Reihe von Versuchen, sich zugleich die Bild- und Klangsprache des 1922 verstorbenen futuristischen Dichters Viktor Vladimirovic Chlebnikov und die Ausdrucksmöglichkeiten des Deutschen als literarischer Nichtmuttersprache zu eigen zu machen. Zunehmende Vermischung eigener Sprachschöpfungsprozesse mit dem Ideenfundus des russischen Avantgardisten bis zur „non-rem-fusion“. Sacharow lebt und arbeitet seit 2008 als Garderobier und freischaffender Autor in Frankfurt am Main. Projekt der beiden in Deutschland ansässigen russischen Dichter Jewgeni Sacharow und Sascha Perow, „Brüder im Namen“. Jewgeni beschäftigt sich seit 1990 mit Drama in - wie er es nennt - Außenprojekten, ich dagegen (Perow) versuche mich gelegentlich an Übersetzungen aus dem Russischen; mein Ziel: Erschaffung eines neuen Dialekts der Weltpoesie, der „Sternensprache“. Wichtig war für unser Inskriptionen-Doppelleben die Begegnung mit der deutschen Dichterin Hanna Fleiss im Winter 2012 in Berlin.

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