Wellen & Bäche

Ich lasse die Hügel hinter mir : vor mir

liegst du mit deinen Wellen & Bächen : im Regen

des Worts verstummst du : ächzend

ein Berg : auf dem der Wein reift

laß uns trinken : du schüttelst

die Schafherde ab : alle Felle

fallen zu Boden : wir stürzen

die Falle schnappt zu : gefangen

sind wir frei : wir haben

nur uns & unsere unendlichen

fließenden Landschaften

Alberto Cahier
geb. 1916 in Lissabon, Kindheit in Durban beim Stiefvater, Studium der Literaturwissenschaft in Lissabon, Handelskorrespondent, bisher einzige Veröffentlichung: Die Rolle des Naiven in der Bauernlyrik. Ein Abriß

9 Kommentare

  1. Stürz nicht ab in diesen nebelnassen Tagen, leg mir deinen Rücken an den Leib, lass die Winde durch die Bäume jagen und die Blätter fallend klagen, ich werd sein ein warmes Weib.

  2. Was hilft das Gewissen : wenn es zur Stärkung
    textiler Hüllen bedarf : die halbe Nacht
    hält es uns ab : uns zu erkennen
    kommt die Morgenstund : schon geht es
    rund : Vorwände lösen sich auf
    Vorhänge : Vorhäute fallen
    nur ein vulkanisiertes Textil behütet uns
    vorm Ausbruch : eilig
    vorm Gehen : blickt Aug ins Auge
    damit zum Frühstück : nachher
    das Gewissen unsichtbar als Drittes
    am Tisch sitzt & den unvermeidlichen
    Apfel verspeist

  3. „Lüg mich doch nicht an, du hast mit ihm geschlafen, ich sehs doch, die Betten sind zerwühlt!“ Baron Morast schwitze vor Pein und die Wut stocherte in seinen Eingeweiden. Frau von Morast, die eben nur ein sanftes Rascheln mit dem Papiertüchlein erzeugt hatte, fing wie auf einen Trompfetenstoßkommando an zu heulen, indem sie das Tüchlein hoch riss, laut zu wimmern begann und sich augenblicklich schnäuzte. Ja, Eduard war der bessere Liebhaber, er wühlte Laken und Daunenkissen auf, während sie gemeinsam den Akt vollzogen. Was mit ihrem Gatten nur selten möglich gewesen war, Eduard tat es mit Verve und Hingabe.

  4. Welle Verve und Warmes Weib, Huren Häute Hindernisse, zwischen vor und nach, wie du die Worte auch würfelst, in der RAUNACHT wächst dir das Fell.

  5. Der Dichter Francis Ponge hat dafür den ingeniösen (leider nur en francais funktionierenden) Neologismus „sexprimer“ vorgeschlagen, der dartun soll, dass es über Sexualität poetisch so zu handeln gilt, wie Liebe selbst, in ihrem Vollzug, sich ausdrückt – „s’exprimer“, d.h. Wörter, Sätze, Verse paaren, durchdringen, reimen, überschreiben, übersetzen sich wechselseitig, „machen Liebe“ mit rein sprachlichen Mitteln, finden sich zu hamonischen Klangereignissen zusammen oder konterkarieren einander in wüster Dissonanz.

  6. Gefangen, sind wir frei. Hinter Göschwitz in der Stadtmauer, flackern Kerzen und flackern. Das Licht, unmerklich nur: verschoben. Ins Rot erst, ins Blau. Kurz vor dem Eintauchen ins Neue, Anflug Schweiz, Propeller wie Triebwerke, Triebe aus Luftstämmen, unter denen es durchrauscht. Um dahinzubrausen. Zwanzig Kilometer weiter breitet sich der Nebel über alles hin. Die Schilder als einzige Spur. Versanken tief im Rücken. Bis nach Hause nur das Vibrieren der Sitze auf ihren Federn. Skeptiker, achtziger Jungs mit elektronischem Schlag, weit aufgerissene Augen. Die Tische finden keine Ruhe mehr. Dahin.
    Da hin, da hin

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