Brief von dir an mich [2, 1]

Die Steine des Gehwegs waren grau und glitschig. Der wilde Oktoberwind hatte alles Laub beiseite gefegt, bunte Reste einer noch vor kurzem atmenden Kopfbedeckung, und der Planet, dessen Urwälder nun direkt an ein stürmisches Meer angrenzten, hatte seine Mütze abgenommen. Wohin sollte dieser Weg führen?

Ich drehte den Brief unschlüssig in meiner Hand. Der dicke Umschlag setzte den Fingern einen sanften Widerstand entgegen, Gegendruck, der sich eher abzuschwächen schien, je stärker man drückte. Irgendwann aber stießen die Fingerkuppen auf jenen festen Grund, dessen deutliches Zeichen nur bedeuten konnte: Bis hierher und nicht weiter! Dann waren sich die Finger selbst begegnet, und mit dieser Begegnung wurde es für den fühlenden Fingermenschen offenkundig, dass es im physischen Spiel von Druck und Gegendruck unmöglich war, zwischen Drückendem und Gedrücktem zu unterscheiden.

Der Brief lag als massives Artefakt aus Papier in seiner Hand, und wenn er ganz ehrlich zu sich selbst war, wusste er nicht einmal, ob er ihn öffnen wollte oder nicht.

Dieser Beitrag wurde von Zhenja am 1. November 2008 um 23:18 Uhr geschrieben.

Genre: Trauersymmetrie

1 Kommentar »

  1. Wie immer im Film ist der Schnitt eine schwarze Leinwand, worin auch der Unterschied zur Malerei besteht.

    Comment by [2, 1, 1] — 24. Oktober 2017 @ 08:26

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