Subfébrile

Was nun? Ein paar Abende hatte ich im Haus verbracht, jetzt stand ich auf dem weißgekachelten Flur der Heilanstalt, ein Kind mit Zöpfchen, falschen Erwachsenenhandschuhen und rutschenden Söckchen. Adressen vergisst man nicht. Sogar Gedichte hatte ich in meine Tasche geschoben. Ein Handgepäck, innen verstärkt für fragiles Transportgut. „Komm in den totgesagten Park und schau…“ Gleich würde ich in norma­lem Tempo an die Rezeption gehen und um einen Termin bei Dr. Malot bitten. Ein Schamgefühl lähmte meine Zunge. Schwarzer Pelz. „Normale Menschen sind hier ausverkauft!“ Dr. Malot hatte von einer „Vitalistischen Vernagelung mit pathologischer Tendenz in der Beziehung zur Welt“ gesprochen. Begriffen, eindeutig?, fragte er, zweideutig klang es. Ich nickte höflich und bot meine Hilfe an, als mich Dr. Malot nach einer ersten Untersuchung bat, die Glühbirne in der Wandleuchte auszu­wechseln. Einweisung. Medizinischer Fachjargon.  

Mittags kam mir Dr. Malot auf dem Korridor entge­gen. Er forderte mich auf, ihm Gesellschaft zu leisten. Im Sprechzimmer bot er mir einen Ses­sel an, in dessen Mulde man so bequem saß wie auf einer Folterbank. Dr. Malot fing ohne Über­lei­tung von meinem Krankheitsbild an. „Wissen Sie“, sagte er, während er mir eine Zigarette ansteckte, Sie sind wirklich ein me­dizinischer Sonderfall. Eigentlich gehören Sie ins neunzehnte – allerhöch­stens ins frühe zwanzig­ste Jahrhundert. Was machen Sie eigentlich, wenn Sie nicht ruhen müssen, wer vertreibt Ihnen die Zeit? Wovon bezahlen Sie die Arztrechnungen?  … verzeihen Sie, ich wollte Sie nicht kränken, Frau … wie heißen Sie noch mal?“ Ich sagte ihm kurz meinen Namen und täuschte Gleichmut vor, indem ich den Rauch meiner Zigarette lang­sam an die Decke blies. Dr. Malot verstand. „Nun, Sie haben ja im­mer noch die Wahl, sich zu trennen. Davon. Oder stehen Sie dem derart nahe, dass es Sie … na, sagen wir mal – eine Überwindung, ich meine eine Selbstüberwindung kosten würde, es uns oder sich selbst zu überlassen?“ Die Folterbank wurde bequemer. „Ich – also die Ärzteschaft und auch das Pflegepersonal sind Ihnen äußerst zugetan. Sie glauben ein Opfer zu sein? Ein Opfer Ihrer Krankheit, deren Sinn und Inhalt sie nicht verstanden haben. Es gibt leider auch keine deutsche Bezeichnung dafür, sonst würde ich Sie Ihnen nennen. Doch, vielleicht. Darüber mögen andere urteilen.“ Ich war rot geworden. Dieser Mann war schlimmer als Doktor Böck, der die Dinge wenigstens taktvoll in die Schwebe brachte. Und nun forderte er mich allen Ernstes heraus, diesen Begriff zu nennen. Ich nahm ein weißes Blatt Papier von Dr. Malots Schreibtisch und malte ein schwarzes Haus darauf, das wie ein Buchstabe aussah, aber nur eine wirre Linie war. Dr. Malot nickte zufrieden. „Und gehen Sie zu Ihrem Freund. Er erwartet Sie in der Liege­halle.“ Ich sah an mir herunter. Ich trug eine Satinhose mit weiten Beinen, die enger fielen, sobald man auf­stand. Langeweile. Nun in Ordnung. Dr. Malot legte die Stirn in Falten. „Ich erinnere mich an – ja, letzten Frei­tag, gingen wir gemeinsam in das Café am Opernplatz. Sie besuchen ausgewählte Cafés? Nun, ich habe mich daran gehalten. Ihr Freund raucht, nun, also hatte ich französische Zigaretten besorgen lassen. Wie wir so saßen und plauderten – wissen Sie, ich habe selten ein so anregendes Ge­spräch geführt, von vielem verstehe ich ja nichts. Wir Ärzte sind Amputierte. Uns fehlt ein we­sentliches Organ. Unsere Nerven sind zu abgestumpft – oder viel­leicht besitzen wir gar keine. Ich sah Dr. Malot mit meinem kühlen Märchenblick an. Er war gerissener als ich, er stand auf. Wir gingen in den steril glänzen­den Flur. Es fiel mir schwer, mit Dr. Malot Schritt zu halten. Da jedoch mein inneres Tempo auf Hochtouren stellte mein Mund Dr. Malot unaufhörlich Fragen. Er kam tat­sächlich hier und da in Erklärungsnöte. „Sie sind ein schlaues Frauenzimmer, das muss man Ihnen lassen. Meine Erfahrung mit Frauen beschränkt sich auf – bitte verzeihen Sie mir dieses Wort – Kuriositäten, ja ich sammle Kuriositäten … wähle meine weiblichen Bekannt­schaften nach dem Grad ihrer Extrava … ihrer Abweichung von der Norm …“ Dr. Malot verwirrte sich, schluckte ein paarmal und fand dann zu seiner alten Haltung zurück. „Hören Sie. Sie sind viel zu klug, als dass sie meine Befremdung nicht verstehen würden. Sie sind so etwas wie ein Rubin, ein Aquamarin in meinem Frauenkabinett … Sie sind ein …“ „Werden Sie nicht poetisch, Herr Dr. Malot. Ich habe ein ganzes Män­nerkabinett in meinem Wandschrank, falls Sie das interessiert. Postkarten von toten Dichtern. Und den Aqu­amarin trage ich an meiner linken Hand.“ Ich hielt Dr. Malot meine Hand entgegen, an welcher der Stein wie transparentes Was­ser leuchtete. „Kommen Sie bitte zum Punkt, wir sind gleich in der Liegehalle. Sie gehen zu schnell.“ Wir waren tatsächlich eine ganze Weile den Gang entlang gelaufen ohne irgendwo anzukommen, wahrscheinlich hatten wir einen Umweg ge­macht. „Sie tragen einen Aquamarin? Merkwürdig, dass mir das erst jetzt auffällt, wo Sie es sagen.“ Dr. Ma­lot schnaufte. Der Korridor bog jetzt wieder seitwärts ab und mir schien, als seien wir hier vollkommen falsch. Aber ich ver­traute mich Dr. Malots Führung an. Seine scheinbare Lan­geweile zeigte bereits Symptome einer inne­ren Ge­spanntheit. „Dies ist ein ordentliches Hospital, ja ein ordentliches.“ Wir waren stehengeblieben und lehnten jetzt unter einem hohen Bogenfenster. Dahinter ein Garten, in dem Patienten ihre Runden dre­hen durften. Wie Lustwandler. Spaziergänger in spe. Ich spürte, dass mein Sprechapparat mir nicht gehorchte. Deshalb überließ ich Dr. Malot das Wort und starrte nur unbewegt auf seinen weißen Kittel. Ein Chefarzt in guter Position trifft sich mit einer snobistischen Kranken, die über körperliche Affekte, die ja nun einmal zur Natur des Menschen – besser des Menschentie­res – gehören, so spricht, als seien sie etwas Einzigartiges, nur ihr Gehöri­ges. Komm in den totgesagten Park und schau…“ „Dreimal habe ich im letzten Winter die Grippe gehabt. Mein Freund hat danach immer gleich die Kleider gewechselt und die Bilder signiert, die er von mir malt, auch wenn sie noch feucht waren. Dann hat er sie ins Licht gehängt. Wenn nach mir eine andere Frau oder ein Mann zum Modellstehen kamen, was sich selten ereignete, da niemand bereitwillig – für ‘nen Appel und ‘n Ei, Herr Dr. Malot –  ‘ne Lungen­entzündung riskiert, hat er immer zu mir gesagt ‘Das Licht ist dein’. Pathos war sein – ganz klar…  jedenfalls.. die anderen Bilder hingen danach … auch im Licht, weil der Raum das so vorschreibt, aber nie waren sie – signiert.“ Dr Malot kramte in seinem Kittel. „Hier haben Sie ein wirksames Grippemittel, für den nächsten Winter.“ Ich steckte es ein. Mit einem Mal standen wir in einer Halle, die ich heller in Erinnerung hatte. Vielleicht war es auch nicht dieselbe. Einige Kranke lungerten faul in ihren Sesseln, blätterten in Magazinen und hofften auf Genesung. Als sie Dr. Malot erblickten, grüßten sie verhalten. Der über­triebene Respekt vor Ärzten war ihnen mit der Muttermilch eingeflößt worden. Ich stand vor einer dreiflügligen Glastür, über der das kaum noch lesbare Schild „Liegehalle“ etwas schief in ver­renkten Buchstaben angebracht war Dr. Malot drückte die Klinke. Das Kind mit Zöpfen und rutschenden Söckchen folgte ihm. Die Handschuhe hatte ich mir heruntergezogen. „Wir können nichts mehr für Sie tun.“

crysantheme
Wer eine Crysantheme verblühen lässt oder ihr den Kopf vor ihrer Zeit abschneidet, der erntet zur Strafe nur noch grünes Friedhofskraut. Schenkt keine Chrysanthemen zu festlichen Gelegenheiten - sie haben die Würde und Feierlichkeit von Totenblumen. Reznicek, Paula von u. Reznicek, Burghard von: Der vollendete Adam. In: Zillig, Werner (Hg.) Gutes Benehmen, Berlin: Directmedia Publ. 2004 [1928], S. 9158

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