Parabeln auf die Pandemie 8: Die verrückte Feuerwehr

In den südlichen Ländern war eine seltsame Feuersbrunst ausgebrochen: Sie befiel nur die Pinien. Die Zypressen ließ sie stehen. Auch die Föhren und Tannen, von Birken und Eschen ganz zu schweigen. Vor allem, nein, nahezu ausschließlich fraß das Feuer die wunderbar knorrigen, alten Pienen­bäume, die im Wind, der vom Mittelmeer heraufwehte, behaglich knurrten. Es war ein Trauerspiel. Jahrhunderte alte Bäume, die von Förstern und Waldpflegern umsorgt und gehegt worden waren, loderten wie Kerzen auf und zerfielen zu Asche. Sicherlich hatte die Trockenheit der letzten Jahre, die den Boden metertief ausgedörrt hatte, dazu beigetragen, daß ausgerechnet die Pinien so leicht für die Flammen empfänglich geworden waren.

Ein weiteres, noch nie beobachtetes Phänomen wurde von den Waldpflegern festgestellt: unsichtbare Wärmestrahlen, die von allen brennbaren Materialien ausgingen, konnten die armen Pinien in Windeseile erhitzen, indem sie Wirbel und Strudel um sie herum bildeten. Für das menschliche Auge waren sie nicht wahrnehmbar. Wer seine Hand an den Stamm eines betroffenen Baumes hielt, spürte, wie Wärmeblitze die Haut durchdrangen, und zuckte unwillkürlich zusammen. Daher war es jedermann klar, dass es sich um eine seltsame, neuartige Feuersbrunst handelte.

Zuerst brachen die Feuer lokal aus. In ein paar Dörfern, die gleich hinter dem muschelkalkweißen Stränden lagen. Dort konnten sie schnell gelöscht werden und niemand beachtete sie. Die Menschen unterschätzten die unsichtbare Wärmestrahlung, die von allem ausging, was überhaupt brennen konnte. Zumindest behauptete das ein Feuerwehrhauptmann, der sich mit dem Oberförster über die Baumbrände unterhielt. Der Förster konnte es, ehrlich gesagt, kaum glauben.

Bald brannten nicht nur in seinem Dorf die Pinien, sondern entlang der gesamten Küste. Erst nur entlang der Küste Italiens, dann breitete sich das Feuer nach Osten und Westen aus, ergriff die Pinien Griechenlands und Spaniens. Als die seltsame Feuersbrunst sich Richtung Norden vorwärtszufressen anschickte und geradenwegs auf Rom zumarschierte, später dann auch mitten ins Herz von Madrid und Athen zielte – da reichte es den Regierungen: Sie beschlossen, Maßnahmen zu ergreifen.

Ersparen wir uns, die Maßnahmen im Detail zu erläutern. Es genügt, wenn wir behaupten, daß sie notwendig waren. Und, nebenbei bemerkt, waren sie äußerst raffiniert. Der schlaue Feuerwehrhauptmann von der Küste hatte sich nämlich als erster erfolgreicher Feuersbrunstbekämpfer bei der Re­gierung um einen Beraterposten beworben. In ihrer Ratlosigkeit und – ehrlich gesagt – Un­wissenheit nahm die Regierung diese Bewerbung eines Fachmanns und aus­ge­wiesenen Kenners dankbar an.

Noch loderten die Flammen vor den Toren der Stadt, daß Nero seine helle Freude gehabt hätte, schon überhäuften sie den Feuerwehrhauptmann mit glitzernden Orden und Medaillen. Welche bahnbrechende, patentwürdige Idee hatte unser kühner Hauptmann den Mächtigen eingeflüstert? Nicht etwa, daß es darauf ankomme, neben jeder Pinie ein Faß voll Wasser aufzustellen oder gar einen Hydranten zu installieren. Auch Flugzeuge oder Hubschrauber, die über unseren schönen Pinienwäldern Wasser abwerfen könnten, empfahl er nicht. Nein, der tollkühne Retter der Pinien ersann eine Methode, die anfangs nur er allein verstand. Denn nur er wußte von den unsichtbaren Wärmestrahlen, die von allem Brennbaren ausgingen und die armen Pinien so gnaden­los in den Feuertod rissen. Also, dachte er sich, würde es nichts helfen, die Pinien mit Wasser zu übergießen, wie es die Feuerwehr bisher getan hatte. Man mußte alle brennbaren Stoffe, die sich in der Nähe der Pinien befanden, wegräumen.

Nicht nur wegräumen, vernichten mußte man sie – Sträucher, Bäume anderer Art, Blumen, selbst winzige Kräuter und Gräser – alles sollte entfernt, gehäckselt und geordnet in Müllverbrennungsanlagen unschädlich gemacht werden, damit es die Pinien nicht mehr entzünden konnte. „Feuerbekämpfung durch Müllverbrennung“ lautete die Devise. Selbst die jungen Pinien sollten nicht verschont bleiben, um die schönen, knorrigen, alten Pinien zu schützen.

Die Feuerwehr zögerte erst, dieser neuen Aufgabe nachzukommen. Wie all die Zeiten zuvor wollte sie stur Schläuche mit Wasser füllen und unter Hochdruck auf die Brandherde spritzen – aus der Traum. Die Regierung glaubte dem Hauptmann, denn nur er hatte das Geheimnis der unsichtbaren Wärmestrahlen durchschaut. Und siehe da: nach einigen Tagen gehorchten die Feuerwehrleute, tauschten Spritzen und Schläuche gegen Hacken und Häcksler. Überall im Land rodeten sie, was nur irgendwie grünte und blühte, das hieß, was irgendwann welkte, verdorrte und zweifellos in brennbares Material verwandeln konnte.

Die Feuersbrunst indes war von der heroischen Aktion nicht im mindesten beeindruckt. Sie rückte weiter auf Rom vor, ja sie übersprang die südlichen Haupt­städte und näherte sich unaufhaltsam den nördlichen Ländern. Die vornehmen Regierungen dort erbleichten, als sie den Qualm rochen, der über ihre Grenzen quoll. Schlagbäume, das war ihnen klar, würden weder den Rauch, noch das Feuer aufhalten können. Jammerschade, daß diese bewährte Methode der Problemeindämmung in diesem Fall nicht wirkte. Sich einigeln oder in einen Kokon einspinnen und abwarten – zu schön war diese Vorstellung. Ehrlich gesagt, hatten sie auch keine bessere Idee als der kluge Hauptmann von den südlichen Gestaden, der bereits begonnen hatte, ihre Feuerwehren zu beraten.

Nur einen kleinen, aber entscheidenden Unterschied gab es: Die nördlichen Länder schätzten die Maßnahmen der südlichen Länder gewohn­heitsmäßig als viel zu lasch und milde ein, geradezu schlampig, kein Wunder, daß sie nichts fruchteten. Zum Glück gab es immer weniger Pinien je nördlicher man kam, dies würde dem Feuer ganz von alleine Einhalt gebieten, hofften die Nordmenschen insgeheim. Doch gefehlt. Die seltsame Feuersbrunst fand auch Gefallen an Kiefern, sogar an Latschenkiefern hoch in den Alpen. Da ward auch den Mächtigen im Norden klar, daß sie etwas tun mußten. Das gebot die Menschenliebe, die Solidarität, überhaupt die gesamte Niko­machische Ethik.

Noch wirksamer erwies sich als Leitfaden der kategorische Imperativ, das wußten die Nordmenschen sehr genau. Auf den Kant konnten sie sich verlassen, der würde das Feuer besiegen, bevor es die Ostsee und die Nordsee erreichte. Also befahlen sie nicht nur der Feuerwehr, sondern konsequent allen Menschen ab dem 16. Lebensjahr sich an der Ausrottung alles potentiell Brennbaren zu beteiligen. Um den Kampf gegen das Feuer in den Köpfen zu festigen, sprachen sie vom exponentiell Im­flamablen, das verhindert werden müsse. Jeder, der sich an diesem Kampf beteilige, sei ein guter und vernünftiger, weitsichtiger und moderner Mensch. Zeitgenossen, die behaupteten, Feuer bekämpfe man mit Wasser oder mit einer alten Pferdedecke, die man über die Flammen werfe, um sie zu ersticken, wurden als verlorene Kinder Gottes belächelt. Bald würden sie selber in den Flammen lodern, würde man ihre altmodischen Ratschläge befolgen.

Stattdessen investierten die Regierungen – nun vereint sowohl der nördlichen als auch der südlichen Länder – mehrere Jahresstaatshaushalte, alle arbeitsfähigen Menschen von ihrer eigentlichen Arbeit zu entbinden und für die Rodung, sprich Ausrottung sämtlichen pflanzlichen Materials einzusetzen, das keine Pinie oder Kiefer war.

Drei Jahre später.

Das Werk war vollendet: Ringsum stiegen noch hauchdünne Rauchsäulen aus den Aschehäufchen auf, zugegeben nur hier und da. In alle Himmelsrichtungen erstreckte sich endlich eine flammenfreie, kahle, graue Landschaft. Am Horizont jedoch ragten noch ein paar alte knorrige Pinien und Kiefern mit ihren wunderbaren dunkelgrünen dicken Nadeln empor – welch ein erhebender, minimalistischer Anblick. Kein Künstler hätte der Welt ein schöneres Bild schenken können. Der kluge Hauptmann von der Küste wurde zum Ehrenhauptmann ernannt und erhielt einen Thron – natürlich gezimmert aus gerettetem Pinienholz.

Das Glück, ihr könnt es euch denken, währte nicht lang. Kaum hatte der Feuerwehrhauptmann befriedigt auf dem Thron Platz genommen, hoben von allen Seiten Stürme an. Der Wind fegte in bisher unbekannter Geschwindigkeit über die leer­geräumte Erdkugel und knickte die letzten verbliebenen, ehrlich gesagt, schon etwas alters­schwachen Pinien wie Streichhölzer um. Die Menschen begannen sich, um die Asche zu streiten und zu schlagen, die der Wind aufwirbelte. Denn sie hatten nicht einmal mehr Felle, um sich zu kleiden. Die Asche aber, gab ihnen für einen kurzen Moment noch einmal Wärme, bevor sie endgültig erkaltete.

Dieser Beitrag wurde von Viktor Kalinke am 3. November 2020 um 01:53 Uhr geschrieben.

Genre: Realitätsschatten

2 Kommentare »

  1. Die Geschichte kommt mir irgendwie bekannt vor, sie scheint sehr alt und wirklich international zu sein: “Als elfe ihre Sprüche eben getan hatten, trat plötzlich die dreizehnte herein. Sie wollte sich dafür rächen, dass sie nicht eingeladen war, und ohne jemand zu grüssen oder nur anzusehen, rief sie mit lauter Stimme: “Die Königstochter soll sich in ihrem fünfzehnten Jahr an einer Spindel stechen und tot hinfallen.” Und ohne ein Wort weiter zu sprechen, kehrte sie sich um und verliess den Saal. Alle waren erschrocken, da trat die zwölfte hervor, die ihren Wunsch noch übrig hatte, und weil sie den bösen Spruch nicht aufheben, sondern nur ihn mildern konnte, so sagte sie: “Es soll aber kein Tod sein, sondern ein hundertjähriger tiefer Schlaf, in welchen die Königstochter fällt.” Der König, der sein liebes Kind vor dem Unglück gern bewahren wollte, liess den Befehl ausgehen, dass alle Spindeln im ganzen Königreiche verbrannt werden…” Wie es weiter geht, wisst ihr , nicht wahr?

    Comment by Dornröschen — 5. November 2020 @ 11:04

  2. Und der Engel des HERRN erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde.

    Da sprach er: Ich will hingehen und diese wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt.

    Als aber der HERR sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich.

    Comment by 2.Mose 3,2 — 5. November 2020 @ 18:55

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