Die Provinz eines Poeten

Von | 17. August 2011

Dichter bleiben Dichter, ob sie dichten oder nicht. Viele Dichter bleiben nicht lebenslang auf Gedichte geeicht. Gern wird die Prosa geprobt. Ralph Grüneberger macht da keine Ausnahme. Er hat seine Leser mit hintersinnig-heiteren Geschichten gut unterhalten.
Jetzt hat sich der nunmehr 60-jährige zum Jubiläum mit Gedichten beschenkt. Nicht mit neuesten Gedichten! Ralph Grüneberger hat eine wohlbedachte Auswahl von Gedichten auflegen lassen. Mit der ihm eigenen Ironie heißt die Lyriksammlung „Bunte Pleite“ und vereint fünfzig Gedichte aus fünfundzwanzig Jahren. Versprochen sind „Nachrichten aus der Provinz“, was nicht sonderlich originell ist, doch für die Poesie von Grüneberger von eigenem und besonderem Wert. Dem Poeten ist die Provinz der Mittelpunkt des Lebens und der Welt. Und sage ihm einer, dass das so nicht ist. Jedes seiner fünfzig Gedichte beweist: Jeder provinzielle Ort ist ein zentraler Ort der Welt und ihrer Geschichten, also der Weltgeschichte. Das muß man nur sehen können, wie Ralph Grüneberger zu sehen vermag.
Folgerichtig macht die Sammlung mit dem Gedicht „Fahrt in die Provinz“ den Anfang. Es geht in keine stille, lauschige, idyllische Landschaft. Das „Kreischen der Reifen“ schrillt in den Ohren. Es schreckt auf, was rechts und links der Straßen liegt und wohin sie führen. Die „Fahrt in die Provinz“ ist eine Ouvertüre, die auf das Kommende einstimmt und es zusammenfaßt. Da dürfen die Leser neugierig sein oder sofort passen und dann einiges versäumen. Vor allem deutsche Gedichte – oder sollte besser gesagt werden deutschsprachige Gedichte – die voll der deutschen Geschichte insbesondere des 20. Jahrhunderts sind. Bravo! Da drückt sich ein Lyriker mal nicht, was sovielen in den letzten Jahrzehnten mit ihren säuselnden Selbstbetrachtungen gelungen ist.
Grüneberger ist bevorzugt in der ostdeutschen Landschaft unterwegs, die sein Heimathaus ist. Und, wer in dem groß wurde, formuliert keine beliebigen Geschichtsgefühle als Geschwafel über und zur Geschichte. Als Wissender und Wertender ist er kein pamphletischer Eiferer, kein ideologischer Propagandist. Sein Geschichtsbewußtsein läßt ihn fühlen, was versäumt, was vergessen wurde und wird in der Geschichtsbetrachtung. Den Dichter stört die Vergeßlichkeit, die die Vergangenheit verachtet. Gescheit genug, verzichtet er darauf, die Vergesslichen mit der Nase auf die Vergangenheit zu stoßen. Diese Haltung macht das Politische poetisch. Grüneberger ist ein empfindsamer, aufgestörter Beobachter, der die Vergesslichen aufstört. Die so beschämten Leser werden sich nicht verstockt verstecken. Der Lyriker zieht sie mit seinen exponierten, poetisierten politischen Gedichten aus seine Seite. Statt bloß beschämt, fühlen sich die Leser vom Autor aufgerichtet und gestärkt in dem Willen, achtsamer zu sein. So läßt man sich Lektionen zur deutschen Geschichte leicht und gern gefallen. In den Gedichten wird die Geschichte zum Denkmal, das mehr als einmal zum Denken anregt. Das Prinzip der Grünebergschen Poetik ist, über das Existenzielle nicht nur zu philosophieren, sondern das Existenzielle in anschaulich-philosophischen Bildern beim Namen zu nennen. So werden konkrete Ursachen und ihre geistigen Wirkungen begreifbar. Auch, weil die Lyrik stets etwas Episch-Erzählerisches hat und dadurch die Zugänglichkeit, sprich Verständlichkeit, erleichtert. Auch ein Grund dafür, es nicht dabei zu belassen, die Geschichte von Ralph Grüneberger nur einmal zu lesen. Die Freude beim ersten Lesen ist zugleich die Vorfreude aufs Wiederlesen.
Um in seiner Ganzheit ein schönes Buch zu sein, das „Bunte Pleite“ wahrlich ist, gibt’s sechs Zeichnungen von Karl-Georg Hirsch nicht nur als beliebige Zugabe. Dem Künstler ist die deutsche Geschichte so wenig gleichgültig wie dem Lyriker. Hirschs Arbeiten sind irdisch-kräftig und kraftvoll, wie das Leben an sich ist.
Ralph Grüneberger: Bunte Pleite. Notizen aus der Provinz. Edition Ornament Bd. 7 quartus Verlag: Jena 2011, 72 Seiten.

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