Angekommen

Marga Riemann fühlte sich schlecht, gleich beim Erwachen. Wie immer in den letzten Jahren, seit ihr der Mann gestorben war, wachte sie früh auf, wenn es noch dunkel war, schon um drei. Dann, als sie merkte, dass es sie sogar auf dem Kopfkissen schwindelte, lag sie noch eine Weile, sie war wohl eingeschlummert.

Um vier stand sie auf. Sie bückte sich, um nach den Hausschuhen zu langen. Ihr wurde schwarz vor Augen. Der Blutdruck, die Doktorsche hatte gesagt, mit dem müsse sie sich vorsehen. Ihr Leib lag schwer auf der zerwühlten Bettdecke. Es gelang ihr hochzukommen, indem sie sich auf die Ellbogen stützte, bis sie stand, auf den bloßen Füßen. Es war kühl im Zimmer, sie schlief immer mit offenem Fenster, trotz des Autoverkehrs auf der Straße, der sie schon seit langem nicht mehr störte. Aber die Nacht war kalt, jetzt, im Dezember.

Mit schwerem, unsicherem Schritt tapste sie zur Tür. Angelangt, hielt sie sich einen Moment an der Klinke fest, wieder fühlte sie diese Blutleere im Kopf, ihr war, als würde sie erblinden, der schwarze Vorhang vor Augen wollte nicht weichen.

Sie musste einen Kaffee trinken und ihre Medikamente einnehmen. Gestern war sie leichtsinnig gewesen und hatte das Pillenzeug erst mittags eingenommen, beinahe hätte sie es vergessen. Die Rache der Doktorschen folgt auf dem Fuß, dachte sie. Was war das aber auch für eine Frau, immer in Eile, zu keinem Spaß aufgelegt, streng und prinzipiell, ließ nicht mit sich reden. Nein, sie hätte sich eine andere Frau Doktor gewünscht, aber der Sohn hatte sie zu ihr geschickt, und den Sohn durfte sie nicht enttäuschen, er könnte wegbleiben, und dann käme niemand mehr zu ihr. Außer der Doktorschen und morgens, noch vor dem Dienst, auf einen Husch die Nachbarin, die ihr immer die Zeitung hochbrachte.

Die Kaffeemaschine, kaum benutzt, hatte ihr der Sohn geschenkt, vor zwei Jahren, zu Weihnachten, weil sie ihm den Kaffee, wenn er kam, immer türkisch aufgebrüht hatte. Den türkischen Kaffee trank er mit angewidertem Gesicht und spuckte die Kaffeekrümel auf die Untertasse, und es hatte ihr wehgetan, wenn er vor ihr auf der Couch saß und die Augen verdrehte.

Bis die Doktorsche kommen würde, hatte sie Zeit. „Na, gut geschlafen, Frau Voigt?“, würde sie fragen, wie immer würde sie ein „Ja, gut, Frau Doktor“ von ihr hören. Was sollte sie ihr mit der Schlaflosigkeit kommen, damit kämpfen alle Leute in ihrem Alter, und Schlaftabletten kamen für sie nicht in Frage. Nicht für sie. Vielleicht noch tablettenabhängig werden, das fehlte noch.

Sie stellte das altmodische Radio an, das aus der Zeit stammte, als ihr Mann noch lebte. Es war ein Röhrenradio, groß und mit repräsentativem Gehäuse. „Wozu“, hatte ihr Mann gefragt, als sie ihn drängte, eines dieser neuen glänzenden Geräte aus dem Schaufenster zu kaufen, „der Ton unseres alten Radios ist gut, die Bedienung kinderleicht, was brauchst du altes Haus noch ein neues Radio? Und dann erbt es sowieso bloß der Sohn.“ Sie hatte ihn müde angeblickt, sie verstand ihn, er hatte Prostatakrebs im Anfangsstadium, und er wusste es, obwohl ihn der Arzt mit einer Blasengeschichte beruhigt und nur mit ihr, der Ehefrau, darüber geredet hatte. Das war vor einem Jahr gewesen, ihr aber schien es, als höre sie noch die leise, auf sie einredende Stimme des Arztes. Fast ein ganzes Jahr hatte ihr Mann noch gelebt, mit höllischen Schmerzen, aber gelebt.

Die Tasse in der Hand zitterte, als sie ins Wohnzimmer schlurfte, der Kaffee schwappte auf die Untertasse. Der Sessel stand so, dass sie einen bequemen Blick auf den Fernseher hatte. Der andere Sessel war der ihres Mannes gewesen, in dem war er dann gestorben. Eben hatte er noch irgend etwas gesagt, sie hatte es nicht richtig verstehen können, sie hatte das Hörgerät noch nicht im Ohr, und im selben Moment war sein Kopf auf die Brust gefallen. Sie hatte ihn gepflegt, er wollte, dickköpfig, wie er war, der Hermann, nicht ins Krankenhaus.

Sein Foto stand neben dem Fernseher, in einem Goldrahmen. Jedesmal, wenn sie zur Fernbedienung, die auf dem Tisch lag, griff, blickte sie erst mal hin zu seinem Foto, als wolle sie ihn um sein Einverständnis fragen, wie früher, als er noch lebte. Es war ein Urlaubsfoto, das jüngste, das sie von ihm hatte, Hermann lachte, sie wusste nicht mehr, worüber. Sie war auch drauf, neben Hermann, doch wenn sie auf das Bild blickte, sah sie nur ihn. An den Tag konnte sie sich gut erinnern, als eine Urlauberin die Fotos von ihnen geknipst hatte. In Thüringen waren sie gewesen, in Tabarz, in einem Heim, in dem sonst nur Ärzte und Anwälte Urlaub machten. Hermann hatte den Urlaubsplatz über seinen Betrieb ergattert, das war 1987. Und jetzt war Hermann schon lange tot. Sie überlegte einen Moment. Ach ja, gestorben ist er 98, jetzt haben wir 2005, also ist er sieben Jahre tot. Schon sieben Jahre. Sie schloss die Augen, sie nickte ein.

Es war halb sieben, als es klingelte. Die Nachbarin brachte die Zeitung vom Briefkasten hoch, wie jeden Morgen. Sie schreckte auf, wollte sich aus dem Sessel erheben, fiel wieder zurück. Heute wollte ihr aber auch gar nichts gelingen, sie musste sich an der Tischkante festhalten, damit sie aus dem Sessel hochkam. Wieder dieser schwarze Vorhang vor Augen, als sie stand.
Sie schlurfte zur Wohnungstür.

Der Sohn hatte auf ihr Drängen kopfschüttelnd drei Riegel an der Tür angebracht. Bedächtig öffnete sie einen nach dem anderen und zog die Tür einen Spalt auf. Eine Hand reichte die Zeitung herein. „Ich hab es eilig heute morgen“, sagte die Nachbarin, eine Frau in den Vierzigern, und war schon halb im Gehen. „Keine Zeit für unser Plauderminütchen.“

Sie stand noch einen Moment, bis das Geräusch der Nachbarstür im Treppenhaus verklungen war.

Im Wohnzimmer setzte sie die Lesebrille auf, blätterte die Zeitung um, las die Überschriften.
Nein, die Welt war nicht mehr schön, schon wieder Krieg, immer noch, im Irak, wo jetzt die Menschen starben. Wo es doch einmal hieß: Nie wieder Krieg. Damals, als die Bombennächte endlich vorbei waren. Was für eine Zeit war das gewesen. Sie blutjung und der Junge im Kinderwagen, und die Sirene heulte, und dann die Zeit in der Bunkerzelle, und als der Krieg zu Ende war, nichts als Trümmer. So sah es jetzt auch im Irak aus. Die Menschen lernten nichts aus ihren Kriegen.

Am besten wäre es, dachte sie, und sie dachte nicht zum erstenmal an ihren eigenen Tod, wäre es, ich fiele um, und weg wäre ich. Das ist keine Welt, in der ein Mensch noch leben möchte.
Sie hatte ihre Zeit gehabt, und jetzt war die Zeit herum, und jetzt musste sie ans Sterben denken.

Sie dachte nicht wirklich ans Sterben, aber sie stellte sich vor, wie es sein würde. Der Sohn würde an ihrem Bett sitzen, seine Frau, mit der sie sich nie vertragen hatte, würde er zu Hause lassen, und die Enkelin würde sowieso keine Zeit haben, zu ihrer sterbenden Oma zu kommen. Schade, dachte sie, dass die Zeit so schnell vergangen war, die Enkelin war erwachsen, und sie hätte ihr doch so viel erzählen müssen, von der Familie, ihrem Urgroßvater, wie es damals war in Berlin, mit der Arbeitslosigkeit und der schäbigen Einzimmerwohnung, und dann die Hitlerei und der Krieg, und dass sie Glück gehabt hatte, weil ihre Wohnung nicht zerbombt worden war.

Der Sohn würde also an ihrem Bett sitzen. Er würde sie mitleidig ansehen und wissen, dass sie wusste, was zu wissen war über das Sterben.

Und das Leben! Sie hielt inne. Arbeitslos war er jetzt, seine Frau war stundenweise irgendwo Putzhilfe, war ja auch nicht mehr die Jüngste und musste immer noch den Buckel krumm machen. Ein paarmal hatte er auf die Regierung geschimpft, weil sie ihm keine Arbeit gab. „Alles unfähiges Kroppzeug“, hatte er gewütet. Sie hatte ihm recht gegeben, damit er von seiner Wut herunterkam. „Wir hätten uns eben unser Land nicht wegnehmen lassen sollen“, sagte sie, aber er erwiderte nichts.

Sie erschrak, so spät schon! Sie schlug die Zeitung zu. In vier Minuten, pünktlich um halb acht, würde die Ärztin kommen und ihr die Diabetesspritze geben. In den Bauch, mit so einem neumodischen Gerät, das gar nicht wie eine Spritze aussah. Und wenn sie die Frau auch nur nach dem Wetter fragte, würde die nur nicken und zur Tür stürzen, sie war beschäftigt, man sah es ihr an.

Sie schleppte sich ins Bad. Wenigstens gewaschen musste sie sein, wenn die Ärztin kommen würde. Sie wusch sich mit dem Seiflappen unter fließendem Wasser, wie sie es immer getan hatte, damals schon, als sie mit Hermann noch in der schrecklichen alten Wohnung gelebt hatte, ohne Bad und Balkon. Hermann. Sie stellte sich vor, wie er immer in der Wanne saß, jünger als in seinen letzten Jahren und hager, dass man das Brustbein sah, er hatte bis zuletzt noch alle Zähne gehabt und lachte immer, um sie zu zeigen. Sie hatte ihn deshalb aufgezogen, er sei eitel wie die Jungfrau im Bade, die Bathseba, er wisse schon, das Bild von Rembrandt, nur nicht so schön und so mollig. Und dass er dann besonders laut lachte, daran erinnerte sie sich jetzt, wenn sie ihn mit der Bathseba ärgern wollte. Plötzlich war das Bild weg, sie sah wieder die leere Wanne.

Baden wäre schön, dachte sie, aber in die Wanne zu steigen war ihr zu umständlich und zu gefährlich, sie könnte ausrutschen, und dann wäre niemand da, der ihr wieder hochhelfen würde. Und sowieso, allein würde sie niemals auch nur in die Wanne hineinkommen, bei ihrer Figur, und das Zittern in den Knien, und wieder wurde ihr schwarz vor Augen, als sie den Kopf hob und in den Spiegel blickte. Wie eine Furie sah sie aus, die Haare wirr und die vielen Fältchen auf den Wangen, die Augenbrauen waren verschwunden.

Sehr langsam kämmte sie sich, sie nahm die Strähnen zwischen die Finger und zog die Bürste vorsichtig durch. Trotzdem blieben Haare in ihr hängen. Eines Tages würde sie mit Glatze herumlaufen, wenn sie sich allzu heftig kämmte. Ach was, herumlaufen. Niemand würde es bemerken, außer der Ärztin und der Nachbarin, sie ging ja nicht mehr auf die Straße. Und dem Sohn. Aber dem war es erklärlich, dass sie Haare verlor, er dachte wohl an seine eigenen, die auch schon schütter wurden.

Plötzlich wurde ihr wieder schwarz vor Augen. Sie griff zum Handwaschbecken, im Spiegel sah sie ihr Erschrecken, die aufgerissenen Augen. Sie glaubte, einen Schrei auszustoßen, als ihr der Fußboden unter den Füßen wegrutschte. Sie begriff es nicht mehr, dass sie mit dem Kopf auf dem Wannenrand aufschlug, sie spürte keinen Schlag, sie fand es angenehm zu fallen, ihr war, als schwebe sie.

*

So fand sie die Ärztin, die, als auf ihr Klingeln nicht geöffnet wurde, die Feuerwehr gerufen hatte: im Bad, auf den Fliesen liegend, mit aufgerissenen, schon gebrochenen Augen, die weißen Haare wie einen Heiligenschein ausgebreitet.

„Sie hat sich seit Wochen auf den Weg gemacht“, sagte die Ärztin tonlos. Der Feuerwehrmann verstand nicht. „So sagen wir Mediziner den Angehörigen“, sagte sie, als sie das verständnislose Gesicht des Mannes sah, „wenn wir wissen, es gibt kein Zurück.“

„Ach so, so meinen Sie das, jetzt verstehe ich …“

„Es ist der letzte Weg.“ Seufzend strich sie sich vor dem Spiegel die Strähne aus der Stirn, die ihr beim Bücken ins Gesicht gefallen war. „Sie ist angekommen“, sagte sie. „Ja, angekommen.“

Ein schwarzer Regenbogen quer durch den Himmel

Die Rede vom * wandelt sich. Im Grunde genommen fordert sie immer wieder neue Benennung. Denn unbenannt bleibt der wirkende Anfang von Himmel und Erde, Selbstbenennung erst bringt Natur hervor als Natur der zahllosen Dinge. Deshalb erkennt, wer nichts benennt, in der Anschauung feinste Feinheiten. Wer dagegen alles benennt, prägt Begriffe für die Erkenntnis des Feststehenden. So treten beide, Anschauung und Begriff, gemeinsam hervor; nichtsdestotrotz sind sie zu unterscheiden. In gemeinsamer Benennung zeigen sie das Erfahrbare. Da aber das Erfahrbare erfahren wird, öffnet sich die Erfahrung den Feinheiten.

Der Durchschnittsdeutsche

Herr Seckenpiel, von Stand und Ansehn Mann,
ein Angestellter bei dem Ministerium,
beweist der Welt, was er so stemmen kann.
Man staunt, der gute Mann ist ein Mysterium!
Was bringt Herr Seckenpiel wohl nicht zustande?
Er pfuscht herum in Lehrbüchern der Kinder,
er kommt mit Paragraphen schnell zu Rande,
und wenn er Zeit hat, mimt er den Erfinder.

Herr Seckenpiel, der kennt sich bestens aus.
Sei es in Rom die letzte Kirchenpredigt,
sei es der Rosenkavalier von Strauss,
die hat er fix, im Handumdrehn, erledigt –
er weiß die Antwort, was man ihn auch fragt.
Herr Seckenpiel ist unser großer Macher,
dabei ist er schon kahl und leicht betagt.
Er weiß Bescheid, kennt seine Widersacher.

Am Rande, das sei bitte nicht vergessen,
verschlingt er Nietzsche und den Kant,
will sich mit Rilke oder Goethe messen,
und ist von Kopf bis Fuß ein Dilettant.
Er schwitzt Poeme, öfter auch Gedichte,
hat sogar Meinung, wo er gar nichts weiß.
Bald geht er ein in Mommsens Weltgeschichte,
so dankt man seinem hehren Dichterschweiß.

Herr Seckenpiel ist gerne auch politisch.
Treu national, das sagt ihm der Verstand.
Beäugt, was links ist, allerschärfstens kritisch,
er liebt nun mal sein deutsches Vaterland.
Wer diese Welt ganz anders sieht als er,
ist von der Blage, die er herzlich hasst,
der hat’s bei Seckenpielen grottig schwer –
Herr Seckenpiel ist eben kein Phantast.

ulrike | katharina

ulrike hütet die stimmen von tieren
die wie menschen sprechen
in der nacht träumen die tiere
von raubmenschen die den schlaf bewachen
ulrike hütet auch die blicke von pflanzen
die menschen beobachten
in einem netz aus spinnenfäden
verfangen sich die seltsamsten wesen
steine eine hand voll erde
ganze meteoritenschwärme

katharina trägt ihr neues kleid und high heels
bei einem meeting will sie
einen text über die erträge des lyrischen ausdrucks besprechen
auch onkel wanja wird kommen
und fragen ob sie den sommer mit ihm
auf seiner veranda verbringen will
bei limonade guten gesprächen
und den immer erneuten blicken
hinaus auf die weizenfelder
und den wald am anderen ende der landschaft

katharina liest aus ihrem geld
poesie erfährt plötzlich einen mehrwert
ulrike zieht mit einer roten basecap
und einer flasche absinth in den wald
mitten durch ein wiederansiedelungsgebiet für wölfe
für großmütter gibt es so etwas nicht
in den netzen zwitschern die vögel
und kleintierjäger schmücken sich mit trophäen
ratten und wanzen
aufgespürt von einer meute unbemannter drohnen

katharina berichtet davon bei einem meeting
sie sagt sie hätte noch nie
so viele unglückliche zuhörer gehabt
und am ende liest sie
einen brief von ulrike vor
die weilt schon wieder in indien
oder kasch mir

Traumfänger

Ich bin ein Stück Land
in weiter See
und die Gedanken Gräser
auf den Deichen.

Immer wieder reißt das Meer
an meinen Hängen,
bäumt sich auf
und trägt mich ab,
wirft mit dem Sand,
was in den Fängen ist,
auf fremde Klippen.

Manchmal türme ich
mein Sehnen
auf die Hafenmauer,
damit ein Fischerboot
vor Anker geht.

Denn in den Meeresweiten
treiben Träume
in die Netze.

Niemals reichen sie
für mehr als einen Tag.

Monolog bei Regenwetter

Wie oft hat man mich angezählt,
wenn ich nur wüsste, was mir fehlt.
Vielleicht vom Schicksal jenes Stück,
das man bezeichnet als das Glück,

das Maul zu halten, wo es passt.
Und doch, ich bleibe ein Phantast,
nichts gebe ich auf Selbstbetrug.
Die Wahrheit reicht, die ist genug.

So mancher, der ganz seltsam denkt
und sich benimmt wie ferngelenkt.
Wenn der mit Lügen glücklich wird,
bemerkt er nicht, dass er sich irrt.

Ein andrer, der aufs Schweigen setzt,
der hofft auf den Triumph zuletzt.
Gibt sich neutral, als sei er Luft,
der Kerl ist ganz schön ausgebufft.

Zwei Stühle. Zwischen ihnen ich.
Nun ja, nicht grade wonniglich,
man sitzt bloß in der Lücke drin.
Doch auch ein Sitzplatz. Immerhin.

Missgeburt

Nun schreibt er täglich ein Gedicht,
mit dem er nächtlich schwanger ging.
Und er gebiert ein Leichtgewicht,
beäugt den dürren Abkömmling.

Das arme Ding, es rührt ihn sehr.
Er weiß um seine Vaterpflicht:
Verstoßen tät er’s nimmermehr.
Denn immerhin ist’s sein Gedicht.

Bertrand et Martine

Bertrand ist ein hauttyp. Jeden morgen geht er nackt in den kleinen park, drei straßenzüge von seiner wohnung entfernt – die leute nennen ihn den Warschauer Platz, weil sich dort abends polen treffen und von zuhause erzählen – und lässt sich von den krähen die haut blutig picken.

Es war nicht leicht, die tiere dazu zu bringen. Es bedurfte viel geduld, monatelanger anstrengungen. Zuerst brachte Bertrand den vögeln futter mit, teile von geschredderten hühnerküken aus der legebatterie am stadtrand. Sorgfältig verteilte er ein paar meter vor sich auf dem splittweg kükenköpfe mit schnäbeln daran, kükenbeine ohne flaum. Stundenlang saß Bertrand dann ganz still und unbeweglich auf der bank. Und wartete.

Nachdem sich die krähen trotz seiner anwesenheit getraut hatten, das bereit gelegte futter zu holen, verkürzte er nach und nach den abstand zwischen sich und den kükenteilen. Schließlich legte er diese auf seine ausgestreckte hand, seinen oberschenkel oder seine schulter. Später wiederholte er die zeremonie nackt. Bis die krähen begannen, das futter vorsichtig von seiner haut zu picken.

Dann ging er dazu über, die toten küken mit paketschnur an seinen nackten armen und beinen festzubinden, so dass die vögel nur mit gewalt an ihr futter kommen konnten und ihn dabei blutig picken mussten. Schließlich verzichtet Bertrand ganz auf die küken. Die krähen wurden wilder und gieriger. Am ende belohnte er sie mit ganzen küken anstatt nur teilen.

Eine alte frau von schräg gegenüber beobachtete Bertrand regelmäßig bei seinen übungen. Seine haut wurde unansehnlich und wund. Immer öfter blutete sie und entzündete sich.

Manchmal rezitiert Bertrand laut oder in gedanken gedichte von Rilke, Verlaine und Cummings.

Eines tages traf Bertrand Martine. Sie war neu in der stadt und sprecherin eines internetforums für junge borderlinerinnen.

All diese Sommer

Wohin sind die
Gleißenden Tage der Sommer,
Als wir bedenkenlos durch die
Grünen Himmel der Wälder liefen.
So leicht war’s ums Herz.

Göttergleich
Warfen wir uns in die Tage,
Gesang und Wein Anfang und Ende.
Doch kurz die Nächte des Juni,
kurz die Sommer.

Nun der kahle Herbst,
Grau drückt der Himmel auf die Dächer.
Schwer zu glauben, dass in diesen
Straßen, hinter diesen Fenstern
Jemals der Sommer war.

Chorin (7)

Bauwerk aus Raum und Zeit

Grundbestimmungen: Material, Melodie,
Gesamteindruck.

Elemente: Stein auf Stein, Ton an Ton.
Raum & Zeit, gegliedert.

Art der Ausführung: zum Vergleich –
Gransee im Norden, auch im Süden
klobige Genialität.

In einem Stück gedacht,
ein Art
geometrischer Moloch.

Nichts dergleichen
hier – –

das Denken des Schöpfers
war
gefiederte Schlange,
Metapher nicht & nicht Möchtegern,
eine Schöpfung
aus Atomen.

Die Frage bleibt: Panharmonie
oder erzwungenes Gleichgewicht?

Erst 1789 erkannte
der junge Gauß, dass
man das Siebeneck regulär
nicht bauen kann. Und
konstruiert daraus
das Siebzehneck.

Woher diese Musik?
Wie ist dieses beredte
Schweigen möglich?

Brummen bei fünfzig Hertz,
Herzschlag – – – oder Hintergrund?

Nur ein gelungenes Bauwerk
aus Raum und Zeit,
grazile Vorderfront ge
gliederter Zeit auf dem
nächtlichen Hintergrund des Vergessens
ihrer
unmerklichen Bewegung.

Mandel : stam

im Kulturprogramm, Blas
phemie mit Kapelle für
vier Instrumente.

Der Einlasser trägt den Taktstock
im Rücken, die Lichter
tanzen zu seinem Blues.

Die Frau auf der Bühne
gähnt nicht, der Fuchspelz nur
stellt ihr tanzend nach.

Vers chwisterung
eines Buchs voller Zeichen
mit nichts & niemandem, jetzt –

vier Instrumente
mit Blasphemie inner
Kapelle Kulturprogramm:

Mandelstam, für alle _ sto
gramm unnen Einbaum
für die Überfahrt :

* * *

da geht noch
mal
ein kurzer
ruck
durch die zeilen –

aber warum so trübe?

draußen hängt die sonne
als goldene dukate
am straffblauen himmel.

Mauern

Als ich in deinem Schatten saß,
lag noch Schnee auf den Bergen.
Von den Grashalmen zitterte der Tau
auf deine Hand.
Du flochtest Geduldsfäden
in dein Haar,
und aus deinem Mund sprangen Grillen.
Keine streifte mich
in jener Vormärzsonne,
als ich meine Finger zwischen Halmen verbarg.

Unsere Lippen hielten einander
nicht Wort.
Am Abend schlich das Schweigen
als Raubtier aus den Büschen.
Zwischen zwei Genickbissen
liebten wir uns manchmal
oder wir stiegen
unter rauchigem Himmel
auf Mauern,
die von innen
an die Schädeldecke stießen.

oktoberblue

wie spät ist es
der nordwind kennt keine grenzen
kalt ist mir
innen und außen

der herbst liegt
auf dem trottoir
in den blicken trüben sich
die farben eines ganzen jahres

frühsommer wäre schön
ein bisschen geld
fürs vergnügen
und ein wochenende am see

mit dir
wenn du da wärst
und mich lieben würdest
wie in den tagträumen

Dichtercourage

Wer nie das Wort gesucht,
Das eine, das unersetzbare, das flieht,
Das eingefangen werden muss
Mit dem Netz der Gedanken,

Und nun glaubt, er habe gedichtet,
Legt Hand an das Wort.
Der kennt nicht verzweifelte Nächte,
Der geht seinen Weg. Aber wohin?

Das Wort lichtecht machen,
In der Beleuchtung des Zweifels,
Des eigenen und dem der anderen,
Das ist es – und mit Unterschrift.

Offenes Wort

Die Sprache finden
deine Sprache, ein Kampf mit dir
selbst, kein Waldspaziergang
bei schönem Wetter, Gegenwinde
wehen dich um, es hagelt,
wenn du es nicht vermutest.

Kein Wohlfühlreich das Land
der Verse, Arkadien liegt
in Trümmern; um zu leben, isst der
der Mensch, das Messer an der
Kehle und sonst nichts, wir
existieren im Wirklichen.

Das Leben, die zahlende Kunst,
das Ungesagte zwischen den
Wörtern; schon ein Komma kann
alles verändern, und du stürzt
vom Himmel auf die Erde,
auf deine zwei Beine.

Die sarmatischen Jahreszeiten

Verkleidungskünstler im Winter : akrobatische
Übungen am verschneiten Weidezaun : Hangeln
über die Grundstücksgrenzen : gymnastische
Waage von Mann & Frau beim Tragen

der Wasserkrüge : Anbetung des Bauernkönigs
der auf wildgewordenem Gespann mit Einbruch
des Frühjahrs daherkommt : die Tänzerinnen
um den erblühten Apfelbaum wissen die Ernte

des Herbstes vorwegzunehmen : Hauptsache
es gelingt : den Farn : die verborgenste
aller Blüten : im Moment des Erblühens
zur Mittsommernacht anzubeten : sich mit den Bären

im Morgentau zu baden : dann hört der Pflug auf
Fessel zu sein : Kinderspiel
ist die Liebe : den leicht entschlüpfenden Fisch
fest auf den Rücken gebunden

Bobrowski

Weit Sarmatiens Himmel,
Tage wehten in brennender Bläue
über die Memel, in der Schläfe
die Schatten der Wälder.

Katzengleich schmiegten
weiße Städte sich an die
Ufer der Ströme, lautes Getön
an den Abenden.

Über Dörfern, den Dörfern
aus Tränen, lag die Nacht, lang,
und die Ebene schwieg in
riesigem Schlaf.

Gesungener Schmerz,
niemals verwunden – wen,
das Flüstern, die Zärtlichkeit,
berührten sie nicht.

Mandelstam

Der Schrei: stumm
wie ein Vogel
unter Wasser.

Gelb ist keine
Farbe, gelb
ist ein Symbol –

Menschen
weizen, jede Ähre
einen Kopf kürzer

nach der Ernte,
nach dem Anbrechen
unserer Zukunft.

Wir haben keine Zukunft.
Unsere Geduld ist am Ende.
Unser Ende längst vorbei,

so graben wir uns
durch Stunden
und Tage

als seien es Monate,
Jahre oder Menschen
alter

faschismus

schmiegt sich an dein ohr
das rauschen der zeit
verschwindet vom radarschirm
deine stimme
schhh
gesänge gespuckt in die waagschale
gegen den schmerz
bewegen sich die wörter
sicher in der luft
nehmen es mit papierfliegern auf
um die wette
fffhh
flüstern in dein haar
verstummen an deinem hals
werden rot
zeigen haltung
bei der frage nach dem eintritt des landes in den krieg
tzzzh
die eroberung des wassers
war lange schon abgemacht
vor der erfindung der meere
tak tik
tak
…… tik

schhh schhh schhh das rauschen der zeit jacek dreht sich um und starrt auf die kommode und den schrank in der fensterscheibe spiegeln sich eidechsen das telefon klingelt drrrh drrrh drrrh jacek schaltet den fernseher ein und zippt durch die kanäle atemlos durch die nacht … pft … ein flugzeug ist beim landeanflug auf die afghanische hauptstadt über dem hindukusch zerschellt … pft … seit wann wissen sie dass ihr sohn männer liebt … pft … ist die poesie des meeres der wellen und kormorane über der bucht … pft … nur noch drei tage sensationelle preisvorteile … pft … in der schublade liegt noch immer die hülle einer schlange die sich vor jahren dort gehäutet hat mutters schrei hallte durchs ganze haus die nachbarn liefen herbei als wäre gerade das jüngste gericht in vollem gange

Tante Adelheid erschreckt ihren Nachbarn (Relaunch)

Um es gleich vorweg zu sagen, die geschichte handelt nicht von Tante Adelheid und auch nicht von ihrem nachbarn. Sondern davon, wie der beton meine katze gefressen hat. Völlig unpoetisch.

In meiner schublade bewahre ich auf: eine alte polaroidaufnahme vom glück, ein tonband mit den stimmen meiner eltern und einen brief von dir. Die wände schmecken nach zement und tier.

In den höhlen der bruchsteinmauer hausen smaragdeidechsen, und am himmel über der autobahn formieren sich stare zu wabernden wolken, um den süden aufzubrechen.

Immer wieder lese ich deinen brief. Atmen heißt nicht zwangsläufig überleben. Es gibt arten von liebe, die gehören nicht in romane. Vielleicht eher als zutat in eine tütensuppe. Aber, das ist geschmackssache.

Das ende der haut naht. Seit geraumer zeit hatte es sich angekündigt. Am ende überrascht es mich doch. Ich ruhe aus von den vielen häutungen, echsen haben es da bekanntlich leichter.

Schwer fällt das licht auf mein kissen. Mein kopf sinkt tief in entendaunen. An einen isostatischen aufstieg ist nicht zu denken. Eher an verlustängste. Wo warst du, als ich schlief?

Die katze hatte mir lange über vieles hinweg geholfen. Die festigkeit von beton übersteigt bei weitem meinen puls in zu dünnen aortawänden. Auf gute nachbarschaft und auf Tante Adelheid!

Gestern habe ich angefangen, gedichte zu schreiben. Ich hetze durch bilder und versmaße. Öffne meine schublade von zeit zu zeit und warte, was passiert. Raumluftbefeuchter.

Im sprühnebel des morgens frühstücke ich endlich wieder einmal richtig. Appetit kommt nicht von großtierjagd. Auch nicht von drittklassigen tagebüchern. Sondern vom lesen deiner briefe. Das ist wie überlebenstraining im supermarkt und schlangestehen an der falschen kasse.

Tante Adelheid ist schon lange tot, und ihr nachbar auch. Die katze streunt durch den betonhimmel, ich streune durch ein stimmengewirr, das aus der schublade drängt. Ach wäre ich doch dichter geworden oder reich. Ich hätte meine haut dafür her gegeben. Jetzt behalte ich sie, ich habe mich an sie gewöhnt.

Drei versuche hat jeder, selbst im märchen.

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„Mit der Lichtgeschwindigkeit einer welken Tomate allein, im großen Garten, wo die Wüstennacht endet.“ (Zhenja am 13. März 2008).

Heimatkunde

Zu jenen Zeiten
als man die Lüge eine Lüge nannte,
als die Dichter Verse auf Flügeln schrieben,
überstieg der Wert eines Lebens
alles Menschengemachte.

Wir sagten Brot, wir sagten Wasser,
und wir meinten das Brot und das Wasser,
wir sagten Rosen, und wir rochen ihren Duft
schon beim Wort, und ein Apfelbaum
war ein Apfelbaum.

Die Zeit schlägt ihre Alterssitze auf,
sie spricht ihre genormten Wahrheiten aus,
die Dichter hausen in Eiffeltürmen,
und der Zeitwert menschlichen Lebens
bemisst sich in Nanosekunden.

Ich sage, meine Sonne
ist die Trauer, ich bin ein Schatten,
und ich weiß, wohin ich
fallen werde.

Mandelstam

als Vermittler, Ver
mittlung durch
einen Anderen. Zum

Beispiel Celan: Mandel
Stamm brennt,
der Blitz. Später

die glimmende, das brennende
Zigaretten Glut Laken
auf dem Gipfel

einer Nacht – Glut
von innen, in
sich zurückgedrängt.

Der Drang, ein Trieb, das Treiben
im Gehege – – zu eng unser
außen : wir du Sie

sind weil wir sollen: Und
müssen doch nicht, könnten
frei – – – wie

wir sind. So
trinke ich
diese Milch drei

fach: morgens, mittags
den Abend. In der
Ohrmuschel

weiße Perlen, Auster
ität und Litzen
kino,

Zeilen
bruch im
Quadrat. Ecke

im Kreis, der
elliptische, irdische
Mandelstam

Da ist kein Wort

Was ich hörte. Genug
Geräusche des Tröstens. Uns blieben
die Federn der Nachtvögel.

Deine Hand
auf meinem Haar. Sprich nicht, sagst du.
Als gäb es Gründe nicht
tausendfach.

Licht will ich. Und die Regen
die morgens niedergehen, spüren
auf der Haut.

Wie gefangen wir sind.

Bewusstlos mit June

Sie atmet die Chemie der Ölfarben, das Kobaltblau, das Smaragdgrün, das Rubinrot. Ich sehe sie am Tresen stehen. Sie analysiert mich mit ihrem Blick. Trinkt Espresso, liest Derrida, zersägt John Keats und Paul Celan. Ich schieße einen Apfel von ihrem Kopf und schaue ihr in die Clawdia-Chauchat-Augen. Sie soll die Lichter tanzen sehen. Scharf wie Korallen. Farbe ist ihr Parfum, Asbest ihr mokantes Lächeln.

Über den Unterschied von Phantasielosigkeit und kritischem Bewusstsein

A sagt: Die Schwalben fliegen tief heute.
K denkt: Als kämen sie bald unter die Erde.

A denkt: Warum hat es dieses Jahr nicht geregnet?
K sagt: Die strahlende Zukunft ist angebrochen. Juchu.

A singt: Jauchzet! Frohlocket! Und hält den Zettel fester.
K murmelt: Jauchzet, frohlocket. Ist das ein Kontrapunkt?

A murmelt: Nein, schön ist das nicht.
K: Was für göttlicher Schei0!
A: Scheiß? Kein Bus heute?
K: Sieh nur, da ist er schon.
(Murmeln, Frohlocken.)

K: Ist ‚räumlich‘ Adjektiv oder Adverb?
A: Adjektiv – sonst müsste es ‚räumlisch‘ heißen.
K: Wie in meiner Tasche – dauernd geht etwas verloren.
A: Na, macht nichts. Hier hast du. Da.
(A und K wie K1 oder 2 – „Gemeinsam sind wir stark.“)

A: Venceremos!
K: Wer? Wen?
A: Wir. Sie.
K: Mandiba, hilf.
(Ein Motorrad fährt vorbei.)

Aussicht

Silbern der Fluss,
Der Tag gelb, abgeerntet.
Die Ebene geweitet zum Horizont.
Der Baum allein, im Schlaf des Schattens,
zerrissen die Rinde.

Drei Kraniche
Im Stoppelfeld. Gegen West blicke ich,
Sinkende Sonne im Gesicht. In der
Grassenke ein rotes Dach.

Stein birst
Unterm Schlag eines Distelfalters.
Eschen hier oben zitternd,
Das Herz im Geäst. Die Hügel fern,
Versunken im Treibsand.

Tagmüd die Gräser,
Wach ein Vogelschrei. Ob mich
Der schwarze Adler fängt, er kreist
Um den Bergfried, zeternd,
ein Vogelgott.

Das Leben ist kein guter Vorgesetzter

Ob ich einsam bin, fragst du, als ich am geöffneten Fenster den Regen betrachte. Im Fallen liegt eine Ruhe, eine Selbstverständlichkeit, der ich mich nicht entziehen kann. In der Scheibe verschmelze ich mit einer Tanne, zwei Formen, ineinander und doch getrennt. Wir zeichnen uns stets mit unseren Grenzen von der Welt ab; vielleicht ist es der Preis einer dritten Dimension, dass es kein Ineinander und Zugleich gibt, wie es das Bild im Fenster vorgaukelt, sondern nur ein Nebeneinander, und jede Annäherung lässt uns anstoßen, anecken – das Wesen unserer Körper, das Wesen der Menschen an sich. Jede Umarmung ist nichts als ein Versuch, aus diesem vorgegebenen Konzept auszubrechen, und doch zerfällt die Illusion.

„Weißt du“, sagst du, „das Leben ist ein Fallen.“ Und ich entgegne: „Ich habe dich nur ausgedacht. Du hast kein Gesicht, weil meiner Geschichte die Worte fehlen. Dir mangelt es an allem. So kann ich dich nicht ernst nehmen.“ Im Stillen stimme ich dir zu.

Manchmal gehe ich durch die Straßen und beobachte die Menschen. Die Häuser liegen so dicht aneinander, dass eine Wand zwei Gebäuden gehört. Ob sie glauben, durch diese Mauer die eigene Einsamkeit zu überwinden? Welch lächerlicher Versuch. Wir werden in etwas hineingeworfen, was sich Leben nennt, ohne den Grund dafür zu kennen. Es behandelt uns wie unmündige Kinder, erklärt uns weder Sinn noch Zweck. Wir bleiben im Unwissen darüber, wie viel Zeit uns zur Verfügung steht. Ein tyrannischer Vorgesetzter, der sich nicht mit den Belangen Untergebener befasst. Als ich am Laternenpfahl ein Netz sehe, so fein und einzeln in die Welt gebaut, muss ich an all die Füße denken, die das Pflaster treten, und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass wir auch über Fäden balancieren, nur mit Beute ein Ziel.