Heimatkunde

Zu jenen Zeiten
als man die Lüge eine Lüge nannte,
als die Dichter Verse auf Flügeln schrieben,
überstieg der Wert eines Lebens
alles Menschengemachte.

Wir sagten Brot, wir sagten Wasser,
und wir meinten das Brot und das Wasser,
wir sagten Rosen, und wir rochen ihren Duft
schon beim Wort, und ein Apfelbaum
war ein Apfelbaum.

Die Zeit schlägt ihre Alterssitze auf,
sie spricht ihre genormten Wahrheiten aus,
die Dichter hausen in Eiffeltürmen,
und der Zeitwert menschlichen Lebens
bemisst sich in Nanosekunden.

Ich sage, meine Sonne
ist die Trauer, ich bin ein Schatten,
und ich weiß, wohin ich
fallen werde.

Mandelstam

als Vermittler, Ver
mittlung durch
einen Anderen. Zum

Beispiel Celan: Mandel
Stamm brennt,
der Blitz. Später

die glimmende, das brennende
Zigaretten Glut Laken
auf dem Gipfel

einer Nacht – Glut
von innen, in
sich zurückgedrängt.

Der Drang, ein Trieb, das Treiben
im Gehege – – zu eng unser
außen : wir du Sie

sind weil wir sollen: Und
müssen doch nicht, könnten
frei – – – wie

wir sind. So
trinke ich
diese Milch drei

fach: morgens, mittags
den Abend. In der
Ohrmuschel

weiße Perlen, Auster
ität und Litzen
kino,

Zeilen
bruch im
Quadrat. Ecke

im Kreis, der
elliptische, irdische
Mandelstam

Da ist kein Wort

Was ich hörte. Genug
Geräusche des Tröstens. Uns blieben
die Federn der Nachtvögel.

Deine Hand
auf meinem Haar. Sprich nicht, sagst du.
Als gäb es Gründe nicht
tausendfach.

Licht will ich. Und die Regen
die morgens niedergehen, spüren
auf der Haut.

Wie gefangen wir sind.

Bewusstlos mit June

Sie atmet die Chemie der Ölfarben, das Kobaltblau, das Smaragdgrün, das Rubinrot. Ich sehe sie am Tresen stehen. Sie analysiert mich mit ihrem Blick. Trinkt Espresso, liest Derrida, zersägt John Keats und Paul Celan. Ich schieße einen Apfel von ihrem Kopf und schaue ihr in die Clawdia-Chauchat-Augen. Sie soll die Lichter tanzen sehen. Scharf wie Korallen. Farbe ist ihr Parfum, Asbest ihr mokantes Lächeln.

Über den Unterschied von Phantasielosigkeit und kritischem Bewusstsein

A sagt: Die Schwalben fliegen tief heute.
K denkt: Als kämen sie bald unter die Erde.

A denkt: Warum hat es dieses Jahr nicht geregnet?
K sagt: Die strahlende Zukunft ist angebrochen. Juchu.

A singt: Jauchzet! Frohlocket! Und hält den Zettel fester.
K murmelt: Jauchzet, frohlocket. Ist das ein Kontrapunkt?

A murmelt: Nein, schön ist das nicht.
K: Was für göttlicher Schei0!
A: Scheiß? Kein Bus heute?
K: Sieh nur, da ist er schon.
(Murmeln, Frohlocken.)

K: Ist ‚räumlich‘ Adjektiv oder Adverb?
A: Adjektiv – sonst müsste es ‚räumlisch‘ heißen.
K: Wie in meiner Tasche – dauernd geht etwas verloren.
A: Na, macht nichts. Hier hast du. Da.
(A und K wie K1 oder 2 – „Gemeinsam sind wir stark.“)

A: Venceremos!
K: Wer? Wen?
A: Wir. Sie.
K: Mandiba, hilf.
(Ein Motorrad fährt vorbei.)

Aussicht

Silbern der Fluss,
Der Tag gelb, abgeerntet.
Die Ebene geweitet zum Horizont.
Der Baum allein, im Schlaf des Schattens,
zerrissen die Rinde.

Drei Kraniche
Im Stoppelfeld. Gegen West blicke ich,
Sinkende Sonne im Gesicht. In der
Grassenke ein rotes Dach.

Stein birst
Unterm Schlag eines Distelfalters.
Eschen hier oben zitternd,
Das Herz im Geäst. Die Hügel fern,
Versunken im Treibsand.

Tagmüd die Gräser,
Wach ein Vogelschrei. Ob mich
Der schwarze Adler fängt, er kreist
Um den Bergfried, zeternd,
ein Vogelgott.

Das Leben ist kein guter Vorgesetzter

Ob ich einsam bin, fragst du, als ich am geöffneten Fenster den Regen betrachte. Im Fallen liegt eine Ruhe, eine Selbstverständlichkeit, der ich mich nicht entziehen kann. In der Scheibe verschmelze ich mit einer Tanne, zwei Formen, ineinander und doch getrennt. Wir zeichnen uns stets mit unseren Grenzen von der Welt ab; vielleicht ist es der Preis einer dritten Dimension, dass es kein Ineinander und Zugleich gibt, wie es das Bild im Fenster vorgaukelt, sondern nur ein Nebeneinander, und jede Annäherung lässt uns anstoßen, anecken – das Wesen unserer Körper, das Wesen der Menschen an sich. Jede Umarmung ist nichts als ein Versuch, aus diesem vorgegebenen Konzept auszubrechen, und doch zerfällt die Illusion.

„Weißt du“, sagst du, „das Leben ist ein Fallen.“ Und ich entgegne: „Ich habe dich nur ausgedacht. Du hast kein Gesicht, weil meiner Geschichte die Worte fehlen. Dir mangelt es an allem. So kann ich dich nicht ernst nehmen.“ Im Stillen stimme ich dir zu.

Manchmal gehe ich durch die Straßen und beobachte die Menschen. Die Häuser liegen so dicht aneinander, dass eine Wand zwei Gebäuden gehört. Ob sie glauben, durch diese Mauer die eigene Einsamkeit zu überwinden? Welch lächerlicher Versuch. Wir werden in etwas hineingeworfen, was sich Leben nennt, ohne den Grund dafür zu kennen. Es behandelt uns wie unmündige Kinder, erklärt uns weder Sinn noch Zweck. Wir bleiben im Unwissen darüber, wie viel Zeit uns zur Verfügung steht. Ein tyrannischer Vorgesetzter, der sich nicht mit den Belangen Untergebener befasst. Als ich am Laternenpfahl ein Netz sehe, so fein und einzeln in die Welt gebaut, muss ich an all die Füße denken, die das Pflaster treten, und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass wir auch über Fäden balancieren, nur mit Beute ein Ziel.

Flucht und Wiederkehr X

Mit spitzen Krallen und tiefschwarzem Blick stolzieren Raben über verwitterte Kapitelle.

Einst streckten auf diesen Säulen – blind  geworden ob  des ewigen, gleißenden Lichts – Heilige ihre Hände in die flirrende Luft und riefen ferne Zeiten an.

Noch immer starren ihre geistigen Schatten – krächzen und krähen,  lechzen zu sehen.

Eidechsen huschen zwischen Rissen und Sand; in der Ferne, bei den knorrigen Büschen, überladen Zikaden die Hitze mit grellem Laut.

Da den Blinden flinke Körper schlangengleich um die Glieder strichen, da die schrillen Töne tagaus, tagein wie Sirenen in ihre Ohren drangen, stürzten sie sich, stets halbverdurstet und nach göttlichen Visionen – dem Lohn ihrer Mühsal – hungernd, hallizunierend in die Wogen der Anderswelten, mischten Mythen den einzigartigen Sinneseindrücken in Denken und Fühlen bei.

Sind wir, mag sich ein heutiger Beobachter dieses Ortes fragen, dem Wirken und den Wünschen dieser Menschen wirklich so fern?

In unserem Versuch auf Bildschirmen in unendliche Informationsgewebe zu starren, umhüllt vom Summen der Lüfter, Brummen der Kühlschränke und Flugzeuge, dem Rauschen des Stadtlärms, dem Vibrieren der Handcomputer, deren kühle, glatte Oberfläche tagein, tagaus auf der Haut gleitet — sind wir in diesem Versuch – uns auf der Suche nach dem höheren Mehr stets schneller ent- und ver-werfend – nicht dem Ursprung der Existenz dieser Einsiedler immer näher gekommen – und blinder dem Frieden leisen Lebens?

Was in ihren unruhigen Zeiten Einzelne in aufopfernder Vertretung für alle unternahmen – ihr Leben der Gnade Gottes zu weihen, auf dass die erlittenen Qualen und die offenbarten Erfahrungen jenes Weges der Erlösung von weltlichem Leid diene, und diese Erlösung dann, im Zeichen ihres Meisters, von den Heiligen auf alle Menschen ihrer Wirkungsstätten übergehe — ist jenes dieser Tage ein Massenphänomen geworden? – Unüberschaubar große Heere digitaler Heiliger, in fliegenden Büchsen, auf federnden Rädern, in Parks und an Straßenecken: steinern die Blicke, versunken im Fort.

Konsumwünsche, Statusmeldungen – Gebete erfüllen monetarisierte Äther, zuckenden Augen naht rasende Zukunft, und über den Häuptern brauen hochfrequente Zischgewitter unablässig neue Mythen. Unser Vermächtnis: riesenhafte Kabelstränge, dick wie Säulen – erbrochene Zeit.

Eifersüchtig\\Entgleisen

„Ich bin soeben aus Darmstadt gekommen.
Worauf, auf wen bist du eifersüchtig?“
Eduard streifte seine Floris van Bommel noch
am Eingang ab und zog sich die ziegenledernen
Handschuhe umständlich aus. Die Auftraggeber
hatten sich früh verabschiedet, der Wein war sauer,
der Braten fett gewesen. Abends wurde exerziert.
Und die Freunde der Zitronenpresse konnten es sich
leisten, ihn zu düpieren. Eduard hatte die ganze
Nacht Aufstoßen. Sicher wurde heute ein Tag,
an dem die Sonne nur bleiern schien. Aus dem blassgelben
Wohnzimmer zog eine dünne Rauchsäule. „Eifersüchtig?
Eduard, Darmstadt ist die Moderne, aber du holst da
einfach nichts für uns raus.“ Vyvyan lag auf dem Sopha.
„Du hast mir den Himmel ohne Sterne gebracht.
Die Gassen da unten riechen faulig, nur hier oben
lässt es sich aushalten.“ Er zeichnete mit den nackten Füßen
Linien in den Samt. „Du denkst, es ist Liebe, doch
für mich ist es Schmerz. Du wirst es noch dazu bringen,
dass ich aus Langweile zur Kur fahre.“ Vyvyans Makel
waren die zu lang gewachsenen Zehen, die er sich in
Abwesenheit Eduards am Schneesternlüfter gestoßen hatte.
Er zog erneut an der Zigarette und legte die Stirn in Falten.
„Eduard, du bist dabei, dir mit deiner Solopartie selbst
zu entgleiten. Zu entgleisen. Eine Straßenbahn.
Todesangst ist durchaus legitim.“

 

 

Bildergebnis für speisezimmer

Schöner wohnen, besser leben: Der Architekt und Innenausstatter Peter Behrens entwarf 1901/02 sein klar geordnetes »Wertheim-Speisezimmer«.

© 2017 Frankfurter Neue Presse

Deutsche Vita

Leben, aber wie.
Zurück zur Kindheit mit der
ungeprüften Gewissheit,
Leben müsse so sein?

Die Steine
immer schon so in den Mauern
der Stadt, die Heimat ist aus
unbekanntesten Fernen?

Über uns die Wetter.
Die großen Winter locken
mit blakenden Feuern, in denen
Nacht und Glut erfrieren.

Wir leben! Sie schrieben
es einst an die Mauerstümpfe.
Groß die Angst, wir buchstabieren
zwei Wörter nach.

b

fließen stimmen den abhang der zeit hinab
drängt gedankenschutt zu tal
im netz der landschaft
verfangen sich die letzten flüssigkristalle
einer früheren epoche
geh ich den weg der monde und gestirne
sind sanduhren gefüllt mit falterstaub
erinnerungen einsamkeiten
schwarze löcher
bleibst du bleibe ich
stehen
staunen wir
fülle ich noch einmal die zeit mit moränen
rotkehlchen gesängen stille
stille
so groß wie zwei karseen im winter
so weit die arme reichen
die hände begreifen
deinen leib unter schnee
den amselleib
lass die haut blühen im frühling
mit den himmelsschlüsseln
buschwindrosen auf rabatten zwischen kieswegen
und mauern
zählen wir magnetisch im schwerefeld der liebe
21   22   23   schatten legen sich neben uns
durchschnitten von einem strom aus stimmen
können wir durch glas gehen
mit den zugvögeln kehren die raketen zurück
die flakgeschütze landminen kindersoldaten
in aussichtslosen stellungen an einem abhang
reicht weit der blick über nomadenzelte

Manchmal häutet sich

die Zeit,
und aus dem Innern tönen
Melodien früher Träume.
Die Adern pochen leis den Takt.
Als Ahnen hallt ein jeder Ton
Sekunden in mir nach.

Dann finde ich dich noch
in Harmonien
zwischen Tag und Schlaf.

Der Hüter der Herde

Der Hüter der Herde ist allein : ohne sich einsam zu fühlen
Sonne : Gras : Mondschein sind seine Begleiter
Er sieht sie : er fühlt sie und daher liebt er

Er denkt nicht darüber nach : weil er nicht nachdenkt
Spürt er keine Einsamkeit : keinen Haß : keine Rache
Weil er nicht nachdenkt : ist er nicht enttäuscht

Wer kann den Mondschein hassen : vom Gras enttäuscht sein
Sich an der Sonne rächen : der Hüter der Herde
Spricht mit allen : indem er schweigt

Citron

Ich stand vage
sie sagte,
mit deinem fernen distanzierten
blick,
und lehnte

im Türrahmen wie eine figur
aus japanischem
porzellan –

Scheue Wildtiere wollen
gezähmt sein.

Es, es war ihre,
die gehst du mit mir spielen
– Stimme,

quer im Raum, wechselseitig,
ohne Anfang – oder Ende
around
around, in der Mitte.
Esther,
schwerelos,

ihr herber
Geschmack,
Zitronensoufflé.

In jenem Moment
als das Gemisch
aus Hitze und Monotonie
und Trunkenheit –
brodelte –

[…]

Eduard schüttete schwarzes Pulver in eine lackierte Schale, wartete darauf, dass das Wasser zu kochen begann. Vyvyan lockerte seine Samtjacke und hörte au fond de la ballet. Für Esther war es genug, nur einen Rotwein zu trinken. Und fehlerhaft zu lesen. Oder den ganzen Abend schweigend in der Sofaecke zu sitzen.

 […]

 Eifersucht ist ein Spiegel, aus den Scherben der Geschwätzigkeit zusammengefügt.

Flucht und Wiederkehr IX

Herr, schnell! Dreh eine neue Zeit,
dass bald wieder bunte Tage werden
einer schwarzmilchig befllissenen Welt!
An vom Eise befreiten Strömen
erlöse uns, die wir selbstverwunschen
nach Vergebung lechzen
als totgeglaubter Friedensspross.

Ewiger Sommer –
weich schimmert Licht.
Dein sanftes Gesicht
streicht  alle Winde,
treibt aus –
ein Lächeln, ein Schwingen –
herzblutig rinnendes Ringen
erspiegelter Zeit.

Erst hell und grün, nun bräunlich –
da welken sie dahin.
Wenn scharf und kühl
ein and’res Windchen weht
und Dunkel täglich wächst
irrt’s klamme Volk
in Klagemut gehüllt
umher,
sucht Holz und Pilz‘
bei feuchten Nebelgeistern.

Schneeweiße Nacht
und
endlos langend rauchen Schlote.
Ausharrend: Halbtote
in engen Verschlägen.
Ein leiser Gesang
ruft an
eine höhere Macht.

Heim zu dir

Nicht die Stunde,
das Leben neu zu leben,
ohne Vergangenes zu verwerfen.
Schmaler werden die Abende.

In sich zu ruhen. Das Leben
zu leben inmitten, wer das
könnte. Suchen, solang
deine Zeit währt.

Und lieben. Farben des
Herbstes noch einmal und wieder.
Die Winter wechseln
in ewige Sommer.

Der Wachtraum Leben.
Arbeit, bis dir der letzte
Hahn kräht. Sacht, unmerklich
kommt das Begreifen.

Chorin (6)

Die Landschaft

Abgetaut alles Eis, nur im Winter
manchmal
materialisiert sich die Erinnerung.

Parsteinwerder schiebt
seine Zunge in den See
wie ein junges Mädchen ihren Geliebten küsst.

Vor der Endmoräne
angestaut
stilles Wasser, tief.

Deine Wimpern, die Bäume
hängen
kopfunter in den Himmel –

Ostern ereignet
sich
im Schilf. Flöte & Oboe,

im Schlaf. Diese
Landschaft:
ein einziges Fallen.

Fallen sich Menschen
in die Arme, fällt
dir niemand in den Rücken.

Geboren in Herzsprung, von Serwest
her
knackt es im Gebälk des Kirchturms.

Der südliche Wald
fast noch
ein Park.

Hier ließ man
die Fische wandern,
hieß sie springen bergauf.

Nach hundert Jahren
dann
hatte die Wasserscheide sich verschoben.

All die Erinnerung
zu rekonstruieren, Eis taut
bis an die granitene Pforte &

Steine sprechen. Steine
sprechen nicht – mehr, mehr!

Über die Ästhetik der Volksverbundenheit in einer schriftlosen Kultur

1. Gedichte müssen leicht verständlich sein. Wünschenswert ist der Reim, ein Gleichklang in Verbindung mit einem – festen – Metrum immer an der gleichen Stelle.

2. Gedichte müssen auswendig gelernt werden. Wünschenswert wäre ein entweder erbaulicher oder moralischer – d.h. an sich wertvoller – Inhalt.

3. Gedichtbücher müssen dem potenzielllen Leser und seinem Stellvertreter in der bürgerlichen Gesellschaft – dem Käufer – immer auf Augenhöhe begegnen. Es darf sich also weder um Bückware noch um Deckenabstützungen – etwa in eingerüsteten Innenräumen – handeln.

* * *

Anm.

Hier ist nun der Ort, den Humischen Zweifel aus dem Grunde zu heben. Er behauptete mit Recht: daß wir die Möglichkeit der Kausalität, d.i. der Beziehung des Daseins eines Dinges auf das Dasein von irgend etwas anderem, was durch jenes notwendig gesetzt werde, durch Vernunft auf keine Weise einsehen. Ich setze noch hinzu, daß wir ebenso wenig den Begriff der Subsistenz, d.i. der Notwendigkeit, darin einsehen, daß dem Dasein der Dinge ein Subjekt zum Grunde liege, das selbst kein Prädikat von irgend einem anderen Dinge sein könne, ja sogar, daß wir uns keinen Begriff von der Möglichkeit eines solchen Dinges machen können

gez.  Thomas? Berhhard??

Chorin (5)

Geschichte

Neun zu elf wie elf zu dreizehn,
annähernd? Woher
die Gewissheit, dass es morgen
genauso werden könnte
wie es heute
ist?

Aber wie
ist es denn?

Ruinen wachsen & wachsen
wieder empor,
verschollen
ihre einstige
Grazie.

Wieder wachsen
die Illusionen, annähernd
alles wird gut –

dem Besseren feind
bleibt es, was es
ist … ewig
unwirklich; bleibt

nichts als Schattenland
aufgeplusterten
Trümmergefühls:

Verglichen mit der Zeit
ihrer Entstehung ist
jede Renaissance
bereits eine Lüge.

Schaffet das Neue! Was
hat es mit dem
Alten zu tun?

Romantik ist Lüge
im Quadrat.

Barock war die Er
findung des Falschen,
der Fälschung.

An der granitenen Pforte
aber
entscheidet sich das
Schicksal, Klima für
hundert Jahre.

Triple

Aus unendlichen Sehnsüchten steigen
endliche Taten wie schwache Fontänen

(Eduard, Vyvyan und der Professor treffen sich in der Akademie)

„Wir haben noch eine andere Dame zur Auswahl. Sie ist selbstverständlich nicht alt. Sie ist reif. Es hätte Vorteile. Stil bildet sich erst ab einem gewissen Alter heraus. So wäre es auch Jugendstil.“

„Jugendstil… ich bin kein Freund dieses Begriffs, Eduard. Er riecht zu sehr nach München. Sag bitte Sezession oder Art Nouveau. Und fang mit Rilke an. Mit Initale. Erfinde das neu. Herr Professor, Sie rügen mich, weil ich in Begleitung Eduards bei Ihnen erscheine. In Begleitung eines Kunsthistorikers. Nun, Eduard und ich ergänzen einander. Wir sprechen über Tiere und meinen uns selbst. Eventuell noch die Dame mit dem Fuchspelz. Und stellen Sie sich vor, Eduard und ich wären zusammengewachsen. Dann müssten Sie ihn in Kauf nehmen.“

 

 

Casting

Der Wunsch,
niemandes Zeitgenosse zu sein,
nicht dieser Zeugen, nicht dieser Orte,
nicht des Wahnwitzes Zeit.

Die Wahrheit
liegt im eigenen Anblick, der uns
erschüttert, solange wir
das Innere des Spiegels suchen.

Ins Schweigen fallen
am Ende. Die Rollen besetzen, sich
ein Bild machen, das sich auf dem Markt
der Gesichter verkaufen lässt.

Chorin (4)

Chor

Abschluss sieben Zwölftel, selten
gebaute Version. Ob
das wohl die Idee
einer Stimme war, einer
Stimme inmitten?

Interferenz eines Glocken
tons, dem die Glocke
abhanden kam,
mit einer Kammer –
Zelle genannt?

Oder Superstrat
wilder Gänse in
mitten dieser Landschaft,
Richtstätten hinterm
Tanzplatz in den Lüften?

Kondakion
einzig, Teil
einer übergreifenden
Erzählung, Erzählung aus den Lüften.

Nach dem siebten beginnt
etwas Neues: Wandel
gang, zur Treppe
aufgetürmt!

So steigt diesen Weg empor,
denn
das Wesen
will diese Welt erlösen,
steigt auf bis zur Dreizehn

und verabschiedet es, auf dass
im Gedächtnis es
blühe,
wirke &
gut uns beschließe.

Sieben Zwölftel, ein Problem:
das Zwölfte als
die Mitte zwischen gestern
und morgen, Mittag
fortschreitender Addition? Oder
waren es immer schon
die Elftel, auser
sehen der Dreizehn
annähernd
Paroli zu bieten?

Himmelselegie

Hinab die Wolkenstraße,
wo der Mond im Herzen der Nacht
Aufenthalt nimmt. Hinab,
Träumerin.

Gebrochen flammt, was mich
sehen lässt. Trunkener Sturz eines
glühenden Kometen. Es ist
seine Stunde.

In der Dünung der Wolken
ein verzweifelter Planet, hilflos.
Tief drunten, unterm Sonnenrand, nackt,
im Werden der Tag.

Kürzeste Bilanz

Einmal, im Wust der Worte,
als alles gesagt war, einmal
gab es da einen Laut wie einen
kleinen Schrei, der nicht sein sollte,
der aus der Kehle kam oder
aus der Hölle.

Einer saß hinten am Tisch,
der sah keinen an, der hatte
zuviel gehört, zuviel gesehen,
der wollte nichts mehr wissen,
für den war alles geschehen.
Und dann dieser Schrei.

Als der so dasaß,
den Kopf in den Händen,
sein Glas, das wievielte, halbvoll,
da wusste ich, wer braucht denn
Worte, wenn ein Schrei
schon alles sagt.

Chorin (3)

Proportionen

Observatorium oder Gotteshaus,
Höhle oder System
von Kornkreisen?

Mein unförmiger Körper lässt
sich
in keiner anschaulichen
Beziehung zum Geist denken –

so verzichte ich
denn,
verzichte vorerst
auf mein Observatorium hier
& jetzt.

Verzichte
auf die Instrumente,
Luftkanäle & zitternde
Saiten.

Verzichte auf
die Freude – und doch!
warum sollte ich;
selbst
im Verzicht noch ist
Freude, Freude.

So will ich die Musik
also
ausschließlich denken:

Die Hälfte zeigt den Grundton an,
deren Hälfte etwas Neues.

Das Neue sei mir neu,
Intervall
in mir. In sich

gewinnt es seine Dif
ferenz zum Anderen –

anders klingt es
gedrittelt
in dem Ganzen; drei

zu vier will ich
hören mit
anderen Ohren – –

bis hinauf
zum Septem.

Nach den Blumen die Segel

Wie es sich entfaltet,
dieses Leben –
aus dem Erdreich durch
die Lüfte zum Licht!

Elfen hinter der
Scheibe, Scheibe
auf
der wir alle
geboren … wir

vergessen manchmal
den Raum, den
Raum aus
dem wir entsiegen.

Die Blumen, die Segel.
Eine Hose im Wind,
Windeseile
zwischen zwei Atem

Zügen. Zogen. Sie. Alle
dahin

Flucht und Wiederkehr VIII

Obschon der Belagerungsring der alevitisch-schiitischen Allianz gestern nach dreiwöchiger Unterbrechung wieder geschlossen wurde, hat eine Sunnitenmiliz in Aleppo angeblich achtzig Prozent eines loyalistischen Stadtviertels (Al-Amiriyah) eingenommen.

Währenddessen ich die Ruinen des einst eintausendfünfhundertzimmrigen Palastes von Knossos besichtigt habe, sind junge, angeberische Engländer auf Quad-Bikes die Partymeile von Malia, an der mein Bed-and-Breakfast liegt, hoch- und runtergesaust – um diverse Gruppen fish-and-chips-geschwängerter, abschleppbereiter albionischer Landfrauen, umhüllt von Wolken billig gefälschten Markenparfüms, das in hiesigen Souvenier-Shops ab drei Euro erhältlich ist, laut ratternd zu beeindrucken.

Da ich diese Zeilen schreibe, zieht aus dem Erdgeschoss Zigarettenrauch in den ersten Stock, und übertüncht den Jasminduft der Hotel-Hecke: unter meinem Balkon sitzt eine Gruppe männlicher Deutscher, Anfang zwanzig, jammert in Bezug auf dreißig Stunden Arbeit am Stück, räsoniert darüber, was sie auf dem Rechner haben. Die Nächte in Kreta sind stets lau. Es ist der Todestag des Vaters meiner Frau und sie zieht sich zurück. Ich tippe auf meinem Handy herum.

Die Deutschen lachen angetrunken, Elektro-Handymusik schallt nach oben, wird übertönt von dem einsetzenden Sound der Clubs und dem Hupen, Rufen und der vibrierenden nächtlichen Luft, die Anfang-zwanzigjährige stets vor Mitte-dreizigjährigen selbstbewußt zu beanspruchen wissen.

M-V hat AfD gewählt lese ich, Usedom zu 52,4% AfD+NPD. So what? Alles so fern, was mich früher extrem gestört hätte, ist ein Fliegenschiss der Zeitgeschichte – heute habe ich den Diskos von Phaistos, die Kykladenidole und die Schlangenpriesterin im Museum von Heraklion live! gesehen.

Ist dumm. Genau der. Schallt es von unten. Hoch zieht, einmal mehr, Zigarettengestank. Ausm Arsch. Vom angrenzenden Lokal der Rauch gebratener Sardellen. Göttlich. Es ist, als hätten die kargen Gebirgszüge, an denen sich die seichten Buchten gesundstoßen, gesprochen.

Boulevard

September, ein grauer Tag,
das Jahr macht einen Sprung.
Der Zeitungsmann, hagerer
Graukopf, ist neu im Geschäft.

Wind lässt die Blätter flattern,
die Schlagzeilen schreien.
Wer kommt, eilt vorüber.
Ihm nach der Blick des Alten.

Teuer das Leben, die Rente
schmal. Nie würde er eine der
Zeitungen kaufen, mit denen
er handelt.

Es hat zu regnen begonnen.
Der Mann zieht das Zeitungsgesell
besorgt unter die schützende Passage.
Bares Geld seine Ware.

Ob er versteht, denke ich,
warum und für wen es ihn hierher,
in den Wind, in den regendunklen Tag,
verschlagen hat?

Chorin (2)

Selbstvergewisserung

Wer baute die ersten Tempel,
Stonehenge- & Carnac-
Ensembles,
Erfahrungen des Himmels
auf Erden?

Wer konstruierte das erste
Fünfeck, Gehäuse
der Welten
harmonie wie des Fluchs
aller Ausnahmen?

Gehäuse des Menschen
wie der harten Steine, eisige
Kontur der im Innern
des Vergänglichen wirk
enden Form?

Prinzip der Erzeugung
des Mannigfaltigen
aus dem Gleichen, des Einen
aus dem Verschiedenartigen
gleichermaßen?

Gleichermaßen? Gleicherweise?
Ungewissheiten der
Formulierung, Ur
bild aller Sag
bar
keiten, un
möglich auf den Begriff
zu Bringendes?

Wer erfand die Idee
des Wunders, in dessen Ge
häuse des Menschen
Wohnstatt
sei – Seele
im Geist, Er
kenntnis der einen Be
weg
ung, die wir sind?

Wer baute mit den Händen
seinen Tempel, in
dessen Grund wie
ein Grab die Klarheit end
losen Übergehens ein
gebettet liegt?

All diese

Denn man soll nicht,
ließest du mich wissen,
nicht in den Niederungen
wildern.

Ich hatte kein Abitur.
Nur meine Liebe.
Einmal glaubte ich
an sie.

Das verging.
Verging wie alles,
kein Lärm, kein Schmerz.
Alles im Grenzbereich.