Prof. Dr. O. holte sich ein Schinkensandwich vom kalten Büffett. Hier und da grinsten erblasste Gürkchen aus den Weißbrotreihen. Prof. Dr. O. kaute Radieschen. Kalte Platte, Amüse-Bouche. Auch als Mundfreude bekannt. Ein scharfer Saft lief in seine Mundtaschen. Das Arbeiten der Zähne und das sich in den Ohren verbreitende Knirschgeräusch übertünchte die Worte seiner Tischnachbarin. „… ausgezogen… nie mit dem Zug gereist…, sehen … Herr Ober… nicht…“ Wie Syrup quollen Walzerklänge über das Parkett. Oh wie so trügerisch… Prof. Dr. O. kaute aus, wanderte mit seinem Teller zum Fisch-Ouvert. Silbern funkelnde und mausetote Sardellen, angeordnet zu einem Stern, warteten auf den Verzehr. Daneben Möhrengeschnetzeltes, Salatsorten von glatt bis gezackt, vom Grün eines verblichenen Lampenschirmes oder der Färbung einer saftigen Kuhweide. Weißkohl regte die Haufrau offenbar zu neuen Schnitztechniken an. Prof. Dr. O., sonst ein Mann der praktischen Intelligenz, tendierte heute Abend zur Weinerlichkeit. Der Walzersyrup, der nur zum Teil gehörte Smalltalk, die Arie von den Weiberherzen. Die Ordnung der heutigen Mahlzeit war für Prof. Dr. O. ein Appetithäppchen. Er würde den ganzen Literaturblog unbenennen. Kalte Platte. Bestehend aus lauter Amuse-Bouche.
Horizontal und vertikal [2, 11]
Es machte klick. Die eben noch rollenden Steine hatten aufgehört zu rumpeln, die Luft wogte noch leise durchs Zimmer und wir, die Arme um einen Körper gelegt, der als Relief mit verschiedenen Namen wie Taille, Rücken, Hals und Kopf versehen war, in der Vorstellung aber aus nichts anderem bestand als zitternder Wärme und einer sich blind äußernden Zuwendung, schauten uns reglos in die Augen. Es dauerte eine Ewigkeit, bis sie sich so weit angenähert hatten, dass sich die Lippenpaare berühren konnten, und was darauf folgte, lässt sich nur noch im Bild eines Seglers fassen, der auf den wild pulsierenden Dielen des Sturms von Wellenbergen hinab in die schäumenden Täler geschleudert wird, um, zeitweise ganz vom Wasser begraben, immer wieder seine knarrende Mastspitze aus dem flüssigen Tosen des Meers herauszustrecken in verzweifeltem Kampf gegen das Versinken. Die Flüssigkeit in den sensiblen Gleichgewichtsorganen, deren gedachte Linien den menschlichen Kopf in der Wahl zwischen horizontaler und vertikaler Körperlage zu halten pflegen, spielten verrückt und konnten keine Entscheidung zwischen Stehen, Fallen und Fliegen mehr vermitteln. Als meine Lippen deinen entblößten Körper zu erforschen begannen, gebot eine fremde Stimme dem Chaos in diesem Zimmer Einhalt: Nicht! Ich muss los … Es machte klick. Ich zog die Tür hinter mir zu und drehte den Schlüssel zweimal im Schloss herum.
Der Mund
für John U.
öffnet sich : schließt sich
zarte Lippen : zitternd am Unterleib
ein Laib : von dem du zehrst
denn du lebst ja nicht allein : also fährst du
nachts zu ihm : er nimmt dich auf
verschluckt dich : schüttet dich zu
mit Geschichten von Großvätern : die nicht
ablassen können : sich an jungen
Zungen zu laben : sie stecken
ihre Rente in den gierigen Rachen : denn
der Mund : die faule Fotze
verschlingt sie : während ihr euch
hingebt & aufgebt & Schluß macht
um wiederzukommen : immer wieder
frißt euch der Mund : in den ihr
eure schlaffen Schwänze steckt
Verleger
Schon wieder ein Manuskript
Verlegt
Schade eigentlich
Aber Verleger verlegen nun mal
Dieses und jenes
Vieles und anderes
Wer soll da noch die Übersicht behalten
Täglich
Stapelweise
Da kann es schon mal passieren
Daß was verlegt wird
Was besser hätte nicht verlegt werden sollen
Ich bin nicht so ein Verleger
Gottseidank
Bei mir ist höchstens mal der Kamm weg
Gefüttert
In blassgelbe Sonnenscheiben
geschnittene Schuljahre
den Mund auf der Silberfläche
Fremdheit : Familie
Nie hat mein Vater um seinen Vater
getrauert. Fröhlich erschien dem Kind
die Besatzung in Polen : was für ein guter
Job (sagt man heute). Gefolgt
vom schnellen Tod auf der Krim. Fünf
war mein Vater. Als sein Vater starb.
Vermißt gemeldet. Hat mein Vater seinen Vater
nie vermißt (sagt er). Drüberweg
gehen & weiter. War die Maxime.
Für Gefühle zuständig : der kleine Bruder
durfte weinen. Mein Vater : der große Bruder
die große Hoffnung. Ein Musterschüler
der’s allen gezeigt hat. Seine Begabung
Nachhilfe zu erteilen. Auch seine Frau
gewann er mit Beharrlichkeit (was man heute
leichthin stalking nennt) : er liebt
den schnellen Schritt. Beherrscht
vom Gedanken : vorwärts & rasch
vergessen. Liebt er sich selbst (wie wir alle).
Mein Vater. Mein trauriger Vater.
Er ist ein großer Zerredner & flieht
lebenslang vor der Trauer.
Rissige hände
Zwischen den zeilen
Geführter melodie
Die namenlosen akkorde
Selbstermächtigung
Ich bin der Sturm
zwischen den Zentren.
Ich bin der Raum
zwischen dir und mir.
„…!“ – „… ?“ – „.“
Ich bin, tot
und noch immer
nicht gestorben.
Askalon
Also gut. Vukovar und Tora Bora, Gori und Babil. Die Kreuzfahrer haben Askalon erobert und die Rum-Seldschuken die Byzantiner geschlagen. Von Megiddo anzufangen ist müßig. Das ist so wie es bleibt. Ja, lass uns über den Tod reden. Die schwarzen Felle von Toulouse. Das helle Himmelgrau. Und Arm und Bein. Das ganz darin. Weg mit dem Für. Für niemand mehr und nichts. Die Sonne scheint. Frostklar die Luft. Im Eis gerahmt der goldne Fisch ist schön. Und tot. Weiß soll nun sein.
( Aber von mir aus können wir auch über die Massenkrankheit Intelligenz reden, die sowohl Klugheit wie Einfalt so gut wie ausgerottet hat. )
Schnee von gestern
Ob Gedanken einfrieren können
Nicht auszuschließen
Schnee
Was gibts da noch zu sagen
Brueghelmännchen
Schieben rutschen bauen
Eine Mohrrübe mitten ins Gesicht
Es beginnt sich zu drehen [2, 10]
Doch die Gegenstände blieben still. Es war nicht jene Stille, deren Flüstern das Verrinnen der Zeit mit einer grellen Kontur versieht, ohnmächtiges Zittern im Innenraum mühseligen Atems. Und jene Stille nicht, welche das Meer hinterlässt im Nachlassen des Sturms. Es war so still, dass die im Zimmer versammelten Dinge nicht anders konnten als zu schweigen, nichtssagendes Dahinvegetieren der Atome in ihren elektromagnetischen Bindungen. Die Schriftzeichen blieben stumm, jede Stimme, die ihnen eine und sei es noch so ferne Verbundenheit hätte geben können, blieb unartikuliert. Mir war, als ob die Luft versteinerte.
Du kramtest in meiner Plattensammlung. Ich folgte dir mit verzweifelten Blicken. Alles, was mein Herz beim Schlagen bis zum Überschlag erregte, glitt unter deinen Fingern hindurch, ich war in einem Zustand, der dem rotierender Vinylscheiben unter dem Diamanten einer Abtastnadel bis auf jenes Haar glich, welches den plötzlichen Sprung mitten in der Musik verursachte, ohne auch nur etwas vom Wirken der eigenen Existenz in der schwingenden Parallelwelt dieses Zimmers zu ahnen. Etwas blieb an dir kleben. Ich sah es in dir zucken, ein kurzer Impuls, wie wenn einen steilen Berg hinabrollende Steine plötzlich auf ein Hindernis treffen. Mit den ersten Akkorden legten sich zwei Arme um meinen Hals, und alles um mich herum begann zu kreisen, sich zu drehen und sich um ein unsichtbaren Zentrum herum zu bewegen.
Tod
„Bleib noch etwas in mir!“
(Innen an einer Fahrstuhltür)
Es träumt mir meine Arme
Um den Kopf geschlungen,
Beine um die Arme: so
Wohnte es in mir, ganz
Darin für
sagenhaft
die vielen kartoffeln sie purzeln wie die worte über den rand der lippen
die förderbänder stehn nicht still
zu boden zu boden große haufen
türmen sich vor dir und mir und anderen
an jedem ort aufhören
wo ist das mädchen mit dem
e i n e n wort hilfe das ist ja die
reine gehbehinderung wartet auf mich
wie sie es nur machen
sagenhaft :
durch den süßen brei sich fressen ohne
verdauungsproblem
ich glaub mir fehlt ein enzym
Schon kleben die ersten Kommentare dran
Neulich wollte ich mal ausprobieren, wie es denn wäre, wenn mein Herr Hornberg mir plötzlich auf dem Bahnhof begegnen würde. Nun, von vielem verstehe ich ja nichts. Von meinem Hornberg eigentlich auch nicht viel. Ich habe ihn erfunden, das muss genügen, gehen muss er allein – oder vielmehr: rennen. Hornberg rennt durchs Leben. Heute ist er mit einer neuen Frau zusammen, morgen geht er ins Kloster. Gestern war Ostern, heute verdient er großes Geld. Wie er das macht? Weiß ich nicht. Weiß er es denn? Wie gesagt, ich habe keine Verantwortung für das, was mein Hornberg tut. Ich bin trivial: ich erfinde. Und schon rennt er. Von ganz allein. Wahrscheinlich hat er Rhizinussöl getrunken. Oder es hängt Fliegenpapier in seiner Wohnung. Ich habe keine Ahnung. Mir geht es nur darum, dass am Text schon bald die ersten Kommentare kleben.
Wellen & Bäche
Ich lasse die Hügel hinter mir : vor mir
liegst du mit deinen Wellen & Bächen : im Regen
des Worts verstummst du : ächzend
ein Berg : auf dem der Wein reift
laß uns trinken : du schüttelst
die Schafherde ab : alle Felle
fallen zu Boden : wir stürzen
die Falle schnappt zu : gefangen
sind wir frei : wir haben
nur uns & unsere unendlichen
fließenden Landschaften
160°C
3. April, 13.30
Der Tag beginnt gut. Ich gehe in die Küche und heize den Backofen auf 250°C vor. Da meine Füße heute nicht ganz so klamm sind, lassen sich die Hausschuhe leicht abstreifen. Ich bin zufrieden. Ich öffne die Ofenklappe und lege einen Hausschuh hinein. Die Hitze verteilt sich gleichmäßig, das Thermostat zeigt bereits 160°C an.
14.00
Jetzt ist der Hausschuh richtig knackig. Das freut mich. Ich prüfe wiederholt die Konsistenz. Nix zu meckern. Ich nehme die Küchenzange und hole den Schuh heraus.
16.00
Am Bücherregal zaudere ich, nehme dann einen Band Goethe zur Hand und lenke meine Schritte wieder in die Küche. Der Duft von gebratenem Hausschuh schlägt mir entgegen. Ich wende mich dem Gefrierfach zu, öffne die Klappe und lege den Goethe hinein. Bei minus 18°C wird der Werther bestimmt schön hart.
18.00
Ich bin mir sicher, heute was geschafft zu haben. Es könnte nur hier und da noch effizienter werden.
das licht und der wind
von bienen zusammengetragen
einmal durch den schlauch geschickt
angezündet
raum geworden
erinnerung
in nur zwei dimensionen
Advent
Er kommt, mit Garantie und all dem Gerassel wie jedes Jahr. Die Schneeflocken bleiben aus. Aber er kommt. Unerbittlich reißt er die Schubladen auf. Vom ersten bis zum letzten Tag. 24 mal öffnen. Was für eine grandiose Idee. Jeden Tag ö f f n e n. Die Fenster und Türen, Augen, Nase, Mund und Ohren, die Hand, das Buch, das Klavier, den Zeichenblock und das Briefpapier, mein Gott. Was man alles öffnen könnte.
Aber nichts da. Im Gegenteil. Wir schließen und schließen. Wie immer. Das geht mit 14 los. Da schließen wir uns aus. Die Ahnen stehn am andern Ufer und winken mit dem Tannenzweig. Umsonst. Mit 16 schließen wir uns an. Und zwar der Schar der coolen Räuchermännchen auf der zugigen Parkbank. Mit 18 schließen wir ab. Die Kindheit, das Zimmer und den Vertrag mit der Volksbank. Halleluja. Mit 20 sind wir die meiste Zeit eingeschlossen. In Bibliothek, Hörsaal oder Werkstatt. Und verkaufen am Abend mit klammen Fingern Kerzen auf dem Weihnachtsmarkt. Mit 30 sind wir dann weggeschlossen. Vorübergehend. Wir rotieren in einer überheizten 3-Raum-Wohnung und basteln an der Unruhe fürs Kinderzimmer. Mit 40 schließt man rück. Das kanns doch nicht gewesen sein. Und schwingt sich auf, sweet chariot, und fährt zur Mitternachtssauna mit Plätzchen und Glühwein. Mit 50 sind wir kurzgeschlossen, der Fernseher gibt die nötige Spannung, stille Nacht. Und mit 60 ist auch noch nicht Schluss mit dem Schließen. Wir verschließen die Tür nicht nur 2 mal, sondern hängen auch noch die Kette ein, ehe wir den Schwippbogen anknipsen und den guten Stollen mumpeln. Mit 70 endlich ereilt uns eine unangemessene Sehnsucht nach dem Christkind. Ja, ein KIND soll her, ein Kind. Her damit unter den Tannenbaum. Das Kind, das man mal war, oder ein Enkelkind, wir nehmen auch ein anderes, Hauptsache so richtig klein, und diese großen Augen, wie sie leuchten, und diese süßen Patschhändchen, ach, lasst uns das Kindlein wiegen, das Herz zum Kripplein biegen, lasst uns das Kindlein benedeien und uns im Geist im Geist erfr—Doch da ist meist schon SCHLUSS. Er kommt. Mit Garantie.
Narzissen
ein garten voll narzissen berauscht vom süßen duft die alabasterne reicht trüffel im morgengrau mit tau benetzt ersaufen wir
Grauzonen
Grauzonen
Ich bin
ein rastloser Nomade,
verliebt in die Abgründe
zwischen den Grauzonen des Herzens.
Ich bin ein Wanderer
auf den Irrpfaden fremder Hoffnung
und zwischen den Splittern
gebrochenen Rückgrats.
Dort, –
wo keine Wahrheiten mehr gedeihen,
nur diese wunderschönen Laster,
die ein Leben tief aus dem Innern sprießen,
befingere ich meinen Seelenspiegel,
taste nach seinen Rändern
mit blutigen Kuppen.
Ich will alles erfahren über den Schatten
hinter dem Glas
und in meiner Brust.
Schweinegeometrie [4, 2, 1]
Am Anfang war der Kot, jene Eigentümlichkeit der körperlichen Verfassung eines revierbildenden Gattungswesens, die dieses in die Lage versetzte, aus der Gesamtwahrnehmung eines Hier und Jetzt die ungemein gefährdenden Momente herauszulösen, den Umstand nämlich, dass in jenem Teil der Welt bereits ein Lebewesen, dessen körperliche Ausstattung der eigenen um keine Klaue und keinen Zahn nachstand, siedelte. So zerfiel die Oberfläche der Welt in Territorien.
Aus dem Kot wurde ein Code, etwas, das nicht nur stinkend oder duftend in Erscheinung tritt – je nach der Perspektive des Betrachters, ob sich die Rede nun um fremde Eigentümlichkeiten oder die Thematisierung des Eigenen in den gemeinschaftsbildenden Aspekten einer selten zum Problem werdenden Geruchsidentität dreht – sondern in seiner konkreten Geformtheit so eindeutig wiedererkennbar ist wie eine Gerade als kürzeste Verbindung zweier Reviere im Flachland. Diese Erscheinung wurde derart bedeutsam für das Zusammenleben der Gattungswesen innerhalb ihres Reviers, dass sie fortan verdoppelt zur Ansprache aller möglichen bzw. als unmöglich hinzustellenden Verhaltensweisen herhalten musste. So entstanden Scheiße und Trüffel, die Welt aber zerfiel in Tag- und Nachtwesen.
Bei Tage besehen war alles ganz hübsch hier im Revier. Die Blumen blühten, ihr Duft wehte zuerst in der zarten Andeutung des Frühlings, später voller Wollust und eigenartig wie Code über die wiegenartigen Behausungen. Bei Nacht aber verwandelte sich der Raum in eine Haut von der Beschaffenheit gespannter Trommelfelle, und der Geruch nahm nun die Form unzähliger Nadelspitzen an, die dann und wann von einem lidlosen Auge überdeckt wurden, in ihrer gleichzeitigen Nähe und Ferne diesem auf eigenartige Weise gleichermaßen gleich und ungleich, so als würde der Geruch pulsieren.
paranoia, pink
Der Wühltrog läuft über, ich tauche meine Finger ein. Nasowas. Bücher. Schwarze Molche hinter Glas, Guppys im Aquarium. Die Meerschweinchen huschen von einer Sägemehlecke in die andere. Gegenüber erhebt sich ein Tütenberg. Tulpenzwiebeln. Magenta. Grünkittel tragen Töpfe. Von links nach rechts und gradeaus. Blattpflanzen. Ich halte mich an den bunten Blättern fest. Blättere und blättere und suche das – weiß nicht was. Etwas das mich anspringt, hält, verzückt für einen Augenblick.
Im Augenwinkel bemerke ich ein kleines Mädchen. Sie steht neben mir und hat ein strahlend rosa Buch herausgefischt. Innig streicht sie über die rosavioletten Bilder. Barbie in pink. Barbie in bleu. Barbie in weiß. Sie murmelt wohlklingende Namen vor sich hin. Stella, Bella, Gwenyver. Etwas unsicher sieht sie zu mir herüber. Immer wieder. Spricht und spricht, nachdrücklich in meine Richtung. Ich will nicht reden. Das helle Blau vom Vormittag im Kopf, stiere ich noch eine Weile in meine rötlich schimmernde Pappe. Fische im Atlantik. Das stört sie nicht im geringsten. Sie spricht die Namen wie Beschwörungsformeln. Tippt mit dem Finger in das Buch. Und sieht zu mir herüber. Stella, Bella, Gwenyver. Der Singsang fällt mir in die Ohren. Ich hebe kurz den Blick in ihre Richtung, schon bricht der Damm. Es sprudelt aus ihr heraus : ob ich sie kenne – die blaue ? Die lilane. Und die weiße. Sie kennt sie alle. Die rosane – das ist ihr Lieblings. Sie hat den Film gesehn. – Kannst du lesen – frage ich. – Nein. Aber bald. Nächstes Jahr. – Dann interessiert sie sich brennend für meine Fische im Atlantik und will es wissen. – Wie heißt der hier ? Und das hier mit den vielen Beinen ? Bereitwillig buchstabiere ich. Sie lacht und freut sich an den wunderlichen Worten. Es sind die nettesten fünf Minuten seit fünf Tagen.
Bis mich aus der Entfernung ein Pfeilblick trifft. Curare. Ich spüre es so deutlich, daß es mir die Zunge lähmt. Hot pink. Die Mutter des Mädchens steht bei der Monstera und durchbohrt mich mit ihren scharfkantigen Augen ( eckig ? ) . Ehe ich begreife worum es sich handelt, nimmt ihr gespannter Körper die Form eines Projektils an. In weniger als drei Sekunden wird das Geschoss einschlagen. Die rosige Nase des Meerschweinchens vibriert. Das einzige was mir noch einfällt – ich klappe mein Visier auf und schaue sie frontal an. Weiß. Reinweiß. Sie hat den irren Blick der neuen Dekade. Traukeinemaußermeinem. Da begreife ich. Ihr flackernder Projektor wirft die verzerrten Bilder nun auch auf meine Mattscheibe. Großer Gott, doch nicht DAS. Seh ich so aus ? Sind denn schon alle wahnsinnig geworden, und ich habe es bloß noch nicht bemerkt ? Das Herz auf dem falschen Fleck, mit fremden Kindern spricht man nicht und wer andern eine Grube gräbt hat wohlgetan.
Grellrosa Stimme aus dem off : – Arabella ! Komm weg da !
– Languste ! Sage ich zum Abschied und hebe fast unmerklich den Zeigefinger. Arabella kichert ein letztes mal, ehe sie sich abwendet und in den Schatten der Monstera geht.
Narrenliteratur (1)
Geburtstag
Wünsch mir Gesundheit Glück und Geld – ich will ein Tor sein in der Welt – Denn so ein Tor kommt selten vor – der Torheit liebt und davon gibt – das bisschen Törichtsein noch teilt – wo alles nach der Weisheit eilt – Lasst mich probieren obs noch geht – ich dreh an meinem Hals – und seht : Ich steh manierlich auf dem Kopf im Kreis der vielen Lieben – Das Huhn springt aus dem Suppentopf – und wird zum sechsten male
sieben
Im Vektorraum [4, 1, 1]
Vers la fin d’une nuit, au moment idéal
Où s’élargit sans bruit le bleu du ciel central
Je traverserai seul, comme à l’insu de tous,
La familiarité inépuisable et douce
Des aurores boréales.
Houellebecq, Die kontrahierenden Operatoren
Es begann mit einer einfachen Bewegung. War es jenes Hin- und Her einer pinselhaarigen Bürste, gefärbtes Schweinehaar in ehrenhafter Erhöhung der Nützlichkeit eines ansonsten ausschließlich zum Verzehr bestimmten intelligenten Wesens, die als späte Erinnerung an den Rüsselblick des Hungers jene Gewohnheit zu ersetzen hatte, deren feuchte belebende Wirkung darin bestand, dass die Zunge einer Schnüffelmaske die Füße des Herdenführers mit dem Rachentau des auf die Verdauung dieser Welt spezialisierten Innenraums einer Grenzbestimmung zwischen fremden und körpereigenen Eiweißstrukturen benetzte und daraufhin aller Staub, wie die Reste des entropischen Prozesses zwischen unten und oben genannt werden mögen, von der Oberfläche der in sich gekehrten Organansammlung verschwand, die selbst wiederum ihr Bild im Nervenzittern der Pixel eines sogenannten Sehfeldes fand, das dem gemeinsamen Untergrund des einen und des anderen, Kreisform mit zwei Löchern, aufs Haar glich. Blickte man aber von oben auf diese Bewegung, so wurden Richtungen unterscheidbar. Der Punkt, an dem sie sich treffen würden, ist Teil des Horizonts, jener Linie, hinter welcher der Himmel im Meer versinkt. Hinter dieser Linie öffnet sich ein Raum, den keines Menschen Auge je erblicken kann, ohne dass die Füße ihre eigene Existenz vergessen und mit ihr allen Staub und alle Feuchtigkeit, die ihnen auf den langen Wegen zwischen dem Hier und dem Horizont zu begegnen pflegen. Dieser Raum ist ideal: er besteht aus Punkten, unendlich kleinen Nichtigkeiten, so wie sie ein Leben im Ganzen ausmachen können und dabei dennoch eine Richtung aufzeigen. Einen Vektor eben, das gedachte Ganze eines annähernd nichtigen Lebens zwischen der universalen Dachkonstruktion mit dem Namen Himmel und einem dunklen, aber nicht unerreichbar fernen wasserbedecktem Grund.
Besuch in einem alten Zimmer [2, 9]
Ich zeigte dir voller Stolz mein Domizil: die Bücher, gesammelten Schriften und Kinderzeichnungen, zwischen denen einzelne Fotos wie graugestrickte Bildideen zur Illustration einer Tageszeitung steckten. Wir erforschten den Rauminhalt der Schränke, maßen mit Blicken die möglichen Verwandlungen der darin aufgestapelten Schichten, und wenn das Auge an einem außergewöhnlichen Detail hängenblieb, gab es keinen anderen Weg, als das zunächst als taub erscheinende Gestein drumherum in einer Folge mühseliger, aber in ihrer Geduld stets auf das verfolgte Ziel bezogener Handgriffe abzutragen. Ich zeigte dir mein Museum. Du warst hingerissen – die mir so vertraute Welt war offenbar in deinen Augen ein unerforschter, geheimnisvoller Planet in einer noch nie von Außerirdischen besuchten Gegend des Universums. Ich wunderte mich über deine Begeisterung. Und in gewisser Weise war sie mir peinlich. Je weiter wir gruben, desto leuchtender wurden die zu Tage tretenden Visionen und desto seltsamer die wie aus dem Nichts auftauchenden Artefakte. Neben einer Blättersammlung aus heimischen Gefilden fand sich ein Herbarium fremdartiger Gewächse. Etikette und Fahrkarten mit unbekannten Schriftzeichen deuteten auf die Existenz fremdartiger Intelligenzen. Als wir bei der Käfersammlung anlangten, war mir für kurze Augenblicke zumute wie dem vom Feuer eines Zündholzes besuchten, sorgsam verpackten Inneren eines Treibsatzes von explosiver Zusammensetzung. Es hätte nur noch gefehlt, dass sich die Streichholzschachteln von selbst geöffnet hätten und die gedrungenen oder zartgliedrigen Wesen in Realisierung ihrer eigenen Lebenskraft daraus hervorgekrochen wären.
Eis essen [2, 8]
Da standen wir also an dieser Straßenecke, sie blickte mich an, wie ein Kind die Geschenke ansieht, die unterm Tannenbaum liegen, ich ergriff ihre Hand und zog sie sanft in eine Seitenstraße hinein, die von grünen Bäumen bestanden war, und sie ließ es geschehen, ohne zu fragen, wohin ich sie denn führen würde. Wir landeten an einer Eisdiele. Es war ein heißer Tag. Mit dem ersten Wort, das die Unnötigkeit aller folgenden betonte und einen Redeschwall einleitete, in welchem ein Naturwesen wohl hätte ertrinken müssen, begann ein Nachmittag von der gedämpften Helligkeit eines seiner Zeit enthobenen Spaziergangs durch ferne, sommerliche Waldgegenden, wenn zwei ruhig dahinsegelnde Körper, ganz vom Wind fortgesetzter Rede getrieben, Schritt um Schritt voranstreben ohne zu wissen, wohin sie eigentlich gehen. Es war das Ereignis andauernder körperlicher Nähe, die wie in einem Strudel immer neue Worte aus den Untiefen der bereits gesagten hervorquellen ließ, Worte, die sich auf die Haut legten und als unterschwellige Wahrnehmung in der Luft hängender Feuchtigkeit die Augen unwillkürlich im Raum schweifen ließen, Worte, die schließlich auf der Haut kondensierten und immer wieder die stummen Blitze abzukühlen vermochten, mit denen sich unsere Gesichter in einer plötzlichen Art durchsichtigen Rausches verbanden, Worte, die auf der Zunge zerschmolzen und mit ihrer cremigen Süße den Sommertag in ein kühles Gedächtnis erwartungsvoll gespannten Nichtstuns eintauchten. Irgendwann landeten wir in meinem Zimmer.
Kreuzung zweier Linien [2, 7]
Wir hatten uns an einem gesichtslosen Ort getroffen, vielleicht einer Straßenecke, die als Kreuzung zweier Linien auf einem Stadtplan die potentielle Vereinigung zweier Namen im Assoziationsraum eines lebenden Wesens bildet, um fortan eine lose Gestalt, vielleicht eine Mauer, vielleicht ein Haus oder – so etwas gab es damals noch in jener Stadt, die den Ort dieser Geschichte abgibt – gar einen freien Raum, eine Lücke in der Bebauung des ansonsten dicht bei dicht von Mauerwerk angefüllten Grundes, zu bilden: Doppelform aus namentlicher Bezeichnung und bezeichnender Gestalt, wie sie ein lebendes Wesen ausmacht, das zumindest einen Körper mit einer Stimme in Einklang zu halten hat, solange es als Bestandteil des den Sinnen zugänglichen Raums gelten will, in dem sich die Frage nach der Bedeutung des Geformten in jedem Augenblick neu stellt. Diese Frage nahm nach unserer erneuten Begegnung, die als Zusammentreffen zweier Körper in der Dreidimensionalität Euklids zumindest das Problem der Unterscheidung verschiedener Umstände dieses Zusammentreffens stellt – Zufall oder Notwendigkeit, welcher zufällige Beobachter vermochte das schon zu sagen an einer Straßenecke wie dieser? – die Form des Mundes an, der sich unwillkürlich mit Flüssigkeit füllt, so wie ein Glas, das in einem Garten auf einem Tisch im Regen stehen gelassen wurde, sich Tropfen für Tropfen mit Himmelsspuren füllt, und dementsprechend mag unsere erste Umarmung auch Begegnung zweier Wolken in einem tropischen Regenguss genannt werden.
Es ist dunkel draußen. Anrufer erzählen mir von Schnee, viel Schnee. Manche hören sich glücklich an, manche nicht. Hier bei uns blieb nix liegen. Da wo ich mal hergekommen bin, irgendwie südlicher und ein bisschen weiter noch im Osten, da ist alles weiß. Hier bei uns sind die Häuser und Straßen zu warm. Es blieb nix liegen. Aber am Morgen, da hat mich helleres Hell als sonst geweckt. Es kam vom Dach gegenüber und ich war kurz glücklich. Auch wenn ich es sonst sehr gern hier mag. Es blieb nix liegen.
Hitze und Kälte [3, 1, 1]
Es war die Zeit am Ende des Jahres. In der Küche stand ein Geruch, dessen Plätzchenfährte das Gedächtnis unfehlbar in jene Richtung geleitete, wo die Geheimnisse der Kindheit in einem Schrank verwahrt liegen, aus dem es in wechselnden Schüben duftet und duftet, mal nach Zimt oder Rosmarin, mal nach Safran und Lavendel. Es war wohlig warm in dieser Küche, und wenn man das Fenster öffnete, um etwas frische Luft in den vom Backofen überheizten Raum zu lassen, dann kam es vor, dass man zugleich die Hitze, vom werdenden Kuchen über die Nase direkt bis in den Bauch getragen, spürte, in dem es kribbelte und wippelte, und unterhalb des Kopfes jene Kälte, die von draußen hereinwehte und die die Vorstellung zu allerlei Mutmaßungen darüber anregte, wie es wohl den Tieren gehen mochte, die den ganzen Winter über im Walde wohnten und dort doch bitterlich frieren mussten. Dann geschah es auch, dass ein kleines – ob in Gedanken oder körperlich klar, wer vermag das schon zu sagen angesichts des Zweifels, des universellen Lehrmeisters dieser Welt – fliegendes Vögelchen den Rand des aufmerksam lauschenden Bewusstseins streifte, flüchtiger Schatten einer anderen Welt, die vor dem Fenster der Küche ausgebreitet lag wie ein frisch bezogenes Laken am Ende eines Zimmers, dessen unsichtbare Wände bereits den Schlaf von Millionen irdischer Nächte gesehen hatten unter einem flimmernden Himmel aus Licht und Nadelspitzen.