bis später

im sommer

hat mir die sonne

die haut getönt, die hat

meine seele gewärmt

im sommer

hat mir die sonne

die haut getönt, die hat

mir die haut

im sommer

verbrannt, die augen

verblitzt, ich glaub

es wird jetzt zeit

im sommer schon

mach ich mich

auf den weg, bevor

ich blind werde

such ich mir

andre freunde

lass den herbst

durch alle zeiten

fallen und im winter

nicht an den frühling

denken und im frühling

auf den sommer warten

denn im sommer

treff ich sie wieder

die alte haut, eine

neue freundschaft ?

Gras [2, 12]

Das Zimmer liegt nun ganz im Gras. Darinnen ein Brief; am Abhang hinterm Stadion nicht weit entfernt davon versammeln sich noch immer jugendliche Musiker. Die Kachelöfen der Stadt sind fast alle wieder in ihre Kacheln zerlegt, aber die Materie besteht nach wie vor aus Atomen. Von Zeit zu Zeit steigt Rauch auf.

Die Tage entfalten sich wie Halme, die zum Himmel streben. Von Zeit zu Zeit wird einer hinzugefügt. Müssen welche ausfallen, dann sieht sich der Mond genötigt, sein Auge zuzudrücken. Unter der Stadt fließt es und strömt. Das alltägliche Leben entwickelt sich und sucht immer neu nach wilder Wärme für sein Glück. Brownsche Bewegung; manchmal wird ein Gedanke sichtbar.

Dann knistert es leise in diesem Zimmer. Dann beginnen einige der benachbarten Schließzylinder unmerklich zu vibrieren, in anderen erwacht die unerklärliche Sehnsucht, einmal zu Kegeln zu werden. Das Zimmer liegt natürlich noch im gleichen Haus, aber das Haus ist ein anderes geworden. Einige der Bewohner sind weggezogen und haben ihren Platz für Neuankömmlinge frei gemacht, andere wohnen noch immer darin. Sogar Kinder. Nur das Zimmer mit dem Brief…

Liebe ist

wie ein Ritterschlag; empfängst

du ihn zweimal, dann
gehörst du zwei Reichen an.

Aus dem Nachlass: Situationen

Mittwoch, 12.06.91

1. Ein Mann und eine Frau versuchen, zusammen zu leben.

2. Ein Student läßt von seinem Studium und wendet sich der Familie zu.

3. Ein exakter Wissenschaftler löst sich von seinem Fach und wendet sich dem Gegenstand der menschlichen Seele zu.

4. Ein glücklich aufgewachsener Sohn befreit sich aus den Armen seiner liebenden Mutter, um sich der Welt zu öffnen.

5. Ein den Extremen verhafteter Junge wird in seinem Kampf mit der Sexualität von der Liebe überfallen, ausgeraubt und beginnt allmählich, erwachsen zu werden.

6. Ein sich der Macht seiner Subjektivität bewußt werdender Mann erkennt den Zerstörungsdrang seines Ego und kämpft um Weichheit.

7. Eine Frau schaut die Natur *** und realisiert Macht ohne Herrschaft.

8. Ein der Kunst verpflichteter Mensch sucht nach Menschlichkeit und kommt nicht umhin, sich von den Fesseln falscher Form zu lösen.

***  x O y – es

(hrsg. v. K.v.Jop)

Rackrack

Blau steigt ein Sturzflug zum Himmel
Hell glimmt ein Reststern im Raum

Erdanziehung, wohin das Auge auch blicken mag

Die Kinder

Die Kinder schlafen noch. Am Abend war
der Kosmos voller Gangster: Mafiosi
im Freund-Feind-Land, sympathische
Dilettanten Kraft eigener Wassersuppe.

Die Kinder schlafen noch. Am Abend
bog sich die Zeit hinter der
Mattscheibe zu einer ewigen Ästhetik
lachender Gehirne zusammen.

Die Kinder schlafen noch. Am
Abend quillt wieder Alltag
aus den Suppenschüsseln dieser Welt,
werden Maßstäbe gesetzt für die Zukunft.

Die Kinder schlafen noch: der Rhythmus
ihrer Träume ist ein Muster im
Hochfrequenzbereich, noch sind die
Jamben & Trochäen nicht geschieden.

Die Kinder schlafen noch. Am
Morgen wispern die Neuronen
unbemerkt von allen Augen, was
Lippen demnächst zeigen werden.

Die Kinder schlafen noch. Am Morgen
eines neuen Tages, im Glockenspektrum
ganz gewöhnlichen Lichts wird die Sprache
urplötzlich ein Gesicht bekommen.

Die Kinder schlafen noch. Am Morgen wird
was einmal war aus den Fesseln seiner Form
steigen & mit der Freundlichkeit eines Lächelns
die abstrakte Schönheit endlich konkret werden lassen.

WERKE

Ihr habt

Wasserwerk

gesagt

Und unterm

Feuerwerk

Tränen

vergossen

Wie Raketen

schossen sie

aus euren

Augen

In den

Nachthimmel

stiessen sie

Und fielen

ins Meer

In die

leuchtende

Brandung

Die sich selbst

ihre

Antwort gibt

Und  das

Gesagte

am Ufer

zurücklässt

art

männer sind wie

frauen also

tierchen die

gefallen müssen

erhalten die

art

und weise ist

verzeihlich auch

gedicht

Eugen Onegin: Kapitel drei, zweite Strophe

– Na und, was soll da Schlimmes sein?
„L’ennui, mein Freund, so blüht die Lilie…“
– Ich hasse es, wenn Mode teilt:
Da bin ich lieber in Familie,
Wo ich in Ruhe… – „Wieder Dichtung.
Lass gut sein, Lieber, deine Richtung
Wählst du dir selbst; ich find nur schade –
Hej Lenski, weißt du, was mir gerade
Einfällt: Zeig sie mir, dein Fräulein –
Auch ich möchte den Felsen sehen,
Von dem her deine Reime wehen,
Stell‘ mich dort vor.“ – Du scherzest. – „Nein.“
– Sehr gern. – „Und wann?“ – „Von mir aus, gleich.
Gastfreundlich offen ist ihr Reich.

Familie Coraciidae – Racken

In manchen Wäldern unserer Heimat, so im Anhaltischen, in Brandenburg und in der Lausitz, kann man im Sommer noch hin und wieder einen fesselnden Anblick genießen. Über hohen alten Bäumen tummelt sich ein dohlengroßer blauer Vogel in gaukelnden Sturzflügen. Die Rufe, die er dabei hören läßt, harte „Rackrack“, gaben ihm und der ganzen Gruppe den Namen. Die Blauracke, die man bei uns leider immer seltener zu Gesicht bekommt, ist der einzige europäische Vertreter der Familie.

(Dr. rer. nat. Gottfried Mauersberger, in: Urania Tierreich, Band 6, Leipzig/Jena/Berlin 1969, S. 295)

Flatterteil

Erstaunlich einprägsam: Das lakonische Buchcover zu Lenonid Aronson, Innenfläche der Hand. Und obwohl ich weder den Autor, noch seine Gedichte kenne, freue ich mich schon jetzt auf die Lektüre, denn: was kann nach diesem plakativen Auftakt noch schiefgehen? Ein spießiger Urlauber als Flatterteil, mit ebenso spießiger Sonnenbrille und Spazierstock als Libellenrüssel. Das Wellenförmige unter ihm interpretiere ich jetzt mal als Strand, irgendwo vermute ich auch eine Badehose. Ist das alles nur meine Interpretationsleistung, meine überheizte Phantasie oder gibt es da etwas, das sich „kollektive Optik“ nennen darf? Tolle Idee, würde die Werbedame sagen.

(Anm. zu „Flatterteil“: Ein guter Bekannter machte mich im Sommer in unserer Wohnheimküche gern auf die Insektenschwärme an der 70er Jahre-Neonröhre aufmerksam mit den Worten: „Siehst du sie nicht, die Flatterteile?“)

Schmetterschrittchen

Na Alter, Schmetterschrittchen, was ? Anders als der junge Typ dort, der mit seinen schwarzen Tüten nachhause schleicht. D u  federst, dynamisch und laut schlagen deine Absätze auf das Pflaster, berühren es kaum, fliegen fast, der Mantel weht, nach vorn nach vorn,  d u  bist nicht alt, oder müde, oder irgendsolchen Quatsch, du bist frisch rasiert und strahlst wie Peter Pan im 4. Frühling, und ich finde dich ja gut Schmetterschrittchen, aber i c h sitze hier, der Schnee fällt in Flocken und starr liegt der Wald, und d u bist gleich in einem warmen Café, bei Cognak und dem wundervollen Haar von Isa und Marie, sie könnten deine Töchter sein, sind sie aber nicht, und i c h bleibe sitzen, in meinem geparkten Auto, Schnee um Schnee hat es bedeckt,  w e i ß  wird nun sein.

KREISLAUF

Wieder

ist es nicht

an die Oberfläche

gestiegen

Das Salz

der Tränen ging

zu Grunde

Gierig

leckende

Wellen

zu sättigen

Wilde

gewaltige Wellen

die in das Antlitz

der Menschen

schlagen

Und ihnen

einen Grund

zum Weinen

geben

BETTLER

Kalter Glanz auf der Parkbank

Lehn dich zurück

dich trifft nicht das Mondlicht

Denn du bist

in den Schatten getreten

Zu träumen von dir

der du nicht wirst

Auf der Parkbank am Tag

mit den Tauben

KIND

In dieser Kleidung

bin ich

ein Leben lang

nicht gestorben –

Ich trage mich schwer

ohne Lasten zu tragen

überspringe jedoch noch

ein Feld auf dem Gehweg

Es ist eine Angst

aus den Kindheitstagen

die mir Leichtigkeit leiht

die nicht mehr weggeht

Sich nicht mehr entfernt

aus dem Schatten der Mauer

des Hauses zu dem ich

zurückkehren will

Als hätt ich vergessen

dass ich erneut ausgeh

auf gewundenem Weg

wie die Kerze im Wind

STÄRKER GEMIXT

Handreichungen für die lyrische Hausapotheke

I
Es sind nur wenige, die vom Sonnensystem
auf ihr Sonnengeflecht schließen.
Viele beschreiten lieber den umgekehrten Weg.
Die mit dem Schöner Sterben Beschäftigten
nehmen den Mund voll und wissen ihr Ersticken
als ein Tüchlein mit Häkelkante zu verkaufen.
Was ist schon hineingestickt außer den eigenen Initialen?

II
Das Verdorren der Morelle im Garten blieb unbemerkt.
Es war ein von Heckenschützen gemiedenes Fleckchen.
Die Bienen summten in Zeitlupe
Akelei stand in Blüte, und der Löwenzahn
schickte besternte Schirmchen über die Wiese.
Hier saß einst Marsyas an seiner Flöte schnitzend
und Apoll mit seinem eitlen Gefolge gab sich siegesgewiß.

III
Die Bestecke klirren. Merkt es denn niemand?
Manchmal sieht ein Einäugiger aus dem Fenster.
Zusehends wird es kälter (vielleicht auch wärmer.)
Dann buchen sie Pilgerfahrten in Reisebüros
im kleinen Gepäck die mobilen Wünschelruten.
Einige züchten Sonnenflecke im Feuchtgebiet.
Mancher streift seine Haut ab wie ein tibetischer Fakir.

IV
An den Traumstränden hocken die Märchenerzähler.
Sie stimmen die Globetrotter pauschal melancholisch.
Die Smaragdeidechsen sind noch immer verwunschene Prinzen.
Fräulein Sappho hat ihr Paßwort auf den Steiß tätowiert.
Jedes Nabelgrübchen erweist sich als wahre Goldgrube.
Grüne Landschaften stellen sich ein auf das große Welken.
Verblühtes Fleisch halluziniert den Geschmack des Lichts.

Narrenliteratur (2)

– Hast du gesehn, wie sie ihn angeguckt hat ?

– Ja.

– Hast du gesehn, wie sie ihm den Mantel abgenommen hat ?

– Ja.

– Und wie sie ihm die Fussel von der Schulter genommen hat ??

– Ja doch.

– Er ist alt…

– Hornalt.

– Und diese hängenden Backen…

– Wahrlich, kein Adonis.

– Ich glaube, er schielt auch ein bißchen…

– Was heißt hier ein bißchen, er schielt so, daß ihm beim Weinen die Tränen kreuzweise über den Rücken laufen.

– Sie wird es bereuen…

– Vielleicht.

– Sie wird auf Knien vor mir herumrutschen…

– Dann müsst Ihr wieder neue Strümpfe kaufen.

– Sie wird heulen und flennen…

– Dann wird sie eine neue Puderdose benötigen.

– Ich schick sie zum Teufel.

– Dann müsst Ihr zur Hölle fahren.

– Was soll ich also tun ?

– Nichts, Majestät. Nichts.

Minimale Poetik

Das Gedicht ist kein Himmelstrichter
keine Todesarie und keine Todesartenstatistik
kein Teilchenbeschleuniger und kein radioaktiver Fallout.
Es ist kein linker Schuh und keine Mitfahrgelegenheit
kein erloschener Vulkan und keine verkohlte Kartoffel.
Es ist weniger nützlich als ein Flaschenöffner
und weniger einprägsam als ein Vollrausch.
Seine Anmut kommt nicht vom Glanze der Wörter
und seine Armut nicht von ihrer Siebenzahl.
Es redet nicht mit Engelszungen
es braust nicht wie Donnerhall
es raunt nicht im Rauschen der Bäume
und bläst auch nicht zum Fanal.

Mit jeder Bestimmung würde man es nur einengen
es auf Rabattmarkengröße reduzieren
es zum Heckenstrauch stutzen
oder wie einen Weihnachtsbaum mit Lametta behängen.

Was also ist das Gedicht?
Wo grenzt es an ein Nirgendwo
und wieviel Raum beansprucht es
in der Lebensmittelabteilung einer Mottenkiste?

Ist es noch in seiner Zeit
noch der Kieselstein in der Sanduhr
oder schon das Sandkorn, das
dereinst das greise Universum
sich einverleibt wie ein hungriges Krokodil
einen klebrigen Küchenwecker?

Die Wunde

An einem Wintertag
Mit Husten (Krätze
Am Hals) ich sitze
Und lese Zeitung.

Gegen Abend tritt es
Flüssig hervor, Untergrund
In Eisenoxid aus dem Puls
Verwaschener Geräusche,

Stellt sich mitten in den Blick
Aufrecht
Auf gezimmerter Bühne
Spielen und singen sie:

***

Mein Atem stockt…
Für den Bruchteil eines Lächelns
Möcht‘ ich
Jetzt dem Gedanken folgen
Alles Gewesene sei beerdigt.

frei nach V. Sielaff

Hawege. Eine Skizze.

F. hatte sich genau daran gehalten. Mutter: 3 Torten, Vater: 2 Bier, Bruder: 1ne Tute.

Und dennoch: Bei Hawege geriet er auf Abwege.

tute.jpg

Gestatten – Georg

Ich war damals als Zeitungsjunge unterwegs. Auf die Frage,  ob ich an der Herstellung des zu vertreibenden Produkts mit beteiligt sei, antwortete ich immer mit  ja.  Als Student lag mir einiges am Herzen. Zum einen das Ganze, das als  solches eben kein falsches sein kann, einfach weil ich mir doch sonst die Frage nach den Voraussetzungen, nach dem Grund meines Fragens stellen müsste. Es gibt nicht nur dumme Antworten, oh ja, aber das Fragen – das Fragen sei heilig. Zum anderen das Problem, mich aus meinen Knochen selbst nochmal neu zusammenzubauen. Aus den eigenen. Warum? Na ja. Wohl weil anders nicht zu begreifen ist, wer das denn sein soll, der so fragt. Etwas von solcher Art. Denn ich habe mich immer bemüht, diese Fragen möglichst gleichzeitig zu stellen. Und zu beantworten. Kaum jemand hat das wirklich, ich meine – verstanden. Viele verstanden nur – Aufruhr! Ja, ich war ein Student, unterwegs mit Rucksäcken voller Papier. Die Zeiten waren damals so, und die Bäume, deren Knochen zwischen den Wirbeln meines Rückgrats nach ihrer zukünftigen Form suchten, geistern noch immer durch meine Träume.  Manchmal spüre ich es schwanken. Dann überkommt mich ein seltsames Gespür, wie für Schlittschuhe auf knirschendem Eis. Dann halte ich mir die Hände vors Gesicht, ein gewaltiger Schmerz. Die ungebornen Enkel.

Triade

Ich bin der Liebhaber,
Chronist der gebrochenen Herzen,
koste vom unerschöpflichen Wein der Lust
jeden noch so bitteren Tropfen –
Ich bin trunken vor Schmerz.

Ich bin der Verlorene,
Prometheus gleich an den Fels geschlagen,
doch nur die Ahnung eines Funkens
auf den Lippen und die offene Brust
noch jedem Geier dargeboten.

Ich bin der Souffleur der Zeit
in diesem Kammerspiel der Tauben.
Immer im Schatten der Bühne,
muss ich Herr der Untertitel
und des Nichtgesagten bleiben.

Doch ich bin hier,
bin immer hier.

Amuse-Bouche

Prof. Dr. O. holte sich ein Schinkensandwich vom kalten Büffett. Hier und da grinsten erblasste Gürkchen aus den Weißbrotreihen. Prof. Dr. O. kaute Radieschen. Kalte Platte, Amüse-Bouche. Auch als Mundfreude bekannt. Ein scharfer Saft lief in seine Mundtaschen. Das Arbeiten der Zähne und das sich in den Ohren verbreitende Knirschgeräusch übertünchte die Worte seiner Tischnachbarin. „… ausgezogen… nie mit dem Zug gereist…, sehen … Herr Ober… nicht…“ Wie Syrup quollen Walzerklänge über das Parkett. Oh wie so trügerisch… Prof. Dr. O. kaute aus, wanderte mit seinem Teller zum Fisch-Ouvert. Silbern funkelnde und mausetote Sardellen, angeordnet zu einem Stern, warteten auf den Verzehr. Daneben Möhrengeschnetzeltes, Salatsorten von glatt bis gezackt, vom Grün eines verblichenen Lampenschirmes oder der Färbung einer saftigen Kuhweide. Weißkohl regte die Haufrau offenbar zu neuen Schnitztechniken an. Prof. Dr. O., sonst ein Mann der praktischen Intelligenz, tendierte heute Abend zur Weinerlichkeit. Der Walzersyrup, der nur zum Teil gehörte Smalltalk, die Arie von den Weiberherzen. Die Ordnung der heutigen Mahlzeit war für Prof. Dr. O. ein Appetithäppchen. Er würde den ganzen Literaturblog unbenennen. Kalte Platte. Bestehend aus lauter Amuse-Bouche.

Horizontal und vertikal [2, 11]

Es machte klick. Die eben noch rollenden Steine hatten aufgehört zu rumpeln, die Luft wogte noch leise durchs Zimmer und wir, die Arme um einen Körper gelegt, der als Relief mit verschiedenen Namen wie Taille, Rücken, Hals und Kopf versehen war, in der Vorstellung aber aus nichts anderem bestand als zitternder Wärme und einer sich blind äußernden Zuwendung, schauten uns reglos in die Augen. Es dauerte eine Ewigkeit, bis sie sich so weit angenähert hatten, dass sich die Lippenpaare berühren konnten, und was darauf folgte, lässt sich nur noch im Bild eines Seglers fassen, der auf den wild pulsierenden Dielen des Sturms von Wellenbergen hinab in die schäumenden Täler geschleudert wird, um, zeitweise ganz vom Wasser begraben, immer wieder seine knarrende Mastspitze aus dem flüssigen Tosen des Meers herauszustrecken in verzweifeltem Kampf gegen das Versinken. Die Flüssigkeit in den sensiblen Gleichgewichtsorganen, deren gedachte Linien den menschlichen Kopf in der Wahl zwischen horizontaler und vertikaler Körperlage zu halten pflegen, spielten verrückt und konnten keine Entscheidung zwischen Stehen, Fallen und Fliegen mehr vermitteln. Als meine Lippen deinen entblößten Körper zu erforschen begannen, gebot eine fremde Stimme dem Chaos in diesem Zimmer Einhalt: Nicht! Ich muss los … Es machte klick. Ich zog die Tür hinter mir zu und drehte den Schlüssel zweimal im Schloss herum.

Der Mund

für John U.

öffnet sich : schließt sich
zarte Lippen : zitternd am Unterleib
ein Laib : von dem du zehrst
denn du lebst ja nicht allein : also fährst du
nachts zu ihm : er nimmt dich auf
verschluckt dich : schüttet dich zu
mit Geschichten von Großvätern : die nicht
ablassen können : sich an jungen
Zungen zu laben : sie stecken
ihre Rente in den gierigen Rachen : denn
der Mund : die faule Fotze
verschlingt sie : während ihr euch
hingebt & aufgebt & Schluß macht
um wiederzukommen : immer wieder
frißt euch der Mund : in den ihr
eure schlaffen Schwänze steckt

Verleger

Schon wieder ein Manuskript

Verlegt

Schade eigentlich

Aber Verleger verlegen nun mal

Dieses und jenes

Vieles und anderes

Wer soll da noch die Übersicht behalten

Täglich

Stapelweise

Da kann es schon mal passieren

Daß was verlegt wird

Was besser hätte nicht verlegt werden sollen

Ich bin nicht so ein Verleger

Gottseidank

Bei mir ist höchstens mal der Kamm weg

Gefüttert

In blassgelbe Sonnenscheiben

geschnittene Schuljahre

den Mund auf der Silberfläche

Fremdheit : Familie

Nie hat mein Vater um seinen Vater
getrauert. Fröhlich erschien dem Kind
die Besatzung in Polen : was für ein guter
Job (sagt man heute). Gefolgt

vom schnellen Tod auf der Krim. Fünf
war mein Vater. Als sein Vater starb.
Vermißt gemeldet. Hat mein Vater seinen Vater
nie vermißt (sagt er). Drüberweg

gehen & weiter. War die Maxime.
Für Gefühle zuständig : der kleine Bruder
durfte weinen. Mein Vater : der große Bruder
die große Hoffnung. Ein Musterschüler

der’s allen gezeigt hat. Seine Begabung
Nachhilfe zu erteilen. Auch seine Frau
gewann er mit Beharrlichkeit (was man heute
leichthin stalking nennt) : er liebt

den schnellen Schritt. Beherrscht
vom Gedanken : vorwärts & rasch
vergessen. Liebt er sich selbst (wie wir alle).
Mein Vater. Mein trauriger Vater.

Er ist ein großer Zerredner & flieht
lebenslang vor der Trauer.