Sehr geehrte Leser! Nach reiflicher Überlegung eröffnen wir heute im Inskriptionen-Reich eine neue Rubrik. Die Redaktion erhofft sich von dieser Maßnahme ein neues Stück Pergamentpapier.
Orfeusz [0, 1]
Alles begann damit, dass aus der C-Dur-Mundharmonika ein kleines schwarzes Pferdchen hervorlugte und sich leise wiehernd aus dem Staub machte. In der Ferne fuhr ein Mähdrescher über die goldene Ebene, eingehüllt in eine Wolke undefinierbarer Substanzen begann das Licht unmerklich zu verschwinden. Pim lag auf seiner Decke und starrte auf die sich am Horizont entfernenden Schatten. Das tiefe Brummen der Maschinen wurde vom Wind zerklüftet, stark drehend drang es immer wieder leicht anschwellend bis hierher. Instinktiv wusste er, dass etwas Unsauberes im Gange war.
Ich fühle mich oft nicht
wohl in meiner Haut
auf dem Faden der Sekunden
zerbricht das Licht in Streifen
sie glänzen, einer Sichel
zwischen den Lampen gleich
Das Leben betrachtet sich von Außen
Ein Fahrradfahrer kreuzt von rechts
In der Ferne klingt Musik
Zwischen S-Bahn Geräuschen
tanzen Paare, wiegen sich
in der Gewissheit, fadenscheinig.
* * *
* * *
nnta g (.-.. dass es mistist)
(schon vorher) der g uf (aut.) der nnbah ar von eon erfekt plant ast n nzes (jahr) te er ich un (schon wieder) auf sen g (freut, und) o knn hm das * die immung (nicht) vermsen. in der acht hat es och (regnet) so ass n mt (planbar.) schwre den rchnn (nicht nach.) mss (heute;) (truebe wetter)
Venedig
die Schlauen sind fort : die Kaufleute
& Generäle : Kramhändler zieren
Gassen & Plätze : Damenschuhe
klappern : Amerikaner suchen vergeblich
nach ihren Wurzeln : Kinder : in Gruppen
angereist : singen längst vergessene
Schlager : ein Murmeln : das nachhallt
hörbar über dem Schlagen der Wellen
bringt die hautkranken Häuser zum Bersten
wie räudige Katzen : ausgesetzt : streift man
herum : dies ist ein Ort : man fühlt sich
zusammengehörig : in Weltsprachen plaudernd
über Bellini : verläßt man eilenden Schritts
die Galerie : heitert sich auf im Café
ich streune umher : höre Schreie & Schritte
nachhallen : folge den Herren in braunen
oder blauen Mänteln : besitzergreifend
schmiegt sich Arm um Arm
im Schaufenster blitzen Gesichter auf
man dreht den welterfahrnen Kopf
gegen das Tag für Tag gleiche Angebot
Wurst & Salat : man urteilt & schreitet
zum nächsten Sklavenmarkt : in der Hoffnung
alles muß weitergehen : einst stemmten
die Bauleute Steine als Bollwerk ins Meer
sie starben & andre vollendeten ihr Werk
einst hörte man den Nachhall der Hämmer
Vor einem Monat
f.L.M.
Der schönste Mensch der Welt ist ein
Dichter. Walross ohne Bart, Haare & Zähne –
Berg in den Weiten des Wassers, darin die
Worte ertrinken wie Eisschollen; alles schmilzt. Dieses
Seltsame Wesen aus Witz, Schmerz, Freude & dem
Blitzen eines Salztröpfchens auf der Oberfläche des Planeten
Ist Teil der Kristallstruktur des Universums.
Eine Drehung
Die Windpferde wüten auf ihrer Weide, eine
Rose ist eine Rose ist Rose eine Rose, nur für
Wind gemacht & ohne feste Richtung sucht
Der Impuls nach dem Ort, da die Umfriedung
Des Kosmos eine Lücke: Rose, Rose mit Dorn
verschiebungen
aus dem periskopischen hals
wächst der
vegetationskegel zweiäugig
kragen nase und ohr in
all die richtungen
des windes
Pompeji
verkohlte Wände : verstohlene Blicke
Epikurs Lebensfreude : Priapus vorm Haus
Gebete um Fruchtbarkeit : nicht zur Einkehr
lüsterne Blicke der Stoiker auf dichtes Wohnen
der Lust gewidmet : nicht der Rechnung
Mikrokosmos : Zeugnis einer glücklicheren Zeit
wäre nicht der Vesuv
räschend über sie
hergefallen
Umbaupause
Nach einer technisch bedingten Umbaupause laufen die Inskriptionen wieder …
Held des Himmels
Inmitten finsterer Weite, wüst & leer.
Das Licht ist eine Wolke weißer Punkte.
Ein jeder sticht das Helle in die Schwärze.
Am Rande blüht es leise vor sich hin.
Das Ganze ist ein Ohr, darin die dünne
Luft der Räume Dunst in den Synapsen bildet.
Die unsichtbaren Teile ziehen in Schwärmen
Durch finstere, wüste, leere, weite Räume.
Das Licht ist eine Wolke warmer Dünste.
Am Rande blüht es leise vor sich hin.
Die Linie zwischen Punkten, fern im Dunkel
Füllt Möglichkeiten in die Dimensionen. Schwach
Schimmert es am Rande. Fetzen blühen,
Ein Blitzgeruch weht nach der Mitte hin.
Der Linien viele von den Rändern – des Himmels
Her verstricken sich im Raum. Es ist ein
Großes Ohr nun in der Weite, darin die dünne
Luft der Räume Dunst in den Synapsen bildet.
Es ist ein Zucken weißer Punkte nun.
Der Kosmos sucht sich einen eigenen Körper.
* * *
taube bleiben stumm
blinde sehen mehr
aber
aber das muss nicht so sein
(sterne leuchten, nicht mehr)
leergeräumt
leergeräumt
Siehst du die Sterne, sagt er und zeigt in den Himmel.
Aber klaro sehe ich die Sterne!
Erkennst du den Kleinen und den Großen Hund?
Wo rennen da Hunde herum?
Siehst du den Hasen? Und da, neben den Hunden, siehst du den Jäger Orion?
Eine richtige Jagd!
Erkennst du da drüben den Stier?
Gibt es jetzt auch schon Rindviecher im Himmel?
Aber den Fuhrmann erkennst du, schau dort hinüber, siehst du ihn?
Den Großvater? Er ist tot! Papa, du hast Halluzinationen!
Den Löwen, dort drüben, wo die Sonne bald aufgeht, den siehst du doch?
Liegt jetzt Afrika im Himmel?
Die Zwillinge wenigstens wirst du doch sehen!
Hast du zu viel getrunken, Papa? Die liegen im Bett und schlafen hoffentlich!
Wenn du in den Himmel schaust, was siehst du dann?
Ich sehe den Himmel.
Und weiter?
Nichts weiter!
Du musst doch die Sterne sehen!
Natürlich sehe ich die Sterne.
Und weiter!
Was weiter?
Was siehst du, wenn du in den Himmel schaust?
Nichts!
Ohne Worte frage ich dich
Darf ich deine Puppe berühren?
Wer bist du?
Magst du diesen Ball mit meinem Würfel tauschen?
Sind seine Ecken nicht spitz?
So wie ihr Köpfchen glatt?
Und dieses Aufflattern, ist es nicht erschreckend und beglückend zugleich?
Willst du mit mir spielen?
Ist das Leben nicht schön?
Kommst du mit?
Wollen wir gemeinsam hier schweben, schweben?
Du bist missmutig, warum?
Gefällt dir denn mein Schweigen nicht?
Neapel
wie geschaffen sind die die Uferpromenaden
für Motorinos : die Stadt lebt mit dem Meer
für frische Luft ist kein Platz in den Gassen
Hanibals Elefanten passen nicht hindurch
bunter Plunder liegt ausgebreitet uns zu Füßen
Haijin-Container stapeln sich am Hafen : Burgen
die Stadt wird belagert & hungert aus : im Museum
gibt es noch Jobs : acht Stunden Nichtstun
auf starrende Touristen starren : solche Jobs
sind ein Luxus : du findest die Neapolitaner
an den Ständen in der Via Umberto Eco I. : Einkaufs-
meile der Straßenhändler : Schwarze
verhökern rosa Bommelmützen : Tunesier
widmen sich dem zeitlosen Geschäft
mit Damenledertaschen : fälschungssicher
imitiert nach dem Design von D & G : Chinesen
verschreiben sich der Zukunftsware : knallige Waffen
als Kinderspielzeug : das Heer der arbeitslosen
Neapolitaner besinnt sich auf den Verkauf der ruhmreichen
Vergangenheit : Würstchen & Konzertgitarren
in der Luft liegt das Lied von der brüllenden See
Das Gerüst
Welch seltsam Mantel aus Geraden-
Stücken und Knoten in der Luft hat
Das alte Gemäuer sich zugelegt?
Überall nur Quader, Ritzen, leere
Segmente – ein loser Stoff, worin das
Nichts die Abwesenheit der Materie
Zur universellen Fraglichkeit allen Sinns
Verbaut – Ritzen und Löcher, Kupplungen
Für das Jauchzen der Form unter unter-
Schiedlichen Bedingungen; auf den Brettern
Bewegen sich Moleküle von Händen, ihren An-
Sammlungen fehlt es an Zeit, sich in Ruhe
Zu betrachten. Nachts scheint das Gebäude
Zu frieren: aus dem vibrierenden Dunkel
Des Traums, der klobigen Hülle aller denk-
Baren Möglichkeiten hebt sich der Umriss
Eines Plans über die Tiefe, wo die Samt-
Schichten wolkendurchatmeter Zeit sich zu
Winzigen Gebirgen auftürmen, nur Metaphern für
Dünung der Jahrhunderte
Was ist der Sinn einer Augenklappe?
Kam der Text aus dem
Schweigen? Wo
Brechen die Wurzeln
Zuerst durch den Stein,
Ergeht es ihm anders
Als den Worten auf Papier?
Irgendwo
Weit im Norden
Träumt der Berg vom
Wiehern der Hufe.
Das Förderband
Vollständig entleert gleiten die eisernen Schlünde talwärts. Nach Erfüllung aller Zwecke hat die Seele wieder Ruhe für einige Zeit. Zugrunde gegangen beißen sich die Motoren ins Erdreich. Unmerklich geht es vorwärts. Alles verschwindet. Was bleibt ist grundlos leer. Blitze wie Bites aus Sätzen von Blei. Der Aufstieg des Erzes ist hier Maßstab des Dauerhaften. Der lange aufgeworfene Staub türmt sich in den Himmel. In der Luft liegt ein Gespinst bizarrer Frequenzen. Das langsame Schaudern der Stahlgeometrie, aus Geraden und Kreisen zusammengefügt. Frequenzen. Frequenzen. Fast scheint’s die Sprache sei zu grob für permanente Drehungen, Blickachsen durch das mannigfaltige Gewebe. Neue Wolkenschichten. So füllt sich die Lunge von unten her. Das unsichtbare Reich des Staubs erzeugt seine Skulpturen. Träume, angefüllt mit Wasser aus den berstenden Strömungen. Das Licht ein zeitloses Dämmern, gleißende Funkenbrücken inmitten des Schlafs dieser Landschaft.
Solveig
Ohne bücher und ohne das lesen hätte ich meine kindheit und jugend nicht überlebt, besonders nicht die zeit, als es zuhause so schlimm war.
Solveig drehte den kopf und starrte durch den raum. Auf dem tisch lag ein angebissener apfel, schon ganz braun.
Die kräche zwischen vater und mutter, meist nachts, die schläge und die tränen. Bücherlesen war keine flucht, sondern die einzige rettung!
Sie erhob sich vom stuhl und ging zum fenster.
Hörst du mir überhaupt zu, fragte ich.
Sie öffnete das fenster und stieg auf das sims.
Ich beobachtete sie genau.
Sie sprang. –
Gut, dass wir parterre wohnen.
Die türklinke ging nieder, Solveig trat ein.
Was hättest du getan, wenn wir im achten stock gewohnt hätten? fragte sie und setzte sich wieder auf den stuhl.
?????????? ?????? (Siwerskyj Donez)
Ich binde mir eine lunge um
und atme tief durch. Ich erzähle Ewa von dem traum, den ich letzte nacht hatte und auch die nächte davor. Wenn ich lange genug im bett wach liege, höre ich, wie der zement im mauerwerk arbeitet. Es knackt, wie wenn du einen marienkäfer mit dem daumennagel zerdrückst. Ewa steht oft mitten in der nacht auf und öffnet die haustüre, damit die katze am morgen zurückfindet. Manchmal schlafwandelt Ewa auch nur. Dann fragt sie, wer die haustüre aufgesperrt habe und wo die katze sei. Am liebsten atme ich salzluft.
Die lunge wird nicht für lange reichen. Ich muss sie mit Ewa teilen und der katze.
Oder gute frische bergluft. Ich glaube, der zement löst sich auf. Irgendwann wird der wind durch das mauerwerk pfeifen und die kälte wird eindringen, oder ich werde durch die ritzen das tageslicht sehen. Ewa ist eine gute und tapfere frau, sie beklagt sich nie.
Eines tages werden mich die lungenflügel hoch in die lüfte tragen. Ich binde mir eine neue lunge um und atme tief durch. Ewa fragt mich, ob ich wieder meinen traum hatte. Heute hat sie sogar die katze vergessen und die haustür nicht aufgesperrt.
Pfuuuuh!
Im Kaffee Kleist: Kakao, mit Haut bitte. Die Haut von elefantener Beschaffenheit. Der Monokelträger schiebt einen Gummisaurier auf den Tisch, der von Ms. Pistole bewundert werden soll. Er ist etwas dickbäuchig, der Saurier, und verfügt über einen grünen Kamm am Rücken. Das Tier ist von Rossmann, aus der Badeabteilung, das ahnt Ms. Pistole. Und reife Herren haben Spieltrieb, dem Gummisaurier wird auf den rosafarbenen Bauch oberhalb der kurzen Beine gedrückt. Pfuuuuh! Mit „Tüüüüühhh“ geht die Luft wieder rein und das Gummi bläht sich zurück in seine angestammte Position. Wenn jetzt nicht Winter wäre, denkt Ms. Pistole, ich glaube, ich hätte einen Sonnenstich. Zum Wohl. Sie hebt das Glas, in dem roter Wein zu Boden liegt. Sie hebt, hebt es – und prostet dem Monokelträger zu. Gut, dass ich heute pünktlich war, doch beim nächsten Mal werde ich – falls es in der Region zwischen Venus und Mars, und vielleicht auch im interstellaren Raum – zum Wohl!
gestern
wie selbstverständlich gehst du über die worte
als wüsstest du um ihre schwere
begleite mich
wenn ich den weg durchs gebirge nehme
über die brüchigen schiefer
auf der anderen seite wartet das meer
mergelliebe
wir legen unsere liebe auf mergel
kalkgraues gestein und braunes
mit rauhen händen
streicheln wir unsere erinnerungen
als wären sie
aus poliertem granit
Ein Sommergruß
Die kleinen Buckel
Im Atem zittern
Stumm
Ihrem Tal entgegen: grün
Wächst das Gras auf den Wolken, der zukünftige Mensch
War nichts als Kind
War nichts als
Gestreckter Nackenkörper
Und hoch oben der Schnee
* * *
für Armin
Das Herz
Ist ein Gespinst aus
Nerven, zwischen seinen
Fasern hängen die Träume
Schwer
Im Nirgendwo. Der Raum
Vor den Augen bindet
Alle Farben, kaum
Hörbar ihr Gewisper:
Fertig, fertig, fertig
Wird es nie sein
Das Kraftwerk
Gedichte in die Produktion!
Tod den Märtyrern!
Wer nicht denkt, soll auch nicht sprechen!
Jeden Abend Feierabend!
Für das Ende der Geschichte!
Jede Feier bis zum Morgen!
Nie wieder Alkohol!
Hände weg vom Lenkrad!
Kein Keller ohne Überschwemmung!
Dem Frühling die Freiheit!
Freie Fahrt für blaue Würger!
Jedem Brötchen seinen Aufschnitt!
Kein Klavier ohne Stimmung!
Tod dem Menschen, es lebe die Knuts
Blättrige
Nachösterliche Enge – Luftnot.
Blattwerk, aus der Retorte
gläsern bespiegelter Treibhaus-Gase.
Kaum erblüht im Glas,
zerfällt es, wieder:
Herbst, vielleicht ein Weihnacht, dann ein
wenig Kelvin und
Anti-Bios:
gefriergetrockneter Ramsch
Fotoobjekte, außerhalb vom Orbit.
Der Stift ist tot
mein Stift, er erstirbt
hat so treulich gewirkt
mir zur Seite gestanden
wenn wir Neues erfanden
konnt‘ mit diesem Stifte nur schreiben
wie kann er sich bloß so verweigern
mit ihm zusammen dichten
die vergnüglichsten Geschichten
doch er hat mich verlassen
da werd‘ ich‘s denn sein lassen.
* * *
Von der Himmelskugel
Seilt sich ein Stern ab:
Freier Fall durch den Raum
Oder Aufbegehren im Irdischen?
Ist die große Fusion Ausdruck
Für die Liebe der Atome, oder
Hängt die Bewegung diesseits von
Stärke und Schwäche ihrer Kraft?
Kaial-Freude oder Staubschweiß,
Silbenflimmern oder Steiß der Hart-
holzgehirne, immer bleibt
Was ist ein Splitter … Als
Marie-Antoinette ihre Knitterwäsche
Unter die Exzenterpresse legte
Gurgelte es kurz in der Pfütze
Hinterm Parkplatz, und auf der anderen
Seite des Universums wurde (finger
food für towarisch Archi-
medes) die Zahl P/Innen mit
Hammer serviert, Hummer garniert
glandula glandula
warzenäugig, schwammhäutig:
vom ich zum du
sind die beiden
dialogischen brustsprossen
aufgesprungen
bis zur
milchwurzel