Braunes Holz

Der letzte Hund, der meiner Großmutter gehörte, hatte ein Ekzem. Das ist nichts Außergewöhnliches, auch Thomas Mann klagt in seinen Tagebüchern über ein Ekzem am Ohr, häufiger jedoch über hartnäckige Konstipation. „Meine Konstipation ist außerordentlich!“ ruft er schreibend auf seiner Hochzeitsreise aus.

Doch erzählen wollte ich, vom Hund meiner Großmutter. Die geladene Tischgesellschaft, mittlerweile beim Hauptgang angelangt, war empört. Denn der Hund rieb sein Fell an den Beinen der Gäste und schnupperte an den behaarten männlichen Gelenken ebenso sehr wie er an den weiblichen, weich bestrumpften Waden schabte. Sein Vorgänger hingegen war artiger Natur gewesen – er leckte nur ganz im Geheimen an nackten Herrenbeinen. War das pfiffige Kerlchen mit dem erlesenen Geschmack nun homophil oder nur von besonderer, hündischer Devotion?

Onkel Adalbert, der Bruder meiner Großmutter, arbeitete im Winter mit der Laubsäge und bedachte die Familie mit Kerzenständern aus tiefbraunem Holz. Bei einem Besuch stieß er die derben Winterstiefel rhythmisch in das Würfelparkett des Wolfenbütteler Kaffeehauses. War es Würfelparkett? Oder Fischgrätenmuster? Waren es Stiefel? Oder waren es nur Halbschuhe? Was bleibt, ist die braune Vertäfelung der Erinnerung und das bisschen Walderde, das Onkel Adalbert uns hinterließ.

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Life-Unterhaltung (forts. 1)

„Diese Arsch-Sprache hatte so eine Art Darm-Frequenz. Traf einen direkt in den Unterleib, so als müsste man gleich aufs Klo. Sie wissen schon, wenn der alte Dickdarm einen in die Rippen stößt, man bekommt so ’ne Art inneres Frösteln und weiß, dass man eigentlich nur noch loslassen muss? Also diese Sprache schlug einem direkt auf den Unterleib, ein blubbernder, dichter, träger Klang, ein Klang, den man riechen konnte.“

(Ebd. Hamburg 2011 S. 165f. Copyright München 2009)

Von Zeiten und Uhren oder Lateinstunde

An die Blog-Gemeinde:

Nehmt mich auf, auch wenn ich euch bei weitem noch nicht das Wasser reichen kann. Heute im sinnlosen Latein-Unterricht (FREITAGS!!!) fand ich zuerst diese Zeilen und dann euch (war ein Tipp, ich gebs zu). Bin aber nicht an diesen Kommentaren interessiert, die ich erst entschlüsseln muss. Das reicht mir in den leidigen Lateinübersetzungen zu.  (also so was von kleist oder zhenja – das durchsteige ich noch nicht). So, künftig werde ich den Kommentar in das richtige Feld stellen. Ach so, ist das jetzt Satire oder Prosa? Wer kann mir dabei helfen? Nun aber komme ich also zu Potte, wie Frau Dr. Wilken (Latein…) sagt: 

Ich habe ein Problem mit meiner Zeit. Hierbei unterscheide ich zwischen Echtzeit, Traumzeit, vertaner Zeit, genutzte Zeit, schöner Zeit, Unzeit, Schlafenszeit, Kaffeezeit, Lesezeit etc. Ich bewege mich durch die Zeit, laviere, buckle, trete, schiebe, dränge, gleite, tanze, schwebe, haste, eile und sitze. Meine Seele ist frei, habe ich immer behauptet. Das ist eine Lüge, ich scheue mich, der Zeit etwas entgegenzusetzen. Acht Minuten sind verflossen. Ich werde sie totschlagen müssen, die zähe Masse klebt an den Fingern. Ich bestaune auf der Uhr meinen Triumph: Acht Minuten hatte ich zwischenzeitlich ein Problem mit der Zeit. Sie ist gelöscht. In einiger Zeit werde ich ihr nachtrauern, betteln um weitere acht Minuten. Diese Minuten. Sie wird mich fragen was ich denn von ihr wolle: Totschlagen werde ich nicht sagen. Sie wird mir vorwerfen, dass ich sie getreten habe. Noch bevor diese elendigen Worte aus ihrem Mund fließten, werde ich diese zurückdrängen: Jedes einzelne C und a und  r und p und e…. Ich dresch es ihr in ihre graue Fratze: Friss deinen Tag! Sie wird mich umarmen, streicheln, wärmen, umschlingen, einnehmen, hochwerfen und tief fallen lassen auf schneeweißen Daunen. Siehst du, wird sie flüstern, zehn weitere Minuten habe ich dir geschenkt, erkennst du jetzt, was ich für dich bin…

Eingabe

Der Zeiger einer Kuckucksuhr, Bahnhofsuhr

– unterbrich mich nicht –

nimm den Takt. Sie hat ein Haus.

unterhalb der Schwingung kriechst du hervor,

in dein Gemach,

die Richtung voraus.

Es sind viele Uhren.

Dziga Dziga

Mit Mikhail !
Und der Frau !
oOO KK                   o
Unsichtbarer Bruder

So verfliegen die Jahre wie Bilder

Zurück zu

Bereits fahrend, gab es mehr schweißdurchtränkte Kleidung, Leute mit weniger als dreizehn Kubikmetern Warmwasserverbrauch im Jahr. Kleine Dörfer, in denen sich das Militär nicht zeigte. Snacks und Angebote. Kein stiller Ort – nirgends.

Am Bahnhof dann der Zapfhahn. Dort musste ich zusehen, wie ich die Situation bereinigte. Vorbei an Bierleichen, dem Fußballverein auf Bildschirm und den Bingo-Spielern, legte ich der Kellnerin den Klo-Schlüssel wieder in die Hände. Wieder legte ich vor.

Life-Unterhaltung (fastgegenw.)

Dr.  Schafer: Ich „glaube, ich werde zur guten altmodischen Chirurgie zurückkehren. Der menschliche Körper ist skandalös schlecht konstruiert. Warum nicht, anstelle von Mund und Anus, die so vielen Erkrankungsmöglichkeiten ausgesetzt sind, ein Allzweck-Loch, das zum Essen und zur Ausscheidung dient? Wir könnten Nase und Mund abschließen, den Magen auffüllen, ein Luftloch direkt in die Lungen machen, wo es eigentlich von vornherein hingehört hättte…

BENWAY: Warum kein Allzweck-Loch? Habe ich Ihnen jemals von dem Mann erzählt, der seinen Arsch sprechen lehrte? Sein ganzer Unterleib konnte  sich heben und senken, vertstehense, und furzte Worte. Ich hab‘ nie vorher etwas Ähnliches gehört.“

(WSB : NL 15. Aufl. Frankfurt/M.; Berlin 1994,  S. 118)

Chlebnikov-Aporismo

Auf zehn Verrückte kommt heute durchschnittlich ein Autor. Wenn es der Menschheit gelingen sollte, diese Quote in den nächsten zehn Jahren auch nur zu verdoppeln, sehe ich schwarz für die PengakAtien.

Duft der Zeit

du sitzt neben mir

dein duft umhüllt mich

sanft

wie es deine berührungen tun

 

du sitzt neben mir

und ich erinnere deine

augenblicke

deine schon längst vergangenen zärtlichkeiten

die in mir weiterleben

und mich erfüllen mit glück

mit freude auf neues

doch

du sitzt neben mir

und die zeit zwischen uns wächst

zu einem gefühl

und sanft wächst vertrauen und lust

und hingabe und vertrauen

für den moment

wenn du nicht mehr neben mir sitzt

Die Provinz eines Poeten

Dichter bleiben Dichter, ob sie dichten oder nicht. Viele Dichter bleiben nicht lebenslang auf Gedichte geeicht. Gern wird die Prosa geprobt. Ralph Grüneberger macht da keine Ausnahme. Er hat seine Leser mit hintersinnig-heiteren Geschichten gut unterhalten.
Jetzt hat sich der nunmehr 60-jährige zum Jubiläum mit Gedichten beschenkt. Nicht mit neuesten Gedichten! Ralph Grüneberger hat eine wohlbedachte Auswahl von Gedichten auflegen lassen. Mit der ihm eigenen Ironie heißt die Lyriksammlung „Bunte Pleite“ und vereint fünfzig Gedichte aus fünfundzwanzig Jahren. Versprochen sind „Nachrichten aus der Provinz“, was nicht sonderlich originell ist, doch für die Poesie von Grüneberger von eigenem und besonderem Wert. Dem Poeten ist die Provinz der Mittelpunkt des Lebens und der Welt. Und sage ihm einer, dass das so nicht ist. Jedes seiner fünfzig Gedichte beweist: Jeder provinzielle Ort ist ein zentraler Ort der Welt und ihrer Geschichten, also der Weltgeschichte. Das muß man nur sehen können, wie Ralph Grüneberger zu sehen vermag.
Folgerichtig macht die Sammlung mit dem Gedicht „Fahrt in die Provinz“ den Anfang. Es geht in keine stille, lauschige, idyllische Landschaft. Das „Kreischen der Reifen“ schrillt in den Ohren. Es schreckt auf, was rechts und links der Straßen liegt und wohin sie führen. Die „Fahrt in die Provinz“ ist eine Ouvertüre, die auf das Kommende einstimmt und es zusammenfaßt. Da dürfen die Leser neugierig sein oder sofort passen und dann einiges versäumen. Vor allem deutsche Gedichte – oder sollte besser gesagt werden deutschsprachige Gedichte – die voll der deutschen Geschichte insbesondere des 20. Jahrhunderts sind. Bravo! Da drückt sich ein Lyriker mal nicht, was sovielen in den letzten Jahrzehnten mit ihren säuselnden Selbstbetrachtungen gelungen ist.
Grüneberger ist bevorzugt in der ostdeutschen Landschaft unterwegs, die sein Heimathaus ist. Und, wer in dem groß wurde, formuliert keine beliebigen Geschichtsgefühle als Geschwafel über und zur Geschichte. Als Wissender und Wertender ist er kein pamphletischer Eiferer, kein ideologischer Propagandist. Sein Geschichtsbewußtsein läßt ihn fühlen, was versäumt, was vergessen wurde und wird in der Geschichtsbetrachtung. Den Dichter stört die Vergeßlichkeit, die die Vergangenheit verachtet. Gescheit genug, verzichtet er darauf, die Vergesslichen mit der Nase auf die Vergangenheit zu stoßen. Diese Haltung macht das Politische poetisch. Grüneberger ist ein empfindsamer, aufgestörter Beobachter, der die Vergesslichen aufstört. Die so beschämten Leser werden sich nicht verstockt verstecken. Der Lyriker zieht sie mit seinen exponierten, poetisierten politischen Gedichten aus seine Seite. Statt bloß beschämt, fühlen sich die Leser vom Autor aufgerichtet und gestärkt in dem Willen, achtsamer zu sein. So läßt man sich Lektionen zur deutschen Geschichte leicht und gern gefallen. In den Gedichten wird die Geschichte zum Denkmal, das mehr als einmal zum Denken anregt. Das Prinzip der Grünebergschen Poetik ist, über das Existenzielle nicht nur zu philosophieren, sondern das Existenzielle in anschaulich-philosophischen Bildern beim Namen zu nennen. So werden konkrete Ursachen und ihre geistigen Wirkungen begreifbar. Auch, weil die Lyrik stets etwas Episch-Erzählerisches hat und dadurch die Zugänglichkeit, sprich Verständlichkeit, erleichtert. Auch ein Grund dafür, es nicht dabei zu belassen, die Geschichte von Ralph Grüneberger nur einmal zu lesen. Die Freude beim ersten Lesen ist zugleich die Vorfreude aufs Wiederlesen.
Um in seiner Ganzheit ein schönes Buch zu sein, das „Bunte Pleite“ wahrlich ist, gibt’s sechs Zeichnungen von Karl-Georg Hirsch nicht nur als beliebige Zugabe. Dem Künstler ist die deutsche Geschichte so wenig gleichgültig wie dem Lyriker. Hirschs Arbeiten sind irdisch-kräftig und kraftvoll, wie das Leben an sich ist.
Ralph Grüneberger: Bunte Pleite. Notizen aus der Provinz. Edition Ornament Bd. 7 quartus Verlag: Jena 2011, 72 Seiten.

Ehtoma (Sommerstück von einem finnischen See)

Ich halte die Augen geschlossen und sehe einen See. Alle Gedanken, alles Spürbare, Fühlbare, alle Erfahrung, alle Erinnerung scheinen aus diesem See aufzusteigen.
Hinter meinen Augen ist der See und füllt mein Inneres aus; geht weit über die Grenzen meines Körpers, meiner Haut, die nach See und warmem Stein riecht.
Ich liege auf einem Stein am See und verschmelze, die Augen bleiben geschlossen.
Hinter meinen Augen färbt die Sonne meine Wahrnehmung rot: Flamingos.
Ich öffne die Augen und sehe Seeschwalben, Möwen, Enten, eine Wasserspinne; die Flamingos kommen vorübergehend dazu.
Ich greife nach Gedanken, packe sie: Schreiende Möwen, Federvieh – schaue sie an und lasse los. Die Möwen fliegen kreischend davon. Dann ist Stille.
Nun steigen der Mond und das Licht aus diesem See auf.
Dieses Jahr steht der Mond hell am Mittagshimmel und versinkt gegen Mitternacht im Wald, anstatt nächtlich hinter der gegenüberliegenden Waldsilhouette hochzusteigen und eine glänzende Straße auszuwerfen wie im letzten Jahr.
Elliptisch rudert er um den See, wandert um das bewaldete Ufer, zieht kleinere Ellipsen, schwimmt auf seiner eigenen Straße um die Insel, verlässt das Wasser, um auf Zehenspitzen über die bemoosten Wege zu schleichen. Wie ein großes oder kleines Schiff fährt er in die Nacht oder in den Tag.
Alles ist polar, diametral, vereint, entzweit, verschmolzen.
Meine Augen sind immer noch geschlossen. Frieden überzieht mich wie eine Schicht frischen Mooses. Das alte Moos fällt von meinen Fingerspitzen und Zehen ab; die Birkenblätter plappern und rauschen… Unendliche Beruhigung auf einem Stein im See, in dem tausend Herzen klopfen und pochen. Weiße Arme spielen in grünem Haar, Gesänge ziehen herauf. Wolken über mir; gebaut, geformt, geknetet, gezupft, gerissen.
Fahren wir nach Ehtoma?

Mir zerbrechen die Gedanken

Unter deine Haut

Sie zerfallen in deine Leere

Mit allen Sinnen

Versuche ich dem Sog

zu widerstehen,

Hineinzufallen

In die Aussichtslosigkeit des Sommers

 

Erschöpft scheint dein

Ich, ein sich

Hineingeben in den

Verlust und den Ablauf der Zeit

 

Wir gehen den Fluss

Hinauf und hinab

Das hinab möchte ich auslassen

obgleich ich an nichts anderes denken kann.

 

Mein Ich zerfällt in deine

Säulen, dem Wind ausgesetzt, der keinen

SaharaSand bringt, der die Wärme des Inneren

Mit sich nimmt.

Totentanz

 

Totentanz Engel

Die Bischöfe könnten sich freuen über soviel Phantasie. Der Sensenmann geht um, die Kranken und Lahmen werfen sich an seine Brust. Die Büßer im braunen Sackleinen geißeln sich selbst und werden von Engeln erlöst. Der dürre Mann mit dem Lendentuch wird nicht gekreuzigt, aber zur Auferstehung erweckt. Der Herbst ruft Todesstimmung hervor mit trockenen, knisternden Blättern, die vom Gebläse hereingepustet werden. Die Nebelmaschine fügt artig Nebel hinzu. Äpfel rollen auf die Bühne. Frucht. Herbst. Lebenskeim im Sterben. Kreisläufe.

Totentanz Äpfel

Es sind kleine Variationen, mit denen Regisseur und Tänzer Anton Adassinsky die großen, mythenbeladenen, christlichen Bilder vom Tod in Bewegung versetzt, verstört. Aus den Variationen erwächst die Poesie des Tanzes. Die Büßer geißeln nicht nur sich selbst, sondern – beinahe unmerklich – auch mal flott den Rücken des Nachbarn.

Totentanz Büßer

Der Engel mit seinen scheinbar organisch angewachsenen Flügeln ist keine mit sich einige Rettergestalt, sondern spaltet sich in zwei Tänzer auf. Dem Büßerhemd sind die Farben der russischen Nationalflagge aufgenäht.

Der Sensenmann trägt keine Sichel oder Sense, sondern hölzerne Rahmen, die Bildrahmen sein können oder einfach nur die Begrenztheit des Lebens symbolisieren. Wer ihn abgibt, dem armen Sensenmann um den Hals hängt, der unter der Last abgegebener Rahmen fast zusammenbricht, kann fröhlich und geheilt davon eilen.

Totentanz Gerettete

Die Übergänge zwischen den verschiedenen Totentänzen sind nicht immer stimmig, sie geben Rätsel auf – das ist gut so. Das Publikum sieht viel Vertrautes – und wundert sich. Hinter den regulären Zuschauerbänken (man darf auch seitlich am Rand der Bühne sitzen) ist auf einer Leinwand ein Bild aufgespannt, das Höllenvisionen zeigt, die in der Dresdner Dreikönigskirche zu sehen sind (ursprünglich war es als Fries an der Schloßfassade für alle sichtbar angebracht).

Totentanz Bild

Diese Visionen greift der Tanz auf, verstärkt von Orgel- und Synthesizerklängen. Die Bischöfe könnten sich über soviel sakrale Phantasie freuen. Oder umgekehrt: Adassinsky zeigt, wie Poesie unmittelbar aus Religion entspringt.
Derevo: Totentanz, Schaubühne Lindenfels, 12. 8. 2011

bei Regen

zu viert am Tisch : umringt im Halbkreis
von einem Rudel Zuschauer : der barhäuptige
Alte schielt : welche Trümpfe der Athlet

in der Hand hält : tief in die Stirn
hat der Motorradhengst die Basecap
gezogen : er will nichts sehen

die Karten knallen auf den Tisch : im Rhythmus
des Regens : allabendlich ziehen sich die Männer
hierher zurück statt auszuschwärmen

in die Olivenhaine : dreieckig : eine Scham
so schmiegen sie sich an die Hänge : jetzt
toben reißende Bäche in ihren Falten hinab

die Bauern bleiben stecken im Lehm : solange
die Karten knallen : hämmert der Regen
der Stumme hebt zur Kellnerin den Finger : noch

ein Bier : der vierte Mann wird eingewechselt

Land unter

die koordinaten geraten ins wanken

worte verlassen die insel

vokabeln die sicheren boote

ein gespräch mit dir anna ach anna verläßt

beim spaziergang fällt mir was ein

sagen reporter, die rentner von morgen

verlassen das land (nur eine ahnung)

kennen und glauben die sichere nachricht, wer weiß

von ard+zdf+ ntv+phoenix sat1+ noch heute

die nachricht, die lügt (rtl nicht vergessen)

wer weiß ach noch gestern

berichten reporter erwähnten

(am rande pakistan : die flut : russland : das feuer

amerika : der hurrikan) + deshalb in klammern

verlieren verlässliche rahmen

vergessen, versessen, sie wissen

: den boden unter den füßen

wer den verliert, frag ich dich anna

sagst du: war gestern, ich weiß

wer was sagte und wusste & schwieg

die börse, die krise, du weißt?

sie sagten „die rente ist sicher“

überleben ist wer + überhaupt + wie ?

ach anna und du

wer wußte gestern & wer soll nicht

heut aber zu spät wie ein tzumanie

: überflutet + überall wasser

ja genau da, wo heute zuviel war es pakistan gestern

war gestern zu wenig                           ist es russland, das brennt

hinter dem wasser ägypten                 (wann kommt denn der frühling)

während wir aber spazieren

wussten sie alles

:reporter von gestern

und ahnten + meinten nur so

:land unter

An einen zersprochenen spiegel

„Für Garderobe keine Haftung“

Ach so?

Wenn ich mich also aufhänge

an einem dieser haken

habe ich hoffnung,

dass mich jemand mitnimmt.

+ ich bin nicht allein

Der menschliche Wahnsinn

1

Er ist jetzt kein Problem

und wird später

garantiert keines mehr sein.

Die Zeit nimmt ihn fort,

still verzagt,

gegen jedwede Vernunft.

Im Text am Werk,

will er mit seinen Kindern

ein unbeschreibliches Leben führen.

Wir lassen ihn gewähren

auf dieser Entdeckungsreise

durch die Bestandteile des bloßen Atems.

Und wie von selbst

kullert er nun den Berghang hinunter

zum gegenüberliegenden Ende.

2

Im westlichen Gazastreifen

Maßnahmen der Bundesschutzpolizei

zur Bewahrung vor ihm.

Es besteht die Gefahr,

dass irgendwer die Kontrolle verliert,

wenn das Herz nicht dabei ist.

Zwar werden bewundernswerte Teilergebnisse gemeldet,

die man sammeln soll

wie Ideen im Halbschlaf.

Doch ist ein Kunststück nicht eigentlich erst da,

wo der Hütchenspielertrick gelingt

ohne mit dem Gürtel zu schlagen?

3

Er war so winzig in seinem Bettchen,

doch sieh, wie groß er nun gegen den Himmel absteht,

purpurn verschattet.

In solch einer schwierigen Lebenssituation

halten sich längst nicht alle so,

was denkst du denn.

Wenn ehrenamtliches Engagement gefragt ist,

spricht er ambivalente Worte

über Genosse Mielke.

Zum zigsten Mal heißt er Janislaus Kromberg,

spielt hinterm Friedhof eine kleine Partie,

die null zu null ausgeht.

Ob irgendetwas dieser Art

auch in anderen Zimmern stattfindet,

wissen wir nicht.

Ebenso nicht,

warum genau dieser Baum sterben musste,

jetzt in seinem zwanzigsten Jahr.

Nur soviel ist gewiss:

Wir haben in ihm das faszinierendste Geschenk erhalten,

das je der Mensch von sich selber erhielt.

DONG!

Albträume, albträume, die sind, albträume, albträume, abträume, nicht sein- sie sollen dong – machen, nicht sein, dong machen, dong, dong, dong – nicht sein – ding, dong – albträume, albträume…

In diesen Sommernächten

zerbrechen die Träume oft

an der vom Wind weg getragenen

Wärme

 

Die Kühle umfängt, der Pullover,

leger um Hüfte oder Hals geschwungen,

ersetzt den Menschen,

der nicht seinen Arm um dich legt

 

Die Mauern der alten Gebäude

spenden ihre vom Tag gespeicherte Wärme

an das emporstrebende Nichts

Der Himmel leuchtet feuerrosa

 

Ein junger Mann springt stürmisch

von seinem Fahrrad

packt seine Geige aus, stimmt sich ein.

Eine dieser Sommernächte beginnt.

mediterran 1

einer Gazelle gleich schleicht der Bischof
unter den Pinien am Ufer entlang

die Bucht : ein natürlicher Hafen
keine Wellen : nicht mal bei Sturm

hier läßt es sich streifen durchs Unterholz
der Robe beraubt : das sieht jedermann nach

diese Hitze : um den Hals baumelt
angekettet das Kreuz : im Gleichtakt

mit dem Geschlecht : im Schritt
ist der Bischof ein Mann : wie jedermann

spähend nach einem Knaben : harmloses
Abenteuer : aus dem keine Kinder erwachsen

Anbeipause

Sehr geehrte Leser! Nach reiflicher Überlegung eröffnen wir heute im Inskriptionen-Reich eine neue Rubrik. Die Redaktion erhofft sich von dieser Maßnahme ein neues Stück Pergamentpapier.

Orfeusz [0, 1]

Alles begann damit, dass aus der C-Dur-Mundharmonika ein kleines schwarzes Pferdchen hervorlugte und sich leise wiehernd aus dem Staub machte. In der Ferne fuhr ein Mähdrescher über die goldene Ebene, eingehüllt in eine Wolke undefinierbarer Substanzen begann das Licht unmerklich zu verschwinden. Pim lag auf seiner Decke und starrte auf die sich am Horizont entfernenden Schatten. Das tiefe Brummen der Maschinen wurde vom Wind zerklüftet, stark drehend drang es immer wieder leicht anschwellend bis hierher. Instinktiv wusste er, dass etwas Unsauberes im Gange war.

Ich fühle mich oft nicht

wohl in meiner Haut

auf dem Faden der Sekunden

zerbricht das Licht in Streifen

 

sie glänzen, einer Sichel

zwischen den Lampen gleich

Das Leben betrachtet sich von Außen

Ein Fahrradfahrer kreuzt von rechts

 

In der Ferne klingt Musik

Zwischen S-Bahn Geräuschen

tanzen Paare, wiegen sich

in der Gewissheit, fadenscheinig.

nnta g (.-.. dass es mistist)

(schon vorher) der g uf (aut.) der nnbah ar von eon erfekt plant ast n nzes (jahr) te er ich un (schon wieder) auf sen g (freut, und) o knn hm das * die immung (nicht) vermsen. in der acht hat es och (regnet) so ass n mt (planbar.) schwre den rchnn (nicht nach.) mss (heute;) (truebe wetter)

Venedig

die Schlauen sind fort : die Kaufleute
& Generäle : Kramhändler zieren
Gassen & Plätze : Damenschuhe
klappern : Amerikaner suchen vergeblich
nach ihren Wurzeln : Kinder : in Gruppen
angereist : singen längst vergessene
Schlager : ein Murmeln : das nachhallt
hörbar über dem Schlagen der Wellen
bringt die hautkranken Häuser zum Bersten

wie räudige Katzen : ausgesetzt : streift man
herum : dies ist ein Ort : man fühlt sich
zusammengehörig : in Weltsprachen plaudernd
über Bellini : verläßt man eilenden Schritts
die Galerie : heitert sich auf im Café
ich streune umher : höre Schreie & Schritte
nachhallen : folge den Herren in braunen
oder blauen Mänteln : besitzergreifend
schmiegt sich Arm um Arm

im Schaufenster blitzen Gesichter auf
man dreht den welterfahrnen Kopf
gegen das Tag für Tag gleiche Angebot
Wurst & Salat : man urteilt & schreitet
zum nächsten Sklavenmarkt : in der Hoffnung
alles muß weitergehen : einst stemmten
die Bauleute Steine als Bollwerk ins Meer
sie starben & andre vollendeten ihr Werk
einst hörte man den Nachhall der Hämmer