im hochformat

(eine hommage)

eigentlich waren wir immer wie maulwürfe. wir ernährten uns von würmern und humus, trugen glasbausteinartige brillen oder kontaktlinsen, wühlten nah am oder gar unter dem boden herum, waren handwerker mit angewachsenen schaufeln und hatten bei all unseren aktionen immer nur die nase vorn. bis ein halbgott erschien etwas oberhalb der tulpenblätter (für uns schon die weite des himmels) und uns nachhalf. uns lehrte, dass wir eine doppelsförmige wirbelsäule besäßen und uns auch mal aufrichten dürfen. dass unser gehirn nicht nur zum brüten, sondern auch zum denken, vielleicht sogar zum spontanen spinnen geeignet ist. dass wir hände statt schaufeln haben, deren gelenkige finger, sofern nicht durch diverse küchenunfälle beschädigt, tastatur und stift bedienen können. in der finsteren und kühlen jahreszeit, das jahr lag an der mutterbrust, nichts schien von bedeutung, schrieb er sich eines tages ein. ein neuer, wie wir früher in der schule zu sagen pflegten. neue werden ja meist kritisch beäugt oder gar mit schnitzeln aus der papiertröte bespuckt. kein schöner zug. und der neue erwies sich als gar nicht zimperlich. er baute die größten papierflieger und -tiger, warf die weitesten bälle und schaffte jede stange. mit einer eleganz, die unsere labberigen poesiealben in wahre verbale straffumzüge verwandelte, wandte er sich beiden geschlechtern zu, als waffe besaß er nur füllfederhalter und schwarze tinte. die weiber neckten nicht mehr, die jungen dröhnten nicht mehr. sie beteten ihn, den prinzen, an. beehrten ihn mit ihrer soeben erlernten, während er an ihnen seine altehrwürdige romantische ironie erprobte. keine erotik könnte je planvoller, kein spiel je erfundener sein, literarischer genuss im hochformat.

sommer im diamantformat

dieses gleißen verwandelt das meer
in flüssigkristall

helle weite greift raum in uns
gedanken verwehen im sand
wie getrockneter seetang

was immer auch kommt
wir sind angekommen

ein lächeln ein blick
das genügt

schlagobers

giganten
hell von waffen umblinkt
warum immer dieser zoff

rhythmische cäsaren
schläger mit takt

wäret ihr nicht
es wäre die zeit

jahrtausendalte mischung
noch immer

erwärmt
gerührt
geschlagen

unschlagbar

Herbst: vor.

Die Sprache der Wahrnehmung ist entschieden. Du begegnest ihnen also nicht nur, sondern greifst ihnen zwischen die Finger, reisst ihre Hinreichung auseinander und machst sie lächerlich. Führst sie zurück in ihre Bedeutungslosigkeit. Zweifelst aber nicht mit ihnen in einer gemeinsamen Gebetsviertelstunde.

All die abgeknickten Zweige thun so, als blätterten sie sich einen nächsten Herbst vor. 

Schnitt „Neuer Eintrag

Die Viererbande aus Versen hat es
Schlimm getrieben in der Welt: Pause
Vor Pause vor Pause vor Pause, die
Letzte als schlimmste von allen –

Jahrtausende alte Mischung des
Menschen, Gerechtigkeit aus dem Bauch
Heraus, aus dem knurrenden … Kopf
Ab!

Dann geht’s weiter, etwas hat sich
Geändert: Mitten im Vers tauchen
Zäsuren auf, rhythmische
Zensoren oder Cäsaren eines Kopfs
Auf Lunge.

Und was bleibt fürs Ende, wenn die Verse
Sich selbst zerhacken mit dem Fallbeil
Aus Gedanken?

Popuol-Vuh, von oben gesehen
Dreht sie sich anders herum – Wasser Haus Stein Habicht
So weit, ausatmen und sprechen, — doch

Der Regen macht die Erde fruchtbar

25.04.05

Colibri

Im Ort gibt es das Café Colibri. Genauer gesagt heißt es „Pastelarias Colibri II“.Colibri II liegt an einer Verkehrsinsel mit drei Palmen und wenigen Verkehrsschildern. Von hier aus geht es zum Supermercado Apolónia und auch ins etwas größere Nachbardorf Guia. Dort findet man Pastelarias Colibri I.Colibri II bildet die Ecke eines „Centro Commercial“, das keines ist. Neben „Alisupermarket“ ist auch alles andere, was weiß auf grünem Grund angekündigt steht (Hairdresser oder Nagelstudio), geschlossen, leer, zu verkaufen: „Vende Se“. Nur im Café Colibri summt das Leben und lockt mit köstlichem Nektar alle an, die in diesem künstlichen Ort an der Algarve überwintern. Rote Plastikstühle und -Tische stehen auf dem Platz vor dem Eingang.Bei schlechtem Wetter drängen sich die Einheimischen an den Tischen direkt hinter dem Eingang mit Blick auf den großen Fernseher. Man quält sich nicht mit Politik, es laufen immer Shows. Hauptsache Unterhaltung. Um die Ecke an den Fenstern sitzen die Touristen und schauen durch die gläsernen Scheiben hinaus auf die leere Straße. Hauptsache Ausblick. Die Theke ist bestückt mit Torten, Pasteten, Kuchen und anderen Leckereien, allen voran die hausgemachten Samosas. Alles hier ist „Fabrico Próprio“, hausgemacht. Das zurückhaltende Lächeln aus den dunklen Augen der Bedienungen in weinroten Pullovern umhüllt alles mit heller Freundlichkeit. Ich nenne dieses sanfte Lächeln, das mir einzigartig auf der Welt erscheint, das „portugiesische Lächeln“.Hinter der Theke glänzen die Spirituosen auf blanken Regalen: Whiskey, Likör, Port. Dazwischen lagern die Süßigkeiten und Knabbereien: Kaugummis, Lollies, Erdnüsse, Kinderschokolade .Jung und Alt kommt hier zusammen, und über allem schwebt der Vogel Colibri.Auf den Papier-Servietten, mit denen man das fettige Gebäck in der Hand hält und auf den Pappschächtelchen, in denen man eine Pastela Nata, ein Tortenstück aus Zucker und Eiweiß mit gelb klebendem Überzug oder weiß-braun karierten Kuchen mit Buttercreme oder das Samosa mit nach Hause nimmt, prangt das Bilde des in der Luft stehenden Colibri. Der Körper ruhig, die Flügel flatternd (ich denke an den Strandläufer und seine rotierenden Beinchen) hält er eine Torte an einer Schleife in seinem langen, spitzen Schnabel wie der Storch ein neugeborenes Baby: „Es ist eine Torte!“

meeresrauschen

( sentiment bearish)

wo sind die eisblumen
überall nur schaumkronen
schaumwein schaumschläger schaumermal
welche wellenlänge
meine deine keine
eiswürfel im schrank
muschelbeklappert stehe ich da
und die da können fliegen
die schwarzen käppchen auf schneeweißen wölkchen
mit ihrem seidensegel
bei mir fliegt nur das fischbrötchen
aus der hand in den sand
meer is heut nich

Österreich.

Uhhh, ich sehe, wie Sie Ihre Augen verdrehen. Es gibt keinen schöneren Moment als den, der vom nächsten nichts weiss. Ihn vielleicht nur erahnt. Als sich ganz aufzulösen.

So wie ich Ihre letzte Mail noch in Erinnerung habe: Ihre Wenigkeit, so schrieben Sie, sei wieder in Berlin. Und während Sie, an unserem Tisch in der Kurfürstenstrasse – übrigens ist mir überhaupt nicht aufgefallen, dass Sie keiner der Kellnerinnen besondere Aufmerksamkeit zuteil werden liessen –, vom Tod des Vergil erzählten, kam mir der Gedanke, in Ihre Wenigkeit ein d einzufügen. Was ich Ihnen sogleich sagen musste. Ich glaube, ich hab Sie sogar unterbrochen, und hatte das Gefühl, dass es o.k. sei. Denn Sie sind waren nicht in Ihrem Gedanken.

Ihr Gedanke ist der Schicksalsschlag, von dem er selbst oder ich noch nichts weiss, Ihr Wurf von der Bühne, Ihre Stimme, die nicht mehr zum Himmel findet. Denn, so hab ich mich informiert, Sie waren auf dem Sprung zu einem Opernsänger nicht geringer Güte. Und nun sind Sie Botschaftsrat und nicht Alkoholiker.

Nein, völlig falsch. Ein Alkoholiker spricht weiter mit feuchter Aussprache, er spuckt und ist so, wie er sein will. Halbwegs. Klar: Dilemma. Er spiralt sich aus der Wirklichkeit, weil er immer weniger Kraft hat, ihr zu widerstehn. Sie überhaupt zu verstehn. 

Obere Gesichtshälfte.

Auf den Vorderfüssen schleich ich mich an. Das Triumvirat meiner Zehen reisst dich dennoch aus dem Schlaf. Es gehn uns plötzlich ganz andre Gedanken durch den Kopf. Aus dem Anverpflüchtigen ist was geworden, bedeutest du mir mit einem Blick aus dem Dunklen. Du bist so seismographisch. Später schlachte ich mein Lechzen nach dir noch weiter aus, glaub mir. Aber du bist ein Reh mit scharfen Zähnen, das noch mal an seinem eigenen Lachen erstickt. Wie eine vergebliche Verhanfung darfst du dein Leben niemals betrachten, versprich mir das. Weil ohne uns zwei der Tisch ganz anders aussähe, ohne den feuchten Arschabdruck der vielen Flaschen und deiner fetten Weingläser. Mehr als meinen Quadratmeter brauch ich nicht. Von da aus säul ich mich ins Unendliche. Lach nicht. Sonst schieb ich dir schon am frühen Nachmittag die obere Gesichtshälfte aus dem Tag. Der kann eh nichts damit anfangen.  

Fussnote zu dir.

An meinen Verdunklungen bin ich vorbei. Da kommt mir sogar meine Chesterfieldcouch entgegengeflogen. Auf der hab ich so schlecht geschlafen, als mein Bett voller Flöhe war, der Merle wegen. Alles was du spürst, ist so. Und dann wird es so. Ohne dich zu verweigern. Ohne dich zu mündeln. An den letzten Vergreiflichkeiten wär ich so gerne dabei gewesen. Aber ich war ja unbegreifbar. So zumindest hast du es mir an den Kopf geworfen. War natürlich grandioser Bullshit. Aber warum soll ich dir nicht auch das zugestehn. Es liegt immer alles in der Differenz oder im Abgrund zu dir.

Danach streif ich an der Entdeckung oder war#s die Entbahnung alles ohne Vorwurf alles alles nur nicht an der Lust seiner Gegenwärtigkeit vorbei. Vor Ablehnung entkomm ich mir nicht mehr. Es schreit das Blut in mir. Es klebt das Angetastete an mir. Es neuront so sehr. Wie wenn man eines Tages keine Rechenschaft mehr ablegen muss. Es ist alles ein aus dem Gedächtnis hauen. Und es wär’ mehr von mir übrig geblieben.

schrankmusik

„ich hatte heute routane hauptuntersuchung“

quadrat zu rechteck zu quadrat

da noch eine schraube locker

fest bohrt die windung sich ins holz

ein fach für jedes sammelsurium

gut geschmierte scharniere

drehbare schlüssel

da steckt routine hinter.

Verlierübung.

Danach Aufgabe deines Existierens. Zumindest immer noch Sehnsucht. Süchtig. Kleine Aufwachmissverständnisse. I know. Manchmal hab ich mich derart in der Nacht vertan, derart in der Nacht ins Kissen gebohrt, dass es am Morgen oder an anderen Verlierübungen auf dem Schädel liegt, wie herumgekrochen. Little peak. Understood heisst: darunterliegen. Darunterstehn ist wie nur unter einer Brücke, wie lange war ich da schon nicht mehr. Es stotterte damals ein Zug über mich durch meinen Kopf hinweg – und er ist es immer noch. Man greift seine liebsten Menschen nicht mit Metaphern an.

unter blinden

oh ekle dominanz der augen
hier zählen wille inbrunst
& tastendes sentiment

uns blinden wäre
jeder einäugige
1 ketzer

Schmähschriften

während vor Zeiten
hier riesige Schränke
und Türen aus den
Fenstern polterten –
großformatige Quadrate
& Rechtecke,
folgten Momente später
nur noch kleinere Eiswürfel.
(Jetzt unsichtbarer Nieselregen.)
Werft doch wenigstens
Tulpen herab,
in deren Blättern sich
Schmähschriften rollen.

Horizont

Ich schaue in den makellos blauen Himmel über einem weißen Dorf. Keine Menschenseele ist zu sehen weit und breit. Das Meer rauscht in die Stille hinein. Mein Blick streift über den Horizont, eine Katze auf weichen Pfoten. Die Fläche hinter dem Dorf bis zum Horizont ist mit Meer angefüllt. Blau an Blau liegen Meer und Himmel wie Bruder und Schwester aneinander. Oder wie Liebende, aneinandergeschmiegt, nah, vertraut. 

Er ist gefahren, den ich liebe. Dahinten, hinter den weißen Häusern fährt er nun. Er ist in eine menschenleere Fläche gefahren. Die Landschaft hat ihn verschluckt. 

Meine Gedanken heften sich an den Horizont. Sie balancieren auf dem Horizontstreifen wie Tänzerinnen. Der Horizont ist ein Seil, gespannt zwischen Brüdern, Schwestern, Liebenden. 

Neue Gedanken balancieren mit, kleine Eleven. Aufgepasst! Keine falle herunter in die menschenleere Fläche, die Landschaft, die Leere, das Blau. Alles verschwindet darin. 

Am Horizont sind nun Abschiede herangetanzt. Sie haben sich aufgereiht. Gute Abschiede und schlechte Abschiede. Trennung.

Ein Finger legt sich auf einen Riss in mir. Die Lippen öffnen sich einen Spalt unter dem Finger und flüstern: Psssst.

Er ist gefahren, den ich liebe.

Ich höre Musik. Meine Augen tanzen auf dem Meer mit den winzig weißen Schaumkrönchen, ganz weit draußen. 

Ich bade in Musik. Miles Davis, Trompete. Kind of Blue; ich schwinge hin und her im leichten Wind.

Wie nah wir uns waren, wie vertraut. Wie schön das Gefühl, die Zeit, wie weh der Abschied…

Er ist gefahren, den ich liebe.

Rach tot und süchtig.

Ein Niemand mit dem Hang, sich selbst zu vereiteln. Die Begegnungen mit den Hängen zum Niemand hängen dir zum Hals raus. Ich versteh es ein wenig. Glaub mir. Ausserdem kann man nicht immerzu alles von sich verlangen, sich abverlangen, dann geht man vor die … uuhhh mist das willst du ja nur hörn, komm lass uns auf den roten Felsen machen, klar werd ich dich hochfahren müssn, aber du kannst ja wenigstens ganz allein runtergehn. Ach, vergiss es. Du bist nicht nur in der Rache der Toten …

osterglocken

den weg ins gras möcht ich beschreiten, weiter noch nach unten gleiten,

mich an braune kletten kleben, liegen möcht ich, knapp daneben,

über mir ein heller streifen, gummi zieht sich auf die reifen,

dicht davor narziss sich reiht, in dem gelben osterkleid.

mittagsgespenster

schöner morgen kätzchenverkehr ich seh dich in

gesprenkeltem blau und nenn die liebe liebreich beim namen

meine triadische familienblüte trägt die träge sonne bis es

beinahe zu spät ist für gängelnde zeilenmonster in einem

niederhängenden schlaf

Wie an Eislippen.

berührung schrei mich in deine aufgründe liebst du auch meinen gaumen obwohl ich die tiefroten rosen wie wenn du hinter mir gestanden hättest wieder zurückgestellt habe ich vermisste pracht ausgemurmelte verwehungen dein aufduften mit jedem tag aus denen man mich minütig schneidet vervollkommnet wahrannahme auserwacht du weisst dazwischen darf die sonne somnabuhlen mit meinen sich dahinschleppenden widerholungen lass es ohne e lass es ohne e hast du gesagt und wurdest immer lauter immer lauter wie mich fesseln wie dich an mir vertun abtropfen bei mir im erinnern war noch nie juni es straucht sich meist alles auf und dann erscheinen du-aufschreie warum muss ich immer alles zerstören

kleine stecklinge

die finger gabeln sich fort ins schweigen
der haut, essen ihr milchiges licht,
wurzeln im haar des vergessens.

ihr tippspiel flink und flunkerleicht
wie marionetten, handkehrum in
beugeschritten über die steckhecken

sonnenaufgang, sperlonga

auf fingerdistanz
beugt sich die sonne
ins windfenster
unter dem giebel
ist das doppelgesichtige bett
morgen
der unverborgenheit

Sommer, Rollfilm, Kurzspule

Sie redet und redet. Er sitzt neben ihr und hat winzige Seidenvorhänge in den Ohren. Der leichte Sommerwind lässt sie hin und her wehen. Wie gut. Sie redet immer soviel. Und so lange. Und so seltsam leise. Die Keime. Die Hausstauballergie. Die Flecke, die nie rausgehn. Grasflecke, das sind die schlimmsten. Willst du ein Würstchen. Da die Serviette. Wir müssen den Rasen berieseln. Sanfte Vokale rieseln aus ihrem Mund. Ein dünner Speichelfaden zieht sich von seinem sperrigen Kiefer hinab bis zum Teller. Echt Kobalt.

Sommer im Diaformat

Machtest du auch
mit deinen Eltern
Urlaub in einer Ferienwohnung an der See,
(es sei Spätsommer,
sie legen die Beine hoch,
um sie herum
Bügelbrett, Kleiderschrank
offen, Inhalt herausgequollen,
Kinderzeichnungen,
halb beschriebene Blätter,
Kugelschreiber, unsortierte,
halb herunterhängende
Gardinen in durchsichtigem
wolkenweiß)

Draußen peitschte die stürmische See,
und ein vorgeschlagener gemeinsamer
Spaziergang würde von den Eltern kategorisch
abgelehnt (da war doch mal der Traum
von den Sommerurlauben,
als Mutter selbst bei Sonnenschein
so lange in der Ferienwohnung
aufräumte und putzte, dass ihr
nicht mehr zum Strand kamt.)

Und dann war die Sonne hinter
den Wolken (in technicolor)
verschwunden
und du wusstest, dass Du nie
erfahren würdest
, wie es
über den Wolken wohl
(grenzenlos) sei.

Lid.

Marizz war neben Ludwig ein Mensch, der mich in meine Pfütze trieb. Keine Minute zu viel der Lüge. Aus-Blicke zeigen sich in kleinen Gesten. Wie sieht sie mich an, wie dreht sie sich zu mir herüber. Hält sie meinem Blick stand. Tschüss, du alter Wal. – Machs gut, du… Und sie schiebt ihr schönes Gesicht noch ein Mal durch die Tür, die sie schon von außen schließen wollte, um sich mit Tschüss Wampentier zu verabschieden. Ihre Aufmerksamkeit war eine Entschuldigung. So hat sie sich noch nie einem anderen Menschen gegenüber verhalten. Sie wundert sich über sich selbst. Ich spür es. Und dass ich zu fern für sie bin, muss sie sich einreden, denke ich; allein, dass sie das sagt, zeigt mir, wie viele Gedanken du dir nicht machst. Außerdem sei ich ja ein Stier und sie ein Krebs, das könne nie gutgehen, nie, das Schlimmste aber wäre für sie, einen Zwilling neben sich zu haben… Und ich bin im Aszendenten (Assistenten) genau ein solcher. Und ich spüre zum ersten Mal, dass wir aneinander vorbei reden, das Gleiche aber womöglich fühlen, und ich mich nicht verpflichtet fühle, sie zu einem Kaffee einzuladen. Seelengewand. Ohne Grammatik. Es war nicht Liebe auf den ersten Blick. Es war Liebe im ersten Satz. Sich aufs Lid nehmen.

engere wahl

unüberschaubare möglichkeiten
undurchschaubare vielfalt
wir sind zu wählen verdammt

wahlen im sekundentakt
unvergleichliche alternativen
unbeschreibliche listen

hungrig verlässt der jäger
den schwarm

doch vorletzte cigarre …

Verfolgungsringe: als hättest du es aufgegeben, deine Vergangenheit erobern zu wolln. Als hättest du mich endlich gefragt. Wie nach dem Streicheln eines Tomatenstrauchblattes. Es riecht so verdammt gut. Als wollte meine Nase die Finger ganz in sich einziehn. Auffressen. Wie immer wieder Liebe an sich spürn.

Verlockend der Blick über dem Abbrand deiner letzten Cigarre. Du bist nun sogar über deine schwerste Krankheit hinweg. Du hast dein Verlangeweilen überwunden. Nichts greift mehr aus deinem Ungenügen ins falsche Teint/Teinible/terrible: wie die Gesichtsverkraftungen von damals, als die Welt sich dir vorspielte, als sei sie etwas Bedeutendes. Und nun plantschst du mit deinen Füssen im Wasser. Und versteckst dich so gern. Dein grosses Maul von einst war schon ein Hilfeschrein.

Strandläufer

I

Ich habe die Strandläufer entdeckt: Es sind kleine Vögel, die an der Wasserlinie entlang rennen. Mit ihren dünnen Füßchen können sie unglaublich schnell rennen. Kommt eine Welle, fliegen sie nicht auf, sondern rennen ihr voran wie kleine Herolde, das Ende der Welle voraussagend. Sie tragen dieses Wissen in sich, die Wellen-Vorhersage.

Ich beobachte einen Strandläufer, der einer Welle entgegen läuft. Die Welle rollt ihre weiße Zunge auf dem ockerfarbenen Strand aus, der Strandläufer ändert die Richtung, rennt der schäumenden, gezackten Zunge voraus. Der Strandläufer scheint in Funkkontakt mit der Welle zu stehen, haarscharf läuft er an der Linie entlang, die sie in den Sand zeichnet. Die kleinen Füßchen scheinen wie Propeller unter seinem Körper zu rotieren.

Später treffe ich eine Gruppe von Strandläufern. Ziellos laufen sie herum, fliegen auf, finden keinen Funkkontakt zu den mächtigen Wellen, die von weit her gerollt kommen. Die aus ungeheurer Tiefe entstanden sind, aus der Erdbewegung, der Anziehung von Erde und Mond. Und die kleinen dummen Strandläufer haben keine Ahnung davon, sind wie die dummen Menschen, die ziellos herumlaufen und nichts mitbekommen vom kosmischen Funkkontakt zwischen Wellen und Strandläufer.

II

„Der Tag ist frisch!“, rufe ich in den Morgen hinein, in den feuchten Sand stapfend, am Strand entlang ausschreitend. Ich sammle Holz. Begegne Menschen, die wie ich früh morgens am Strand sind. Sie schauen mich freundlich an, grüßen, sie lachen mir ins Gesicht, sehen begeistert aus, strahlen, wenn ihr Blick auf mein Holzbündel fällt.

„Ja, ich mache Feuer hier!“, höre ich mich ins blank gewaschene Blau des Himmels rufen. Die Gesichter der Menschen sitzen auf Möwenleibern und fliegen über mich hinweg.

„Jeden Abend, sobald es dunkel ist, mache ich Feuer im Kamin“, rufe ich ihnen zu. „Der Rauch steigt aus dem Schornstein in die Nacht, und die Sterne läuten wie Glocken. Ich entzünde Bambus, Treibholz, kleingebrochene Zweige nehme ich zum Anfeuern. Palmenholz ist am Besten, um ein tolles Feuer in Gang zu bringen. Dann kommen die dicken Korkeich-Scheite hinzu. Die brennen die ganze Nacht. Eukalyptusholz riecht gut. Man kann auch die kleinen Kapseln des Eukalyptusbaumes dazuschmeißen. Sie enthalten das ätherische Öl. Und dann die Nase hineingesteckt in den Kamin und das Gesicht über die Glut gehalten – wie wunderbar es riecht! Die Hitze steigt in meine Atemwege. Sie macht mich zu einem glühenden Holzscheit. Zum Schornstein hinaus mit den dunklen Gedanken! Hier gibt es nur große Wolken, Winde, Wetter und Wellen! Wettermächte, die sich unter dem hohen Himmel zum fairen Kampf versammeln. Sich stellen. Nicht feige sind. Eins zu eins wird gekämpft, und wer gewinnt, triumphiert! Der Gegner aber zieht sich vornehm zurück. Jeder Tag hier ist frisch und neu, und der Himmel ist immer hoch.

So laufe ich am Strand entlang, klein und dunkelhaarig wie die Menschen von hier, ein Holzbündel tragend, an den Frühsportlern vorbei, den Fischern, den Möwen.

Ich renne auf eine herannahende Welle zu, sie wird größer, steigt, bricht, fällt und rollt mir nun ihre schäumende Zunge entgegen. Ich ändere die Richtung, laufe ihr voraus auf den ockerfarbenen Sand, landeinwärts. Der weiße Zungenrand zeichnet sich in den Sand hinein, und ich laufe mit, habe Wellenfunk, sende, empfange und rufe: „Welle ahoi! Strandläufer, Strandläufer, Strandläufer!“

DIE TAUBE

Ich spüre sie, die Taube. Oft ist sie morgens da. Dann bist auch du da. Du liegst neben mir. Kein Fremder mehr, doch muss ich mich jedes Mal wieder an dich gewöhnen. Ich stelle fest, dass du anders bist, als die Männer vorher. Du nimmst sie wichtiger als ich. Die Gewissheit, dich im Schlaf berühren zu dürfen, lässt mich sorglos neben dir liegen. Du bist nicht der hunderterste Mann, sondern der ersehnte. Auch du bist nicht ohne Makel. Seit ich eine Brille trage, sehe ich nicht mehr rosarot. Ein Bedauern schleicht sich ein, dir erst heute begegnet zu sein. Das Gestern tut noch weh. Unsere Stunden sind in Zuversicht getaucht. Liebe wird zur Brücke. Werde ich beim Hinübergehen einbrechen? Die Taube trippelt vor unserem Dachfenster. Sie scharrt und gurrt. Unruhe zieht ein. Wolkengesichter ändern sich sekundenschnell. Eine Aussicht in Pastelltönen. Die Menschen auf der Strasse ahnen nicht, was hier oben los ist. Landeplatz der Taube ist die Regenrinne. Wir wehren uns gegen jegliche Gewöhnung. Zwischenhinein steigst du in die Hosen. Auch die Taube verlässt mich. Beobachtet sie unser Lippenballett? Manchmal befürchte ich, sie könnte unsere Nähe zerreißen: Der Schnabel pickt an die Scheibe. Ein Flügel wird zur Hand. Im Zimmer steht eine Gestalt im silberblauen Kleid. Sie packt uns und wirft uns auf die Strasse. Auf dem Asphalt sind wir umringt von neugierigen Blicken. Ein Krankenwagen hält. Auf die Bahre mit den Beiden. Traumscherben bleiben liegen. Wir werden getrennt befragt. Die Wahrheit redet sich zu Tode. Jetzt sitzt die Taube auf dem Fenstersims und lacht sich grün und blau. Auf einmal schiebt sich neue Farbe ins Bild: weiße Wände, weiße Schürzen, weiße Laken. Die Taube trägt einen Farbtopf im Schnabel. Sie kichert und malt alles schwarz. Spürt sie unsere Verzweiflung? Ja, denn sie kennt die Sehnsucht, die Flügel wachsen lässt. Wohin fliegen wir? Das weiß die Taube ganz genau. Sie wird es keinem zutragen.

Frauke Ohloff

die monstranz der tortentanten

(1 cleines caffee & cuchen couplet)

in ermangelung von worten (begeisterungsschweigen?)
protzen wir mit torten (aber bitte mit französisch creme)
und zwar aller sorten (denn : das können wir!)

testergebnis : literatur ist es nicht neu ist es nicht
aber dieser unerschütterliche früchtestolz

1 gedicht (allerdings: voll mainstream)

(helau! mit abgespreiztem kleinem kafffètassenfinger)