* Musik soll sein

.

Nicht Musik soll sein,
wo mein Herz
am Abgrund lauert.

Nicht Musik soll sein,
wo so viele
Flüche gedacht!

Auf der Zunge Flügeln,
in Weihrauchs
Nebeln zerfällt

sogar eines
wahren Gedanken
Pracht . . .

Nicht Musik soll
sein, wo der
Abgrund dauert.

Der Gedanke
abseits der Seele
wütet im Nichts.

Seine Wahrheit
macht dem
Denken arg

zu schaffen.
Die Seele ein
Nichts, tränen-

leer

,

19.11.19

Der notorisch ängstliche Richter

Es war ein Richter, der eine notorische Angst vor Lügnern hatte. Wenn er einen Dieb traf, der sagte „Ich hab nichts gestohlen“, so überführte er ihn der Lüge und verurteilte ihn. Wenn er einen Betrüger traf, der sagte „Ich habe niemanden betrogen“, so überführte er ihn der Lüge und verurteilte ihn – und in diesem Fall hatte er recht. Wenn er einen Schläger traf, der sagte, „Ich habe nicht geschlagen“, so überführte er ihn der Lüge und verurteilte ihn. Wenn er einen Mörder traf, der sagte „Ich war es nicht, ich habe niemanden ermordet“, so überführte er ihn der Lüge und verurteilte ihn. Alle Beschuldigten wurden ins Gefängnis abgeführt. Der Richter sprach: „Nicht weil sie Böses getan haben, müssen sie ins Gefängnis, sondern weil sie lügen.“ Ein Aufsehen erregendes Spektakel war das: ein Gefängnis voller Lügner. Nun kamen Forscher, untersuchten die Gefangenen mit Lügendetektoren und stellten fest: „Tatsächlich: In diesem Gefängnis gibt eine überdurchschnittlich hohe Anzahl von Lügnern! Der Richter hat richtig geurteilt.“ Reporter reisten an, schrieben Artikel für die Zeitung­ und sendeten Nachrichten im Fernsehn über ein spektakuläres Anschwellen der Lügenquote im Gefängnis. Die Regierung setzte sich zusammen und bereitete ein Gesetz vor, das Lügen künftig unter Strafe stellte. Kaum war es verabschiedet, begann ein hektisches Bauen und Werkeln im Land, genauer gesagt: im halben Land. Von diesem Tag an nämlich, wurden Tausende neue Gefängnisse gebraucht. Wer hätte gedacht, daß es soviele Lügner gibt? Die halbe Nachbarschaft, die Hälfte der Arbeits­kollegen, die Hälfte der Polizisten, eigentlich alle Märchen- und Ge­schichtenerzähler in den Kindergärten, ja sogar die Hälfte der Politiker im Parlament – überall lauerten Lügner. Für all diese Leute mußte Platz geschaffen werden in den Gefängnissen. Und bevor es soweit war, durfte jeder, der einen Lügner überführte, Selbstjustiz üben und den Lügner mit einer Fußkette an den Küchenherd fesseln. So konnte sich der Lügner selbst noch das Essen kochen, bis er endlich eingesperrt werden konnte. Der ängstlich notorische Richter, der mit seinen Aufsehen erregenden Urteilen das Ganze ins Rollen gebracht hatte, lehnte sich zum ersten Mal in seinem Leben entspannt zurück, vergaß seine Angst und murmelte: „Bald werden keine Lügner mehr frei herumlaufen!“ Nur mit einem hatte niemand gerechnet: mit dem Gesetz der Großen Zahl. Nachdem die eine Hälfte der Menschheit glücklich als Lügner überführt worden war und die ehrliche Hälfte der Menschheit gerade aufatmen wollte, das Problem endgültig gelöst zu haben, da stellte sich heraus, daß es in der ehrlichen Hälfte der Menschheit neue Lügner gab, Lügner, die ihre Ehrlichkeit vorgetäuscht hatten, in Wirklichkeit waren sie Lügner eines neuen Typs. Rasch mußten neue Lügendetektoren erfunden und diese böswilligen Individuen überführt werden – es stellte sich heraus, daß genau die Hälfte der in der ersten Welle noch ehrlich wirkenden Menschen Lügner neuen Typs waren. Nun hatte die Regierung bereits aus der ersten Lügenwelle gelernt und war auf die zweite Welle vorbereitet: Die Gefängnistore brauchten nur kurz geöffnet werden und die Lügner neuen Typs konnten sogleich weggesperrt werden – welch ein Segen. Doch gefehlt: kaum war die Hälfte der Hälfte identifiziert und inhaftiert, breitete sich die Lügenkrankheit weiter aus: Neue Formen tauchten auf, diesmal waren es die Phantastologen, die sich einfach Tatsachen ausdachten und den verbleibenden ehrlichen Teil der Menschheit damit erschreckten. Schnell wurde gegen sie ein Lügenschutzgesetz verabschiedet und sie konnten abgeführt werden. Kaum war die Menschheit auch von dieser Hälfte der Hälfte der Hälfte erlöst, erschien eine neue Spielart des Lügens auf der Bühne: die Phraseologen, die einfach erzählten, was ihnen durch den Kopf ging, ohne sich um den Wahrheitsgehalt zu scheren. Nun wir wissen, genauer gesagt: wir ahnen, welche Erfolgsstrategie im Kampf, genauer gesagt: im Krieg gegen den Lügendämon angewandt wurde. Die Gefängnisse quollen vor lauter Lügnern über, die Zahl der freien Menschen aber halbierte und halbierte sich, bis nur noch einer übrig blieb: der notorisch ängstliche Richter. Vorsichtig, wie er war, ging er nun – zum ersten Mal in seinem Leben – in sich und stellte sich selbst inquisitorische Fragen: Konnte es sein, daß vielleicht eine Hälfte in ihm stets Lügen verbreitete, während die andere Hälfte in ihm beständig die Wahrheit suchte. Es war ein schauerliches Bild, das unser armer, notorisch ängstlicher Richter bot: Er rang mit sich, wand sich auf der einsamen Parkbank, auf der er sich niedergelassen hatte. Eine Hälfte in ihm wollte die andere Hälfte in ihm verurteilen, festnehmen und einsperren, aber unmöglich konnte er sich auf diese Weise selbst ins Gefängnis abführen – was würde dann aus seiner ehrlichen Hälfte werden? Es wäre ungerecht, wenn auch sie eine Strafe absitzen müßte! In seiner Verzweiflung kettete sich der notorisch ängstliche Richter an das Gefängnistor, so daß ein Fuß drinnen war und der andere draußen. Die anderen Insassen – immerhin die gesamte Menschheit bis auf einen – erbarmten sich seiner, kurz bevor er am Verhungern war. Indem der Richter das Tor halboffen stehen lassen mußte, um seine Mission zu erfüllen, nutzten sie die Gelegenheit, in die Freiheit zu schlüpfen. Dort kochten sie für den armen, notorisch ängstlichen Richter, buken Brot für ihn und brachten im Wasser. An den hohen Feiertagen besuchten sie ihn und steckten ihm, obwohl es verboten war, eine Flasche Wein zu, indem sie sagten: „Da ist nur Wasser drin.“ Auf diese Weise erfreute sich die Menschheit – bis auf einen, genauer gesagt: einen halben Menschen – an ihrer Freiheit und hatte wieder ihre alte, unlautere Lust am Lügen.

Robinson und Telemach

H.Z.

1 : Liebt euch !

2 : x x y v.v.

3 : In dieser Schule brauchen die Kinder nicht zu lernen, was sie nicht wissen.

– – –

nach Marguerite Duras, Sommerregen

Pandemische Paradoxien 1: Krankheitsfolgen vs. Folgen der Krankheitsbekämpfung

Taiwan und Südkorea zeigen, daß der Umgang mit der Infektion anders gehen kann, ohne unkalkulierbare ökonomische Kollateralschäden, die beim Über­bie­tungs­wett­bewerb der Länder hier billigend in Kauf genommen werden: ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen sollen sich schützen und geschützt werden, es wird flächendeckend getestet, Erkrankte sollen zu Hause bleiben, sofern sie – wie es in der überwiegenden Mehrzahl der Fall ist – nur milde Symptome zeigen; Apps zeigen in Echtzeit, wo sich Infektionsherde und wo sich medizinische Hilfsmittel wie Atemmasken befinden; im Februar wurden die Schulferien verlängert. Die gesamte Bevölkerung prophylaktisch nach Hause zu verbannen, die Grundrechte (Versammlungsfreiheit, Recht auf Bildung) auszuhebeln und die Wirtschaft durch Stillegungen nachhaltig zu ruinieren – diesen Schritt haben Südkorea und Taiwan wohlweislich unterlassen. In der Abwägung von Kosten und Nutzen, in der syste­mischen Gesamtbilanz dürften sich solche Maßnahmen nicht rechtfertigen lassen – wir haben es weder mit Cholera, der Spanischen Grippe noch mit TBC zu tun.

Die politischen Entscheider hierzulande werden sich möglicherweise binnen kurzem einer veränderten gesell­schaftlichen Situation gegenübersehen: Dann geht es nicht mehr um die Gesundheit von 5 bis 20 Tausend, sondern um die Existenz von 5 bis 10 Millionen Menschen – allein die „Solo-Selbständigen“ sind Millionen. Soziale Unruhen werden die europäischen Länder ergreifen, und Politiker werden sich mit der Frage auseinander setzen, wie sie im Moment des Eiferns und der Machtanmaßung auf Grundlage des Infektionsschutzgesetzes, das Ganze aufs Spiel setzen konnten. Sie werden sich Veranwortungslosigkeit vorwerfen lassen müssen, indem sie unter dem Vorwand der Verantwortung und Solidarität, den wirt­schaftlichen Niedergang für fast alle verursacht haben.

Die Auswirkungen der menschengemachten Katastrophe aufgrund von Fehl­entscheidungen wird die Auswirkungen der Pandemie um ein Vielfaches über­treffen. Am Ende wird man feststellen: Operation gelungen, Patient tot. Erstaunlich, wie wenig nötig ist, um ein funktionierendes Gemeinwesen mit kurzatmigen „wissen­schaftlichen“ Begründungen abzuwürgen. Zum Beispiel wurde der Vergleich von Christian Drosten (Podcast #Update 12 und 13) mit der Spanischen Grippe in den Jahren 1918-20 aus dem Kontext gerissen und zur Begründung der flächen­deckenden Schulschließungen herangezogen. Naiv von einem Wissenschaftler zu glauben, daß Medien und politische Entscheider wie Wissenschaftler mit Infor­mationen umgehen – also abwägen, in Zweifel ziehen, Gegenhypothesen überprüfen.

Nun läßt sich im Zeitraffer beobachten, wie Dystopien soziale Realität werden. Die Ent­scheider haben sich verrannt und sonnen sich darin, „Macher“ zu sein. In Wirklichkeit sind sie Getriebene einer Eigendynamik, die sie als Einzelne gar nicht mehr stoppen können. Nun heißt es für alle, die keiner „Risikogruppe“ angehören: Versteckt euch nicht, laßt euch keine Angst einflößen, sondern erhebt eure Stimme für die systemische Vernunft, zeigt den Entscheidern, daß sie den falschen Weg gewählt haben.

In der Abwägung ist der Ruin aller betroffenen Länder nicht zu rechtfertigen – daß die Aus­wirkungen der menschengemachten Katastrophe die Folgen einer Pandemie um ein Vielfaches übersteigen, kann nicht in unserem Interesse sein! Auch nicht im Interesse der Erkrankten. Länder wie Südkorea und Taiwan machen es vor, wie man Corona begegnen kann, ohne wirtschaftlich bankrott zu gehen.

 

Featuring Esser mit Braten im Wiesengrund

Sie aber : Argument und Erfahrung
der gedanke, der nichts positiv hypostasieren darf außerhalb des dialektischen vollzugs, schießt über den gegenstand hinaus, mit dem eins zu sein er nicht länger vortäuscht; er wird unabhängiger als in der konzeption seiner absolutheit, in der das souveräne und willfährige sich vermengen, eines vom anderen in sich abhängig vielleicht zielte darauf die kantische exemtion der intelligibeln sphäre von jeglichem immanenten versenkung ins einzelne, die zum extrem gesteigerte dialektische immanenz, bedarf als ihres moments auch der freiheit, aus dem gegenstand herauszutreten, die der identitätsanspruch abschneidet hegel hätte sie gerügt: er verließ sich auf die vollständige vermittlung in den gegenständen in der erkenntnispraxis, der auflösung des unauflöslichen, kommt das moment solcher transzendenz des gedankens daran zutage, daß sie als mikrologie einzig über makrologische mittel verfügt die forderung nach verbindlichkeit ohne system ist die nach denkmodellen diese sind nicht bloß monadologischer art das modell trifft das spezifische und mehr als das spezifische, ohne es in seinen allgemeineren oberbegriff zu verflüchtigen philosophisch denken ist soviel wie in modellen denken; negative dialektik ein ensemble von modellanalysen philosophie erniedrigte sich erneut zur tröstlichen affirmation, wenn sie sich und andere darüber betröge, daß sie, womit immer sie ihre gegenstände in sich selbst bewegt, ihnen auch von außen einflößen muß was in ihnen selbst wartet, bedarf des eingriffs, um zu sprechen, mit der perspektive, daß die von außen mobilisierten kräfte, am ende jede an die phänomene herangebrachte theorie in jenen zur ruhe komme auch insofern meint theorie ihr eigenes ende: durch ihre verwirklichung verwandte intentionen fehlen nicht in der geschichte der französischen aufklärung verleiht ihr oberster begriff, der der vernunft, unterm formalen aspekt etwas systematisches; die konstitutive verflochtenheit ihrer vernunftidee jedoch mit der einer objektiv vernünftigen einrichtung der gesellschaft entzieht dem system das pathos, das es erst wieder gewinnt, sobald vernunft als idee ihrer verwirklichung absagt und sich selbst zum geist verabsolutiert denken als enzyklopädie, ein vernünftig organisiertes und gleichwohl diskontinuierliches, unsystematisches, lockeres drückt den selbstkritischen geist von Vernunft aus er vertritt, was dann aus der philosophie, ebensowohl durch ihren anwachsenden abstand von der praxis wie durch ihre eingliederung in den akademischen betrieb, entwich, welterfahrung, jenen blick für die realität, dessen moment auch der gedanke ist nichts anderes ist freiheit des geistes so wenig zu entbehren freilich wie das vom kleinbürgerlichen wissenschaftsethos diffamierte element des homme de lettre ist dem denken, was die verwissenschaftlichte philosophie mißbraucht, das meditative sich zusammenziehen, das argument, das soviel skepsis sich verdiente wann immer philosophie substantiell war, traten beide momente zusammen aus einigem abstand wäre dialektik als die zum selbstbewußtsein erhobene anstrengung zu charakterisieren, sie sich durchdringen zu lassen sonst degeneriert das spezialisierte argument zur technik begriffsloser fachmenschen mitten im begriff, so wie es heute in der von robotern erlernbaren und kopierbaren sogenannten analytischen philosophie akademisch sich ausbreitet legitim ist das immanent argumentative, wo es die zum system integrierte wirklichkeit rezipiert, um wider sie ihre eigene kraft aufzubieten
*
Das Freie am Gedanken dagegen repräsentiert die Instanz, die vom emphatisch Unwahren jenes Zusammenhangs schon weiß. Ohne dies Wissen käme es nicht zum Ausbruch, ohne Zueignung der Gewalt des Systems mißglückte er. Daß die beiden Momente nicht bruchlos verschmelzen, hat seinen Grund in der realen Macht des Systems, die einbezieht, auch was es potentiell übersteigt. Die Unwahrheit des Immanenzzusammenhangs selber jedoch erschließt sich der überwältigenden Erfahrung, daß die Welt, welche so systematisch sich organisiert, wie wenn sie die von Hegel glorifizierte verwirklichte Vernunft wäre, zugleich in ihrer alten Unvernunft die Ohnmacht des Geistes verewigt, der allmächtig erscheint. Immanente Kritik des Idealismus verteidigt den Idealismus, insofern sie zeigt, wie sehr er um sich selber betrogen wird; wie sehr das Erste, das ihm zufolge immer der Geist ist, in Komplizität mit der blinden Vormacht des bloß Seienden steht. Die Lehre vom absoluten Geist befördert jene unmittelbar. – Geneigt wäre der wissenschaftliche Consensus, zuzugestehen, auch Erfahrung impliziere Theorie. Sie aber sei ein „Standpunkt“, bestenfalls hypothetisch. Konziliante Vertreter des Szientivismus verlangen, was ihnen anständige und saubere Wissenschaft heißt, solle von derlei Voraussetzungen Rechenschaft ablegen. Gerade diese Forderung ist unvereinbar mit geistiger Erfahrung. Wird ihr ein Standpunkt abverlangt, dann wäre er der des Essers zum Braten. Sie lebt von ihm, indem sie ihn aufzehrt: erst wenn er unterginge in ihr, wäre das Philosophie. Bis dahin verkörpert Theorie in der geistigen Erfahrung jene Disziplin, die Goethe bereits im Verhältnis zu Kant schmerzlich empfand. Überließe Erfahrung allein sich ihrer Dynamik und ihrem Glück, so wäre kein Halten. Ideologie lauert auf den Geist, der, seiner selbst sich freuend wie Nietzsches Zarathustra, unwiderstehlich fast sich selbst zum Absoluten wird. Theorie verhindert das. Sie berichtigt die Naivetät des Selbstvertrauens, ohne daß er doch die Spontaneität opfern müßte, auf welche Theorie ihrerseits hinaus will. Denn keineswegs verschwindet der Unterschied zwischen dem sogenannten subjektiven Anteil der geistigen Erfahrung und ihrem Objekt; die notwendige und schmerzliche Anstrengung des erkennenden Subjekts bezeugt ihn. Im unversöhnten Stand wird Nichtidentität als Negatives erfahren. Davor weicht das Subjekt auf sich und die Fülle seiner Reaktionsweisen zurück. Einzig kritische Selbstreflexion behütet es vor der Beschränktheit seiner Fülle und davor, eine Wand zwischen sich und das Objekt zu bauen, sein Fürsichsein als das An und für sich zu supponieren. Je weniger Identität zwischen Subjekt und Objekt unterstellt werden kann, desto widerspruchsvoller, was jenem als erkennendem zugemutet wird, ungefesselte Stärke und aufgeschlossene Selbstbesinnung. Theorie und geistige Erfahrung bedürfen ihrer Wechselwirkung. Jene enthält nicht Antworten auf alles, sondern reagiert auf die bis ins Innerste falsche Welt. Was deren Bann entrückt wäre, darüber hat Theorie keine Jurisdiktion. Beweglichkeit ist dem Bewußtsein essentiell, keine zufällige Eigenschaft. Sie meint eine gedoppelte Verhaltensweise: die von innen her, den immanenten Prozeß, die eigentlich dialektische; und eine freie, gleichwie aus der Dialektik heraustretende, ungebundene. Beides indessen ist nicht nur disparat. Der unreglementierte Gedanke ist wahrverwandt der Dialektik, die als Kritik am System an das erinnert, was außerhalb des Systems wäre; und die Kraft, welche die dialektische Bewegung in der Erkenntnis entbindet, ist die, welche gegen das System aufbegehrt. Beide Stellungen des Bewußtseins verbinden sich durch Kritik aneinander, nicht durch Kompromiß.

* * *

Nun werde ich endlich geliebt um der Liebe willen.
Kälte im Ostwind auf früh erwachenden Tages Lippen.
Nun werde ich auch geliebt vor den leeren Spiegeln,
keine Bilder darin als die reine, die nackte Geometrie.
Nun werde ich wieder geliebt für das Kind einer
Liebe, die aus Zweien eins macht
mit Rest Un-
endlich.

* *

Angekommen im Niemandsland der Seele streife ich am Morgen mein schwarzes T-Shirt über, die Blöße offenen Denkens lässt sich nicht mit Worten bedecken

*

Über das schwarze T-Shirt einen weißen Pullover, die Fenster weit auf zum Durchlüften, den Türspalt als Spalt für Licht und … Katze,

Es gibt eine Liebe

Giwi Margwelaschwili

Eine Schachpartie in einer Küche
Ewig unvollendet
Ewig neu

/

Es gibt eine Liebe, die kommt aus der Tiefe

käme einer
höbe das wort aus erstarrter
zunge ließe es stürzen
blutrot

hinab ins zerstäubte
gedicht käme und fiele
vom silbenrand

den würgte
der achtlose sohlentritt kadenz-
zerschlagen mit stumpfer
gewalt

streue ich wind in die lippen-
asche

Leipziger Buchmesse: abgesagt

Natürlich konnte Aldous Huxley 1932 nicht wissen, wie ein Fledermaus-Virus zuerst China, dann die Menschheit im Jahr 2020 in Atem hält. Großereignisse werden abgesagt, Arbeiter bei vollem Lohnausgleich in häusliche Quarantäne geschickt – man könnte geneigt sein zu glauben, es sei eine gute Zeit zum Lesen und für die Literatur.

Tatsächlich können Texte dramaturgisch kaum spannungsgeladener sein: Im mentalen Wechselbad wird einerseits verkündet, die Infektion verlaufe mild und Panik sei zu vermeiden. Andererseits wird im Halbstundentakt die Mortalitätsrate durchgesagt. Im Stil der Frontberichterstattung heißt es, der Virus rücke in Richtung Berlin vor. Nun hat er Leipzig „erobert“ … (Noch ist hier niemand infiziert.)

Über die an der gemeinen Virusgrippe Verstorbenen wird kein Sterbenswörtchen verloren. Geschweige über die Verkehrstoten, Opfer von Krieg und Hunger und all jenen eigentlichen Katastrophen, an die wir uns längst gewöhnt haben. Verrücktwerden eingeplant.

Die Perepetie drückt sich im Bedauern eines Feuer­wehr­hauptwachtmeisters aus, dass sein erkrankter Kollege noch keine Temperatur messen konnte – die Meldung brachte es in die Abendnachrichten.

Davon können die literarischen Neuerscheinungen dieses Frühjahrs nur träumen. Entgegen der Beteuerungen von gestern wurden die Leipziger Buchmesse und das Lesefest „Leipzig liest“ – mit tausenden Veranstaltungen die soziale Seele des Literaturbetriebs – nun doch abgesagt. Sicherheit geht vor. Zugleich ist es die Konsequenz einer kollektiven Hysterie, von der sich – kaum zu wagen, anders zu hoffen – auch die Buchbranche hat anstecken lassen.

Natürlich konnten wir im Herbst 2019, als das Programm für dieses Frühjahr geplant wurde, nicht wissen, wohin es die Welt treibt. Doch es scheint, als hätten es die Autoren bereits geahnt…

Gebet nicht für Marilyn Monroe

Du lebtest wie ein Junge und starbst wie ein Junge. Ein junger Mann,

Letzter Kniefall aus der Sicht
Gottes, Beweis:
Hartherzigkeit des Hirten,
Karol König, Kriegers Hinterland. Kommunismus
& Antikommunismus,
champ-contrechamp. Was noch?
Wünsche:
1. Die Erde sei blau wie eine Orange.
2. Die Anzahl der Engel, die auf einer Nadelspitze Platz finden, sei stets größer als die der Toten.
3. Friede sei mit Dir.
Amerika, Amerika – „… singing!“

als vibrato a.D. zwölf tage vor 22.10.

warum cyberpunk mal realistische literatur war

gazoline : Denkpause

Der Weltraum steht allen offen. Die Phanthasie steht allen offen. Also ist die Phanthasie eine Art Weltraum, und der Weltraum Phanthasie. Und jetzt: die bloße Phantasie ist ganz sicher eine Art Weltflucht, ein Gestus. Gestus der Vermeidung. Vermeidung von Wünschen. An Wünsche zu denken. Vermeidung von Denken, von Arbeit.
Wie viel noch?
Letztes Drittel, beeil dich! Towers? Open … Die Wirklichkeit kam aus einem Film. Der Film war eher da als die Wirklichkeit. Feuer, zwei Lesarten; im Weltraum und in der Phantasie. In der ersten ein Kommando, in der anderen ein Vorschlag. Vorschlag, zu denken. An Wünsche, schon wünschen heißt denken. Und dann: Durchbruch ..! Im Raum findet die Welt ihre Panthasie

Kusskurs

Iss Kuskus beim Kusskurs
komm klamm in die Kammer
mit Klaus zum Konzert
zu kleine Kleider
weg damit : leider
ist der Kusskurs in Kursk

Rhythmen wie ein Router

Ode_wasistlitera-TOUR

Lyrik & Prosa
Prosa & Jazz
Jack, oh
my dear
dein Bier
aus meinen Oh
ren,
3
Quellen
(no problem:
* Verstand
* Vernunft, nicht
> _ Ur deil s ! g r a f …

Laterna Magica

„Gerade dir muss doch klar sein, dass es solche schrägen Vögel gibt. Die nicht nur im Garten rumhumpeln, sondern sich kreativ betätigen wollen. Was also hast du gegen die Idee?“, hatte Eduard einen Monat zuvor gefragt, die Visitenkarte einer Kurklinik in der Hand.

Seine Eifersucht war ein Spiegel, aus den Scherben der Geschwätzigkeit zusammengekehrt.

Sie zogen in eine Stipendiatenwohnung neben dem Kurgarten. Eine Künstlerwohnung, nannten sie es. Stipendiaten einer Stiftung für betreutes Wohnen und Kurheime, das war es, was die Gemälde ihnen eingebracht hatten. Die Vergeber dieser Stipendien waren nicht kleinlich. Morgens frische Äpfel. Ein eigener Balkon. Esther klappte zuweilen das Visier ihres propellerartigen Sommerhutes nach oben, um ihnen in die Augen zu sehen. „Alte und Kranke, unsere Arbeitgeber. Keine Pflegefälle, sondern schimpfende Geister.“

Vyvyan: „Ich werde regelmäßig bezahlt, die Leute sind wach genug, ich muss ihnen nicht die Hände führen. Hintern wischen überlasse ich Eduard. Miranda sagt, dass er mich immer noch liebt. Ich hingegen liebe meine Schwester, wenn sie so etwas Blumiges sagt. An meinen Augen fliegen langweilige Klischees wie eine Laterna Magica vorbei. Licht- und Feuerstürze. Ich stehe morgens auf und immer ist es heiter. Die Maisonne leuchtet, und die Alten kommen langsam auf den Gedanken, ihre schrumpeligen Finger, die runzlige Hühnerhaut ihrer Hände in Farbeimer zu tauchen.“

Einer, zu nichts als zum Müßiggang begabt, an Eduards Seite.

Er öffnet zeitig die Gardinen und schält sich aus seinem Frack. Sein Haar wird an den Schläfen grau. „Ich bin der Hampelmann und ende damit, diese älteren Herrschaften für Öl und Glanz auf faltigem Papier zu begeistern. Selbst zeitweise pflegebedürftig, gebe ich den Rest meiner fettreduzierten Tage an die AG malende Kurpatienten. Dass Esther nun in der Presseabteilung der Klinik arbeitet, ist ein Muster in Gottes Plan.“

Onkel Albert wiegt den Kopf, und Esther erscheint es wie das Pendeln einer Küchenlampe. Alberts Lieblingssport: „Vyvyan, es ist gut, dass du hier bist. Du machst etwas Solides. Und Esthers Werbetexte gefallen mir, ihre schwarze Schrift neben den Fotos von Gudruns Lebenselixir.“

So führten sie Reden, die das Altern ermöglichten.

Bublava

Heimgesucht von Sabine : geht im Dorf
Zwischen den Bergen der Strom aus
Ohne Strom wird es dunkel und kalt

In Bächen strömt Schmelzwasser
Die Straßen hinab : über Nacht
Ist wieder alles weiß : die Räder

Der Lifts stehen noch zwei Stunden still
Bevor sie sich weiter drehen und drehen
Bequemes Abenteuer der Selbstüberwindung

Bublava
Babluva
Blablavu

Elf Strophen

Ewig & gesund.

Tam tam tam tam
Tam tam tüta
Tam tam tam tam tam

Tüta tüta tüta tüta
Tüta tüta tüta tüta

Tütatüta tütatüta tütatüta
Tütatüta tütatüta tütatüta
Tütatatüta tütatüta tütatüta

Tüta tütatüta tütatüta tütatüta tütatüta
Tütatüta tütatüta tütatatüta
Tütatüta tütatüta tüta

Tütatüta tütatüta tütatüta tütatüta
Tütatüta tütatüta tütatatüta
Tütatüta tütatüta tüta

Tütatüta tütatüta tütatüta tütatüta
Tütatüta tütatüta tütatatüta
Tütatüta tütatüta tüta

Tütatüta tütatüta tütatüta tütatüta
Tütatüta tütatüta tütatatüta
Tütatüta tütatüta tüta

Tütatüta tütatüta tütatüta tütatüta
Tütatüta tütatüta tütatatüta
Tütatüta tütatüta tüta

Tütatüta tütatüta tütatüta tütatüta
Tütatüta tütatüta tütatatüta
Tütatüta tütatüta tüta

Tütatüta tütatüta tütatüta tütatüta
Tütatüta tütatüta tütatatüta
Tütatüta tütatüta tüta tütatü

Tütatü tütatü tütatü tütatü
Tütatü tütatüta
Tütatü tütatü tütatü

* * *

Wind – Gesang
Wessen wovon?
Kindes Gang
Durch die Sehnsucht des
Schwerts, Schmerz zu sein.
Die Menschen hegen den Tag des Todes
Untrüglich: Liebster Blüte Duft
Hohe Saiten, glaubt mir,
In der Hand des Ostens
Lassen heute erzittern die Luft.
Und sein kann es, dass neuen uns
Mut die Mutter vom gleißenden Berge
Schenkt, und, vieler Menschen eingedenk
Und von vielen betrachtet
Lege ich an die Vernunft,
Meine Tracht, die weiße,
Wie ein Gletscher sein Eis bewegt.

„… verse näher an sich heranlassen …“

für Christoph Meckel (* 12. Juni 1935, † 29. Januar 2020) 

wir halten die wasser an
den wind
wir halten den schnee an
wir unterbrechen die blutspur des pumas in den bergen
wir folgen dem formationsflug der kraniche
auf der gekräuselten wasseroberfläche eines fremden meeres
wir lauschen dem surren eines immenvogels
im kelch einer glockenblume
sie läutet den frühling den herbst
im sommer ruht sie sich aus
wir stimmen ein in die wintergesänge
die uns wecken aus unserem letzten schlaf
zwischen fischen
kastanien akazien
in deren schatten sie sich sonnen
mit dem durchdringenden licht der poesie
wir heben an zu einem abschied
am grab eines unbekannten poeten
geben ihm steine mit auf die reise
damit sie leichter wird für ihn.

.

[geschrieben am 31. Januar 2020, Freiburg-Herdern]

göttlichkeit | das göttliche

für C. M.

tragen wir einen vers ins haus
legen wir ihn
neben die post die briefe
aus einem anderen lebenschuppt der himmel sein blau ab
die kindheit ihre letzten unbeschwerten tränen
sind des himmels treiben gratwanderungen
der kindheit verseaufschauend ins wolkenleere
gießt sich ein tag über den anderen
eine nacht über die andere
ein leben über eine kurze verschnaufpause

wolltest du dieses einerlei an rhythmischen störungen
feilst du zeile für zeile worte
treibst du sie wie man silber treibt
oder gras oder noch viel unerklärbarere dinge

wir zögern
warten auf ein klingeln an der tür
aber es kommt keiner
wieder nicht

trommeln die nachbarn ärzte herbei
magier schamanen sogar einen zwerg
der singen kann
schaurigschöne töne für die einsamkeit

rabenrufen am abendhimmel
gottgewimmer

.

[geschrieben im Sommer 2019, Waldkirch]

kreide fressen

hinter den tellerrändern warten
die suppen die brühe
kocht
in meinem stadtviertel liest einer diogenes
alles für die tonne
ein essenstreff schließt
ein neuer öffnet
spezialität: braune soße!

ich gehe weiter
einmal um den block
der wart grüßt
barsch

beäugt er mich seit langem
wo ich wohl meine mahlzeit nehme

sicher nicht bei dir mein wolf

antianti

Und am schlimmsten war immer noch der uneingestandene Neid der Erwachsenen auf die Kinder, der sich in der Rede ausdrückt, etwas müsse so sein.

Nein: noch schlimmer als der uneingestandene Neid war das irgendwann auf ihn folgende

Bekenntnis

..

wozu auch immer

(..Waren.)

n.a.d.M.

Zwischen den Zähnen
Unter den Bäumen
Quillt es hervor
Träume
Eines unbekannten
Körpers, Sternbilder
Ohne Sterne –
Geraden
Abstrakte Unendlichkeit
Kurz vor Erfindung der Geometrie

* * *

Ein Geschehen
Dessen Eckpunkte
Wir sind und nicht sind
Kinder
Von Eltern, deren Eltern Kinder

Novemberlicht (für M.)

Die Pappelallee vergoldet.
Wortfetzen hallen
über den See.
Glitzernde Wellen
im schrägen Schein
der blassen Sonne.
Letzte Blumen
begleiten Gedanken
an den Sommer.
Fröstelnd zieht
der Boden sich zusammen,
atmend in den Nebel,
bedeckt sich mit Laub,
– wie die Jungfrau
mit dem Laken –
alt und doch wieder
unschuldig nach
getaner Ernte.
Vertrocknete Äpfel
im Geäst, bewacht
vom zeternden
Hüter den Waldes.
Rote Beeren im
hellen Grüngelb.
Vogelschar – fliehend –
mit Sehnsucht
nach Wärme.

Nov. 2019

für silvio

der mensch ist nichts

die menschheit sterblich

– was ist der mensch?

nichts

ohne menschheit

* * *

doch mensch nicht menschheit

menschheit kein mensch

Am Rosenberg (Sorbisch Kemnitz)

Über Berge in die Klamm geraten
Barock thront die Kirche auf dem Fels
Rosa Mandelblüte im Dezember
Kohlestaub rieselt leise durchs Fenster

Die Sonne hab ich im Nebel gesehen
Auf dem Vulkan mit vier Geistern getanzt
Weiße Dämmerungen über geklöppeltem Schnee
Haltet inne : Freunde : kehrt ein

Papierschlangen kreiseln vom Himmel
Munter murmelt das Wasser im Tal
Kleine Welten : eingekästelt von Fichten
Einer Umgebindehütte im Wald

Grün leuchten die Berge im Januar
Die Glöckchen bimmeln : wie immer
Wir wissen nicht : wie es früher war
Schön oder hart oder wunderbar

nachweihnacht

gebratene ente oder gans
der unterschied ist marginal
jedenfalls kein hähnchen
gestern war in der küche noch zärtlichkeit
im bratrohr
warten die träume

das backsteinhaus nahe der schnellstraße
hat wieder geweint
der garten legt seine plane aus licht über die alte mauer

sag nicht
dass es dich nicht interessiert
vor kurzem noch gingen wir gemeinsam in die nacht

en attendant

drei glockenschläge
ist der novemberschnee
bis zum ersten advent getaut
eine katze hat sieben weihnachten