Ich ärgere mich, weil ich ihn trotzdem sehe

Die hohen, englischen Fenster des Wohnraumes gingen auf ein verwildertes Grundstück hinaus, neben einem Schuppen lagerte Schrott, der aber von hier aus nicht zu sehen war.

semantische absurditäten

schon morgens die tage beginnen zu altern wir müssen
nur noch die stunden erschlagen die stadt liegt trunken am straßenrand
fensterscheiben erbrechen licht … ich … (du) nur der auswurf
des augenblicks um m(d)ich herum blutende wände waagerecht übereinander-
gestapelt die ordnung der dinge verlor sich im herbst
m(d)eine glieder (wahllos) im zimmer verstreut ein arm in der ecke
ein bein auf dem tisch das bulimische herz ins koma
erbrochen mach dir kein bild aus leuchtenden worten unter der erde atme ich
blau du hast den blick für die farben verloren: ich sterbe wie
ich geboren mit einem kräftigen schlag auf den rücken – pflegte nur mit
den toten verkehr – die zeit wirft falten (wie löschpapier)
niemand zeichnet die welt mit tinte (bin nur ein fleck auf weißem grund)
wie viele seiten ein buch doch hat am ende von allem: sag mir
was ist ein gedicht & wozu

Eisgrau

fallen

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achtundvierzigfünfundachtzig

brennend aus dem Himmel des Sterns mit Namen

*

– Besser als ein Stern ohne Namen.
– Wieso?
– Na, die bleiben so klein. Fast unsichtbar…
(zweifelnder Blick)
– Hm, aber dann gleich – SUPERNOVAAH?
(Stirnrunzeln)
– Ah.

eisgrau

fächelt der atem
aus dem mund
fiebert die nacht
nach unverbrauchten worten

vor das fensterbrett habe ich
ein sehnsuchtsnest gelegt
aus der stimme des letzten frühlings
forme ich mir
eine zeit für danach

Ein Sprung von Mathematik

Ein Ereignis ist, wenn Sie mit einem einzigen Würfel eine 7 würfeln. Oder eine 8. Jedenfalls keine der Zahlen auf dem Würfel. Aber bitte, bleiben Sie dem Ereignis treu. Akzeptieren Sie die 7. Würfeln Sie nicht noch einmal. Bleiben Sie der 7 treu. Folgen Sie ihrer Spur.

Ein Sprung

Haben Sie schon mal versucht, ein
Gedicht zu erzählen

Ohne Stockung, gar
Lüge

Wer das kann, der
werfe den ersten

Stein

Masken, Zeichen: Stein auf Stein,

Featuring : Josif Brodskij : Erinnerung 1995

Je n’ai pas oublié, voisin de la ville
Notre blanche maison, petite mais tranquille

Charles Baudelaire

Das Haus war ein Sprung von Geometrie ins taubstumme Grünen
des Parks, dessen Statueninfanterie, wie der Eingang zur Orangerie
Bewohner – nie! lümmelte in den Alleen, abgestolpert vom Straßenknie;
als sich die Fenster erhellten, war unklar – wessen und wie.
Wie man sieht, bediente das Rauschen des Winds, summierend die Varianten
der Abhängigkeit vom Schicksal (des Kinds – an den Abenden)
sich der Lammkrakelschatten, und, vom Standpunkt der Lampe aus,
reichte das aus fürs Erglühen von Wolfram.
Doch Vorhänge hingen davor. Eine grobkörnige Gravur,
vorsichtig knirschend, zeugte nicht von eines
Anderen Anwesenheit, sondern nur der Feier einer üppigen
Ungebundenkeit, den Umgebungen hingestolpert von ihr.
Und um Mitternacht die Wolken, erzogen von der Hochschule zur
Uferlosigkeit oder einfach nur kopfloser Abwehr von Dünkel
bedeckten patriotisch mit rissigem Laken den nackten
Kosmos vor der verwilderten Summe rechter Winkel.

Pandemische Paradoxien 2 (Update): Zahlenspiele, frisch frisiert

„Es wird ja fleißig gearbeitet und viel mikroskopiert, aber es müsste mal wieder einer einen gescheiten Gedanken haben.“ (Rudolf Virchow, Verhandlungen der Deutschen Gesellschaft für Pathologie, Bd. 40, S. 4)

 „Wähle eine Maske, die einen deiner Mängel übertreibt, dann wirkst du sympathischer.“ (Baron James Ensor, ordentliches Mitglied der Königlichen Akademie von Belgien, Ostende  im August 1935)

„Endlich war es möglich, Krieg zu führen, indem man zu Hause blieb.“ (Curzio Malaparte, Geschichte von morgen, 1951)

 „Schaufle die Tage auf. Zerpflügte Stirne – brandend in Spätsommertagen. Fiebre in deiner Enge, deiner stachelnden Stille. Hallo, die Pfähle glühn – die dich umzirkeln, umkerkern, sind süß. Tanze, springe. Weltlust pfeife auf zerküßten Lippen … Särglein ist süß.“ (Ludwig Meidner, Im Nacken das Sternenmeer, 1918)

 „Ich verachte die dummen hygienischen Vorstellungen der Bourgeoisie.“ (Massimo Cacciari, Philosoph, Bürgermeister von Venedig 1993 bis 2000 und von 2005 bis 2010)

 „In einem armseligen, entlegenen Flecken verweilen, inmitten von Bächen und Feldern, umgeben von den Mauern der Häuser, unter einem Dach aus Gras oder Schilf, oben undicht, unten feucht – all das versetzt das gewöhnliche Volk in düstere, gedrückte Stimmung, bereitet ihm Kümmernisse und Sorge, es verliert die Zuversicht. Der Weise verweilt dabei, ohne beunruhigt zu sein, ohne zu leiden und zu klagen und ohne die Freude an sich selbst zu verlieren. Warum ist es so? Indem er im Innern durchdrungen ist von Natürlichkeit, Reichtum und Mangel, Armut und Wohlstand, Arbeit und Dienstpflicht keinen Wert für ihn haben, verliert er den Sinn für deren Bedeutung.“ (Huainanzi, 1.19, 2. Jahrhundert v.u.Z.)

 

Im März 2020 wurden wir – zunächst allmählich, nach wenigen Tagen jedoch im Halbstundentakt – Zeu­ge einer Berichterstattung, die sich unter Berufung auf nackte Zahlen einem Schreckens­szenario verschrieb. Den Ausgangspunkt bildeten zwei Ziffern, die aus der Provinz Hubei und ihrer Haupt­stadt Wuhan gemeldet und auf Europa übertragen wurden: Die Sterbequote der vom neu­artigen Coronavirus infizierten Personen betrage 3.4% (WHO Directors speech am 3.3.2020). Das Virus werde 60-70% der deutschen Bevölkerung anstecken, prognostizierte Angela Merkel in ihrer Rede am 12.3.2020. Offensichtlich, so schien es nach diesem Kalkül, war hierzulande mit mindestens etwa anderthalb Millionen Toten zu rechnen. Je nachdem, in welcher Geschwindigkeit sich das Virus aus­breiten würde, würden die Menschen entweder innerhalb weniger Wochen oder über das Jahr verteilt nur so „wegsterben“. Das Robert-Koch-Institut (RKI) richtete Anfang März ein Monito­ring ein, die Bundesregierung war alarmiert. Verlaufsszenarien wurden als Computer­simu­latio­nen anhand verschiedener Modelle entwickelt und der Pandemieplan aus den Jahren 2016/17 aus den Schubladen geholt. Am 11. März 2020 rief die WHO schließ­lich für die Krankheit Covid-19 den Pandemie-Status aus. Damit überstürzten sich die Ereignisse.

Sowohl die wissenschaftlichen Erkenntnisse in Bezug auf das neuartige Virus als auch die stati­stischen Methoden des Pandemie-Monitorings wiesen gravierende Lücken auf: Unbekannt waren nicht nur die bereits vorhandende Ausbreitung und die weitere Verbreitungsgeschwindigkeit des Virus. Auch die Übertragungswege, die Hinter­grund­im­mu­nität aufgrund von Infektionen mit be­kann­ten Coronaviren und die Genesungschancen konnten noch nicht valide eingeschätzt werden. Die Un­gewiß­heit all dieser Parameter veranlaßte die Ent­scheider, auf „Nummer sicher“ zu gehen: Das Schreckens­szenario, so schien es, könne nur ab­ge­wen­det werden, wenn die befürchtete exponentielle Ausbreitung des Virus so stark verlangsamt werde, daß das Gesundheitssystem mit den Patienten, die an der neuen Atemwegserkrankung Covid-19 litten, nicht überlastet werde, d.h. wenn die Ausbreitungskurve des Virus abgeflacht werde.

Länder wie Taiwan und Südkorea ließen sich infolge ihrer Erfahrungen mit SARS 2002/2003 und MERS 2015 von dem Verdacht leiten, daß die von der WHO aus Wuhan gemeldeten Zahlen eher eine Untertreibung darstellen und tatsächlich mit einer höheren Mortalitätsrate zu rech­nen sei. Bereits Anfang Januar ergriffen sie mit ruhiger Hand gezielte Sofortmaßnahmen: Schließung der Grenzen, insbesondere zur VR China, Sperrung des Schiffs- und Flugverkehrs, vorsorg­liche Quarantäne für alle Pendler nach China, Verbot von Groß­­veran­staltungen, Preisbin­dung für Medizinprodukte wie Atemmasken und Des­in­fika­tionsmittel, extensives Fiebermessen vor Eintritt in öffentliche Gebäude sowie konsequente Verfolgung von „Quarantäne-Sündern“ – insgesamt ein Bündel von 124 Maßnahmen, ein Überblick findet sich im „Update“ von Paul R. Vogt. Der in Europa be­schrittene Weg des Stillegens des gesamten gesellschaftlichen Lebens einschließlich Wirtschaft, Bildung und Kultur („Lockdown“) wurde in Taiwan und Südkorea vermieden (Jason Wang et al., 3.3.2020,  vgl. Richard Friebe im Tagesspiegel vom 5.3.2020, Martin Kölling im Handelsblatt vom 15.3.2020). Dennoch blieb sowohl die Zahl der Infizierten als auch der Verstorbenen in Taiwan und Südkorea anhaltend gering, ja um Größenordnungen geringer als in den Lockdown-Ländern.

Der Westen hat weder genau hingeschaut noch davon gelernt. Zuerst wurde das neue Corona­virus als ein fernes fernöstliches Leid ignoriert oder kleingeredet. Spätestens ab Mitte März brach ein Überbietungswettbewerb der Länder um die Schärfe der Verbote und Einschränkungen aus. Flankiert wurde er von einem medialen Feuerwerk, in dem selektiv herausgegriffene Zahlen und Bilder allgemeinen Horror verbreiteten – zur „Einstimmung“ der Bevölkerung auf eine hohe Opfer­zahl, wie es in einem Strate­giepapier des Innenministeriums von Mitte März hieß; das Papier wurde in der Presse ausführlich diskutiert (z.B. Christoph Prantner in der NZZ vom 5.4.2020).

Jedem Beobachter mit halbwegs wachem Sachverstand war klar, daß es sich um eine rhetorisch aufgerüstete Propaganda handelte. Merkel stufte die „Corona-Krise“ als schlimmsten Einschnitt „seit dem Zweiten Weltkrieg“ ein (Ansprache vom 18.3.2020). Macron ließ sich dazu hinreißen, die Bekämpfung des Virus als Krieg zu bezeichnen (Rede am 3.4.2020).

Deutlich wurde, daß die Berichterstattung des RKI wissen­schaft­li­chen Kriterien nicht standhielt. Täglich wird als Absolutzahl die kumulative Häufigkeit der Infizierten vermeldet, ohne die Grund­lage der Datenerhebung zu benennen oder das Bemühen um re­prä­sen­ta­ti­ve Erhebungen erkennen zu lassen. Tatsächlich handelt es sich nicht um die Infizierten, sondern um die Zahl der positiven Laborbefunde – was wegen der Dunkelziffer einen erheblichen Unterschied darstellt. Auch die Mel­dungen zu Todesfällen im Zusam­men­hang mit Covid-19 erwies sich als unzuverlässig, da nicht zwi­schen ver­schiedenen Todes­ur­sachen unter­schie­den wurde. Statt dessen meldete sich Christian Drosten als führender Virologe und Re­gierungs­be­ra­ter, in einem täglichen Podcast zu Wort – eine Form der Öffentlichkeit, die für einen ernst­zu­neh­men­den Wissenschaftler nicht angezeigt scheint. Häufig wirkte er fahrig, überfordert, fokussierte spe­zifisch-viro­lo­gi­sche Aspekte, kapitulierte bei epide­mio­logischen, soziologischen oder päda­go­gischen Fragen, ver­wei­gerte konkrete Hand­lungs­em­pfeh­lungen und wies die Zuständigkeit für Ent­schei­dungen der Po­li­tik zu. Das mag manchen sympathisch erscheinen – tatsächlich gelang es ihm nicht, im Ganzen zu denken. Zu kleinteilig, ohne Phantasie für die Folgen waren Drostens vage Andeutungen in Nebensätzen, wie etwa der  häufig bemühte Ver­gleich mit der Spanischen Grippe von 1918-20. Magere gesundheitspolitische Hinweise heizten den real­po­litischen Überbietungs­wett­streit weiter an. Offenbar fehlte der gegen­wärtigen Medizin ein Vir­chow, der natur­wissenschaftlichen Forscher­drang und engagiertes Interesse für die gesell­schaftlichen Rahmen­­bedingungen von Gesundheit unter einen Hut bringt.

Diese Umstände motivieren diesen Beitrag. Zum einen sollen die Grundlagen empirischer For­schung skizziert werden, die zu den Voraussetzungen gehören, um die  Ge­fähr­lichkeit und das Risiko einer epidemischen Erkrankung beurteilen zu können. Zum anderen soll auf typische Anfängerfehler hingewiesen werden, die insbesondere bei Journalisten im Umgang mit statistischen Zahlen zu beobachten waren und sich teilweise bis in die Gegenwart fortsetzen.

Nachdem im Moment Hand- und Fußballspiele verboten sind, hat Corona den Kopfball als neue olym­pische Sportart hervorgebracht: die Zahlenspiele. „Die Corona-Krise hat uns alle zu Zahlenjunkies gemacht. Wie entwickeln sich die Fallzahlen? Gibt es neue Todesfälle? Wie hoch ist der Fall-Ver­storbenen-Anteil? Wie hängt er vom Alter der Patienten ab? … Es ist in un­über­sicht­lichen Situa­tionen gut, sich an Zahlen statt an Emotionen zu orientieren, aber Zah­lenwerte sind oft trügerisch: Sie verstecken ihren Kontext. Wenn wir uns heute anhand von Zahlen ein Bild von der aktuellen Situation zu machen versuchen, dürfen wir dies nie aus dem Blick ver­lieren.“ warnte Sybille Anderl bereits Mitte März in der FAZ. Entsprechend ihrer medialen Reichweite sind Fehl­in­ter­pretationen von Jour­nalisten keine Privat­an­ge­legen­heit, insbesondere wenn sie mit politischem Kal­kül oder auch nur in sen­sations­erheischender Absicht be­gin­nen, die öffentliche Mei­nungs­bildung zu domi­nieren. Im folgenden geht es um Datenkompetenz, also um eine Mini­malkenntnis der Spielregeln, um sta­tisti­sche Zahlen lesen und interpretieren zu kön­nen – und daran zu erkennen, welches Spiel mit uns ge­spielt wird.

Dieser Essay wurde in seiner ursprünglichen Fassung am 30. März 2020 geschrieben. Das Er­scheinen des neuen Virus auf der Bühne des Tagesgeschehens und noch mehr die im Akkord ver­ab­schiedeten Rechtsvorordnungen der Länder, die in der Corona-Zeit vorübergehend zur Aussetzung aller bürgerlichen Grundrechte außer des Rechts auf Gesundheit führten, haben uns überrascht. Auf wel­cher Grundlage entschieden die Regierungen derart radikal? In den letzten Wochen wandelte sich das Bild vom neuen Virus in den Wissenschaften. Hier fasse ich wesentliche em­pirische Erkenntnisse über das neue Virus zusammen. Ausführlich dargestellt und diskutiert werden sie weiterhin an der Stelle, wo sich der ursprüngliche Beitrag befand: https://inskriptionen.de/?p=12363

–          Eine weltweite virale Verbreitung und Überzeugungskraft bei politischen Entscheidern gewannen Anfang März 2020 die Handlungsempfehlungen des kalifornischen Beraters Tomas Pueyo. Sie stützten sich nicht auf empirische Erkenntnisse, sondern auf hypothetische Modellrechnungen für die USA, die bislang weder dort noch an anderen Orten der Welt eingetroffen sind.

–          Die Zahl der PCR-Tests in  Bezug auf das neue Virus ist in einigen Ländern rasant gestiegen, insbesondere in den USA, Deutschland und Italien.

–          Die Teststrategie in den einzelnen Ländern unterscheidet sich stark, so daß Vergleiche der Kennziffern aufgrund fehlender Mindeststandards bei der Datenerhebung bislang nicht möglich sind. Wo dennoch verglichen wird, ist dies aus wissenschaftlicher Sicht unredlich (Verletzung der Datenethik).

–          Die kumulative Zahl der positiv getesteten Personen, die in der Corona-Zeit in den täglichen Nachrichtensendungen bekannt gegeben wird und den Eindruck einer vermuteten oder gefühlten Bedrohung durch das neue Virus verbreitet, ist linear abhängig von der Zahl der Tests. Eine exponentielle Ausbreitung des neuen Virus ließ sich nicht beobachten.

–          Es fehlen nach wie vor regelmäßig wiederholte, repräsentative Erhebungen zur Verbreitung des neuen Virus. Damit können bislang weder Prävalenz (bereits vorhandende „Durchseuchung“) und Inzidenz der Infektion (Zahl der Neuinfektionen) noch die Ge­fähr­lichkeit des neuen Virus (Lethalität) für die Allgemeinbevölkerung valide bestimmt werden.

–          Politischen Entscheidern fehlt damit nach wie vor eine gesicherte wissenschaftliche Grundlage, an der sie sich bei Abwägungen zwischen gleichberechtigten Interessen orien­tie­ren können.

–          Die Befunde zur Fehlerhaftigkeit des RT-PCR-Labortests zur Covid-19-Diagnose erscheinen noch unübersichtlich. Während Christian Drosten als Testentwickler von einer Falsch-Positivrate von 0% ausgeht, wurde in großangelegten Vergleichsstudien in China und in den USA eine sehr hohe Falsch-Negativrate ermittelt, z.B. im Vergleich zur computertomographischen Lungendiagnostik.

–          Fiebermessungen, die auf Taiwan als „Schnelltest“ verwendet werden, lassen sich wesent­lich niedrigschwelliger und breiter angelegt als der PCR-Labortest einsetzen, um erkrankte Personen im Alltag zu identifizieren. Je häufiger niedrigschwellige Tests eingesetzt werden, desto geringer fällt die beobachtete Zahl der Infizierten und der Todesfälle aus.

–          Das neue Virus breitete sich nicht flächendeckend aus, sondern in lokalen „Hotspots“,  „Clustern“ oder „Herden“.

–          Das deutsche Gesundheitssystem war in keinem Moment während der Corona-Zeit überfordert. In der Regel standen mehr als 40% der deutschen ITS-Plätze auch während des vermuteten Höhepunkts der Infektion frei. Aus medizinethischer Sicht ist die Verschiebung von Operationen und Behandlungen anderer Krankheiten zum Zweck des Vorhaltens freier ITS-Kapazitäten kritisch zu beurteilen.

–          Am häufigsten wurden Infektionen mit dem neuen Virus bei der mittleren Altersgruppe (35-55 Jahre) festgestellt. Schwere Krankheitsverläufe waren dagegen mehrheitlich bei vorerkrankten Personen zu beobachten, insbesondere mit Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes. Die mit Covid-19 in Zusammenhang gebrachte Mortalität war bei älteren Patienten am höchsten (Altersdurchschnitt über 80 Jahre).

–          Für die Abwägung, ob im Einzelfall eine intensiv- oder palliativmedizinische Versorgung angezeigt ist – gerade für diese Altersgruppe auch unabhängig von Covid-19 relevant – wurden keine Leitlinien entwickelt. Auch ein Monitoring der palliativmedizinischen Versorgung findet nicht statt.

–          Die verabschiedeten Empfehlungen zu Hygiene- und Schutz­maß­nahmen, um die Ausbreitung des Virus in Alten- und Pflegeheimen zu bremsen, vernachlässigen vollständig den Aspekt der seelischen Gesundheit, erhöhen die Gefahr der Vereinsamung und eines „elenden Tods“ in sozialer Isolation.

–          Unabhängige Studien legen nahe, nicht das neue Virus an sich als gefährlich zu betrachten, sondern seine Wechselwirkung mit ökologischen, sozialen und individuellen Vorbelastungen (Kontextfaktoren):

  • Laut Grippeweb des RKI gab es im extrem milden Winter 2019/20 vergleichsweise erfreulich wenige Atemwegserkrankungen, die geringste Zahl seit Beginn des Monitorings. Viele gesundheitlich gefährdete Menschen haben die Grippewelle überlebt. Im Gegenzug wurde Covid-19 für sie gefährlich.
  • Nachweislich verstärkt wird die toxische Wirkung von Covid-19 durch die lokale Luftverschmutzung, fehlende TBC-Impfungen sowie Faktoren, die mit der soziologischen „Überalterung“ der westlichen Wohlstandsgesellschaften zusammenhängen.

–          Die Politik des allgemeinen „Lockdown“ folgt populärwissenschaftlichen Konzepten des Umgangs mit Epidemien. Sie bekämpft die Ausbreitung des Virus, ohne die ökologischen und sozialen Folgen ausreichend zu berücksichtigen.

–          Differenzierte und adaptive („smarte“) Strategien können auf den Lockdown verzichten und die Ausbreitung des Virus um Größenordnungen wirkungsvoller eindämmen (Beispiel Taiwan).

–          Um leichtfertige Grundrechtseingriffe in Zukunft zu erschweren, ist der Schweregrad einer Erkrankung, meßbar in Form der in repräsentativen Studien wiederholt bestimmten Lethalität, im Infektionsschutzgesetz zu verankern.

 

Zahlenspiele – Inhaltsübersicht

Spielregeln

Grundlagen für die länderübergreifende Vergleichbarkeit von Public-Health-Daten

 

Foulspiel

Schwachpunkte der Datenerhebung zum neuartigen Coronavirus

Wer zählt was? Äpfel und Birnen in Corona-Form

Positiv oder falsch-positiv, negativ oder falsch-negativ – das ist hier die Frage

Zahlen ohne Bezugsgröße sagen nichts

Exponentionalfunktion oder Wellenform

 

Zwischenspielstand

Lineare Abhängigkeit der Zahl der Positiv-Befunde von der Zahl der durchgeführten Tests

Die Dunkelziffer: Spekulationen, Schätzungen, erste Studien

Genesen: Wie wird man Covid-19 wieder los

 

Schiedsrichterentscheidungen

Ab wann ist das deutsche Gesundheitssystem überlastet?

Multimorbidität und Implikationen für die ITS-Praxis

ITS-Kapazitäten in europäischen Ländern

 

Spitzenspiel

Ende März: Hochrechnung zur ITS-Auslastung in Deutschland

Mitte April: Resümée zur Hochrechnung

Erst hämmern, dann tanzen – ein Storyteller erobert die westliche Welt

Made by man: Schrecken ohne Ende

 

Kontexte

Hinterläßt Covid-19 Spuren in Bezug auf die Gesamtmortalität in Europa?

Unterschiede zwischen den Ländern

Klimawandel, milde Winter

Feinstaub: Autobahnen für Viren?

„Medicin im Großen“

Der Zustand unserer Gesundheitssysteme

Das neue Virus aus Sicht der Entwicklungs- und Schwellenländer

Bipolare epidemiologische Erinnerungskulturen

Versuch einer Zwischenbilanz

Die eigentliche Frage, um die es geht: Alter, Krankheiten und Tod

 

Spielergebnisse: Quintessenzen denken

 

Literatur

Kammer-Bühl

An einem leicht bewölkten, nicht allzu heißen Augusttag des Jahres 1822 trafen sich Jöns Jakob Berzelius, ein Chemiker aus Schweden, der gerade in Marienbad zur Kur weilte, Graf von Sternberg, Johann Baptist Emanuel Pohl, ein Botaniker, Christoph Nepomuk Drostig, Mineraloge und Goethes Assistent, hm, nein, damals hieß es noch Diener, sowie schließlich, nicht zu vergessen, der Geheime Bergwerksrat höchstselbst zu einer Wanderung auf den Kammerbühl. Der Kammerbühl ist nicht irgendein Berg. Zwar klein, so daß man in ein paar Minuten von seinem Fuße aus den Gipfel erreicht, scheint er doch ein Vulkan zu sein und verheißt für Liebhaber der ernsthaften Naturkunde Überraschungen und Entdecker-Freuden, über die es sich vortrefflich streiten läßt. Siebenmal schon hatte Goethe die 30 Höhenmeter erklommen, vier Aufsätze hatte er über den Berg verfaßt: zuerst 1808 Der Kammerberg bei Eger und zuletzt 1822 ganz frisch Kammer-Bühl. War der Kammerbühl nun vulkanisch, also plutonischen Ursprungs, oder ist er wie andere Berge eine Auf­schichtung von Sedimenten, also dem Wasser entstiegen, ein Sprößling Neptuns? Goethe wurde nicht schlau aus dem Berglein, klopfte mit seinem Häm­mer­chen hier und da, sammelte Proben von Basalt und Schlacke. Und was hatte es mit dem Basalt überhaupt auf sich? Sah nicht der große Professor Werner, Vater aller modernen Geo­gnosten, im Basalt ein wässriges Geschöpf? Lagert er nicht gerne auf Sediment­ge­stein?

Pohl nickte und stimmte ein: „Richtig, unser verehrter Meister, Carl von Linné, der Unschätzbareres für die Ordnung der Pflanzen und der Natur geleistet hat, erkennt im Sediment ein Übrigbleibsel des Urozeans. Vor unendlichen Zeiten hat er sich langsam zurückgezogen, seine Wellen furchten und ackerten den Fels. Den Basalt hat er sicher als letztes Element auf die Sedimentschichten geworfen.“

Berzelius wackelte skeptisch mit dem Kopf. „Mein lieber Pohl“, sprach er, während er sich anschickte, sich zu dem zierlichen Moos hinunterzubeugen, das vor seinen Füßen wucherte, „als Chemiker möchte ich schon behaupten, daß Basalt eine kristalline Struktur hat, die mich an Lavagestein erinnert. Gewiß ist er aus einer Glutkugel heraus entstanden.“

Drostig nickte eifrig. „Seht, Freunde“, sprach er jauchzend, „welch herrlicher Quarz.“ In diesem Augenblick beugte er sich flink und hob einen kleinen Granitstein auf, der am Wegesrand lag.

„Granit, Granit“, rief Bergwerksgeheimrat Goethe hocherfreut, „du ältester aller Steine auf dieser Erde. Am liebsten möchte ich sagen: Im Anfang war … Granit. Geboren auf dem tiefsten Grunde des Urozeans, stapelst und formst du die höchsten Berge, die wir kennen: den Mont Blanc, den Gotthard und selbst den Brocken.“

Entzückt drehte und wendete Goethe das Steinchen, in dem sich Einsprengsel von Feldspat und Glimmer befanden, die sogar in der leicht verhangenden Sonne fun­kel­ten.

Das Grüppchen wanderte weiter, hatte schon den halben Weg zum Gipfel zurück­gelegt, als sie auf einer Weggabelung einen Felsbrocken entdeckten, dessen Ober­fläche gerundet war, als hätte ein Riese oder Zyklop ihn als Bonbon gelutscht und ausgespuckt.

„Ein Findling!“, entfuhr es Goethe voller Überraschung. „Zum achten Mal besteige ich den Kammerbühl, doch dieser Stein ist meinem Blick bisher entgangen. Wie kommt er hierher? Ich habe eine Vermutung… Was meint ihr?“

Die Herren umringten den Stein, schoben ihre Hüte über die Stirn, so daß die Krempe den Nacken berührte und schwiegen ein paar Minuten, in denen sie über die Herkunft des rätselhaften Steins sinnierten.

„Also“, eröffnete Pohl mutig die Diskussion, „ich glaube, der Urozean hat ihn auf seinem Rückzug hier verloren. Das Wasser hat ihn so schön abgerundet, daß wir uns an ihm freuen.“

„Halt, mein Lieber“, erwiderte Drostig. „wie wäre es, wenn ein Vulkan ihn aus­gespuckt hat. Der Kammerbühl ist doch ein Vulkan, da bin ich sicher.“

Pohl schüttelte heftig den Kopf, das konnte er nicht glauben. Berzelius jedoch führte Drostigs Gedanken weiter: „Es könnte sogar sein, daß dieser runde Riesenstein aus dem Weltall herabgestürzt ist, ein Meteroit, so nennt man das.“

Pohl kam aus dem Kopfschütteln nicht heraus. Nein, das konnte er nicht glauben. „Das Wasser war’s. Es hat dem Stein die runde Form verpaßt. Wart ihr noch nie am Meer?“ Da nickte Berzelius, der Schwede.

„Natürlich“, erwiderte er, „natürlich war ich schon oft am Meer. Aber dort, lieber Freund, sind die runden Steine am Ufer viel kleiner. Das Salz hat sie zerfressen und das Wasser gerundet. Ich bleibe dabei, der Stein stammt aus dem Schlund eines Vulkans oder aus dem Weltall an sich.“

Graf von Sternberg hatte die ganze Zeit über noch nichts gesagt. „Oh ihr Neptunisten und Plutonisten“, stöhnte er, „könnt ihr nicht aufhören zu streiten? Ewig will einer von euch recht behalten!“ Damit zog er eine Flasche köstlich kühlen Biers aus seinem Rucksack, entkorkte sie und reichte sie den Streithähnen herum. „Trinkt erst einmal!“, munterte er sie auf.

Goethe schwieg und lächelte. Dann sprach er: „Ich habe eine Vermutung, ihr werdet’s nicht glauben: Das Gegenteil von vulkanischer Hitze ist’s, das diesen Stein geformt hat, denke ich. Die Kälte war’s. Es muß eine Epoche großer Kälte wenigstens über Europa hinweg gegangen sein, als der Kontinent noch über 1000 Fuß hoch mit Wasser bedeckt war. Die Kälte verwandelte es in Eis. Das Eis, das können wir in unsrer Theorie nicht entbehren: Es hat die Felsklippen umhergeschoben und um­her­geworfen, abgeschliffen und gerundet.“

Goethes Gesprächspartner blickten betreten zum Boden. Nein, das hätte keiner von ihnen gedacht. Einen Moment lang herrschte frostige Stimmung. Kann ein kühles Bier so inspirierend wirken? Goethe reichte die Flasche dem Grafen von Sternberg zurück. „Nun, laßt uns nicht verzagen“, wandte er versöhnlich ein, „gehen wir weiter.“

Während sie sich nun dem Gipfel des Kammerbühl näherten, stellte Drostig die entscheidende Frage: „Verehrtester Herr Bergwerksminister“ – damit war Goethe gemeint –, „wie steht es nun um den Kammerbühl? Ist er vulkanischen Ursprungs oder als Sediment aus dem Urozean hervorgewachsen?“

Sie waren nun oben angelangt und genossen die Aussicht. Trotz leichten Wolken­dunsts erblickten sie die Dächer von Eger, das heute Cheb heißt. „Zuerst dachte ich“, hob Goethe an und blickte dabei Pohl tief in die Augen, „der Kammerbühl sei ein Geschicht, ein Sedimentberg. Ich war wie mein Lehrer Werner Neptunist. Dann fand ich Granit und Quarz und hielt ihn für vulkanisch. Ein Plutonist jedoch bin ich deswegen nicht geworden.“ Goethe hielt inne, sein Blick schweifte blinzelnd zu Drostig und Berzelius hinüber. „Denn Lava habe ich hier hie gefunden, bei all meinen sieben Wanderungen und auch heute nicht.“

Da drückte Berzelius das Hämmerchen, das Goethe stets bei sich trug, in Drostigs Hand. Der hockte sich nieder, schabte das Moos beiseite und begann zu klopfen. Dann stieß er auf eine harte Spalte, haute ein Stück von ihr ab und entdeckte in der Bruchfläche ein Olivin. Das war der Beweis: Der Stein war Lava.

„Oh!“ stieß Drostig hervor und wie zur Bestätigung begann der Berg unter ihm zu grollen. „Oh, oh, oh!“ Von unten donnerte es gegen die steinerne Kruste. Aus der winzigen Ritze, die Drostig in den Fels gehämmert hatte, züngelten winzige Flammen.

„Nichts wie weg von hier!“, sprach Graf von Sternberg und die Herren beeilten sich vom Kammerbühl wieder runterzukommen. Kaum waren sie unten in Eger, das heute Cheb heißt, hatte sich der Berg auch schon wieder beruhigt.

‚Gott die Natur‘, dachte Goethe, ‚welch hohe und zartfühlende Macht, niemand darf ihr zu nahe treten, auch mein treuer Drostig nicht.‘

Tage später, als Berzelius in der Postkutsche nach Stralsund saß, notierte er in sein Tagebuch: „Goethe war entzückt über diesen Fund und das Naturerlebnis und besonders über die Art und Weise, auf welche man a priori dazu gekommen war.“

portfolio für eisenwarenhändler

engelsgeplärr aus wolken blechblasmusik
über talnebeln
saßen wir auf einer datenbank
das loch schon im kopf
ausgeschlagen von einem grünspecht
grünspan auf allen dächern

heimwärts!
sollte es gehen
nur weg aus der ferne

legten sich träume auf wüstensand
schlaflos
kippten die bäume in jener nacht in ein meer

deine lippen formten wörter
du ahmtest stimmen nach

die an gestorbene rotkehlchen [engl. robins] erinnerten

& wieder flossen über alle graslande der welt walwasser
als stammten sie [lande & wasser] aus der familie der traurigkeiten

maigedicht

hältst du in den händen die enden der welt
wie die enden einer gerissenen perlenkette

leuchtet lyrik
ihrer wege gehen die brandstifter
das eine ende der welt liegt hinter einem apfelbaum
du schüttelst ihn und tapst
in die schneewittchenfalle
wer in meinem bettchen geschlafen hat kommt
nimmer um

ich saß in der küche und dachte an dich
das messer lag noch auf dem stuhl

gestern besuchte ich einen muschelfriedhof
beim anblick der schalenbruchstücke einer islandmuschel
fühlte ich rührung
ein alter seewolf war der muschelmörder
ich lauschte dem sound einer bekassine
eines tordalks eines regenbrachvogels

ich fand perlmutt
über die lippen rann es einem catfish

natur belassen

vor der stadt lagern monde
und bögen aus papier
wellen sich felder
über deine mondmilchhände
ergießen sich stimmen
in ein langgedicht im fluss
verwandeln sich die kurzen atempausen
in den weidenruten
zu flusskrebssalat im amselgelächter
in schnittmusterbögen am sternenhimmel
schneiden schnitter wellengebirge
aus deinem mund

I l o I l o I l o

Mein Geistes Tropfen (bist du)
Ewige Zuversicht strahlt (dein Lachen)
Deine Aura wärmt (den Raum goldgelb)
Lebendigkeit sprudelt (Bahnen)
meinen unauslöschlich (ruhelos rasend)
en Will en
Das reinste Edelauge (im widerwilligsten Glauben)
Falke, der Turm (ist ungebrochen)

Uns (er) ist die Wiederkehr

tagebuchnotiz

und es gab tage
da schrieb ich dir gedichte
schrieb ich
schrieb
mir die tinte aus dem leib
und was zurückkam
wenn was kam
kam
meist zu spät
oder hatte keinen bezug

die zeit enthäutet sich

wir tragen mundschutzmasken
lass mich nicht die worte verlieren
die stille fühlt sich an
wie ein lauer sommerregen
der die fenster streift

zugesperrte münder
ich kann dein lachen nicht sehen
und die hand
die ich dir reiche
fällt ins leere

Kleiner Engpaß

Fern in Ostasien brach einst eine rheumatische Krankheit aus, die dazu führte, daß die Arbeiter ihre Ellbogen nicht mehr bewegen konnten. Auf den Fließbändern rauschten die Produkte unbearbeitet hinweg und fielen am Ende auf wilde Haufen. Niemand war in der Lage, sich darum zu kümmern. Die Gelenkschmerzen waren einfach zu groß. Die Arbeiter standen wie erstarrt an ihren Plätzen und verzogen die Gesichter. Die Bilder gingen um die Welt, ihr erinnert euch… Zum Glück war die rheumatische Ellbogenerkrankung keine Pandemie – sie blieb auf das ferne Ostasien beschränkt, auch wenn sie dort das ganze Land lähmte. Die Arbeiter zogen es vor, sich in die Parks zu begeben und mit Qigong, Kongfu und Taiji die Gelenke allmählich wieder zu lockern. Davon sahen wir keine Bilder… Hierzulande waren alle heilfroh, daß das Ellbogen-Rheuma nicht über die Ländergrenzen hinwegschwappte, hatten wir doch noch genug mit den Folgen der letzten Pandemie zu tun, die Schwellungen und Blasen im Gesicht hervorgerufen hatte und dank der gesichtsbedeckenden Heilpflaster nun wirksam „eingedämmt“ war, wie es hieß. Wir schnappten uns also unsere Pflaster und wollten uns gerade ins Auto schwingen, um ins nahe gelegene Umland in den Jahresurlaub aufzubrechen – da bekamen wir es doch mit den Folgen des Ellbogen-Rheumas zu tun: der Stillstand der fernöstlichen Fließbänder unterbrach die „Lieferketten“. Was ist denn das? Haben sie etwas mit Radfahren zu tun? Na, nicht ganz: Es kam kein Nachschub mehr und es fehlte plötzlich an allem. An den Anblick halbleerer Regale hatten wir uns längst gewöhnt und waren im Grunde nicht sehr überrascht. Der Engpaß betraf nun die Gurte, ja richtig, die Anschnallgurte in den Autos konnten nicht mehr eingebaut, repariert und ausgewechselt werden. Über die Fernsehbildschirme flackerten am folgenden Tag die finster dreinblickenden Gesichter der Minister, aufgelockert nur von einer lächelnden Ministerin für Gesundheit, die mit ihrem tieflila Kleid für einen dezenten Farbakzent zwischen den schwarzen Zwei­reihern sorgte. Das Wort führte der Verkehrsminister, dessen buschige Augenbrauen dunkel über die Stirn stachelten: „Anschnallgurte im Auto“, sprach er langsam, um seinen Worten Gewicht zu verleihen, „Anschnallgurte dienen im Auto der Sicherheit. Daher heißen sie in der Fachsprache auch Sicherheitsgurte. Die Regierung wird alles Erdenkliche tun, um den Mangel an Sicherheitsgurten so schnell wie möglich zu beheben.“ Damit endete seine Rede, und er blickte sich fragend in der Ministerrunde um. Bevor die Schweigepause unerträglich wurde, meldete sich der Innenminister zu Wort. Sein schlohweises Haar zeugte von Weisheit, was hatte er in seinem langen Berufspolitikerleben nicht alles schon beobachten müssen. Ein Engpaß bei der Lieferung von Sicherheitsgurten war aber noch nie passiert. Schnell ergriff er das Wort: „Liebe Bürgerinnen und Bürger, zu Ihrer Sicherheit wird heute im Innenministerium das Sicherheitskabinett tagen. Wir werden Beschlüsse fassen, die zu Ihrer Sicherheit bei fehlendem Sicherheitsgurt beitragen werden.“ Nun wurde es schwarz auf den Fernsehbildschirmen, der Ton aber war weiterhin zu hören. Es erklang der Trauermarsch von Chopin, ihr erinnert euch, diese schöne Melodie, zu Stalins Beerdigung wurde sie zum letzten Mal im Rundfunk ausgestrahlt. Endlich durften wir sie wieder hören. Zur Einstimmung auf die Millionen Verkehrstoten, die ohne Sicherheitsgurt mit Sicherheit einem qualvollen Ende auf der Autobahn oder in einer viel zu schmalen Landstraßenkurve entgegen sahen. Wir konnten uns die künftigen Bilder des drohenden Leids bereits vorstellen: zwischen die splitternde Frontscheibe und dem geborstenem Lenkrad eingeklemmte Köpfe mit halb geöffneten röchelnden Mündern. Natürlich floß Blut über all diese Szenen, kein Ketchup odr Theaterblut, sondern echtes wohlgemerkt. Die Titelseiten der Zeitungen würden voll davon sein. Eine schreckliche Perspektive. Unbedingt mußte verhindert werden, daß es soweit kam. Am folgenden Tag, kurz nachdem sich das Sicherheitskabinett zusammen gefunden hatte, trat der Innenminister wieder vor die Kamera. Diesmal war er allein und trug einen tiefblauen Anzug, der seinem schlohweisen Haar noch mehr einen Hauch von Weisheit verlieh, während das Anzugblau kosmisch in höhere Sphären zu strahlen schien. Seine Beliebtheitswerte in der Bevölkerung wuchsen bei diesem Anblick sprunghaft. Ach, könnte die Wahl nicht rasch auf heute vorgezogen werden, dachte der Innenminister im Stillen. In die Kamera aber sprach er: „Liebe Bürgerinnen und Bürger, wir haben sehr gründlich und alle Seiten bedenkend und abwägend im Kabinett beraten und beschlossen, den Autoverkehr in unserem Land solange zu untersagen, bis wieder Sicherheitsgurte geliefert oder hierzulande hergestellt werden können. Sicherlich liegt auch Ihnen allen die Sicherheit eines jeden Autofahrers am Herzen, ob er nun noch über einen alten Sicherheitsgurt in seinem Fahrzeug verfügt oder ohne Gurt fahren müßte. Wir zeigen uns solidarisch! Wir gehören zusammen! Daher ist es nur billig und recht, wenn auch die Autofahrer, die noch einen Gurt haben für die Dauer des Engpasses auf das Autofahren verzichten. Nur so kann die Sicherheit aller gewährleistet werden. Sicherlich können Sie diese Sicherheitsmaßnahme verstehen. Um Sie in Ihrer Einsicht in die Notwendigkeit zu unterstützen, hat mein Ministerium mit sofortiger Gültigkeit eine Rechtsverfügung erlassen. Da die Abgeordneten aufgrund dieser Verfügung nicht mehr ins Parlament fahren konnten, haben sie freiwillig auf ihr Stimmrecht verzichtet und stimmen für die Dauer des Engpasses bereits vorsorglich allen Entscheidungen der Regierung zu. Die Verfügung lautet: ‚Ab dem heutigen Tage und auf unbestimmte Dauer ist das Führen eines Automobils untersagt. Ausnahmen können beim örtlichen TÜV beantragt werden.’ Ich wünsche Ihnen allen eine sichere Zeit, bleiben Sie gut zu Fuß!“ Mit diesen Worten verabschiedete sich der Innenminister, setzte sich ein grünes Filzhütchen mit Feder auf das schlohweise Haupt und warf sich eine ebenso fichtennadelgründe Joppe mit Hornknöpfen über die Schultern. Er schickte sich – ein Vorbild wollte er dem Volke sein – zu einer Wanderung an. In seinem Alter! Da schwenkte die Kamera weg. Wieder hörten wir Chopin, diesmal sahen wir sogar das Orchester spielen.

Da saßen wir nun mit unseren gepackten Koffern vorm Auto, wollten eigentlich raus in die Heide vor der Stadt, der Jahresurlaub lockte. Jetzt war uns das Autofahren verboten worden. Betrübt blickten wir uns an und verfolgten, was um uns herum geschah: Wie von Zauberhand gestoppt, blieben die eben noch rollenden Fahrzeuge stehen, wo sie gerade waren. Die Insassen stiegen aus und wie von Zauberhand ausgestattet, trugen sie alle einen knorrigen Wanderstab in der Hand. Filzhüte mit Federn und Joppen mit Hornknöpfen waren wieder in Mode gekommen. Alt und jung, alles schleppte sich, lief und schlurfte auf den autoleeren Straßen hinaus aus der Stadt. Offenbar hatten alle den gleichen Gedanken: ‚Jahresurlaub! Raus in die Heide!’ Wir waren nicht allein. Der Innenminister behielt recht: Alle zeigten sich solidarisch. Die Schüler, die einst an freitags die Schule geschwänzt und  gegen die Luftverschmutzung demonstriert Schule hatten – habt ihr das etwa schon vergessen, manche von ihnen bekamen Disziplinarstrafen und Verweise wegen des Fernbleibens von der Schule, manche Eltern mußten wegen ihrer umweltbewußten Zöglinge mit Ordnungsgeld büßen, bevor der Staat dankenswerterweise für alle die Schulpflicht aufhob, aber das ist eine alte, lange zurückliegende Geschichte, ich habe sie, glaube ich, von meiner Oma gehört… – die freitags einst schwänzenden Schüler jubelten. Sie klatschten Beifall und trugen den Innenministern über ihren Köpfen auf Händen in den Wald. Auch die Gewerbetreibenden und Einzelhändler waren begeistert: Soviel Laufpublikum hatten sie seit Jahrzehnen nicht mehr gesehen. Die Zulieferer in den „Lieferketten“ hatten für ihrer LKW-Fahrer schnell Ausnahmegenehmigungen beim TÜV besorgt. Damit dem Volk nicht auffiel, daß der Lastwagenverkehr ungehindert weiter rollte, wurde er in die U-Bahn-Tunnel verlegt. Alle erfreuten sich an den freien Tagen bei sauberer Luft in der nahen Umgebung, unserer schönen, blühenden Heide. Nur die alleinerziehenden Mütter, diese undankbaren, egoistischen Elemente, die es gewohnt waren, ihre heißgeliebten Sprößlinge im Van zum Klavierunterricht, Tennis oder Freibad zu chauffieren, stöhnten laut auf. „Was sollen wir tun?“, riefen sie, und formierten sich in ihren gepanzerten Limousinen zu einem Autokorso, der laut hupend vor dem Innenministerium demonstrierte. Doch der Minister lag längst auf einer Lichtung im Wald zwischen Blaubeersträuchern, die auf seinem tiefdunklen Anzug, den er unter der Filzjoppe trug, nicht einmal Flecken hinterließ. Ach, träumte er, hätte nicht heute schon Neuwahl sein können?, dachte er träumend, während sein Blick sich in persilweißen Schäfchenwolken verlor. Da wurde er von einer Fahrradklingel auf seiner Waldlichtung aufgeschreckt. Eine der egoistischen, nur auf den eigenen Nachwuchs bedachten, alleinerziehenden Mütter war vom Auto aufs Rad umgestiegen und dem Innenminister tief in den Wald gefolgt. „Hätte, hätte Fahrradkette“, krähte ein Dreijähriger von seinem Kindersitz in die Ohren des Ministers. Dann fügte der Dreijährige haspelnd hinzu: „Hätte es nicht genügt, daß alle langsam fahren?“ Der Minister blickte sich um, wer ihm diese bahnbrechende Idee eingeflüstert hatte. Oder träumte er noch immer? Egal, morgen würde er wieder vor die Kamera treten und sie dem Volk verkünden. Von der Mutter mit ihrem dreijährigen Kind war nichts mehr zu sehen. Längst waren sie an der Lichtung vorbei durch den Wald hindurch geradelt.

landschaftsaufnahmen kommen in mode

13. april ostermontag
wir zählen die zeit anders nach der auferstehung
in infizierten toten geheilten
es bleibt immer eine dunkelziffer beim sterben

wir sollten die zeit wieder in gebrochenen lieben zählen
autounfällen oder geschafften abschlussprüfungen von bäckerlehrlingen
einen impfstoff gegen kriege hat noch keiner erfunden
nicht einmal die vereinten nationen

bald wird der letzte sommervollmond vorbei sein
du stehst mit nackten füßen im flachen wasser
wellengeplätscher geplärr von wolken und smartphoneklingeltöne
komm raus zieh dir endlich strümpfe und schuhe an

kultur per video im live stream
die zeilenumbrüche in den gedichten sind echt
das wär doch ein schönes weihnachtsgeschenk für deinen liebsten
ein echter van gogh für fünfundfünfzig cent

reiß den bäumen die blätter lebend aus
verschon uns mit herbstfarben
verwelken und dem letzten eis vor schließung der eisdiele
ein karibischer winter wäre genau das richtige

die hurrikansaison beginnt erst

momentaufnahme 9.3.2020, 22.10 uhr, vollmond

ich komme mir vor wie in einer science fiction:
ein virus, das die welt bedroht.
und hässlich ist es auch noch,
eine stachelige kugel unter dem elektronenmikroskop.
viren hatten wir zwar schon,
aber die waren immer woanders,
meist in afrika,
nicht bei uns.
auch diktatoren und großmächte hatten wir,
die die welt bedrohten.
aber, wir leben noch,
auch wenn viele starben.
das privatleben ist nicht mehr privat,
die freiheiten des öffentlichen lebens und der demokratie
wurden eingeschränkt.
aber, wurden sie das nicht schon seit jeher?
und, gibt es überhaupt privates,
persönliches?
oder ist alles nur eine ablenkung
von viel schlimmerem?
ich will jetzt nicht zurückgreifen
in die zeit der leibeigenschaft,
der sklaverei.
die klimakatastrophe,
fridays for future,
greta,
der ausstieg aus der kernenergie,
der dieselskandal
sind fast vergessen.
jetzt brauchen wir mundschutz anstelle von klimaschutz!

Ein etwas

…. das Fliegen, und Schwingen im Wind – wiegen, das eigenständige Purzelbaumschlagen, das wortbeständige Wolkenflügellächeln, das nüstern – erbetete Höhengleichnis, der Sprung der Zeit in einem Zellentraum, der raumsprengende Innen – Baum.

Meine Flügel geben nach, ich falle tief. In die Erden deiner Haut. Deine Worte durchfüllen meine Wellen mit berauschender Leichtigkeit. Deine Ebene schwingt. und ich lasse mich von ihr tragen , die Schwingung trifft mich leicht davontragend, es ist des Windes Bestimmung meine Teile miteinander fortzusagen, ineinander getrennt, zerteilen sie die Zeit, die Ewige. Sie trennt sich von Nichts. Ihre Stimme klingt weiter, selbst wenn die Gondeln Trauer tragen.
Selbst wenn der weiße Mondkuchen wieder zwischen Bambusglocken lilablau erblüht. Die Maiglöckchen fressen ihre Erinnerungen und verdecken ihre Küsse in Mondesträume.

Die Spezies fängt an zu gleich zu Denken.
Somit beginnt ihre unaufhörliche Auslöschung.
Vergeudete Chancen.
Ihre Stimmen ersticken wortlos.
Die Spezies fängt an zu gleich zu Denken.
Somit beginnt ihre unaufhörliche Reise.
Erbeutete Chancen.
Ihre Stimmen erklingen wortlos.
Di…. das Fliegen, und Schwingen im Wind – wiegen, das eigenständige Purzelbaumschlagen, das wortbeständige Wolkenflügellächeln, das nüstern – erbetende Höhengleichnis, der Sprung der Zeit in einem Zellentraum, der raumsprengende Innen – Baum.

Meine Flügel geben nach, ich falle tief. In die Erden deiner Haut. Deine Worte durchfüllen meine Wellen mit berauschender Leichtigkeit. Deine Ebene schwingt. und ich lasse mich von ihr tragen , die Schwingung tirfft mich leicht davontragend, es ist des Windes Bestimmung meine Teile miteinander fortzutragen, ineinander getrennt, zerteilen sie die Zeit, die Ewige. Sie trennt sich von Nichts. Ihre Stimme klingt endlos weiter, selbst wenn die Gondeln Trauer tragen.
Selbst wenn der weiße Mondkuchen wieder zwischen Bambusglocken lilablau erblüht. Die Maiglöckchen fressen ihre Erinnerungen und verdecken ihre Küsse in Mondesträume.

Die Spezies fängt an zu gleich zu Denken.
Somit beginnt ihre unaufhörliche Auslöschung.
Vergeudete Chancen.
Ihre Stimmen ersticken wortlos.
Die Spezies fängt an zu gleich zu Denken.
Somit beginnt ihre unaufhörliche Reise.
Erbeutete Chancen.
Ihre Stimmen erklingen wortlos.
Die Spezies fängt an zu weinen.
Als ich als kleinster Krümel noch versuchte die Welt abzubilden,
ergoss sich mir eine andere Art von Flut.
Ich verzweifelte. Und vergaß.
Ich entschloss und vergaß.
Ich vergaß. Leben. Das Leben. Ich, vergaß.
Ihre Stimmen. Ein Chor der Lockung.
Ich vergaß, ein Paradies der Wahrsagung. Eine Verzückung. Ein lustwandelndes kleinstes verköstigtes Etwas.
Eine Zündung. Eine Reißung. eine nie zerkeimende Verheißung, eine entschlüsselte Verkommenheit, ein Dialog. Endend.

Laut gesagt

Eine Kritik an Thomas Mann, die sie kürzlich gehört, die sie ihren Studenten vorgestellt hatte, eine Kritik, die wie üblich als eine ihrer eigenen Aussagen zitiert wurde, ging ihr nicht aus dem Sinn. Die Kritik, die Jemand zu Thomas Mann geäußert hatte, der den beiden Männern, Eduard und Vyvyan, in einer gewissen Weise ähnlich war, ein bissiger Kerl mit scharfer Brille und eleganter Frisur, ein Dandy, ein unbequemer und zuweilen auch nicht ganz passender Kritiker, er hatte es laut gesagt: Thomas Mann war einer, der handlungsarme, parfümierte Ideenromane schrieb. Ein Scheindemokrat und ein Closetschwuler.

Was nicht ganz stimmte, denn Eduard dachte für zwei, und das war selbst für jemanden wie ihn zu übergriffig. Aber diese Übergriffigkeit gab es rezeptfrei.

Die Blaupause – Finale

Ein Wunder war geschehen: So plötzlich, wie die hochgefährlichen Mehlwürmer in den ukrischen Salamibroten aufgetaucht waren, so rasch verschwanden sie wieder, genauer gesagt, so schnell verwandelten sie sich in normale, ekelerregende Mehl­wür­mer, wie wir sie schon immer kannten. In dem Ameisenbau, den sich die Königin nach der Flucht ihres Volkes gesucht hatte, kannte man die Kunlun-Milben nicht, kein Tierchen rannte mit geknickten Fühlern herum. Auch von der schreckliche Wuche­rungs-, Schwellungs- und Blasenkrankheit, die in Italien gewütet hatte, war plötzlich nichts mehr zu sehen. Stattdessen hatten manche Menschen sportliche blaue Flecken am Knie, leichte Blutergüsse am Hals nach einem leidenschaftlichen Kuß oder Pubertätspickel im Gesicht – ein Anblick, der uns nicht erfreute, aber an den wir gewöhnt waren. Schließlich wurde auch die Lügen-Pandemie geheilt: Wie durch ein Wunder kehrten die Menschen zur Wahrheit zurück, genauer gesagt, zu den Halb-Wahrheiten, mit denen sie seit Jahrhunderten gelernt hatten zu leben. Nun durfte auch der auf Lügner allergisch reagierende Richter aus seiner un­bequemen Position halb innerhalb und halb außerhalb des Gefängnisses freigelassen werden – er saß wieder in seinem Büro. Zuvor jedoch legte er den feierlichen Eid ab, nie wieder einen Menschen wegen Lügnerei zu verurteilen, sondern seine richterlichen Urteile so zu fällen, wie es das Gesetz dem Geist nach vor­sah: für Ver­brechen.

Die Mikroorganismen und die sonstige Tierwelt, die Ukrier, Italien und die Menschenwelt insgesamt – alle kehrten zu ihrem vorherigen, natürlichen Leben zurück. Die Dramatik der letzten Tagen, der Ausnahmezustand von Natur und Gesellschaft war nach kurzer Zeit wie weggeblasen. Die Freude über die wiedergewonnene Frei­heit überspielte alles. So schien es zumindest. Die Ameisenkönigin, die nun schon alt und leicht vergeßlich geworden war, entdeckte in der Nähe ihres neuen Staates mitten im Wald niedrig wachsende Sträucher, aus denen blaue Beeren hervorlugten. Doch nicht die Blaubeeren hatten es ihr angetan, sondern die kleinen grünen Blätter, die an den Sträuchern hingen: Stapelweise ließ sie die Blättchen herbeischaffen und begann auf ihnen, ihre Geschichte gegen das Vergessen niederzuschreiben: Wie sie den Kampf gegen die bösartigen Kunlun-Milben auf­ge­nom­men und mit ihrem Befehl, die Fühler einzuknicken, gewonnen hatte. Ihr neues Ameisenstaatsvolk wußte noch nichts von den Milben und lauschte gespannt den abenteuerlichen Geschichten der Königin. Die Brutpflegerinnen lasen die Blätter, dichteten Lieder daraus und sangen sie den Eiern vor, aus denen die neuen Ameisen noch nicht geschlüpft waren. Das ganze Volk war so fasziniert, daß sie die Blätter abschrieben und kopierten. Die findigen Tierchen ent­deckten, daß sich der Saft der Blaubeere vorzüglich als Tinte eignete. Und bald er­fanden sie eine Vervielfältigungsmethode, die die Welt verändern sollte: die Blau­pause. Indem sie die Blätter sorgfältig mit Blaubeerensaft einrieben, in der Sonne trocknen ließen und dann erst die Blätter übereinander stapelten, gelang es ihnen, die Geschichte ihrer Königin zu kopieren, indem sie nur das obere Blatt beschrieben, sich dabei aber mit ihren Füßchen von oben derart gegen den Stapel stemmten, daß sich die Buchstaben auch noch auf dem untersten Blatt in die getrocknete Blau­beeren­saft­schicht ein­kratzten.

Um ihrer Königin Anerkennung zu zollen, knickten die Ameisen freiwillig und ohne Bedrängnis durch feindliche Milben ihre Fühler ein und verzichteten auf die überholten Bräuche der Betrillerung. Die Königin war so entzückt von ihrem neuen Volk, daß sie einen Freudentanz über dem Bau flog und damit den Befehl verkündete: Tragt die Blaupausenblätter zu allen anderen Ameisenstaaten im Wald und lest ihnen meine Geschichte vor. Die Ameisen marschierten divisionsweise über Stöcklein und Moose, um dem Auftrag gerecht zu werden. Die Königin aber zog sich zufrieden ins Innere des Baues zurück und legte sich zur Ruhe. Kurz darauf gab es im ganzen Wald nur noch Ameisen mit geknickten Fühlern, die auf dem Rücken ein bekritzeltes Blaubeerblättchen wie einen Panzer mit sich herumschleppten und niemals fallen ließen – das ist unsere Bibel, sagten sie zu sich selbst. Als „Schildameisen“ gingen sie in die Biologie-Lehrbücher ein. Sicherlich habt ihr sie gesehen, wenn ihr in eurem Leben schon einmal die Gelegenheit hattet, durch einen Wald zu spazieren.

Nicht nur die Ameisen waren der wundersamen Kunst des Lesens und Schreibens mäch­tig, nicht nur die Ameisen hatten die Erfindung der Blaupause lieb­ge­won­nen. Auch die Menschen hörten davon und schauten sich von den vorbildlichen, fleißigen Tierchen die Technik ab, um ihre Geschichten gegen das Ver­gessen festzuhalten für künftige Generationen.

Der schlaue Orfin ließ sich von Staatsdichtern eine geheime Geschichte des ukri­schen Volkes in Knittelversen verfassen. Darin sangen sie Loblieder auf den heiligen Mehlwurm, der es Orfin ermöglicht hatte, ein Krönchen mit Haarspangen an seiner dünner und schütter werdenden Kopfbehaarung zu befestigen. Damit gelang es Orfin nicht nur, seine Altersglatze auf geschickte Weise zu verstecken. Das Volk himmelte ihn, als er einmal mit diesem glitzernden Kopfschmuck auf dem Balkon seines Regie­rungs­sitzes erschien, als König an. Nun konnte er nach Belieben schalten und walten, ohne jemanden fragen zu müssen. Während er vom Balkon aus Reden über den Schutz des Vol­kes vor gefährlichen Mehlwürmern hielt – eine dichterische Meisterleistung übri­gens, die in der Weltliteratur ihresgleichen sucht – wackelte er mit dem Hintern und gab damit seinen Lakeien und Ministern Anweisungen, was sie zu tun hatten. Es war eine besondere Form der Gebärdensprache, die sich der schlaue Orfin angeeignet hatte. Das Volk warf aus Angst und Abscheu gegenüber den gefährlichen Würmern sämtliche Brote und Brötchen in den Müll. Die Diener von König Orfin I. ließen sie nachts aus den Mülltonnen wieder einsammeln, in Wasser einweichen, zu Papp­soldaten formen und in der quälend heißen, ukrischen Sommersonne trocknen, bis die Figuren knochenhart waren. Nun erteilte der schlaue Orfin den in die Arbeitslosigkeit gestürzten Malern und Lackiereren einen lukrativen Staatsauftrag: Sie durften heimlich in den Palast kommen und gegen Bezahlung in Form von Logis und Kost den knochenharten Pappsoldaten aus recyceltem Semmelmehl bunte Uniformen an­malen. Sicher habt ihr schon von den magischen Fähigkeiten der Maler gehört: Wenn sie ihre Kunst gut beherrschen, verleihen sie den Geschöpfen auf der Leinwand Leben. Früher, als die Menschen noch Museen und Galerien besuchten, standen sie berührt oder begeistert vor ein paar Klecksen bunter Farbe, die sie „Gemälde“ nannten, und glaubten, lebendig in ferne Zeiten und Länder einzutauchen, während sie sich in Wirklichkeit nur im Hier und Jetzt befanden. Mit diesem Aberglauben, so predigte der schlaue Orfin nach vorn zum Volk von seinem Balkon aus, werde nun aufgeräumt. Nach hinten aber wackelte er mit dem Popo und befahl den Malern mit dieser Gebärde, ein Höchstmaß ihrer Kunst beim Bemalen der Pappsoldaten an den Tag zu legen. Binnen kurzem wimmelte es im Palast von farbenfroh anzusehenden, friedlich lächelnden Soldaten und Offizieren und Generälen, die tänzelnd durch die Säle schritten. Dabei krümelte es ein wenig von ihren Schultern und Gelenken, aber das kümmerte niemanden. Der schlaue Orfin hatte es dank seines unermüdlichen Krieges gegen die Mehlwürmer geschafft: Er hatte den Ukriern die mächtigste Streitmacht seit den Mongolen geschenkt. Davon kündete seine Geheime Geschichte der Ukrier in hymnischen Versen.

Die Ärzte in Italien hatten die schreckliche Wucherungs-, Schwellungs- und Blasenkrankheit er­folg­reich „eingedämmt“ (ein Wort, als handelte es sich um eine Flut…), indem sie den Menschen gesichts­be­deckende Heilpflaster ver­ordneten. Anfangs waren die Heilpflaster Mangelware, mußten aus Fernost ein­ge­flo­gen werden, was ein logistisches Kunststück war angesichts des beinahe kom­plett eingestellten Flugverkehrs. So wunderte es nicht, daß ganze Flug­zeugbäuche mit den rettenden Gesichtspflastern bei einer Zwischen­landung im Kongo von Ureinwohnern geplündert oder CIA-Agenten beschlagnahmt wurden, wer genau, wußte niemand. Endlich aber trafen die ersten Lieferungen in Rom ein und konnten auf Eselskarren sicher bis ins reiche, aber von der schrecklichen Wucherungs-, Schwellungs- und Blasenkrankheit besonders heimgesuchte Norditalien transportiert werden. Die Menschen nahmen die Rettung dankbar an und atmeten unter ihren Pflastern erleichtert auf. Außer der berühmten italienischen Streicheis- und Waffelindustrie konnten nun Produktion und Handwerk wieder hochgefahren werden. Einzig die Gelaterien erhielten Berufsverbot, denn der Verzehr von Straßeneis hätte massenhaft zu dem unverantwortbaren Phänomen geführt, daß die Bürger mitten im Sommer – in Italien war er ähnlich quälend heiß wie in Ukrien – ihr rettendes Gesichtspflaster kurzzeitig abgerissen hätten, um sich eine Kugel Eis in den Mund zu stopfen. Derart überholte, unhygienische Ernährungs­ge­wohn­heiten mußten konsequent ausgemerzt werden. Zu diesem Zweck befahl das Hygiene­ministerium, das nach dem Sieg über die schreckliche Wucherungs-, Schwellungs- und Blasenkrankheit das alte Gesundheitsministerium abgelöst hatte, in den Unabhängigen Staatlichen Rundfunk-Anstalten, abgekürzt USRA, weiterhin stündlich die garstigen Bilder von den Wucherungen, Schwellungen und Blasen zu zeigen – nicht weil sich die Krank­heit weiterhin ausbreitete, sie war besiegt und drohte dem Ver­gessen anheim zu fallen. Zur erwachsenenpädagogisch wertvollen Abschreckung der sorglosen, egoi­stischen und auf Kosten der Allgemeinheit schlemmenden Eisesser liefen die Bilder weiterhin über die Fernseher und wurden noch mit weit finsteren Bil­dern aus fernen Ländern, die weiterhin unter Wucherungen, Schwellungen und Bla­sen litten als unser schönes Italien, angereichert.

Zum Erfolgsrezept der Hygiene­behörde gehörten nicht nur die Gesichtspflaster, die bald schon in modischen Formen vertrieben wurden, und das generelle Eisessverbot, sondern die Isolation der älteren und ältesten Teile der Bevölkerung in speziell für sie eingerichteten „Alten-Camps“. In sicheren Heimen, fernab der großen Städte mit ihrem langsam wieder in Betrieb genommenen, hochansteckenden Theatern, Opern und Museen, konnten die Alten ihren Lebensabend genießen, blieben von lästigen Besuchen ihrer Kinder und Enkel verschont, wurden vom Pflegepersonal liebevoll sozialpädagogisch umsorgt – die pflegerische Fürsorge wurde übrigens per Stechuhr gerecht auf alle Bewohner der Camps verteilt und bei der Krankenkasse abgerechnet. Die böse Natur, die ihnen mit dem täglichen Älterwerden an den Leib zu rücken drohte, konnte den Älteren und Ältesten nun nichts mehr anhaben. Der Übergang in eine neue Ära – das Zeitalter des ewigen Lebens – stand unmittelbar bevor. Die Beamten des Hygieneministeriums sahen schon Jesus vom Kreuz herunterklettern und für ewig auf die Erde zurück­kehren – eine Phantasie, die in Italien und nicht zuletzt im Vatikan helle Begeisterung auslöste.

Nur die Kriminalpolizei, weiterhin Kripo genannt – das sei am Rande vermerkt, da es in der öffentlichen Diskussion in den Unabhängigen Staatlichen Rundfunk-Anstalten (USRA) nicht vorkam, hier aber die ganze Wahrheit berichtet werden soll – nur die Kriminalpolizei äußerte Bedenken gegen die Einführung der rettenden Gesichtspflaster, denn sie erschwere die Suche nach Einbrechern und Dieben, wie sich denken läßt. Im Schutze des Pflasters konnte geklaut und vergewaltigt werden wie nie zuvor. Die Opfer oder wie es nun hieß, die Geschädigten dieser schrecklichen Verbrechen waren nicht einmal imstande, laut zu schreien und Hilfe herbeizurufen. Auch die Schilderungen der Zeugen, die die Polizei zur Vernehmung ins Revier lud, beschränkten sich auf die Augen- und die Haarfarbe sowie den Satz: „Trug ein gesichtsbedeckendes Pflaster.“ Tausendfach wurden Ermittlungsver­fah­ren eingestellt. Noch nie sahen sich die Mafia und die Camorra so wirksam vom Staat unterstützt wie von der Einführung der Gesichtspflaster durch das Hygie­ne­ministerium. Die Schrecken der Verbrechen waren an die Stelle der schrecklichen Krankheit getreten – aber die Gesundheit war, das wußte jedes Kind auswendig, wichtiger als alles andere.

Die Rechtsstaatliche Staatspolizei, abgekürzt Restapo, lobte die Gesichtspflaster in hohen Tönen. Nach dem Sieg über die Wucherungs-, Schwellungs- und Blasenkrankheit waren Versammlungen und Demonstrationen wieder erlaubt. Insbesondere die Um­weltschützer hatten die Füße während der Quarantäne kaum stillhalten können und die Zahl der Petitionen im Internet war flutartig angeschwollen. Nun durften sie wieder auf Plätze und Straßen treten. Doch in der neuen Zeit erinnerten ihre Demonstrationen dank der Ge­sichtspflaster eher an Schweigemärsche. Sie wedelten ihre phantasievoll gestalteten Transparente durch die Luft, spielten zu Hause am Re­korder eingesprochene Reden ab – die Demonstrationen waren gemein­schaft­liche Hör­buchnachmittage. Ja, die Umweltschützer… Sie hatten während des Wütens der schrecklichen Wucherungs-, Schwellungs- und Blasenkrankheit erlebt, wie radikal die Regierung zu einer Änderung der Lebens- und Wirtschaftsweise zu bewegen war. Nun schöpften sie Hoffnung: eine bessere Welt ist möglich, ließen sie auf den Demos durch Lautsprecher verkünden. Tatsächlich konnte man die Reden hinterher auf Audible nach­­hören, so daß es sich eigentlich gar nicht lohnte, wegen einer Demo auf die Straße zu gehen. Nicht einmal die Beamten der Restapo mußten ihre Büros verlassen. Sie konnten gemütlich im Zimmer bei einem Espresso, den sie sich mittels wiederverwendbarer Strohhalme aus ökologischem Bambus durch ihr Gesichtspflaster hindurch einflößten, ermitteln, welche staatsgefährdenden Gedanken von welchen Umweltschützern herausposaunt wurden. Auch die Ver­höre ließen sich dank der Gesichtspflaster wirksamer gestalten als früher: die Ver­nommenen hatten keine Chance zu erkennen, wer sie vernahm – da konnte die eine oder andere Folterpraxis wie Fingerbrechen oder Arm­auskugeln, die seit dem seligen Mussolini in Vergessenheit ge­raten war, un­ge­straft in die Verhörkeller zurückgeholt werden. Aber damit driften wir ins Reich der ge­heimen Blaupause ab, das eigentlich dem schlauen Orfin vorbehalten war. Mit dem wollte natürlich niemand etwas zu tun haben, diesem Wahnsinnigen, der sich für einen modernen Dschingis Khan hielt, schon gar kein Repräsentant unseres sauberen Italien…

Die Banken schrieben eine Blaupause, die sie in Form eines Forderungskataloges öffentlich an die Regierung herantrugen: Sie forderten – wie schon während der Krank­heit – die Fortzahlung nichtrückzahlbarer Fördergelder, genannt Zuschüsse, aus dem Staatshaushalt. Dank der schrecklichen Wucherungs-, Schwellungs- und Blasen­krankheit wußten sie nun, wie das Staatssäckel geplündert werden konnte, wenn den Mini­stern der Boden unter den Füßen wankte. Ihre Hoffnung, der Regierung weitere Billiönchen zu entlocken, war nicht besonders groß, aber versuchen sollte man es. Vielleicht sprangen am Ende ein paar Milliönchen heraus.

Die Grenzschützer schließlich schrieben ihre eigene Blaupause für den Grenzschutz der neuen Zeit und spuckten sich vor Freude in die Hände: Standen vor Ausbruch der Krankheit noch alle Grenzen offen, das hieß, waren die Grenzschützer ständig von Arbeitslosigkeit bedroht, so hatten sie voll Erstaunen mit angesehen, wie schnell es möglich ist, alle Grenzen zu schließen, nicht nur die Landesgrenzen, auch die Grenzen der Bezirke und Provinzen innerhalb der Länder waren verschlußfähig – das hätten sie sich nie zu träumen gewagt. Neue Grenzpolizisten mußten ausgebildet werden, die sogenanne Innere Grenzschutzpolizei, genannt Igspo, die die genesenen Bürger nun davon abhielt, Ausflugsziele, Natur-und Kulturdenkmale aufzusuchen, sollte sich doch weiterhin jeder nur in seiner Bannmeile aufhalten, die auf 33 km vom Haupt­wohnsitz festgelegt worden war. Die neugeschaffene Igspo hatte Tag und Nacht zu tun, vor allem nachts sogar, denn besonders widerspenstige und asoziale Elemente suchten den Schutz der Dunkelheit, um sich über den Radius ihrer Bannmeile hinaus zu bewegen.

Die Regierung, das soll nicht verschwiegen werden, schuf sich ihre eigene Blaupause, in der sie ihre Erkenntnisse und Erfahrungen, die zum Sieg über die Krankheit beigetragen hatten, für künftige Eliten bewahrte. Ihre Blaupause hieß Strategiepapier und trug auf jedem Blatt einen Stempel mit der Inschrift „Verschlußsache: Nur für den Dienstgebrauch“ – ja auch diese Blaupause gehörte zum Reich der geheimen Depeschen, es sollte ja niemand verunsichert werden und an­fangen, an den Regeln der Demokratie zu zweifeln. Gerade jetzt verlangte die Regierung Loyalität und war sich doch unsicher, ob das Volk überhaupt noch auf sie hörte oder jeder einfach lebte, wie er wollte. Nun hatte sie mit ängstlicher Verwunderung beobachtet, daß sie mit einer Handvoll Dekrete sämtliche Freiheiten kassieren konnte, ohne dass sich der geringste Widerstand regte. Denn alle Ein­schrän­kungen dienten nur einem Zweck: dem Schutz der Gesundheit. Was sich vorm Auge der Regierenden – die sich übrigens bald schon Regenten nannten – abspielte, war eine Generalprobe. Aber wofür? Die Antwort auf diese Frage überlasse ich der Phan­tasie des Lesers…

All diese Beobachtungen und Erfahrungen wurden in den Geschichten gegen das Vergessen niedergeschrieben und festgehalten – sie galten als Blaupause für künf­tige Generationen. An die Stelle der Welt, wie Tiere und Menschen sie kannten, trat eine Welt der Kämpfe und Gegensätze: Die Polizisten der Kripo sabotierten die Beschlüsse des Hygieneministeriums, die Beamten der Restapo zersetzten die Be­we­gung der Umweltschützer, die Banken kochten wie eh und je ihr eigenes Süppchen, nur die Grenzschützer handelten vereint gegen alle, die sich nicht in ihre Wohnung verbannen ließen, jene unbelehrbaren Freiheitskämpfer, die nicht mehr an die Rechtmäßigkeit der herrschenden Ordnung glaubten und – wie die Regierung sagte – Opfer von Verschwörern geworden waren. Jede Gruppe folgte ihrer Blaupause und auf ihren Blau­beerblättchen war kein Platz für die Geschichte der anderen. Es war keine Zeit der Erlösung, wie es in den ersten Tagen nach dem Sieg über die Krankheit noch schien, sondern eine Zeit des Chaos und der Willkür. Keiner vertraute dem anderen, keiner konnte die Wahrheit mit den Händen greifen. Am Ende sah sich die Regierung genötigt, den schlauen Orfin um Amtshilfe zu bitten. Die knochenharten, krümelnden Papp­soldaten marschierten aus Ukrien ein und errichteten die auch im Rest Europas Monarchien.

Die Ameisen aber irrten mit ihren geknickten Fühlern ohne Betrillerung durch den Wald und fanden nicht mehr zu ihrem Bau zurück, wo die glorreiche vergeßliche Königin alleinselig einschlummerte und nicht mehr zum Leben erwachte.

Sie können das, ohne zu verzweifeln

„Ich glaube, Tante Viola hat eine Seite, an einer ihrer Flanken, aus ihrem Kleid, herausgeschnitten, eine Seite, die mich nicht mag. Sie redet zu mir und zugleich zeigt sie, dass sie mich übersieht. Onkel Albert ist froh über den nicht existierenden Skandal, diese Leerstelle, die nicht nur leer blieb, sondern im Antlitz ihrer entkleideten Banalität uns nun bereitwillig Jahr um Jahr dem Alter entgegen treiben lässt. Wir sind schon Kunst – für Nachfahren, die es chi-chi finden, uns wieder zu entdecken.“

Vyvyan stellte den Gartenstuhl, vom Nachbarn bei Nacht schnell entwendet und am nächsten Morgen grün lackiert, auf den Balkon.

Albert und Viola hatten den größten Teil des Zyklusses gekauft, Privat- und Familienkunst, Privat-und Familienbesitz, das petrifizierte Leben. Sie setzten sich nieder, Esther, Vyvyan, Eduard, Miranda, ein Quartett aus einem altmodischen Brettspiel, blieben ihnen fremd.. Es schien vorhersehbar, nicht veränderbar und war doch nichts dergleichen. Albert und Viola, das schiefe Stück einer Torte essend, diskutierten die Preise.

Eduard erzählte noch manchmal Professor Ehrenberg davon, der jetzt einen neuen Schüler hatte und Eduards Doktorarbeit längst in die zweite Auflage gebracht hatte.

„Schreiben Sie Ihre Kritik über das Idyll. Sie können das, ohne zu verzweifeln. Sie beginnen einfach mit dem Satz, Idyllisches macht mich nervös, und skizzieren virtuos die Darstellung eines mit Schafwolken beklebten Himmels. Sie tanzen für unsere Studenten Walzer mit ihrem Freund, erleichtern ihnen jede Form der Lebensführung, führen andere aus ihrer Enge.“

Der Professor sprach jetzt am Telefon mit Eduard so viel, wie er mit Vyvyan niemals Worte gemacht hatte. Er kam das Quartett an einem Wochentag im Kurpark besuchen, er hatte Benzin in die Luft geschleudert und verbrannt, Frösche und Igel überfahren. Sein silberner Audi 80 konnte selbst Tante Viola keinen bewundernden Blick entlocken. Schmerz und Leid waren zu einer grotesken, lächerlichen Plattheit geronnen, gleich den überfahrenen Tieren auf den Straßen. Sie atmeten auf und tranken ihren schwarzen Tee.

Dem Auge

Die Reise währt nun lange,
gelangte an den Ort
wo alles fließt

und weiter geht es noch –
doch nicht an einen Ort –
dass man es auch genießt…

* * *

Nun ist die Reise da
wo alles fließt

und weiter geht es noch
dass man es auch genießt:

O Hassesblick
der Venus,
mein wie dein –

so soll es sein!
Der Mensch sei, was genießt

* * *

was in des Körpers Falten
auf- und niederschießt
so gellend, gleich verstummt

im Zug nach oben
unvermummt
die leeren Kleider wehen, wehen lässt:

der Wind gefaltet
Luft bei Luft
getrennt, doch un-
getrennt der Raum
nicht Raum, wenn
Duft, dann Luft
nur vor dem Auge

Der schlaue Orfin

Vor langer Zeit liebten die Menschen das Wandern und Reisen. Sie zogen quer durch Europa, die Grenzen waren durch farbig bemalte Steine in den Wäldern markiert, aber hielten niemanden auf, mochte er sich der Arbeit wegen an einen anderen Ort begeben oder weil ihn die Sonne in den Süden oder der Schnee in den hohen Norden lockte. Heutzutage hocken die Menschen die meiste Zeit zu Hause in ihren vier Wänden, starren auf flackernde Rechtecke in ihren Händen und raffen sich nicht einmal mehr bis zur Ostsee auf. Genauer gesagt: der Weg dorthin wird ihnen versperrt. Von einem, der es geschafft hat, mehrere undurchdringliche Grenzen zu überwinden, habe ich folgende Geschichte gehört:

Ich bin zu Fuß den Wegen gefolgt, die ich bereits als Kind mit meinen Eltern gewandert bin, als die Grenzen trotz Eisernem Vorhang noch weitaus durchlässiger waren als heute. Also auf dem Grenzpfad am Prebitschtor unbemerkt in die Böhmische Schweiz, dann per Anhalter durch Tschechien. Im Süden erreichte ich schließlich Ukrien, ein traumhaftes Land, wo zwischen den Pfirsischbäumen herrliche Salamis wachsen. Welche Wonne, dachte ich, und wollte mir gerade ein Plätzchen zum Schlemmen suchen, als ich eine Stimme im Lautsprecher vernahm. Die Polizei fuhr umher und ließ ausrufen: „Vorsicht, Vorsicht! Ein neuartiger Mehlwurm wurde entdeckt! Gefährlicher als alle bisher bekannten Mehlwürmer! Wer in der Öffent­lichkeit beim Kauen eines Salamibrotes angetroffen wird, wird bestraft.“ Tatsächlich beobachtete ich, wie die Ukrier gleichsam auf Befehl ihre Salamibrote wegwarfen. Genauer gesagt, aßen sie schnell noch die Salami und warfen nur das Brot in den Müll. Einige alte Mütterchen traf ich, die murmelten: „Brot wegwerfen, das gibts doch nicht! Mehlwürmer gab es schon, als ich klein war. Damals herrschte Krieg. Und wir haben unsere Brote doch nicht wegen ein paar Mehlwürmern weggeschmissen.“ Diese Jammerei wollte aber niemand hören und bald schon hatte ich die Gelegenheit, eine Ansprache des neuen Königs, Orfin I., genannt der Schlaue, zu seinen ukrischen Untertanen auf einer Großbildleinwand anzuschauen. Mit einem rotgold schillernden Krönchen auf dem Kopf trat er vor die Kamera. „Liebe Ukrier!“, sprach der schlaue Orfin, „ihr seht, der neuartige Mehlwurm trachtet uns nach dem Leben und er wird unser aller Leben ändern. Bald wird es keinen Ukrier mehr geben, der weiß, was ein Brot ist. Stattdessen werden wir saubere, wissenschaftlich geprüfte Lebensmittel zu uns nehmen und unsere Feinde werden uns nicht besiegen.“

Die Ukrier ringsumher standen staunend mit offenen Mündern vor der Groß­bild­leinwand. Es dauerte nicht lange und ich hörte ihre Mägen knurren. „Ukrier“, flüsterte ich, „wer sind eure Feinde?“ Statt einer Antwort trafen mich stumme Blicke, ihr wißt schon, Blicke von denen man sagt, daß sie töten könnten. Nun, das vermochten sie nicht. Aber ich sah, wen diese stechenden stummen Blicke trafen: diesen und jenen, den Nachbarn, den Vater, die Schwester… ‚Aha’, dachte ich, ‚es sind die inneren Feinde gemeint, über die keiner spricht, und doch weiß jeder Bescheid.’ Kaum war ich zu dieser Erkenntnis gelangt, meldete sich der schlaue Orfin auf der Großbildleinwand im Stadtpark zurück: „Bürger!“ schrie er und hustete, „der neuartige Mehlwurm verursacht ein tödliches Husten. Wir haben zu eurer Sicherheit Q-Lager eingerichtet. Ihr wißt, wofür der Buchstabe Q steht, das muß ich euch nicht erklären. Meldet euch freiwillig, wenn ihr einmal gehustet habt, und geht ins Lager. Wenn ihr euren Nachbarn, eure Mutter oder euren Bruder husten hört – sagt dem Gesundheitsamt Bescheid, damit es sie ins Lager geleite.“ Hier wurde die Übertragung für eine halbe Minute unterbrochen. Im Hintergrund, d.h. ohne Bild, hörte man das heisere Hüsteln des schlauen Orfins. „Ihr seht, meine Lieben“, meldete sich der schlaue Orfin mit vollem Bild zurück, „ich habe für euch bestens gesorgt und schütze eure Gesundheit. Geht ins Lager und vertraut mir!“ Tosender Beifall brach aus. Er übertönte das Magenknurren im Park. „Ukrier!“, fuhr der schlaue Orfin fort, „nachdem mich heute das Parlament für alle Ewigkeit zum Alleinherrscher über euch bestimmt hat, habe ich ein Gesetz erlassen: Jeder, der euch eine beunruhigende Nachricht überbringt, wird mit fünf Jahren Gefängnis bestraft. Denn ich allein bin der Garant für eure Sicherheit und Gesundheit.“

Schade, dachte ich, schade um die Millionen Salamibrote, die nun in der Tonne landeten, während den Ukriern im Stadtpark der Magen knurrte. Wenn sie noch im Stadtpark sein durften und noch nicht ins Lager abtransportiert worden waren. Denn kurz nach der Ansprache Orfin I., genannt der Schlaue, verbreiteten sich epidemisch die Denunziationen im Land. Man mußte befürchten, daß bald ein Zehntel, genauer gesagt, die Hälfte der Untertanen – sie nannten sich nicht einmal mehr „Volk“, geschweige denn „Bevölkerung“ – in den neu errichteten Q-Lagern einsaß. Doch davon sah ich nicht viel. Die Lager waren mit bunten Graffiti besprüht, so daß sie nach außen hin wirkten wie Jugendherbergen – also konnte es doch nicht so schlimm sein.

Nach ein paar Tagen bemerkte ich, was der schlaue Orfin mit „beunruhigenden Nachrichten“ meinte: Es war das Gemurmel der alten Mütterchen, das ihm auf die Nerven ging. Von wegen, früher habe es auch schon Mehlwürmer gegeben. Diese tödliche Gefahr war brandneu. Wenn also jemand, sei er nun alt oder jung, sagte: „Leute, es sind nur Mehlwürmer, habt keine Angst“, so galt er in den Augen des schlauen Orfin – und bald auch der Mehrheit der Untertanen – als „Beunruhiger“. Nun, ihr wißt, was den Beunruhigern blühte – sie durften nicht ins Q-Lager gehen, sondern wurden ins Gefängnis gesperrt, mindestens fünf Jahre. Und weil das Brot vom bösartigen Mehlwurm infiziert war, wurde ihnen nur noch Wasser zum Essen gereicht, nicht mehr Wasser und Brot, wie es früher, in alter Zeit einmal üblich war. Darin konnte man doch wirklich einen wissenschaftlich fundierten Fortschritt zum Wohle der politischen Gefangenen erblicken.

Wer dagegen, begleitet von hysterischen Schreien, laute Kampfparolen gegen den tödlichen Mehlwurm ausstieß, wurde von Orfin I. als „Held“ bezeichnet und mit Orden geehrt. „Krieg dem Wurm! Krieg dem Wurm!“ zu skandieren, bot die beste Aussicht auf Beförderung zum Pappsoldat. Denn bald schon besann sich der schlaue Orfin, daß er allein – und der Rest seiner Untertanen im Lager – kaum eine Chance hätte gegen den äußeren Feind. Wer war denn das?, fragte ich mich und fand tief im Keller einen verborgenen Freak, der an seinem alten PC noch Zugang zum weltweiten Netz besaß: Mit zitternden Händen tippten wir „Orfin“ in die Suchmaschine ein und wir fanden: „Später Nachfahre des mächtigen Dschingis Khan. Schon als Schüler war Orfin an der Orga­nisation von Massenbewegungen interessiert. Der Fall des Eisernen Vorhangs gab ihm dazu die erste Gelegenheit. Als Studentenführer forderte er un­eingeschränkte Reisefreiheit für alle Bürger Ukriens. Seitdem er die absolute Mehrheit im Parlament errungen hat, setzt er sich zunehmend für die Würde und Größe des ukrischen Volkes ein.“ In alter Zeit gab es eine Tugend, die „zwischen den Zeilen lesen“ genannt wurde. Was bedeutete die „Würde und Größe des ukrischen Volkes“? Nichts anderes, als daß die Ukrier tatsächlich eine winzige Minorität innerhalb Europas darstellten, und die freien Europäer des Westens in ihrer häuslichen Quarantäne nicht einmal bemerkt hatten, daß sich Orfin I. inmitten ihrer liberalen Union als königlicher Alleinherrscher ausgerufen hatte. Wen interessierten die Ukrier überhaupt? Im Westen spielten die Bürger weiter auf ihrer Playstation und es war ihnen einfach egal, was in der Welt geschah.

So konnte der schlaue Orfin ungestört walten. Kurz nachdem er die „Beunruhiger“ bei Wasser und sonst nichts eingesperrt hatte, baute er eine mächtige Armee von Pappsoldaten auf. Denn noch immer bohrte der Stachel des Ersten Weltkriegs in ihm. Nicht der Vertrag von Verseilles ärgerte ihn, sondern der Vertrag von Trianon: der schlaue Orfan verspürte Lust, sich einen Namen in der Geschichte zu verschaffen, indem er all die verlorenen Ländereien in Transylvanien, der Slowakei sowie in Slowenien, Kroatien und Serbien heim ins ukrische Reich holte. Nein, all dies genügte ihm nicht. Der schlaue Orfin wußte, daß ihn ein sprachliches Band mit den Finnen im hohen Norden verband. Also sollte sich sein neuer Staat bis nach Helsinki erstrecken. Leider erhielt er auf all seine Depeschen – per eMail, SMS oder Whatsapp – an die finnische Präsidentin nie eine Antwort, geschweige denn eine Einladung in die Sauna. Also besann sich der schlaue Orfin auf seine ferneren Vorfahren. Der mächtige Dschingis Khan, kann er nicht als einziger wahrer Weltherrscher bezeichnet werden, der Orient und Okzident gleichermaßen unter seiner Fuchtel wußte? Gedacht, getan.

Der schlaue Orfin stellte seine unbesiegbare Armee aus Pappsoldaten auf in Reih und Glied. Nun ging es dem äußeren Feind an die Wäsche. Zuerst wäre Siebenbürgen dran, dann der Balkan. Leider nur konnten die ukrischen Bauern, die Orfin als Pappsoldaten rekrutierte, nicht mehr auf den Feldern fleißig Salamis züchten. ‚Zum Glück gibt es Mehlwürmer’, dachte sich der schlaue Orfin im Stillen. Dann rief er die alten Mütterchen herbei. Sie kauten ihm vor, wie man in Kriegszeiten Brot ißt, das von Mehlwürmern durchsetzt ist. Ob tödlich oder nicht, spielte nun keine Rolle. Hauptsache nahrhaft. Den Ukriern fehlten ja die glorreichen Salamis.