Arktika

Er hat neue Reifen gekauft, neue Winterreifen, vier Winterreifen Ultra Super Grip, mitten im Juli, ein Supersonderangebot, die alten Winterreifen, die sind ja jetzt abgefahren, dachte er, total abgefahren, also für den Winter waren sie schon völlig ungeeignet, das Profil hatte überhaupt keine Tiefe mehr, aber für den Sommer, da gingen sie noch, im Sommer hat er die alten Winterreifen noch dran gelassen, ist mit den alten Winterreifen zum Netto gefahren und zur Werkstatt und zu seinem Arzt und und er ist zum Bahnhof gefahren, um die Kinder abzuholen, aber wozu gibt es das überhaupt noch, dacht er, Winterreifen, es gibt doch sowieso keine Winter mehr, jetzt hat doch gerade das erste Frachtschiff die Abkürzung über den Nordpol genommen, wenn man da einfach so am Nordpol vorbei schippern kann, ohne Atomeisbrecher, da bracht man ja auch keine Winterreifen mehr, es gibt ja keine Winter mehr, nie wieder kommt ein Winter, das ist ein für alle mal vorbei, da ist er aber schön reingefallen, dachte er, keiner kauft noch Winterreifen und er lässt sich diese Winterreifen aufschwatzen, da wird er mit Winterreifen im Januar zu Aldi und im Januar zum Arzt und im Januar zum Geldautomaten fahren und es wird kein Schnee liegen und es wird kein Eis sein und es wird nicht regnen und es wird einfach nur die Sonne scheinen, da braucht er nur den Sonnenschutz herunterklappen, weil die Sonne so tief steht und sonst nichts, ja, das waren noch Zeiten, als wir noch Atomeisbrecher brauchten, um zum Nordpol zu gelangen, als die „Arktika“ auf ihrem Weg meterdickes Eis brechen musste, meterdickes, und das war gar nicht so lange her, 1977 war das, das Jahr, in dem er geboren wurde, und da gibt es ja noch diese alten Schwarzweißfotos mit seinem Kinderwagen, und er liegt da im Kinderwagen, und die Oma schiebt den Kinderwagen, und um den Kinderwagen herum liegt der Schnee, meterhoch liegt der Schnee, nur ein schmaler Pfad ist da freigeräumt für den Kinderwagen, ein schmaler Pfad, mehr nicht, und da fragt er sich, obwohl ihm diese Frage ziemlich dumm verkommt, ob der Kinderwagen wohl Winterreifen hatte, ob er damals im Winter mit Winterreifen fuhr und im Sommer mit Sommerreifen, und als diese Fotos aufgenommen wurden, als der ORWO-Film gerade in der Kamera lag, da teilte die „Arktika“ gerade das Eis am Nordpol, zog eine Spur im Eis wie ein Kinderwagen im Schnee, und heute ist die „Arktika“ ja still gelegt, längst still gelegt, das meterdicke Eis hat den meterdicken Stahl abgerieben, jeder Zentimeter Eis, den ein Schiff bricht, ist ein Zentimeter seiner Zukunft, für jeden Zentimeter Eis kann es später einen Zentimeter weniger fahren, einen Winter früher ankommen heißt für ein Schiff einen Winter früher untergehen, und so genau war die „Arktika“ ja nicht, so exakt hat sie das Eis ja nicht gebrochen, die hat ja nicht nur das Eis gebrochen, die hat auch das Meer gebrochen, und den Nordpol, den hat sie ja vielleicht auch gebrochen, den Nordpol und den magnetischen Nordpol, die hat sie beide gebrochen, na, jedenfalls hat er jetzt diese vier günstigen Winterreifen, diese vier neuen supergünstigen Winterreifen Ultra Super Grip, die kann er ja noch abfahren, das hält noch ein paar Winter.

nichts – außer

buestenhalter

innen Schaumstoff,
trage ich nicht,

nichts – außer
haut & ´Knochen
dehnbaren
Muszkeln

brauche ich

Um jugendstil
zu sein.

footing

dein leben hat keine 2-fache sicherheit
gegen grundbruch nicht einmal
teil sicherheiten
für eine vorübergehende oder dauernde situation
mach dir nichts vor baby
du kannst das versagen berechnen
für das fundament eines hauses
aber nicht für dein leben

retain

voll eingespannt und rückverankert
dein leben ausgesucht
das richtige profil
mit holz ausfachung
hand aufs herz baby
welche nachweise willst du noch
führen
für deine existenz

vaterland – mutterland

vaterland – mutterland
für

im süden der acker
seine krume krümmte sich
unter deinem rücken
der staub lag bis zum nächsten sturm
auf den trockenen ähren
abseits ruhten in ihren gräbern soldaten
freunde wurden sie jetzt
fern der heimat

und leicht

wuchsen flügel aus knochen
alle welt sprach
von gefiedertem frieden

Dr. Zsäsegs Mind Machine (Flucht und Wiederkehr XXV)

Versuchen Sie einen Text zu imaginieren, in der eine Protagonistin handelt, ohne auf einen Mann angewiesen zu sein.

Eine Geschichte, die von vorne bis hinten auf jeglichen Anflug reaktionärer Zynik verzichtet, in der keine von Herkunft, Aussehen und Bildung ausgehenden Vorurteile kolportiert werden, keine Reduktion auf Geschlecht, Weltanschauung oder Geschmack vorgenommen wird –

eine Geschichte vielleicht, in der Klarabella ihre Milch an den Nachwuchs der fürsorglichen, gleichgeschlechtlichen Partner von nebenan verschenkt, Ulrike etwas sucht, das sie niemals finden wird, während sich das Idealismuskarussell immer weiter um ihre vielen Identitätsmerkmale dreht, obwohl das natürlich positiv ist, da sie es immerhin versucht, das Kopfverdrehen;

eine Handlung, in der Ruth einst Kevin war, jetzt aber total happy und Markus früher Marion, sich nun aber wieder nach ihrem alten Körper sehnt. Irre-relevant, da Inklusivität selbstverständlich allumfassend ist und auf detailliertere Ausführungen aus Triggergefahr verzichtet wird.

Ein Text also, dessen Safe Space Ihnen selbstbewußt ins Gesicht faucht, wie eine Kampflesbe einex transgender Homophobex, dex eine Antidiskriminierungsbeauftragte, welche leidenschaftlich die Anschaffung von Gartenzwergen verteidigt, vergeblich liebt. Gut, vergessen Sie das Letzte bitte ganz schnell wieder, es klingt wohl alles noch ein wenig zu privilegiert.

Dr. Zsäseg blickte von dem Manuskript auf. Braunlich verdörrten die Kastanienbäume vor seinem Fenster und verschandelten ihm die ansonsten so erquicklich gedeihende Aussicht.

Die Einsendung faszinierte ihn nur auf eine spezielle Weise, rechtfertigte er sich. Etwa wie schwarzer Humor zuweilen die eigene Borniertheit erfrischend entlarvt und transzendiert – Satire darf, nein sollte! immerhin alles. Und doch stieß ihn dieser dahingerotze Dreck zugleich wie selbstverständlich ab. Er fragte sich  kurz, ob es sich nur um seine fingerzeigende, übergestreifte, gesellschaftliche Moral handelte, der er – nicht zu vergessen – seine Position zum Teil verdankte, nein schuldete! – und unterließ eine Antwort.

Hätte er ohne die Exotik seines Namens die Position erklimmen können, aus der heraus er heute richtete – Wächter über die Verbeitung  gehaltvoller Texte, Verfechter der reinen Lehre?
Aber da war etwas. Dieses Fight-Club-Gefühl, das sich, wie er erinnerte, aus lauten Sommernächten, aus Wut und Frust, Hoffnung im Verbund mit Abenteuerlust, aus Durst und Überdurst schöpfte. Jugend, ewige  Jugend und neu mach die Welt.
Unwirklich milde und zynisch zugleich blickte er auf die Seiten. Oldschool per Post. Wahrscheinlich ein 25jähriger Retro-Knirps, der weder Menschen verachtete, noch Diskriminierung verteidigen wollte. Ihn störte wohl die gängelnde In-Your-Face-Mentatlität einer permanenten Sprachregelung durch doppeldenk Gleichstellungszombies.
Warum konnte der sich bloß nicht damit abfinden? Es war doch nicht allzu schwer, sich der Leere anheimzugeben. Dr. Zsäseg verfiel in leichte Trance.

Mindsetting.. Sprache, nur Sprache.. aber ohne Einfluß auf Gefühle?.. fühl wie du willst.. nimm alles offen an.. alles Offene ist gut.. wir..
Er kämpfte sich ruckartig hoch, griff hastig den Mauszeiger und öffnete seine Mails, um sich abzulenken, obgleich ihn wegen des Abruchs des Clearings ein schlechtes Gewissen plagte. Zwei neue Mails, bestenfalls Strandgut, miesepeterte er.

Ein Fingerhut

Es ist Sommer – ein Sommer ohne Frischeperioden. Hitze, Schweiß, lüsterne Gedanken den lichten Tag lang. Obgleich der Alltag stattfindet, scheint das Land seit Monaten wie nach einem erschöpfenden Akt langsam vor sich dahinzuwälzen. Die Themen dieses Sommers sind unter-, die Süße der Früchte hingegen überirdisch – wohl dem, der Zugang zu Gärten hat. Meine Urgroßeltern verloren vor fünfundsiebzig Jahren im Feuersturm ihr Geschäft. Kleinwaren, Stoffe, Knöpfe Nadeln. Ein überkommenes Geschäftsmodell, das Gedenken?

Natürlich nicht, aber irgendwie verdächtig. Weiter.
Die nächste Mail, ein kurzes Gedicht, ließ ihn innehalten. Er las vorsichtig, als ob eine alte Melodie aus dem Nichts in seine Eingeweide gefahren wäre und seine Gesichtsmuskeln erweckt hätte.

Herbstgeburt

Am Ende aller Wellen steh’n Welten, wenn es spricht:
von riesenhaften Flatterfarnen, Ruinen bei der Au,
von Kronengrün und Wiesengelb, von Schollenbraun
und tausendfachem Blau.

Auf liebevolle Weise verführt das Sommerlicht,
zieht reifend Kreise, bis es
errötend bricht.

Dr. Zsäseg erging sich in Gedanken. Ließ sie laufen, spazierte dahin, schwebte, staunte, lächelte, wütete, schnaubte, Dr. Zsäseg weinte und schmiss ihnen jene entgegen, die er gefangengehalten hatte, ohne sie je vergessen zu können, halbverfaulte, zerlumpte Gedanken, Proletarierprologe, Faschofragmente und Mittemäander verklumpten und bildeten das Epizentrum des schwarzen Loches, das in seinem Geist rotierte. Wie gut es tat loszulassen. Wie wunderbar sich Freiheit anfühlte. Obszön? Nein ehrlich, falsch und doch wahr. Insanity? Unsanity! Dreckig aber wohlgemut, lebendig. Er badete im Mist und wusch sich mit Liebe. Er verstand.

In eine Sanitärdenkblase gepresst dahin zu vegitieren, Verdenkmaschine, nicht Mensch zu bleiben war zukunftslos; nur eine solche, wusste er, könnte das kleine Gedicht verachten, und nur ein jenes könnte sie von sich selbst befreien.

[Untermalung 1,2,3]

über kommen

für Arthur Rimbaud

wenn die arbeiter (die angestellten)
die fabrikhallen (die büros) verlassen
geht wieder /unbemerkt
ein sonniger tag zu ende
lassen sich die männer und frauen nicht
an den ufern der seine [se:n] nieder
sondern fallen
in ihre fernsehsessel (in die balkonstühle)
soziale netzwerke
säuseln smart aus den phones arbeiterlieder
(angestelltenlieder)
über die liebe über gott
und die welt /unbedeutende? gegenden
zwischen zwei atemzügen zwei augenaufschlägen
eines glücks /nicht existent!
rauschen vor dem haus die autos
und in der ferne irgendwo
die grüngestorbenen wälder
die feldfluren die flusswasser
die stillen
die schnee-e
diese letzten leichentücher
die den arbeitern (den angestellten)
aus der /guten alten zeit geblieben sind

 

 

Olba

Bergbauidyll am Weltende
Was haben wir hier verloren
Was gewinnen wir

Zurück : es gibt kein Ende
Nur die steppige Einsamkeit
Der Wolfsrudel

Zusammen : getrennt
Jeder beißt sich
Für sich durch

Adler packen Karpfen
Kraniche verschlingen
Die Beute im Ganzen

gesang elf

ich wollte dich nach dem weg fragen
doch du warst verschwunden
auch der weg war nicht da
so ließ ich mir vom rebhuhn sagen
wie die nächste weinernte ausfallen würde

ich versuchte mich in einen tisch einzufühlen
eine stehlampe einen kanarienvogel oder ein efeublatt
ganz egal was
hauptsache in irgendwas
eines abends wäre es mir fast geglückt

du verfingst dich im straßennetz eines stadtplans
verliefst dich schon an der nächsten ecke
beim bäcker
oder war es ein metzger
oder ein dichter der dir den himmel erklärte

wir verhängten die bilder
hier war gerade einer gestorben
niemand mehr interessierte sich für ihn
ein jahr noch vielleicht oder zwei
und die wände würden wieder nach zement schmecken

auf dem bildschirm schneite es
jemand hatte das antennenkabel gestohlen
digital poetisch
graugefiedert sprang die katze zur tür
etwas musste sie erschreckt haben

Gojim : Goitzsche

Da haben sie das Paradies für sich
Ausgehoben : dem Schluff und Tuff
Entrissen : mit Wasser aufgefüllt

So daß sie segeln könnten : davon-
Schweben : im Rausch
Stattdessen hängen sie sackig

In ihren Höhlen und lamentieren
All das ist nicht genug : all das
Reicht ihnen nicht : sie wissen

Nicht : was sie zufrieden stellt
Was ihre Sehnsucht stillt : daher
Meckern sie fröhlich drauflos

Blicken sie dich verächtlich an
Fremder : Gast hier : benimm dich
Sei froh : daß sie dich nicht hassen

A Matter of no Importance

Sollten wir es nicht, gleich unseren britischen Freunden, dabei belassen und sagen „A matter of no importance“? Ist der Erhalt der menschlichen Rasse denn derart bedeutsam? Sollten wir nicht endlich damit aufhören, uns so wichtig zu nehmen und stattdessen nicht besser das Leben an sich als Kunstwerk kultivieren? Sicher wäre es falsch zu sagen, die Fortpflanzung und ihre angenehmen sowie weniger angenehmen Begleiterscheinungen gingen uns nun nichts mehr an. Ich möchte mich hiermit ausdrücklich gegen diese stillose Ignoranz verwehren. Sehen wir uns besser einmal die Tier- und Pflanzenwelt an. Eifrig wird dort gebalzt und sich reproduziert. Nester werden gebaut, Bäume benagt, Dämme aufgeschichtet, Löcher in die Erde gegraben und in Bäume gehämmert. Licht, Sonnenstrahlen und Wasser werden bearbeitet und saftiges Grün, das unser Auge erfreut, wenn es solcherlei noch zu sehen bekommt. Schon der Dichter Oscar Wilde sang ganze Lobgesänge auf diese Farbe, und es wäre sicherlich verkehrt, ihn als Naturfeind zu bezeichnen, wenn er sicherlich auch die Kunst über den Wald stellte. Doch gleich dem schönen Narziss, der sein Ebenbild in dem unheilvollen Teich erblickt, konnte sich auch der Dichter des Lasters und des Sittenverfalls nicht der Schönheit all dessen entziehen, das sich tagtäglich in unseren Augen spiegelt. Wie fühlt es sich an, als Frau über männliche Körper zu schreiben? Über Körper, die äußerlich bleich und unantastbar im Dunklen schlummern und innerlich durch unheilbare Krankheiten zerfressen werden? Lesen Sie meine Texte und machen sie es zu Ihrer eigenen Erfahrung. Als ein Geschenk, bei Lampenlicht und schwarzem Tee. Und einer Gauloises Legères, bitte schön! Und falls Ihr Körper noch jugendliche Straffheit besitzt, werden Sie diesen nach der Lektüre mit Liebreiz versehen. Sind Sie eine leidende, männliche Kreatur, die Kafka und Walter Benjamin verschlungen hat? Dann wird Sie der literarische Diskurs erfreuen, den ich meinem männlichen Eros auf den Leib geschrieben habe. Sind Sie vielleicht hybride? So wie die meisten von uns heutzutage? Dann ergötzen Sie sich doch an der Plastizität der vielfältig schimmernden Körper, in denen sich Mann, Weib und Dingwelt getröstet und bestätigt wissen.

R. I. P.

An dieser Sommer 2018 – vorher –

Hier ruht in Frieden ein fleißig‘ Arbeitstier
Er starb zu früh, trank zu viel kaltes Bier
Männer, achtet seinen frühen Tod
Ist’s euch zu schwer, esst lieber Brot.

Gepostet 15. Juni 2018
Gelöscht ca. 3. Juli 2018 (?)

11. NB bei 1NB

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Hallgrím – Variationen (I)

Hallgrím stand im Eis
Und sah der Lava zu

Die Eule kam mit dem Postboot
Das Schiff legte an
Sie nahm ihren Koffer
Ging an Land und wurde
Von Heinar überfahren
So war das

Hallgrím aber trieb
Auf dem Strom des Eises

Hallgrím stand
Mit gespreizten Beinen
Unter ihm der Graben

Hallgrím schwieg

Dann brachen die Worte aus
Wie Lava, wie Lava

Was soll ich sagen…?

Die gängisten Wege sind ermüdend und langweilig. Wer zum Geburtstag gratuliert, sagt „Alles Gute zum Geburtstag“ und “ Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag”.
Der Sinn einer Geburtstagsnachricht ist es, dem Geburtstagskind Glück und einen wundervollen Tag zu wünschen. Überlege dir, wie du das auf einzigartige Weise auch anders sagen könntest. Wenn dir nichts einfällt, versuche Folgendes:
• Ein gesundes neues Lebensjahr!
• Alles Gute und Liebe zum Ehrentag!
• Glück, Frohsinn und Freude.
• Mögen all deine Träume wahr werden!

Meilenstein-Geburtstage sind eine gute Gelegenheit für Humor, vor allem, wenn Menschen älter werden. Bevor du einen Witz über das Alter von jemandem machst, stelle sicher, dass der Scherz auch angemessen ist. Manche Menschen sind in Bezug auf ihr Alter extrem sensibel, und du willst sie mit Sicherheit nicht an ihrem Geburtstag verletzen. Ein unspezifischer Witz hinsichtlich des fortgeschrittenen Alters wäre zum Beispiel: „Das sind ja ganz schön viele Kerzen. Fackele bitte das Haus nicht ab!“ oder „Wenn man erst einmal dieses Alter erreicht hat, tut entweder alles weh oder es funktioniert gar nichts mehr!“
_____________________
Dank an wikiHow für die unglaublich kreativen Vorschläge.

atomdichter und zungenbecken (canto verbano)

zog hallgrím an den gletscher
und log gedichte
über die geburt der basalte
reiste ugla die henne
im gepäcknetz vom nordland nach reykjavík
kam sie unter die räder eines straßenkreuzers
verlor sie ihr leben
da weinte das wollgras

wir lagen im gletscherbett
an seinem grund schlief der see
die berge ringsum
waren nunatakker
wurden geschliffen die inseln
geschleifte drumlins
trieben mit den booten dahin

tastete ich deinen finerokörper
grünes gestein
das sich geschält hatte aus seinem erdmantel
trug ich stimmen in die wälder
schürfte sich seine haut wund an der erdkruste

lief die schwarze katze von links ins bild
konnte das gedicht gelingen

erweiterte ich meine sammlung um eine muschelschale
legte sie zwischen das pfennigstück
und das welkgepresste
blatt eines bergahorns

wog hallgrím das gewicht des mittelatlantischen rückens

Anasthasia (Flucht und Wiederkehr XXIV)

Tief in dich tauchend, gedenkst du wirklich zu sein? Unter all diesen sozialen Perücken, emotionalen Häuten, logischen Knochen, moralischen Organen: Was ist der Kern aller idealistischen, progressiven Gedanken, aller tiefenpsychologisch genährten, abgeklärt austherapierten und nie kopierten Sehnsüchte? Welcher Bewußtseinsschleier verhüllt deine gehetzte, versetzte, verletzte, mit Narbgewebe umnetzte Seele – selbst vor dir?

Lebenswunder, schenke  Sommerlicht für immer den Blassen,
leih‘ Durstigen den Schatten sanfter Himmelsschwingen;
der Dunkelheit spende geheimnisvolle Musik
und verspielte Berührungen den Hoffnungsvollen –
Lebenswunder, in deiner Mitte sei Frieden den Getriebenen,
Hochzeit aller Jubel und Freuden den Fröhlichen,
jenen, die fürs Suchen schwelgen ein unlösbares Rätsel.

Der Reiher erhebt sich über den Fluss und landet inmitten des angenehm weitläufig gestaffelten Uferwaldes auf einem, mit gelben Blüten gesprenkelten Baum, der sonnige Tage am Wasser mit Liebe beschattet und lauen Nächten an seinem Stamm Flecken beschert, an denen, abgetrieben vom tückischen Strome der Zeit, Einsamkeit anlandet und vergeht.

Versinke verloren in die Töne verstört verschlungener Träume, Anasthasia,
gehauchte Fragen streichelnd, tanze nebelhaft um deine Wünsche,
bette dich dann darin und schlafe unter der grünen Kuppel bis, Anasthasia,
deine Leidenschaft wieder erwacht.

Am Abend, Liebste, wenn jasmingetränkte Nachtluft deiner Nase schmeichelt,
Augen feuergetauft lodern und feinste Härchen deiner seidenen Haut aufwarten,
sei gewiss, verfalle ich, vergessen lächelnd, dir entgegen.

distanz

zuerst schliefen sie zusammen
dann in getrennten betten
später in eigenen zimmern
in unterschiedlichen stockwerken
danach in zwei häusern
in verschiedenen orten
auf anderen kontinenten
schlief sie am nordpol
er am südpol

in aller stille

oft zählte ich
deine  lidschläge
wenn wir uns gegenüber standen
wir zerredeten das alltägliche
planten unmögliches
schwiegen
ohne uns weh zu tun

lachten laut
zu laut manchmal
doch immer liebte ich dich
die jahre hindurch
in aller stille

* * *

Am Rand ein Licht
neben einer Säule,
der Schatten.

Rauchgrüne Pelzschicht
über (früher glänzendem)
Linoleum

Flecken auf Mauern
und Verputz,
Glaspilz, Grauschleier
auf Wänden,
Schwarzstaub

Aspergillus fumigatus II

Auf der Venus wird die Asche durch Winde verstreut. Die Frau an der Bar trug einen leichten Mantel in derselben Farbe des Kostüms, das ich mir aus Wien mitgebracht hatte, darüber einen Schal aus matter Seide. Alles andere an ihr war schwarz: die Augen, die Schminke, ihr Kleid. Das Haar war unter einem Hut versteckt — oder einer Kappe eher, die ihr bis über die Ohren reichte. Darunter schimmerten kupferfarbende Ohrgehänge in bizarren Formen, aber ohne die sie krönenden Steine. Die Schuhe waren unscheinbar, Sommerschuhe, dunkelgelb.

No Quarter (Flucht und Wiederkehr XXIII)

„Entschuldigen ‚Se bitte die Störung!“

Eine eingeübt akzentuierte Stimme mit berliner Zungenschlag durchbricht die vorsommergetränkte, spätnachmittagliche Dösigkeit eines halbleeren S-Bahn-Wagons zwischen Hackescher Markt und Alexanderplatz. Jüngere Touristen-Kleingruppen, mittelständische Arbeitnehmer/Innen und zwei 55-65-jährige Golfclubmitgliedsehepaare räkeln sich im warmen Licht. Der Fernsehturm glänzt nah.

„Bei meiner Hündin Cora wurde ein Tumor an der Lendenwirbelsäule festgestellt und ick samml‘ nun, um für ihre Operation ‚ufzukomm’n. Ick danke allen, die dabei helfen möchten vielmals, allen anderen wünsch‘ ick noch ’nen schönen Tag!

Der Mittzwanziger – er könnte vielleicht auch zwanzig oder dreizig sein – schulterlange Haare, blaues Trikot der Squadra Azzurra, schreitet, leicht verschlagen aus einem rundlichen Gesicht blickend, fordernd den Wagon ab. Irgendwo hinten redet er mit jemandem, es klirren ein paar Münzen.

Am Ostkreuz auf dem Bahnsteig der Ringbahn und anschließend auf dem Weg nach Neukölln im S-Bahn-Wagon herrscht eine bunte, enger zusammengedrängte Mischung, die trotzdem vor allem eindrucksvoll Relaxtheit ausdünstet. Eine blonde, dicke Deutsche mit Hündchen, ein paar freundliche türkische Jungs, ein paar, etwas ältere, prollige türkische Jungs – anderswo im Wagon ihre artigen, weiblichen Gegenstücke mit dezenten Kopftüchern -, etliche Vietnames/Innen, dazu eine Ostasiatin mit Seidenkopftuch, diverse deutsche junge Männer – kurzrothaariger Nerd mit Handy und Bauch, gestreiftes Hemd-Gel-BWler, Max Mustermann Metalfreak, HippieBackpacker123-, sich stolz als Schlampen Bezichtigende, einige Spießerinnen-Antikörper, sowie Originale und Klischees in einem, buckelige, braunrunzlige Mütterchen mit Einkaufstüten voller Gemüse hier – welch ein Leben!! -, Opis mit AfD im Kopf da – „Ach, welch ein Leben?“. Und natürlich der, dessen Großvater wohl aus Italien nach Berlin kam – vermutlich mit einer Cora in Gedanken, aber ohne kranken, imaginären Hund.

Das Publikum strömt aus der Bahn, begrüßt Neukölln mit einem schnatternden Gemisch aus Geräuschen, Gerüchen, Gesichtern und Gelüsten – und Neukölln grüßt zurück; die Familien vor dem Gemüseladen, die Jungs beim Kebab-Grill, in der Nähe davon die, die sich Schlampen nennen – und natürlich die Drogis. Einer von ihnen, der blau schillernde, vorgebliche Hundeliebhaber, gibt einem jungen Araber – 16 oder 18 – die Hand, sie tauschen einige, gemurmelte Worte aus, stehen nebeneinander an der Ampel, schauen sich kurz vielsagend, zustimmend an. Sie haben vereinbart, sich in Kürze an einem, beiden bereits bekannten Übergabeort zu treffen und gehen – in sich ruhend – auseinander, einer nach rechts, einer geradeaus, auf dass das Depot unendeckt bleibe, da es unwahrscheinlicher wird, dass etwaige Zivilpolizisten die Verfolgung beider gleichzeitig aufnehmen.

Aus Hamburg anreisend, erstaunt die ins Gesicht lachende Zurückgelehnheit der verschiedenen Glieder der Gesellschaft Berlins (nicht, dass sich die eben geschilderte Szene in St. Georg nicht ebenso abgespielen würde, aber mit Sicherheit deutlich gehetzter)  – und es scheint, als seien diese Merkmale nicht dem ‚juten‘ Wetter  (welches die Effekte vielleicht besonders hervorzuheben mag, nicht jedoch zu verursachen), sondern vielmehr der berliner Weitläufigkeit einerseits und der trotz aller Modernisierungen vieler Stadtteile noch immer immanenten, latent klaustrophobischen, nur durch abgrundtiefe Gelassenheit der Einwohner zu konternden Morbidität dieser Stadt andererseits geschuldet.

Wie Clochards, die ihre Zahnlücken lächelnd zur Schau stellen, zeugen davon laute, rüttelnde, pissgelbe U-Bahnen mit einem arschegalen Schmunzeln, Fahrkartenautomaten, die nicht in der Lage sind Scheine anzunehmen und zwei grau ummantelte 4:3-Fernseher am Bahnsteigende (die die Länge des Bahnsteiges abbilden, da die Zugführer wahrscheinlich über keine Monitore in ihrer vormittelalterlichen Kabine verfügen); Ihr könnt uns mal, Prost!

Am Kottbusser Tor empfangen Graffitis, dreckschwarze Wände, Taubenscheiße, Überführung, Betonburgen.

Zeitgleich findet in Mitte im „Kreativquartier“, den miteinander verbundenen Heckmann-Höfen zwischen der Tucholsky~ und der Oranienburger Straße, einer von zahlreichen Workshops für Irgendwasmitlebensfreude statt. Nebenan ein Laden mit anspruchvoller japanischer Töpferkunst, ein artsy-fartsy Cafefe, dazu Hipstershop 1, Hipstershop 2, Musikprojekt X usw. usf.

Der Kontrast macht diese Stadt dicht, das diffuse Überleben neben dem verträumten Erleben neben dem sirenenhaften Nachhall preußischer Pflichtversessenheit. Mit seinem berühmten Bild der Erdolchung eines Königs wirbt die aktuelle Max-Beckmann-Ausstellung, auch Plakate der Ausstellung „Sparen – Geschichte einer deutschen Tradition“ im historischen Museum hängen, zu zwei Fünfteln weiß gehalten, aus.

Das von Seyfried in den späten siebziger~ und frühen achtziger Jahren des mittlerweile fast zwei Jahrzente zurückliegenden, vorherigen Jahrhunderts gezeichnete, abseitige Berlin existiert weiterhin fort, wie ein legendärer Alligator in der Kanalisation, wie ein unsterblicher Bandwurm, eine befruchtete Bettwanze oder unheilbare Tuberkolose, es duftet nach nach anarchischer Commune, nach sozialer Ausstoßung und Traditionsfamilie zugleich.

Es ist der Abszess am Arsch und die Warze auf der Nase der Villengolfer, es ist ihre Botox-Fehlspritzung, ihre gescheiterte Ehe und der Tumor an der Lendenwirbelsäule ihrer Lieblingshündin. Und das ist gut so.

Solidaritätskippa oder die Reise zum toten Mehr (Flucht und Wiederkehr XXII)

Dieses eine, seltene Gefühl, das einen beispielsweise überkommt, wenn im Frühling der Himmel grau, windig und regnerisch, aber die Blätter der Straßenbäume jung und grün sind, wenn beschmierte Klinker-Häuserwände sich mit kleinen, bunten Altbauladengeschäften abwechseln – die eine Hälfte des Gesichtes traurig sein und die andere lächeln will.

Kurz vor Beginn der ersten Intifada steht der Junge – fünf Jahre alt – vor einem, ihm wie ein riesiger, bearbeiteter Monolith einer fantastischen Küste, ja eines fremden Planten entraubt erscheinenden, grauen Betonklotz inmitten der unbarmherzigen Hitze eines, so hatte er – erzogen von atheistischen Wissenschaftlern – gelernt, ‚heilig‘ genannten Landes.

Seine Eltern und er, nach ihrer Ankunft ob ihrer Herkunft und Sprache mehrmals wie aus dem Nichts übelst, fast handgreiflich beschimpft, setzen ihm rasch eine kleine Kippa auf und betreten das Gebäude mit ihm. Er versteht nicht, was das gedämmte Licht, was die Tafeln mit den vielen Namen, die Bilder der so unglaublich mageren Körper, mit ihren traurigen und teilweise unendlich leeren Blicke bedeuten, er fühlt sich unangenehm berührt, empfindet gleichwohl, der kindlichen Gabe zur Empathie entsprungen, Pietät und schweigt, nicht wagend, den ihn umbegebenden fremden Gesichtern seine Antwort auf die Last der Zeit, die er der Welt an diesem Ort zu schenken bereit ist, offen zu bezeugen.

Er war zuvor durch Wüsten gefahren, hatte in Salzlake gebadet, belebte Basare und verfallene Stätten besucht, eine davon hoch oben auf einem Berg, durfte, auf dem Weg durch dieses öde und doch so wunderschöne Land auf den Schultern seines Vaters eine Pomelo am Rande einer Plantage abpflücken und im Garteninnenhof eines Freundes der Familie das unglaubliche reiche Bouquet jener Blumen erschnuppern, die dort gedeihen, wo die Sonne, anders als in seiner Heimat, Gesetz ist. Ein unsichtbarer Gott, ohne Namen – Richter ist Er.

In Betlehem war man mit ihm in eine Grotte, die Geburtshöhle hieß, herabgestiegen, auch dort schien ein diffuses Licht, doch die Wände schmeichelten – leicht feucht, fast rund, als hätten die Hände tausender Besucher sie geglättet – und der Weg gewundener, ohne Ecken und Kanten gespickt, ja, das einzig gerade dort unten, dachte er, hatte in den Planken der Stege und den Brillen der Besucher bestanden. Er erinnerte sich daran, den Ort genossen zu haben, vielleicht nicht so sehr wie den Garten, das Picknick mit der selbstgepflückten, unbekannten Frucht, oder den Blick vom Berg in die schier endlose Ebene, aber doch, es war angenehm gewesen dort unten.

Hier hingegen, so überkommt es ihn, war ein bleierner Vorhang zwischen allem, was ihm in diesem Land begegnet war gezogen worden, der Ort war der Ausdruck purer Hoffnungslosigkeit, alles Organischen beraubt, die unmenschliche, dunkle Strenge der Formen dieses Gedenkens bedrückte ihn, drohte ihn zu begraben, zu ersticken, jene ausweglose Ernsthaftigkeit eines unvorstellbaren Mordgewitters, dessen Essenz anschließend zu diesem Sarkopharg erstarrt war und nun mit seiner kleinen Seele rang. Ein Lächeln, war er sich sicher, nur ein stilles Lächeln voller Hoffnung und Liebe konnte ihn, konnte die Welt von dem Fluch, der diesem Ort innewohnte, erlösen.

Herausragendes Exemplar mit grauen Wangen

Sie fügte sich so geschmeidig in die immer kleiner werdende Normalität, wie der Begriff von Experten definiert wurde, dass jeder Spaziergänger sie fast übersah. Doch da sie nichts hatte, woran man sich stoßen konnte, gab es auch keinen Zusammenprall.
Wenn sie über die Entwicklung nachdachte, die das Normale mit den Jahren durchlaufen hatte, war sie für einen kurzen Moment mit sich im Einklang. Man könnte fast meinen, sie freute sich, dass es stets strengeren Regeln unterlag und weiter nach oben korrigiert wurde. Neue Diagnosen wie disruptive Launenfehlregulationsstörung stellten in Frage, was sich bisher noch innerhalb des Rahmens befand. Dadurch konnte sie – die im Alltag Unscheinbare – glänzen. Sie funktionierte. Ja, sie war einwandfrei. Unerhörte Dinge wie Gefühle hatten in dieser Welt nichts verloren, waren jedenfalls nur zu bestimmten Anlässen zugelassen. Das wusste sie, und sie verstand es, das dünne Seil der Vorgaben um ihren Körper zu wickeln, ja sogar damit zu tanzen. Einmal im Leben war sie bereits mit dem Tod konfrontiert worden. Einen Augenblick hatte sie geweint – eben jene erwartete Regung. Anschließend ging sie zum Alltag über, als hätte ihr Chef auf eine Taste gedrückt, die diesen Effekt bewirkte. Mehr als zwei Tage Niedergeschlagenheit entsprachen nicht der Norm dieser Gesellschaft, die sie stets so hervorragend repräsentiert hatte. Das nannte man stark.
Doch dann passierte etwas. Sie hatte geglaubt, auf alles vorbereitet zu sein. Die Erkenntnis aber, dass sie an dem kleinen Absatz nichts ändern konnte, der zum Regelwerk für alles nicht Normale hinzugekommen war, löste eine tiefgreifende Wandlung in ihr aus. Jedenfalls schien ihr das so. Als sie nämlich an jenem Morgen vor dem Spiegel stand und sich das Haar richtete – gescheitelt und streng, wie es sich gehörte – war die Haut ungewöhnlich fahl. Sie trug ein schwarz-weißes Kostüm, das gut zu dem Grau ihres Gesichtes passte. Warum war es auf einmal so verfärbt?
Sie versuchte, auf die Augen zu achten. Sie wirkten unverändert, doch das Gesicht nahm insgesamt knochigere Züge an und das Kinn ragte spitz nach vorne. Plötzlich teilten sich die Augen und auf jeder Seite gingen zwei einzelne Augen ineinander über. Sie erschrak. Sie begann doch nicht etwa, zwei Personen zu werden? Vier Hände, doppelte Arbeitsgeschwindigkeit … Wäre das nicht sogar praktisch? Rasch verwarf sie den Gedanken wieder. Nach einigen Minuten verschwand der Effekt und die Augen rutschten übereinander, dass nur noch eins auf jeder Seite zu sehen war.
Sie rieb sich über das Gesicht, blickte noch einmal genauer in den Spiegel – alles schien wie gehabt – und zog sich Schuhe und Mantel an. Erst auf der Straße fühlte sie sich wieder seltsam, glatt und kalt. Ihr Gewicht hatte schlagartig zugenommen, allerdings konnte sie sich immer noch hervorragend bewegen, vielleicht sogar besser. Zwar machte ihr Knie von Zeit zu Zeit ein quietschendes Geräusch, doch nichts war mehr ermüdend. Sie blieb einen Moment stehen und hob und senkte das Bein. Sie spürte gar nichts. Es fing an zu regnen, doch die Wassertropfen perlten von ihrer Haut ab, ohne dass Feuchtigkeit zurückblieb.
Eigentlich hervorragend, dachte sie. Aber war das wirklich so vorgesehen? Glaubte sie dem neuen Krankheitssyndrom, das heute Morgen durch die Nachrichten flackerte, war ihr Glück dahin. Zuvor war ihr all das nie aufgefallen. Doch jetzt war ihr Körper präsent und ihr Denken hatte eine Richtung entdeckt, ausgelöst durch dieses neue Wort, eine Richtung, die sie noch nicht kannte. Sollte sie sich krankmelden? Nein, das war unmöglich. Sie öffnete die Tür zum Büro, ging an ihren Platz und fuhr den Computer hoch. Auch ihre Finger hatten sich verändert. Einen Hauch zu metallisch wirkten sie, und wenn sie an die Gelenke fasste, blieb ein öliger Schleim zurück. Sie hatte Angst, ihr Chef würde es entdecken. All die Dinge, die ihr sonst eine gewisse Befriedigung gaben – zum Beispiel, dass sie von den Mitarbeitern am schnellsten tippen konnte – waren auf einmal zu einem Unsicherheitsfaktor geworden, zu einem großen Unbestimmten, das ihr vielleicht bald den Boden unter den Füßen rauben würde.
Mittags hielt sie es nicht mehr aus und verließ das Gebäude. Als der Chef sich bei ihr verabschiedete, nicht ohne einen besorgten Blick auf sie zu werfen, sagte er: „Du hast hervorragende Hände“. Hatte sie das? Natürlich. Jetzt wusste sie wieder, dass alles im Lot war. Sollten sie doch machen, was sie wollten, „Temporäre Maschinisierung“ war kein Syndrom. Nein, eine Stärke. Hatte der Chef das nicht mit seiner wenig subtilen Bemerkung persönlich angedeutet? Bei dem Gedanken ging es ihr wieder besser.
Am nächsten Morgen, als sie mit einer quietschenden Fingerbewegung den Wasserkocher betätigte, akzeptierte sie, was geschehen war. Sie wusste: Das alles war nicht weiter schlimm. Die graue Farbe, die metallische Glätte, sie konnte beides zu ihrem Vorteil einsetzen. Die anderen waren nur noch ein Blatt Papier. Sie konnte darüber laufen; sie konnte es beschreiben oder mit schwarzen Tintenflecken bespritzen.
Sie dagegen war hart und glänzend, mit silbernen Rädchen, wo einmal ihre Knie gewesen waren. Ein Markenname.
Ein 30 Jahre altes Modell, sagte ihr Chef und goss Öl ins Getriebe.

Der Idiot in der Sandkiste

Man sagt, der junge Mensch lerne durch nachahmen.  Übernehme Gewohnheiten. Gibt somit Traditiertes weiter. Häufig ungefragt, unreflektiert. Nur ab und zu wird weiterentwickelt.

Was, so frage ich, was, wenn in eurer Sandkiste auch nur ein einziger Idiot unter euch euch war?

 

The Egoism of Genius (I)

Trägheit
Völlerei
Eitelkeit

Hodenkunst

(… bei wem-auch-immer
es staubig ist …)

? Personen trinken Kaffee für
1 € pro Tag. Payable Psychiatrie.

Neid. Testaments-Vollstrecker.

(Knorpelfische sollten dichten)

oweh Aquarium Marienheim.

A Day In The Life (Flucht und Wiederkehr XXI)

„Elle est de Livron-sur-Drôme“, flüsterte ein Geist. „Liesville-sur-Douve!“ ein anderer, „Les Sables-d’Olonne!“ der Dritte. Oh, das kenne ich, da war ich schon, erinnerte  sich der Zeitreisende mit großen Augen und ein Sommer streichelte seine Neuronen.

Die Sonne schien hell, ein Wesen – mir zutiefst ähnlich und doch fremd, eines lebendigen Spiegelbildes gleich – saß in der Küche am Fenster und im gleißenden Licht tanzten kleine Staubpartikel freundlich flirrend umher, während im Garten, hinter der Terrasse, silbrige Gräser wie Harpien durch Februarwind nach Beute jagten. Alles schien synchron, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft.

Das Bad, dessen hellrosa Granit atmete und zerfloss, ihr Haar, einen Körper umschmeichelnd, dessen Umrisse Botticellis Venus nie ähnlicher gewesen waren, Reflexionen des schaukelnden Wassers, überall Lachen, ein Lachen voll des Glücks ob des Lebens, voll der Angst ob des Todes, ein Lachen, alles zu vergessen und für ewig in Wellen aufzugehen.

Die Gedanken an Verrottung durch Alterung, an Rettung, Unsterblichkeit – Galaxiehaufen umfassende Superzivilisationen erstanden auf und versanken – Ahnungen vom Größten im Kleinen, Synapsenclustern und Frieden des Atmans; schwebender Staub im warmen Sonnenschein hinter einer, den Winter aussperrenden Scheibe — die Gedanken.

Jana dreht’s

Der Brummbär aus dem Radio
Liebt das Liebesleben
Niemand stiehlt ihm seine Show
Kommt er : dann sei ergeben

Er ist im Radio ein großer Mann
Im Leben nur ein Kleiner
Er sieht dich und er macht dich an
Du denkst : was für ein Feiner

Spricht schöne Worte
Die dich heiß umgarnen
Sein Schnäuzchen leckt an deiner Pforte
Weiß das Begehren gut zu tarnen

Am ersten Tag schon flötet er
Von Heirat und von Kindern
Da gibts kein langes Hin und Her
Was kann euch jetzt noch hindern

Er spießt dich auf
Und du kommst auch
Da steht er drauf
Wie kribbelt es im Bauch

Dann fliegt er flugs nach Haus
Schreibt dir : wie wundervoll
Da weißt du wieder : es ist aus
Und weißt nicht was es soll

Der Brummbär brummt ins Radio
Als wäre nichts geschehen
Sie geht weiter : seine Show
Er hat dich nie gesehen …