Tbilisi : am Ende

Es gibt Berge und einen Fluß
Frische Luft oben im botanischen
Garten : Kletterpartien

Solange die Bagger die Berge
Noch nicht beseitigt haben
Für neue Häuser : während

Die Altstadt einstürzt : hier und da
Leben noch Menschen
In den Ruinen : tatsächlich

Gab es hier Krieg : die Kriege
Zogen an Tbilisi vorbei
In den letzten einhundert

Jahren : allein die Zeit
Nagt an den Häusern
Vierzig Regenarten : die

Das Georgische kennt
Georgische Redensarten
Hinter den Brotlöchern

Werden Ideen gebacken
Ganztägig frisch : nicht nur
Am Morgen : in den Kellern

Der Bäder quillt Schwefel
Aus dem Gestein : reinigt
Gehetzte Körper : wie schwer

Atmen sie im Verkehr : der
Leichtgängig fließt
Durch die Ritzen zwischen

Den Häusern : er nieselt
Der Geldkraft folgend
Meidet die Berge : kreist

Um den Fluß : ißt du
Seine Fische : stirbst du
Am Krebs

lueckenschluss | lippenbekenntnis (string-tanka L)

die luecke im buecherregal / ich schliesze sie / mit einem papierfalter / und musik // deine lippen / ahmen ein gedicht nach

augenblicke

seine augen füllten sich mit häusern, straßen zwischen den häusern, fahrenden autos, gehwegen und menschen, ladengeschäften mit kleidern, koffern, schmuck und brillen in den auslagen. und auf einmal tat ihm der kopf weh. der schmerz wanderte vom hinteren ende des auges in die stirn, ins innere der ohren, und zog an der innenseite der schädeldecke über den hinterkopf bis in den nacken. w. wurde schwindelig, er taumelte und ging in der fußgängerzone zu boden. er spürte noch den harten aufprall auf den polierten granitplatten im ellenbogen und steißbein. dann wurde ihm schwarz vor den augen.

die sonne war eine große scheibe aus kupferblech. hängte ich sie hoch in das zelt meiner kindlichen erinnerungen, türmten sich landschaften neben ihr auf, spiegelte sich ihr licht in flüssen, die den zeltboden in verbotene und verbotene länder teilten.

die versuchsanordnung war folgende: ein dichter sollte in einem völlig dunklen raum ein liebesgedicht an eine verflossene geliebte schreiben, in dem die wörter ich, du, wir, liebe, lieben, kuss, küssen, auto und autobahn nicht vorkommen. das gleiche galt analog für eine dichterin. hier die ergebnisse:

fahren die züge nach armenien
weinen die menschen in den abteilen
angesichts ihrer erinnerungen
an die umgekommenen
der sintflut

über die dächer gehen
ist ein alter traum der menschheit
und eine weißstörchin beobachten
kurz vor ihrem flug nach afrika
staunen im garten die kinder
zu ihr hinauf

die alpenseglerin war eine gletscherkundlerin, die die klimaerwärmung erforschte. ihre hände ertasteten die luft und den schnee, ihre flügel überspannten das tal, in das sich menschen geflüchtet hatten, die aus ihren träumen erwachten. für sie gab es keine rettung, keine rückkehr mehr.

w. hatte seine sammlung um eine muschelschale erweitert. diese legte er zwischen das pfennigstück und das welke, gepresste blatt eines bergahorns.

manchmal fiel w. das wort menschen schwer. dann spielte er robinson und wartete auf freitag.

w. war eingekesselt: hinter ihm stand der mob der demonstranten, vor ihm eine hundertschaft polizisten, ausgerüstet mit helmen, schilden und schlagstöcken, dahinter ein wasserwerfer. ein paar meter neben w. zitterte das mädchen.

zerfloss die stadt in einem park um ein altes gartenhaus mit hohem dach, machten wir uns einen frauenplan, stolzierten die esplanaden entlang, winkte uns aus einem schaufenster eine junge gräfin zu, eine angehende buchhändlerin. dichtkunst muss ansteckend sein. [einmal hatte ich einen oleander nach der gräfin benannt, rosafarben, gekauft in der gärtnerei des familienschlosses, überlebte er den ersten winter nicht.]

plötzlich standen wir vor einem massengrab. mord muss eine deutsche tugend sein.

gesang zwei

die versuche über den wald liefen ins leere
kreisten schwarzstorch und waldrapp um ein neutronengeschoss
lag es verschattet neben der luftwurzel eines baums
suchtest du in stadt und dorf eine straße
die heraus führte aus dem grün

in ein nebelgebiet über flussauen
mischten sich stimmen mit den flügelschlägen von wörtern
die über dir kreisten
und einen namen riefen
indem sie das verschwiegene aussprachen

suchtest du weiter die liegengelassenen
augen und münder deine haare
auf denen du wiegenlieder spieltest
für ein totgeborenes
mit kristalliner struktur

[webtest du wasserzeichen in ein mandelland]

Haugemer Fasnacht

andere sii welle

d‘ kinder un au d‘ erwachseni
alle verkleidet
wie wenn se andere sii welle
als sie sin‘
vielliicht sin‘ sie’s au
für e stund oder zwei
wer ka’s wüsse

.

d‘ gugge

d‘ gugge trommle un bloose
ä lärme
wie numme sälde im läbe
spöter
wenn d‘ heimgohsch
isches numma no still

.

do schtohsch

du wirfsch es konfetti in d‘ höh
s‘ werde träum
rosani orangeroti schwarzi un wissi
sie falle z’ruck
dir grad vor d‘ fieß
do schtohsch
vor dine eigene träum

.

(* Der Dialekt wurde lektoriert von Elfra Sandmann, Lörrach, der ich herzlich dafür danke!)

.

Im Schwefelbad

Dicke Autos parken am Abend
Vorm Tor : in der maurischen
Mauer : Mosaike : zwei Diener

Ein Junge : ein Mädchen
Huschen mit Wischzeug
Bewaffnet über den Flur

Der Chef im maßgeschneiderten
Anzug schaut von Zeit zu Zeit
Vorbei : Familien treffen sich

Müde Mütter in Konkurrenz
Zu aufreizenden Töchtern
Die pickeligen Söhne

Interessiert dieses Bad nicht
Wiewohl : sie könnten es
Gut gebrauchen : Geschäftspartner

Treffen sich hier mit einer blonden
Frau in der Runde : erst wird Spaß
Dann ernst gemacht : sanft

Reinigt der Schwefel jede Pore
Und die Ehefrau erfährt nichts
Davon : außer bei Zahlungsverzug

Wie ätzend wirkt da der Schwefel
Als Schüler tauchte ich Leiterplatten
Ins Bad : es schälte kupferne Bahnen

Heraus : hier wird der Partner
Geschält : zeig dich nackt
Und ich leih dir mein Geld

Oijoijoijoijoi, wo hab ich denn jetzt bloß de Brille

So gehts los. Jedesmal geht es so los. Du bist fröhlich, gut vorbeitet, willst jetzt endlich loslegen. Und dann kommt es: „Oijoijoi, wo hab ich denn jetzt bloß de Brille. Oijojojoj, wo hab ich denn jetzt bloß de Numma.“ Du spürst, wie deine gute Laune in Wut umschlägt und der Blutdruck nach oben geht. „Ach wissense, ick seh so schlecht.“ Dein Herz fängt an, stärker zu pumpen. Du merkst, dass du einen Körper hast, und der tut weh. „Is so dunkel hier. Warten se mal, ick muss ma ans Fensta gehn. Oijoijoj, wo hab ick se bloß…“ Du rutscht unruhig auf dem Stuhl herum. Von draußen drängt die Sonne herein und macht „dreieckiges Handtuch“ auf der Pappwand vor dir. Du denkst an die Pappnase vom letzten Dienstag und lächelst, jetzt sichtlich besser gelaunt, schadenfroh in dich hinein. Der am anderen Ende hat immer noch keine Brille und keine Numma und raschelt nervös mit Papieren. Du lachst. Du lachst, erst leise, dann herzhafter. Kleine Fliegen kommen dir aus dem nächstgelegenen Blumentopf entgegen und kreiseln, im letzten Lebensdrittel angekommen, vor dir auf dem Tisch. Du lachst. Die Sonne brennt sich in die Fensterscheibe, lässt sich nicht mehr durch Rolläden und schmieriges Glas ausbremsen. Du lachst und wächst aus dir heraus, du zeigst es allen, du drängst aus dir heraus und mit geballter Lebenslust schallt es aus dir: „Macht nichts. Dann schaffen wir es eben ohne Brille und ohne Numma.“

Replik (Realschulniveau)

Meine Freundin Tara

sagte heute:

Im Iran

hatten sie

ein Bett für Opa, Papa, Bruder

und der Rest

also Oma, Mama und Tara

kam in den Stall

gleich nebenan.

Aber  hier in ihrem winzigen Zimmer

in der Bornhoevedstraße

hat sie allein für sich

ein Bett.

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(aufgezeichnet nach Berichten einer 14jährigen Deutschen, die mit ihrer neuen Banknachbarin Tara über deren ehemalige Heimat Iran geredet hat)

Amtspost

Mein Freund Ali
sagte gestern:
im Iran
hatten sie
einen Papierordner
für Opa, Oma, Eltern
und den Rest
aber hier
in seinem winzigen Zimmer
in der Friedensstraße
hat er allein für sich
zehn Ordner.

nocturne (elfter gesang)

wer mich kannte wusste
dass ich gedichte vom himmel herunter log
in ihnen schwammen fische durch leuchtreklamen
stiegen über den schildern luft- und sprechblasen auf
in die lichtglocke über der stadt
wurden stimmen beschworen
urtümliche laute aus u-bahnschächten
mischten sich mit dem rascheln der lindenblätter
vom warschauer platz vom czernowitzer platz
vom donauufer in budapest und vom schwarzmeer bei odessa
wer mich kannte wusste
dass in meinen vom himmel herunter gelogenen gedichten
am horizont schneeberge aufragten
über sie zogen singschwäne in ferne geschichten
die an orten wie teheran und kabul spielten
dort standen mädchen am straßenrand
und winkten burschen bei reiterspielen zu
später weinten die mädchen
wenn die toten körper der burschen
auf lastwagen in die stadt zurückkehrten
wer mich kannte wusste
dass selbst das blau am himmel lüge war
in ihm spiegelten sich die augen von geckos
die an hauswänden hockten und auf das ende der zeit warteten
menschen beobachteten die tiere und glaubten
sie brächten ihnen glück
die augen der menschen leuchteten dann blau wie der himmel
ich bog um die nächste straßenecke
sah fische und hörte singschwäne
und die nacht und die lügen nahmen kein ende

Skylarking (Flucht und Wiederkehr XX)

Da Menschen des Stromes aus ihren konditionierten Träumen erwachen, ist der junge Tag noch gehüllt in den Leib der Nacht; doch rufen Trommeln aus dem fernen Tempel, die Kontinuität des Seins und der Zeit zu ehren. Die Fellachen hoffen auf Verkündigung des heliakischen Aufgangs – der Rückkehr des Sirius nach siebzig Tagen – und mit ihr, nährender Milch gleich, des reichen Schlammes ihrer Felder.

Kahle, geschminkte Priester vibrieren in Trance, andere verteilen eine starke Tinktur des blauen Lotus. Es ist kalt, gemurmelte Gebetsformeln perlen wie Tau aus Kehlen, da mehr und mehr Versammelte sich übernatürlichen Gesängen ergeben, die nun wie Honig aus dem Inneren des Heiligtums fließen, ja zu tanzen scheinen. Nach und nach, ähnlich einer kollektiven, hypnotischen Verwandlung, invertiert ihr Bewusstsein von Alltag und Überlieferung. Dann, kurz vor der Morgendämmerung, beginnt  der Tempel, die Ankunft der Götter verheißend, magisch zu glühen.

Die Hohepriester, kundig des mittels mystischer Symbolik kodierten Wissens der Anderweltentränke, architektonisch hervorrufbarer Tonfrequenzüberlagerungen, wie auch jener elektrischen Effekte unterschiedlich leitender Baumaterialien oberhalb riesiger, unterirdischer Wasserkavernen, treten nun, verliebt in die eigene Allmacht und als Halbwesen gekleidet, flüchtig im Halbschatten tausender Jahre auf.

durch.blick

kälte die ankommt
wie ein reisender
aussteigt – sich umsieht

im schneetreiben
der himmel ist offen
zähmst du die gedanken

nur eine flocke
spüre ich
in deinem blick

reflexion

an schüchternen tagen
flüstert der baum
fallen blätter

leise

windlaunig auch
mein leben ohne dich
in nur einem einzigen gedicht
steht dein name

seebestattung

die fische haben ein eigenes totenreich
nur dort können sie unter sich sein
sie betreten es über spaltöffnungen
an der unterseite des meeres
gesunkene schiffe und ertrunkene seeleute
haben keinen zutritt
in ihrem totenreich atmen die fische feuerluft
die ihnen ein kolibri zufächelt
in ihren ewigkeitsgedanken
trinken die fische die weisheit der welt

Im Kleinen Kaukasus

In der Schlucht zwischen kargem Gestein
Hat Sergo seine intakte Familie eingerichtet
Vierzig Schafe : zehn Kühe : acht Kälber
Hühner : ungezählt : den Großvater

Die Ehefrau : einen Sohn : eine Tochter
Jeder hat seine Aufgabe : er baut
Und holt die Gäste von der Straße ab
Durchs Geröll mit dem Jeep : robust

Muß das Fahrzeug sein : sie kocht
Und kassiert die Miete : der Sohn studiert
Die Tochter geht noch zur Schule
Jeden Tag drei Kilometer zu Fuß

Über Hängebrücke : die Papa als erstes
Gebaut hat : als sie das schräge Land
Jenseits des Dorfes kauften : den Opa
Herholten zum Tierehüten : er blickt

Sich den ganzen Tag um : wohin sich
Die Kühe verkrümeln und treibt sie
Mit einem Stöckchen zur Tränke
In Magdeburg und Berlin war Sergo

In Dessau und Dresden : Soldat
Der sowjetischen Armee : so lernte er
Den Westen im Osten kennen : zimperlich
War er nicht : sondern gut zu Fuß

Beim Autofahren feuert er die fremde Frau
Am Steuer an : dawai : dawai
Ungewöhnlich : sie fährt und lockt
Seinen Offizierston hervor : vorwärts

Aufwärts : Niki : der Hund zeigt uns den Weg
Zur Burgruine hinauf : am Turm rechts
Halten : hinab ins Tal dem Bach folgen
Dann am Fluß entlang : in Pfeilrichtung

Dann liegt es vor uns : das Höhlenkloster
Von Vardzia : im Winter vereinsamt
Beinahe die einzigen Besucher sind wir
Zurück laufen wir die Straße entlang

Treu vom Hund begleitet : bis zur Marschrutka
Wir steigen ein : der Fahrer entpuppt sich
Als Sergos Bruder : weigert sich
Geld zu nehmen : ne nado : ne nado

fremdwörter führen uns nach hause

fremdwörter führen uns nach hause
den wind lassen wir liegen
er taugt nicht für gedichte
für märchen vielleicht
der wind der wind das himmlische
silbe für silbe nähern wir uns
dem fluss den feldern
dann dem dorf
und am ende weist uns der asphalt
den weg in die stadt
wo die raben schon auf uns warten

mecklenburg (gesang für ein polnisches fischgericht)

vater spricht von häuserbauen
auf der weide die stute galoppiert
über die straßen zieht salzluft
in bernsteinfarbenen fenstern spiegeln rosenblätter
schneefalter einen krieg zwei kriege
bist du fort gezogen und gestorben
dein gummibaum erinnert noch
deine schwestern sind alle tot deine brüder
nur einer hat überlebt

ruhe kehrt ein in die prallen ähren
des vaterlandes verräter ziehen weiter
nach osten süden im norden liegt ein meer

und wellen heben an zu einem gebet
für moränen geschiebemergel findlinge toteis
zittert deine hand zittert dein haar
im wind spielen zwei möwen
alles ist grau
und du spielst mundharmonie

die tage lehnen sich an ein scheunentor
das stroh ist geerntet auf elektrischen schlachtfeldern
eines junkers lippe befiehlt uns zu bleiben
bad doberan
das umland erwacht
an einem kühlen morgen stand jan in der tür
und wollte bleiben
auf ein leben und einen tod
klirrten die gläser

Repräsentative Aromastoffe

Peter aus Leipzig wollte ein Zeichen setzen. Er hatte genug von dieser Scheinwelt. Von einer Welt, in der Politiker ungestraft behaupten konnten, dass dieses Land eine Demokratie wäre. Dabei war es doch klar, dass es keine Demokratie war. In einer Demokratie, da gibt es Volksabstimmungen, wie in der Schweiz. Aber ohne Volksabstimmungen, da ist das keine Demokratie, sondern eine Republik. Da war sich Peter ganz sicher. Repräsentative Demokratie, so ein Quatsch, dachte Peter. Genauso wie das Wort „naturidentische Aromastoffe“. Das waren auch bloß „repräsentative Aromastoffe“. Je öfter man zu einem chemischen Produkt „naturidentisch“ sagen würde, um so schneller würde das Volk das Vertrauen in die Produkte verlieren. Das ist doch logisch. Peter war klar, das war der Grund, warum so viele Leute die Rechten wählten. Diese gigantische Lüge der repräsentativen Demokratie machte die Rechten stark. Die Rechten logen auch, nur noch nicht so lange.

Das ist doch alles so klar, dachte Peter. Die ganzen Worte hier, die waren alle falsch. Hier gab es nichts mehr zu diskutieren. Hier gab es keine Freiheit mehr. Alles war falsch und faul. Perfekt glänzend wie eine Erdbeere mit der Konsistenz und dem Geschmack eines Kohlrabis. Peter wunderte sich, dass außer ihm das niemand zu wissen schien. Niemals zweifelte einer der Politiker oder einer der Nachrichtensprecher an der Demokratie in diesem Land. Peter wollte es allen erklären.

Er ging zum Mitteldeutschen Rundfunk und wollte seine Erkenntnis allen mitteilen. Nur fünf Minuten, am Ende der Nachrichten. Mehr brauchte er nicht. Aber er kam nicht einmal am Pförtner vorbei. Der ließ ihn abblitzen. Die waren an der Wahrheit überhaupt nicht interessiert, die vom Mitteldeutschen Rundfunk. Peter erkannte, dass er keine Chance hat, dort seine Erkenntnis zu verbreiten. Der MDR war ein Ratatouille aus Gummigemüse.

Oder doch. Peter wusste es. Er musste eine Selbstmordanschlag verüben. Dann wäre Peter in allen Nachrichten. Sofort. Das mussten die senden. Das war 100-Prozent sicher. Den MDR, den würde er sprengen. Peter legte sich einen Sprengstoffgürtel um. Verkleidete sich als schwarzbezahlte 450 Euro-Putzfrau mit Bundestagsputzerfahrung. Borgte einen Doppelfahreimer, klaute einen Wischmopp. Und schon stand er im Büro der Intendantin des Mitteldeutschen Rundfunks. Hätte er gar nicht gedacht, dass er es bis dahin schaffen würde. So einfach. Er zündete den Gürtel. Nichts geschah. Peter hatte nicht gemerkt, dass die Auberginen nach Düngemittel rochen. Es fehlte der typische nussige Duft der natürlichen Aubergine. Peters Auberginen waren bloß lasche Wasserbomben. Gummigemüse, aufgezogen in Nährlösungen. Hatten nie in richtiger Erde gewühlt. Diese Supermarkt-Auberginen waren so falsch wie die Demokratie. Nur richtige Auberginen können platzen. Peters ansonsten makelloser Sprengstoffgürtel lief aus. Es war vorbei. Peter hatte die letzte Chance zu Wahrheit verpasst. Peter wusste es.

Gummigemüse

http://www.anonymekoeche.net/ , 24. Mai 2009 / Claudio

Im Moment haben wir einfach nur Wetter, Wetter, Wetter. Man kommt ja gar nicht mehr zum Bloggen ob den vielen Grillfeuern, die entfacht und Freunden, die warm gehalten werden wollen. Den Türken sei Dank gibt es einen Salat, der schlichter nicht sein könnte: Patcan Salatas. Im Sommer ein perfekter Begleiter zu gegrilltem Fleisch. Ansonsten auch als erfrischende Vorspeise (Mezze) zu orientalisch angehauchten Menüs.

Es gibt, zugegeben, verschiedene Zubereitungsarten für diesen Salat. Mit Jogurt oder ohne, mit unterschiedlichen Gewürzen, Knoblauch, Zwiebeln, Zitronensaft und Öl. Kann man alles weglassen. Über die Jahre habe ich zu einer ergreifend einfachen Version gefunden. Es gibt übrigens auch verschiedene Auberginen: Bitte keine dieser spanischen Attrappen (vgl. franz.: attrape = Falle). Die sehen auch nach Wochen rumliegen noch aus, als wären sie aufblasbares Gummigemüse: makellos und aufgepumpt. Ich kaufe meine nach Möglichkeit beim türkischen Gemüsehändler. Sie sind von der Form her etwas schlanker und weisen da und dort unbedeutende Makel auf.

Die Aubergine waschen, trocken tupfen und unzerteilt in den 200 Grad heissen Ofen legen. Übervorsichtige stechen sie mit der Gabel mehrmals ein, weil sie sonst platzen könnte – am ehesten wohl die spanischen …Nach 30 bis 40 Minuten ist die Aubergine gebacken und die Haut schön schrumplig geröstet. Am nussigen Duft erkennt man sofort, ob es eine gute Aubergine ist. Eine Hors-Sol-Wasserbombe würde nur auslaufen und nach Düngemittel riechen. Die Haut lässt sich sehr leicht abziehen. Wenn sie etwas ausgekühlt ist sogar ohne, dass man sich dabei die Finger verbrennt. Anschliessend das Fruchtfleisch in kleine Stücke schneiden.

Zum Schluss wird einzig und allein Naturjogurt unter das Auberginenfleisch gehoben.

Tango Blues, Neujahr 2018

In der Mühle drehen sich die Körper
An einer Tasse halten sich einsame Herzen fest
Dichter Nebel umhüllt die alternden Köpfe
Tragen schlurfend zur Schau ihre Lust

Vertief den Augenblick : hauch den Atem
Mit halbgeöffnetem Mund ins Ohr
Des Fremden an deiner Brust : spürst du sie
Auch : die bunten Raketen im Bauch

Wieviele Lieben ruft der Tango herbei
Wieviele Lieben brechen beim Tango
Entzwei : die Körper drehen sich
Dampfend entweichen die Seelen

Vorbei ist das Tänzchen : mit halbfeuchten
Händchen lauert hinter den Säulen der nächste
Noch hält er sich an einer Tasse fest
Das letzte Haar am Hinterkopf : verwirbelt

Schweißperlen mischen sich : mein Gott
Wie schön : mit diesem Geruch
An der Backe : kommst du
Niemandem sonst nahe : Hilfe

Was mach ich bloß : ich gehe
Drüber weg und weiter : in der Mühle
Drehen sich die Körper : manche
Stehen : hören auf : sich zu sehen