No Quarter (Flucht und Wiederkehr XXIII)

„Entschuldigen ‚Se bitte die Störung!“

Eine eingeübt akzentuierte Stimme mit berliner Zungenschlag durchbricht die vorsommergetränkte, spätnachmittagliche Dösigkeit eines halbleeren S-Bahn-Wagons zwischen Hackescher Markt und Alexanderplatz. Jüngere Touristen-Kleingruppen, mittelständische Arbeitnehmer/Innen und zwei 55-65-jährige Golfclubmitgliedsehepaare räkeln sich im warmen Licht. Der Fernsehturm glänzt nah.

„Bei meiner Hündin Cora wurde ein Tumor an der Lendenwirbelsäule festgestellt und ick samml‘ nun, um für ihre Operation ‚ufzukomm’n. Ick danke allen, die dabei helfen möchten vielmals, allen anderen wünsch‘ ick noch ’nen schönen Tag!

Der Mittzwanziger – er könnte vielleicht auch zwanzig oder dreizig sein – schulterlange Haare, blaues Trikot der Squadra Azzurra, schreitet, leicht verschlagen aus einem rundlichen Gesicht blickend, fordernd den Wagon ab. Irgendwo hinten redet er mit jemandem, es klirren ein paar Münzen.

Am Ostkreuz auf dem Bahnsteig der Ringbahn und anschließend auf dem Weg nach Neukölln im S-Bahn-Wagon herrscht eine bunte, enger zusammengedrängte Mischung, die trotzdem vor allem eindrucksvoll Relaxtheit ausdünstet. Eine blonde, dicke Deutsche mit Hündchen, ein paar freundliche türkische Jungs, ein paar, etwas ältere, prollige türkische Jungs – anderswo im Wagon ihre artigen, weiblichen Gegenstücke mit dezenten Kopftüchern -, etliche Vietnames/Innen, dazu eine Ostasiatin mit Seidenkopftuch, diverse deutsche junge Männer – kurzrothaariger Nerd mit Handy und Bauch, gestreiftes Hemd-Gel-BWler, Max Mustermann Metalfreak, HippieBackpacker123-, sich stolz als Schlampen Bezichtigende, einige Spießerinnen-Antikörper, sowie Originale und Klischees in einem, buckelige, braunrunzlige Mütterchen mit Einkaufstüten voller Gemüse hier – welch ein Leben!! -, Opis mit AfD im Kopf da – „Ach, welch ein Leben?“. Und natürlich der, dessen Großvater wohl aus Italien nach Berlin kam – vermutlich mit einer Cora in Gedanken, aber ohne kranken, imaginären Hund.

Das Publikum strömt aus der Bahn, begrüßt Neukölln mit einem schnatternden Gemisch aus Geräuschen, Gerüchen, Gesichtern und Gelüsten – und Neukölln grüßt zurück; die Familien vor dem Gemüseladen, die Jungs beim Kebab-Grill, in der Nähe davon die, die sich Schlampen nennen – und natürlich die Drogis. Einer von ihnen, der blau schillernde, vorgebliche Hundeliebhaber, gibt einem jungen Araber – 16 oder 18 – die Hand, sie tauschen einige, gemurmelte Worte aus, stehen nebeneinander an der Ampel, schauen sich kurz vielsagend, zustimmend an. Sie haben vereinbart, sich in Kürze an einem, beiden bereits bekannten Übergabeort zu treffen und gehen – in sich ruhend – auseinander, einer nach rechts, einer geradeaus, auf dass das Depot unendeckt bleibe, da es unwahrscheinlicher wird, dass etwaige Zivilpolizisten die Verfolgung beider gleichzeitig aufnehmen.

Aus Hamburg anreisend, erstaunt die ins Gesicht lachende Zurückgelehnheit der verschiedenen Glieder der Gesellschaft Berlins (nicht, dass sich die eben geschilderte Szene in St. Georg nicht ebenso abgespielen würde, aber mit Sicherheit deutlich gehetzter)  – und es scheint, als seien diese Merkmale nicht dem ‚juten‘ Wetter  (welches die Effekte vielleicht besonders hervorzuheben mag, nicht jedoch zu verursachen), sondern vielmehr der berliner Weitläufigkeit einerseits und der trotz aller Modernisierungen vieler Stadtteile noch immer immanenten, latent klaustrophobischen, nur durch abgrundtiefe Gelassenheit der Einwohner zu konternden Morbidität dieser Stadt andererseits geschuldet.

Wie Clochards, die ihre Zahnlücken lächelnd zur Schau stellen, zeugen davon laute, rüttelnde, pissgelbe U-Bahnen mit einem arschegalen Schmunzeln, Fahrkartenautomaten, die nicht in der Lage sind Scheine anzunehmen und zwei grau ummantelte 4:3-Fernseher am Bahnsteigende (die die Länge des Bahnsteiges abbilden, da die Zugführer wahrscheinlich über keine Monitore in ihrer vormittelalterlichen Kabine verfügen); Ihr könnt uns mal, Prost!

Am Kottbusser Tor empfangen Graffitis, dreckschwarze Wände, Taubenscheiße, Überführung, Betonburgen.

Zeitgleich findet in Mitte im „Kreativquartier“, den miteinander verbundenen Heckmann-Höfen zwischen der Tucholsky~ und der Oranienburger Straße, einer von zahlreichen Workshops für Irgendwasmitlebensfreude statt. Nebenan ein Laden mit anspruchvoller japanischer Töpferkunst, ein artsy-fartsy Cafefe, dazu Hipstershop 1, Hipstershop 2, Musikprojekt X usw. usf.

Der Kontrast macht diese Stadt dicht, das diffuse Überleben neben dem verträumten Erleben neben dem sirenenhaften Nachhall preußischer Pflichtversessenheit. Mit seinem berühmten Bild der Erdolchung eines Königs wirbt die aktuelle Max-Beckmann-Ausstellung, auch Plakate der Ausstellung „Sparen – Geschichte einer deutschen Tradition“ im historischen Museum hängen, zu zwei Fünfteln weiß gehalten, aus.

Das von Seyfried in den späten siebziger~ und frühen achtziger Jahren des mittlerweile fast zwei Jahrzente zurückliegenden, vorherigen Jahrhunderts gezeichnete, abseitige Berlin existiert weiterhin fort, wie ein legendärer Alligator in der Kanalisation, wie ein unsterblicher Bandwurm, eine befruchtete Bettwanze oder unheilbare Tuberkolose, es duftet nach nach anarchischer Commune, nach sozialer Ausstoßung und Traditionsfamilie zugleich.

Es ist der Abszess am Arsch und die Warze auf der Nase der Villengolfer, es ist ihre Botox-Fehlspritzung, ihre gescheiterte Ehe und der Tumor an der Lendenwirbelsäule ihrer Lieblingshündin. Und das ist gut so.

Solidaritätskippa oder die Reise zum toten Mehr (Flucht und Wiederkehr XXII)

Dieses eine, seltene Gefühl, das einen beispielsweise überkommt, wenn im Frühling der Himmel grau, windig und regnerisch, aber die Blätter der Straßenbäume jung und grün sind, wenn beschmierte Klinker-Häuserwände sich mit kleinen, bunten Altbauladengeschäften abwechseln – die eine Hälfte des Gesichtes traurig sein und die andere lächeln will.

Kurz vor Beginn der ersten Intifada steht der Junge – fünf Jahre alt – vor einem, ihm wie ein riesiger, bearbeiteter Monolith einer fantastischen Küste, ja eines fremden Planten entraubt erscheinenden, grauen Betonklotz inmitten der unbarmherzigen Hitze eines, so hatte er – erzogen von atheistischen Wissenschaftlern – gelernt, ‚heilig‘ genannten Landes.

Seine Eltern und er, nach ihrer Ankunft ob ihrer Herkunft und Sprache mehrmals wie aus dem Nichts übelst, fast handgreiflich beschimpft, setzen ihm rasch eine kleine Kippa auf und betreten das Gebäude mit ihm. Er versteht nicht, was das gedämmte Licht, was die Tafeln mit den vielen Namen, die Bilder der so unglaublich mageren Körper, mit ihren traurigen und teilweise unendlich leeren Blicke bedeuten, er fühlt sich unangenehm berührt, empfindet gleichwohl, der kindlichen Gabe zur Empathie entsprungen, Pietät und schweigt, nicht wagend, den ihn umbegebenden fremden Gesichtern seine Antwort auf die Last der Zeit, die er der Welt an diesem Ort zu schenken bereit ist, offen zu bezeugen.

Er war zuvor durch Wüsten gefahren, hatte in Salzlake gebadet, belebte Basare und verfallene Stätten besucht, eine davon hoch oben auf einem Berg, durfte, auf dem Weg durch dieses öde und doch so wunderschöne Land auf den Schultern seines Vaters eine Pomelo am Rande einer Plantage abpflücken und im Garteninnenhof eines Freundes der Familie das unglaubliche reiche Bouquet jener Blumen erschnuppern, die dort gedeihen, wo die Sonne, anders als in seiner Heimat, Gesetz ist. Ein unsichtbarer Gott, ohne Namen – Richter ist Er.

In Betlehem war man mit ihm in eine Grotte, die Geburtshöhle hieß, herabgestiegen, auch dort schien ein diffuses Licht, doch die Wände schmeichelten – leicht feucht, fast rund, als hätten die Hände tausender Besucher sie geglättet – und der Weg gewundener, ohne Ecken und Kanten gespickt, ja, das einzig gerade dort unten, dachte er, hatte in den Planken der Stege und den Brillen der Besucher bestanden. Er erinnerte sich daran, den Ort genossen zu haben, vielleicht nicht so sehr wie den Garten, das Picknick mit der selbstgepflückten, unbekannten Frucht, oder den Blick vom Berg in die schier endlose Ebene, aber doch, es war angenehm gewesen dort unten.

Hier hingegen, so überkommt es ihn, war ein bleierner Vorhang zwischen allem, was ihm in diesem Land begegnet war gezogen worden, der Ort war der Ausdruck purer Hoffnungslosigkeit, alles Organischen beraubt, die unmenschliche, dunkle Strenge der Formen dieses Gedenkens bedrückte ihn, drohte ihn zu begraben, zu ersticken, jene ausweglose Ernsthaftigkeit eines unvorstellbaren Mordgewitters, dessen Essenz anschließend zu diesem Sarkopharg erstarrt war und nun mit seiner kleinen Seele rang. Ein Lächeln, war er sich sicher, nur ein stilles Lächeln voller Hoffnung und Liebe konnte ihn, konnte die Welt von dem Fluch, der diesem Ort innewohnte, erlösen.

Herausragendes Exemplar mit grauen Wangen

Sie fügte sich so geschmeidig in die immer kleiner werdende Normalität, wie der Begriff von Experten definiert wurde, dass jeder Spaziergänger sie fast übersah. Doch da sie nichts hatte, woran man sich stoßen konnte, gab es auch keinen Zusammenprall.
Wenn sie über die Entwicklung nachdachte, die das Normale mit den Jahren durchlaufen hatte, war sie für einen kurzen Moment mit sich im Einklang. Man könnte fast meinen, sie freute sich, dass es stets strengeren Regeln unterlag und weiter nach oben korrigiert wurde. Neue Diagnosen wie disruptive Launenfehlregulationsstörung stellten in Frage, was sich bisher noch innerhalb des Rahmens befand. Dadurch konnte sie – die im Alltag Unscheinbare – glänzen. Sie funktionierte. Ja, sie war einwandfrei. Unerhörte Dinge wie Gefühle hatten in dieser Welt nichts verloren, waren jedenfalls nur zu bestimmten Anlässen zugelassen. Das wusste sie, und sie verstand es, das dünne Seil der Vorgaben um ihren Körper zu wickeln, ja sogar damit zu tanzen. Einmal im Leben war sie bereits mit dem Tod konfrontiert worden. Einen Augenblick hatte sie geweint – eben jene erwartete Regung. Anschließend ging sie zum Alltag über, als hätte ihr Chef auf eine Taste gedrückt, die diesen Effekt bewirkte. Mehr als zwei Tage Niedergeschlagenheit entsprachen nicht der Norm dieser Gesellschaft, die sie stets so hervorragend repräsentiert hatte. Das nannte man stark.
Doch dann passierte etwas. Sie hatte geglaubt, auf alles vorbereitet zu sein. Die Erkenntnis aber, dass sie an dem kleinen Absatz nichts ändern konnte, der zum Regelwerk für alles nicht Normale hinzugekommen war, löste eine tiefgreifende Wandlung in ihr aus. Jedenfalls schien ihr das so. Als sie nämlich an jenem Morgen vor dem Spiegel stand und sich das Haar richtete – gescheitelt und streng, wie es sich gehörte – war die Haut ungewöhnlich fahl. Sie trug ein schwarz-weißes Kostüm, das gut zu dem Grau ihres Gesichtes passte. Warum war es auf einmal so verfärbt?
Sie versuchte, auf die Augen zu achten. Sie wirkten unverändert, doch das Gesicht nahm insgesamt knochigere Züge an und das Kinn ragte spitz nach vorne. Plötzlich teilten sich die Augen und auf jeder Seite gingen zwei einzelne Augen ineinander über. Sie erschrak. Sie begann doch nicht etwa, zwei Personen zu werden? Vier Hände, doppelte Arbeitsgeschwindigkeit … Wäre das nicht sogar praktisch? Rasch verwarf sie den Gedanken wieder. Nach einigen Minuten verschwand der Effekt und die Augen rutschten übereinander, dass nur noch eins auf jeder Seite zu sehen war.
Sie rieb sich über das Gesicht, blickte noch einmal genauer in den Spiegel – alles schien wie gehabt – und zog sich Schuhe und Mantel an. Erst auf der Straße fühlte sie sich wieder seltsam, glatt und kalt. Ihr Gewicht hatte schlagartig zugenommen, allerdings konnte sie sich immer noch hervorragend bewegen, vielleicht sogar besser. Zwar machte ihr Knie von Zeit zu Zeit ein quietschendes Geräusch, doch nichts war mehr ermüdend. Sie blieb einen Moment stehen und hob und senkte das Bein. Sie spürte gar nichts. Es fing an zu regnen, doch die Wassertropfen perlten von ihrer Haut ab, ohne dass Feuchtigkeit zurückblieb.
Eigentlich hervorragend, dachte sie. Aber war das wirklich so vorgesehen? Glaubte sie dem neuen Krankheitssyndrom, das heute Morgen durch die Nachrichten flackerte, war ihr Glück dahin. Zuvor war ihr all das nie aufgefallen. Doch jetzt war ihr Körper präsent und ihr Denken hatte eine Richtung entdeckt, ausgelöst durch dieses neue Wort, eine Richtung, die sie noch nicht kannte. Sollte sie sich krankmelden? Nein, das war unmöglich. Sie öffnete die Tür zum Büro, ging an ihren Platz und fuhr den Computer hoch. Auch ihre Finger hatten sich verändert. Einen Hauch zu metallisch wirkten sie, und wenn sie an die Gelenke fasste, blieb ein öliger Schleim zurück. Sie hatte Angst, ihr Chef würde es entdecken. All die Dinge, die ihr sonst eine gewisse Befriedigung gaben – zum Beispiel, dass sie von den Mitarbeitern am schnellsten tippen konnte – waren auf einmal zu einem Unsicherheitsfaktor geworden, zu einem großen Unbestimmten, das ihr vielleicht bald den Boden unter den Füßen rauben würde.
Mittags hielt sie es nicht mehr aus und verließ das Gebäude. Als der Chef sich bei ihr verabschiedete, nicht ohne einen besorgten Blick auf sie zu werfen, sagte er: „Du hast hervorragende Hände“. Hatte sie das? Natürlich. Jetzt wusste sie wieder, dass alles im Lot war. Sollten sie doch machen, was sie wollten, „Temporäre Maschinisierung“ war kein Syndrom. Nein, eine Stärke. Hatte der Chef das nicht mit seiner wenig subtilen Bemerkung persönlich angedeutet? Bei dem Gedanken ging es ihr wieder besser.
Am nächsten Morgen, als sie mit einer quietschenden Fingerbewegung den Wasserkocher betätigte, akzeptierte sie, was geschehen war. Sie wusste: Das alles war nicht weiter schlimm. Die graue Farbe, die metallische Glätte, sie konnte beides zu ihrem Vorteil einsetzen. Die anderen waren nur noch ein Blatt Papier. Sie konnte darüber laufen; sie konnte es beschreiben oder mit schwarzen Tintenflecken bespritzen.
Sie dagegen war hart und glänzend, mit silbernen Rädchen, wo einmal ihre Knie gewesen waren. Ein Markenname.
Ein 30 Jahre altes Modell, sagte ihr Chef und goss Öl ins Getriebe.

Der Idiot in der Sandkiste

Man sagt, der junge Mensch lerne durch nachahmen.  Übernehme Gewohnheiten. Gibt somit Traditiertes weiter. Häufig ungefragt, unreflektiert. Nur ab und zu wird weiterentwickelt.

Was, so frage ich, was, wenn in eurer Sandkiste auch nur ein einziger Idiot unter euch euch war?

 

The Egoism of Genius (I)

Trägheit
Völlerei
Eitelkeit

Hodenkunst

(… bei wem-auch-immer
es staubig ist …)

? Personen trinken Kaffee für
1 € pro Tag. Payable Psychiatrie.

Neid. Testaments-Vollstrecker.

(Knorpelfische sollten dichten)

oweh Aquarium Marienheim.

A Day In The Life (Flucht und Wiederkehr XXI)

„Elle est de Livron-sur-Drôme“, flüsterte ein Geist. „Liesville-sur-Douve!“ ein anderer, „Les Sables-d’Olonne!“ der Dritte. Oh, das kenne ich, da war ich schon, erinnerte  sich der Zeitreisende mit großen Augen und ein Sommer streichelte seine Neuronen.

Die Sonne schien hell, ein Wesen – mir zutiefst ähnlich und doch fremd, eines lebendigen Spiegelbildes gleich – saß in der Küche am Fenster und im gleißenden Licht tanzten kleine Staubpartikel freundlich flirrend umher, während im Garten, hinter der Terrasse, silbrige Gräser wie Harpien durch Februarwind nach Beute jagten. Alles schien synchron, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft.

Das Bad, dessen hellrosa Granit atmete und zerfloss, ihr Haar, einen Körper umschmeichelnd, dessen Umrisse Botticellis Venus nie ähnlicher gewesen waren, Reflexionen des schaukelnden Wassers, überall Lachen, ein Lachen voll des Glücks ob des Lebens, voll der Angst ob des Todes, ein Lachen, alles zu vergessen und für ewig in Wellen aufzugehen.

Die Gedanken an Verrottung durch Alterung, an Rettung, Unsterblichkeit – Galaxiehaufen umfassende Superzivilisationen erstanden auf und versanken – Ahnungen vom Größten im Kleinen, Synapsenclustern und Frieden des Atmans; schwebender Staub im warmen Sonnenschein hinter einer, den Winter aussperrenden Scheibe — die Gedanken.

Jana dreht’s

Der Brummbär aus dem Radio
Liebt das Liebesleben
Niemand stiehlt ihm seine Show
Kommt er : dann sei ergeben

Er ist im Radio ein großer Mann
Im Leben nur ein Kleiner
Er sieht dich und er macht dich an
Du denkst : was für ein Feiner

Spricht schöne Worte
Die dich heiß umgarnen
Sein Schnäuzchen leckt an deiner Pforte
Weiß das Begehren gut zu tarnen

Am ersten Tag schon flötet er
Von Heirat und von Kindern
Da gibts kein langes Hin und Her
Was kann euch jetzt noch hindern

Er spießt dich auf
Und du kommst auch
Da steht er drauf
Wie kribbelt es im Bauch

Dann fliegt er flugs nach Haus
Schreibt dir : wie wundervoll
Da weißt du wieder : es ist aus
Und weißt nicht was es soll

Der Brummbär brummt ins Radio
Als wäre nichts geschehen
Sie geht weiter : seine Show
Er hat dich nie gesehen …

Tbilisi : am Ende

Es gibt Berge und einen Fluß
Frische Luft oben im botanischen
Garten : Kletterpartien

Solange die Bagger die Berge
Noch nicht beseitigt haben
Für neue Häuser : während

Die Altstadt einstürzt : hier und da
Leben noch Menschen
In den Ruinen : tatsächlich

Gab es hier Krieg : die Kriege
Zogen an Tbilisi vorbei
In den letzten einhundert

Jahren : allein die Zeit
Nagt an den Häusern
Vierzig Regenarten : die

Das Georgische kennt
Georgische Redensarten
Hinter den Brotlöchern

Werden Ideen gebacken
Ganztägig frisch : nicht nur
Am Morgen : in den Kellern

Der Bäder quillt Schwefel
Aus dem Gestein : reinigt
Gehetzte Körper : wie schwer

Atmen sie im Verkehr : der
Leichtgängig fließt
Durch die Ritzen zwischen

Den Häusern : er nieselt
Der Geldkraft folgend
Meidet die Berge : kreist

Um den Fluß : ißt du
Seine Fische : stirbst du
Am Krebs

lueckenschluss | lippenbekenntnis (string-tanka L)

die luecke im buecherregal / ich schliesze sie / mit einem papierfalter / und musik // deine lippen / ahmen ein gedicht nach

augenblicke

seine augen füllten sich mit häusern, straßen zwischen den häusern, fahrenden autos, gehwegen und menschen, ladengeschäften mit kleidern, koffern, schmuck und brillen in den auslagen. und auf einmal tat ihm der kopf weh. der schmerz wanderte vom hinteren ende des auges in die stirn, ins innere der ohren, und zog an der innenseite der schädeldecke über den hinterkopf bis in den nacken. w. wurde schwindelig, er taumelte und ging in der fußgängerzone zu boden. er spürte noch den harten aufprall auf den polierten granitplatten im ellenbogen und steißbein. dann wurde ihm schwarz vor den augen.

die sonne war eine große scheibe aus kupferblech. hängte ich sie hoch in das zelt meiner kindlichen erinnerungen, türmten sich landschaften neben ihr auf, spiegelte sich ihr licht in flüssen, die den zeltboden in verbotene und verbotene länder teilten.

die versuchsanordnung war folgende: ein dichter sollte in einem völlig dunklen raum ein liebesgedicht an eine verflossene geliebte schreiben, in dem die wörter ich, du, wir, liebe, lieben, kuss, küssen, auto und autobahn nicht vorkommen. das gleiche galt analog für eine dichterin. hier die ergebnisse:

fahren die züge nach armenien
weinen die menschen in den abteilen
angesichts ihrer erinnerungen
an die umgekommenen
der sintflut

über die dächer gehen
ist ein alter traum der menschheit
und eine weißstörchin beobachten
kurz vor ihrem flug nach afrika
staunen im garten die kinder
zu ihr hinauf

die alpenseglerin war eine gletscherkundlerin, die die klimaerwärmung erforschte. ihre hände ertasteten die luft und den schnee, ihre flügel überspannten das tal, in das sich menschen geflüchtet hatten, die aus ihren träumen erwachten. für sie gab es keine rettung, keine rückkehr mehr.

w. hatte seine sammlung um eine muschelschale erweitert. diese legte er zwischen das pfennigstück und das welke, gepresste blatt eines bergahorns.

manchmal fiel w. das wort menschen schwer. dann spielte er robinson und wartete auf freitag.

w. war eingekesselt: hinter ihm stand der mob der demonstranten, vor ihm eine hundertschaft polizisten, ausgerüstet mit helmen, schilden und schlagstöcken, dahinter ein wasserwerfer. ein paar meter neben w. zitterte das mädchen.

zerfloss die stadt in einem park um ein altes gartenhaus mit hohem dach, machten wir uns einen frauenplan, stolzierten die esplanaden entlang, winkte uns aus einem schaufenster eine junge gräfin zu, eine angehende buchhändlerin. dichtkunst muss ansteckend sein. [einmal hatte ich einen oleander nach der gräfin benannt, rosafarben, gekauft in der gärtnerei des familienschlosses, überlebte er den ersten winter nicht.]

plötzlich standen wir vor einem massengrab. mord muss eine deutsche tugend sein.

gesang zwei

die versuche über den wald liefen ins leere
kreisten schwarzstorch und waldrapp um ein neutronengeschoss
lag es verschattet neben der luftwurzel eines baums
suchtest du in stadt und dorf eine straße
die heraus führte aus dem grün

in ein nebelgebiet über flussauen
mischten sich stimmen mit den flügelschlägen von wörtern
die über dir kreisten
und einen namen riefen
indem sie das verschwiegene aussprachen

suchtest du weiter die liegengelassenen
augen und münder deine haare
auf denen du wiegenlieder spieltest
für ein totgeborenes
mit kristalliner struktur

[webtest du wasserzeichen in ein mandelland]

Haugemer Fasnacht

andere sii welle

d‘ kinder un au d‘ erwachseni
alle verkleidet
wie wenn se andere sii welle
als sie sin‘
vielliicht sin‘ sie’s au
für e stund oder zwei
wer ka’s wüsse

.

d‘ gugge

d‘ gugge trommle un bloose
ä lärme
wie numme sälde im läbe
spöter
wenn d‘ heimgohsch
isches numma no still

.

do schtohsch

du wirfsch es konfetti in d‘ höh
s‘ werde träum
rosani orangeroti schwarzi un wissi
sie falle z’ruck
dir grad vor d‘ fieß
do schtohsch
vor dine eigene träum

.

(* Der Dialekt wurde lektoriert von Elfra Sandmann, Lörrach, der ich herzlich dafür danke!)

.

Im Schwefelbad

Dicke Autos parken am Abend
Vorm Tor : in der maurischen
Mauer : Mosaike : zwei Diener

Ein Junge : ein Mädchen
Huschen mit Wischzeug
Bewaffnet über den Flur

Der Chef im maßgeschneiderten
Anzug schaut von Zeit zu Zeit
Vorbei : Familien treffen sich

Müde Mütter in Konkurrenz
Zu aufreizenden Töchtern
Die pickeligen Söhne

Interessiert dieses Bad nicht
Wiewohl : sie könnten es
Gut gebrauchen : Geschäftspartner

Treffen sich hier mit einer blonden
Frau in der Runde : erst wird Spaß
Dann ernst gemacht : sanft

Reinigt der Schwefel jede Pore
Und die Ehefrau erfährt nichts
Davon : außer bei Zahlungsverzug

Wie ätzend wirkt da der Schwefel
Als Schüler tauchte ich Leiterplatten
Ins Bad : es schälte kupferne Bahnen

Heraus : hier wird der Partner
Geschält : zeig dich nackt
Und ich leih dir mein Geld

Oijoijoijoijoi, wo hab ich denn jetzt bloß de Brille

So gehts los. Jedesmal geht es so los. Du bist fröhlich, gut vorbeitet, willst jetzt endlich loslegen. Und dann kommt es: „Oijoijoi, wo hab ich denn jetzt bloß de Brille. Oijojojoj, wo hab ich denn jetzt bloß de Numma.“ Du spürst, wie deine gute Laune in Wut umschlägt und der Blutdruck nach oben geht. „Ach wissense, ick seh so schlecht.“ Dein Herz fängt an, stärker zu pumpen. Du merkst, dass du einen Körper hast, und der tut weh. „Is so dunkel hier. Warten se mal, ick muss ma ans Fensta gehn. Oijoijoj, wo hab ick se bloß…“ Du rutscht unruhig auf dem Stuhl herum. Von draußen drängt die Sonne herein und macht „dreieckiges Handtuch“ auf der Pappwand vor dir. Du denkst an die Pappnase vom letzten Dienstag und lächelst, jetzt sichtlich besser gelaunt, schadenfroh in dich hinein. Der am anderen Ende hat immer noch keine Brille und keine Numma und raschelt nervös mit Papieren. Du lachst. Du lachst, erst leise, dann herzhafter. Kleine Fliegen kommen dir aus dem nächstgelegenen Blumentopf entgegen und kreiseln, im letzten Lebensdrittel angekommen, vor dir auf dem Tisch. Du lachst. Die Sonne brennt sich in die Fensterscheibe, lässt sich nicht mehr durch Rolläden und schmieriges Glas ausbremsen. Du lachst und wächst aus dir heraus, du zeigst es allen, du drängst aus dir heraus und mit geballter Lebenslust schallt es aus dir: „Macht nichts. Dann schaffen wir es eben ohne Brille und ohne Numma.“

Replik (Realschulniveau)

Meine Freundin Tara

sagte heute:

Im Iran

hatten sie

ein Bett für Opa, Papa, Bruder

und der Rest

also Oma, Mama und Tara

kam in den Stall

gleich nebenan.

Aber  hier in ihrem winzigen Zimmer

in der Bornhoevedstraße

hat sie allein für sich

ein Bett.

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(aufgezeichnet nach Berichten einer 14jährigen Deutschen, die mit ihrer neuen Banknachbarin Tara über deren ehemalige Heimat Iran geredet hat)

Amtspost

Mein Freund Ali
sagte gestern:
im Iran
hatten sie
einen Papierordner
für Opa, Oma, Eltern
und den Rest
aber hier
in seinem winzigen Zimmer
in der Friedensstraße
hat er allein für sich
zehn Ordner.

nocturne (elfter gesang)

wer mich kannte wusste
dass ich gedichte vom himmel herunter log
in ihnen schwammen fische durch leuchtreklamen
stiegen über den schildern luft- und sprechblasen auf
in die lichtglocke über der stadt
wurden stimmen beschworen
urtümliche laute aus u-bahnschächten
mischten sich mit dem rascheln der lindenblätter
vom warschauer platz vom czernowitzer platz
vom donauufer in budapest und vom schwarzmeer bei odessa
wer mich kannte wusste
dass in meinen vom himmel herunter gelogenen gedichten
am horizont schneeberge aufragten
über sie zogen singschwäne in ferne geschichten
die an orten wie teheran und kabul spielten
dort standen mädchen am straßenrand
und winkten burschen bei reiterspielen zu
später weinten die mädchen
wenn die toten körper der burschen
auf lastwagen in die stadt zurückkehrten
wer mich kannte wusste
dass selbst das blau am himmel lüge war
in ihm spiegelten sich die augen von geckos
die an hauswänden hockten und auf das ende der zeit warteten
menschen beobachteten die tiere und glaubten
sie brächten ihnen glück
die augen der menschen leuchteten dann blau wie der himmel
ich bog um die nächste straßenecke
sah fische und hörte singschwäne
und die nacht und die lügen nahmen kein ende

Skylarking (Flucht und Wiederkehr XX)

Da Menschen des Stromes aus ihren konditionierten Träumen erwachen, ist der junge Tag noch gehüllt in den Leib der Nacht; doch rufen Trommeln aus dem fernen Tempel, die Kontinuität des Seins und der Zeit zu ehren. Die Fellachen hoffen auf Verkündigung des heliakischen Aufgangs – der Rückkehr des Sirius nach siebzig Tagen – und mit ihr, nährender Milch gleich, des reichen Schlammes ihrer Felder.

Kahle, geschminkte Priester vibrieren in Trance, andere verteilen eine starke Tinktur des blauen Lotus. Es ist kalt, gemurmelte Gebetsformeln perlen wie Tau aus Kehlen, da mehr und mehr Versammelte sich übernatürlichen Gesängen ergeben, die nun wie Honig aus dem Inneren des Heiligtums fließen, ja zu tanzen scheinen. Nach und nach, ähnlich einer kollektiven, hypnotischen Verwandlung, invertiert ihr Bewusstsein von Alltag und Überlieferung. Dann, kurz vor der Morgendämmerung, beginnt  der Tempel, die Ankunft der Götter verheißend, magisch zu glühen.

Die Hohepriester, kundig des mittels mystischer Symbolik kodierten Wissens der Anderweltentränke, architektonisch hervorrufbarer Tonfrequenzüberlagerungen, wie auch jener elektrischen Effekte unterschiedlich leitender Baumaterialien oberhalb riesiger, unterirdischer Wasserkavernen, treten nun, verliebt in die eigene Allmacht und als Halbwesen gekleidet, flüchtig im Halbschatten tausender Jahre auf.

durch.blick

kälte die ankommt
wie ein reisender
aussteigt – sich umsieht

im schneetreiben
der himmel ist offen
zähmst du die gedanken

nur eine flocke
spüre ich
in deinem blick

reflexion

an schüchternen tagen
flüstert der baum
fallen blätter

leise

windlaunig auch
mein leben ohne dich
in nur einem einzigen gedicht
steht dein name

seebestattung

die fische haben ein eigenes totenreich
nur dort können sie unter sich sein
sie betreten es über spaltöffnungen
an der unterseite des meeres
gesunkene schiffe und ertrunkene seeleute
haben keinen zutritt
in ihrem totenreich atmen die fische feuerluft
die ihnen ein kolibri zufächelt
in ihren ewigkeitsgedanken
trinken die fische die weisheit der welt

Im Kleinen Kaukasus

In der Schlucht zwischen kargem Gestein
Hat Sergo seine intakte Familie eingerichtet
Vierzig Schafe : zehn Kühe : acht Kälber
Hühner : ungezählt : den Großvater

Die Ehefrau : einen Sohn : eine Tochter
Jeder hat seine Aufgabe : er baut
Und holt die Gäste von der Straße ab
Durchs Geröll mit dem Jeep : robust

Muß das Fahrzeug sein : sie kocht
Und kassiert die Miete : der Sohn studiert
Die Tochter geht noch zur Schule
Jeden Tag drei Kilometer zu Fuß

Über Hängebrücke : die Papa als erstes
Gebaut hat : als sie das schräge Land
Jenseits des Dorfes kauften : den Opa
Herholten zum Tierehüten : er blickt

Sich den ganzen Tag um : wohin sich
Die Kühe verkrümeln und treibt sie
Mit einem Stöckchen zur Tränke
In Magdeburg und Berlin war Sergo

In Dessau und Dresden : Soldat
Der sowjetischen Armee : so lernte er
Den Westen im Osten kennen : zimperlich
War er nicht : sondern gut zu Fuß

Beim Autofahren feuert er die fremde Frau
Am Steuer an : dawai : dawai
Ungewöhnlich : sie fährt und lockt
Seinen Offizierston hervor : vorwärts

Aufwärts : Niki : der Hund zeigt uns den Weg
Zur Burgruine hinauf : am Turm rechts
Halten : hinab ins Tal dem Bach folgen
Dann am Fluß entlang : in Pfeilrichtung

Dann liegt es vor uns : das Höhlenkloster
Von Vardzia : im Winter vereinsamt
Beinahe die einzigen Besucher sind wir
Zurück laufen wir die Straße entlang

Treu vom Hund begleitet : bis zur Marschrutka
Wir steigen ein : der Fahrer entpuppt sich
Als Sergos Bruder : weigert sich
Geld zu nehmen : ne nado : ne nado

fremdwörter führen uns nach hause

fremdwörter führen uns nach hause
den wind lassen wir liegen
er taugt nicht für gedichte
für märchen vielleicht
der wind der wind das himmlische
silbe für silbe nähern wir uns
dem fluss den feldern
dann dem dorf
und am ende weist uns der asphalt
den weg in die stadt
wo die raben schon auf uns warten

mecklenburg (gesang für ein polnisches fischgericht)

vater spricht von häuserbauen
auf der weide die stute galoppiert
über die straßen zieht salzluft
in bernsteinfarbenen fenstern spiegeln rosenblätter
schneefalter einen krieg zwei kriege
bist du fort gezogen und gestorben
dein gummibaum erinnert noch
deine schwestern sind alle tot deine brüder
nur einer hat überlebt

ruhe kehrt ein in die prallen ähren
des vaterlandes verräter ziehen weiter
nach osten süden im norden liegt ein meer

und wellen heben an zu einem gebet
für moränen geschiebemergel findlinge toteis
zittert deine hand zittert dein haar
im wind spielen zwei möwen
alles ist grau
und du spielst mundharmonie

die tage lehnen sich an ein scheunentor
das stroh ist geerntet auf elektrischen schlachtfeldern
eines junkers lippe befiehlt uns zu bleiben
bad doberan
das umland erwacht
an einem kühlen morgen stand jan in der tür
und wollte bleiben
auf ein leben und einen tod
klirrten die gläser

Repräsentative Aromastoffe

Peter aus Leipzig wollte ein Zeichen setzen. Er hatte genug von dieser Scheinwelt. Von einer Welt, in der Politiker ungestraft behaupten konnten, dass dieses Land eine Demokratie wäre. Dabei war es doch klar, dass es keine Demokratie war. In einer Demokratie, da gibt es Volksabstimmungen, wie in der Schweiz. Aber ohne Volksabstimmungen, da ist das keine Demokratie, sondern eine Republik. Da war sich Peter ganz sicher. Repräsentative Demokratie, so ein Quatsch, dachte Peter. Genauso wie das Wort „naturidentische Aromastoffe“. Das waren auch bloß „repräsentative Aromastoffe“. Je öfter man zu einem chemischen Produkt „naturidentisch“ sagen würde, um so schneller würde das Volk das Vertrauen in die Produkte verlieren. Das ist doch logisch. Peter war klar, das war der Grund, warum so viele Leute die Rechten wählten. Diese gigantische Lüge der repräsentativen Demokratie machte die Rechten stark. Die Rechten logen auch, nur noch nicht so lange.

Das ist doch alles so klar, dachte Peter. Die ganzen Worte hier, die waren alle falsch. Hier gab es nichts mehr zu diskutieren. Hier gab es keine Freiheit mehr. Alles war falsch und faul. Perfekt glänzend wie eine Erdbeere mit der Konsistenz und dem Geschmack eines Kohlrabis. Peter wunderte sich, dass außer ihm das niemand zu wissen schien. Niemals zweifelte einer der Politiker oder einer der Nachrichtensprecher an der Demokratie in diesem Land. Peter wollte es allen erklären.

Er ging zum Mitteldeutschen Rundfunk und wollte seine Erkenntnis allen mitteilen. Nur fünf Minuten, am Ende der Nachrichten. Mehr brauchte er nicht. Aber er kam nicht einmal am Pförtner vorbei. Der ließ ihn abblitzen. Die waren an der Wahrheit überhaupt nicht interessiert, die vom Mitteldeutschen Rundfunk. Peter erkannte, dass er keine Chance hat, dort seine Erkenntnis zu verbreiten. Der MDR war ein Ratatouille aus Gummigemüse.

Oder doch. Peter wusste es. Er musste eine Selbstmordanschlag verüben. Dann wäre Peter in allen Nachrichten. Sofort. Das mussten die senden. Das war 100-Prozent sicher. Den MDR, den würde er sprengen. Peter legte sich einen Sprengstoffgürtel um. Verkleidete sich als schwarzbezahlte 450 Euro-Putzfrau mit Bundestagsputzerfahrung. Borgte einen Doppelfahreimer, klaute einen Wischmopp. Und schon stand er im Büro der Intendantin des Mitteldeutschen Rundfunks. Hätte er gar nicht gedacht, dass er es bis dahin schaffen würde. So einfach. Er zündete den Gürtel. Nichts geschah. Peter hatte nicht gemerkt, dass die Auberginen nach Düngemittel rochen. Es fehlte der typische nussige Duft der natürlichen Aubergine. Peters Auberginen waren bloß lasche Wasserbomben. Gummigemüse, aufgezogen in Nährlösungen. Hatten nie in richtiger Erde gewühlt. Diese Supermarkt-Auberginen waren so falsch wie die Demokratie. Nur richtige Auberginen können platzen. Peters ansonsten makelloser Sprengstoffgürtel lief aus. Es war vorbei. Peter hatte die letzte Chance zu Wahrheit verpasst. Peter wusste es.