alles
fällt …
aus
ein
an
der
alles
fällt …
aus
ein
an
der
„Du wolltest mir etwas zu den Bildern erzählen.“ Clarissa, neben ihm, mit dem Schal aus roher Seide, lenkte ihn ab in seiner Konzentration. Mit Fragen: „Das rechte stammt aus dem achtzehnten, das daneben aus dem frühen neunzehnten Jahrhundert. Wie soll ich das begründen?“ Während er vor seinem geistigen Auge alles auf Tapete brachte, seinen Film drehte, in dessen Zentrum nun ein obskurer Hintern thronte, traktierte sie ihn. In Gedanken feilte er an seiner Arbeit, blieb heute Clarissa manche Erklärung schuldig – wegen eines Hinterns, der ihn anfangs langweilte, was nicht ganz gefahrlos war. Clarissa brachte es immer noch nicht fertig, jenseits der ausgetretenen Pfade etwas zu entdecken, das sie als ungewöhnlich in die Diskussion einbringen konnte.
Der Hintern stand still und bewegte sich nicht. Der Mensch, dem er gehörte, war hoch aufgeschossen und sah, wie er jetzt feststellen musste, nicht nur etwas altmodisch gekleidet aus, sondern er schien sich geradezu auszuleben in dieser Pose der Vergangenheit, die durch seine Haltung, ja durch seinen ganzen Habitus, schon etwas Futuristisches bekam.
„Kennst du den?“ neigte er sich zu Clarissa herüber. Sie nickte. „Ich glaube, der gehört zur Akademie. Ist einer von Prof. Ziegenbarth.“ „Von Ziegenbarth? Zu dem kommen doch nur die Guten.“ „Ja, Eduard. Die Guten. Die ganz Guten.“ Ihr Schal aus Rohseide warf sich um den Hals und auf den schwarzen Glastisch, und er hatte, wie ihm eben erst auffiel, ein Muster im Jugendstil, fast schon obszön in seinen Windungen, wie die Zeichnungen von dem Beardsley.
Nebel überzieht die Landschaft mit Zucker
Mein und dein : bürgerliche Kategorien
In den Mistelzweigen nisten die Vögel
Damit wir uns küssen und vögeln können
Vogelfrei : gehören wir niemandem
Ein paar Schnappschüsse vom Abenteuer entfernt
In deinen analogen Welten dauert die Entwicklung
Eines Bildes eine Stunde : abwedeln nicht vergessen
Verstecken wir uns im Schilf : schwanken im Wind
Kräuseln die Lippen wie Wellen : die Landschaft
Ist kein Zuckerschlecken : ihre Bitterkeit
Ruft die Endlichkeit in Erinnerung : mit der wir
Vergeblich dem Unendlichen entgegenwinken
Glitschig entgleitet sie uns : gleißend verglühen wir
mit Blok und Brecht
Den Krieg haben wir verloren, doch nicht den Krieg!
Zeit haben wir gewonnen: ganz ohne Sieg.
Die Jahre kamen und gingen. Wir wollten mehr,
Als nur feiern und singen. Nun sind wir leer
Wie Buddhas atmende Seele, wie das Gesetz,
Dem alle Körper gehorchen zu guter Letzt…
Den Krieg haben wir nicht vergessen. Kinder waren wir.
Und die ihn geführt hatten, sind nicht mehr hier.
Was Frieden ist, lernten wir bei der Armee:
Einatmen – zielen und – treffen, weiß wie Schnee.
Wenn die Kinder heute lernen, wie man schreibt und liest,
Kann es sein, dass sie auch lernen, wie man schnell vergisst.
Zeit haben wir gewonnen auf dem Weg zum Sieg.
Und unseren Enkeln sagen wir: Nie wieder Krieg!
*
Die Freundlichkeit kommt mit dem Frühling,
nicht früher
* *
Barocke Turnhalle, umständliches
Geziere
* * *
Magnolienblätter verdecken die Scham
ich war ein toter
und werde wieder ein toter sein
dazwischen schreibe ich gedichte
und liebe
I was your guinea pig
with wich you tried to save yourself
out of despair
when the rose colored glasses
slipped off
you realised that I don’t perform
so I was exposed
and now you try alone
all the best
Gemütlich : warm : eingerollt
Auf dem Boden : vom Stuhl gestürzt
Nach zwei Tagen Fieber : Fasten
Ein Süppchen gab mir
Den Rest : den Schuß : Ernüchterung
Als ich aufblicke : eine Traube
Menschen : um mich geschart
Eben noch sah ich sie an ihren Tischen
Sitzen und löffeln : fröhlich : nun
Ziehen sie besorgte Gesichter
Bestellen ein Wasser für mich
Rufen den Krankenwagen : wenigstens
Der Puls soll gemessen werden : ob ich
Epileptiker sei : ich träume : eingerollt
Auf dem Boden : Vater fährt nackt
Auf dem Hometrainer : eine Kamera
Rückwärtsgewandt auf dem Schutzblech
filmt : wie er schwitzt
Am Geschlecht : davon wußte Mutter
Nichts : zumindest sprach sie nie
Davon : ich erhebe und schüttle mich
Leere das Glas und radle davon
Bevor mich die tönende Blaue Blume
vom Krankenwagen küßt
Märzsonne brennt : Wiesen trocknen
Aus : Dürre verbreitet sich : im Sommer
Beginnen wir zu zerrieseln : Saharasand
In der Börde : zerstreuselte Urstromtäler
Noch sitzen wir im Zug : im Flugzeug
Und diskutieren über Rosa : Radikale
Noch glauben wir an die Sprengkraft
Der Sprache : Märchenhelden sind wir
Maulwurf : gleich untergraben : worauf wir gründen
Während wir uns vogel : frei über allem wähnen
Welche Furcht vor dem Wort „ich“ : welche Angst
Vor „ich beginne“ : verstecken wir uns solidarisch
Die toten Seelen der Mopeds in Sachsen-Anhalt
Archie tänzelt, hält das Spielzeuggewehr erst vor die Brust, dann über die Schulter, als schieße er eine Bazooka ab, schließlich hält er es sich vor das Geschlecht, „Phew, phew, phew“, seine Stimme klingt hoch, es wirkt absurd.
Um ihn herum lacht die Menge, wirft Münzen. Archie, dessen Sonnenbrille schief über seinem fehldenden Auge sitzt, simuliert noch einen Kopfschuss und tritt einer imaginären Leiche gegen den Kopf, steht dann urplötzlich stramm und grüßt, Hand an der Stirn.
Archie trägt auch heute wieder eine saubere Flecktarnuniform, er wohnt mit seiner Mutter, erzählt er nach der Straßenvorstellung, sein Vater sei vor seinen Augen getötet worden, als er neun Jahre alt war.
Auf die Frage hin, ob er davon träume etwas anderes zu machen, beginnt er zu weinen.
Sein Dilemma: das Trauma ist zugleich Einkommen. Über den rauchenden Trümmern seiner Kindheit spukt die ewige Wiederkehr. Archie Toulee, einst Soldat im Dienste verrohter Männer, die rituelle Kleinkindtötungen zur Stärkung der Kampfmoral der Sippen vollzogen und das Fleisch ihrer Feinde aßen, um Macht zu demonstrieren, die auf den Straßen Monrovias hungrigen, zehnjährigen Klebstoffschnüfflern Kalashnikovs an die Hände banden, dieser Archie Toulee tanzt alle Tage den Special Forces-Tanz.
Der Filmemacher entschuldigt sich bei ihm. Die Sequenz endet, indem wiederholt erst Archies Tanzschritte und anschließend Archivbilder von Kämpfen und Hinrichtungsszenen gezeigt werden. Identisch das Tänzeln, Treten, Zielen, die Salven, die Bazooka, das Schiessen von unten. Kinder, die den Schwerpunkt des Gewehres verlagern mussten, weil sie so jung waren. Kein Lachen, nur Sprachlosigkeit ob der Sinnlosigkeit, der fehlenden Gerechtigkeit eines kalten Universums.
Korn das keimt, aber der weitere Regen bleibt aus, eine Gazelle, die Sekunden zu spät geboren wird und noch nicht zu rennen vermag, das ausgesetzte Kind, dessen Mutter vor Hunger keine Milch mehr geben konnte. Und Archie, Mahnmal einer Generation, die im Sog der Katastrophe wie ein kalter Wind um die aufreizend unsichtbaren Kleider des moralischen Menschen stob.
Denjenigen, die erwidern, es gäbe ja auch Gutes, es gäbe inmitten des Scheiterns auch trotzendes Glück, übersehen, dass kein getränkter Halm, kein trabendes Kitz, kein sabbernder Wonneproppen und kein glücklicher Archiebald jemals darüber hinwegtäuschen könnten, dass die einzige Ebene, auf der gerechter Friede zu herrschen vermag der Gedanke eben daran ist – geprägt in einer Welt des Leids, deren Gesetze Ambitionen dessen abbilden, was sie gebar. Der freie Wille ist tot, lang lebe der freie Wille.
Rio Reiser – Menschenfresser Menschen
Archie Toulee (in: Larry Charles Dangerous World Of Comedy E1+2)

Anschauung sucht
Keine Form, endo
Plasmatisches Nicht
Retikulum, Rati
Bor unterm Stein
Edita deditora, pa
Dam, Damm, ä/e
wieder für Granaz Moussavi
wir sprachen farsi und schnitten
zweige aus den kirschbäumen
im garten blühten reine verse
auf der straße vor dem haus
ratterte ein alter motorroller
und ahmad schlug auf seinen esel ein
schneeluft wehte von den bergen
sangen mädchen im radio
sirisirin
du bliebst stehen
die menge rannte weiter einer steinigung
hinterher
wir sprachen farsi und schnitten
zweige aus den kirschbäumen
im garten blühten reine verse
ahmads esel hatte sich losgerissen von seinem karren
und blieb stehen vor dem haus
am ende der straße
brachtest du ihm frisches gras
und reine verse
Zeigt er kein Gesicht : einen Krater
Hält er versteckt : zweitausend
Kilometer breit : nirgends unter der Sonne
Gab’s einen größeren Schlag : das All
Hat ihn verletzt : den ewigen Lächler
Als wäre nichts geschehen : still
Steht er vor Schreck : kreist
Um die eigene Achse : einen Mond
lang : ewig von vorn : damit wir
Seine Wunde mit unseren Augen
Nicht zu sehen bekommen : ewiger
Tröster : was immer uns verletzt
wir waren atomdichter
und sprachen mit den basalten
unsere eltern zogen über die gletscher
unseren kindern gaben wir namen
wie sonnenschein zukunft oder hoffnung
auf ein besseres leben warten wir noch
auf den schneefeldern hinter dem fjord
landeten drohnen geophysikalische messungen
der schwere und des magnetfelds von spalteneruptionen
einer paläoerde trieben fremde forscher ins land
ein paar sind geblieben
sie verliebten sich in unsere elfen
skaldendichter sangen verse über feuchten torf
zeichen aus flechten und gletscherschliffe auf steinen
ein mann eine frau eine hauswiese
auf ihr grasten schafe und pferde
im wollgras das sich im wind wiegte ruhten stimmen
der jeep vor dem haus hatte kein benzin mehr
im jahr des großen ascheregens verfinsterte sich der himmel
kinder verhungerten frauen und männer
eine insel wurde geboren
flugzeuge verloren die orientierung und fielen vom himmel
du summtest ein wiegenlied
in ihm trockneten stockfisch und walfleisch in klarer luft
Er trug schon beim zweiten Treffen den altmodischen Hut. Es lag Schnee in der Luft, die Kurven liefen sich nicht gut in den glatten Schuhen, alles schien sich in Schleier zu werfen, und sie wollten den Weg nach Hause hinauszögern, um klarer im Kopf zu werden. An der Tür hatten sie dann einander ihre Zuneigung gestanden, trotz altmodischer Hüte und postmoderner Zickigkeit. „Vielleicht können wir gemeinsam auf die Bühne gehen.“
Clarisse löcherte Eduard viele Tage mit Fragen zu seinem neuen Freund, und er war, wie in einem Beichtstuhl, anfangs bereit, ihr alles zu erzählen. Er lud sie zu sich ein, sie entdeckte Spuren des neuen, des seltsamen Freundes, der zwar nicht bei Ziegenbarth, wie angenommen, studierte, aber in einer ähnlich renommierten Klasse angenommen worden war. Da lag eine Decke auf dem Sofa, die ihr sehr gefiel, kleine Zettel mit Schrift bedeckt, oft nur einzelne Worte, die keinen Zusammenhang ergaben, angerauchte Zigaretten, die einen gelblichen Teint hatten, und die sie selbst hier noch nicht gesehen hatte, wahrscheinlich eine Importware. Sie tauchte ein in die Details, die Eduard ihr erzählte und kam endlich, nach mehreren Besuchen, zu einer Schlussfolgerung. „Euch verbindet die Merkwürdigkeit. Die Verstricktheit in euch selbst und in eure Interessen, die sich bei äußerlicher Verschiedenheit jedoch sehr in ihrem Verfahren gleichen.“
Die Wohnung wirkte noch weißer, noch kühler. „Wie frisch gefallener Schnee“, witzelte Clarisse und kam dann für eine Weile nicht mehr zu Besuch. Eduard nahm sich Zeit, seinen Freund besser kennen zu lernen. Abends legte er statt Jazz-Platten Chansons von Debussy auf. Er dimmte das Licht in der Wohnung, besorgte auf dem Flohmarkt Jugendstillüster, Lampenschirme in unverwundbaren Farben. Er fragte in Geschäften nach altem Weinbrand, freundete sich mit Whiskey und Cognac an. Eigentlich hatte er fasten wollen, wenigstens bis Ostern. Er fand heraus, dass sein Freund ein Waisenkind war, Onkel und Tante steinreich. Das war eine glatte Lüge, und er wusste es, aber er genoss das Spiel mit solchen Lügen und Klischees, Dinge, die man immer am Beginn einer neuen Beziehung genießt, bevor sie aus dem Weg geräumt werden.
Eduard nahm alles, was mit der Jahrhundertwende zu tun hatte, zunehmend ernster, als hätte sich ein Virus in seine Zellen eingeklinkt und streute nun weitere Viren in die noch gesunden Zellen, formte sie um. Ein Parasit – aber vielleicht war es doch eine Symbiose, da Eduard gute Ergebnisse in seiner Arbeit am Lehrstuhl für Kunstgeschichte ablieferte.
Und überhaupt ist die Abstraktion des Gefühlslebens zweier Männer ein Cocktail, ein Gebräu, von dessen Genuss abzuraten ist. Man verliert sich in Behauptungen und Klischees wie ein Heizungsexperte, gemeinplatzig, heißluftig und ungerecht. Man lässt die schwarzen Wildlederstiefel vor der Wohnung stehen und klinkt die Tür zu. Die Türen in Eduards Wohnung waren offen, das Licht gedimmt aber nicht ausgeknipst, wer herein wollte, konnte herein, und so wurde die Liebesbeziehung zu einem Stück Geschichte.
Wandeln in den Stimmen der Zeit
Schwimmen im Meer der Illusionen
Ego- Nährung
Baut es weiter aus! um interessant zu sein
Die Fesseln der Selbstsucht zerstückeln
Zersträute Sänder rießeln grau im Herbsthauch.
Das junge Mädchen wandelte, des ewig brennenden Himmels reich, Welten,
verschwebte inmitten halb rauwinkliger, halb erträumter Städte,
passierte gelb und blau mit einer Lilaterne,
schwamm hungersüß als Morgengrau, hetzte geifernd um die Schluchten.
Rückwärtig schwärmwankte die Prozession im Gleichschritt,
schrillte verzerrt umspulte Liturgien, eine obsidiannadelnde Klangwolke,
die Tiefenwahn umschlang, versank vor fahlem Springgiftlicht.
Um keine Angstdurft verlegen, fieberte ihre weichgezeichnete Masse
nach Ohren, die ihr hölzernes Stöhnen erhören mochten,
der einen Stimme, die sie ihr salziges Dürsten vergessen ließe,
nach dem letzten Ziel ihrer pechschwarzen, an die wüsteste Ferne verlorenen Masada-Augen.
Einen Sturm ohne Regen verkündeten Posaunen am Totenmeerhang,
es wurde Helltag und still, braungeronnen Bäche entrückten Bluts und
auf der Rampe versickerten Tränen eines abkriechenden Schattens.
mit hingabe an die nacht
zähle ich münzen
schlafen im schatten der platanen seidene papillen
auf einem see der ruhe
treiben schweigend die flügelschläge von nebelfaltern
dahin
zittern deine lippen in den wogenden bewegungen von wörtern
atemberührungen von streulicht
für einen schreck eine sekunde
tasten fingerkuppen zeile für zeile
die blindenschriften der liebe
4 7 21 silberlinge häufe ich zu stelen
zittert jetzt deine stimme
wir schwimmen mit den fischen
sanliurfa
trinken das heilige wasser
sanliurfa
befehlen ibrahim zu bleiben
zu nehmen die magd zur zweitfrau
sanliurfa
sarah kann bleiben
hall stadt
besuchte ich
das beinhaus
lagen nicht nur bein an bein
auch arm an arm
schädel an schädel schulter an schulter
rumpf an rumpf und die füße
beieinander wie liebende
nach dem letzten kuss in der nacht
schliefen im gletscherbett die plätten
unter dem salz
behütete sie dach stein
legte sich nebel zwischen die leiber
in die traurigkeit flüstern sie flüssigen safran
mit erde vermischt bildet er dein mahl
sag den trotzigen kindern etwas von liebe
grenadierplatz
ist die wohnung des bäckers voller brot
wollen seine kinder kommen
ist die frau tot
liegt sie aufgebahrt in der stube
bleibt der laden heute geschlossen
trägt der nussbaum im garten dieses jahr reich
flackert das fernsehbild
fährt ein auto vor
ist wieder niemand gekommen
für Bela und ihre Apfelbäume
aus dem kaukasus kamen deine vorfahren
unbekannte gegenden mit wilden tieren
und menschen mit harten bräuchen
vom schwarzen meer kamst du
folgtest einem elenden verführer
halfst ihm stehlen und rauben
wurdest durch ihn zur mörderin
[wollten uns seine nachfahren mit einer anderen weismachen]
fallen ließ er dich
du erhieltest keinen dank
ach hättest du das goldene widderfell für dich behalten
es versteckt in deines großvaters haus
im entlegenen gebirgsstall
gleich hinter der passhöhe unter den gletschern
wo nur die ziegenherden und hirten den weg kennen
wo die krummhörner mit dem wind um die wette blasen
wo die mädchen scheu aus den fenstern der hütten lugen
wenn ein fremder prinz vorüber reitet
auf der suche nach einem alten geheimnis
wo die dichterin die felsen besingt
den fluss das meer in den der fluss fließt
die fische die nicht zurückkehren
wenn sie den silbernen wal getroffen haben
mit seinem mondmund
der so groß und schön ist wie der himmel
über der dachluke der felsenburg
in einem bunten kaftan könntest du liegen
im frühsommer unter einer linde
dein geliebter küsste dir den honig vom leib
das blut der kirschen mischte sich mit deinem
ach hättest du dem elenden verführer
die doppelklinge der bergbewohner ins herz gestoßen
das schwarze meer wäre noch dunkler geworden von seinem blut
[doch kein dichter hätte dich dafür besungen]
die mohntage waren mir die liebsten
wenn der schlaf die wunden bedeckte
und deine lider taumelten durch die nacht
zwei drei kriege lang ging das schon so
oder auch mehr
deine finger ertasteten die durchlässige zeit
und wenn ein hund sie leckte
schmeckten sie nach verrat und tod
sirenen sangen um zu vernichten
die umhertreibenden und getriebenen
schiffbrüchige in geist und seele
ließ sich der held an den mast binden
um zu hören die weisheit von der vergänglichkeit
trieb es ihn heim zu frau sohn und vater
den mächtigen gott des meeres hatte er zum feind
und nur eine steinkäuzin zum schutz
du aber wähltest die gesänge von faltern
ihre flügel streiften haar schultern hals
den du einzogst hinter dem sternum
sahst du der herbst machte kein geschrei
ob des gemetzels
als der held sich den freiern der gattin zu erkennen gab
schwiegen die sirenen wie die götter
trankst du vom mohn
und sangst um die wette mit faltern
Liebe atmet: Ein. Aus. Füllen. Leeren.
Ein ungutes Gefühl und der kalte Luftzug des Misstrauens bahnt sich seinen Weg, bis er auf die Liebe trifft, das nebulöse Etwas, das das Herz umhüllt. Kalte und warme Luftmassen. Inga denkt an die Lehrbuchseite: Ein dicker blauer Keil schiebt sich unter ein rotes Feld, drückt es nach oben. Wohin? Raus, weg. Übrig bleibt der blaue Keil voller Kälte. Er legt sich um die Nieren, bohrt sich in Ingas Lunge, umklammert ihr Herz.
Für einen kurzen Moment könnte Inga den physikalischen Prozess, der dann folgt, anhalten, ihn verhindern. Doch warum sollte Inga das tun? Sie hat keine Angst vor der künftigen Leere. Sie hat eine Wärmflasche, einen Teepott, Bücher. Es wird sein wie immer: Es schmerzt weniger am Tag, dafür mehr am frühen Abend. Die Augen werden brennen, weil sie trocken sind vom langen Starren. Inga weint nicht, Inga starrt. Sie wird im Bett sitzen und die ziegelrote Wand ihr gegenüber anstarren. Auch wenn sie es vermeiden wird, in den Lichtkegel der Lampe zu blicken, die auf der Kommode vor der ziegelroten Wand steht, so werden sich ihre Umrisse in Ingas Netzhaut einfräsen. Und wenn Inga den Schmerz des frühen Abends tief wegatmet, vor Erschöpfung steif zur Seite fällt und erleichtert die brennenden Augen schließt, bedecken ihre Lider den eingefrästen weißen Punkt. Dieser Punkt wird sie tröstlich durch die Nacht begleiten.
Am Morgen wird Inga froh sein, allein in der Küche zu sitzen und den Tag wieder nach ihrem Rhythmus leben zu können. Es wird sich diesmal jedoch nicht vermeiden lassen, dem Schmerz zu begegnen, der zwei Hauseingänge weiter wohnt. Wie jeden Morgen werden sie sich entgegenkommen, sie auf dem Weg zum Bus, er mit dem Rad und einem Kaffeebecher balancierend auf dem schmalen Gehsteig. Sie ahnt seinen schlanken Körper, sie riecht den Schmerz, der auf sie zukommt. Sie spürt seine Wärme, streift unmerklich seinen Arm im Vorbeigehen, aber sie sieht ihn nicht. Starrt durch den Schmerz hindurch, läuft an ihm vorbei. Inga lehnt sich an die Hauswand. Einatmen, ausatmen. Füllen, leeren. Sie streicht mit dem Finger vorsichtig am unteren Augenlid bis zur Nasenwurzel, schaut sich die schwarzgefärbten Rillen auf der Fingerkuppe an.
Der Verlust ihrer Liebe macht Inga stimmlos. Inga und ihre eigenartigen Krankheiten:
Als die Eltern anfingen, bald täglich zu streiten, als ihre Mutter mit Sonnenbrille auch in der Wohnung rumlief (sie hätte eine Bindehautentzündung), als der Vater immer häufiger eigenartig roch (er hätte zuviel Kaffee getrunken, daher rieche er so säuerlich), legte sich ein Stromnetz um Ingas Herz und gab ihr ab und zu einen heftigen Schlag, so dass sie zu Boden ging und ihre Mädchenbrust mit der Faust fest umschloß. Ihr Atem wurde ganz flach, so dass Inga letztlich nur noch ausatmete. Lass. Los.
Als ihre erste Liebe erlosch, konnte Inga nicht mehr schlucken.
Als ihre zweite Liebe erlosch, wurde Inga stimmlos.
Inga weint nicht. Inga spricht nicht. Sie starrt. Sie verstummt. Ihre Augen brennen vor Trockenheit. Ihre Lippen liegen fest aufeinander. Es kostet Inga aber keine Anstrengung, das Gesicht bleibt glatt, der Kiefer ist entspannt, die Zunge liegt in der feuchten Mulde zwischen den unteren Zähnen, vom Mund verschlossen. Inga sitzt im Bett, starrt die ziegelrote Wand gegenüber an und wundert sich: Als die Liebe sie wie ein warmer Luftstrom ausfüllte, strömte sie gleichzeitig heraus und herein. Nun, wo das kalte Misstrauen sich breit gemacht und die Liebe verdrängt hat, verschließt Inga ihre Lippen. Kalt schneidet sich die Luft durch ihre Nase, warm fließt es durch sie heraus. Sollte Inga nicht besser die Lippen öffnen, den Kiefer weiten und die ganze Luft in ihr herausschreien? Sie hat es versucht, ein stummer Schrei, es brannte in der Lunge. Schnell schloß Inga die Lippen, plinkerte am weißen Lichtkegel der Lampe vorbei die ziegelrote Wand an, zog die Decke über die Schultern und ließ sich erschöpft zur Seite fallen.
Wendepunkt in meinem Leben. Sachen gepackt, Stadt verlassen, Heimat gesucht. Und gefunden. Bis heute ein bitteres Gefühl: damals um bald zwei Jahrzehnte betrogen. Einmal im Jahr sehe ich meine alten Eltern, wie sie sich immer enger aneinanderlehnen, um nicht auseinanderzufallen. Vier Jahrzehnte Leben damals. Drei Jahrzehnte nun. Verständnislosigkeit, auf beiden Seiten.
Schweine suhlen sich im Schlammbad, sie grunzen laut, rempeln und beißen, werden mit Abfällen gemästet und schließlich geschlachtet. Der Schweinebraten auf meinem Brötchen schmeckt heute ungewöhlich saftig, was wohl eher der Butter, denn der Qualität des Fleisches zuzuschreiben ist.
In der U-Bahn, die aus der Innenstadt kommend Richtung Langenhorn fährt, sitzen zwei Jungen, denen dieser Genuß bisher wohl verwehrt blieb. Ihr aufgeregtes Gespräch thematisiert, dass sie 12 und 13 Jahre alt sind. Einer von ihnen heißt Mo und der andere Mu. Sie tauschen sich in einer altersüblichen, ungefähr fünf Satzbauteile umfassenden Sprache mit einem sch-lastigen, Zweit- oder Drittgenerationsakzent aus. Jenseits von ununterbrochenen, gegenseitigen Drohscherzgebärden sind ihre Themen der Deutschlehrer, der den Eltern von ihrem Rumhängen berichtet hat, Boxtraining („Diesmal aba auf Kopf, isch schwör!“) und Musik. Hier zählt für sie insbesonders, welches Lied schon 35 Millionen Aufrufe erreicht hat, um dessen Signifikanz nachzuweisen und am Abglanz ein klein wenig teilzuhaben. Sie reden laut, sehr laut, da ihre Kopfhöhrer, die die Umgebung mit der disputierten Retortendancemusik unangenehm passivbeschallen, die Kommunikation untereinander ziemlich erschweren.
Die deutliche, allzudeutliche mundwinkelverzogene Ignoranz im Sinne eines unendlich lauten Schweigens der sie Umgebenden ihnen gegenüber löst keine sichtbare Reaktion aus – spüren sie wirklich nicht, wie die Mitmenschen im gefüllten Waggon sie wahrnehmen und, wie sie zurecht vermuten dürften, angewidert gewähren lassen?
Wenn doch, dann lassen sie es sich in keiner Weise anmerken, sie müssen verdammt gute Schauspieler sein und latent nur darauf warten, dass jemand die Geduld verliert und sie anspricht, um sie so noch mehr in den Mittelpunkt zu stellen. So oder so, ihr den Erträglichkeitskodex öffentlicher Verkersmittel brechendes Verhalten verleiht ihren nach Zuspruch lechzenden Egos in Kombination mit Undercutfrisuren und Trainingsanzügen eine teerige Ersatzsubstanz zu psychosozialem Anpassungsdruck.
Während meine Gedanken die Mos und Mus dieser Erde reflektieren und den ihnen gemeinen, die soziale Entkoppelung kaschierenden Kit – mit nationalistischen und religiösen Zusätzen versehener, kapitalistischer Kulturfastfood – kommt mir in den Sinn, wie sehr sie sich gleichen, von Hamburg bis Wien, Marseille bis Manchester und Atlanta bis Guadalajara. So indokritniert wie sie sind, brauchen sie, bereit sich die Köpfe einzuschlagen, kein Sparring mehr, um nach althergebrachtem, spartanischen Ritus ihren Platz in der Gesellschaft zu erkämpfen. Nichts, verinnerlichten sie, wird geschenkt, alles muss verdient werden; Rechte, welche Rechte? Dog-matismus, Hunde wir, alles Hunde.
Und Hypokriten. Als ich jung war, habe ich manchmal die Beine auf Sitze gelegt und auf meinem Diskman laute Rockmusik gehört. Ende der Neunziger rauchte meine Clique spätnachts in einem fast leeren Waggon weit hinten einen Joint und (unsere nach Zuspruch lechzenden Egos) hofften, die Mittvierziger am anderen Ende würden zu uns rüberkommen und um einen Zug bitten, so viel zum „Erträglichkeitskodex öffentlicher Verkehrsmittel“, naja, in einem gefüllten Abteil hätten wir das wohl nicht durchgezogen. Damals wollte ich ein Hippie sein, da ich dafür aber über dreizig Jahre zu spät geboren war und da kognitive Dissonanz keines meiner Talente darstellt, konnte ich die Erkenntnisse der Folgezeit nicht aus meinem Denken ausblenden – was mich dieser Tage zu einem relativ schlechten Alternativen (in Deutschland) macht – und eine gleichgeschal…gepolte Interaktion mit der heutigen, urbanen Szene erschwert.
Da ich zudem des traditionellen Lamentierens der Alten über die Jungen gewahr bin – der Titel dieses Textes ist im Übrigen ein wunderbares Musikstück (allerdings ohne 35 Millionen Aufrufe – ebenso wie dieses andere Stück der selben Band, dessen Schlussminuten genau das erkennen lassen, was m.E. fehlt)-, versuche ich jenseits eines kaum vermeidbaren, zynischen Subtextes die Frage zu stellen, ob Verrohung und die mehr oder weniger unbewußte Reaktion darauf nicht vielleicht nur subjektiv zunimmt.
Der Vergleich meiner Jugend mit der von Mo und Mu ist natürlich nicht mehr als intuitiv, Geschichte mag sich reimen, aber sie wiederholt sich nicht. Was mich wirklich stört, ist einerseits das von Mo und Mu unartikulierbare Gefühl von Ohnmacht der Gesellschaft und der eigenen, fragilen Substanz gegenüber und anderseits das Unvermögen von mir, in der Lebenswelt von Mo und Mu etwas zu entdecken, woraus ich die Hoffnung auf eine glücklichere Zukunft ableiten kann.
Mir scheint, es ist keine Brücke möglich. Meine Rebellion bediente sich der Symbole der idolisierten Vorgänger, es bestand eine gewisse Kontinuität des Aufbegehrens – Jazz, Rock der 50er, die psychedelischen 60er, der progressive Sound der 70er, Funk, Reggae, sogar Hardrock der 80er und Grunge der frühen 90er hatten alle eine gemeinsame, mit den Vorgängern kompatible Hintergrundschwingung.
Dann, als wäre sie ein Echo des zusehends neoliberaleren Zeitgeistes, setzte mit der Technobewegung und Statussymbolhiphop der Bruch ein und wurde durch die austauschbare Dancemusik der Millenials verstärkt, Mo und Mu sind die Kinder dieser Epoche, die mich krank machte. Ich schreibe bewußt ‚machte‘, nicht ‚macht‘, denn das ist seit zehn Jahren vorbei.
Als sie jedoch Mitte der Nullerjahre geboren wurden, fühlte ich mich mehr und mehr entfremdet, spürte, dass die Zeit, nach der ich mich immer gesehnt hatte nicht wiederkommen würde, dass ich schrecklich einsam am Rand der Geschichte strandete. Ich versank für zwei, drei Jahre in Depressionen, bevor es einer ebenfalls aus der Zeit gefallenen Frau gelang mein Herz aus dem Sumpf zu ziehen. Interessanterweise setzte um diese Zeit die Neo-Psychedelic-Welle ein und verband, scheint es, Teile der Generationen musikalisch wieder etwas.
Nur Mo und Mu erreichte deren Gischt nie, und nun ist es heutzutage so, dass ich Mo und Mu wie durch leichtes Milchglas wahrnehme, sie sitzen mir gegenüber und ich bin durchaus fähig Empathie zu empfinden, doch steht etwas zwischen ihnen und mir, das unüberwindbar ist – eine aufgrund der fehlenden, gemeinsamen, kulturellen Erzählung unvernarbte Kluft. Sie können mich sehen, aber erkennen mich nicht, sie können mich hören, doch verstehen nicht, woraus ich schöpfe, worauf ich mich beziehe.
Auf meiner Seite hingegen herrscht die abgeschmackte Vermessenheit vor, ihr scheinbar oberflächliches Dasein zu durchschauen, durch die vermeintlich seichten Pfützen ihrer Antriebe navigieren zu können. Wie falsch ich damit liege, ist mir nur allzu bewußt, denn was weiss ich von ihrer kranken Tante, von ihren liebevollen Familienritualen, von ihrer leisen Art am Abend? In Wahrheit ist der Anfang des Textes nichts als eine polemische Fingerübung, oder, nach Juvenal: „da fällt es schwer, keine Satire zu schreiben“. Nein, Verachtung und Ignoranz, die wohl häufigste erste Reaktion der meisten Mitmenschen auf die Begegnungen mit den Mos und Mus dieser Welt, stellen ebenso wie Mitleid keine Lösung dar.
Was tun?
Liebes Publikum, los, gib dir selbst nen Schuss,
du stehst doch auch enttäuscht und siehst betroffen
den Vorwand da und alle Münder offen.
Auf Sumpf gebaut : vom Meer umspült
Sicher nach drei Seiten : die Wellen
Tänzeln um die Mauern : wir schweben
Lautlos zwischen den Fischen
Bewundern die Geometrie : die konvexe
Schönheit der Farben : den Hebel
Haben auch wir nicht gefunden
Um die Welt aus den Angeln
Zu heben : nur unser Gewicht
Wird spürbar leichter : Auftrieb
Im Salzwasser : das hat Archimedes
Nicht bedacht : ungestört im Kreis
Drehen wir uns und schließen
Die Augen : wenn der Bus
Auf einer Tangente die Vororte
Kreuzt : während das Sonnenrad
Dreibeinig übers Meer rennt
Und es in Brand setzt
Das Gefühl von Gerechtigkeit hat etwas Merkwürdiges an sich.
Schon in früher Kindheit rieselt es in uns hinein, eine feine, staubige Saat, die jedes Wort der Mutter umgibt. Wir nehmen sie auf, schlucken sie herunter, und ehe wir uns versehen, bricht etwas auf, wächst und öffnet sich, blüht in sanften oder grellen Farben. In Anna sah es blauviolett aus wie die Bücher, die in den Wohnzimmerregalen standen.
In den ersten Klassen sammelte sie kleine, glitzernde Plastikteilchen in verschiedenen Formen. Fast jedes Kind besaß eine Schatzdose, die täglich mit in die Schule genommen wurde, um untereinander zu tauschen.
So herausfordernd Anna auch in Gegenwart ihres Bruders war, so zurückhaltend und schüchtern verhielt sie sich allein. Da ihre Freundinnen zudem alle älter oder jünger waren und die Buben aufgehört hatten mit ihr zu spielen, stand sie am ersten Schultag beinahe verloren im Klassenzimmer herum. Die Lehrerin wies ihr in der ersten Reihe einen Platz zu, und zwar neben einem Mädchen, das sich mit dem Namen Eva vorstellte. Schon nach wenigen Tagen zeigte Eva ihre Glitzerteilchen und schenkte Anna einige besonders schöne davon.
So begann auch sie zu sammeln. Ihre Mutter hatte ihr eine Holzdose gegeben. Immer wenn sie ihr Zimmer aufräumte, erhielt sie als Belohnung einen kleinen, goldenen Stern. Diese Sterne verblassten jedoch neben den Glanzstücken von Eva. Mit der Zeit gelang es Anna, ihre Sammlung weiter auszubauen, mehr Sterne gegen Bunteres, Interessanteres einzutauschen.
Eines Tages kam Jan, ein Junge aus Annas Klasse, wortlos auf sie zu und drückte ihr seine Dose in die Hand. Vielleicht hatte er die Glitzerteilchen schon als überholte Mode eingestuft. Möglicherweise war er damit zu seiner Mutter gegangen und sie hatte gesagt: „Schenk sie doch einem Mädchen“. Was auch immer sich für eine Geschichte hinter seiner Geste verbarg, auf einmal besaß Anna den größten Reichtum und Dinge, die sie aus Mangel an Ebenbürtigem wohl niemals hätte eintauschen können. Eigentlich ein Grund zur Glückseligkeit, jedenfalls für ein siebenjähriges Mädchen. Vielleicht war sie auch glücklich; ganz bestimmt war sie das. Doch da gab es noch etwas anderes in ihr, ein dumpfes Gefühl, das sie in ihrem Lächeln erstarren ließ: Diese Dose durfte sie nicht besitzen.
Anna sprach mit dem Jungen nicht darüber. Sie fragte ihn nicht, ob er sich sicher war, dass er diesen Schatz ausgerechnet ihr vermachen wollte und wie sie ihm dafür danken konnte. Stattdessen behielt sie die Dose in der Hand, wenn sie das Klassenzimmer verließ, und warf auf dem Flur einzelne Schmetterlinge oder Blumen auf den Boden. Dabei bemühte sich Anna, dass sie niemand bemerkte. Auf diese Weise, dachte sie, könnte sie den unrechtmäßig erworbenen Besitz wieder ausgleichen. Denn unrechtmäßig war er, so ihre Überzeugung: Nicht einmal eine Freundschaft hatte sie mit dem Jungen verbunden. Was gab ihr also das Recht, von ihm auserwählt zu werden?
Jedes Plastikstückchen, das unbemerkt herunterfiel, ließ sie aufatmen, war gleichzeitig ein Stein, der sich von ihrem Rücken löste. Alle diese Teile, die sie nun nicht mehr besaß, gaben ihr das Gefühl, wieder quitt zu sein.
Nicht immer verliefen solche Versuche unbemerkt. Manchmal war die Menschentraube nicht dicht genug, um ungesehen zu bleiben. Dann stieß eine Klassenkameradin Anna an der Schulter an: „Entschuldigung, du hast hier etwas verloren.“ Sie bückte sich, hob den Plastikschmetterling wieder auf, bedankte sich vielleicht sogar, wahrscheinlich sagte sie aber nur „oh“ oder „ups“ und versuchte, überrascht auszusehen. Die Schwere kehrte auf ihre Schultern zurück.
Eines Tages füllte Anna den Rest Glitzer, wie die Kinder es nannten, in ihre eigene Dose und begann, damit zu tauschen. Doch das Gefühl, kein Recht auf dieses Geschenk zu haben, blieb. Vielleicht sah man auf ihr für einen Augenblick eine Farbe aufblitzen, ein Wort, einen Ausdruck im Gesicht. Niemand weiß, wann die staubige Saat in Anna hineingefallen war, doch mit Sicherheit konnte man sagen, dass sie aufgebrochen war, wie wild angefangen hatte zu wachsen, so sehr, dass sie von innen an Annas Haut stieß.
In der Traumzeit suchte, der Morgen graute
fern vom Stamm am großen Fels,
der Geist des ersten halbnackten Wesens,
euch Jungen gleich, malend nach den Ahnen.
Warum, fragte er, seid ihr nicht mehr als bloße Erinnerung,
strahlt durch euer Vergehen meine eigene Endlichkeit an
und lehrt mich euer Scheitern Demut oder
ermahnt es mich, eure Ohnmacht zu verfluchen?
Nicht kann ich jenseits meiner Gedanken Zeitenräume durchschreiten,
dem ungewollten Tod in die Arme der Jugend entfliehen,
stets werde ich zurückgeworfen in den öden Busch, unter die gleißende Sonne,
stets ist alles was mir widerfährt Durst und Verzweiflung.
Die Zeit zu vermessen bedarf der Kenntnis des Raumes,
sie tanzen miteinander wie Fluten im Lauf des Mondes;
viele Wanderungen, endlose Jahre des Wachens unter Sternen,
unzählige Geschichten, Initiationen und das Wissen keimt.
Wie eine verborgene Wurzel in flirrender, rötlicher Weite aufzuspüren,
graben dessen Schüler unermüdlich nach den Geheimnissen der Beschaffenheiten,
finden Zeichen, entwickeln Sätze für das Kleinste, das Größte, für das Mischen von Stoffen,
formen Sprachen, beschreiben Dinge, die aus Natur und doch nicht heimisch in ihr sind.
Erfahrungen betten sie in den Zeitenregen wie Ameisen ihre Eier auf lebendige Flöße retten,
ihre Errungenschaften werden riesenhaft und bergesschwer,
Krokodilszähne der immer im Wandel begriffenen Gestalten fressen tief im Leib der Erde,
und ihr sumpfiger Atem legt sich als Schleier über klare Himmel –
Verzweiflung wird sie treiben und Durst, denn ich bin ihr Vater.
Ein Weltenbrand umstürmt ihre Erde und wie uns die Asche der Buschfeuer frisches Gras schenkt,
durchbricht Hoffnung ihre Trümmer, die Geister des Morgen verweben alle Träume,
alle Wirklichkeiten, erschaffen im Wissen um die Erzählung das Bewußtsein darin neu.
Was uns Hütern des Lichtes und der Wärme ein Feuerstein, ist ihnen die Zeitenhütte,
was uns die Sonne, ist ihnen ein Sandkorn,
was uns das Leben, ist ihnen ein Moment des Vergessens inmitten kreißender Ewigkeit.
Sie winken über einen breiten, anschwellenden Strom, gefährlich und verführerisch,
arrogant, unwissend, doch neugierig und liebenswert zugleich,
erlangen Macht über den Ursprung der Gedanken –
gießen sich Schlüssel zur Zeit, durchdringen Manifestationen aller Räume
und wenn wieder das Größte ins Kleinste eingeht, das Kleinste dann birst,
werde ich sie und sie euch, ihr Ahnen, geboren haben, wie ihr zuvor mich.