hulyet hulyet, kinderlekh

Dieses Buch ist ein Lebenswerk über ein Lebenswerk und ein Leben. Uwe von Seltmann, dessen Vater noch in Krakau geboren wurde, der jetzt wieder in Krakau lebt, schreibt eine Biographie des Tate (Vaters) des jiddischen Liedes, Mordechai Gebirtig (1877-1942). Ich fange von hinten an: die Danksagungen füllen zwei Seiten, wie der Abspann eines großen Spielfilms. Gebentsht zoln zayn (Gedankt soll sein) dem Forscher Natan Gross, auf dessen Werk dieses Buch aufbaut, Irina Klepfisz, Samuel Mandelbaum und Michael Goldmann-Gilead, Überlebenden des Holocaust, die als Zeitzeugen Fragen aus eigenem Erleben beantworten konnten, neben Stiftungen und Geldgebern, Crowdhörnchen, auch Dichterinnen wie Bozena Keff, die den Antisemitismus in Polen auf die Bühne gebracht hat („Stück über Mutter und Vaterland“). Um nur einige wenige zu nennen, die an diesem Buch mitgewirkt haben.

Gebirtig war bereits zu Lebzeiten ein Star, den keiner kannte. Seine Lieder wurden nicht nur in Polen, sondern auch in Rumänien, Litauen, Weißrußland und in Amerika gesungen, sie galten als Volkslieder, die auf der Straße, beim Frisör und auf den Feldern gesungen wurden, doch niemand wußte, wer ihr Schöpfer war.

Am Ende des Buches findet sich auch ein Lebenslauf von Mordechai Gebirtig – bemerkenswert, dass er nicht mit dem Tod des Lieddichters 1942 endet, sondern bis 2018 fortgeführt wird: er enthält auch die postumen Veröffentlichungen und die Entdeckung verschollener Lieder, ganz selbstverständlich als Teil des Lebens von Mordechai Gebirtig – eine kluge Entscheidung. Denn was ist das Leben eines Dichters ohne sein Werk, ohne die Bücher, die sich nicht etwa verselbständigen, sondern das Leben ihres Schöpfers weiterleben und verlängern, über den Tod hinaus, und im Falle von Mordechai Gebirtig kann man sagen: seinen Peinigern und Mördern zum Trotz! Dies ist die vornehmste Aufgabe des Buches, es überwindet das Martyrium und überlistet die Zeit.

Wer war Mordechai Gebirtig? Ein Tischler aus Krakau, Vater von fünf Töchtern, der sich als Laienschauspieler in Arbeiterbildungsvereinen und als sotsyal-demokrat engagierte. Mit 28 Jahren trug er zum ersten Mal in der Öffentlichkeit ein eigenes Gedicht vor und begann zu veröffentlichen. Infolge einer Krankheit war er gezwungen, seine Möbelwerkstatt aufzugeben, zum Glück nahm ihn sein Bruder als Hilfsarbeiter in sein Geschäft auf. Es folgte der Große Krieg, die Einberufung in die Armee der Habsburger – der Krieg, der ihn zu zahlreichen Antikriegsliedern, Schlaf- und Wiegenliedern bewegte. In den 1920ern landete Gebirtig seine Welthits: kinder-yorn und hulyet hulyet, kinderlekh, die auf Liederabenden und in Operetten aufgeführt werden, sich bis nach Lemberg, Czernowitz, Warschau und Lodz, Tel Aviv und New York verbreiten, rezensiert und als Schallplatten aufgenommen werden.

Das Ende begann 1939. Innerhalb von sechs Tagen erreichte die Wehrmacht Krakau. Gebirtig wurde ausgewiesen, zog sich mit Frau und Töchtern in ein Dorf vor der Stadt zurück, wo er weiterhin Lieder schrieb, wurde im März ins Krakauer Ghetto verschleppt und drei Monate später auf dem Transport ins Vernichtungslager Belzec erschossen. Seine Schreibhefte wurden von seinen Töchtern gerettet: sie übergaben sie Freundinnen, die mit gefälschten Papieren außerhalb des Ghettos überlebten.

Uwe von Seltmann: Es brennt. Mordechai Gebirtig, Vater des jiddischen Liedes
homunculus verlag, Erlangen, 2019

Kanalgas-
düfte durchwandern
das Fenster

die Putzkraft
öffnet die Flure
weit

der Kleiber geht
uns an die Wäsche:

Oh du schöne Maienzeit

Maximilian Woloschin : Die Maschine (Anfang)

1.
Wie es keinen Erfinder gibt, der
Eine Maschine zeichnend, nicht davon träumte,
Den Menschen zu bereichern/ zu verbessern,
So gibt’s keine Maschine, die nicht der Welt gebracht hätte
Drückendste Armut und
Ganz neue Form der Knechtschaft.

2.
Solang‘ die Hand gedrückt hielt einen Hebel,
Und Wasser
Das Mühlrad drehte, waren
Ihre Kräfte
Im alten, uralten Gleichgewicht.
Jedoch der Mensch
Ergriff den Schlüssel zum ewigen Geheimnis
Und setzte die gefang’nen Riesen
frei (den Golem, die verborgenen Kolosse.)

3.
Der Geist, im Innern Raum ergreifend, errichtet einen Körper:
Dampf, Funkenenergie und Pulver
Beherrschend
Denken und Gefühl des Menschen
Bauten für sich
Eiserne Körper
In Übereinstimmung mit
Ihrer Natur: Öfen und Kessel,
Turbinenräume,
Antriebe und Schmelzen.

Vincent

Er suchte Licht : das Licht
Der Ägypter : gleißendes
Gelb : Paul empfahl ihm
Den Süden : die langen
Tage der Provence : das Gold

Der Ähren : das dreckige
Gelb der Schafe : welke
Sonnenblumen : zum Verrückt-
Werden : er trug den tanzenden
Stern in sich : die Tänzer

In den Caféhäusern verstanden
Ihn nicht : nichts verstanden
Sie : trampelten : schimpften
Wüteten : schlugen & schossen
Er rechnete längst nicht mehr

Mit Verständnis : wenn er
Bis dahin noch nicht verrückt war
Jetzt wurde er es : sie sahen das Licht
Das sie völlig umsonst umgab
Von morgens bis abends

Weil es kostenlos war : hatte es
Keinen Wert für sie : sie suchten
Nicht nach ihm : es umgab
Und umhüllte sie täglich
Er suchte nach dem Ewigen

Einem Schimmer gab er
Die Chance zu verweilen

Absage

Wesentlich angenehmer
Die Sterne,
Als ein Todesurteil
Unterschrieben von mir.
Wesentlich angenehmer
Blumen zu lauschen,
Ein Flüstern: Er! –
Neigen das Köpfchen,
Wenn ich durch den Garten gehe,
Als dunkles Eisen
Von Wachenden, die
Den töten
Der mich töten will

Und das ist der Grund, warum ich niemals
Nein, niemals Staatsführer werde

Featuring : Alexander Blok : Wegscheide

Und wieder Unmögliches geträumt
Fet

Noch sind bleichende Fetzen am Himmel,
In der Ferne kräht sacht ein Hahn.
Auf des Felds Kornährengewimmel
Geht plötzlich ein Lichtpunkt an.

Dann dunkelt der Erlenzweige Schar,
Hinterm Fluss flackert Rauch, dass Feuer werde.
Und durch den Nebel wunderbar
Sprengt eine unsichtbare Herde.

Ich fahre durch ewig gleiche Felder,
Den ewig gleichen Singsang im Sinn.
Und Träume, Träume hinterm Rücken
Verschwinden, wo ich nicht mehr bin.

Und was nie war, werden Silben und Klänge –
Der Gedanke, geflüstert, wird mein.
Es schaukeln die grauen Äste,
Das sind Hände von Schädelgebein.

17. November 1902

Wolken : Heim

Für Elli

Das traute : klassisch
Humanistische Häuschen
Darin richten wir uns ein

Und schwingen uns
Über die schnöde Welt
Der anderen : um ängstlich

Blickscheu : am Nachbarn
Vorbei zu huschen
Zu schleichen : zu lauschen

Es gibt eine Verbindung
zwischen Hölderlin : Hegel
Fichte & Marx

Der Staatsterror von 365
Lokalfürsten : das ist es
Was sie deutsche Freiheit

Nennen : die von innen
Her kommt : verkommt
Die Freiheit der Folter

Die Freiheit der Flucht
Geht in die Wälder & sucht
Sie zwischen den Sporen

Eure Helden & Horen

Clarissa

„Du wolltest mir etwas zu den Bildern erzählen.“ Clarissa, neben ihm, mit dem Schal aus roher Seide, lenkte ihn ab in seiner Konzentration. Mit Fragen: „Das rechte stammt aus dem achtzehnten, das daneben aus dem frühen neunzehnten Jahrhundert. Wie soll ich das begründen?“ Während er vor seinem geistigen Auge alles auf Tapete brachte, seinen Film drehte, in dessen Zentrum nun ein obskurer Hintern thronte, traktierte sie ihn. In Gedanken feilte er an seiner Arbeit, blieb heute Clarissa manche Erklärung schuldig – wegen eines Hinterns, der ihn anfangs langweilte, was nicht ganz gefahrlos war. Clarissa brachte es immer noch nicht fertig, jenseits der ausgetretenen Pfade etwas zu entdecken, das sie als ungewöhnlich in die Diskussion einbringen konnte.

Der Hintern stand still und bewegte sich nicht. Der Mensch, dem er gehörte, war hoch aufgeschossen und sah, wie er jetzt feststellen musste, nicht nur etwas altmodisch gekleidet aus, sondern er schien sich geradezu auszuleben in dieser Pose der Vergangenheit, die durch seine Haltung, ja durch seinen ganzen Habitus, schon etwas Futuristisches bekam.

„Kennst du den?“ neigte er sich zu Clarissa herüber. Sie nickte. „Ich glaube, der gehört zur Akademie. Ist einer von  Prof. Ziegenbarth.“ „Von Ziegenbarth? Zu dem kommen doch nur die Guten.“ „Ja, Eduard. Die Guten. Die ganz Guten.“ Ihr Schal aus Rohseide warf sich um den Hals und auf den schwarzen Glastisch, und er hatte, wie ihm eben erst auffiel, ein Muster im Jugendstil, fast schon obszön in seinen Windungen, wie die Zeichnungen von dem Beardsley.

Abwedeln nicht vergessen

Nebel überzieht die Landschaft mit Zucker
Mein und dein : bürgerliche Kategorien
In den Mistelzweigen nisten die Vögel
Damit wir uns küssen und vögeln können

Vogelfrei : gehören wir niemandem
Ein paar Schnappschüsse vom Abenteuer entfernt
In deinen analogen Welten dauert die Entwicklung
Eines Bildes eine Stunde : abwedeln nicht vergessen

Verstecken wir uns im Schilf : schwanken im Wind
Kräuseln die Lippen wie Wellen : die Landschaft
Ist kein Zuckerschlecken : ihre Bitterkeit
Ruft die Endlichkeit in Erinnerung : mit der wir

Vergeblich dem Unendlichen entgegenwinken
Glitschig entgleitet sie uns : gleißend verglühen wir

Sieben

mit Blok und Brecht

Den Krieg haben wir verloren, doch nicht den Krieg!
Zeit haben wir gewonnen: ganz ohne Sieg.

Die Jahre kamen und gingen. Wir wollten mehr,
Als nur feiern und singen. Nun sind wir leer

Wie Buddhas atmende Seele, wie das Gesetz,
Dem alle Körper gehorchen zu guter Letzt…

Den Krieg haben wir nicht vergessen. Kinder waren wir.
Und die ihn geführt hatten, sind nicht mehr hier.

Was Frieden ist, lernten wir bei der Armee:
Einatmen – zielen und – treffen, weiß wie Schnee.

Wenn die Kinder heute lernen, wie man schreibt und liest,
Kann es sein, dass sie auch lernen, wie man schnell vergisst.

Zeit haben wir gewonnen auf dem Weg zum Sieg.
Und unseren Enkeln sagen wir: Nie wieder Krieg!

Drei Verse

*

Die Freundlichkeit kommt mit dem Frühling,
nicht früher

* *

Barocke Turnhalle, umständliches
Geziere

* * *

Magnolienblätter verdecken die Scham

guinea pig

I was your guinea pig
with wich you tried to save yourself
out of despair

when the rose colored glasses
slipped off
you realised that I don’t perform

so I was exposed
and now you try alone
all the best

Vom Tod erwachen

Gemütlich : warm : eingerollt
Auf dem Boden : vom Stuhl gestürzt
Nach zwei Tagen Fieber : Fasten
Ein Süppchen gab mir

Den Rest : den Schuß : Ernüchterung
Als ich aufblicke : eine Traube
Menschen : um mich geschart
Eben noch sah ich sie an ihren Tischen

Sitzen und löffeln : fröhlich : nun
Ziehen sie besorgte Gesichter
Bestellen ein Wasser für mich
Rufen den Krankenwagen : wenigstens

Der Puls soll gemessen werden : ob ich
Epileptiker sei : ich träume : eingerollt
Auf dem Boden : Vater fährt nackt
Auf dem Hometrainer : eine Kamera

Rückwärtsgewandt auf dem Schutzblech
filmt : wie er schwitzt
Am Geschlecht : davon wußte Mutter
Nichts : zumindest sprach sie nie

Davon : ich erhebe und schüttle mich
Leere das Glas und radle davon
Bevor mich die tönende Blaue Blume
vom Krankenwagen küßt

Märzdürre

Märzsonne brennt : Wiesen trocknen
Aus : Dürre verbreitet sich : im Sommer
Beginnen wir zu zerrieseln : Saharasand
In der Börde : zerstreuselte Urstromtäler

Noch sitzen wir im Zug : im Flugzeug
Und diskutieren über Rosa : Radikale
Noch glauben wir an die Sprengkraft
Der Sprache : Märchenhelden sind wir

Maulwurf : gleich untergraben : worauf wir gründen
Während wir uns vogel : frei über allem wähnen
Welche Furcht vor dem Wort „ich“ : welche Angst
Vor „ich beginne“ : verstecken wir uns solidarisch

Re: Reflexionen aus dem beschädigten Leben (Flucht und Wiederkehr XXIX)

Archie tänzelt, hält das Spielzeuggewehr erst vor die Brust, dann über die Schulter, als schieße er eine Bazooka ab, schließlich hält er es sich vor das Geschlecht, „Phew, phew, phew“, seine Stimme klingt hoch, es wirkt absurd.
Um ihn herum lacht die Menge, wirft Münzen. Archie, dessen Sonnenbrille schief über seinem fehldenden Auge sitzt, simuliert noch einen Kopfschuss und tritt einer imaginären Leiche gegen den Kopf, steht dann urplötzlich stramm und grüßt, Hand an der Stirn.

Archie trägt auch heute wieder eine saubere Flecktarnuniform, er wohnt mit seiner Mutter, erzählt er nach der Straßenvorstellung, sein Vater sei vor seinen Augen getötet worden, als er neun Jahre alt war.
Auf die Frage hin, ob er davon träume etwas anderes zu machen, beginnt er zu weinen.

Sein Dilemma: das Trauma ist zugleich Einkommen. Über den rauchenden Trümmern seiner Kindheit spukt die ewige Wiederkehr. Archie Toulee, einst Soldat im Dienste verrohter Männer, die rituelle Kleinkindtötungen zur Stärkung der Kampfmoral der Sippen vollzogen und das Fleisch ihrer Feinde aßen, um Macht zu demonstrieren, die auf den Straßen Monrovias hungrigen, zehnjährigen Klebstoffschnüfflern Kalashnikovs an die Hände banden, dieser Archie Toulee tanzt alle Tage den Special Forces-Tanz.

Der Filmemacher entschuldigt sich bei ihm. Die Sequenz endet, indem wiederholt erst Archies Tanzschritte und anschließend Archivbilder von Kämpfen und Hinrichtungsszenen gezeigt werden. Identisch das Tänzeln, Treten, Zielen, die Salven, die Bazooka, das Schiessen von unten. Kinder, die den Schwerpunkt des Gewehres verlagern mussten, weil sie so jung waren. Kein Lachen, nur Sprachlosigkeit ob der Sinnlosigkeit, der fehlenden Gerechtigkeit eines kalten Universums.

Korn das keimt, aber der weitere Regen bleibt aus, eine Gazelle, die Sekunden zu spät geboren wird und noch nicht zu rennen vermag, das ausgesetzte Kind, dessen Mutter vor Hunger keine Milch mehr geben konnte. Und Archie, Mahnmal einer Generation, die im Sog der Katastrophe wie ein kalter Wind um die aufreizend unsichtbaren Kleider des moralischen Menschen stob.

Denjenigen, die erwidern, es gäbe ja auch Gutes, es gäbe inmitten des Scheiterns auch trotzendes Glück, übersehen, dass kein getränkter Halm, kein trabendes Kitz, kein sabbernder Wonneproppen und kein glücklicher Archiebald jemals darüber hinwegtäuschen könnten, dass die einzige Ebene, auf der gerechter Friede zu herrschen vermag der Gedanke eben daran ist – geprägt in einer Welt des Leids, deren Gesetze Ambitionen dessen abbilden, was sie gebar. Der freie Wille ist tot, lang lebe der freie Wille.

 

Rio Reiser – Menschenfresser Menschen

Archie Toulee (in: Larry Charles Dangerous World Of Comedy E1+2)
Archie Toulee

Annonce nicht

Anschauung sucht

Keine Form, endo

Plasmatisches Nicht

Retikulum, Rati

Bor unterm Stein

Edita deditora, pa

Dam, Damm, ä/e

kabul

wieder für Granaz Moussavi

wir sprachen farsi und schnitten
zweige aus den kirschbäumen
im garten blühten reine verse
auf der straße vor dem haus
ratterte ein alter motorroller
und ahmad schlug auf seinen esel ein
schneeluft wehte von den bergen
sangen mädchen im radio
sirisirin
du bliebst stehen
die menge rannte weiter einer steinigung
hinterher
wir sprachen farsi und schnitten
zweige aus den kirschbäumen
im garten blühten reine verse
ahmads esel hatte sich losgerissen von seinem karren
und blieb stehen vor dem haus
am ende der straße
brachtest du ihm frisches gras
und reine verse

Der Mond : von hinten

Zeigt er kein Gesicht : einen Krater
Hält er versteckt : zweitausend
Kilometer breit : nirgends unter der Sonne

Gab’s einen größeren Schlag : das All
Hat ihn verletzt : den ewigen Lächler
Als wäre nichts geschehen : still

Steht er vor Schreck : kreist
Um die eigene Achse : einen Mond
lang : ewig von vorn : damit wir

Seine Wunde mit unseren Augen
Nicht zu sehen bekommen : ewiger
Tröster : was immer uns verletzt

wir waren atomdichter

wir waren atomdichter
und sprachen mit den basalten
unsere eltern zogen über die gletscher
unseren kindern gaben wir namen
wie sonnenschein zukunft oder hoffnung
auf ein besseres leben warten wir noch

auf den schneefeldern hinter dem fjord
landeten drohnen geophysikalische messungen
der schwere und des magnetfelds von spalteneruptionen
einer paläoerde trieben fremde forscher ins land
ein paar sind geblieben
sie verliebten sich in unsere elfen

skaldendichter sangen verse über feuchten torf
zeichen aus flechten und gletscherschliffe auf steinen
ein mann eine frau eine hauswiese
auf ihr grasten schafe und pferde
im wollgras das sich im wind wiegte ruhten stimmen
der jeep vor dem haus hatte kein benzin mehr

im jahr des großen ascheregens verfinsterte sich der himmel
kinder verhungerten frauen und männer
eine insel wurde geboren
flugzeuge verloren die orientierung und fielen vom himmel
du summtest ein wiegenlied
in ihm trockneten stockfisch und walfleisch in klarer luft

Abstraktion des Gefühlslebens (1)

Er trug schon beim zweiten Treffen den altmodischen Hut. Es lag Schnee in der Luft, die Kurven liefen sich nicht gut in den glatten Schuhen, alles schien sich in Schleier zu werfen, und sie wollten den Weg nach Hause hinauszögern, um klarer im Kopf zu werden. An der Tür hatten sie dann einander ihre Zuneigung gestanden, trotz altmodischer Hüte und postmoderner Zickigkeit. „Vielleicht können wir gemeinsam auf die Bühne gehen.“

Clarisse löcherte Eduard viele Tage mit Fragen zu seinem neuen Freund, und er war, wie in einem Beichtstuhl, anfangs bereit, ihr alles zu erzählen. Er lud sie zu sich ein, sie entdeckte Spuren des neuen, des seltsamen Freundes, der zwar nicht bei Ziegenbarth, wie angenommen, studierte, aber in einer ähnlich renommierten Klasse angenommen worden war. Da lag eine Decke auf dem Sofa, die ihr sehr gefiel, kleine Zettel mit Schrift bedeckt, oft nur einzelne Worte, die keinen Zusammenhang ergaben, angerauchte Zigaretten, die einen gelblichen Teint hatten, und die sie selbst hier noch nicht gesehen hatte, wahrscheinlich eine Importware. Sie tauchte ein in die Details, die Eduard ihr erzählte und kam endlich, nach mehreren Besuchen, zu einer Schlussfolgerung. „Euch verbindet die Merkwürdigkeit. Die Verstricktheit in euch selbst und in eure Interessen, die sich bei äußerlicher Verschiedenheit jedoch sehr in ihrem Verfahren gleichen.“

Die Wohnung wirkte noch weißer, noch kühler. „Wie frisch gefallener Schnee“, witzelte Clarisse und kam dann für eine Weile nicht mehr zu Besuch. Eduard nahm sich Zeit, seinen Freund besser kennen zu lernen. Abends legte er statt Jazz-Platten Chansons von Debussy auf. Er dimmte das Licht in der Wohnung, besorgte auf dem Flohmarkt Jugendstillüster, Lampenschirme in unverwundbaren Farben. Er fragte in Geschäften nach altem Weinbrand, freundete sich mit Whiskey und Cognac an. Eigentlich hatte er fasten wollen, wenigstens bis Ostern. Er fand heraus, dass sein Freund ein Waisenkind war, Onkel und Tante steinreich. Das war eine glatte Lüge, und er wusste es, aber er genoss das Spiel mit solchen Lügen und Klischees, Dinge, die man immer am Beginn einer neuen Beziehung genießt, bevor sie aus dem Weg geräumt werden.

Eduard nahm alles, was mit der Jahrhundertwende zu tun hatte, zunehmend ernster, als hätte sich ein Virus in seine Zellen eingeklinkt und streute nun weitere Viren in die noch gesunden Zellen, formte sie um. Ein Parasit – aber vielleicht war es doch eine Symbiose, da Eduard gute Ergebnisse in seiner Arbeit am Lehrstuhl für Kunstgeschichte ablieferte.

Und überhaupt ist die Abstraktion des Gefühlslebens zweier Männer ein Cocktail, ein Gebräu, von dessen Genuss abzuraten ist. Man verliert sich in Behauptungen und Klischees wie ein Heizungsexperte, gemeinplatzig, heißluftig und ungerecht. Man lässt die schwarzen Wildlederstiefel vor der Wohnung stehen und klinkt die Tür zu. Die Türen in Eduards Wohnung waren offen, das Licht gedimmt aber nicht ausgeknipst, wer herein wollte, konnte herein, und so wurde die Liebesbeziehung zu einem Stück Geschichte.

Wandeln in den Stimmen der Zeit

Schwimmen im Meer der Illusionen
Ego- Nährung
Baut es weiter aus! um interessant zu sein

Die Fesseln der Selbstsucht zerstückeln

Zersträute Sänder rießeln grau im Herbsthauch.

Salomenia (Flucht und Wiederkehr XXVIII)

Das junge Mädchen wandelte, des ewig brennenden Himmels reich, Welten,
verschwebte inmitten halb rauwinkliger, halb erträumter Städte,
passierte gelb und blau mit einer Lilaterne,
schwamm hungersüß als Morgengrau, hetzte geifernd um die Schluchten.

Rückwärtig schwärmwankte die Prozession im Gleichschritt,
schrillte verzerrt umspulte Liturgien, eine obsidiannadelnde Klangwolke,
die Tiefenwahn umschlang, versank vor fahlem Springgiftlicht.

Um keine Angstdurft verlegen, fieberte ihre weichgezeichnete Masse
nach Ohren, die ihr hölzernes Stöhnen erhören mochten,
der einen Stimme, die sie ihr salziges Dürsten vergessen ließe,
nach dem letzten Ziel ihrer pechschwarzen, an die wüsteste Ferne verlorenen Masada-Augen.

Einen Sturm ohne Regen verkündeten Posaunen am Totenmeerhang,
es wurde Helltag und still, braungeronnen Bäche entrückten Bluts und
auf der Rampe versickerten Tränen eines abkriechenden Schattens.

promenades des faunes

mit hingabe an die nacht
zähle ich münzen
schlafen im schatten der platanen seidene papillen
auf einem see der ruhe
treiben schweigend die flügelschläge von nebelfaltern
dahin
zittern deine lippen in den wogenden bewegungen von wörtern
atemberührungen von streulicht
für einen schreck eine sekunde
tasten fingerkuppen zeile für zeile
die blindenschriften der liebe
4 7 21 silberlinge häufe ich zu stelen
zittert jetzt deine stimme

wir schwimmen mit den fischen
sanliurfa
trinken das heilige wasser
sanliurfa
befehlen ibrahim zu bleiben
zu nehmen die magd zur zweitfrau
sanliurfa
sarah kann bleiben

hall stadt
besuchte ich
das beinhaus
lagen nicht nur bein an bein
auch arm an arm
schädel an schädel schulter an schulter
rumpf an rumpf und die füße
beieinander wie liebende
nach dem letzten kuss in der nacht
schliefen im gletscherbett die plätten
unter dem salz
behütete sie dach stein
legte sich nebel zwischen die leiber

in die traurigkeit flüstern sie flüssigen safran
mit erde vermischt bildet er dein mahl
sag den trotzigen kindern etwas von liebe

grenadierplatz
ist die wohnung des bäckers voller brot
wollen seine kinder kommen
ist die frau tot
liegt sie aufgebahrt in der stube
bleibt der laden heute geschlossen
trägt der nussbaum im garten dieses jahr reich
flackert das fernsehbild
fährt ein auto vor

ist wieder niemand gekommen

medeal

für Bela und ihre Apfelbäume

aus dem kaukasus kamen deine vorfahren
unbekannte gegenden mit wilden tieren
und menschen mit harten bräuchen
vom schwarzen meer kamst du
folgtest einem elenden verführer
halfst ihm stehlen und rauben
wurdest durch ihn zur mörderin
[wollten uns seine nachfahren mit einer anderen weismachen]
fallen ließ er dich
du erhieltest keinen dank
ach hättest du das goldene widderfell für dich behalten
es versteckt in deines großvaters haus
im entlegenen gebirgsstall
gleich hinter der passhöhe unter den gletschern
wo nur die ziegenherden und hirten den weg kennen
wo die krummhörner mit dem wind um die wette blasen
wo die mädchen scheu aus den fenstern der hütten lugen
wenn ein fremder prinz vorüber reitet
auf der suche nach einem alten geheimnis
wo die dichterin die felsen besingt
den fluss das meer in den der fluss fließt
die fische die nicht zurückkehren
wenn sie den silbernen wal getroffen haben
mit seinem mondmund
der so groß und schön ist wie der himmel
über der dachluke der felsenburg
in einem bunten kaftan könntest du liegen
im frühsommer unter einer linde
dein geliebter küsste dir den honig vom leib
das blut der kirschen mischte sich mit deinem
ach hättest du dem elenden verführer
die doppelklinge der bergbewohner ins herz gestoßen
das schwarze meer wäre noch dunkler geworden von seinem blut
[doch kein dichter hätte dich dafür besungen]