Berliner Ballhaus

Das also ist Berlin : ein Hinterhof
Berliner Ballhaus : schwarz
Biergarten : innen verwirbelt
Farbig : alle Kontinente tanzen
Hier : außer Australien

Skepsis weicht der Sepsis
Lächeln weicht dem Schwächeln
Schnelle Schritte : fitte Mitte
Zehweh dreht ums Viehknie
Der Drink ist ein Wink : link

Morgens um drei sind wir dabei
Warten : warten : bis die Flieger starten
New York : Helsinki : Shanghai
Preußen : Sachsen : Walachei
Das Leben : halb vorbei

Clemens Brentano Förderpreis

Die Stadt Heidelberg schreibt in Zusammenarbeit mit dem Germanistischen Seminar der Universität Heidelberg auch in diesem Jahr wieder den mit 10.000.- Euro dotierten Clemens Brentano Förderpreis für Literatur aus. Er wird 2020 in der Sparte „Lyrik“ vergeben.  Prämiert werden Autorinnen und Autoren, die bisher nicht mehr als zwei literarische Publikationenin deutscher Sprache veröffentlicht haben; das einzureichende Werk kann somit die erste, zweite oder dritte literarische Publikation darstellen. Das Veröffentlichungsjahr des in Frage kommenden Textes muss 2018 oder 2019 sein.

Texte, die für den Clemens Brentano Förderpreis geeignet sind, als Pdf-Dokument und als Buch in drei Exemplaren bis spätestens 12. August 2019 an folgende Adresse einzusenden:

Per E-Mail: brentano@gs.uni-heidelberg.de

Postalisch: Prof. Dr. Michaela Kopp-Marx

Germanistisches Seminar der Universität Heidelberg

Hauptstr. 207-209

69117 Heidelberg

 

wolkenschnee

dort wo ich
deinen raum betrete
in einer sprache
die aus den augen fällt

sozusagen ein liebesschweigen
genau dahin
möchte ich
wie ein morgengedicht

das den tau
auf den lippen trocknet
und die stürme
des vergangenen sommers

im verriegelten raum

meiner kindheit
schläft noch die einäugige puppe
zeichnet die nacht
eisblumen ans fenster
schon damals träumte ich
vom leben vor dem tod

Ingenieure der Seele

Manchen Metaphern sieht man ihr Innerstes unmittelbar an: Metatheorien subatomarer Gespinste, der Geist von Hamlets Vater tritt auf. Der Geist befiehlt dem Willen, der Wille befiehlt dem Körper. Wenn es dann so richtig heimelig geworden ist in der Arena, vielleicht ein Sonnenuntergang oder der Aufgang eines neuen Sterns, schauen alle in die gleiche Richtung: Soll das etwa Ausdruck der Algorithmen des Herzens sein?

pomeriggio

schläfrig
liegen die katzen im hausschatten
vom vergangenen jahr
vater hatte vergessen
den hof zu kehren

Im Grunewald : im Grunewald

Im Grunewald : im Grunewald
Ist das noch in Berlin
Fachwerk reiht an Villen sich
Der Verkehr ebbt hin

Die Bankiers sind ausgebombt
Die Enkel trinken Bier
Im Grunewald : im Grunewald
Bist du jetzt und hier

Im Grunewald : im Grunewald
Streift der Fuchs die Gassen
Beschnuppert Autos : durchquert Zäune
Hetzen : Jagen kann er lassen

Im Garten namens „Besser Essen“ wird
Wenn er kommt : die Futtertonne beben
Im Grunewald : im Grunewald
Streift er durchs Dorfstadtleben

Featuring : A. N. Whitehead : Prozess und Realität

O NOUS GAR EMOON O THEOS

*
Jede Wissenschaft muss sich ihr Instrumentarium selbst ersinnen.
* *
Das Hilfsmittel, mit dem die Philosophie arbeitet, ist die Sprache.
* * *
So gestaltet die Philosophie in derselben Weise Sprache neu, wie in den Naturwissenschaften vorgegebene Anwendungsmöglichkeiten neu gestaltet werden.
* *
Genau an diesem Punkt wird die Berufung auf Tatsachen zu einer schwierigen Angelegenheit.
*
Damit beruft man sich nicht allein auf die Darstellung der Tatsachen in geläufigen Redewendungen.
* *
Gerade die Adäquanz solcher Formulierungen stellt hierbei das wichtigste Problem dar.
* * *
Natürlich ist die allgemeine Übereinstimmung der Menschheit hinsichtlich erfahrener Tatsachen am besten sprachlich vermittelbar.
* *
Aber die Sprache der Literatur scheitert genau an der Aufgabe, den allgemeinen Prinzipien in expliziter Form zum Ausdruck zu verhelfen
*
– genau den Prinzipien, deren Formulierung die Metaphysik anstrebt.

Ein Text wie

wenn ein Raumschiff startet. Erst ist da ein Feuerkreis, tanzende Kontur, in deren blaudunklem Rot sich undeutlich schwarze Schlieren abzeichnen. Tausende von Dingen, alle gleich, alle anders, in einem Strudel permanenten Nachdunkelns eingeschlossen. Dieser Text erzeugt ein Geräusch wie ein Fieber, das einem heiß aus den Ohren tritt. Inmitten dieser andauernden Explosion sind die Familien der Dinge erkennbar, aus denen wir gemacht sind, die uns immer wieder füllen, bis sie uns einmal ganz ausgefüllt haben werden. Dieser zukünftige Zustand bleibt irreal, ist nur als Verheißung erkennbar. Da wird nichts sein, kein Blatt, kein Stein, kein Stückchen Erde, das nicht von der dinglichen Fülle überquellen würde, das nicht ein Gedanke, ein Schatten wäre in sich. Das Dunkel all dieser Dinge aber sehnt sich nach Licht. Undeutlich sind die Konturen erkennbar, hier eine und dort eine, wie sie sich schemenhaft geometrisch aus einem schwarzweißen Hintergrund herausheben, wie sie versuchen zur Ruhe zu kommen, um einen klar erfassbaren Gegenstand zu bilden und wie sie immer wieder vom Fieber erfasst werden, das den Strudel der Dinge in einem einzigen Wünschen zu entbergen vermag. Plötzlich fällt dieser strudelnde Trichter von Text in sich zusammen, in der einst dampfenden Badewanne steht noch weiß seine spektrale Gestalt von Licht und Wärme, alles Wasser hat die Arena verlassen, nur Schaum, Reste von Schaum bedecken den glatten Boden.

Wie im Nebel heben sich aus dem schäumenden Grund satzartige Gebilde heraus,

Gesichter verhaltener Worte und Worte verhaltener Wünsche,

Ereignisse einer großen Bewegung –

seelisches Kondensat.

bauhaus

fallen in die straßen kinder
blaue augen braune
kohlenstaub
wachsen aus den gärten
glas beton un vent
les vents reviennent aux soleils
svetlana

[warten auf den winter deine hände]

In alte Wunden

taucht die Morgensonne,
so rot steht sie am Horizont.
Aus Fenstern kriecht das Schweigen.

Wenn du sprichst,
rollen sich die Worte zu Steinen,
die sich mittags erhitzen
und glühend in die Sonne schreien.
Doch jetzt liegen sie kalt
zu meinen Füßen,
hinterlassen Abdrücke
vernarbter Träume.

Auf der Rückseite
spüre ich noch Jahre später
die Kerben von einst.

Aus deinem Mund

fällt Schnee.
Deine Stimme ein fremder Wald
ohne Rehe.
Immer den Schneisen nach
gehst du
zum Ausweg,
auf dem das Mondlicht liegt
und manchmal ein See
am Ende der Böschung.
Nach Harz riecht der Atem des Dunkels.
Bäume zittern Schatten
unter die Haut,
und ihre Nadeln
weisen nach Norden
wie du.

wie leicht es ist

an falterworte zu glauben
wenn die stimme
bis in die wunde
deiner seele trifft

und wie leicht ist es
beflügelt zu sein
von den lippen
die sie formen

natürlich

könnte ich dir
aus liebe
ein gedicht schreiben
und dich und mich
in einen vers pressen
und sagen
das wäre unser glück
so gemeinsam auf einem blatt
verewigt
natürlich sagst du
könntest du das

Parque De Las Memorias

für Bernardo Serrano Velarde, 1949-2016

ich kam nicht bis Cochabamba
noch nie über das meer
an seine andere seite
nicht über den äquator zu anderen sternbildern
inti heißt dort die sonne
irgendwo im dschungel in einem dorf
haben sie den Che erschossen
vielleicht hörtet ihr denselben wind
dieselben stimmen aus der rinde des quebrachobaumes
die euch warnten weiter zu gehen
du erzähltest mir einmal von der reise der schwäne
sicher sind es singschwäne
ich höre die melodie auf einer knochenflöte
den pullover aus alpakawolle gibt es nicht mehr
irgendwann trug ihn noch meine frau
vientos y rosas nanntest du deine poeme
ich hatte sogar angefangen spanisch zu lernen
einmal im leben wollte ich nach Cochabamba
nach La Paz vielleicht ein stück weit auf den illimani
und um den see
mit einem schilfboot übersetzen in das andere land
aus dem panzer eines gürteltiers weht ein lied herüber
bis in den friedwald nach Cochabamba
du liebtest lieder auf guitarren und trompeten
solche von der mexikanischen art
morgen gleich in der früh
werde ich winde und rosen lesen
die zeit ist die antwort

hulyet hulyet, kinderlekh

Dieses Buch ist ein Lebenswerk über ein Lebenswerk und ein Leben. Uwe von Seltmann, dessen Vater noch in Krakau geboren wurde, der jetzt wieder in Krakau lebt, schreibt eine Biographie des Tate (Vaters) des jiddischen Liedes, Mordechai Gebirtig (1877-1942). Ich fange von hinten an: die Danksagungen füllen zwei Seiten, wie der Abspann eines großen Spielfilms. Gebentsht zoln zayn (Gedankt soll sein) dem Forscher Natan Gross, auf dessen Werk dieses Buch aufbaut, Irina Klepfisz, Samuel Mandelbaum und Michael Goldmann-Gilead, Überlebenden des Holocaust, die als Zeitzeugen Fragen aus eigenem Erleben beantworten konnten, neben Stiftungen und Geldgebern, Crowdhörnchen, auch Dichterinnen wie Bozena Keff, die den Antisemitismus in Polen auf die Bühne gebracht hat („Stück über Mutter und Vaterland“). Um nur einige wenige zu nennen, die an diesem Buch mitgewirkt haben.

Gebirtig war bereits zu Lebzeiten ein Star, den keiner kannte. Seine Lieder wurden nicht nur in Polen, sondern auch in Rumänien, Litauen, Weißrußland und in Amerika gesungen, sie galten als Volkslieder, die auf der Straße, beim Frisör und auf den Feldern gesungen wurden, doch niemand wußte, wer ihr Schöpfer war.

Am Ende des Buches findet sich auch ein Lebenslauf von Mordechai Gebirtig – bemerkenswert, dass er nicht mit dem Tod des Lieddichters 1942 endet, sondern bis 2018 fortgeführt wird: er enthält auch die postumen Veröffentlichungen und die Entdeckung verschollener Lieder, ganz selbstverständlich als Teil des Lebens von Mordechai Gebirtig – eine kluge Entscheidung. Denn was ist das Leben eines Dichters ohne sein Werk, ohne die Bücher, die sich nicht etwa verselbständigen, sondern das Leben ihres Schöpfers weiterleben und verlängern, über den Tod hinaus, und im Falle von Mordechai Gebirtig kann man sagen: seinen Peinigern und Mördern zum Trotz! Dies ist die vornehmste Aufgabe des Buches, es überwindet das Martyrium und überlistet die Zeit.

Wer war Mordechai Gebirtig? Ein Tischler aus Krakau, Vater von fünf Töchtern, der sich als Laienschauspieler in Arbeiterbildungsvereinen und als sotsyal-demokrat engagierte. Mit 28 Jahren trug er zum ersten Mal in der Öffentlichkeit ein eigenes Gedicht vor und begann zu veröffentlichen. Infolge einer Krankheit war er gezwungen, seine Möbelwerkstatt aufzugeben, zum Glück nahm ihn sein Bruder als Hilfsarbeiter in sein Geschäft auf. Es folgte der Große Krieg, die Einberufung in die Armee der Habsburger – der Krieg, der ihn zu zahlreichen Antikriegsliedern, Schlaf- und Wiegenliedern bewegte. In den 1920ern landete Gebirtig seine Welthits: kinder-yorn und hulyet hulyet, kinderlekh, die auf Liederabenden und in Operetten aufgeführt werden, sich bis nach Lemberg, Czernowitz, Warschau und Lodz, Tel Aviv und New York verbreiten, rezensiert und als Schallplatten aufgenommen werden.

Das Ende begann 1939. Innerhalb von sechs Tagen erreichte die Wehrmacht Krakau. Gebirtig wurde ausgewiesen, zog sich mit Frau und Töchtern in ein Dorf vor der Stadt zurück, wo er weiterhin Lieder schrieb, wurde im März ins Krakauer Ghetto verschleppt und drei Monate später auf dem Transport ins Vernichtungslager Belzec erschossen. Seine Schreibhefte wurden von seinen Töchtern gerettet: sie übergaben sie Freundinnen, die mit gefälschten Papieren außerhalb des Ghettos überlebten.

Uwe von Seltmann: Es brennt. Mordechai Gebirtig, Vater des jiddischen Liedes
homunculus verlag, Erlangen, 2019

Kanalgas-
düfte durchwandern
das Fenster

die Putzkraft
öffnet die Flure
weit

der Kleiber geht
uns an die Wäsche:

Oh du schöne Maienzeit

Maximilian Woloschin : Die Maschine (Anfang)

1.
Wie es keinen Erfinder gibt, der
Eine Maschine zeichnend, nicht davon träumte,
Den Menschen zu bereichern/ zu verbessern,
So gibt’s keine Maschine, die nicht der Welt gebracht hätte
Drückendste Armut und
Ganz neue Form der Knechtschaft.

2.
Solang‘ die Hand gedrückt hielt einen Hebel,
Und Wasser
Das Mühlrad drehte, waren
Ihre Kräfte
Im alten, uralten Gleichgewicht.
Jedoch der Mensch
Ergriff den Schlüssel zum ewigen Geheimnis
Und setzte die gefang’nen Riesen
frei (den Golem, die verborgenen Kolosse.)

3.
Der Geist, im Innern Raum ergreifend, errichtet einen Körper:
Dampf, Funkenenergie und Pulver
Beherrschend
Denken und Gefühl des Menschen
Bauten für sich
Eiserne Körper
In Übereinstimmung mit
Ihrer Natur: Öfen und Kessel,
Turbinenräume,
Antriebe und Schmelzen.

Vincent

Er suchte Licht : das Licht
Der Ägypter : gleißendes
Gelb : Paul empfahl ihm
Den Süden : die langen
Tage der Provence : das Gold

Der Ähren : das dreckige
Gelb der Schafe : welke
Sonnenblumen : zum Verrückt-
Werden : er trug den tanzenden
Stern in sich : die Tänzer

In den Caféhäusern verstanden
Ihn nicht : nichts verstanden
Sie : trampelten : schimpften
Wüteten : schlugen & schossen
Er rechnete längst nicht mehr

Mit Verständnis : wenn er
Bis dahin noch nicht verrückt war
Jetzt wurde er es : sie sahen das Licht
Das sie völlig umsonst umgab
Von morgens bis abends

Weil es kostenlos war : hatte es
Keinen Wert für sie : sie suchten
Nicht nach ihm : es umgab
Und umhüllte sie täglich
Er suchte nach dem Ewigen

Einem Schimmer gab er
Die Chance zu verweilen

Absage

Wesentlich angenehmer
Die Sterne,
Als ein Todesurteil
Unterschrieben von mir.
Wesentlich angenehmer
Blumen zu lauschen,
Ein Flüstern: Er! –
Neigen das Köpfchen,
Wenn ich durch den Garten gehe,
Als dunkles Eisen
Von Wachenden, die
Den töten
Der mich töten will

Und das ist der Grund, warum ich niemals
Nein, niemals Staatsführer werde

Featuring : Alexander Blok : Wegscheide

Und wieder Unmögliches geträumt
Fet

Noch sind bleichende Fetzen am Himmel,
In der Ferne kräht sacht ein Hahn.
Auf des Felds Kornährengewimmel
Geht plötzlich ein Lichtpunkt an.

Dann dunkelt der Erlenzweige Schar,
Hinterm Fluss flackert Rauch, dass Feuer werde.
Und durch den Nebel wunderbar
Sprengt eine unsichtbare Herde.

Ich fahre durch ewig gleiche Felder,
Den ewig gleichen Singsang im Sinn.
Und Träume, Träume hinterm Rücken
Verschwinden, wo ich nicht mehr bin.

Und was nie war, werden Silben und Klänge –
Der Gedanke, geflüstert, wird mein.
Es schaukeln die grauen Äste,
Das sind Hände von Schädelgebein.

17. November 1902

Wolken : Heim

Für Elli

Das traute : klassisch
Humanistische Häuschen
Darin richten wir uns ein

Und schwingen uns
Über die schnöde Welt
Der anderen : um ängstlich

Blickscheu : am Nachbarn
Vorbei zu huschen
Zu schleichen : zu lauschen

Es gibt eine Verbindung
zwischen Hölderlin : Hegel
Fichte & Marx

Der Staatsterror von 365
Lokalfürsten : das ist es
Was sie deutsche Freiheit

Nennen : die von innen
Her kommt : verkommt
Die Freiheit der Folter

Die Freiheit der Flucht
Geht in die Wälder & sucht
Sie zwischen den Sporen

Eure Helden & Horen

Clarissa

„Du wolltest mir etwas zu den Bildern erzählen.“ Clarissa, neben ihm, mit dem Schal aus roher Seide, lenkte ihn ab in seiner Konzentration. Mit Fragen: „Das rechte stammt aus dem achtzehnten, das daneben aus dem frühen neunzehnten Jahrhundert. Wie soll ich das begründen?“ Während er vor seinem geistigen Auge alles auf Tapete brachte, seinen Film drehte, in dessen Zentrum nun ein obskurer Hintern thronte, traktierte sie ihn. In Gedanken feilte er an seiner Arbeit, blieb heute Clarissa manche Erklärung schuldig – wegen eines Hinterns, der ihn anfangs langweilte, was nicht ganz gefahrlos war. Clarissa brachte es immer noch nicht fertig, jenseits der ausgetretenen Pfade etwas zu entdecken, das sie als ungewöhnlich in die Diskussion einbringen konnte.

Der Hintern stand still und bewegte sich nicht. Der Mensch, dem er gehörte, war hoch aufgeschossen und sah, wie er jetzt feststellen musste, nicht nur etwas altmodisch gekleidet aus, sondern er schien sich geradezu auszuleben in dieser Pose der Vergangenheit, die durch seine Haltung, ja durch seinen ganzen Habitus, schon etwas Futuristisches bekam.

„Kennst du den?“ neigte er sich zu Clarissa herüber. Sie nickte. „Ich glaube, der gehört zur Akademie. Ist einer von  Prof. Ziegenbarth.“ „Von Ziegenbarth? Zu dem kommen doch nur die Guten.“ „Ja, Eduard. Die Guten. Die ganz Guten.“ Ihr Schal aus Rohseide warf sich um den Hals und auf den schwarzen Glastisch, und er hatte, wie ihm eben erst auffiel, ein Muster im Jugendstil, fast schon obszön in seinen Windungen, wie die Zeichnungen von dem Beardsley.

Abwedeln nicht vergessen

Nebel überzieht die Landschaft mit Zucker
Mein und dein : bürgerliche Kategorien
In den Mistelzweigen nisten die Vögel
Damit wir uns küssen und vögeln können

Vogelfrei : gehören wir niemandem
Ein paar Schnappschüsse vom Abenteuer entfernt
In deinen analogen Welten dauert die Entwicklung
Eines Bildes eine Stunde : abwedeln nicht vergessen

Verstecken wir uns im Schilf : schwanken im Wind
Kräuseln die Lippen wie Wellen : die Landschaft
Ist kein Zuckerschlecken : ihre Bitterkeit
Ruft die Endlichkeit in Erinnerung : mit der wir

Vergeblich dem Unendlichen entgegenwinken
Glitschig entgleitet sie uns : gleißend verglühen wir

Sieben

mit Blok und Brecht

Den Krieg haben wir verloren, doch nicht den Krieg!
Zeit haben wir gewonnen: ganz ohne Sieg.

Die Jahre kamen und gingen. Wir wollten mehr,
Als nur feiern und singen. Nun sind wir leer

Wie Buddhas atmende Seele, wie das Gesetz,
Dem alle Körper gehorchen zu guter Letzt…

Den Krieg haben wir nicht vergessen. Kinder waren wir.
Und die ihn geführt hatten, sind nicht mehr hier.

Was Frieden ist, lernten wir bei der Armee:
Einatmen – zielen und – treffen, weiß wie Schnee.

Wenn die Kinder heute lernen, wie man schreibt und liest,
Kann es sein, dass sie auch lernen, wie man schnell vergisst.

Zeit haben wir gewonnen auf dem Weg zum Sieg.
Und unseren Enkeln sagen wir: Nie wieder Krieg!

Drei Verse

*

Die Freundlichkeit kommt mit dem Frühling,
nicht früher

* *

Barocke Turnhalle, umständliches
Geziere

* * *

Magnolienblätter verdecken die Scham

credo

ich war ein toter
und werde wieder ein toter sein
dazwischen schreibe ich gedichte
und liebe

guinea pig

I was your guinea pig
with wich you tried to save yourself
out of despair

when the rose colored glasses
slipped off
you realised that I don’t perform

so I was exposed
and now you try alone
all the best