Amtliches

Ich kenn ein Haus, das hat so viele Fenster.
Wer reingeht, wird stracks von der Welt verdammt.
Dort hausen schreckliche Papiergespenster –
Sie ahnen’s schon: Es ist das Arbeitsamt.

Die oben sagen: Prima Arbeitslage!
Weshalb das Amt auch meistens überfüllt.
Das kommt, das weiß man ohne Gegenfrage,
weil man dort alle Wünsche eifrigst stillt.

Nicht oft genug kann man das Amt nur loben.
Wer rauskommt, hat die Stelle schon in petto,
er schwenkt Bescheide freudig hocherhoben
und summt ein Hoheliedchen im Larghetto.

Auch ist Hartz IV Millionen eine Wohltat,
wenn’s mit der Stelle nicht gleich klappen tut.
Laut Grundgesetz herrscht hierorts der Sozialstaat
mit allem Drum und Dran und absolut.

Wer jetzt noch meckert oder Aufstand predigt,
der ahnt nicht, wie das Arbeitsamt ihn hebt.
Der ist für Wohlstandsbürger glatt erledigt,
der hat für die doch fast umsonst gelebt.

Das Testament der Gräfin Ulrike, Kapitel 7

Kapitel 7

Ein Taxi fuhr vor dem Schloss vor. Eine junge, sehr schlanke Frau entstieg ihm, einen Handkoffer als Gepäck, das blonde Haar hing ihr strähnig über die Schulter. Marietta stand vor der Schlosstür und beobachtete die Angekommene skeptisch. Eine Nicht der Gräfin?
Gewöhnlich, dieses Weib war ordinär, entschied sie. Instinktiv fühlte sie Abneigung gegen die Besucherin.

„Willst du mir nicht den Koffer abnehmen?“ Daniela, denn um sie handelte es sich, war wütend: Die Gräfin nirgends zu sehen, dafür eine Dienstmagd als Empfangsdame. Ein schöner Empfang! „Wo ist denn die Frau Gräfin?“, fragte sie aufgebracht. „Ich habe ihr doch geschrieben, dass ich komme!“

Marietta musterte schweigend den Gast. Ein billiges Kostüm, abgetretene Pumps, ordinäre dicke Ohrringe. Irgendwas gefiel ihr auch an dem Gesichtsausdruck Danielas nicht. Ihr Urteil stand fest: Mit der ist nicht gut Kirschen essen.

***

Gräfin Ulrike warf einen prüfenden Blick auf die unbekannte Nichte, die am Tisch Platz genommen hatte. „Du bist also Daniela, die Tochter meines Cousins Eduard. – Mein Beileid“, fügte sie hinzu. „Damals habe ich deinen Vater sehr gemocht. Aber das ist lange her. Seitdem haben wir uns nicht wiedergesehen. – Aber nun bist du statt seiner gekommen, Kind“, fügte sie freundlich hinzu.

„Tante Ulrike, ich habe doch nur noch dich auf der Welt.“ Daniela betupfte sich mit einem nicht mehr ganz sauberen Taschentuch die Augen.

„Komm her, Kind.“ Die Gräfin zog die Nichte an sich. „Es ist traurig, wenn man so allein in der Welt steht, ich weiß. Ich kann deine Tränen sehr gut verstehen. Erzähl, wie lebte dein Vater? Und deine Mutter? Sie lebt wohl auch nicht mehr?“

„Meine Mutter war die geborene Baronin Altstetten, sie ist gestorben, als ich drei Jahre alt war. Vater hat unser Schloss verkaufen müssen, und wir haben in der Stadt gelebt, in einer sehr engen Wohnung, eher einer Kammer, Tante Ulrike!“

„Ach, Kindchen, da ist dir ja schon in jungen Jahren sehr viel Leid begegnet“, sagte die Gräfin mitfühlend. „Aber jetzt“, sie blickte zur Tür, die einen Spalt offenstand – „jetzt bleibst du bei mir, solange es dir gefällt. Und dass du einmal meine Haupterbin sein wirst, wird dich nicht verwundern, das ist dir sicher bekannt?“

Danielas Augen leuchteten einen kurzen Moment auf. Der Gräfin entging es nicht.

„Marietta!“, rief sie. „Stell mal etwas auf den Tisch. Meine Nicht Daniela wird nach ihrer Reise ausgehungert sein.“

Marietta trat durch die Tür mit verräterisch roten Wangen. „Wir haben nur noch Braten von gestern“, sagte sie unwirsch.

„Nun, dann bringst du den Braten von gestern.“ Die Gräfin lächelte. „Was stehst du noch herum? Daniela fällt mir noch in Ohnmacht vor Hunger!“

Marietta verschwand. Die Gräfin wandte sich wieder ihrer Nichte zu. „Marietta ist altes Schlossinventar, ihre Mutter hat schon den Eltern meines Mannes gedient. Eine Dynastie von Köchinnen. Ein bisschen neugierig, aber das“, die Gräfin lachte hell auf, „sind wir alten Frauen alle. Ich würde gern wissen, Daniela, wie du dir die Zukunft vorstellst. Gibt es jemandem in deinem Leben, der dir nahesteht?“

Daniela antwortete nicht sofort. Zögernd sagte sie dann: „Im Moment nicht. Aber ich denke durchaus daran, nicht allein zu bleiben, Tante Ulrike. Ich hoffe, mit deinen Beziehungen zu den ersten Familien eine gute Partie finden zu können. Einen Gatten, der auch in diesem Schloss …“

Die Gräfin fiel ihr ins Wort: „Damit wird es wohl nichts werden. Ich stehe in Verhandlungen, das Schloss zu veräußern, Daniela. In diesen Mauern werden nach meinem Tode nur noch die Mäuse und der Kunstverein nisten. Du musst dich schon nach einem anderen Quartier umsehen, so leid es mir tut.“

„Ach“, Daniela blickte zum ersten Mal der Tante ins Gesicht, „das habe ich nicht gewusst, ich dachte …“

„Du bist und bleibst, wenn alle deine Papiere stimmen, die du mir noch vorlegen wirst, meine Nichte und Haupterbin. Aber mit dem Schloss, versteh mich, habe ich anderes vor. Halb und halb habe ich es dem Kunstverein bereits übergeben.“

Daniela schoss einen unfreundlichen Blick auf die Gräfin. „Natürlich“, beeilte sie sich zu sagen, „natürlich, Tante Ulrike, das Schloss gehört dir, ich habe mich da nicht einzumischen.“ Der Gräfin entging das verdrossene Gesicht Danielas nicht.

Warum nicht mal verreisen?

An manchen Tagen ist mir nach Verreisen,
da will ich von der schönen Welt was sehen,
da will ich fremd durch fremde Straßen gehen,
mir irgendwas vielleicht noch mal beweisen.

Wohin ich will? Ich habe keinen Schimmer.
Doch etwas zerrt an mir herum seit Jahren:
Noch niemals warst du auf den Balearen!
Was dafür gut ich kenne, ist mein Zimmer.

Mein Sitzfleisch aber flüstert: Bleib zu Hause,
man kann auch ohne fremde Städte leben.
Doch ein Gefühl sagt mir: Du träumst daneben,
dein Leben macht doch täglich bloß noch Pause.

Man müsste, ja man müsste mal verreisen,
gewohnte Welt auch mal von außen sehen.
Es kann ja sein, man würde sie verstehen
und nicht bloß um die eigne Achse kreisen.

Das Testament der Gräfin Ulrike – Kapitel 6

Joshua hatte sich das Vertrauen der Gräfin Ulrike erworben in den zwei Jahren, die seit seinem Ankommen im Schloss vergangen waren. Die Gräfin war bezaubert von dem jungen Mann. Ihr Park war ein Park aus dem Bilderbuch geworden. Jeden Nachmittag ließ sie sich von Marietta den Stammsessel ans Fenster rücken und sah stundenlang hinaus. Nicht wiederzuerkennen das einst so heruntergekommene Kleinod ihres verstorbenen Mannes. Und das alles dank der Tatkraft dieses jungen Menschen, den sie viel zu schlecht bezahlte.

Gräfin Ulrike saß nachmittags am Tisch, über Papiere gebeugt. Ach, das Testament! Sie würde es ändern, der junge Joshua sollte auch noch bedacht werden. „Joshua! Bitte komm doch mal!“ Marietta steckte den Kopf zur Tür herein. „Joshua ist im Wirtschaftsgebäude, ich hole ihn, Frau Gräfin!“

Joshua kam, mit Gärtnerschürze und zünftigem Strohhut. Er wischte sich die Hände an der Schürze ab.

Gräfin Ulrike überkam jedesmal, wenn sie ihn anblickte, eine Wärme, die sie sich nicht recht erklären konnte. War es die stattliche Gestalt des jungen Mannes, seine Bescheidenheit oder dieser offene, ehrliche Blick? Inzwischen war die Gräfin zum Du übergegangen, sie brachte es nicht über die Lippen, Joshua noch weiter mit Sie anzureden, das so viel Abstand schaffte. Manchmal sogar hatte sie den Eindruck, dass Joshua mehr und mehr ihrem verunglückten Sohn ähnelte. Ein mütterliches Gefühl überkam sie dann, und am liebsten hätte sie ihn in die Arme geschlossen, wie sie es einst mit ihrem kleinen Sohn getan hatte.

„Joshua, ich habe beschlossen“, begann die Gräfin, „dich in mein Testament aufzunehmen. Muss aber noch notariell festgelegt werden. Du fährst mich in die Stadt, zu Notar Wettlinger, zu meinem alten Freundfeind. Er wird überrascht sein!“ Sie lachte.

Noch überraschter, als der Notar sein würde, aber war Joshua. „Frau Gräfin“, stotterte er, „das ist doch nicht nötig. Sie bezahlen mich doch gut!“

„Nicht gut genug, Joshua! Keine Widerrede! Was ich beschlossen habe, wird getan. Wann passt es dir? In einer Stunde?“

***

Joshua ließ den Motor des goldmetallicfarbenen Mercedes laufen. Die Gräfin, von Marietta gestützt, erschien an der Schlosstür. Joshua sprang aus dem Wagen und riss die Tür auf.
Während der Fahrt beobachtete die Gräfin den jungen Mann. „Ich sollte dir eine Chauffeursmütze kaufen“, sagte sie spitzbübisch, „sie würde dich bestimmt gut kleiden.“

Der Notar Dr. Wettlinger machte gute Miene, obwohl sie ihm schwerfiel. Wie oft wollte die Gräfin Rheinstein noch ihr Testament ändern? Zugunsten dieses jungen Schnösels, den sie wer weiß wo aufgegriffen hatte? Das sollte einer verstehen! Nun gut, dachte er sich dann, jede Änderung bedeutete zwar Schreibarbeit, doch jeder Handschlag erhöhte auch seinen Verdienst.

„Ich hoffe, dies war das letzte Mal, lieber Dr. Wettlinger“, sagte die Gräfin, entschuldigend lächelnd, als sie sich verabschiedete. „Nicht böse sein. Ich habe eben so meine Vorstellungen vom Umgang mit zuverlässigem Personal.“
Als sie im Schloss ankamen, lag die Post auf dem Tisch der Gräfin. Ihr Blick fiel auf den obersten Brief: „An die Gräfin Ulrike von Rheinstein“. Ungeduldig schlitzte sie das Kuvert mit dem kleinen goldenen Brieföffner auf. Der Brief bestand aus einem Blatt und war handschriftlich verfasst.

„Liebe Tante Ulrike“, las sie voller Verwunderung. Tante Ulrike, Tante? Sie hatte doch überhaupt keine Verwandtschaft mehr!

„Mein Vater“, las sie, „hatte mir vor seinem Tod ans Herz gelegt, mich unbedingt bei Dir zu melden. Ich bin die Tochter deines Cousins dritten Grades Eduard, von dem Du Dich vor Jahrzehnten getrennt hattest, wie er mir sagte. Das aber soll kein Hinderungsgrund für mich sein, eine Blutverwandte dennoch aufzusuchen. Ich komme am Zwölften des Monats nach Rheinstein, und dann erkläre ich Dir alles. Deine Dich liebende Nichte Daniela.“

Der Brief fiel der Gräfin Ulrike aus der Hand. Cousin Eduard, natürlich, an ihn konnte sie sich sehr gut erinnern, wenn auch viele, viele Jahre vergangen waren. Damals hatte er um ihre Hand angehalten, aber aus der Heirat wurde nichts. Sie konnte sich heute kaum noch an die Gründe erinnern. Waren eigentlich die Eltern gegen diese Verbindung gewesen? Nein, sie wusste es nicht mehr. Aber etwas war dazwischengekommen, etwas sehr Unangenehmes. Damals, erinnert sie sich, hatte sie geglaubt, ihr Leben sei zu Ende. Sie hatte sogar Hand an sich legen wollen. Aber dann hatte sie den Grafen Rheinstein auf einer Soiree kennengelernt, und nicht lange danach waren sie verheiratet gewesen.. Eduard hatte ihr das niemals verzeihen können und sich nie mehr bei ihr gemeldet, die Familien hatten sich aus den Augen verloren, und die Gräfin dachte nie mehr an Eduard, die verflossene Liebe. Also eine Tochter hatte er, diese Daniela. Gut, sollte sie kommen. Dann musste Notar Dr. Wettlinger eben nochmals das Testament ändern. Gräfin Ulrike seufzte.

Aber dass der Kunstverein das Schloss und einen Teil ihres Vermögens bekäme, dafür würde sie schon sorgen! Und Marietta und Joshua sollten auch nicht vergessen werden, egal, wie diese Nichte dritten Grades dazu stehen würde.

Noch ein Aphorismus

Ein Buch ist ein Spiegel, wenn ein Affe hineinguckt, so kann freilich kein Apostel heraussehen. Wir haben keine Worte, mit dem Dummen von Weisheit zu sprechen. Der ist schon weise, der den Weisen versteht.

Georg Christoph Lichtenberg

Die Treppen der Orangerie

(Versailles)

Wie Könige die schließlich nur noch schreiten

fast ohne Ziel, nur von Zeit zu Zeit

sich den Verneigenden auf beiden Seite

zu zeigen in des Mantels Einsamkeit,

so steigt, allein zwischen den Balustraden,

die sich verneigen schon seit Anbeginn,

die Treppe:langsam und von Gottes Gnaden

und auf den Himmel zu und nirgends hin

(…)

 

R.M.Rilke

 

Aphorismus

Rapunzel ist ja so sensibel,
es stört sie, wenn man ihr die Meinung geigt.
Sie liebt nur den, der sich vor ihr verneigt.
Und mir wird mächtig übel.

Was von der Rose blieb

Nicht meine Schuld,
dass die Schönheit lackierten Larven
gewichen, dem willigen Leugnen –
wer klug, schweigt sich aus der Welt,
hinter die Wand der Wörter.

Lichtlos gehen die Tage,
das kostbare gute Wort in der Schleuder
des Schlussverkaufs, und die Grimasse
jedes lächelnden Menschen
hat ihren Preis.

Wie sie wiederfinden
in dieser Welt zertretener Seelen,
jene Schönheit des Wirklichen, ohne die
selbst die prachtvollste Rose
zum Scheusal wird.

Rauhreif

Wie wird das Licht vor den Bergen vom Rauhreif
Zerstreut : als schaute ich auf eine Wüste : die kahlen
Bäume verdorrt : doch hier ist es kalt & schön

Als Silberfaden zieht sich der Fluß durch
Die Landschaft : eine Frau aus Arak : dreifache Mutter
Hört Musik voller Sehnsucht : die Töchter

Lernen das lateinische Alphabet : mit Buntstiften
Füllen sie Buchstabenkonturen aus : auf vergilbten
Bättern : die ausgebreitet auf dem Tisch liegen

Wie eine vom Rauhreif überzogene
Landschaft : die ich
Ausmale mit meinen Buntstiften

Das Testament der Gräfin Ulrike – Kapitel 5

Das Zimmer ging auf den Park hinaus. Die Zweige einer riesigen Buche reichten bis an das Fenster heran. Joshua Wegner hatte beide Flügel weit geöffnet und blickte in die Weite des Parks. Rechter Hand lag ein Wirtschaftsgebäude, das einer Scheune glich, mit einer riesigen Toreinfahrt. Vor ihm lag eine Wiese, die anscheinend lange nicht gemäht worden war. Die Baumgruppe zur Linken sah auf en ersten Blick gesund aus. Eichen, eine überwältigende Muttereiche, ein paar jüngere Bäume standen in weitem Abstand von ihr. Ein ausladender Solitär überschattete die Mitte der Wiese.

Das Zimmer war bescheiden eingerichtet: das Bett, ein dunkler Bauernschrank, ein quadratischer Tisch, zwei Stühle, ein leeres Bücherregal neben er Tür. Joshua musterte sein neues Domizil. Gut, dass es auch ein Telefon gab.

Er räumte ein paar Kleidungsstücke in den Schrank. Wie schnell sich doch seine Lage verändert hatte! Seit dem Gespräch mit der Gräfin kam er aus dem Staunen nicht heraus.
Gestern noch hatte er auf der Couch eines Freundes geschlafen, ohne Aussicht auf einen Verdienst, ohne Ziel, ohne Hoffnung. Und die Glücksfee hieß Baronin Lichterfeld. Er hatte sie zufällig bei Aushilfsarbeiten im Garten ihrer Villa getroffen. Sie hatte sich auffällig für den gutaussehenden jungen Mann interessiert. Und so erfuhr sie von seinem Dilemma: keine eigene Wohnung, keine StellungSie hatte trotz ihres Alters ein bisschen mit ihm geflirtet, und Joshua hatte mitgespielt. Und nun saß er hier in diesem Zimmer – in einem richtigen Schloss! – und wusste noch immer nicht, wie ihm geschehen war.

Es klopfte an der Tür. Er öffnete. Marietta stand schweratmend im Flur. „Sie sollen gleich mal zur Gräfin kommen, hat sie gesagt.“

Joshua warf einen schnellen Blick in den Spiegel: Alles in Ordnung. So konnte er sich vor der Gräfin sehen lassen. Er rückte die Krawatte zurecht, die er sich ausnahmsweise mal umgebunden hatte

***

Marietta hantierte am Herd. Ihr Sohn Jochen lümmelte am Küchentisch.

„So, sie hat ihn also als Gärtner eingestellt“, sagte er. „Warum hat sie mich nicht gefragt? Den Gärtner hätte ich ihr genausogut abgeben können. Eher, als dieser studierte Laffe!“

„Sie hat dich aber nicht gefragt. Und du weißt, warum.“ Resolut stellte Marietta einen dampfenden Topf auf den Tisch.

„Weil du mich bei ihr schlechtgemacht hast! Die eigene Mutter!“

„Gar nichts habe ich gemacht. Du selbst hast dich bei ihr schlechtgemacht. Meinst du, sie hat nicht bemerkt, wie oft du sternhagelvoll warst? Und wie oft du einfach nicht gekommen bist? Als du den Rasen mähen solltest, tat dir der Rücken weh, und seitdem wächst und wächst das Unkraut. Sieh ihn dir an, es ist eine Schande. Noch nicht mal die Probezeit hast du überstanden. Der Neue, der Joshua, tut mir jetzt schon leid. Die Gräfin hat es gut mit dir gemeint, weil du mein Sohn bist. Aber irgendwann ist jeder mit seiner Geduld am Ende, das musst du einsehen.“

„Joshua heißt er also, der Kerl.“ Jochen pfiff durch die Zähne. „Dass diese studierten Heinis immer so blödsinnige Namen haben. Als ob sie was Besonderes wären.“

„Für seinen Namen kann er nichts. Er ist ein anständiger junger Mann – jedenfalls anständiger als du! Und außerdem ist es ein Name aus der Bibel. Und nun lass mich allein, ich habe zu tun, du Nichtsnutz!“

Maulend erhob sich der so Angeredete, schlurfte zur Tür und schlug sie hinter sich mit einem Knall zu.

Unnatürliche Balz

Er sah Wege. Das Haus von Onkel Albert und Tante Viola, sein Elternhaus. Wenn das Licht im Raum hell ist, wirkt der Abend vor dem Fenster dunkler als er ist. Es hilft, das Licht zu löschen und die Augen für eine Weile der Färbung des Himmels auszusetzen. Das Wetter schlägt um, der Ton eines zuletzt auffliegenden Vogels, ist es die Feldlerche, sie erscheint morgens, vor dem Aufwachen.

Er ahnt vielleicht schon, was ich daraus machen werde. Damit wir uns besser verstehen und es mir gut gehen wird, stellt Eduard Milch und Obst und rote Paprika auf den Tisch. Er hat den Charme und gleichzeitig die Sprödigkeit, die mich das aushalten lässt. Du bist meine Zukunft, sagte er, neulich.

Und wieder hatten sie einen von ihnen zu Grabe getragen. Auf einer Bank sitzen, im Park einer Klinik, und zu warten, bis der jüngste Sohn herauskam und vorerst genesen war, das war es.

Trotz alledem!

Das war die Zeit der Tollität,
trotz Lenin, Marx und alledem!
Nun aber, da es rückwärts geht,
nun ist es kalt, trotz alledem!
Trotz alledem und alledem –
trotz Modrow, Krenz und alledem –
ein wüster, rauer Wendewind
durchfröstelt uns trotz alledem!

Wer standhaft blieb und Leninist,
ließ es geschehn trotz alledem!
Nun war er plötzlich Konformist,
trieb mit dem Wind, trotz alledem!
Trotz alledem und alledem –
trotz PDS und alledem –
ein wüster, rauer Lügenwind
durchfröstelt uns trotz alledem!

Und ob auch blühte der Verrat,
wir sind noch da trotz alledem!
Trotz Kapital und Merkelstaat,
nun kommt die Zeit, trotz alledem!
Trotz alledem und alledem –
trotz Konfusion und alledem –
nicht lange schweigen wir noch blind!
Unser die Welt, trotz alledem!

25.12.16

Das Testament der Gräfin Ulrike – Kapitel 4

Der junge Mann, den Baronin von Lichterfeld zur Gräfin Ulrike geschickt hatte, klopfte schüchtern an das Schlossportal. Er war groß gewachsen und breitschultrig, hatte ein kluges Gesicht unter dichtem vollem Blondhaar. Als niemand öffnete, betätigte er noch einmal den Türklopfer, diesmal aber energischer. Er vernahm ein Schlurfen hinter der Tür, sie wurde einen Spaltbreit geöffnet.

„Sie wünschen?“ Marietta musterte den Ankömmling von Kopf bis Fuß, machte aber keine Anstalten, ihn einzulassen.

Der junge Mann räusperte sich. „Baronin von Lichterfeld schickt mich. Sie hat einen Termin mit der Gräfin Rheinstein vereinbart.“

„So?“ Marietta stemmt die Arme in die Hüften. Nachdem sie ihre Musterung beendet hatte, sagte sie großmütig: „Na, dann kommen Sie mal.“ Sie ging voran.

„Wie heißen Sie? Joshua Wegner? Mein Gott, was für Namen die jungen Leute heute so verpasst kriegen!“

Instinktiv sagten ihr der verschüchterte Anblick des jungen Mannes und der Rucksack, den er sich über die Schulter geworfen hatte, dass er nichts auf der Freitreppe verloren hatte, weshalb sie ihn den Dienstbotenaufgang hinaufführte. Sie klopfte an die Tür zum Salon. Keine Antwort von drinnen, kein Geräusch.

„Ich sehe mal nach. Vielleicht schläft die Frau Gräfin. Sie warten hier, junger Mann!“

Marietta verschwand hinter der Doppeltür. Joshua Wegner blickte betreten zu Boden.
Minuten später öffnete sich die Tür. „Bitte, Sie dürfen eintreten“, sagte Marietta mit übertrieben einladender Geste.

Gräfin Ulrike, die in der Tat ein wenig geruht hatte, saß schon wieder in ihrem ausladenden Stammsessel. Der junge Mann verbeugte sich.

„Ah, Sie sind der freundliche Mensch, der mir im Park zur Hand gehen will“, sagte Gräfin Ulrike. „Das ist aber schön von Ihnen, ich freue mich, dass Sie so schnell vorbeigekommen sind.“ Sie reichte ihm die Hand. „Leider fällt mir das Laufen schwer. Baronin von Lichterfeld hat Ihnen sicher gesagt, dass ich Sie deshalb öfter in die Stadt schicken werde? Und wie heißen Sie? Erzählen Sie. Und nicht so schüchtern, ich fresse Sie nicht, junger Mann.“

„Joshua Wegner, ich habe Agrarwirtschaft studiert, bis jetzt aber noch nicht die passende Stellung für mich gefunden. Im Moment bin ich, ehrlich gesagt, sogar ohne Stellung. Aber ich habe Zeugnisse mitgebracht …“

Die Gräfin winkte lächelnd ab. „Schon gut, ich glaube Ihnen, ich brauche keine Zeugnisse. Ich verlasse mich lieber auf meine Menschenkenntnis.“

Sie musterte ungeniert den jungen Mann. Sauber, gescheit, dachte sie. „Und Ihre Eltern? Was machen sie?“

„Meine Eltern, Frau Gräfin, sind leider schon verstorben.“

„Das tut mir leid. Sie sind also unabhängig? Oder gibt es jemanden, der auf Sie wartet?“

„Bis jetzt noch nicht.“

Gräfin Ulrike lachte. „Sie, junger Mann, machen Sie mir nichts vor! So ein hübscher Junge und keine Freundin?“

Joshua Wegner errötete. „Nun, ab und zu. Aber nichts Ernstes.“

„Ich frage Sie das, weil ich beabsichtige, Sie hier im Schloss unterzubringen. Sie sollen so etwas wie meine rechte Hand werden. Neben Ihrer Hauptbeschäftigung als Gärtner in der Parkanlage selbstverständlich.“

Joshuas Blick fiel auf die Hand der Gräfin. Sie trug nur zwei schmale Eheringe, eine gepflegte und schmale Hand einer älteren Dame.

„Von Parks verstehen Sie doch etwas?“

„Eher von Landwirtschaft. Aber was mir fehlt, werde ich mir aneignen.“

Gräfin Ulrike musterte ihn jetzt neugieriger. „So ist es recht“, sagte sie. Sie versuchte sich zu erheben. Joshua sprang herbei und half ihr. Dankbar lächelte ihn die Gräfin an. „Und woher kommen Sie, was für ein Landsmann sind Sie? Sie rollen so schön das R – wie Donnergrollen!“

„Ich bin aus Schleswig-Holstein, auf dem Dorf groß geworden.“

„Gut, Herr Wegner.“ Gräfin Ulrike stand jetzt vor Joshua, winzig klein.

„Immer schon habe ich mich gefragt, warum Männer so groß werden müssen“, sagte sie. Sie blickte zu ihm auf. „Sie sind ja ein Riese, Herr Wegner.“

Wieder geschäftlich werdend, sagte sie: „Ich bezahle nach Gärtnertarif. Das ist kein Vermögen, aber man kann davon leben. Bei guter Einarbeitung lasse ich mit mir über eine Gehaltserhöhung reden. Sie sind doch einverstanden? – Und wann können Sie anfangen?“

„Wenn Sie wollen, schon morgen.“

Sie streckte ihm die Hand entgegen. „Also dann, Herr Wegner – ach, darf ich Joshua sagen? Schicken Sie doch Marietta zu mir. Sie wissen schon, die energische Person, die Sie eingelassen hat. Sie soll Ihnen Ihr Zimmer zeigen.“

Joshua fühlte die schmale, kühle Hand in der seinen. Er drückte sie zaghaft.

Gräfin Ulrike lachte: „Nur zu! Ich zerbreche nicht, bin doch keine Porzellanpuppe! – Auf gute Zusammenarbeit, Joshua. Morgen früh erkläre ich Ihnen alles Nähere.“

Texte gibt es

die sind wie Fliegenpapier; du musst keine vierundzwanzig Stunden warten – – schon kleben die ersten Kommentare dran.
Und was für welche!
Nachts träumst du dann von Musil, wie er auf gefühlten fünfzig Seiten den Unterschied zwischen Nachtigall und Amsel erklärt, und mit der einsetzenden Dämmerung beginnst du dir vorzustellen, er und Proust säßen einmal zusammen
im Café und hätten sich tatsächlich etwas zu sagen. Da es noch Traum ist, hast du keine Wahl, du musst dir einfach vorstellen, die beiden erzählten sich ‚was und du hörst zu. Bestelle dir einfach
noch einen Kaffee!
an deinen Nebentisch. Gelingt es dir, die beiden nicht zu stören bei ihrer unnatürlichen Balz, kannst du mit einem inhaltsreichen Traum rechnen.
Aber wohin mit dem – nicht mehr frischen – Fliegenpapier?

Das Testament der Gräfin Ulrike – Kapitel 3

Kapitel 3

Schloss Rheinstein lag nahe einer mittelgroßen Stadt im Bergischen, malerisch eingebettet in die leicht hüglige Gegend. Es war ein vielhundertjähriger, ehemals strahlendweißer Bau, ein Wasserschloss. Das Wasser im Graben war mit den Zeiten schwarz geworden und bedeckt mit Entengrütze. Der Sommer war warm dieses Jahr, und Insekten und Schmetterlinge tanzten über dem Wasser.

Baronin von Lichterfeld, als sie mit ihrem roten Cabrio vorfuhr, schüttelte den Kopf. Hatte ihre Freundin Ulrike es nötig, in diesem altertümlichen Bau auszuharren? Der Modergeruch des Grabenwassers stieg ihr unangenehm in die Nase.

Köchin Marietta öffnete auf ihr energisches Betätigen des Türklopfers. Die Baronin stapfte die majestätisch breite Freitreppe hinauf.

„Anklopfen hat die feine Dame auch nicht gelernt“, murmelte Marietta verdrossen, als die Baronin die hohe Doppeltür zum Salon der Gräfin Ulrike aufriss, ohne angeklopft zu haben.

„Ulrike, Liebste!“ Die Baronin und Gräfin Ulrike lagen sich in den Armen.

Marietta brachte Tee. „Wir gießen uns selbst ein, Marietta. Dank dir“, sagte Gräfin Ulrike.

Die Baronin nippte am Tee. „Eine schnippische Person.“ Sie blicke Marietta nach, bis die Tür geschlossen war. „Dein Personal, Ulrike! – Ich mach mir ja nichts aus Tee, ich bin nur gekommen, weil ich wissen will, wie es mit deinem Testament weitergeht. Du hattest etwas angedeutet – stimmt das? Du willst dein gesamtes Vermögen dem Kunstverein vermachen?“

Gräfin Ulrike seufzte. „Was soll ich tun? Einen leiblichen Erben habe ich jetzt nicht mehr. Und von der Verwandtschaft lebt, soviel ich weiß, niemand mehr. Die Rheinsteins sind ein ausgestorbenes Geschlecht.“

„Ja, Liebste, es ist grauenvoll. Das einzige Kind auf so tragische Weise zu verlieren.
Ich möchte nicht tauschen mit dir. Aber tröste dich, Ulrike, ich habe drei Söhne, doch wenn es nach mir ginge, würde ich sie auf der Stelle enterben.“

„Ach ja? Und weshalb?“

Die Baronin winkte ab. „Schweigen wir lieber davon. Du hast dich also entschlossen, Ulrike?“

„Ja, soweit ich die Bürokratie verstehe. Ich muss nur noch die Formalitäten erledigen. Wenn ich doch nur laufen könnte! Dieses schreckliche Rheuma! Und im Kreuz zwickt es auch. Sieh mal, wie meine Hände zittern.“

„Ich habe dir schon immer gesagt, dass du in die Stadt ziehen sollst. Diese alten Schlösser sind romantisch und malerisch, aber selbstmörderisch, liebste Ulrike. Nichts als Rheuma holt man sich hier in diesen vermoosten Schlössern. Ein schrecklicher Kasten, Ulrike.“

„Mir gefällt es hier“, sagte die Gräfin etwas pikiert. „Was brauche ich denn? Nur jemanden, der für mich ein paar Gänge erledigt. Und ja, der Park. Der könnte auch ein bisschen Pflege vertragen. Du weißt, der alte Krummbiegel ist vor einem halben Jahr gestorben. Seitdem wurde im Park nichts mehr getan. Kennst du jemanden, der das für mich übernehmen könnte?“

Baronin von Lichterfeld überlegte. „Auf die Schnelle nicht. Aber ich höre mich mal um. Ich denke, du brauchst einen jungen Mann, der nicht auf den Kopf gefallen ist und etwas von Gärtnerei versteht. Im Moment fällt mir niemand ein, aber du hörst von mir. Aber nun, Ulrike, lass uns zu Erfreulicherem kommen …“

Die beiden Damen saßen zusammen, bis der Schein des Vollmondes durch die Butzenscheiben des Salons fiel und ein unwirkliches Licht verbreitete. Die Bäume im Park warfen lange Schatten.

Gräfin Ulrike winkte ihrer Freundin vom Fenster aus nach, als die das Cabrio startete. Sie atmete auf. Die Freundin war eine liebe Frau, aber manchmal hatte sie einfach ein viel zu großes Mitteilungsbedürfnis.

Das Testament der Gräfin Ulrike – Kapitel 2

Das Testament der Gräfin Ulrike, Kapitel 2

„Mein lieber Herr Knippel!“ Gräfin Ulrike von Rheinstein, eine gutaussehende, gepflegte Frau höheren Standes, saß in ihrem Stammsessel, einem altmodischen Ungetüm von erstaunlichen Ausmaßen. Sie hob lächelnd den Finger. „Ich versichere Ihnen, lieber Knippel, dass ich mein Wort wahrmache. Der Kunstverein der Stadt liegt mir am Herzen, ich werde ihn in mein Testament aufnehmen, niemand wird sich beschweren müssen.“

Der Maler Friedemann Knippel, heute im Auftrag des städtischen Kunstvereins zu Verhandlungen mit Gräfin Ulrike entsandt, verbeugte sich, so gut es ging in dem altmodischen Sessel. „Dessen bin ich gewiss, Frau Gräfin“, sagte er. „Unser Ahnherr, unser aller Vorbild, der Maler Robert Meierfelder, würde erfreut sein. Schade, dass er Ihre Großzügigkeit nicht mehr erleben kann.“

„Ich hoffe, Sie erscheinen als Dank“, Gräfin Ulrike lächelte, „zu meiner Trauerfeier wenigstens mit Trauerflor. Wenn dieser, Sie werden verzeihen, lieber Friedemann, dieser bemerkenswerte Aufzug schon sein muss.“

Friedemann Knippel errötete unter seinem Bart. Hastig knöpfte er die abgeschabte Samtjacke über dem Bauch zu.

„Ich werde Ihnen eine kleine Summe anweisen lassen“, meinte die Gräfin, „damit Sie sich einen anständigen Straßenanzug kaufen können. Immerhin, als Vorsitzender des Kunstvereins haben Sie auch mit der gewöhnlichen Welt zu tun.“

Wieder errötete Knippel. „Aber nur noch zwei, drei Jahre“, warf er ein, „dann werde ich abgelöst. Bis dahin“, er sah an sich herunter, „wird mein Aufzug hoffentlich standesgemäß sein. – Sie sind zu großzügig, verehrte Frau Gräfin!“

„Aber Knippel, Lieber!“ Gräfin Ulrike lachte auf. „Ich weiß doch, dass Sie sich um den Vorsitz geradezu gerissen hatten. Ach, und was werden Sie tun, wenn die Ablösung kommt?“

„Malen, Frau Gräfin, malen! Nichts als malen. Die Arbeit für den Kunstverein frisst mich auf. Auch wenn man mir das nicht gerade ansieht. Schließlich bin ich der einzige noch lebende Schüler unseres großen Vorbildes Robert Meierfelder. Und der Jüngste bin ich leider auch nicht mehr.“

Gräfin Ulrike wurde ernst. „Ja, der berühmte Meierfelder.“ Einen Moment lang versank sie in Schweigen. „Auch er“, meinte sie dann seufzend, „auch er hatte keine Kinder.“ Ein schmerzliches Lächeln überzog ihr Gesicht.

„Das war ein Glück für die Stadt, Frau Gräfin! Was wären unsere Ausstellungsräumlichkeiten ohne seinen Nachlass! Wer weiß, wie der Nachwuchs entschieden hätte!“

„Nachlass, für dessen Erhalt die Stadt nun mich für zuständig hält!“ Gräfin Ulrike lacht schon wieder.

Knippel blinzelte. Der Vorschlag, Gräfin Rheinstein die finanzielle Sorge um den Nachlass des berühmten Sohnes der Stadt ans Herz zu legen, war von ihm gekommen.

„Aber ich bin Patriotin genug, mich dieser Aufgabe gewachsen zu zeigen“, sagte die Gräfin, „voll und ganz. Aber schon recht, lieber Knippel, schon recht. Bekommt nämlich die Stadt mein Vermögen nicht, geht es an den Staat. Eines Tages …“ fügte sie melancholisch hinzu.
„Ich bin schließlich alt genug, um endlich abtreten zu können. Und der Kunstverein wartet.“
Sie lächelte ironisch.

Friedemann Knippel erhob sich. „Frau Gräfin …“

„Sie bleiben doch noch zum Essen? Ich will Sie nicht drängen, es gibt ausgezeichneten Rehbraten, von meiner Herzensköchin Marietta zubereitet. Ich esse nicht gern allein, und meine gute Freundin, die Lichterfeld, kommt erst am Nachmittag vorbei.“

Knippel verbeugte sich. „Wenn die Frau Gräfin mich so charmant erpressen, was bleibt mir übrig?“

Marietta steckte den Kopf zur Tür herein. „Will die Frau Gräfin, dass ich zwei Gedecke auflege? Oder will der Herr vom Kunstverein schon gehen?“

„Zwei Gedecke, Marietta. Dem Herrn Knippel gefällt es bei uns, er tut mir den Gefallen, mit mir zu speisen. Er schätzt deine gute Küche. Erst eben hat er kaum Worte für deinen berühmten Rehbraten gefunden.“

So viel Lob hatte Marietta nicht erwartet. Leise schloss sie die Tür.

Das Testament der Gräfin Ulrike

Kapitel 1

„Dauernd lädt sich die Gräfin Gäste ein. Und ich muss sehen, wie ich die Arbeit schaffe!“
Marietta, die Köchin auf Schloss Rheinstein, schimpfte. „Aber das Essen muss pünktlich um eins auf dem Tisch stehen! Eine Pedantin, unsere liebe Frau Gräfin!“

Jochen, der in der Küche am Tisch saß, ließ die Litanei der Mutter über sich ergehen.
Er wusste, dass Klappern zum Handwerk gehörte. „Ja“, sagte er nach längerem Schweigen, „unsere Gräfin ist schon eine recht seltsame Frau.“

„Und du, Jochen, plünderst mich aus!“ Die rundliche Marietta stemmte die Arme in die Seiten. „Keinen einzigen Monat kommst du mit deinem Lohn hin! Was soll das bloß werden, wenn die Gräfin mich eines Tages entlässt, weil ich ihr zu alt geworden bin! Oder weil der Braten verbrannt ist. Oder weil ich das Kochen verlernt habe! Verhungern würdest du! Und wenn sie stirbt, was keiner annehmen will …“

Bei diesen Gedanken musste sie sich setzen. Im Herd brutzelte ein Rehbraten. Sie lauschte auf das Geräusch. „Das Essen ist bald fertig“, sagte sie.

„Na, so alt ist ja noch nicht. Höchstens siebzig“, sagte Jochen.

„Dreiundsiebzig“, korrigierte Marietta. „Aber seit der Herr Graf gestorben ist, wird sie wunderlich. Dauernd tauchen hier Bittsteller auf, und sie gibt ihr Geld mit vollen Händen aus!“

„Wer ist denn heute bei ihr?“ Jochen blickte die Mutter gespannt an.

„Na wer schon! Wieder dieser Typ vom Kunstverein! Der mit dem Rauschebart! Der hat einen Appetit, sage ich dir! Der frisst der Gräfin noch die Haare vom Kopf! Sie soll ja dem Kunstverein eine Menge Geld vermacht haben. Schon zu Lebzeiten. Und wer weiß, was sie in ihr Testament geschrieben hat. Wo sie doch keinen leiblichen Erben mehr hat seit dem Unfall des jungen Herrn Grafen. Na, und der Rest fällt in den gefräßigen Rachen des Staates.“

Jochen nickte bekümmert. „Hoffentlich wirst du wenigstens bedacht. Wo du dich all die Jahre für die Rheinsteins abgeschuftet hast.“

„Das lass mal meine Sorge sein. Die Frau Gräfin war immer gut zu mir, und ich kann mir nicht vorstellen, dass sie mich nicht bedacht hat in ihrem Testament.“

Marietta schreckte zusammen. „Da plaudere ich hier mit dir, und oben sitzt die Frau Gräfin und wartet auf ihren Tee!“ Hastig stellte sie Teekanne, Tasse und Zuckerdose auf ein Tablett. An der Tür wandte sie sich um: „Und dass du verschwunden bist, wenn ich wiederkomme!
Du weißt, die Frau Gräfin hat dir verboten, dich noch einmal hier blicken zu lassen.“

Jochen sah der Mutter sauertöpfisch nach. Dann stürzte er zum Herd. Er hob einen Topfdeckel ab. „Bloß Suppe“, sagte er enttäuscht. Der Deckel fiel mit einem Scheppern auf den Steinfußboden.

Spaß muss sein

Die nette, gute, stets besorgte Dame Kleist,
die höchstwahrscheinlich Müller oder Lehmann heißt,
ist sehr erbost, wenn wer ihr dumpfes Nest bescheißt,
ihr fehlt nicht nur, was man geläufig nennt den Geist.

Statt Denkerstirn hat sie am Kopfe bloß Frisur,
nichtsdestotrotz ist sie von staatlicher Statur,
die schleppt sie hoffnungsfroh mit Eifer und Bravour,
das liegt so drin in ihrer ganzen Kleist-Natur.

Sie hasst, sie geifert, leidet schwer an Atemnot,
verneigt nach oben sich servil und sehr devot.
Was sie am meisten hasst, das ist die Farbe Rot.
Gehört sich doch, weiß man, als strammer Patriot.

Um hier unreifes Panschen in der Literatur als Antwort zu erhalten?

Wir waren zu einer Weihnachtsfeier eingeladen. Der Gastgeber saß, schon betrunken vom gepanschten Wein, am Tisch und redete nicht mit uns. Das Essen stand bereit, jeder hatte etwas Leckeres zum Verkosten mitgebracht: als Vorspeise eine Rote-Linsen-Suppe nebst Kokos und Rote Beete, dazu herzhaftes Getreide mit Gemüseeinlage. Grüner Salat stand bereits geschnitten und zum Verzehr bereit. Doch was dann geschah, nahm uns den Atem. Unser Gastgeber stand mit seinem Glas gepanschtem Wein in der Hand auf, öffnete die Balkontür und goss sich den Wein vor die Füße! Tagsüber schüchtern, abends auf Krawall gebürstet. Als sei nichts geschehen, trat er ins Zimmer zurück, schloss die Balkontür und schlug den Untertan auf. Er hatte auf dem letzten Fest die ganze Zeit davon geredet, dass er ein Seminar zu Heinrich Mann vorbereiten müsse. Jetzt waren wir reif genug, einen Auszug daraus zu hören. Hanne neben mir knackte eine Nuss, Lisette humpelte mit ihrem gebrochenen Fuß in Gips zur Küchentür, als ob sie horchen wollte, wer da noch käme. Konrad, unser Ältester, schwadronierte von schwarzen Löchern und verfiel gleich darauf in ein Jammern, er hätte die Eiswürfel aus dem Supermarkt besorgt und wieder würde keiner Vodka trinken. Das sei nicht in Ordnung. Hanne meinte, nun läute die Stunde des Zorns. Unser Gastgeber war gerade bei der Stelle mit dem engen Garten angekommen. Wutentbrannt sprang er auf und ein Becher Glühwein landete auf Hannes frischer Hose. „Was glaubt ihr, warum ich euch eingeladen habe? Um hier unreifes Panschen in der Literatur als Antwort zu erhalten?“

Das Schnippchen

Die Mittagssonne schien in die Küche. Inga trat ans Fenster und sah auf den menschenleeren Hof hinaus.

Auf dem Herd brodelte das Mittagessen, es gab Mohrrübeneintopf. Gern hätte Inga etwas Opulenteres gekocht. Aber die Mutter brachte es fertig, keinen Bissen herunterzuschlucken, falls ihr das Essen nicht gefiel, egal, wie gut es zubereitet war. Und gestern hatte sie eher befohlen als gewünscht, morgen zu Mittag Mohrrübeneintopf essen zu wollen.

„Inga! Ingachen! Komm doch!“ Inga löste sich widerwillig vom Fenster, sie musste sich anstrengen, der Mutter ein unbemühtes Gesicht zu zeigen, im Gehen probierte sie ein Lächeln.

Die Mutter streckte der Tochter die Arme entgegen, wortlos.

„Auf die andere Seite, Mutter?“

„Ja, Ingachen, wenn du so lieb sein würdest.“ Inga hob den Kopf der Mutter an, sie fühlte das schüttere Dauerwellenhaar in der Handfläche. Mit beiden Armen drückte sie den schweren Leib der Mutter auf die andere Seite, zum Fenster.

„Gib mir deine Zähne. Ich will nicht, dass du erstickst.“

„Was ist denn heute für ein Wetter, Ingachen?“ Nun, zahnlos, nuschelte die Mutter, und Inga empfand so etwas wie einen kleinen Triumph, den sie sich nicht erklären konnte.

„Oktoberwetter, Mutter. Herbst eben.“

„Aber es scheint doch die Sonne.“

„Ja, Mutter, es ist ein sonniger Tag.“

Die Mutter griff zur Schnabeltasse auf dem Nachttisch. Sie schlürfte mit ihrem zahnlosen Mund. Inga saß im Sessel am Fenster und warf ab und zu einen Blick hinüber zum Bett der Mutter.

„Ist der Tee auch nicht zu kalt?“

„Es geht, ich trinke ihn gern ein bisschen lauwarm.“ Die Mutter ließ den Kopf ins Kissen zurückfallen. „Wann kommt denn dieser Nervtöter, der mir die Spritze gibt?“

„Das weißt du doch, jeden Tag um dieselbe Zeit, gegen sechs. Was fragst du?“

Die Mutter blickte misstrauisch und, wie es Inga schien, prüfend zu ihr hinüber. „Ich habe es vergessen. Ach, Ingachen“, der zahnlose Mund der Mutter bewegte sich wie eine geöffnete Muschel, „Kind, ich will nicht mehr.“

„Was du immer erzählst. Hab dich nicht so. Und dabei scheint die Sonne. Weißt du was, Mutter – wollen wir Mensch ärger dich nicht spielen?“ Inga hatte schon die Schranktür geöffnet.

„Nein, lass, heute nicht. Ich will reden. Lieber reden.“

„Worüber, Mutter?“

„Weiß nicht. Ich denk manchmal, Inga, solange man redet, lebt man.“

„Aber du lebst doch. Und manchmal redest du viel zuviel. Achtzig Jahre sind kein Alter, Mutter.“

„Was macht denn dein Gerd inzwischen?“ Das Gesicht der Mutter belebte sich. „Wenn du bei mir bist? Du vernachlässigst ihn doch nicht etwa? Ich will nicht, dass ihr auseinandergeht.“

„Nein, Mutter. Wir gehen nicht auseinander. Gerd ist sowieso die Woche über nicht zu Hause. Er kommt erst am Sonnabend.“

„Sonnabend?“

„Ja, Sonnabend.“

„Das ist doch keine Ehe, Kind.“

„Nein, Mutter. Eine Ehe ist das nicht.“

„Das ist ja, als ob er dein Galan wäre. Aber lieb hast du ihn doch, nicht?“

„Mutter, ich bin siebenundfünfzig.“

„Eine Antwort ist das nicht. Du gibst mir nie eine Antwort. Als ob ich nichts mehr begreifen würde. Alt und dumm, denkst du. So bist du, herzlos.“

Die Mutter schloss die Augen. Das tat sie immer, wenn sie mit Inga unzufrieden war.
Inga erhob sich, sie musste nach der Suppe sehen.

„Dein Vater, Inga“, die Mutter öffnete wieder die Augen, „der ist ja schon lange tot. Lass mich nachrechnen.“

„Seit ich vierzehn war, Mutter.“ Inga stand schon an der Tür.

„Ja, vierzehn warst du damals. Aber dass du jeden Sonntag mit ins Krankenhaus gekommen bist, das hat er dir nicht vergessen.“

„Ich muss mich um die Mohrrüben kümmern, Mutter.“

„Mach doch mal das Fenster auf, ich schwitze. Was gibt es denn heute zu essen?“

„Habe ich eben gesagt: Mohrrübeneintopf. Noch eine Viertelstunde, Mutter.“

„Ich wollte heute grüne Bohnen. Nie machst du, was ich dir sage.“

Inga stand vor dem Bett der Mutter. „Gib endlich Ruhe. Du plapperst und plapperst.“

„Droh du mir ruhig. Ich schlag dir doch ein Schnippchen.“ Die Mutter schloss die Augen.

Inga war verärgert. Ewiges Gerede, Schnippchen schlagen, ha! Die Mutter! Sie konnte froh sein, dass sie noch den Oberkörper bewegen konnte.

Die Mutter musste gefüttert werden, Löffel für Löffel. Sie hatte es abgelehnt, selbst zu essen, sie wollte das Bettdeck nicht bekleckern. Der Eintopf war noch heiß, Dampf stieg über dem Teller auf. Inga hatte ihr die Zähne wiedergegeben.

„Wie oft hab ich dir schon gesagt, ich verbrüh mir die Zunge! Du lernst nicht aus.“

„Dann musst du warten, bis das Essen kalt ist.“ Inga setzte den Teller ab.

„Aber ich habe jetzt Hunger.“

Inga rührte, sie pustete den Rauch vom Teller. „So, jetzt. Mach den Mund auf, Mutter.“

„Wenn du mich verbrennst, schrei ich.“ Gehorsam öffnete die Mutter den Mund.

Endlich war der Teller leer. „Hast du noch Hunger?“

Die Mutter schüttelte den Kopf. Erschöpft lag sie im Kissen.

Inga wischte ihr den Mund ab. „Gib mir die Zähne. Erstick mir nicht.“

Inga war, während die Mutter schlief, einkaufen gewesen und hatte den Rest der Zeit in der Küche verbracht. Einen Moment lang überlegte sie, ob sie sich im Schlafzimmer hinlegen sollte, entschied sich aber doch, in der Küche zu bleiben. Hier konnte sie besser hören, ob die Mutter erwachte.

Nach dem Teetrinken wollte die Mutter Mensch ärger dich nicht spielen. Inga ließ sie gewinnen.

„Noch ein Spiel?“

Die Mutter überlegte. „Nein. Und Baccara kannst du ja nicht.“

Nein, Baccara konnte sie nicht. Es zu lernen, hatte sie vor Jahren abgelehnt. Kartenspiele! Vergeudete Lebenszeit! Jeden Mittwoch war die Mutter vor ihrem Unfall deshalb zu ihren Freundinnen aufgebrochen, der halbverrückten Hilde Bork und der ehemaligen Schauspielerin Nadja Reuter, die Inga gestern bei ihrem Besuch mit längst vergessenem Theaterklatsch in den Ohren gelegen hatte.

„Hier, Mutter, ich habe dir die Zeitung mitgebracht.“

Die Mutter las Zeitung. Sie schlug den Mittelfalz auf und begann dort zu lesen, Politik interessierte sie nicht. Nur das Umblättern und Geräusche von der Straße unterbrachen
die Stille des Zimmers.

„Inga?“ Die Mutter faltete die Zeitung zusammen.

„Ja, Mutter?“

„Ich will, dass du es für mich tust.“

„Was soll ich tun?“

„Du weißt schon. Es steht in der Zeitung.“

„Was steht in der Zeitung?“

„Na das. Das mit dem Kreonikinstitut. Alle machen es.“

„Komm mir nicht mit diesem Unsinn, Mutter. Das ist was für Lebensmüde, für gehobene Leute, Mutter, Reiche, die zuviel Geld haben. Ach, Mutter. Wenn man dir schon mal eine Zeitung mitbringt …“

„Aber sie schreiben doch, es ist schmerzlos …“

„Lass sie schreiben. Du wirst hundert Jahre alt.“

„Inga, mein Kind.“ Die Stimme der Mutter schmeichelte. „Inga. Komm zu mir, gib mir deine Hand.“

„Noch ein Wort und ich gehe!“

„Du gehst? Du kannst mich doch hier nicht allein lassen! Undankbare, du ..“

„Willst du noch ein Spiel Mensch ärger dich nicht?“

Die Mutter schob beleidigt die Unterlippe vor. „Lenk ruhig ab. Eines Tages schlag ich dir doch ein Schnippchen.“

Inga ließ sie reden. Sie atmete auf. Die Mutter hatte sich beruhigt. Inga sah auf die Straße. Es war schon dämmrig. Die Bilder verschwammen vor ihren Augen. Sie war müde, jetzt ein wenig Schlaf, mehr wünschte sie sich nicht.

„Ich will nicht mehr, ich will nicht mehr, ich will nicht mehr!“ Der Schrei der Mutter riss Inga hoch. Die Mutter wühlte den Kopf ins Kissen, sie warf ihn herum, rechts, links, rechts, links.
Das Gesicht der Mutter verzog sich. Inga stürzte sich auf sie. Sie umfasste den Kopf der Mutter.

„Aber Mutter, wenn du …“ Sie küsste das Gesicht der Mutter, die Stirn, die Wangen, die Nase. „Kein Wort mehr, Mutter! Kein Wort davon!“ Die Mutter wimmerte, winselte, stöhnte.
„Muttilein, nicht doch, so doch nicht … Hätte ich dir bloß nicht die Zeitung …“

Die Mutter stöhnte, stieß Unartikuliertes aus, mit schwachen Armen wollte sie die Tochter von sich wegschieben, Inga sah Tränen. Entschlossen ließ sie den Kopf der Mutter los, sie richtete sich auf. „Aber wenn du es willst, Mutter …“ Ihre Stimme war tonlos. „ Ich tu es.“

„Du tust es?“

„Ja, Mutter. Wenn du es nicht anders willst.“

„Versprich es.“

„Ein andermal.“

„Du lügst! Du lügst mich an! Du lügst deine Mutter an!“ Wieder dieses Winseln und Wimmern, die Mutter stöhnte, sie schlug mit den Fäusten auf das Bettdeck. „Du liebst mich nicht! Ich habe keine Tochter mehr … Keine Tochter … Du Undankbare … Du Tier!“
Sie stieß einen Schrei aus. „Undankbare … Undankbare …“

Inga rührte sich nicht. Sie kannte diese Anfälle doch, sie sollten sie nicht mehr berühren, sie hatte es vergessen. Der letzte Anfall lag ein paar Wochen zurück.

Es schien Stunden zu dauern, ehe sich die Mutter wieder fasste.

Die Mutter, bemerkte Inga dann, beobachtete sie aus Augenschlitzen. Als keine Reaktion von Inga kam, schnäuzte die Mutter sich die Nase und schoss feindselige Blicke hinüber zum Fenster, wo Inga saß.

Zähe Ruhe im Zimmer. Inga blickte hinaus, auf die Straße, die sich belebte. Die Autos fuhren mit eingeschalteten Scheinwerfern, Leute überquerten die Straße. Zeit, im Zimmer Licht zu machen.

„Bring mir ein Glas Wasser, Inga.“ Die Stimme der Mutter befahl. „Dreh mich vorher zum Nachttisch. Und ich will meine Zähne.“

Im Flur sah Inga auf die Uhr. Noch eine Viertelstunde, und der Pfleger würde klingeln.
Sie ließ das Wasser ein paar Minuten ins Abwaschbecken strömen, ehe sie das Glas volllaufen ließ. Das Wasser war eiskalt.

An der Tür fiel ihr das Glas aus Hand. Es zerschellte auf der Schwelle.

Die Mutter lag auf dem Rücken, den Kopf unnatürlich ins Kissen gedrückt, mit offenen Augen. Sie lächelte. Triumphierend, mit vorgerecktem Kinn.

Ingas Füße bewegten sich zum Bett der Mutter. Sie trat auf etwas, es knirschte. Ein Tablettenröhrchen. Es war leer.

Neue Regeln bei „Inskriptionen“

Kommentiert wird, was nicht gefällt. Sonst wären wir ja mainstream.

Fürchterlicher als Gnom und Kröte war der Vater, und obendrein sollte man ihn lieben. Diederich liebte ihn. Wenn er genascht oder gelogen hatte, drückte er sich so lange schmatzend und scheu wedelnd am Schreibpult umher, bis Herr Heßling etwas merkte und den Stock von der Wand nahm. Jede nicht herausgekommene Untat mischte in Diederichs Ergebenheit und Vertrauen einen Zweifel. Als der Vater einmal mit seinem invaliden Bein die Treppe herunterfiel, klatschte der Sohn wie toll in die Hände – worauf er weglief.

Kam er nach einer Abstrafung mit gedunsenem Gesicht und unter Geheul an der Werkstätte vorbei, dann lachten die Arbeiter. Sofort aber streckte Diederich nach ihnen die Zunge aus und stampfte. Er war sich bewußt: ‚Ich habe Prügel bekommen, aber von meinem Papa. Ihr wäret froh, wenn ihr auch Prügel von ihm bekommen könntet. Aber dafür seid ihr viel zuwenig.‘

Heinrich Mann, Der Untertan, Kapitel I
Bei Büchergilde Gutenberg, Zeichnungen von Bernhard Heisig

Themenfindung ist Selbsterfindung

Das Angenehme und Gute haben beide eine Beziehung auf das Begehrungsvermögen, und führen sofern, jenes ein pathologisch-bedingtes (durch Anreize, stimulos), dieses ein reines praktisches Wohlgelallen bei sich, welches nicht bloß durch die Vorstellung des Gegenstandes, sondern zugleich durch die vorgestellte Verknüpfung des Subjekts mit der Existenz desselben bestimmt wird. Nicht bloß der Gegenstand, sondern auch die Existenz desselben gefällt. Daher ist das Geschmacksurteil bloß kontemplativ, d.i. ein Urteil, welches, indifferent in Ansehung des Daseins eines Gegenstandes, nur seine Beschaffenheit mit dem Gefühl der Lust und Unlust zusammenhält. Aber diese Kontemplation selbst ist auch nicht auf Begriffe gerichtet; denn das Geschmacksurteil ist kein Erkenntnisurteil (weder ein theoretisches noch ein praktisches), und daher auch nicht auf Begriffe gegründet, oder auch auf solche abgezweckt.
Das Angenehme, das Schöne, das Gute bezeichnen also drei verschiedene Verhältnisse der Vorstellungen zum Gefühl der Lust und Unlust, in Beziehung auf welches wir Gegenstände, oder Vorstellungsarten, voneinander unterscheiden.

(…)

Geschmack ist das Beurteilungsvermögen eines Gegenstandes oder einer Vorstellungsart durch ein Wohlgefallen, oder Mißfallen, ohne alles Interesse. Der Gegenstand eines solchen Wohlgefallens heißt schön.

(Kritik der Urteilskraft, §5)

Fürchterliner als Gnom und Kröte war der Vater, und obendrein sollte man ihn lieben. Diederich liebte ihn. Wenn er genascht oder gelogen hatte, drückte er sich so lange schmatzend und scheu wedelnd am Schreibpult umher, bis Herr Heßling etwas merkte und den Stock von der Wand nahm.

Die Fettnäpfchen des Lebens

Im Leben tritt der Mensch in manches rein,
den Rosenzüchter- und den Sportverein –
er will dabeisein, immer vorneweg,
er kümmert sich partout um jeden Dreck.
Und kein Verein, der ihm dafür zu klein.

Er weiß genau, was grad der Nachbar macht,
sei es bei Tag und sei es in der Nacht –
moralisch misst er jeden Hammerschlag,
nimmt seinerseits den Hammer in Beschlag.
Er schimpft von morgens früh bis spät um acht.

Wohin er sieht, der Ärger wartet schon,
erblickt, was auch geschieht, nur Kollision.
Als Mensch ist er dagegen nicht gefeit,
denn solches kennt er schon seit Kinderzeit,
verliert auch noch die letzte Illusion.

Im Leben tritt der Mensch in manches rein,
den Rosenzüchter- und den Sportverein.
Ihm hat sein Dasein tüchtig mitgespielt –
verantwortlich, wie er sich nun mal fühlt.
Warum denn nicht, der Fettnapf, der ist sein.

Der kleine Überfluss II

Als blasser Underdog hat man’s nicht leicht.
Was Mitleid heißt, das hat die Welt vergessen
und meint, dem Kerl ist das doch angemessen.
Du hast bloß Pech, so matt und ausgebleicht.

Ein Stückchen Glück, das hätte dir gereicht.
Du hast dir noch kein Bäuchlein angefressen,
liegt wohl auch kaum im eigenen Ermessen,
du bist auf Schmalhans‘ Küche doch geeicht.

Den kleinen Überfluss, für den man lebt,
auch wenn er ständig dir vor Augen schwebt,
den kannst du dir beileibe niemals leisten.

Du trägst dein Etikett wie angeklebt,
dein Leben lang hast du umsonst gestrebt.
Doch geht es so wie dir den allermeisten.

Das Dunkel

riecht nach Luchs.
Ich streife durch die Tiefen meiner Sprache.
Zeit bricht
mit wuchtigen Fingern Worte.
Wir starren Löcher in die Luft
und füllen sie mit Stimmen.

Auf der Rückseite
sind die Tage rau,
kaum schwerer als der Regen.
Ich halte Stunden
gegen das Licht,
doch nichts scheint durch.
Auf ihrer Haut
sammelt sich die Nacht.

Das Aquarell

Das kleine Aquarell über meinem Schreibtisch ist von ihm, von Lucien. Ich kenne Lucien nicht, nur sein Bild. Und dass der Maler Lucien heißt, weiß ich nur, weil er seinen Namen in die linke untere Ecke des Aquarells gesetzt hat: Lucien, Paris, 1978.

Ein Haus ist dargestellt, ein sehr altes Pariser Haus, ein Häuschen auf Hühnerbeinen. Würde das Nebenhaus es nicht stützen, bräche es unter der Last der Jahre zusammen. Wie alt mochte es sein? Zweihundert Jahre, dreihundert? Mir wäre es angenehm, wenn es noch aus der Zeit Heinrichs des Vierten stammte. Doch das ist nicht wahrscheinlich, eine schöne Illusion.

Das Häuschen hat vier Etagen. Im Erdgeschoss befindet sich ein Laden, die Auslagen sind nicht erkennbar, es gibt kein Ladenschild. Vielleicht haben hinter den Scheiben einmal Weißnäherinnen gesessen und für ein paar Sous am Tage genäht, für die Pariser Emporkömmlinge unter Napoleon III., für seine Eugenie, die Schöne, die Eitle. Das wäre eher wahrscheinlich. In der zweiten Etage Gardinen hinter den Scheiben, Pilaster umarmen die drei Fenster, zwei nackte Frauenkörper mit angestrengten Gesichtern. Die dritte Etage hat nur zwei Fenster, breiter als die darunterliegenden. Es gibt nichts weiter zu sagen über sie, anonym blicken sie auf die Straße. Die Mansarde besitzt wieder drei Fenster, es sind nur Fensterchen, im Winter wird es kalt sein in den Räumen hinter ihnen, auch wenn der Pariser Winter weniger kalt ist als der deutsche.

Man sieht ein Stück Trottoir. Niemand geht darauf. Es besteht aus quadratischem hellem Gestein. Es ist ausgetreten von Tausenden Pariser Füßen, von langen Pariser Jahren.

Luciens Aquarell war ein Gastgeschenk. Er hatte es Arbeitern unseres Betriebs geschickt. Den Begleitbrief kenne ich nicht, nichts weiß ich darüber.

Aber ich weiß, dass es sterben sollte, Luciens Aquarell. Damals, im Oktober 90. Wir räumten unsere Schreibtische aus. Alles, was in dem neuen Deutschland nicht mehr gebraucht wurde, lag mitten auf dem breiten Gang, zu einem Abfallhaufen aufgetürmt, Müll, bestimmt für den Container. DDR-Schrott. Ich bückte mich, sah, dass es ein gekonnt gemaltes Aquarell war, und nahm es mit.

Es hängt über meinem Schreibtisch, seit jenem Jahr 90. Luciens Aquarell spricht. Es spricht zu mir von den Streiks in Frankreichs, vom Non zur EU-Verfassung, von den Studentendemonstrationen. Und es flüstert: von längst vergangenen Zeiten, von den Pariser Weißnäherinnen, den Bonvivants, die mit den jungen Frauen hinter den Scheiben kokettierten, vom sagenhaften Pariser Frühling.

Luciens Bild spricht. Sehr leise, aber vernehmbar.

Operation Winterstern

Die Kontrolettis hatten ihre letzten Stumpen zur Fixierung der revolutionären Bewegung aufgeboten. – Überall lagen entwertete Fahrkarten herum. Man bräuchte sich nur zu bücken und wäre schon im Besitz einiger, heute nicht mehr gültiger Euros gewesen. – Eine Kehrmaschine besprühte den Untergrund mit weißem Schaum, kreisende Bürsten erzeugten ein feuchtes, schabendes Geräusch. – Als Gegenteil des Fegefeuers hatten sie die Spätreinigung erfunden: Tauchet ein, Schabet ab – morgen früh wird es keine Erinnerung an dieses Gemisch aus Unrat, verdautem Halbwissen und aktuellem Kurswert mehr geben. – Die Ganztagsbetreuung hat den Halbtagszirkus abgelöst. – Alle Akrobatik ist den Halbheiten soliden Wissens gewichen, wir wissen nun, dass wir alles wissen könnten, hätten wir nur Zugang zum Zentralrechner. – Der Code ist in ständiger Bewegung. – Durch alle Umwälzungen der öffentlichen Meinung hindurch zieht sich das nicht mit bloßem Ohr zu vernehmende Tickern der Codiermaschine. – Wasser marsch! sprudelt es aus mit herumgedrehten Plastikeimern nur unvollkommen getarnten Gehirnen. – Wasser marsch, alles werde neu!