Im Fundus ist es still; ausgebreitet
Über die Pläne der Inszenierungen liegt
Nicht der Staub, nicht was man Erinnerung nennen mag –
Nur körniges Licht steigt aus der schwer lädierten
Pracht des Parketts & legt sich knisternd
Ins entleerte Gedächtnis
Im Fundus ist es still; ausgebreitet
Über die Pläne der Inszenierungen liegt
Nicht der Staub, nicht was man Erinnerung nennen mag –
Nur körniges Licht steigt aus der schwer lädierten
Pracht des Parketts & legt sich knisternd
Ins entleerte Gedächtnis
Die Verwandtschaft der Sprachen erzeugt die Illusion einer gemeinsamen Kultur. Doch die Geschichte und konfessionelle Gebundenheit der ehemals jugoslawischen Teilrepubliken könnten kaum unterschiedlicher sein. Jugoslawien war im Auge eines Ostblockbewohners die Alternative schlechthin: der Bruch mit Stalin, die Bewegung der paktfreien Staaten, auf Partizipation zielende kollektive Eigentumsformen und die beibehaltene Reisefreiheit – all dies erschien den Reformern von 1956 und 1968, die den Sozialismus bewahren und in ein menschenwürdiges System verwandeln wollten, geradezu anstrebenswert. Daß die Vorgeschichte einen tiefen Riß durch den Balkan getrieben hatte und daß Serbien dabei eine ganz eigene Rolle spielte, geriet in der Begeisterung für das föderative Jugoslawien aus dem Blick.
Das Morgenländische Schisma projizierte die Alleingeltungsansprüche des geplünderten Roms gegenüber dem kaiserlichen Konstantinopel auf den Balkan. Slowenien und Kroatien, die sich Venedig und den Habsburgern unterwarfen, um nicht dem osmanischen Reich eingegliedert zu werden, schienen aus Sicht der Orthodoxie an den Katholizismus verloren. Von der türkischen Herrschaft befreiten sich die Serben im Laufe des 19. Jahrhunderts selbst. Seitdem können sie nicht genug bekommen an Unabhängigkeit, Größe und Freiheit. Daß Serbien seine Unabhängigkeit ohne Unterstützung des Westens errungen hatte, war dem Westen gar nicht recht. Auf dem Berliner Kongreß 1878 wurde den Österreichern die Besetzung Bosniens erlaubt, nicht zuletzt, um den serbischen Plänen zuvorzukommen, sich einen Zugang zur Adria zu verschaffen. Im zweiten Balkankrieg, in dem Serbien und Griechenland gegen ihren einstigen Verbündeten Bulgarien kämpften, beanspruchte Serbien die Territorien des heutigen Mazedonien und des Kosovo. Nach dem Attentat von Sarajevo vermutete Österreich – im Einklang mit den Nachbarn Bulgarien, Rumänien und der Türkei – die Drahtzieher in Belgrad. Die Angst vor großserbischen Ambitionen diente als Vorwand, um den Ersten Weltkrieg vom Zaun zu brechen. Später, im Königreich Jugoslawien, beanspruchte Serbien die Hegemonie und provozierte damit die kroatischen und slowenischen „Brüder und Schwestern“.
Serbien blieb ein unberechenbarer Partner. Während des Zweiten Weltkrieges versuchte es lange, neutral zu bleiben. Erst unter dem Eindruck akuter Kriegsgefahr wandte sich die serbische Regierung den Achsenmächten zu, was vom Volk nicht honoriert und mit Demonstrationen für England beantwortet wurde, so daß Hitler Serbien kurzerhand bombardieren, erobern und zerstückeln ließ. Auch Stalin war der serbische Unabhängigkeitswille nicht geheuer. All das verschwand hinter der schillernden Kulisse des Tito-Kommunismus, des dritten Weges und der Illusion von der Realisierbarkeit einer Utopie.
Erst die Kriege der 1990er Jahre trübten den Glanz der jugoslawischen Idee. Die Nationalismen sind wie schwelende Wunden wieder aufgebrochen, scheinbar aus dem Nichts. Heute werden die Unterschiede zwischen den Sprachen betont und zum identitätsstiftenden Politikum. Die ungelösten Konflikte – die auch Konflikte des Westens sind – brachen wie ein Geschwür hervor: Nirgendwo prallen römische Kirche, Orthodoxie und Islam so dicht aufeinander wie auf dem Balkan. Die Hegemonie über die unter Tito formell selbständig gewordenen Teilrepubliken der SFRJ ließ sich militärisch nicht herstellen. Es scheint, als sollte dieser schöne Landstrich ausbaden, was in der Geschichte von Ost- und Westeuropa nur durch Abschottung in einem spannungsvollen Gleichgewicht gehalten wurde. Seit den Befreiungskriegen des 19. Jahrhunderts will Serbien mit dem Kopf durch die Wand. Ob es sich nach den Zerfallskriegen stärker dem Osten (Rußland) oder dem Westen (EU) zuwenden würde, blieb lange Zeit unklar.
Wenn Serbien literarisch in den Mittelpunkt rückt, dann geht es um Anerkennung: Literatur als Botschafter einer fremd erscheinenden Lebenskultur, einer trennenden religiösen Verwurzelung und einer pochenden Idee der Autonomie. Natürlich ist die Literatur am Ende machtlos. Sie ähnelt, um mit Paul Celan zu sprechen, einer Flaschenpost, und es ist ungewiß, ob sie den richtigen Adressaten erreicht. Serbien ins Zentrum zu stellen, bedeutet für den Westen eine Nachholestunde: Nur die Anerkennung des Eigenständigen kann zu dem Grad an Verständnis führen, der die Konflikte entschärft, die Serbien stellvertretend für den Westen und den Osten, gegen den Islam wie auch gegen den Katholizismus ausgefochten hat. Die serbischen Dichter greifen dieses Spezifikum ihrer Geschichte auf, aber sie beschränken sich nicht auf ein Nachdenken über Serbien. Dort, wo sie über den nationalen Tellerrand hinausblicken, wird ihre Dichtung für uns interessant. Crnjanski sammelt seine Beobachtungen über Deutschland am Ende der Weimarer Republik in Berlin. Pavlovi? fragt nach der Rolle der Religion in unserem postmodernen Leben und blickt dabei auch nach Indien als Wiege des Buddhismus. Lazi? interessiert die Mündigkeit der Frauen in einer vom orthodoxen Patriarchat geprägten Kultur. Tri?kovi? geht es um die universelle Funktion der Sprache und Tomaševi? fragt nach dem Hinterherhinken der Menschlichkeit hinter dem technischen Fortschritt – eine Frage, die sich gerade dem Westen in Zeiten der Krise ökonomischen Wachstumsdenkens stellt.
das baguette bleibt
heute kalt:
die apathie der moleküle
hält nichts von bewegung.
der backherd ist zu bekweem,
seine Stäbe auf „275“
zu heizen:
ab in den steinofen mit der brotsorte,
im toaster rösten
selbst diese teigblättchen.
Nennt man es Weltschmerz
oder sehnsucht oder liebe oder was
als ich Deinen Dicken Bauch sah
träumte ich mich hinein
und hoffte,
es würde noch einige Tage dauern
bis zur Geburt.
Niko 4.03.09
Endlich wird
der Staub entzündet,
in grauer Zelle,
chemisches Begehren, der
Mann sucht gähnend nach
der Post, wo stand denn
geschrieben
:
„…“
100 Seiten, engmaschig, liest er zum letzten Mal.
– Was wäre wenn –
er sein Denken dem Auditorium zeigte –
es enthüllte, wie unter cremefarbenen Wolken,
sich die Fläche der Venus.
Home, sweet home
Manchmal wenn ich zuhause bin in meinem gehäuse wo ich manchmal nicht weiß ob ich zu hause bin in dieser wohnung,
mit meinen katzen die hier zu hause sind und sich auch so benehmen –
manchmal schau ich dann auf das thermometer um zu wissen wie kalt oder warm es mir sein darf.
Manchmal friere ich.
Manchmal bekomme ich einen brief von den gaswerken, worin enthalten sind verschiedene zahlen und werte, die ich nicht immer & alle
verstehe.
Manchmal verstehe ich mich und friere, obwohl ich nicht darf & bin anschließend froh, wenn ich kein blut sehe auf meiner haut & lege die klinge beiseite.
Manchmal – aber immerhin
:meine katzen fühlen sich wohl.
niko
Der erste Schnee!
Er liegt schwer auf den Blüten
der Narzissen…
Dainichi
Gongen Sonnenfrau –
darf ich mit Dir sprechen?
Geliebte Pflaumenblüte kam dem Verbannten nachgeflogen, zu erhellen künftig die Hochzeit des Menschen. Bald wird es dunkel. Über der Lagunenstadt braut schwer sich der Abend zusammen. Weiter müssen wir, bleiben dürfen wir nicht. Es ist der Berg nun, von woher wir gerufen sind, o Azaleenhügel, alle Tränen von unter dem Baumdach strömen zu dir empor.
Wie wird es sein, wenn der Regen nach oben fließt??
Blaue Irisblüten mögen
die Füße stärkend umschnüren –
als Strohsandalenbänder!
sprach der streng wegetaurische Rechtskater Schnurrbu aus Schorrba
(endgültig aus: Die Dialektik der Körperhälften in der Nähe des Erdkerns, Chanty-Mansijsk: Glaja 2011, S. 49)
Von denen du leben kannst in verschlungenen Gassen
Vor niedrigen Häusern schmort Fleisch über Holzkohle
Fladen aus Mehlteig werden mit Kräutern gemischt
Nudeln werden aus Knetrollen geschnitten
Auf vier Rädern hastet der Fortschritt vorbei
Heidrun Hegewald war wer in der DDR. Sie war eine beachtete, anerkannte wie abgelehnte Künstlerin. Sie war im Vorstand und Präsidium des Verbandes Bildenden Künstler der DDR. Und das nicht nur einer ausgerufenen Frauenquote wegen. Hegewald war eine Gefragte, weil sie eine Fragende war. Eine, die nicht nur hinnahm, eine, die etwas hinzuzugeben hatte. Das Unbequeme machte sie zur Unbequemen.
In der Kunst der Malerin und Graphikerin, die ihr Denken ist, in ihrem Denken, das Geisteskunst ist, artikuliert sie die unterschiedlichsten Dinge, die ihre Unruhe ausmachen. Es ist die Unruhe der Unbequemen. Lebenslang! Im Kunstmachen autonom, äußert sich ihre Autonomie auch in der Kunst des Schreibens. „Ich bin, was mir geschieht“ ist der Titel einer Sammlung mit Schriftstücken der Schreiberin. Das Buch ist ein breiter und hoher Damm gegen die „Diktatur der Dummheit“. Eine Autorin spricht, die keine Anstrengung scheut, die Leser anzustrengen. Sätze stehen da wie Säulen. Auch als Denk – mal. Derartiges kennt man im Ost-Deutschen von Bildhauern wie Wieland Förster und Werner Stötzer. Heidrun Hegewald ist die Dritte im Bunde.
Hegewald, 1936 in Meißen geboren, ist ein gebranntes Kind. Sie hat das brennende Dresden des 13. Februar 1945 gesehen, gerochen, gefühlt. Das hat sich eingebrannt in Herz und Hirn der Heidrun Hegewald. Sie kann nicht umhin, in der Helle das Dunkel, im Dunkel das Helle wahrzunehmen und in ihrer Kunst, in ihrem Schreiben Wirklichkeit werden zu lassen. In einigen Schriftstücken formuliert die Autorin Erinnerungen an die Kinderzeit. Einer der persönlich-privaten Texte, „Dresden“ überschrieben, bringt eine der bittersten Lebenserfahrungen auf den Punkt: „Ich habe meine Kindheit an den Krieg verloren.“ Das war Prägung. Das ist zum Brandmal fürs Leben geworden. Das Leben einer Frau, die von sich sagt: „Ich war und blieb eine fanatische Beobachterin.“ Und die kann nicht anders: Sie muß auf das Wesentliche, das Eigentliche, also stets auf das Existentielle achten. Jederzeit, überall, in allem.
Es könnten sämtliche Texte biographische Schriftstücke genannt werden. Denn, welcher ist nicht ein Text von und für Heidrun Hegewald? Biographisch ist das Schreiben, indem es ein Schreiben wider bleibende Selbstzweifel ist. Schreiben bedeutet für Hegewald, sich Mut anzuschreiben, sich Gewißheiten anzuschreiben, sich Stabilität anzuschreiben. Schreiben bedeutet desweiteren, die Sprache vor Schändung zu schützen. Die Texte trotzen der Verelendung, Verarmung der deutschen Sprache. Wort für Wort. In den persönlichsten Äußerungen ebenso wie in den politischen. Der Wille zum Denken fördert und forciert die polemisch-philosophischen Äußerungen. Die werden am deutlichsten in der assoziativen Sprache. Vor allem wenn die apodiktische Formulierung begünstigt wird. Ihr ist Hegewald so zugeneigt wie den schön geschmirgelten Sätzen. Jeder gute Gedanke ist der philosophisch, politisch Ambitionierten einen guten Satz wert. Gedanken und Gedankensatz sollen stimmen. Dicht an Dicht drängen sich die Gedanken. Jeder Gedanke der Leser wird sofort in den Hintergrund geschoben, da der nächstfolgende Gedanken-Satz der Vor- und Nach-Denkerin vorübersaust. Das macht atemlos. Egal, ob die Kunst, die Gesellschaft, die Person Gegenstand der Gedanken sind.
Ihre Gedanken-Linien aufs Papier zu bringen, hat sich Heidrun Hegewald nichts leicht gemacht. Wieso den Lesern das Lesen erleichtern? Zumal, wenn Leben nicht leichtfertig als leichtfertige Angelegenheit gesehen wird. Was viel, was alles über die Verfasserin von „Ich bin, was mir geschieht“ sagt. Was auch sagt, dass sie ist, was sie geschehen läßt. Heidrun Hegewald ist wer: Heidrun Hegewald!
Heidrun Hegewald: Ich bin, was mir geschieht. Verlag Neues Leben: Berlin 2011. 159 Seiten. Geb.
Just call on me and I’ll send it along
With love from me to you
Ihrem Kind einen Rausch; drei Gespräche
Rechte Brust – Ahnung Theater
Inmitten des Lebens; drei Blicke
Linke Brust, und da stand mein
Geliebter Cesar, Cesar
Vallejo – Schwarzer Stein
Auf weißem Stein, und kein Donnerstag
Urplötzlich
Vor Ihr, weiße Creme aus
Schwarzem Becher – ja – da das Kind
Nun den Sinn – da – erlebte
Und die Atome, die Atome aus
Nietzsches
Knochen sich des Glücks
hab ich mein haus am tod gebaut?
leb‘ noch nicht, bin noch nicht geboren
bin noch nicht gestorben
bin im provisorium
und doch: nehm ich mir jeden tag das leben
komm mit kommitkommit:
ich lad‘ dich ein
nehmen wir gemeinsam uns
was uns gehört:
die zeit, die eigene, die bleibt
zu lachen lieben leben
doch das ist schwer und
lange nicht genug
wir müssen schon gemeinsam
gegen die uns stehlen wollen
gemeinsam müssen wir uns wehren
:die zeit, das leben
das eigene uns nehmen.
23.07.06
Mond in deutsch? Nie wieder!
Und bald ist voll der mond
schon wieder schwarzrotgold
und liebe menschen bluten
Ein blick aus meinem fenster
trüb in den regen (wie gut, die fenster ungeputzt)
im schaukelstuhl sitzen
auf dem schoß den laptop
links von mir das x-te bier
die zeit: es reicht
Wirklich: ich könnt kotzen
die fifa lange schon vorbei
vuvuzelas tröten immer noch
:wir sind papst: wir sind dabei
ja benediktum est nie bitte wieder
schwarzrotgold auf dächern gegenüber
nazis immer öfter immer wieder
nach braun die mitte schreit
Die zeit: es reicht
19.10.2010
* * *
Nachgebet
(armutszeugnis) Wann wurde Kamal ermordet von einem rechten
schon vergessen?
am 16.oktober versuchten nazis es erneut
in leipzig, dortmund, cottbus und wo auch immer
schwarzrotgold marschiert, wann wird sie braun
die mitte? Die zeigt – ratet mal – wer wem, den weg.?
schwarzrotgold verwittert wird im kalten
kalten wind die krise schöngeredet
wird schwarzrotgold zu schönen bildern
bleich – wie hamilton – und bitteschön global
und nein – doch international sind wir nicht schön
denn überall ist diese nationale pest:
wir sind britisch, sind wir polnisch oder türkisch
oder bitterarm & ganz egal: sind wir alle national?
22.10.2010
im sommer
hat mir die sonne
die haut getönt, die hat
meine seele gewärmt
im sommer
hat mir die sonne
die haut getönt, die hat
mir die haut
im sommer
verbrannt, die augen
verblitzt, ich glaub
es wird jetzt zeit
im sommer schon
mach ich mich
auf den weg, bevor
ich blind werde
such ich mir
andre freunde
lass den herbst
durch alle zeiten
fallen und im winter
nicht an den frühling
denken und im frühling
auf den sommer warten
denn im sommer
seh ich sie wieder
die alte haut, eine
neue freundschaft?
Wieviele Rezensionen können Redaktionen verkraften? Ein Bruchteil der Bücher, die während eines Jahres erscheinen, werden auf den Feuillettonseiten beachtet. Da hats ein Autor denkbar schwer, alles ins öffentliche Gespräch zu bringen, was er binnen eines Jahres publiziert. Es kann sein, dass ein Buch den Blick auf das andere verstellt. Das ist dem Leipziger Thomas Böhme 2010 geschehen, als er mit seinem alles in den Schatten stellenden Roman „Der Schnakenhascher“ auftauchte. Zum Nachteil einer Sammlung von Gedichten, deren freie, strenge Struktur ihr eigene Art, also Eigenart hat. In der Nachbemerkung zu dem Band „Heikles Handwerk“ mahnt der Lyriker zur Vorsicht und bittet, das Gelieferte nicht „mit Sonetten zu verwechseln“. Na ja, wer ein wenig beschlagen ist mit der Poesie sämtlicher Zeiten, dem wird das Sonettenhafte bei Böhme nicht aus dem Sinn kommen. Gewiß ist, die strikt vierzehnzeiligen Gedichte sind keine strikten Sonette. Sie sind auch keine Prosagedichte, woran dann und wann zu denken ist. Und das nicht nur wegen des sprachlichen Rhythmus´, der von der Sonette hergeleitet ist. „Heikles Handwerk“, mit dem Hinweis „66 Fallstudien“ versehen, lotst die Leser in eine Lyrik, die höchst erzählerischen Inhalts ist.
Thomas Böhme hat ein Museum eingerichtet. In dem sind Handwerksberufe zu besichtigen, die, zumeist, nur noch in Lexikas leben. Böhmes „Verse“ sind keine Versuche der Wiederbelebung. Die Berufe, beziehungsweise Berufsbezeichnungen, sind ihm Anlaß, Rückschau zu riskieren, ohne in ihr zu schwelgen. Jede Rückschau ist auch – oder vor allem – eine Reflektion auf das unmittelbare Jetzt. Dieses Hin- und Herschwingen zwischen den Zeiten, diese Mixtur aus Gestern und Heute, fördert die Lust am Lesen der Texte. Ohne surreal zu sein, hat doch Manches eine sur-realistische Bildhaftigkeit. Sofern der Sinn dafür da ist, so und das zu sehen. Surreales schimmert bei dem Schriftsteller immer durch wie das Erotische, das aus einer nie eindeutig artikulierten Sexualität kommt.
Der Lyriker und Prosaist ist ein Wanderer durch die Welten und zwischen den Welten. Nun zwischen den Berufswelten, die er kaum beschreibt, die er benutzt, um sich seine Phantasie-Welt zu zimmern. So wie das immer ist in der Literatur des Autors: Der unverkennbaren Böhme-Literatur. Das Aufspüren verloren geglaubter Handwerksberufe rechtfertigt, wie so nicht immer, Thomas Böhmes Neigung, verloren geglaubte Vokabeln aufzuspüren. Gedanken und Geschichten werden zu Gedanken-Geschichten, die Gestriges und Gegenwärtiges durch die Sprache harmonisieren. Nicht jeder Gedankengang muß nachvollziehbar sein und nachvollzogen werden. Warum auch? Bliebe dem Autor dann Gelegenheit für die kuriosen Kurven, die seine Gedanken in jede mögliche Richtung gleiten lassen? Die Uneindeutigkeit im Deutlichen, die Deutlichkeit im Uneindeutigen möglich zu machen, ist eine Sache des regen gedanklichen, sprachlichen Spielsinns von Thomas Böhme. Die 66 in „Heikles Handwerk“ zusammengefaßten Vierzehnzeiler ziehen vorüber wie vollgepackte Loren. Fällt dann und wann ein Witz heraus und herunter, werden sie von den Lesern gern aufgelesen.
Thomas Böhme: Heikles Handwerk. 66 Fallstudien. poetenladen: Leipzig 2010. 80 Seiten, Geb.
Meine Innenwelten bäumen sich
auf
lehnen sich dem
Verschwinden entgegen
fordern mich zum Duell
Zum Duett der Stimmen
heraus, hinein
Ein Wesen verschwimmt
mit dem Anderen
eines offenbart sich an
dem Anderen
fordert heraus
zum Duell
dem Duett
der Stimmen
Kiepenheuer-Bücher waren begehrte Bücher. Sie wurden gelesen. Kiepenheuer-Bücher waren keine Massenware. Sie hatten Wert. Sie waren ein Wert an sich. Vor allem in den Zeiten, in denen der Kiepenheuer Verlag am ärgsten bedrängt und bedroht war: In den Jahren der nazistischen Diktatur. Auch in den mageren Zeiten, die dem Tode des Verlagsgründers Gustav Kiepenheuer folgten, der 1949 starb. Magere Zeiten, die nicht Noa Kiepenberg verschuldete, die bis 1970 dem Verlag in Weimar vorstand. Das Niveau von Kiepenheuer zu drücken oder zu unterdrücken ist niemand gelungen. Oft am Rande der Existenz, ist es erst den geschäftigen Geschäftsführern des Aufbau-Verlages gelungen, den Gustav Kiepenheuer Verlag zu Grabe zu tragen. Und das im Jahr des Jubiläums. 2010 wurde der Verlag Hundert. Das Ereignis wurde mit einer Ausstellung gewürdigt, die von Februar bis Mai 2010 im Leipziger „Museum für Druckkunst“ zu sehen war.
Nicht nur zur Freude der „Familie“ Kiepenheuer, zu der alle Freunde des Verlages zählen, ist nun eine würdige, würdigende Publikation erschienen. Von Siegfried Lokatis und Ingrid Sonntag als Herausgeber betreut, ist eine ergiebige Edition entstanden, die Wesentliches der „100 Jahre Kiepenheur-Verlage“ zusammenfaßt. Der Band ist eine abwechslungsreiche Darstellung der Geschichte des Verlages, der Erhebliches zur Kultur des Landes in Deutschland beigetragen hat. Nie einer der großen deutschen Verlage, wurde der Gustav Kiepenheuer Verlag in den ersten beiden Jahrzehnten zu einem Verlag der Großen der linken, linksbürgerlichen deutschen Literatur. Von Brecht bis Heinrich Mann und Anna Seghers bis Carl Zuckmayer und Arnold Zweig versammelte der Verleger ein seinem Hause, was auf dem Wege war, sich Rang und Namen zu erschreiben. 1910 in Weimar begonnen, 1918 nach Potsdam umgezogen, wurde das „Vagabundieren“ ebenso zum Schicksal des Verlages wie das Auf und Ab.
Dank der schnellwechselnden Kapitel, der vielen verpflichteten Autoren, der Essays, Aufsätze, Gespräche, Dokumentationen, ist das Buch zum Verlag zu einem nie ermüdenden Lese-Buch geworden. Die Substanz macht die Qualität von „100 Jahre Kiepenheuer-Verlage“. Die Substanz verantworten vor allem die, die, zu unterschiedlichen Zeiten, für den Verlag verantwortlich waren, die sich ihm verpflichteten und so für die Kiepenheuer-Qualität sorgten. Ihnen, den Dabeigewesenen räumt die Publikation reichlich Platz ein. Es wird weniger reflektiert und analysiert. Es wird berichtet und erzählt. Das gibt den Beiträgen Unmittelbarkeit und stachelt die Aufmerksamkeit der Außenstehenden an. So wie sich viele Leser als stille Abonnenten der Kiepenheuer Bücher fühlten, so können sich nun vor allem ältere Leser als Teilhaber der Verlagsgeschichte fühlen. Die geistige Verwandtschaft zwischen Verlag und Lesern ist ein immer noch stabiles Band. Die Dankbarkeit ist in der Anerkennung für das Durchhalten des Gustav Kiepenheuer Verlages, der eher Buch-Verlag denn Markt-Verlag war. Das können alle Generationen zur Kenntnis nehmen und sich, sofern jünger, ihre Gedanken zum Gewesenen und Gewordenen machen. Die Geschichte der Kiepenheuer-Verlage ist auch die Geschichte von Widerspruch, Widerstreit, Widerstand. Von Verletzungen und Verletzten zu sprechen macht die Ausgabe authentischer und glaubwürdiger. Also zu einer Lektüre, die gleichermaßen anregt wie sie angenehmen aufregt, so daß die interessierten und zu interessierenden Leser wacher und wacher werden. „100 Jahre Kiepenheuer-Verlage“ ist eher Festschrift denn Chronik“. „100 Jahre Kiepenheuer-Verlage“ ist ein gut zu lesendes, lesenswertes Buch über das Büchermachen. Die Publikation ist in ihrer Gesamtheit eine rege Literatur-Kultur-Geistes-Personen-Geschichte wie sie in dieser Art nicht so häufig ist.
100 Jahre Kiepenheuer-Verlag. Hg. Siegfried Lokatis, Ingrid Sonntag. Ch. Links Verlag: Berlin 2011. 424 Seiten, Broschur
Ich fahre nach Osten : nicht weit
& schon strecken sich die Birkenwälder
Flach übers Land : den Städtern eine Ödnis
Mir bedeuten sie russischen Schlaf : hier
Könnte ich Bär sein : ständig auf der Suche
Nach Bienen : die frische Frühlingsluft
Würde meine lüsterne Nase kitzeln : aber nicht
Durch mein Fell dringen : allein wäre ich
Nur meine Kinder würden sich nicht vor mir fürchten
Sie würden auf Bäume klettern & ich
Würde sie wieder herunterholen auf den weichen
Atmenden Waldboden zwischen den Steinen
Bruch,
Bruch und Landung.
Es krümelt über die Winterlinge
Das aufgebrochene Braun
Am Ende des Tunnels
Wie gut diese Erde wiederzusehn
Mäusegewisper
Heiter und rosig, zierlich und grün
Die Sonne, und weil ich ein Grasling bin –
Holt es zurück
Ans Licht
die socken die ich trage
halten nicht nach
einem winter sind sie
dahin
wo die glühbirnen schon nach 1000
stunden landen im müll
wo der nylonstrumpf von 1935 nie
ankam so reißfest
daß er von patriotischen damenbeinen gerollt
militärisch bedeutsames
material wurde erfunden
zu halten
nach
allem anschein
nach mir
die sintflut
halt —
Überbreite Straßen liegen ausgestreckt
auf den Leichnamen der kleinen Häuser
in denen einst Leben / urgründiges
sich ergoß / zurückgedrängt in enge Mauern
Kein Grashalm reckt sich
in den Ritzen des Betons
durch überbreite Straßen
drängeln sich klapprige Busse
in denen die Menschen
dicht an dicht gepackt
nicht aussteigen können
nicht aussteigen können
Was denn nur dazu sagen? Verschmitzt schmunzeln, wie der Autor das tut, der den Roman „Nesselkönig“ geschrieben hat? Schmunzelnd, verschmitzt sagen: Lies mal! Lesen Sie Ralf Eggers „Nesselkönig“! Das ist ein satirischer Roman. Mit derartigen Romanen ist die deutsche Literatur nicht gesegnet.
Kaum haben wir Uwe Tellkamps „Der Turm“ verkraftet, kommt schon wieder ein Turm ins Blickfeld. Nicht auf Dresdens Nobelhügel „Weißer Hirsch“ errichtet, ist er nun in Potsdams arkadischer Landschaft zu besichtigen. Im Turmzimmer haust Victor Nesselkönig. Wahrlich kein Nobody! Ein gestandener Mann, mit einer versteckten Biographie, hinter der sich die versteckte Biographie eines B. Traven verstecken muß. Gekonnt hat Eggers eine Lebensgeschichte konstruiert, in der er alle Gerüchte unterbringen kann, die die Geschichte des 20. Jahrhunderts möglich machte. Gesetzt den Fall, die Lebensgeschichte Nesselkönigs wird als die einer Figur des Schachspiels der Schlachten des Vorjahrhunderts gelesen. Um es genauer zu sagen: Der literarischen, geistigen, politischen Schlachten. Für die ist die Figur des Victor Nesselkönig tatsächlich der repräsentativste Repräsentant. Dem Dichter Nesselkönig wird jeglicher Ruhm, vom Nobelpreis bis zum Nationalpreis der DDR, nicht nur angedichtet. Dennoch ist der Bekannte ein höchst Unbekannter. Sein Leben ist ein Leben voller Lücken. Seine Lebensgeschichte ist voller Lebenslügen. Das ist der Stoff, aus dem Tragödien gemacht sind beziehungsweise werden. Oder, wie bei Ralf Eggers, eine saftige Satire. Sollte man sagen: Eine tragische Satire? Das heißt, dem Roman die Ernsthaftigkeit zuzubilligen, die er hat. Hieße auch, das Amüsement nicht annähernd zu würdigen, mit dem der Schriftsteller seinen Stoff in sämtliche möglichen Winkel des Geschehens schleppt. So daß sich die Leser immer neu vergnügt wundern, in welche Winkel sie geschleift werden.
Der 1961 geborene Schriftsteller steigt nicht nur in die Keller reichsdeutscher, sowjetischer, ddr-deutscher Vergangenheit. Er nimmt mit in das lebensgefährliche Moskau der dreißiger Jahre, in die Tristheit der ostdeutschen Provinz, die für Nesselkönig im Problemjahr 1953 beginnt, als der Verschollene seine Auferstehung erlebt. Wem Nesselkönig während der Jahrzehnte, bis zu seinem vermeintlichen Tod am 8. Oktober 1989 (!), begegnet, verblüfft, macht den Roman jedoch nicht zu einem Schlüsselroman. Wenn, dann ist er ein Schlüssel zu den Seelen von Prominenten, die ostwärts der Elbe Rang und Namen hatten. So beeindruckend die Kenntnisse des Autors sind, der sich in der Zeitgeschichte wie ein Zeitzeuge bewegt, so souverän geht er mit dem angelesenen, angeeigneten historischem Material um. Muß er, weil er einer ist, der dann doch nicht dabei war. Weil er ein Erzähler ist, der den Lesern die verzwickte, verwickelte Story des „Rätselmannes“, des „Phantoms“ Nesselkönig in seinem vitalen, variationsreichen Erzählwerk verklickern will. Ein Roman hat nun mal mehr Realität als Realität Reales hat. Die Leser dürfen mit-rätseln, dürfen vermuten, aber auch verwirrt sein, wenn es anders kommt als angenommen. Nie vergessen: Der da spricht ist ein Satiriker! Er kann überspitzen, wo es was zu überspitzen gibt. Und dafür gibt’s immer neue vom Autor geschaffene Gründe. Die gefundenen und erfundenen Geschichten liefern die Gründe. Und die Geschichte der Suche nach dem verlorenen Ich, die die Geschichte des Viktor Nesselkönig ist. Die eigentliche Geschichte des Romans, auf die man sich am ehesten einigen kann. Sofern man sich – wodurch auch immer – genötigt sieht, die Geschichte der Geschichten auszumachen. Wer sich dazu nicht genötigt sieht, genießt die Parabeln und Parodien, in denen Personen und Prozesse einer vergangenen Periode verquirlt werden. Größten Genuß werden die Leser haben, die den Geist vergangener Geschichten und deren gestaltenden Gestalten im Sinn haben. Ralf Eggers Prosa modelliert ein Panoptikum fast vergessener und vergessener Größen mehrerer deutscher Gesellschaften. Typen, Typen, Typen! Da kommts auf das Individuelle nicht so an. Also reichts, wieder und wieder die Neigung des Kopfes zu beschreiben und wer sich wann am Kinn kratzt oder mit dem Handrücken über den Mund wischt. Wollen die Leser das wissen? Oder nehmen sie derartige gleichbleibende Beschreibungen als Element des Karikierens hin? Bevor sie selbst dazu neigen, mit „schräg gelegtem“ Kopf dazusitzen, sich am Kinn zu kratzen und mit dem Handrücken über den Mund zu wischen. Käme es soweit, wäre man der Suggestion des Schriftstücks völlig erlegen. Es droht den Leuten Gefahr, die sich leicht vereinnahmen lassen. Der Schriftsteller Ralf Eggers ist ein Schlitzohr. Der Roman „Nesselkönig“ ist eine Satire. In dem geschieht alles, was den Menschen nicht geschehen sollte, nämlich in die Mühlen der Geschichte zu geraten. Vielleicht steckt Ralf Eggers selbst schon in einer Mühle. In der der Literaturgeschichte, denn Tellkamp war nun mal schneller mit seinem Turm da.
Ralf Eggers: Nesselkönig. Mitteldeutscher Verlag: Halle (Saale) 2011, 463 Seiten, Klappenbroschur
Hinter der Maske jedes lieben Menschenfressers steckt ein garstiges Kind. Bevor ich H.C. Artmann kennenlernte, wußte ich schon, daß das Grauen in Österreich wohnt. Dieses Wissen verdankte ich einem Büchlein, das 1984 im Verlag Volk und Welt (DDR) erschienen war. Es hieß bezeichnenderweise „Der handkolorierte Menschenfresser“ und sollte womöglich vom Kannibalismus im eigenen Land ablenken. Dieser Schachzug war klug, aber die Partie war schon verloren. Es kursierten zu viele schwarzgedruckte Exemplare von Orwells „1984“. Eins davon war eingebunden ins Statut der Jungen Pioniere. Im Fortgang der Geschichte durfte der Wiener Landlord auch die ramponierte Heimat von Köhlerliesl und Holzmichl besuchen und im Gegenzug der sächsische Kumpel zu Mozarts falschem Grab reisen, wo er baff erstaunt war, daß die künstlichen Blumen davor aus Sebnitz stammten.
Ich bin H.C. Artmann tatsächlich einmal auf so einer Schnuppertour in den Osten Deutschlands begegnet. Am 26. Januar 1991 bei einer gemeinsamen Zugfahrt von Leipzig nach Berlin. Das Gesicht dieses Grimbarts vor dem Fahrkartenschalter des Leipziger Hauptbahnhofs kam mir bekannt vor, nur wußte ich nicht, wo, zum Teufel, ich dieses Gesicht schon gesehen hatte. Ein Leipziger Kulturredakteur, der Artmann auf seiner Lesereise begleitete, half mir über die fehlende Anrede hinweg und stellte uns einander vor. Herr Artmann war entzückt, daß er nun gleich zwei Studienobjekte für die sächsische Mundart hatte und dankte es mir, indem er meinen Zuschlag für die 1. Klasse übernahm. Ich war bis dahin – und später meistens auch – nur in überfüllten 2.-Klasse-Abteilen gereist und dachte, wenn man es als Dichter so weit gebracht hat, ist man aus dem Gröbsten raus. Irgendwann fiel der Name Lene Voigt und schon waren wir bei „Hamlet odr dr verbrächerische Onkel“ angelangt. Wir tauschten auch Bücher aus und viele andere Artigkeiten. Dann kam Bitterfeld und Herr Artmann schaute interessiert auf die Ruinen des experimentellen Sozialismus.
Der Anblick zwingt ihn, kryptische Sätze zu zitieren: „Mit dynamit werden tunnels in die berge gesprengt, dabei stößt man häufig auf wasseradern. Früher gab es eine menge zwerge, denen kaufte man den blaugrauen schiefer ab.“
Was mögen seine stets wachsamen Augen, die listig unter buschigen Brauen ins Weite spähten, noch gesehen haben? Vielleicht eine wackere Hausfrau in buntkarierter Dederonschürze beim Aufhängen der Wäsche. Die Rußflocken, die sogleich herbeieilen, setzen sich als schwarze Falter in den Morgenrock, der so anmutig die Wölbungen des Windes nachahmt.
Vom vielen Schauen wird einer, der das Geschaute gleich ins Reine reimt, müde. Er hält ein Nickerchen, bei dem seine Zähne die harten Traumwecken zermahlen, und ich kann bis Schönefeld meinen Wortschatz um die Papeterie, den Nießbrauch und den Aviatiker erweitern.
In Berlin trennten sich unsere Wege. Artmann und sein Begleiter fuhren Richtung Zoo, ich zum angeschlagenen Aufbau-Verlag in die Französische Straße. Ja, der Westen war mir noch immer sehr fern, ich hatte noch nie am Kurfürstendamm ein kenzo-sakko gekauft.
Solche Zugfahrten weiß man erst zu schätzen, wenn man eingepfercht zwischen Nichtrauchern und Bauchrednern auf die erste Durchsage nach einem dreistündigen Unterwegshalt auf freier Strecke lauert und plötzlich aus dem Lautsprecher eine schnarrende Stimme warnt: „In was für ein haus bist du da geschneit, unter welcher leute dach hat es dich da geweht? Bruder, das sind üble menschen, unholde, die einen schlachten, braten und essen!“
Seitdem ahne ich, daß alle Pannen der Bahn auf Artmannsche Schelmenstücke zurückzuführen sind, und das versöhnt mich mit der Tatsache, ihn jetzt in Liliput oder Brobdingnag zu wissen, von wo man bekanntlich keine Rückfahrkarte lösen kann.
ich halte nach
an den kleidern
die ich trage
die verliebtheit
trägt mich
in baumwolle
weiß
zu dir
halte mich nach
wenn ich gehe
in weiß
Geschieht alles zehn Jahre später
Kommen die Fältchen im Spiegel
Nie in die Flamme der Muskeln
Und manchmal, manchmal
Mit den Augen eines
Anderen sieht es aus als
Seien schon wieder zehn Jahre
Aber die Zeit vergeht nicht
(Ein Erziehungsbrevier für Knaben)
Früher Vogel fängt den Wurm.
Nun aber raus aus den Federn!
Äpfel fallen nach dem Gesetz der Schwerkraft.
Wiederhole das, Anton! Äpfel fallen …
Nimm die Kröte vom Tellerrand, Bruno!
Hört ihr, Bruno möchte heut kein Kompott essen.
Setz dich auf deine vier Buchstaben, Christian!
Wer sagt den Tischspruch? Danke, Dieter.
Ein Rätsel. Wer weiß es? Emil, du?
Auf der Lauer, auf der Mauer …
Nun aber raus mit euch!
Franz, Fritzchen, in Zweierreihe!
Lacht doch die liebe Sonne so hell.
Knusperbraun wie die Mohren,
wollen wir werden. Auch du, Gustav
oder soll ich dir eine Extrawurst …?
Nun bilden wir fein einen Kreis.
Wer muckst da?
Hans, Hosen runter!
Wer nicht hören will muß fühlen!
Ingo hält ihm den Kopf fest.
Jakob darf zählen. Konrad, wo
soll der Daumen nicht sein?
Lothar spielt uns jetzt was auf der Flöte!
Die Heimat hat sich schön gemacht.
Martin, Norbert, was munkelt ihr da im Dunkeln?
Schämt euch was!
Na, wir sprechen uns noch im Büro. Aber einzeln!
Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.
Wiederhole das, Olaf! Der Apfel fällt …
Paul will uns vorsingen. Pst!
Blaue Wimpel im Sommerwind …
Eins, zwei, drei, und jetzt alle!
Nach dem Klo und vor dem Essen …
Ralf ergänze! Weiß es Steffen, weiß es Tom?
Nein, Uwe, heut sind wir keine Indianer!
Flaschen, Lumpen, Altpapier
sammeln wir, Volker, wofür?
Werner, spuck sofort den Kaugummi aus!
Hand vorn Mund, Zacharias!
Was war der 8. Mai 1945? War´s der Tag des Zusammenbruchs? War´s der Tag der Befreiung? Eines war der Tag mit Sicherheit nicht – die Stunde Null. Es war auch nicht die Stunde des demokratischen Neuaufbaus. Die Kriegshandlungen waren beendet. Es begann der Nachkrieg. Und der war für viele schlimmer noch als der Krieg.
„Welche Familie ist ohne Jammer und Not?“ fragte eine Nachkriegs-Tagebuchschreiberin, deren Texte in den von Peter Böthig und Peter Walther herausgegebenen Band „Die Russen sind da“ aufgenommen wurden. Die Herausgeber haben den so genannt Namenlosen Namen und Stimme gegeben. Menschen aus dem brandenburgischen Land, die Teil der deutschen Kriegs- und Nachkriegsschicksale waren. Menschen, die, zumeist, selbst bereits Geschichte sind, deren Geschichten längst Geschichte sind. Die Sammlung beginnt mit Notizen vom 15. Februar und schließt mit einsichtig-ahnungsvollen Worten vom 6. Oktober 1949. Das ist, wie in der Historie eingetragen, der Vorabend der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik. Die Menschen, die sich in „Die Russen sind da“ äußern, sind keine Historiker. Sie sind von den Historikern gefürchtete Zeitzeugen. Jene, die den 8. Mai 1945 nicht als Tag der Befreiung erlebten. Jene, die in die Geschichtsbücher nicht diese Stunde Null eintrugen. Die Zeilen der Zeitzeugen sind unzensierte Äußerungen zu den Zeiten des Zusammenbruchs des deutschen Reiches. Die Tagebuchschreiber sind durch ihre Aufzeichnungen zu Chronisten ohne Botschaften geworden. Wenn das kein Wert ist!
Offensichtlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, sind die Niederschriften unverändert ein Gewinn für die Nachwelt. Und sei´s nur, um distanzierter und differenzierter auf überlieferte Geschichtsdarstellungen zu reagieren. Es sind also nicht die bedeutungsvoll gewordenen historischen Daten, die in dem Band Bedeutung haben. Es sind die Grundstimmungen, die in den Geschichten der Menschen sind, die keine Geschichte machten, sie jedoch erlitten. In der Summe der Äußerungen ist viel Grundsätzliches, das Geschichtsschreiber – aus welchen Gründen auch immer – wenn nicht tilgten, so doch verwischten. Vielleicht ist es nicht erheblich, von den vielen, meist abstrusen Gerüchten zu hören, die in den letzten Kriegsmonaten grassierten.
Erheblicher ist es schon, mit welchen Ressentiments auf die Russen reagiert wurde. Brandenburg, das muß man wissen, wurde Sowjetische Besatzungszone. Von Anfang an war keine Bereitschaft der Bevölkerung da, den Besatzern nicht abwehrend zu begegnen. Kurzum: Die Basis für die später installierte DDR war denkbar miserabel. Der Keim war bereits faul. Vielleicht ist dieses Fazit das Gültigste, das das Lese-Buch „Die Russen sind da“ den Lesern vermittelt. Kein Wunder also, dass die von DDR-Historikern gern propagierte demokratische Erneuerung ein schöner Schein war. Die Vorbehalte der Leute waren enorm. Selbstzweifel, Selbsteinsichten sind höchst selten. Kaum einer der sich Nazi nennt, obwohl reichlich nazistisches Denken in reichlich Aufzeichnungen ist. Traurig-tröstlich, das das nicht aus den publizierten Aufzeichnungen getilgt wurde. Dadurch haben die Aufzeichnungen, im artikulierten Optimismus wie Pessimismus, eine Aufrichtigkeit, die den Nachgeborenen beispielhaft erscheinen muß. Es wäre geradezu überheblich, in Stunden es extremen Elends, selbstkritische Einsicht zu erwarten. Die Zeitaussagen der Zeitzeugen konzentrieren den Blick auf die Zeit, aus der sie kommen und blicken kaum voraus in die folgende Zeit. Tage, nach der Ankunft der Russen, schreibt eine Lehrerin: „Wir sind sehr bedrückt, denn das bedeutet doch, daß wir sie nicht loswerden, daß der Traum von einem unbesetzten Stück Deutschlands eitel war.“ Wie wahr! Am Wahrheitsgehalt jeder Äußerung in „Die Russen sind da“ kanns keinen Zweifel geben. Ob man die Wahrheit mag oder nicht! Und auch das sei abschließend gesagt: Der Band „Die Russen sind da“ hat das Signal von Walter Kempowskis „Echolot“ aufgenommen und ist selbst ein Echolot.
Die Russen sind da. Kriegsalltag und Neubeginn 1945 in Tagebüchern aus Brandenburg. Hg. Peter Böthig, Peter Walther. Lukas Verlag: Berlin 2011. 512 Seiten. klappenbroschur
Die Abendsonne steht über den Dächern
glänzend halb & halb verblichen
aus gelber / zierlich gewölbter Keramik
Modernisierung ruft die Eunuchen
& Konkubinen nicht zurück / armer Kaiser!
Verliebte sitzen versteckt im Park
& bemerken nichts außer sich
Ein alter Mann in blauem Kittel
fegt aufstörend / doch unbeirrbar
heruntergefallene Blätter fort
als lägen wie Steine sie im Weg
Wer Abbas Khider´s Debütroman „Der falsche Inder“ verpaßte, sollte nun nicht auch „Die Orangen des Präsidenten“ versäumen. Gute Titel haben die Eigenschaft, Synonyme zu sein. Das trifft auf „Die Orangen des Präsidenten“ zu. Er steht für Hoffnung, die den Hoffenden in die Hoffnungslosigkeit zurückstößt. Genau das ist die Erfahrung des jungen Irakers Mahdi. Gerade Abiturient, wird er in einem der sadistischen Gefängnisse des allmächtigen Herrschers Saddam Hussein eingekerkert. Freundliches läßt sich über die Zeit nicht sagen, die eine Zeit der bittersten menschlichen Verachtung ist, die Mahdi widerfährt.
Khider´s Buch ist der Bericht aus der Welt des täglichen-alltäglichen Terrorismus irakischer Prägung, der Teil des Terrors war, wie er täglich in aller Welt praktiziert wird. Dennoch ist das Vergleichbare, wie das Buch zeigt, unvergleichbar. Die Gewalt, die das eine, einzigartige Individuum trifft, trifft auch jeden einzelnen Leser. Niemand kann umhin, sich auf die Seite des Opfers Mahdi zu schlagen. Nicht eines beliebigen Mitleids, sondern der wachsenden Wut wegen, die zum inneren Widerstand gegen jegliche Gewalt wird. Mahdi ist ein Opfer, das nicht aufgibt, schon gar nicht sich. Das ist so leicht hingesagt, was in keiner Sekunde des schmerzlichen Schicksals des jungen Mannes selbstverständlich ist. Woher kommt die Kraft des Entkräfteten?
Abbas Khider berichtet nicht nur vom Elend des Eingesperrten. Er erzählt auch von dem jugendlichen Taubenfreund Mahdi und seinen Taubenzüchter-Freunden. Erzählt einfühlsam, humorvoll die Kindheit und Familiengeschichte. Stoff genug aus einer glücklichen Welt, die nicht selten genug auch ihre Traurigkeiten hat. Und sicher auch gut geeignet für den ebenso synonymhaften Titel „Taubenzüchter“. Doch Khider hat mehr im Sinn. Im übertragenen Sinne ist sein Buch eine Geschichte von der Gleichzeitigkeit des Glücks und der Gewalt. In jedem Glück ist auch Gewalt. In jeder Gewalt ist auch Glück. Das ist so wahr wie das Leben und schwer zu ertragen, wie Leben oft nur schwer zu ertragen ist. Das ist die Geschichte des Romans, sofern er denn ein Roman ist, der keine Romangeschichte hat. Berichtend, erzählend ist „Die Orangen des Präsidenten“ eine Sammlung schnellwechselnder Szenen, die mit dem Schicksal Mhadis verbunden sind.
Ein Blick auf die Biographie des 1973 in Bagdad geborenen Autors läßt keinen Zweifel, dass es eine Identität zwischen Erlebtem und Erzähltem gibt. Zopfartig verflochten, wechseln die Geschichten der Gewalt mit denen des Glücks. Das so arrangiert zu haben ist die eigentliche gestalterische Leistung des Autors. Die Gemeinsamkeit des Gegensätzlichen wird auch offenbar im Stilistischen. Einerseits der eher Berichtende, ist Abbas Khider eindeutiger der Erzähler, wenn er die Familiengeschichten schildert. Ein ausgesprochen poetischer Schriftsteller ist Khider nicht. Seine bildhaften Vergleiche, sprich seine Metaphern, haben meist etwas leicht Verständliches, doch zu wenig von Originalität und zuviel Ungenauigkeit. Was und wie er schreibt, schreibt er mit einem ausgeprägten Sinn für Ironie, die nicht kalt-lakonisch ist, sondern gefühlvoll-heiter. Das ist nicht unwesentlich. Es ist Abbas Khiders Haltung, die die Leser von „Die Orangen des Präsidenten“ dazu bringt, Haltung zu bewahren und zu beweisen. Denn Leid ist überall genug in der Welt, ohne dass die Welt überall genug beunruhigt wäre.
Abbas Khider: Die Orangen des Präsidenten. Edition Nautilus: Hamburg 2011. 156 Seiten, Geb.