Wolkenschatten : alle paar
Hundert Kilometer : ein Salzsee
Fläche
Wolkenschatten : alle paar
Hundert Kilometer : ein Salzsee
Fläche
Wenn der Atem stockt aber das Denken weitergeht
Wenn die Träume erwachen und wissen nichts
Weil nichts stimmt was Stimme hat
Wenn die Augen ins Rot starren und sehen die Farbe
Wenn die Ohren das Schwarz zu hören beginnen
Weil es innen im Blau wohnt
Wenn es innen sich dehnt wie im Fernrohr
Wenn es eine große Erinnerung wird
Weil einst die Welt, erschaffen
Tritt näher,
lass mich mein Haus mit dir teilen.
Und sind auch Zweifel und Angst deine Begleiter,
du darfst sie mit hereinbringen,
– sie sind hier nicht fremd.
Ich muss mich entschuldigen,
es ist alles etwas
durchgesessen, die Ideale,
die Zeit, die süßen Versprechen.
Ich kann dir nicht mehr bieten
als den Schrecken und die Lust
dieser offenen Zimmer.
Wenn du magst, tanzen wir hier
Pirouetten um unser Leben,
ein sinnliches Verhängnis
wie Motte und Licht.
Doch zum Abschied
schenke meinen Spiegeln dein Lächeln
und ehe du gehst,
erleichtere mich
um ein paar Einsamkeiten.
Hinterm Weiß
Das pulsierende Spektrum –
Kanäle voller Mondwasser
Tunnel im Trichter des Tages
Darin das letzte Licht
Kurz aufschäumt
Und dann verstummt –
Die letzten gewisperten Worte
Verglühen am Horizont
Bevor die Ferne ganz
Besitz von ihm ergreift
Hinterm Weiß
In der dunklen Mischung des Abends
Ich finde, das Wetter ist bezaubernd,
Und erbitte den reizenden Federfinger
Elegant die Betonung zu wechseln,
Damit so es sei : das Wetter in B. – Sau[Bernd!
xxx Tod auf Rädern 3o9 kommt in die Jahre, dort
yyy hinten weiß auf dem Weg erhob sich und steht
zzz ein Seher[Sau,Recke/mit Augenklappe!! zyx
Der Abend? Ein Baum? Eine meiner Launen?
Ach, gestattet diesen Text mir mit Augenklappern!
xyz Eher Sau,Recke 3o9 als Tod im Körbchen zyx
An Ihn trete ich heran elegant / gemessenen Schrittes.
Und, mich verbeugend, ruf ich : falls Sie nicht die
xxxxxxxxxxxxxxxx Bedeutung von / der Liebe Sauberey
yyyyyyyyyyyyyyyy negieren / ablehnen,
So ruf ich Sie zum Abendfeuer / zur Abendfeier.
Da werden Frauen- und Männer (träume) sein,
Und zwischen Fingern im Glas (werden / Schäume) sein.
Mit den Fingern ein Wölkchen erhaschend,
Empfängt der Wind den Schlag von Ihr & nicht von Ihr.
Und die mit/von / in den Augen geborgten / entzündeten Glühwürmchen/Leuchtkäfer / Fackeln
Sagen mir, dass B.s/ziehungen in die jenseitige Welt (nicht lange fackeln)
Zur gleichen Zeit, als sich in einem Haus mit Garten südlich der Hauptstadt die Runde versammelt, der es bestimmt sein sollte, in Raum und Zeit zum Tisch zu werden, der weitere Wunder ankündigen würde (Esel mit Wasserzeichen zwischen den Augen? Knüppel in Knüppelsäcken?) – es muss aber zu der Zeit gewesen sein, da die Sonne sich mit ihrem Gelb bereits als Ahnung in den entferntesten Zweigen der grünen Bäume eingenistet hatte – liegt Johnny träge unterm Himmel, dessen strahlendes Licht in den Schneeresten neben seinem Rucksack ein schmutziges Gleißen hinterlässt. Keine Ahnung, keine Frage. In der Ferne rotierten die Galaxien in ihren Haufen und hinterließen in den Kopfhörern der Observatorien ein leises Rauschen. Hinterlassenschaft, Schlummern. In den Schlummer hinein mischt sich ein Gesicht – schwer zu bestimmen, woher. Johnny schlummert ein Weilchen. Hitze und Wind, die Haut dampft wie ein Haufen frischer Erde. Nach der Rast setzen sich Johnny und Mickey schweigend in Bewegung. Es ist schon spät. Bis zum Zeltplatz sind es noch einige Kilometer. Am Haus fährt ein Auto vorbei. Der Garten taucht allmählich in abendliches Licht. Sie beschließen, den Text noch einmal zu überarbeiten und in der nächsten Woche endgültig darüber abzustimmen. Es ging um viel. Konsens minus Null. Es ging um alles.
Liebe Gemeinde. Oder wie sagt man unter Dichtern und Denkern : Liebe Köpfe. Oder sollte ich besser sagen : Liebe Schreiberlinge. Und Linginnen. Linglong, Hauptsache lieb. Jedenfalls geht hier etwas Liebenswertes den Bach hinunter, was doch den Berg erklimmen sollte. Russisches Geschwätz und englisches Palaver füllen die Spalten der Kommentare. Wofür wirbt hier er, oder darbt da wer ? Tribut ans Medium ? Überblickt das noch jemand ? Und die Beiträge ? Bedeutungsschwangerer Kurzsinn. Wenns doch ein Leichtsinn wäre. Auch Trübsinn wär Gewinn. Wahnsinn war schon. Scharfsinn scheitert. Sinnlos, sinnfrei, sinnlich, hoppla, das war wohl ein Irrtum. Vielleicht greifen wir ja nächstens zur Sinnkarte, blue velvet, um unsere völlig zeitlosen und geschmacksneutralen Botschaften zu übermitteln. Sinnkrise. Sinn-Leffers war ja auch schon mal pleite und hat es überlebt. Aber das ist ein Textilfilialist und kein Sprachverwalter. Also was. Konkurs anmelden ?
graue : gelbliche : braeunliche flaeche
gewoelbt : abgestumpft : endlos & heisz
an den raendern von staubhaufen gesaeumt
in der mitte von einer glatten : schnellen
strasze durchschnitten
Die Nacht in Erdöl versunken:
Auf dem Meeresgrund
Die Sonne in
Tiefer Meditation; so
Tot kein Herz kein Ohr
Dessen Trommelfell –
Hitzige Paarung
Dreier Augen & After –
Nicht schon auf dem
Asphalt, Asphalt
Der Milchstraße gekocht hätte
Eines Nachts öffnete sich der Himmel
Über der Stadt die Engel
Hatten einen Schrotthaufen
Von der Größe eines Kinder-
Zimmers nach außerhalb
Der bewohnten Zonen
Geschossen; meine Glieder
Begannen zu jucken – Griff
Des Auges nach den Sternen:
Farbe und Bewegung verschmolzen
Zu einem Film ohnegleichen (ich sehe
Die Schneehasen hoppeln durch eine
Schwerelos-Endlosschleife puls-
Ierender Kindheit, Ierender Kindheit
Von auf der Tonspur lichtlosen Denkens
Heraus geschnittenen Parabeln) nichts
Andres ergibt mehr ein Gleichgewicht
– – – – – – Seitdem arbeite ich
An den Stellen meines Lebens wo
Es über die Oberfläche hinaus
Schwappt Fisch wo die Dinge zwischen
Fall und Befreiung schweben wo
wir die Sonnensegel hissten
(Frei : featuring : Kubrick : SPACE TOURISTS. 2009)
Ein gutes Buch ist so selten wie ein guter Banker, ein guter Lehrer, ein guter Arzt, ein guter Journalist. Eines der besseren Bücher der guten Bücher ist „Ruf mich bei deinem Namen“ des Amerikaners André Aciman, der in Alexandria geboren wurde. Der Roman beginnt: „´Später!´. Das Wort, die Stimme, die Attitüde. Ich hatte noch nie erlebt, dass sich jemand mit einem ´Später´ verabschiedete -…“. Auch ein Trivialroman könnte so beginnen und hätte dann einen ausgezeichneten Anfang. Acimans Roman ist alles andere als trivial, obwohl seine Story, oberflächlich betrachtet, nicht fern des Trivialen ist. Simpel gesagt: Was die Leser zu lesen bekommen ist eine Sommer-Sonne-Strand-Geschichte, die am häuslichen Pool, an italienischen Gestaden, in geräumiger Professorenvilla, im provinzialischen Städtchen unter südlichen Himmel stattfindet. In dieser Umgebung und Atmosphäre treffen zwei „Knaben“ aufeinander: der 17-jährige Professorenbengel Oliver und der aus den USA angereiste Student David. Trotz ihrer Jugendlichkeit sind die Beiden geprägte Persönlichkeiten, die ihrer natürlichen Unmittelbarkeit hinderlich ist. Diese Behinderung, auch im Begehren, weiß der Erzähler geschickt in feinsinnigen Szenen zu variieren. So ist für die dauernde Spannung des Romans gesorgt. Das Erwarten, das Unerfülltsein, das Wiedererwarten, das Wiederunerfülltsein garantieren das Auf und Ab, das die Neugier der Leser immer neu anstachelt, obwohl der Roman in den Handlungen eher handlungsarm ist. Die eigentliche Bewegung findet in den Gedanken der gleichermaßen musisch begabten und orientierten Hauptpersonen statt. Immer dominiert das Geistige, obwohl das körperliche Begehren, also die schwer zu bekennenden, dann doch mit ungeteilter Lust zu lebenden Gefühle, maßgeblich die Begegnung von David und Oliver bestimmen. Sie sind Empfindsame, überaus Empfindsame, die unentschieden sind in ihrer Entschiedenheit. Ihre Gefühle pendeln: Von Frau zu Mann, von Mann zu Frau. David und Oliver erleben sich in ihrem Unvermögen, angesichts aller möglichen Möglichkeiten. Sie erfahren miteinander, in ihrer Unvollkommenheit, Momente des Vollkommenseins. Sie sind Menschen voller Spaß an der gebildeten, bildenden Sprache, Menschen, die sich aussprechen wollen und immer wieder einander sprachlos machen.
Kurzum, sie sind nicht einfache schlichte Menschen. Sie sind zu schön, zu klug, zu selbstgewiß. Zumindest werden sie so vom Autor aus gutem Grunde geschildert. Er will Distanz zu den Figuren, will dass sich niemand verliebt in die Schönheit, die Klugheit, die Selbstgewißheit. Das wäre die Sache des Trivialromans. Das wäre die Sache eines schwülstigen Schwulenromans. Das wäre die Sache eines beliebigen Unterhaltungsromans.
„Ruf mich bei deinem Namen“ ist ein unterhaltender Roman eines starken, sprachkundigen Schriftstellers. Der Roman hat die Qualität, die einst eine Erzählung wie Stefan Zweigs „Verwirrung der Gefühle“ oder James Baldwins Roman „Giovannis Zimmer“ hatten. Das Sprachbewußtsein von André Aciman bestimmt die literarische Konstruktion seines Romans. Szenen und Dialoge sind derart konzentriert und komprimiert, dass sie ohne weiteres in ein anderes Medium zu übertragen sind. Der Leser des Buches sieht einen Film. In dem ist mehr zu sehen als nur eine Sommergeschichte. Die Leser nehmen teil an Lebens-, Menschengeschichten, die, in ihrer Besonderheit, so besonders dann doch nicht sind. Das ist das Gute, das André Aciman so gut geschildert hat, dass sein Roman mit Genuß gelesen werden kann. Mit Genuß? Kann man das heute noch sagen? Ja, warum denn nicht? Weil einem so viele Bücher gar keinen Genuß mehr bieten?!
André Aciman: Ruf mich bei deinem Namen. Aus dem Amerikanischen Renate Orth-Guttmann. Deutscher Taschenbuch Verlag: München 2010. dtv 13894. 286 Seiten
Hat sich wohl allmählich so entwickelt! Das, was „erotischer“ Roman genannt wird, ist eine Domäne der Damen geworden. Eine Wahrnehmung, die nicht erst aufkommt, wenn einem die Anthologie „Heiße Begierde“ zwischen die Finger gerät. Elf Frauen und drei Männer wurden von einer Herausgeberin namens Marie van Helden eingeladen, etwas zum Mehr-Personen-Sex zum besten zu geben. Schlicht gesagt, die Schreiber unterhalten mehr oder weniger flott mit Storys von mehr oder weniger flotten Dreiern. Wer will, kann auch Orgie dazu sagen. Wer Orgie sagt und erwartet, kann auch von Geschichten sprechen, die den Vorzug haben, voller orgiastischer Vollendung zu sein. Wenn das keine traumhaften Phantasien sind! Phantastische Phantasien sind´s, die in der Mehrzahl auch als pure Pornographie abgetan werden können, sofern zwischen Erotik und Porno zu unterscheiden ist.
Leichter und bestimmter ist festzustellen und festzulegen, wie eine Geschichte geschrieben wurde. Die meisten wurden von Leuten verfaßt, die mit Maske Courage zeigen das heißt, sich hinterm Keuschheitstuch des Pseudonyms verbergen. Desto maskenhafter, desto konstruierter, schlüpfriger, schematischer, also schlechter die Geschichte. „Locker machen“ wird den Begierig-Begehrenden eins ums andere Mal zugerufen! Das Lockermachen hätte die Sache der Geschichtenschreiber sein sollen. Dann wäre sicher mehr Spaß in den körperlichen Umschlingungen und Verschlingungen gewesen, weil Sex, wie bekannt, zuerst im Kopf anfängt. In den Storys stürzen sich Gehirnlose gern zu schnell aufs und ins Geschlechtliche. Das ist dann der Höhepunkt – der Phantasielosigkeit der erotischen Phantasie.
Eine erotische Geschichte muß keine Trivialgeschichte äußerer Effekte und so der Effekthascherei sein. Sinnlichkeit und Sinnigkeit des Sex ist in den Texten so arrivierter Autorinnen wie Anne West und Nina George. Ihre Beiträge machen die Anthologie zu einem Musterbuch heißbegehrter Erotika. Jener Erotik, die Geist, Witz, Charme hat, weil sie geistreich, witzig, ernsthaft-ironisch geschrieben ist. So wird die Lust am Lesen lustvoller Geschichten geweckt und gesteigert. So wird die Last des Lesens lustloser Lustgeschichten eliminiert. „Heiße Begierde“ muß man nicht begehren. „Heiße Begierde“ gelesen, ist gut zu unterscheiden, was im Begehren weniger begehrenswert ist.
Heiße Begierde. Erotische Phantasien. Hg. Marie van Helden. KnaurTaschenbuch Verlag: München 2010. Bd. 50532, 294 Seiten, 7,95 Euro
sei unser
Höchstes
Gut
sagen die Einen
Mangel haftet: am
Umgang: leere Verpackungen
fegen über den Asphalt
Spuren
vergangener Feste
gefeiert
Demokratisches
bleibt liegen
zwischen Fels & Laubwäldern schlängelst du dich
hindurch : von den großen Völkern mißachtet
überrannt von Kelten & Langobarden
die Tschechen haben den Fluß : der ihnen heilig ist
zum Strom gestaut : böhmisches Meer
nun füllt es die Täler : untergegangen
sind die Schaufelraddampfer : kein Nebel
kann aufsteigen : alles ist Moldau
an den Ufer angeln die Männer still
kleine Fische : sie brauchen nicht viel
um glücklich zu sein : das macht ihre Größe
aus : im Vergleich zu großen Männern
die ihr Selbstbewußtsein in Jachten & Villen : im Equipement
zeigen : die Frauen ruhen still
im Schatten unter raschelnden : hohen Birken
genug : um einen kühlen Kopf zu bewahren
zwei Kajaks aneinander gebunden : fertig ist das Schiff
Opa & Maminka : Kind & Kegel
drauf verfrachtet : schon treten sie an
die jährliche Pilgerreise : die Moldau hinab & hinauf
an den Ufern ankern die Hütten
der tschechischen Weisen : unterm Drbákov
einem grüngefleckten Schaf : das sich sanft
zum Schlaf streckt : die Vorderläufe eingeknickt
lagern pensionierte Drachentöter : strecken die Füße aus
auf ihren gelandeten Booten : auf vier Beinen
hochgebockt : schweben sie in der Luft
die Kämpen von einst haben die Schlacht
gegen die Baugenehmigungsbehörde gewonnen
die Moldau strömt gleichgültig unter den Booten hinweg
Das Buch der Bücher des Leipziger Schriftstellers Thomas Böhme heißt „Schnakenhascher“. Der bislang umfänglichste Roman des Autors ist eines der drei Bücher („Heikles Handwerk“, „Martha“), die in diesen Monaten erschienen.
„Schnakenhascher“ ist die Zusammenfassung und in der Zusammenfassung die ausführlichste Erweiterung vieler erzählerischer Arbeiten, die der Verfasser seit zwei Jahrzehnten schreibt und den die Literaturkritik, wenn sie ihn denn beachtet, hartnäckig als Lyriker vorstellte. Böhme ist ein Erzähler, dem die allgemeine Unaufmerksamkeit die Aufmerksamkeit der Allgemeinheit bisher versagte. Armer Autor! Noch ist Zeit genug nachzuholen, was nachzuholen ist, wie das jüngst für Walter Kappacher und Peter Wawerzinek der Fall war. Der Roman „Schnakenhascher“ ist beste literarische Lektüre und nicht nur etwas für versierte Leser. Den Titel kann man provokant nennen, ihn als peinlich empfinden oder, ganz im Gegensatz dazu, als poetisch. Und das ist nicht nur der Titel!
Mit „Schnakenhascher“ haben die Leser eines der poetischsten Prosabücher der deutschen Sprache der letzten Jahre in der Hand. „Schnakenhascher“ ist das Buch eines Traumes, den sich der Erzähler erträumte, für den „Der Traum als Gesamtkunstwerk“ das selbstverständlich Erstrebenswerte ist. Der Roman ist das Gesamtkunstwerk einer verträumten und somit traumhaften Kindheit. Und nun sage einer: Kindheit hat nichts mit Träumen, mit Traumhaften zu tun. Die von Thomas Böhme erzählte Traum-Kindheit ist keine wahre Kindheitsgeschichte. Böhme ist der spielerische Sinn nicht abhanden gekommen, der schlichte Kindertage zu den schönsten Kindertagen machen kann. Der Roman ist das phantasievollste Spiel mit der Phantasie, die der phantasierende Erzähler leisten konnte. Ganz und gar zum Vorteil der Leser, die in der Wirklichkeit Zeiten und Orte bestimmen können, die dem Roman den Stoff lieferten. Wer es braucht, kann ohne Schwierigkeiten ausmachen, dass er in eine bekannte, mitteldeutsche Stadt (Lulu) mitgenommen wird, die seit Jahrhunderten für ihre Messen bekannt genug ist. Wer es braucht, weiß sich sofort in den sechziger Jahren. In den Zeiten, da John F.-Kennedy ermordet wurde und die Kontrolleure des Warschauer Paktes die Hoffnung, die Sozialismus genannt wurde, endgültig in Prag erwürgten. Und wer´s nicht lassen kann, spricht von einer Kindheit in der DDR, die – außer im Nachwort des Verfassers – nicht mal mit den drei Buchstaben erwähnt wird. Alles, was es zu erzählen gibt, konzentriert sich auf die Brüder Alexander und Raul Liebezeit in Unschlittstraße 23. Versachlicht gesagt auf die Kindheit Alexanders, der mit Inbrunst in sich die Idee vom idealen Bruder Raul hegt und pflegt, dass sich sowas von Bruder jeder wünscht. Dass der liebenswerte und geliebte Bruder spurlos verschwindet als Alexander und auch Raul die Grenze überschreiten, die aus dem Kindesalter führt, wird wohl niemand wundern. So muß das sein, als sich Akis Wunderland in der Erwachsenenwelt verliert! Wer will von der noch etwas wissen? Der Erzähler, der alles im Blick hat und zu ordnen versucht, ist nie gänzlich abwesend und sendet immer wieder schwache Signale aus seiner belasteten Schriftsteller-Existenz. Ob nötig oder unnötig fragt man kaum. Als ironische Eitelkeiten des Erzählers können gelten, was gar keine Eitelkeiten sind, wohl aber mit der Geschichte Alexanders – einer „Kindheit im Bernstein“ – zu tun haben. Dieses Bild vom Bernstein im Sinn, erübrigt es sich, nach dem Sinn des Realen in der erzählten Kindheitsgeschichte zu fragen oder gar zu forschen. Das Buch ist eine Realität, eine literarische Realität, die ihre unverwechselbare Qualität hat.
Kinderland ist ein Lieblingsland vieler Literaten, also nicht nur ein Tummelplatz von Thomas Böhme. Sein Kinderland ist ein Platz, den er sich erdichtet hat, um sich in ihm wohlzufühlen. Um „Dinge“ fühlend zu erleben „an die sich niemand sonst mehr erinnern will“. Um dieses Erinnerns willen hat der Erzähler angestrengt und unangestrengt seine Fabulierlust und –kunst mobilisiert. Durch das Fabulieren bestimmt Böhme die Bedeutung seines Buches nicht durch das Traditionsthema Kindheit. Der Fabulierer gibt seinen Figuren Namen von Thomas Mann´scher Art. Wo sonst finden sich Namen wie Pagenstecher oder Liebeszeit, der des Bruderpaares, deren Zeit eine Zeit des Liebens ist? Eine Zeit, in der alles erotisch ist. Ohne Erotik ist keine Liebe eine gute Liebe. Der gesamte Roman, in all seinen episodischen Erzählungen, ist ein erotischer, erotisierender Roman. Erotik ist für Thomas Böhme nicht nur in der Liebe da. Das Sehnen ist voller Erotik, wie der Schmerz, wie das Sterben. Sich derart der Erotik verbunden zu fühlen, bedeutet für den Fabulierer zu den besten Bemerkungen, Beobachtungen, Betrachtungen nicht nur bereit zu sein, sondern in der Lage, in den Bemerkungen, Beobachtungen, Betrachtungen das Beste an Erzählerischem möglich zu machen. So wird der Erzähler fortwährend zu einem Anreger für die Leser. Ihnen wird der Roman nicht zu einem beliebigen Objekt, das sie veranlaßt, ständig zu vergleichen, was wie in der eigenen Kindheit war wie in dem Roman, sofern man seine Kindheit in den Sechzigern des Vorjahrhunderts hatte. Der Roman entgrenzt die eigene Kindheit. Erlöst er sie aus dem Bernstein, in der sie für den Verfasser eingeschlossen ist? Mit dem Roman in der Hand werden so manche Leser zum anderen Autor, neben dem Autor, die auf ihre Weise ihre Kindheit erschließen. Die Kindheit ist eine der ergiebigsten Zeiten des Entdeckens und die Zeit des Entdeckens der Kindheit eine der ergiebigsten des Lebens. Wie profan, dass alles seine Zeit hat! Wie poetisch alles Zeit sein kann, das ist erlesbar und so erlebar in Thomas Böhmes Roman „Der Schnakenhascher“.
Thomas Böhme: Der Schnakenhascher. Edition Cornelius. Projekte Verlag Cornelius: Halle 2010. 273 Seiten, Geb., 17,50 Euro
der hinkefuß
der lahme vers
der faule zahn
botschaft der erde
grüß mir das A
und grüß mir das O
Was hat sich Franz Kafka dabei gedacht? Hat er sich was gedacht, als er hämisch-abweisend von der „Kuh vom Kurfürstendamm“ sprach? Die Zurückgewiesene war die Dichterin Else Lasker-Schüler. Nicht nur Kafka wich der Frau gern aus.
Was hat sich Kerstin Decker dabei gedacht, die abfällige Bemerkung Kafkas in ihrem Buch „Mein Herz – Niemanden“ zu zitieren? Die Autorin offeriert das Buch nicht als Biographie. Es ist eine Biographie. Keine simple chronologische Darstellung eines Lebens. Sich über „Das Leben der Else Lasker-Schüler“ zu äußern, bedeutete der Autorin, darauf zu achten, was maßgeblich die Biographie bestimmte, um alle Achtsamkeit auf die bestimmenden Aspekte zu lenken. In der Beschäftigung mit der Anderen, hat sich die Autorin ihre Autonomie als Schreiberin bewahrt. Das Buch über und zu Else Lasker-Schüler ist die Biographie einer ausgewiesenen Biographin. Eigenes in der Entdeckung des Fremden nicht zu unterdrücken heißt, sich der Absicht und des Auftrags der biographischen Darstellung bewußt zu sein. Kerstin Decker schreibt: „Es ist die Pflicht der Biographen, Rätsel zu lösen“. Welches Leben ist ohne Rätsel? Das der Lasker-Schüler ist eines der Rätselhaftesten in der deutschen Literatur. Die Verfasserin hütet sich, Lösungen für ausgemachte Rätsel anzubieten. Alle Geheimnisse der Lebensgeschichte der Dichterin und ihre Dichtungen aufzulösen hieße, sie auf die Realität zu reduzieren, der sie sich entzogen hatte. In der Annäherung an die Dichterin bleibt Decker in der nötigen wie respektablem Distanz. Sie biedert sich der Dichterin nicht an. Sie artikuliert Zweifel, wenn immer Zweifel in ihr sind, ohne die unverhohlene Zuneigung in Zweifel zu ziehen.
Die in Wuppertal als Else Schüler Geborene war ein Wesen, das Manchem als ein Wesen aus einer anderen Welt erschien. Die Einen sahen sie als wandelnden Schmuckkasten, Andere als eine überkandidelte Orientalin. Sie wurde verdächtigt, eine stille Opiumnascherin zu sein. Nicht auf Äußerliches aus, kann Kerstin Decker über die auffällige Äußerlichkeit der Frau nicht hinwegsehen. „Sie ist eine, auf die man mit dem Finger zeigt“, stellt die Biographin fest. Das praktische Leben überforderte Else Lasker-Schüler. Sie war eine Forderin, die fortwährend überforderte. Im Leben wie in der Literatur. Als ließen sich Leben und Literatur trennen! Vor allem, wenn von Lasker-Schüler gesprochen wird, die nie langweilig leben konnte. Nun vom Leiden und den Leidenschaften im Sein und Schreiben reden? Das wäre zu einfach. Decker macht sich nichts einfach und nichts Einfaches. Wissen will sie, warum die Dichterin wie war. Sagen will sie, was ihr zum Warum und Wie zu sagen möglich ist. Sagen also, was nicht, was so noch nicht gesagt wurde!
Kerstin Decker nimmt wahr, welches die seelischen Wahrheiten der Dichterin waren, die die Wahrheiten ihrer Dichtung wurden. Wieder und Wieder wird Lyrisches zitiert, um Beziehung und Bindung des Literarischen zum Leben nicht nur anzudeuten. Das Authentisch-Lyrische gilt. Die Autorin muß nicht analysieren. „Diese Frau ist heimatfühlig“, ist lakonisch notiert. Die Bedeutung dieser Bemerkung begreifbar zu machen, ist eine Aufgabe von „Mein Herz – Niemanden“. Ihre Einsichten formuliert die Verfasserin formelhaft knapp, sobald sie die passenden biographischen Ereignisse aufruft oder aufgerufen hat.
„Heimatfühlig“ zu sein bedeutet, Wuppertal und dem Bergischen Land willig wie unwillig verbunden zu bleiben. In Berlin Charlottenburg, wo Lasker-Schüler ihr vitales Vagabundenleben Jahrzehnte lebte. In Jerusalem, wo die jüdische Emigrantin 1945 starb. Wo sich Lasker-Schüler, in des Wortes Sinne, durchs Leben schlug, sie war die Verletzte, die in ihrer Existenz gefährdete, die nie eine verbindlich Unverbindliche sein konnte. Im Verlangen, Selbst zu sein, war sie eine Spielerin, die keine Grenzen kannte. Alles war ihr das Möglich-Unmögliche oder Unmöglich-Mögliche. Gelebte Individualität verlangte ihren Preis. Else Lasker-Schüler zahlte, zahlte und zahlte. In ihren Lieben und Freundschaften. In ihrer Mutterschaft, die durch den Tod des 27jährigen Sohnes Paul tief verletzt wurde. Wenn, dann gehörte Paul das Herz der Lasker-Schüler. Keiner Konvention verbunden, allem Konventionellen widerstehend und widerstrebend, existierte die Dichterin in ihrem poetischen Planetensystem, in dem sie auf Entdeckungen aus war, um die phantastischsten Entdeckungen zu machen. Um sich lebenslang als ewig 14jähriger Knabe zu fühlen. Um als Tino, Prinz von Bagdad, als Jussuf, Prinz von Theben, durch die Tage zu ziehen. „Der Nur-Mann, die Nur-Frau wären keine Schöpfer. Das Schöpferische ist zweipolig“, ist einer der Schlüsselsätze zu Leben und Werk der Dichterin.
Substanzielle Sätze dieser Art sind Teil der Qualität des Buches, die nicht das Selbstverständliche ist. „Mein Herz – Niemanden“ ist keine bloße Fleißarbeit. Es ist die fleißige Arbeit der Autorin, die sich aufs Verstehen und Verständigen versteht. Das Prinzip der Collage, die geschickt Angeeignetes und Eigenes vereint, von Sigrid Damm seit Jahrzehnten praktiziert, ist auch das verbindliche Prinzip für die Lebensdarstellung der Lasker-Schüler. Beide Schriftstellerinnen, die aus Ost-Deutschland kommen, bringen der deutschsprachigen Literatur das Schreiben von Biographien neu bei. Das ist ein Ereignis, wenn Seele Seele erkennt wie in „Mein Herz – Niemanden“. Es ist ein frohes Aufatmen, wenn man durch das Buch ist. Es muß ein Aufatmen in Kerstin Decker gewesen sein, als der letzte Arbeitszettel ad acta gelegt wurde und der letzte Satz geschrieben. Welch eine Biographie! Welch eine Biographin!
Kerstin Decker: Mein Herz – Niemanden. Das Leben der Else Lasker-Schüler. Propyläen Verlag: Berlin 2009. 473 Seiten, Geb., 22,90 Euro
Zwischen den Sonnenstrahlen
Nichts als
Das ausgelöschte Meer
Wiederholt
Gedreht
Gedehnt
Gefangen
Miniatur wiederholt
Getanzt
Nachts
Schleußig : scheußlich
Sollte es heißen : denn geschleußt
Wird hier niemand mehr : die schieber
Haben sich verkrochen : stehkragenproletariat
Bevölkert die jugendstilhütten & weiß
Nichts davon : weiß vor allem nichts von sich
Von der allgegenwärtigen angst vorm abstieg
In schleußigs hinterhöfen sitzt es sich
So schön im grünen : die kinder
Können sicher spielen zwischen den zäunen : hier
Brüllt niemand in die idylle : weil fern
Irgendwo ein tor fällt : die säufer
Klammern sich still ans tägliche bier
Am stromkasten & vermeiden es
Auf den gehweg zu kotzen : denn der ist heilig
Den heiligen autos vorbehalten : die hier ungestraft
Parken & kleine kinder anfahren : morgens
Auf dem weg zur arbeit : wenn alles schnell
Gehen (sprich fahren) muß : selbst der punker
Mit seinem steifen iro auf dem kahlen kopf
Beschwert sich & ruft das ordnungsamt
Nach schleußig : wenn einmal im jahr zu lange
in die nacht gefeiert wird mit gedichten : musik & wein
Am see : hinter den städten
Verlassen : die goldammer
Fliegt davon : nebenan
Warten die Highländer
Auf ihren schlächter : verlassen
Schläft der see : nach kohle
Wird anderswo gegraben
Träumte sich die Welt als Ball, der von der Mauer zurückprallt?
Lag sie im Flugzeug, um die Schallmauer zu durchbrechen?
Tauchten wir hinab mit geschlossenen Augen?
Wo der Flieder blüht, hausten Sirenen –
Holundertunnel – gefrorene Milch eines Sommers,
Und es gleiten die Gletscherkühe aus der hohen Krone der Berge.
gefahren sind wir bis ans ende einer welt die uns
bis gestern noch unbekannt schien der mond hell
am himmel und ich sank dir in die arme überrascht
von neugier über dich und mich wie wir gemeinsam
begonnen haben loszugehen jeder auf seine ganz
eigene weise beherzt beglückt beängstigt von der
gegenwart eines anderen den man sucht
und ebenso scheut
losgegangen sind wir um eine welt zu finden die
obwohl neu uns doch vertraut ist und die farbe der
sonne dem licht gleicht das in uns dringt bei der
berührung des anderen tief und warm schien
der mond vom himmel und lachte uns an
Sie hocken hinter hohen hecken : wie friedlich
Diese welt : die kinder spieln verstecken
Hinterm grün : der rasenmäher brummt
Sie fühln sich wohl bis zum verrecken : schaurig
Grüßt im fernsehn ein verbrechen : hier ist es ruhig
Nur die wilden gecken brausen auf motorrädern
Vorbei : so geht der lange tag im sommer
Schnell vorüber & sie lecken ihre eis-
Kugeln : es bleibe rund die welt & voller ecken
sommer is nich, wende war schon, hohe zeit der spiele, ein tor ein tor und noch ein tor, das sind schon ziemlich viele, der nachbar schlägt die latte platt, die platte matt am bunten zaun steht ungeschminkt ein andrer clown und kotzt in die rabatte, so wird der längste tag verkürzt, sechs achtel – drei zu vier, maria kron der korken fliegt und lau ist hier das bier, mittsommernacht, das feuerwerk, vertanzt, ein glimmen nur, aber so ist das nun mal, was dem einen sein leuchtkäfer – is dem andern sein glühweinchen. darauf einen asbach.
Wäre die Welt
Ein ewiges
Gemurmel von Flächen
Und Linien
Farben gäbe es nur
Zerfließend, Regen-
Bogenhaut nahe
Der schweigenden Donnerbrücke
Ins Gedächtnis; immer-
Hin hat der Himmel
Seine Lücken im Dunkel
Seit wochen habe ich das erste mal die nacht
Inmitten des schnarchens meiner frau
& meiner tochter zugebracht : mein schnarchen
Mischte sich mit ihrem : gemeinsam schnieften wir das frühjahr
Herbei : sag einer : es gebe kein glück
Nun, doch
Die Zeit anhalten, den Augenblick verschieben
das wollten wir, so lange wie möglich.
Nun, doch, es ist soweit. Plötzlich.
Und ändert dein Sein, bisher so gediegen.
Der Faden bricht, das Licht erlischt.
Unsagbares, so bedeutend.
Untastbares, so berührend.
Erwecken, in mir, ein neues Ich.
deine lippen
scheinen
meine zu küssen
so nahe stehen
unsere
wahrnehmungen
bei ein ander
der alte boden
trägt
unsere
angst
vor nähe & ferne
wir halten
die bücher
wie unsere leben
umklammert
und vergessen
zu sprechen
In jungen Jahren juckten ihn fallen-
Des Obst, eine Allergie gegen die
Pflicht geduldigen Wartens & immer
Wieder jenes Hecheln über dem
Herzen, worin sich Türen wie Augen
Ins Blinde öffnen, den Brustkorb voller
Universen; später vergötterte er
Den Wind, sich allseitig
Bildendes Wesen & begann
Im Strudel der Sintflut die zwei
Richtungen zu unterscheiden
* * *
Des Obstes Baumwurzel aber
Schwärt neben dem anderen
Schwer sich bäumenden