Ein Hauch von Frühling

Zehn Grad minus, zwanzig unter

Der Sprießtemperatur

Europäischen Grases, während

Bereits Schwaden weißen Nebels (roten

Grünen, gelben? Lichts??

Ausdünstungen von Träumen –

In der Erde gemixt) durch

Die Wiesen unter den Bergen

Ziehn!  Im schwarzen Licht des

Morgens ahnst du bereits

Die Farben der Dinge, und die schweren

Gedanken gekrönter Fische tief auf

Dem Grunde schlammiger Flüsse

Beginnen zu hüpfen, Felsbrocken

In der stetigen Strömung des Herzens

Als Tantalina tanzte

Die Liebe gebahr die Welt, die Freundschaft wird sie wiedergebähren (H. an B.)

da wurde der Blick einer schiefen Ebene gleich quer durch den Raum gespannt und

es begann in wogender Luft ein Wind quer durch den Raum zu gehen einer Transversalen gleich durch die Himmelskugel

schoss ein Pfeil wie ein Blick so schnell aus dem Aug‘ einer schwebenden Puppe durch den Raum zwischen hier und hinter dem Vorhang dort zwischen Pfeilern

sah es aus wie ein Krümelfeuer quer durcheinander hüpfender Flöhe oder Wanzenbruten vom Grunde des Malstroms droben zwischen Flammen so hell wie ein ganz

aus Punkten erstehender lebender Raum

Am Ende des Winters

Für die Fahrt einmal quer durch die Stadt existieren keine Bilder mehr. Ich muss sie vergessen haben. Oder sie sind nie an Ort und Stelle angekommen.

Ich erinnere mich lediglich an Geräusche. Mein Herzschlag. Das dumpfe Poltern, wenn die U-Bahn im Tunnel verschwindet.

Stimmengewirr um mich herum. Irgendwo im Zug scheint ein Obdachloser Zeitungen zu verkaufen. Als er in meiner Nähe ist, reiche ich eine Münze ins Leere.

„Wollen Sie dafür wirklich keine Zeitung haben?“ Er fragt das offenbar mich.

„Seien Sie doch mal so richtig geschäftstüchtig“, höre ich mich sagen.“Stecken Sie das Geld weg und verkaufen Sie die Zeitung noch mal!“

Um mich herum Gekicher. Der Verkäufer lacht auch. Dann Stille. Nur die eigene Stimme im Kopf: Es ist etwas im Gange. Unheimlich klingt das. Ungeheuerlich. Du wolltest etwas geheim halten!

Vor dem Telefon stehen.

Zuhause bewegungslos vor dem Telefon stehen, minutenlang. Mantel und Stiefel sind bereits auf dem Weg ins Arbeitszimmer von mir gefallen. Meine Strümpfe sind nicht mehr schön. Reine Wolle, aber reine Wolle verfilzt. Ich werde die Strümpfe wegwerfen, später. Ersetzen brauche ich sie erst mal nicht. Die Wollstrumpf-Saison ist vorbei. Nächsten Winter… Nächster Winter? Werde ich nächsten Winter noch in der Welt sein?

Astwerk

ich hänge die Liebe
in die Luft
lasse sie baumeln
geästet, gerädert, zerfurcht.

zer furcht sich im
wolkenlosen Himmel
durch den sich
Dunststreifen wie Gitter
ziehen

ich hänge mich
in die Luft
auch mich
in die Luft

ich baumle
Regenschnüre schnallen
mich in die Fassung
in eine Fass
mich an
oder auch
nicht

Lichter Unendlichkeitstraum

Ich falle in das All.

Ein Fallen ohne Fall.

Ich gehe in das Licht.

Werd wieder zu nichts.

Es gibt keine Zeit

in der Unendlichkeit.

Es gibt kein hier.

Es gibt kein dort

und doch bestehn wir fort.

Etwas bleibt bestehn,

wenn wir von uns geh’n.

Im ewigen Sein

gehen wir ein.

Und werden ein Teil vom Raum

im lichten Unendlichkeitstraum.

Wohin des Weges?

Wohin des Weges du eil’ger Mann?

Dessen Blicke ich nicht weichen kann.

Weilend spüre ich sein inneres Klagen.

Ihn anhalten – wie kann ich es wagen?

Knapp ist die Zeit schon ohnehin!

Stehen macht nur wenig Sinn.

Sieh, dass du schnell weiter gehst.

gleich der Himmelsrichtung wehst.

Arbeit hat kein Ende in Sicht.

Heute wie morgen das gleiche Gesicht.

Schuften sie bis zum letzten Tag,

ohne, dass es etwas Anderes gab.

Leben ist mehr als pure Pflicht.

Leben verlangt, dass man einbricht-

Ganz sich hingibgt – „Gott“vertrauen!

Denn nur darauf können wir bauen.

Reaktion auf Unmenschlichkeit

Zuletzt wurde ich gedemütigt, wie ein Hund getreten, als ich in eure Welt eintrat, nur weil ich euch missfiel und ihr mich nicht wahrnehmen wolltet, doch ich kehre noch einmal zurück, um mich zu wehren gegen diese unfaire Behandlung und diesen unerwarteten Einstieg, geradezu ein Einriss in eine pessimistische Denkweise, voller Formvollendung und Perfektion, ohne Gefühl der Nächstenliebe, Achtung, Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit. Kälter als der kälteste Winter, kränker als der krank machenste Arzt und ohne Verständnis. Nur ein Gedicht und der Wettbewerb beginnt.

Wer ist der Beste??? Nicht Du! Kleiner Wurm, das wurde mir hier mitgeteilt, eine Beleidigung für alle sei gerade dieses Gedicht. Es heißt: „Bücherwelt“ Ich beschreibe das Entstehen und interpretiere pflichtgemäß, ohne Raum zum Denken zu lassen. Ich hoffe, es wird mir niemand reinreden in mein Werk.

Wiederholung:

Bücherwelt

Ein Zauberkuss,

der dich berührt. (Hä??? Ah, Magie!)

Ein neues Buch,

dass dich verführt. (Natürlich unerotisch und einlädt, hätte auch gepasst…aber der Reim!)

Tritt ein in die Welt

der Phantasie (ganz frei und ungezwungen, es gibt kein Gesetz der Anpassung an letztere Form und freier Rhythmus!!!)

Komm mit in die Welt der Harmonie (hauptsächlich im musikalischen Sinne als Vergleich gemeint, bloß nicht zu einfach verstehen!)

Ein Gleiswechesel in eine neue Dimension. (genialer Einfall, erinnert an Harry Potter)

Ein neues Blatt gleicht keinem and’ren Ton.

So, jetzt ist es halbwegs verständlich, was die Stümperin meinte, das war Absicht und ich kann auch anders.

Ein anständiger Versuch: (nicht ganz so frei)

Lunas Schatten

Sonnenstrahlen zerfließen in purem Glanze

des stetigen Abschieds.

Lunas Schatten begleitet uns nachts schützend

vor des Pudels Kern.

Fliegend fallen weiche Träume, sie singen

tags erlebte Lieder,

weben neue Klänge, tönen hernieder

in tiefem Geiste.

Leuchtend schwingen Lunas Blumen die Köpfe

neigend sanft im Schlafe,

wie einst  Amors Harfen leise ersehnte

seel’ge Liebespaare.

Diesmal darf man vielleicht doch frei denken und ich weiß selber eben am besten, was ich damit ausdrücken wollte. Ich mag vorgegebene Interpretationen gar nicht, sie lassen keinen Spielraum. Mehr Respekt verdient „Warten auf Godot“ von Samuel Beckett. Er sagte, dass andere das Interpretieren bei diesem Werk ruhig lassen sollten. Es fiel ihm vermutlich einfach so ein und sollte uns eben teils sinnlos erscheinen und doch ist es tiefsinniger als manches moderne Werk. Ich interpretiere nicht, ich nehme nur Stellung und ich würdige dieses Werk. Der Dichter und Erschaffer selber weiß, warum er gerade Jenes und nicht Dieses schreibt.

Der Hund hat den Eindruck, als bräche aber auch hier eine neue Zeit an und als gäbe es noch Hoffnung und Verbesserung bei den Abseitswerken! Also dann doch ein frohes neues Jahr, den guten Menschen von diesem Projekt.

Entschuldigt meinen persönlichen Einwurf. Ich hoffe, ihr lernt aus euren Fehlern. Eine Dirne aus dem Faust bin ich nie gewesen und werd es wohl auch nie sein. Des Pudels Kern bleibt mir eines Tages fern. Das ist zu hoffen.

Carpe diem.

Anmerkung zum Schluss:

Gedichte sind für mich der Schlüssel zu meiner Seele und geheime Botschaften aus dem Jenseits, die mir helfen meinen Weg zu gehen, manche scheinen göttlich, nahezu perfekt, so wie sie sind, wenn ich zufrieden mit ihnen bin und nicht mehr pfeile… „Blätter“ entstand in einer Nacht, als ich ganz ungezwungen „drauflos“ schrieb und ich lies es einfach so bestehen. Es war eine wunderbare Nacht voller Inspiration und das Gedicht wurde sogar auf einer Schulhomepage veröffenticht. Ich war sehr stolz auf meine Leistung!

Die Achtung darf nie verloren gehen und die Würde des Menschen ist unantastbar!

Anne

(persönlicher Kommentar)

Einblick

An manchen Tagen bin ich
nackt für dich und trage schamlos
meine Seele im Gesicht.

Wenn du dann erschrickst
spiegelt sich in deinen Augen
meine Einsamkeit.

Variation auf zwei Bilder eines unbekannten toten Dichters

Durch das zerbrochene Auge
Des Wasserspeiers
Sieht man den Himmel
Wie eine schmutzige Scherbe

Jeder Blick ein
Abgeschossener Pfeil –
Jeder Stern ein
Langsam verglühender Schütze

Und die Strahlen sammeln sich

Im Rauschen
Treffen sich die
Verfeindeten Ströme

Im Brennpunkt

In der endlosen
Ebene suchen sich
Die einsamen Feuer:

Der Atem des Meeres
War angehalten
Im bildleeren Schlaf
Der Muschel

Stillleben Oderbruch

Und der Schelling dampfte

Auf seinem Grill, weit

Außerhalb der bewohnten Zonen

Und die Bäume im Wald

Traten auseinander

Wo das Fleisch zweier Herzen

Flammen schlug, eine

Aussicht auf Blätter

Verdorrender Feige, da

Der Himmel nicht viel

Zum Schäumen braucht

Und die Nadeln verteilten sich

Auf der Haut und die

Schneeigen Reste erglühten im Wind

Wo der Kant mit dem Hegel

Am Förstersgrab / disputierte

Über die Zukunft der Fichten

Fatale Folgen

Martha hat ihr Schicksal getragen. Geduldig, gebeugt und voller Gram. Und das fast dreieinhalb Jahrzehnte. Martha hat einen Suizidversuch überlebt, den sie gemeinsam mit ihren vier Töchtern begehen wollte, als die Rote Armee einmarschierte. Marthas Leiden dauerte lebenslang. Der Krieg, in den sie geraten war, endete erst mit ihrem Tod. Das, so scheints, ist unabänderlich auch das Schicksal der 91jährigen Wilhelmine Hennemann. Ihr begegnen die Leser in dem ungewöhnlichen Roman „Magnolienschlaf“, den Eva Boronsky geschrieben hat. Eine Nachgeborene, die Sinn für sinnfällige Lebenslinien hat.
Ungewöhnlich ist der Roman, weil er keine dieser beliebig-gleichförmigen Geschichten erzählt.
Ungewöhnlich ist das literarische Präludium, mit dem der Roman eingeleitet wird. Da gibt’s Worte aus der „Deutschen Wochenschau“ vom 5. März 1945. Eingestimmt wird in das Schwierig-Schlimme, das im Folgenden aufkommen wird. Es muß geahnt werden, dass nicht friedlich werden wird, was friedlich anfängt: Die Begegnung zweier Frauen unterschiedlicher Generationen, die Großmutter und Enkelin sein könnten. Frauen verschiedener Völker: Deutsche, die Greisin, Russin die Junge. Gebrechlich, die Alte. Pflegerin, die Andere. Das sieht, wie es zunächst aussieht, nach der Geschichte eines Pflegefalls aus. Das wär´ dann das Gewöhnliche.
Was Wilhelmine und Jelisaweta zu tragen und zu ertragen haben macht den schmalen Roman nicht nur außergewöhnlich. Es macht ihn wichtig und wesentlich. Äußerlich gesehen bleibt die Geschichte eindeutig die Geschichte einer Pflege und wird auch nichts anderes werden. Und ist doch etwas gänzlich Anderes. Ist in wichtigen Teilen die Konfrontation der deutsch-russischen Vergangenheit, die offensichtlich nicht ihr Ende hatte, als der zweite Weltkrieg vorüber war. Wann endet ein politischer Krieg im privaten Leben? Wer denkt darüber nach? Heute? Eva Boronsky ganz gewiß.
Die Fortsetzung des Krieges unter anderen Konstellationen, das ist´s, was die Schriftstellerin den Lesern zumutet. Was nicht bedeutet, dass ihr Buch eine Zumutung ist. Gar eine Verlängerung der Grauen des Krieges. Aber die Folgen, die andauernden fatalen Folgen, sind sichtbar, hörbar, spürbar für beide Frauen. Sie selbst sind die Folgen. Sie wissen um die Angst, die Leben zerstört hat. Sie wissen um die Gewalt, die Leben geboren hat. Die greise Wilhelmine wie die jugendliche Jelisaweta. Und sie geraten, durch sich, miteinander mitten hinein in die Ressentiments der Deutschen gegenüber den Russen, der Russen gegenüber den Deutschen.
Es ist, was und wie geschildert wird, auszuhalten. Eva Boronsky ist eine Schriftstellerin, die sowohl deutlich wie distanziert erzählt, was sie erzählt. Die Deutlichkeit ist nicht unbedingt immer im gewählten Vokabular. Sie ist in der Aussage der oft kargen, harten Sätze. Der so sanktionierte Lakonismus nützt der Verdeutlichung im Erzählen, das sich gern auch aufs Andeuten verläßt. Der Leser ist gefordert, der zweite Autor zu sein, der Geschichte nicht nur aus dem Schulunterricht kennt. Wer nicht so gut und so weit ist, der kommt durch „Magnolienschlaf“ auch mit seinen historischen Kenntnissen weiter. Das Gestern ist in der Gegenwart. Ob wir es glauben oder nicht. Man muß es nur vergegenwärtigen, wie es Eva Boronsky in ihrem Roman getan hat. Man muß es nur wahrnehmen. Als Lektüre! Oder als „Kleines Fernsehspiel“. Müßte sich nur noch jemand der Sache annehmen!

Eva Boronsky: Magnolienschlaf. Aufbau Verlag: Berlin 2011

Im Gegenlicht

in mem. G.N.Ajgi

Scheint es, als sei nichts zu sehen; dabei
Ist es nur der Kohlehaufen
Unserer Augen, auf
Dem die tausend Dinge
Ihr Unwesen treiben
Als sei die Sehnsucht nach dem Feuer
Nichts als eine vollkommen
Harmlose Angelegenheit

Manchmal
Ist es dunkel in der Welt; dann
Wird jeder Lichtstreif
Zum Rauchzeichen
Und die Schädelknochen
Des Hühnergotts beginnen
Sich ihrer mineralischen Struktur
Zu erinnern

Zwischen dem, was man sieht, und
Allem anderen
Hängt der Körper des
Planeten im Raum, vom
Sternenwind
Bisweilen als Sturm
Durchwandert, wandert, wand

Monolog im Schnee

I
Alles ist weiß geworden und bleibt es nun auch.

In der U-Bahn sehe ich Menschen und Werbung. Ich bin mir nicht sicher, ob ich Menschen sehe. Ich bin mir sicher, dass ich Werbung sehe, aber ich weiß nicht, wofür. Ich verstehe die Werbung nicht und will sie nicht verstehen. Ich schließe die Augen. Ich versuche, mir Musik vorzustellen.

Ich höre keinen Klang, nur die ineinandergreifenden Geräusche der U-Bahn. Sie verschmelzen zu einem Quietschen in unterschiedlichen Farben: Schienen, Züge, Füße, Türen.

Ich bin kalt. Überall in meinem Körper ist es kalt. Die Wärme, die da sein muss, um mich am Leben zu halten, spüre ich nicht. Dabei fühle ich. Ich habe Fühler, die das Leben ertasten, aber keine Gefühle. Wie fühlt sich das Leben an? Rein, ohne Gefühl?

Vielleicht sind die Gefühle in mir versunken wie die Titanic an den Grund des Eismeers. Die große, stolze Titanic!

Es gibt eine Melodie hinter dem Quietschen von Zügen und Schienen. Aus dieser Melodie pule ich Worte hervor wie aus dem Inneren eines Brötchens. Ich knete den weichen, schon gebackenen Teig und forme kleine Wesen. Die Wesen beginnen zu leben. Ich töte sie; zerbeiße, zerkaue und schlucke sie. Ich töte die Worte. Schreibe sie auf. Töte und erlöse. Immer wieder und wieder, es hört nie auf. Die Worte fliegen fort wie gefiederte Eisprinzessinen; sie fliegen in den Schneehimmel auf Nimmerwiedersehen. Ich weiß nicht, wo sie sind, was sie machen, ob sie irgendwo bleiben. Welchen Schrecken sie verbreiten. Wen oder was sie erlösen.

Draußen wird immer Schnee liegen. Als es noch sehr selten Schnee gab, empfand ich den Schnee als hell, heilig, rein, leise, ruhig, still. In mir gab es eine Art Schneegesang. Es war ein leiser und reiner Gesang, von einem dünnen, lispelnden Stimmchen gesungen. Der Gesang hatte eine kindliche Melodie. Sie versprach Ewigkeit. Sie lag wie ein Morgennebel in mir und wurde nie laut.

Der Schnee war etwas Besonderes. Er kam nicht jedes Jahr. Und wenn er kam, ging er wieder. Er schmolz, er verging, er zerfloss. Zur Schneeschmelze schloss ich die Augen, um die unschönen Reste nicht zu sehen. Den weißen Schnee behielt ich in meinem Innersten als reine Sehnsucht zurück. Wie war die Sehnsucht süß!

Doch nun ist der Schnee ewig. Er ist verschmutzt, verunreinigt, als wäre er vergänglich wie das Bellen eines Köters.

Ich habe kein Bedürfnis, jemanden anzusprechen, und ich möchte nicht angesprochen werden. In mir schneit es, die Flocken tanzen durcheinander über meiner inneren Schneelandschaft. Sanft landen sie, als legten sie sich schlafen. Sie sprechen, lispeln Erinnerungen, flüstern Liebesakte, Worte, Worte, durcheinander, ineinander, miteinander.

Ein Akt mit Worten im Schnee. Eine Schneezigarette danach. Das war heißkalt! Etwas ist tot. Etwas lebt.

Ich habe mich abgelöst wie eine Haut vom kalten Körper Wirklichkeit. Eine Schneehaut liegt außerhalb von mir, meine Schneehaut. Sie bleibt dort liegen wie ungewünschte Milchhaut auf Milch. Sie ist aus Milch, aber sie gehört nicht zur Milch. Sie bleibt übrig.

Draußen ist es kalt und wird es kalt bleiben. Die Schneelandschaft in mir ist geschmolzen; die wirbelnden Flocken über ihr sind mitten im Wirbeln erstarrt und können nicht landen. Sie stehen in der weißen Luft wie Fische in einem Aquarium. Weiße Fische in weißem Wasser. Ich singe meinen Monolog-Gesang im Schnee. Er klingt weit und für niemanden hörbar. Weit

II

Seit der Schnee da ist, ist alles anders geworden. Der Verkehr ist zum Erliegen gekommen. Alle Fahrzeuge sind stehen geblieben. Nur noch vereinzelte Autos sind auf den Straßen und bringen sich gegenseitig um. Die Menschen liegen im Schnee. Manche sind verschüttet, vergraben, man wird sie nie mehr finden, andere liegen wie Käfer rücklings auf dem Eis.

Der Schnee ist kalt, die Welt ist weiß.

Ich weiß nicht, warum die Welt soviel schlechter geworden ist. Liegt es am Schnee? Hat der Schnee die Menschen mit einer Art inneren Kälte infiziert? Oder liegt es am Schmutz, der den Schnee verunreinigt hat? Hat dieser Schmutz das Innerste der Menschenseele verdreckt?

Früher lag im Winter eine weiße, unberührte Decke des Friedens über allem. Sie schimmerte in der Nacht, und tagsüber spielte die Sonne ein Spiel mit tausend funkelnden, glitzernden, Diamanten. Was war nur damals anders? Was lag nur unter dieser Decke verborgen?

III

Seit der Schnee nicht mehr geht, haben die Leute aufgehört, mit mir zu reden. Alles ist in Stille gehüllt. Diese Stille ist, wie der Schnee, unrein. Sie ist ein dreckiges Schweigen, ein Ver-schweigen, ein Verbrechen.

Tschao. 13 Panzer

Tschao plätscherte durchs Gehör mit den Schalen allerfeinsten Klanges, unfehlbar herausgeflogen aus dem Seidenkehlchen der Grasmücke, ausgezwitschert von ihr, diesem Augentempel des wolkig-steinernen Bergriesen einer schwarzen Sonne, wovon auch die Sonne selbst heller wurde als das silbergraue Gefieder des kohleäugigen Vögelchens.

Tschao plätscherte umher als Falter- und Schmetterlingsvolk – kluge Diebstähle am Himmel in den Farben des Sonnenauf- und Sonnenuntergangs, seiner Wärme, seinem Feuer und seiner Asche, ausgewiesen auf den Flügeln, – und verkaufte sogar den Nachtfaltertrunk an die Familien der Freundinnen, die Menge der pockennarbigen und dicken, sanften und feinen Ohren.

Tschao flatterte auf den Flügeln eines Faltermeers – allerverschiedenster, die wir von Geburt an bis zum Tode sehen, – umher durch die Ohren der Leute und streifte wie ein Zicklein mit den winzigen Hufen seiner Schmetterlingsgewänder durchs Gras erstaunter Blicke.

Tschao schaut oft nach dem geöffneten Brief mit dem altertümlichen Samurai in Bronze aus Fischhaut: seine hochmütigen Brauen, die hinunter auf die Nasenwurzel fallen, wie die Flügel eines Seeadlers, der in der Morgendämmerung vom Fujiyama herabfliegt und die Fischer, den leeren Strand und das Netz mit dem Geschrei der Gipfel beleuchtet.

– Ich bin dieselbe, die ich war bei Hayawatha, und bei Manu, und bei Fu-Si und ich bin der getreue Spiegel, werfe den Strahl der Sonne von mir unter singendem Winkel in die Spiegel der Schädel. Und so bin ich erneut der schwarzäugige Spiegel zwischen der Sonne und dem Menschen auf Wache, die der Reinheit der Zahlen gilt. Ich sehe jetzt das Auge Hayawathas. Erkennst du mich, o Mensch?

– Klauchzend die klänglichen Weiten, soy, soy, Sierro: Groove des gerufenen Ru-Foss.

TIAN AN MEN

Ödes Plattenmeer / Vorhof deiner Gelüste
Exhibitionismus / denke ich / die Säule
dir zum Gedächtnis erblickend
Großer Vorsitzender / umtost von Menschen

Dieser Platz hat keinen Himmel
Er will Himmel sein

* * *

…das ist der Schnee,
Der in der Sonne glänzt;
Das ist das Glück, auf
Das es keinen Reim gibt –

In meiner Sternenkeuschheit zitternd
Seh‘ ich nur Schnee,
Der in der Sonne glänzt.

Weißt du nicht fern ein Land
Mit düsterem Himmel und dem Hassesblick
Der Venus, die des Nachts im Laubwerk glüht?..

Das rote Licht ein Funkeln, Eisesblick
Der durch die Sternenkarte
Sich ins Hirn bohrt

In weißen Schluchten blendenden verhüllt
Verkanntes Gold das alte Leuchten bergend
Im düsteren Schlafe ungenutzten Landes!

Owej, wahyo howah…

Der Winter kaltes Bild
Erhitzt von leeren Seiten –
Ich leg‘ mich nicht hinein,
Das ist nur Glanz von Schnee.

* * *

Und auch Frauenlider wohnen in den Jahrhunderten, wie manche Nixen in den Fahrrinnen der Flüsse. Und auch hat ein jedes Jahrhundert sein Frauenlid. Und auch ähneln sie den Schwänen mit tiefgebogenen Hälsen und weitverteilten Schwingen in der Farbe der Zeiten, die selbst zwischen hell- und dunkelblauer Farbe verschwimmt – taubenartige Mitternacht. Und auch Lippen haben sie menschliche.

Und auch wohnen in den Farben, auf den Lippen der Blumen Minigeister: klein an Wuchs und der Gestalt nach Jungfrauen. Aber Gewandungen haben sie riesige. Und dem Menschen, der ihnen nahe, offenbaren sie sich nackt und erscheinen als wogende Kleidung, kreiselnd, und die Stoffe ringeln sich und kreisen und berühren uns, und dann sagen wir: Welch Dufthauch!

Und auch andere gibt es, unberührt und schüchtern, denen du sehr nahe treten musst, um sie wahrzunehmen. Und sie erscheinen nicht nackt.

Und wenn alles im Traum verschwindet, kommt ein gewisser Träumer geflogen und nimmt alles, wie das Körnchen, in seinen Schnabel…

1907

Imagine

Das Ende des kalten
Kriegs war ein Sieg
Der Schwerkraft
Gegen das Außer-
Gewöhnliche:
Was kurz möglich
Erschienen war, die
Sintflut das Geheul
Einschließlich ihres
Sich – Beruhigen/s,
Nun – im Regen
Floss das Wasser und
Floss wieder wie eh
Und je nach unten

Und das Wasser fließt

Was kurz möglich
Erschienen war
Nun wie ein
Traum, nur
Wirklicher

Wird es sich je beruhigen?

Zhong Shan Park

Die Leute gehen
    ohne einander zu sehen
        sie gehen & stehen

sie reden / verstehen
    ich verstehe kein Wort
        sie sprechen mich an

sie jagen mich fort
    ich bin nicht ihr Mann
        nirgends ein Ort

verschont von ihrem Gehen
    nirgends hört ihr Ohr ein Wort
       das sie nicht verstehen

mich können sie nur sehen

nicht! – imperative

wirf mich nicht
weg
wie ein einmal
getragenes hemd

hänge mich nicht
zurück
in den schrank
wie deinen hochzeitsanzug

stelle mich nicht
auf deine füße
die mich tragen
wenn wir tanzen

stelle dich
mir

im zwischen der nacht

Die Wortkästen der Zeit
zerbrechen am Bau
der Veränderungen
Ihre Wurzeln zerfallen
wie die Knochen der Gefallenen
Der Dienst ist getan
stecken geblieben
unbelohnt in den
Worten, die schon lange nicht
mehr fließen
stocken
im Nebel der Erinnerungen
Aufrecht –
wer den Worten
eine neue Bindung
leiht.

Erster Tag

Ankommen im Morgen : wenn
die Radfahrer kindisch klingeln

Omnibusse in ihrer Fülle
zum Schlanksein verhelfen

Hilfspolizisten hilflos pfeifen
zartfühlende Mädchen das Haus

verlassend auf die Straße spucken
Arbeiter in blauen Jacken ihren Hintern

heben über die Abortöffnung im Beton
Fleischhändler mit roten Händen

ihre schweren Messer schwingen
Rikschas keine Rücksicht nehmen

miniatur in bewegung

übermorgen

wird morgen morgen

nicht sein: wir

findet dort was

ich

träume, noch

in sich un-

endlich

nennbar vorläufig

substanz

und schön, dass du hier bist

Schläft der unruhig

Nocturne

Verblasen

die frühen Klosterfelder

ja so trink

schläft der unruhig

im Erdäpfelreich Larven, zum Aufstieg

jetzt bereit

Preussische Prokrustesbetten waren uns Heimstatt

ja so trink

diese Demut Demeters

wir haben uns aneinander gewöhnt

dem Weib der Mann, schmerzhaft inkliniert

schwängern pro foufou

Schimpansen schimpfen in Berlin über

faule Kompromisse im Hinblick

auf Importbananen

liebloseste Wendungen der Rede

machen die Runde

Karstadt!

Kollegen kauen teilnahmslos Kaugummi

Oh, I miss You!

das Kindlein aus Neukölln

schläft das unruhig

trinkt an Männerbrüsten

wälzt wimmernd seinen Kiesel

Über mich aber schiebt sich –

gottendlich –

der emotionslose Zodiac-Killer

18.5.07/26.12.09

Beijings Magistralen / nachts

Mondtrunken wandert das Auge vom Himmel
auf die immergleiche Zeitwüste
aus Stein / wo die Menschen sich
im Zaubern versuchen / in Wolkenkratzern
Höhe erklimmen / ihren Rausch
in Quadern & Quadraten austoben

Wüst liegt die Stadt / Öde weitet die Pupillen
betonsperrig rahmt der Horizont die Welt
unübersehbar zerfließend ins Grau der Moderne

Wo kann ich bleiben / innehalten vom Wandern
mein trunkenes Gebet hinausschrein
zum Schweigen bringen das gute Gewissen
welches als Mondaug in jedem Himmel wohnt
gütig / zwinkernd / von Weisheitsfalten
umrandet / Vater du / trauriger Vater

Sommerfrische

Gegen Abend bereitete Vyvyan ein üppiges Menü zu. Er durfte nur wenig davon zu sich nehmen, denn das meiste, was da auf Tellern lag und in Schüsseln schwamm, löste bei ihm Atemnot aus. Eduard hatte ihn, als wir noch in der Stadt lebten, rechtzeitig ins Krankenhaus gebracht. Jetzt waren wir isoliert von solchen Einrichtungen. Vyvyan gab uns ein Zeichen zuzugreifen und verließ das Zimmer.

An diesem Abend hatte ich keinen Appetit. Ich spürte eine feuchte Hand auf der Schulter und hörte dicht vor mir die Worte: „du solltest das Versmaß anders setzen, du mußt im Takt … die Monotonie …“ Ohne sich weiter zu rühren, rutschte die Hand in meinen Ausschnitt und verweilte dort. Direkt vor mir stand eine Platte mit Shrimps, die mit einer weißlich-grünen Sauce übergossen waren. Ein fischiger Geruch stieg daraus auf. Als ich mich nach links wandte, zog sich die Hand fast automatisch zurück.

„Weißt du eigentlich alles über Vyvyan, was du wissen solltest?“ Es war Eduard. Er besaß die Fähigkeit, mathematische Logik mit einem Gespür für lyrische Ströme zu verknüpfen . Obwohl er unfähig war, auch nur eine literarisch originelle Zeile zu produzieren. Alles, was er schrieb, roch nach Plagiat. Das allerdings beherrschte er so hervorragend, dass wir manchmal Schwierigkeiten hatten, Original von Kopie zu unterscheiden.

„Mein lieber Eduard, was sollte ich wissen?“ Im Nebenzimmer hustete Vyvyan. Warum setzte er sich nicht wenigstens zu uns? Fast eine Stunde hatte ich nun seine Bekannten bei Laune gehalten, deren Münder verarbeiteten, was sie zwischen die Zähne bekamen. Eduard griff nach einem Hühnerbein und tauchte es in die Fischsauce. „Eine Besonderheit, die nur wenige erlebt haben, die ihm nahe standen. Ich durfte sie genießen.“  Nun meldete sich der weißblonde Junge an Eduards anderer Seite zu Wort. „Ah, es geht wieder um das Altbekannte … meine Güte, wenn man bedenkt, was da die Hirnforschung in den letzten Jahren … habt ihr Vyvyans letztes Stück gelesen, mit dem dahinter…“ Der Junge kaute eingelegte Oliven und kleckerte dabei auf seinen Anzug. Eduard zog mit den Fingern die zähe Hühnerhaut vom Fleisch und strich sie an Vyvyans leerem Teller ab. Mein Magen krampfte sich zusammen. Ich zwang mich, von dem Pilzragout zu kosten, das der Junge mir von der gegenüberliegenden Seite des Tisches entgegenschob. Sein Gesicht war verschlossen, er sprach nicht gern über Vyvyan und seine Vorlieben. Sicher war es ihm nicht recht, dass ich hier saß. Das Tischgespräch behagte mir nicht. Der Weißblonde ging zu den Fenstern und schloss sie. Kein Luftzug regte sich in dem großen Eßzimmer. Mir schien, als würde es heute früher dunkel.

Ich nahm eine Kerze vom Buffet, steckte sie auf einen der gerundeten Messingständer. Dann bat ich den Jungen, sie anzuzünden. Er tat es gelangweilt, dumm und ungeschickt. Für einen Moment glaubte ich, zu ersticken. „Was soll denn das hier alles bedeuten?“, hörte ich mich, zu Eduard gewandt, fragen. „Ihr esst wie die Schweine, pudert und parfümiert euch wie die Weiber im achtzehnten Jahrhundert und verbreitet solch einen Mief, daß ein Lungenkranker umfällt.“

„Du hast zuviel im Zauberberg gelesen.“ Eduard lächelte ironisch. Ich hörte keine Geräusche aus dem Nebenzimmer mehr. „Rieche ich etwa nicht gut? Das wäre doch schade für unsere Verbindung.“ Im Freundeskreis hieß Eduard die Brüsseler Spitze, sein Wohnort kombiniert mit der Beschaffenheit seiner Zunge. Nein, er roch angenehm nach Vetiver, das musste ich zugeben.

Künstlerfamilie gegen Ende des Jahrhunderts

Aus dem siedenden Gold
Der Sonne tropft Licht.
Der Himmel ein blauer
Stoff, daraus die Schneiderin
Herbst ein Halstuch
Fertigen will – Schutz
Der Stimme vorm Chaos
Wahllos vibrierenden Raums.
Schubweise enthüllt sich
Die Zukunft, der Liebe
Haben Wolken & Schaum
Nichts entgegenzusetzen –
Wasser bleibt Wasser & was
ja – Was? Ich denke an Dich

* * *

Der Himmel senkt sich & die Blicke heben sich
Nach innen, nach innen oder wie kann diese
Nichtdrehung des Kopfs in den Raum, worin
Die noch wirre Mannigfalt/igkeit der Dinge ihren
Sinn in der Ruhe des Betrachters sucht, an//
?ers verstanden werden?

Beijing bei Regen

Im Grau verspäten sich die Geräusche : die Leute
ziehen sich aus ihrem Element zurück : verlassen
die Gassen : Orte zum Leben
verkriechen sich in geduckten Häuschen : nur der Weg

zum Gemeinschaftsklo zwingt sie hinaus : das Feuer
im Steinkohlegrill züngelt weiter : unverdrossen
gehütet vom Grillmeister : der nicht anders
kann : auch Schnee vertreibt ihn nicht

das ist mein Platz im Leben : mag es ungewohnt
ruhig werden ringsherum : die Bulldozer fressen sich
lärmend am Horizont : weiter ins Innere
der Stadt : die zweistöckig wiederaufersteht

mit hauchdünnen Blendfassaden : dahinter
flüchtige Moden : antiseptische Konsumorte
über diese Straßen werden keine schlachtfrischen
Rinder zum Grill getragen : hier ist das Kapital

in seinem Element : dein Portemonnaie
kannst du schlachten lassen & dich unterstellen
vorm Regen unterm Dach : von dem der rote Stern
hinableuchtet : einen verlogeneren

Kommunismus als in Beijing hat es nie gegeben
da lobe ich mir die Provinz : sie ist freier
die Bewohner der Hauptstadt
halten sich für Babylonier : während sie röhrend

den Rotz in die Stirnhöhle ziehen & sich
vor den Füßen des Nachbarn entladen : Beijinger
Gastfreundschaft : zum Glück gibts den Regen
der alle paar Wochen die Straßen reinigt

Türen führen Tränen zäumen Zähne

Die Zeiten

Vom eignen Horizont ins jenseitige Erblinden, es war ein Irrtum anzunehmen : die Tabus würden rar : besser ablehnen. I han min sprachlos – gesittet folgen die Worte ihren Absichten. Blinde Zeiger, klimmen wir arglos, die Türen führen ins Uhrwerk.

Der Räume