Verschmiert.

Ohne Nacherzählung, Nachgeburt.

Halbe Verlassenheit. Ich glaube, mit deiner Nachwehe, also diesem Strang, der abgeschnitten wird, stimmte von Anfang was nicht: endlich bist du irgendwo anders angelangt: in deiner für immer an anderen Orten Verführung.

Hab bisher alles falsch verstanden.

Unserweich.

Dscheraldos Stimme ist so weich, sein Ohr klangsanft. Über die Wellen treib ich seine Sätze, bis sie mir entschlüpfen.

Nun geht es um nichts mehr, wenn wir uns treffen: dein  Eigelb in der Nähe des Jüdischen Museums sollte wieder mal unberührt bleiben.

Ich wollte derweil die Welt versäumen. Im Atem mit mir zunächst. Doch deiner drang gleich dazwischen. Obwohl wir uns noch gar nicht in Würfel

geschnitten hatten.

Das hohe Wasser.

 

Mit meinem Haus hab ich meine Sprache verlassen. Im Garten schrien mich die Pinienzweige an; kaum noch wagte ich einen Blick in ihre Nähe. Überspitzt ihr Zukunftsabrutschen. Nun ist nun mal das Unbegreifliche in dich hineingebrochen und zerschmettert all deine Angst und leist sie aus: wie wenn man zusieht, dass das hohe Wasser davonschmilzt.

 

Das Studium

Am Anfang, so heißt es dort, gab es nichts. „Da war nicht Erde unten noch oben Himmel, Gähnung grundlos, doch Gras nirgend.“ Nördlich und südlich des Nichts erstreckten sich eisige und feurige Welten, Nebelheim und Muspellheim. Die von Muspellheim ausgehende Hitze brachte das Eis von Nebelheim zum Schmelzen, und aus den herabfallenden Tropfen entstand ein Riese namens Ymir. Wovon ernährte sich Ymir? Außer ihm gab es offenbar noch eine Kuh namens Audhumla. Und wovon ernährte sie sich? Nun, es gab außerdem salzige Steine. In diesem Sinne geht es in dem Mythos weiter.

Die ersten drei Minuten, S. 13

* *

„Ja, das ist der Roman – das Epos von heute: kein magischer Realismus, sondern Hölderlinsche Erzählung über Landschaften, Leute in ihrem Kampf um Frieden, um ein glückliches Leben. Auf Erden die bekannten Erzählungen, keine Allegorien mehr
nötig außer, was dem Hintersinn des Dichters schweigend sich entwindet; auf dem Olymp aber die sich ganz familiär globalisierende Wolke aus Liebe, Haß, Verschwörung…“

Florett oder Degen?

verfrühter frühling

lautverschiebung
lichtverwirrung

zu viel zu schnell
vogelgeschrei und kinderlärm
schmerzten

ich wollte ins dunkle fliehen
der auftrieb war stärker

auftauchen
und noch ganz
winter sein

als ich bei mir war
wurde klar dass ich
im kreis lebte

ich breche erneut auf
ins dunkle

 

„Deine Poesie macht mir Angst“

zerschneiden deine Worte
die hauchdünne Luft
meine Augen verschließen sich
ich verschwinde in mir

oben auf dem Berg blicke ich
in die Schlucht
Wind umweht mein Haar
ich tippe meine wieder zu findende Ruhe
als sms in mein Telefon

„Schreiben Sie an Gott?“
überrascht mich eine Stimme
Ich lasse mich fallen
Die Luft trägt
Lavendel umrankt meine Gefühle

Wir überreichen uns geschenkte Gedanken
Wir landen in unseren Körpern
auf sanftem Hauch

„Hat er geantwortet“, fragt mich dieselbe Stimme.

Gut, dass wir drüber geredet haben!

manche reden viel drüber und machen nichts

manche reden viel und machen aber auch viel

andere reden nicht und machen viel

und manche reden nicht und machen nicht.

Die pissenden Nelke.

Schrie ich oder hörte sich das alles nach einem falschen Inneren an. Meine Sorge gehört seit Tagen der lachsfarbenen Pissnelke, von der ich dir schon mal erzählt habe. Sasst du da nicht sogar im Streifenanzug wie ein Streifenanzug vor mir und wolltest mir so was wie gute Laune verkaufen und in der beiläufigen Erwähnung deiner Freundin und ihres Namens so was wie ewige Liebe einhauchen – und wenns nicht bei ewiger Liebe bleiben sollte, so doch unendliche Nähe. Jetzt erst begreif ich, dass sich unsere Blicke so heftig aneinandergeheftet hatten, weil sie unterm Blatt das Geheimnis eines Stalkers verrieten. Auch wir werden uns lebenslang verfolgen und dann wie zufällig in der Nähe der lachsfarbenen … wiedertreffen.

Grammatik.

* Du sahst letztens aus wie ein geheimer Gedanke: wie ein aufklatschter Spermafleck, so weich, salbend, kaum verloren(er). Wie können manche Tage einem Menschen nichts anhaben. Ich verlass mich auf dein Verlangen. Zeigst mir, dass ich nicht dazugehöre. Zu eurer Grammatik. Immer wieder. Ein Fortgewordensein. Ich hab in meinem Leben noch nie wirklich eine Entscheidung getroffen. Ich bin ja nicht wahnsinnig. Will ja aus der Macht schlüpfen. Wie Kierkegaard nach seinem Satz. Aus dem Interesse gerutscht. Aus dazwischen. Und nun lebst du im Gelüft/Gelüst. Meine letzten Silben häng ich immer auf – so ne Leine: zum Trocknen. Es tropft da noch so viel Galle ab. Bin noch nicht so weit. Mein Aufwachen ist nie eins mit der Welt.

remember februar

eisgewitterfunken nesseln die haut. die böen ballen ihre fäuste, verrauschen im windfang des ohrs, in dem wir wie in einer höhle eingekauert sitzen und lauschen. die luft schmeckt scharf, kristallisch, intensiv. nach den rauchendgrauen abgasen, die die autos destillieren. nach angekaltetem flugruß, der in die schweren adern der luft hineingewachsen ist. laternen zünden den schnee an: er knirscht wie granit, wiegt die schritte, wendet mit seinen glühenden lippen die stadt in den schlaf.

blooming

 

gegen dein schwellendes weiss
ist jede leinwand ein

lippengepresster

angstzustand

jeder tropfen
attackierte ewigkeit

gespritzt in meinen
zungenpelz nur dir gehört
das weiss von avignon
wangenfarbige
blindschleichensprache
arkadien explodiert
dir hinterher
phaedrus wird formlos
und du bist die erste
frau die ich
lotusbeworfen
küssen will

(für cy twombly)

 

während der Spiele : vom Fluß

aus dem Kolosseum dröhnt das Johlen
Argentinien : Mexiko : ich nähere mich

dem Gedränge vom Fluß : seichtes
Wasser : niemand fährt Boot

zu brackig : das Fließende
Einsamkeit : garantiert

inmitten der Polis : während
der Spiele

Ein mösenloser Satz.

Meine Duinnerungen.

So wird das Vergessen zu einer hypothetischen Farce, als würdest du wirklich dazugefühlen. Hättest du das, was in dir abgeht, nicht für dich behalten können? Nur die Erschöpfung löst sich nicht auf. Eine Meinung haben, heisst, sich schöpfen zu müssen. Sonst prallst du selbst an den Wolken ab. Oder unterscheide dich von den Halluzinationen der anderen. Selbst der Satz: Ist nur meine Meinung, ist ein Scheitern unter der Zunge. Schmeckst du es wie episteme? Ich will dich verruchen. Spürst du dein selbst affiziertes Auf-sich-springen: wie danach verlangen, auf der Stelle einen schenkel- oder mösenlosen Satz loszuwerden, also sich ausschliessen von der Erwartung des anderen an dich … Dreckssau … man verlangt nicht, sondern ruft nur hervor … du bist noch immer so verdinglicht, noch immer so hörig, dass du mich verstehen willst …

Feigling.

Sein Kleidchen zu wechseln, ist töricht. Sieh nur, wie es sich ausflieht. Nur ständig von der Vorstellung begleitet, also verfolgt, dass im Innern des Selbst (so ästelnd) sich schon immer ein Raum der Unterdrückung eingezeichnet und über dich hergemacht hat. Und wie du dich nun erhebst. Ausgeglückte vererbliche oder doch nur verderbliche Spur?

Wie hast du dich an deinen Text geheftet. Wie sollte einer verstehn, was du meinst. Warum wolltest du dich gerade da so zurücknehmen, reichte die Wirklichkeit nicht? Aber kein Vergessen.1

Wie die gewaltige Notwendigkeit, dass du dir nichts mehr vorschreiben lässt. Wie wenn du jetzt dein Ursprung selbst bist. Seit 30 Jahren also dein Gefühl, dein unter der Haut Wahrnehmen: für was war also dieses Aufopfern. Kleiner gelungener Feigling. Immer nur zwischen zwei Ausdrücklichkeiten. Wohl mehr Anspruch als Interesse, wortfleischliche Erinnerungs(ur)sprünge.

1 Wär’s „aber kein Vergessen“, so wär’s auch gut. Denn dann flöge ich mit meiner Lust in den Moment. So wie mit seiner Zungenspitze auf der eignen Nasenspitze tänzeln …

Modus Vivendi

Vier Stunden dauerte es, bis die Zeichnung beendet war. Kaum etwas hatte so bedrängt, so beredt sich gegeben, selbst der Körper war ihr eine enge Gruppe von Organen, die einander anlagen, während sie fester saß. Sie zog eine Filterzigarette aus dem Etui und entweihte mit dem Rauch das Bild von ihr. Immer noch nackt, sie schämte sich ihrer Haut nicht, die kläglich dünn aussah und die Knochen sichtbar machte. Aber das war immer und immer nur das gelbe Licht, das niemals ausging. Als hätte sie Fieber. Das ist kein schönes Bild, ist nicht mehr Jugendstil. Dort liegt das Gewicht in einer Mitte, und in jeder einzelnen Zeichnung. Reiß sie runter. Es ist das Falls aller Linien. Ich bin trunken in deinem Missmut, der, wie ich weiß, daraus entsteht, das du nicht mehr die Ähnlichkeit mit ihr erkennen kannst. Sie zog sich an, mit Langsamkeit. Zuerst band sie das Haar zurück. Damit du vom Jugendstil für heute Nacht erlöst bist. Es rutschte schon bald wieder aus dem Zopfband heraus und einzelne Haare lagen in der Schüssel mit dem Farbenabwasser. Rolle mir eines deiner Haare um den Finger. Ganz schön festes Zeug. Konsistenz von Pferdehaar. Für Pinsel gut. Er nahm ihren Zopf und zog ihn straff. Sie legte die Ringe an, die Finger waren ungewöhnlich dick. Wahrscheinlich die Heizungsluft. Sein Modus Vivendi, der ihm doch nicht half. Dann den Büstenhalter, der innen Schaumstoff hatte. Das brauchst du nicht. Nichts außer Haut und Knochen und einem gesunden Rückgrat zum Stehen, dehnbaren Muskeln, Sehnen, Gummiknochen brauchte sie, um Jugendstil zu sein. Das tägliche Training verschwieg sie, rechnete sie vom Stundenlohn ab.

chronometrie

es ist zeit für mist, dachte ich, nachdem ich mich nachmittags in „inskriptionen“ eingeloggt hatte. erinnern wollte ich mich, auch, an die goldene ära des mistes vor monaten hier, renntag, astronom, luft… was waren das für momente wahren missbeliebens! niemand freute sich, niemand applaudierte, niemand kommentierte. dort, wo damals noch mist zu boden lag, gärt jetzt der humus. feldein in die rüben. gut, dass es bei mir im haushalt einen küchenwecker gibt, der dem ganzen wenigstens subjektiv etwas einhalt gebietet – allerdings hat er den kopf eines weibsstückes, den man verdrehen muss, damit die zeit zu rotieren und es im inneren dieser eieruhr zu ticken beginnt. danach ist bettgehzeit und auskurieren dran. also los, fünf minuten. dieses ticken macht mich wahnsinnig. eine ungehörige form der anmache, der avance, wie ich es vornehmer auszudrücken verstehe. unter diesem ticken wollte es mir nun gelingen, wieder einmal etwas zu schreiben, das mist ist. und das stelle ich jetzt hiermit ein.

Offizier an Kapitän: Wollen Sie nach Hause, weil es dunkel ist?

Ja, Offizier, ich verlasse das Schiff. Ich will nach Hause, weil es dunkel ist. Sehen Sie nicht, es ist dunkel und wir sehen nichts. Nichts können wir ausrichten. Das Schiff liegt so nah an Land, dass ich es greifen kann. Das Land. Greifen kann ich meine Heimat. Sehen Sie doch. An Land: die Fackeln: das Fest im Haus am Berghang: Winken wollte ich ihm, salutieren, ihm Ehre erweisen, meinem Freund für sein Fest in seinem Haus am Berghang. Zudem steht das Essen auf dem Tisch, zu Hause. Meine Familie ist mir heilig. Meine Mutter wird glücklich sein. Und ich möchte und kann nicht zusehen, wie hier alles versinkt, untergeht, sich zerstört… im Dunkel … das: zerstört mich, bei aller Ehre. „Ja, aber Ihre Ehre: Sie sagen es Kapitän: Ihre Ehre ! Ihr Amt: Ihre Verantwortung. Wollen Sie wirklich, dass ihr Schiff in andere Hände fällt, als die ihren? Die Menschen, sie entrüsten sich, sie fallen über Bord, sie ertrinken, sie schwimmen an Land…sie entrüsten sich…so groß ist ihre Enttäuschung über Sie, mein Kapitän! “…“Ich bin bereit, sagt der Kapitän zu seinem Offizier, denn sehen sie, die Ansprüche an mich sind größer als ich selbst mir bin.“ Er legt sich die Hand sicher auf seine Brust „ich empfinde keine Angst, ich empfinde keine Scham, ich empfinde keine Last, denn : ich bin bereit, meine Ehre zu verlieren, meine Ehre zu verlieren, bei meiner Ehre, ja, das bin ich, denn: bedenken sie doch, es ist dunkel und ich will nach Hause.“

verortung des glücks

meine persönliche utopie
die grenzen des bekannten antasten
die wuerde des menschen
in der eigenen persönlichkeit
wahren
die welt
erlöst sich selbst
&
was findet hinter dem eigenen
leben statt

gehe in die menschen hinein
&
ein und aus in ihrem sein
wollen / doch
noch werden für die verortung des glücks
orte gefunden

die verortung des glücks
liegt
in einem selbst
einfach da sein – nichts weiter als
da sein

Abschied von einer Geliebten

es sind welten

die uns trennen

ozeane die uns

verbinden meere

so tief wie du

wie ich wie unser

so tief

wie unser wissen

meere so viel

wie meine tränen

die weine ich

wissend

dich nicht

mehr zu treffen

und doch

schwimme ich weiter

wissend dich

nie gewonnen

und nie

verloren zu haben

DICH.

Werde ich finden

immer und immer

Psychotische Lyrik

da da

 

da draußen liegt ein hund

vor meiner tür

und immer wenn ich belle

oder auf ihn trete

klingelt er

und meint

er sei ein fahrrad

:blöder köter!

das schweigen der lämmer

Bitte nie länger

– und immer auf ewig –

(vergessene welten)

Erst wurde das schweigen

erstickt nicht die lämmer

die waren (wasser) schon lange

(waren schon wasser)

vergessene worte gelallte zeiten

nicht länger gewollt

:wie wollte man welten

mit schweigen der lämmer mit

lärm und den steinen

ins wasser geworfen

:schon lange vergessen

welch lämmer und was für ein

wasser: es bleibt ein schweigen

/// …

An der Grenze des Ertragbaren
Rüttelt das Gegenwärtige
Meine Sinne

Hier bin ich
Das kaum Ertragbare
Weckt mich auf

Wach bin ich
Trage das kaum
Ertragbare

Im Herzen

Das bewältigt mich
Das bewältige ich

Rotation

Die Stadt hatte ihn müde gemacht, wie jedes Jahr, der Winter war ein einzig Überstehn. Waren das Anzeichen des Alterns ? Oder war es wirklich so, daß diese Zusammenballung von Menschen, Häusern, Autos und Cafés, der ganze Glamour und der Plunder, der Lärm und der Gestank, daß all das hier auf engstem Raum auf der einen Seite diese belebende Rotation erzeugte, der man sich kaum entziehen konnte und die doch andrerseits die pure Lähmung war ? Die Drehbewegung starrer Körper. Wer bemerkte noch, daß er längst gedreht wurde, mitgerissen in rastloser Bewegung, gezwungen, das künstliche Gefüge mit aufrecht zu erhalten, wollte er nicht an den Rand gedrängt werden, abdriften an den Rand der Scheibe, abstürzen.

Schönes empfinden.

Ganz schwierige Ausgangslage immer wieder: bei jedem Satzanfang. Wie seine Gefühle verbergen, und wie allein nur noch die Achillesferse zum einzigen Atemorgan wird. Wie „das Leiden der Seele, die nicht ihren Sinn gefunden hat“ (Alfred Adler), in eine halbwegs gelungene Gebärde hineinquetschen und aus der von innen arbeitenden Beschämung des Gesichts nehmen.

Also verwandeln, oder was?

Ja. Wie in der Umkehrung eines Gedankens etwas Schönes empfinden.

Unbewusste Entäusserung.

Rot. Immer noch ein Bedürfnis nach jungen Hegelsätzen. Nach dem Egal von Himmelsrichtungen. In deinem Alter immer noch keine Tränensäcke. Das unglückliche Bewusstsein hat eine unerreichbare Stimme. Zusammenbrechen zwischen Erhabenheit und Melancholie. Und sonst: ein wie so oft blosses über den Augenblick gelangen. Gelingen. Ohne sich im Wort … nur verspannt zu haben … wie wenn unbewusste Entäusserungen fatal sein könnten: so geht er nur noch durchs Leben.

atelierbesuch beim nachbarn

dein frühreifer wilder mund war zu voll beim niedermetzeln von bacon und bosch alles kokolores denn du leuchtest vor dich hin
auf der fensterbank stinkt terpentin und lottern
selbstgepflückte barbies eine schrecksekunde
lang so ungeheuer schön verstümmelt
wird selbst pygmalion gelb vor neid
deine pinsel lügen nicht sie rotzen und sie trotzen nicht avancen ab von weichgekochten männern gibt es eine grenze für die wundheit des kolorits all die kreuzzüge der chimären bleichsüchtigen lolitas keuleschwingenden riesinnen die höllenbrut der traurigen prinzen
was hast du nur im kopf junge dämpfe und enthaupte mich küss meinen müden körper wieder zusammen ich komm dann
noch mal rüber auf einen sprung

Kleidchen.

Sein Kleidchen zu wechseln, ist töricht. Sieh nur, wie es sich ausflieht. Nur ständig von der Vorstellung begleitet, also verfolgt, dass im Innern des Selbst (so ästelnd) sich schon immer ein Raum der Unterdrückung eingezeichnet und über dich hergemacht hat. Und wie du dich nun erhebst. Ausgeglückte vererbliche oder doch nur verderbliche Spur?

Wie hast du dich an deinen Text geheftet. Wie sollte einer verstehn, was du meinst. Warum wolltest du dich gerade da so zurücknehmen, reichte die Wirklichkeit nicht? Aber kein Vergessen.1

1 Wär’s „aber kein Vergessen“, so wär’s auch gut. Denn dann flöge ich mit meiner Lust in den Moment. So wie mit seiner Zungenspitze auf der eignen Nasenspitze tänzeln …

zerstörte türen.

Was aber fang ich an mit einem Schlüssel in der Hand, der zu einer demolierten Tür gehört. „Sie [die Erwartung] kennt den Inhalt der Verstecke, die sie nicht öffnen kann, und bewahrt die Schlüssel zerstörter Türen auf.“ Vielleicht giebt es keinen Menschen, der von alledem ganz frei ist. Vielleicht pflegt jeder Mensch auf seine ganz eigene Weise die Verletzungen, die er im Laufe seines Lebens erfahren hat. Und nur in dieser Pflege, in dieser Geheimhaltung findet er seine Identität. Die Verschliessung seines Ichs. In gewissem Sinne passt er also immer auf, dass nichts durchsickert. Er spioniert sich selber nach, unumgänglich. Er kann, er darf sich nicht öffnen. Denn dann wäre seine Identität, also sein letztes Refugium, ausgehöhlt. Seine Höhle aufgebrochen. Sein Uteruswille verletzt. Die Existenz geheimer Schlösser leugnen, ist sein Sprechen. Und dennoch liebt sie „die Verrücktheit, der sie dient“.

Versuche zur Bezogenheit

1.
beanspruche mich
nimm mir
da
mit
die veranwortung
für mich
von den schultern

im stillen
lass ich mich
beanspruchen
denn
da
mit
gebe ich meine
verantwortung
ab.

an wen
Ist fast
egal

2.
Bezieh mich mit
Haut & Haar
Zieh an meinem
Unbewältigten

Ich beziehe mit
Ich bezog den Raum
alter Dramen
in mir
in meinem Versteck

Die Verbindungstür
zwischen dieser Kammer
und mir
ist bezogen mit
Moos,
schlidderig

Fallstricke
liegen versteckt
ziehen uns in Bezogenheit

3.
Bezog ich mich
heitlich auf dich
als wir uns an
den Rand
halfen
bereit
zu stürtzen
miteinander
in das unbewältigt
Alte

Zieh mich an den Rand,
halte mir die Augen
auf, vor der
Bezogenheit, die uns
auflauert
halte mich
So befreie ich mich
Ein Uns
geht

4.
ich bezog
Alles
Auf mich
Ich ermöglichte
Mir
Damit ein
Aufbäumen
Gegen alles

Ich beziehe
Mich
Auf dich
Ich lerne
Freies
Damit wir
Werden,
Wachsen können

Auftrieb, unbemerkt

Etwas Namenloses atmet ihn, lässt sein Herz schlagen. Etwas zeigt ihm Dinge im Schlaf, die ihn erstaunen, wenn er erwacht. Namenloses, auf das er von selbst nie käme. Dann steht er auf und glaubt, es sei nichts geschehen. Es ist ihm freundlich gesinnt. Obwohl er es beharrlich ignoriert und systematisch vergisst, es ist immer da.