Die pietistischen Kreise von den westlichen Zipfeln des Abendlandes, die sich ebenfalls auf die Suche nach der Neuen Welt begeben hatten, haderten mit den imperialen Attitüden sowohl des britischen Empire als auch des spanischen, portugiesischen und französischen Kolonialismus. Die Gründerväter der Vereinigten Staaten schrieben im Grunde eine antiglobalistische oder wenn man so will antiimperialistische Zielsetzung in die amerikanische Verfassung: „God save America“ – ein Wahlspruch, der heute als hegemoniales unipolares Großmachtstreben mißverstanden wird –, behauptete die Unabhängigkeit, sprich Souveränität gegenüber der Krone, sprich dem Empire. Es galt, der Welt ein Beispiel zu geben, daß die Loslösung vom oligarchischen Allmachtsanspruch möglich ist, nicht indem andere Länder und Kontinente unterjocht werden, sondern um ihnen einen Weg in die Unabhängigkeit zu zeigen. Nur haben die imperialen Kolonisatoren Amerika mit dem Unabhängigkeitstag nicht verlassen. Sie sind nur vorübergehend in den Hintergrund getreten, nicht einmal in den Untergrund – sie haben in akademischen Debatierklubs überlebt, sich organisiert, Unmengen Kapital angehäuft und bilden jene scheinbar unsichtbare Kaste der Mächtigen hinter den Kulissen der politischen Bühne, die als Vertreter des deep state die Strippen ziehen. Spätestens mit dem Atombombenabwurf in Japan sind sie wieder ins Rampenlicht getreten und scheuen sich nicht, ihr Streben nach globaler Alleinherrschaft als Verteidigung von Freiheit und Demokratie zu maskieren. Allein die Tatsachen sprechen eine andere Sprache: Korea- und Vietnamkrieg, die Unterstützung Pinochets, die Kubakrise, das Totrüsten der Sowjetunion, die beiden Golfkriege und schließlich die lancierten Farbrevolutionen im ehemaligen Ostblock, in der Ukraine und in Georgien, der weltweite „Krieg gegen den Terror“, die Einsätze in Afghanistan, Syrien und Libyen, Obamas Drohnenkriege – all dies wurde im Namen der Freiheit initiiert und diente allein dem Zweck, die Abhängigkeit von Amerika herzustellen oder zu festigen. Westeuropa segelte im Windschatten der neoimperialen Ambitionen. Die europäischen Eliten glaubten, sie könnten Amerika ein Schnippchen schlagen, indem sie sich unter seinen (Raketenabwehr-) Schirm stellen, das eigene Militär abrüsten, im Stillen aber weltweite Geschäfte machen (Stichwort: „Exportweltmeister“, aber das ist passé). Amerika hat sich verkalkuliert. Und mit ihm das westliche Europa. Der Kapitalismus hat mit seinem internationalistisch-globalistischem Optimierungswahn, sprich Profitstreben, die Substanz seiner Produktivkräfte nach Asien, vor allem nach China, ausgelagert und nicht mit der dialektischen Weisheit und zugleich stoischen Konsequenz der Chinesen gerechnet. Die Produktion in der Sonderwirtschaftszone Guangdong war um Größenordnungen billiger als im Mittleren Westen, in Chicago oder im Ruhrgebiet. Die Aussicht, asiatische Wanderarbeiter für die Weltproduktion einzuspannen und unter der roten Fahne des Kommunismus auszubeuten, schien verlockend. Nur ist der Westen seit Deng Xiaoping in eine schleichende, im Ergebnis totale Abhängigkeit von China geraten. Wallmart, VW, Apple, BASF – um nur ein paar Sahnehäubchen zu nennen – erwirtschaften ihre Gewinne nicht mehr in ihren Ländern, sondern in China. Die Exportweltmeister von einst sind in Wirklichkeit Auslagerungsweltmeister, Outsourcinghelden, die im Westen Produktionswüsten und deindustralisierte Landschaften hinterlassen.
Das königliche Spiel
Miss Pistole mit Schachbuch in der
__ Hand, Schnitt, Zigarette
Die noch nicht die Zigarette danach
__ ist: ein unnützes Wort,
Nicht fähig zu mehr, als einen
__ Halbvers einzuleiten
Mehr: deine Kinder und meine –
__ die Satzglieder innerhalb
Einer sinnvollen Äußerung, die
__ noch nicht Entäußerung von
Sinn sei;
Sinn: Der Unsinn aller Rede
Gobal – International – Final 1
Den Nationalismus zu überwinden, gehörte schon zu Marx‘ und Engels‘ Zeiten zu den Herausforderungen, vor denen die Arbeiterbewegung stand. Solange die Arbeiter auf ihre Landesgrenzen, Sprachen und heimischen Gewohnheiten begrenzt waren, drohte der internationalen Bourgeoisie keine Gefahr. Denn mit der Entdeckung des Seewegs nach Indien, der „Entdeckung“ Amerikas, Australiens und Neuseelands hatte die Unternehmerklasse schon lange vor der „Internationale“ die supranationale, grenzüberschreitende, globale Ausbeutung der Ressourcen dieses Planeten für sich gebucht. Mag es zu Beginn der Renaissance die Gier umd Suche nach Gold gewesen sein, die Europäer schiffsladungsweise hinaus in die Welt trieb. Spätestens ab Mitte des 19. Jahrhunderts war es das Petrolfieber, das die Roggenfelder & Co. aus dem lieblichen Sauerland hinauslockte ins lukrative Abenteuer. Der Kapitalismus hatte sich bereits lange, bevor die Arbeiter Klassenbewußtsein erlangten, internationalisiert und die Globalisierung eingeläutet – wir haben es mit einem Phänomen der Neuzeit zu tun, nicht erst des 20. oder 21. Jahrhunderts, wie uns manche weismachen wollen. Während sich die internationale Arbeiterbewegung schon bei ihrer ersten Feuerprobe – dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 – von ihren biedermeierlichen Monarchen in einen nationalistischen Taumel hineinziehen ließ und sich in Stellungskriegen gegenseitig abschlachtete – erhielten die Produzenten, die Rohstoff-, Energie- und ja sogar die Waffenproduzenten, ihre globale Vernetzung am Laufen und lieferten an jeden, der bestellte, unabhängig von Nationalität oder Religionszugehörigkeit.
___
*
Warum
Besitzer einer Sprechmaschine
Sein,
____ warum nicht
Stumm im Herzen
Bleiben…
Nur
___ um zu tauchen
_______________ tief hinab,
nicht in der Schläge Zwischenraum
…
verbleiben ?
Sagbar alles, doch nicht das Eine
Ephemera
Lumpig alles
auf ungeplätteten Tischdecken
nachlässig zurecht gemacht,
Grünzeug,
Avokados Äpfel.
während er Routinen zelebrierte, den
Morgenspaziergang vor dem Obstladen,
in einer Stadt, aus der es posaunte,
jede Nacht
ein neues Lied anstimmte.
Der leere Raum
auf pastellgrünem Set
war befremdlich am Morgen.
Hotel Magonza
Schlaf gut. Träum süß von sauren Gurken! Über mir die Gesichter von Tante Anni, von Mutter und Großmutter. Neben dem Bett die feuchte Schnauze von Snoppy. Noch einmal die Stimme. Von sauren Gurken! Tante Anni. Dann geht das Licht aus, die Tür geht zu. Nun soll das Kind schlafen. Der Vater hat Nachtschicht bei der Feuerwehr.
Hier bin ich. Eingemietet im zweiten Stock eines Hauses, das dem Haus meiner Kindheit so nahe ist wie nur möglich. Ein geräumiges Hotelzimmer mit Balkon, Doppelbett, Kleiderschrank und riesigem Bildschirm. Der Rollkoffer steht noch auf dem Boden, unausgepackt. Das Zimmer blickt auf die Straße, auch der Balkon.
Auf den Balkon bin ich schon einige Male gegangen, doch es ist Sommer und heiß. Jetzt, am Nachmittag, auf einem der beiden Stühle zu sitzen, wäre eine Qual, und so nutze ich den Balkon nur, um ein paar Fotos zu machen. Von der Straße vor dem Hotel, der bescheidenen Schlucht, die sich in beiden Richtungen auftut, von den Häusern, die sich mir eingeprägt haben müssen als Kind und die ich nicht wiedererkenne. Einmal sah eine junge Frau zu mir auf, aus dem ersten Stock gegenüber, als ich eben auf den Auslöser drückte. Offenbar hielt sie mich für einen Voyeur. Empört sah sie von einem großen Schreibtisch am Fenster zu mir herüber, ich hatte sie in dem Augenblick erst bemerkt. Die Kamera war nebenan auf das Eckhaus gerichtet, auf den nicht mehr vorhandenen Laden, in dem ich oft das verbotene Bier für Tante Käthchen geholt habe. Bomben hatten das Haus im Krieg getroffen, nur Parterre und erster Stock waren stehengeblieben. Bis vor wenigen Jahren hatte es von dem Eckhaus nichts als das Parterre und die erste Etage gegeben. Der Eingang zum „Leineweber“ aber war wie der Laden selbst schon lange verschwunden. Nun sah ich eine neue, weiße Fassade über dem Erdgeschoß aufragen, vier Stockwerke hoch, auch das Dach schien ausgebaut. Noch immer schaute die Frau hinter dem Schreibtisch böse zu mir her. Ich tat, als bemerkte ich sie nicht, fotografierte noch einmal in die andere Richtung, die Straße entlang, wie um sie zu beruhigen. Nun aber zog sie den Vorhang zu und verdeckte ein seltsam langes, niedriges Fenster. Ich ging ins Zimmer zurück, es war ohnehin zu heiß.
(Auszug aus einem neuen Roman)
Bruxelles, Musée Fin-de-Siècle.
L‘homme en Rouge war ihr Lieblingsbild. Helles Rot, geparkt auf einem schlanken männlichen Leib, der seine Bewegungen zu koordinieren wusste, den dünnen Schnurrbart zwirbelte. Glitzernde Edelsteine perlten an seinen Fingern, die Stimme hatte den warmen Schokolade-Klang von Cellosaiten. Dass so ein Mann die Frauen liebte, war ein Geschenk, das Esther sich bei der nächsten Gelegenheit abholen wollte. Sagte sie sich. Grüne Salatrüschen wanden sich über ockerfarbenen Käsescheiben und geeister Schaumwein wurde herum gereicht.
Wie im Traum, aus der Zukunft kommend, denkt sie:
Ich will bei ihm bleiben.
Ich bin neugierig.
Das Gefühl ist anziehend.
Nichts stellt sich ihm in den Weg.
Ich lächle das süßeste, kirschrote Lächeln,
stoße mit dem Glas gegen seinen Anzug,
an seine Brust, genau dort,
wo sich das Herz befindet.
„du bist nicht aus dem Barock, du passt nicht zu Rubens, deine Taille ist geschnürt, aber das will ich nicht sehen.“
Ein Bleicher mit grüner Haarsträhne am Hinterkopf gesellt sich zu Esther, und da er merkt, wie sehr sie sich für den Herren im roten Anzug interessiert, spricht er sie ungeniert an. „Die Dame des Salons hat sich mit ihrem Mann gestritten, er redet nicht mit ihr, und sie isst nun seit drei Tagen nur noch Brot mit dünner Margarine.“
„Eine Verschwendung, bei so einem hübschen Menschen.“
Wo, zum Teufel, blieb in der Gegenwart das Mystische? Es verbarg sich in Spaziergängen, in ihnen lag die Lösung. Wer jedoch in karger Erde grub, würde niemals fündig werden.
„Wissen Sie, wer der Mann dort am Büffet bei den Pralinen ist? Es ist Henry van de Velde. Einer der größten Designer unserer Zeit. Er hat die neue Kunst geprägt.“ „Oh“, macht Esther, senkt die Hand. Blass hält sie den Kelch mit dem kirschroten Bier. „Van de Velde. Mein Gott.“
Erinnerung an Tavira
Nichts gleicht den Stränden im Winter, dem Licht am Wasser, auf hellem Sand. Die kleine Stadt hinter dem Meer, mit ihren weißen Mauern. Dem Platz hinter der Brücke. Cafés und dunkle Arkaden, unter denen das Wort pulsiert. Geschriebenes Wort aus der Zeitung, den Medien, kehlig diskutiert.
In den Menschen ist Zeit, sie hat sich angesammelt in ihnen, wie nutzlos stehen sie herum. Sind einfach da. Geben den Mauern, den Straßen Halt.
Prinzessinnen rennen durch die Straße, Jungen mit Konfetti und knallenden Revolvern, auf der anderen Flußseite. Am Ortsrand. Vom Himmel die Flut aus Licht. S. zeigt mir die weißgekalkten Kirchen, die Ruine eines Kastells. Der Blick über die weiße Stadt, in der Ferne die Linie Meer. Gezogen wie mit dem Lineal. S. ist schon im nächsten Ort, am nächsten Strand. Wir sitzen auf Stühlen vor der Lagune, ein Boot rührt das Wasser auf. Hell leuchtet das Kiosk, wie die Zähne der Frau an der Bar, die den Kaffee bringt.
Es ist möglich, im Auto zu schlafen, hoch über der Stadt. Lila und rote Blüten wachsen über den Duschen, das Wasser läuft kalt.
Der Strand dehnt sich wie Wüste, hell, er scheint endlos. Da ist der Balken aus Wasser, das Blau einer Waage, ins Lot gebracht. Hotelburgen erheben sich fern, am Horizont, weiß auch sie. Abendlich nur das Leuchten.
S. bleibt am Strand, ich fahre zurück in den Ort. Sehe die alten Dächer auf der anderen Flußseite wieder, den Karren, vom Esel gezogen. Die Menschen sind mißtrauisch, die alten Frauen. Die Kinder werden vor mir entfernt, als nähere sich der Leibhaftige. Hinter Greisin und Kind schließt sich die Tür, fällt geräuschvoll ins Schloß.
Der Tag wird aus Licht geboren, aus einem Brunnen aus Zeit. Er steigt herauf, lange, bis die Sonne, unsichtbar, im Zenit steht.
Was ist Poesie
Poesie ist, wenn ich spüre, was alles durch dich hindurchschwingt - während du mich ansiehst und vom Himmel sprichst und versicherst, hoch hinauf und tief hinunter bedeute das selbe und dazwischen wir stattfinden Im Netzwerk all dessen was in uns und hinter uns liegt - verwoben in die Textur der Zeit, der kommenden und der vergangenen - und sich bündelt wenn du sagst - ich sehe dich - meine Hand in deiner
Also schreibe ich weiterhin mittelmäßige Gedichte. Ich habe schon nach der fünften Zeile keine Lust mehr. Mir fehlt der Mumm. Die Traute. Der Glaube an den Erfolg. Wie im Ballonflug über der Firma, geht die Lust schon
Was sollte man nur mit diesem Mist anfangen? So eine Scheiße. (Aus: Daniel Kehlmann: Lichtspiel.)
Je. Onegin: Kapitel eins, achte Strophe
Und was Jewgeni sonst noch wusste
Zu sagen, hat gar keinen Sinn;
Was sicherer er als alles Wissen wusste,
Was sein Elyseum war, so wie ich Tabor bin,
Was Mühe, Schweiß und sogar Freude war –
Wie Fetzchen Glück inmitten eines Schwermutsanfalles so klar –
Wenn er im leeren Zimmer saß den ganzen Tag
Und grübelte: Ach pfui! Ob sie mich wirklich mag?
Das war die Wissenschaft der sanften Leidenschaft,
Welche Ovid besungen, die ihn alles kostete,
Was je ein Mensch verschenkt‘, der niemals rostete,
Weil’s Leben ein Martyrium war, das Glück erschafft
Inmitten endlos weiter Steppe – in Moldawien,
Fernab der heißgeliebten Heimat, von Italien.
Reden : immerhin
für M. C. und M. S.
Die Melancholie : nachdem die Gäste
Gegangen sind : die Kinder
Haben sich abgetrocknet
Und harren auf ihren Sitzen
Im Auto der Abfahrt : auf dem Tisch
Die Reste : der Abwasch
Stille
Ich bleibe mit der Katze allein
Im Garten und den ungezählten
Anderen Tierchen : die sich
In den Ritzen angesiedelt haben
Ich bin allein mit meinen alten
Chinesen und genieße
Die Stille
Und weine : Vater und Sohn
Bilden keine Bastion : nur Träume
Wir können reden : immerhin
Von den Vertreibungen
Vom gestundeten Paradies
Von der Hülle : der Fülle
Und von der Stille
Featuring : Heinz-Joachim Heydorn : Gedichtzyklus aus dem Nachlaß
Yang-Kuei-Fei
Flötenspiel
und verhallender
Trommelschlag
Lärmende Feste
ersterben in der Nacht –
Du aber hast sie verlassen –
Tschangans nächtliche Gassen
und der Paläste
lichtüberflutete
Drachensäle
Und die Stille
der Gärten
umfängt Dich
Noch hörst Du die Stimme
das heisere Rufen
des trunkenen Kaisers –
Taumel und Schrei
(Wie ihn Dein lüsterndes
Lächeln verwundet)
Rabenkrächzen
zerreißt
die Nacht
Zu Deinen Füßen
verflammende
Blüten
Bald
wird es
Winter sein –
Hinter träumenden Lidern
siehst Du den Tod –
den Erwartenden
Und Deine schmalen Augenbrauen
zittern
*
Featuring : Poesie oder Prosa
Wenn wir als Vögel in himmlischen Lüften
wiedergeboren, entschweben den Grüften,
entfliehen dem engenden Erdenringe,
soll jedem von uns nur eine Schwinge –
ein Fittich nur beschieden sein,
auf daß wir ewig fliegen zu zwein.
Wenn wir aus dem Grabe zum Lichte steigen
als Pflanzen, so wollen wir mit Ästen und Zweigen
einander umflechten, umarmen, umringen,
untrennbar für immer, für ewig umschlingen.
(„Lied von unsterblicher Liebe und Sehnsucht“, dt. Ernst Schwarz)
*
Weiter ging es auf unserem Wanderweg zum Edelsteinfluß von Noda [FN 168] und zum berühmten „Stein im Meer“ [FN 169]. Auf dem kleinen Berg, der Sue no Matsuyama hieß, hatte man einen Tempel gebaut, der Mashshozan [FN 170] benannt wurde. Ringsum zwischen den Kiefernstämmen sahen wir überall Gräber und es durchfuhr mich unwillkürlich der Gedanke an all die Liebesschwüre und was von ihnen geblieben ist: an den „Doppelvogel mit gemeinsamen Schwingen“ oder an die „Zwei Bäume mit ihrem ineinandergewachsenen Stamm“ [FN 171]. Es nimmt eben alles ein Ende – und ich empfand hierüber Trauer, in die ich mich hineinverlor.
(„Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland“, dt. G.S. Dombrady)
Herren mit Niveau
„Sie sind nicht berechenbar, aber immer noch viel zu gut, um gekündigt zu werden. Das wissen Sie, und deshalb starten Sie von vorn und erwarten Sie das nächste freundliche Angebot.“
Eine rhythmisch behaarte Männerhand legte drei Münzen auf das Tablett und jemand ihr gegenüber am Tisch verneigte sich altmodisch. Im Funkeln der Lüster fühlte sie sich genarrt. So ein Taschentrickspieler. Dicke Brillengläser und schwarzer Rollkragenpullover und so ein musternder, versierter Blick. Ein Alter mit einem jungen Gesicht, gegenüber ein Blonder, die beiden sahen aus wie die Schachbrettkekse, die man zur Adventszeit überall kaufen konnte. Herren beim Abendessen, sicher eine Homoannonce, dachte sie bissig. Herren mit Niveau.
Nichts wie Morgen
Starre mich selbst nieder Während das ewig selbe Haus vis-á-vis im Kaisergelb den Himmel Ausbeutelt.
Das Vertrauen erschüttert Im Traum Räume betreten wo Möbel in zimmermittiger Berghülle wie vorm Ausmalen Mir Kahlheit und Fragen ins Erwachen legten.
Beim Kaffee dann mit Oma geredet Bist wieder jung sag ich. Bei allen Lieben Es gibt keinen Krieg.
Der Radio rauscht Treibt den Faradayschen Käfig durchs Unwetter Die Sonne kommt raus. Die Nase läuft Die Zigarette schmeckt Das Bahnsignal diffundiert durch Samstag-Mittag-Sirene.
Samt und Cotton
Sie haben sich den Schal heruntergerissen, dann geraucht. Aber weshalb die Grauen? Wissen Sie denn nicht, dass die voller Teer sind? Gerade die Grauen, und Sie, Sie mit ihren gezierten Worten über gesunde Ernährung und rauchfreie Zonen, greifen zu diesem Ascheton. Die Braunen sind aber noch schwerer und voller Stickoxyde. Da mögen Sie Recht haben. Das sind eben die Braunen. Bei Braun, da denke ich an Kaffee, Kakao, Einspänner, braune Stutzer und braune Schäker, auf jeden Fall: an Zügelloses. Aber die Grauen.
Alles gritzegrau im Leben, meinen Sie wohl, warum sollte es im Rauchen anders sein? Und nun schlucken Sie schön einen Löffel braunen, cremigen Hustensaft. Den mit dem Opium. Der macht Sie entspannt. Entspannt sind Sie? Wie Sie so daliegen, glaube ich Ihnen das fast. Heißt Ihre Zigarette etwa nach der Freundin, die Ihnen den Mantel, den Sie da tragen und der Sie nicht wärmt – den Schal haben Sie sich heruntergerissen. Und Sie ziehen sich Sachen an, in Samt und Cotton, Stiefel, die Ihnen nicht gehören, nur um ein anderes Lebensgefühl zu kosten? Geben Sie mir Ihre Hand, Madame. Immer das Rauchen. Ich rate Ihnen zu den Zigaretten, die Ihre Freundin raucht, die Freundin, in deren Mantel Sie sich räkeln, die Ihnen die Sachen geliehen hat, die Sie da anhaben. Sie raucht Chateau. Die mit dem Himmelsschlösschen. Mit denen sie Figürlein pusten kann. Die Blauen. Chateau raucht man gern mal gegen zwei Uhr nachts, die sind so leicht, dass Ihre Lunge aufatmet.
Daher : eine Katze
Poesie ist keine Lebensform
Poesie ist Rückzug vom Leben
Selbstgespräch mit Gott
Sprachspiel gegen sich selbst
Poesie ist eine Illusion
Poesie ist eine Illustration
Draußen zerkratzen die Häuser
Wolken : lautstark
Wie leise kommt die Poesie
Daher : eine Katze
Die sich allein nicht ernähren kann
Irgendjemand gibt ihr Futter
Noch rankt sich kein Wein
An den entvölkerten Türmen
Empor : noch stürzen
Die Flugzeuge ab : wer
Spendet Trost : die Priester
Bedienen sich der Poesie
Um den Kult zu erneuern
Und selig zu sterben
Im Menschenkloster
Das sie gründen
Für Abtrünnige
Gefallen aus der Kirche
Poesie führt sie im Garten
Zusammen : Poesie
Trennt und vereint
Sie des Nachts
Featuring : Puschkin : Onegin LX (1)
gunteru ennovicu
Noch dachte ich übers Konzept nach und wie den Helden nennen; schon hatte ich meines Romans ersten Teil beendet; las streng Korrektur: der Widersprüche sehr viele, möchte sie aber nicht ausmerzen.
Werde der Zensur mein Pflichtteil entrichten und den Journalisten zur Beurteilung die Früchte meiner Arbeit übergeben: so geh‘ denn hin gen Ufer der Newá, mein neugebor’nes Werk,
Und hole heim des Ruhms Geschenk:
Expertenmeinung, Krach, Gezänk!
27.07.2023
Wildwechsel
Weideland oberhalb
Der Baumgrenze zwischen
Den letzten Bäumchen
Suchen sie Schatten
Klimpern und klingeln
Durch durch die Täler
Dicht zusammen
Gedrängt zu einer
Bunten Wolke
Die letzten Menschen
Pescu Negru, südliche Karpaten
aus : hundeherz : äch, jablotschko
_____
„Wer sich wirklich für Bulgakow interessiert, der lese ihn einfach.“
*
Das Herz ist kein Geschmeide,
Auch nicht ein Berg im Dämmerlicht.
* *
Fragen nicht an den Frühling
Wann endlich ist dieser Winter vorbei?
Wann endlich werden Verse nicht mehr klappern?
Wer erbaute diese steinerne Stadt?
Auf allen Pfaden
lass uns uns verirren
in den wirren der irren
irre sind wir nacheinander
durcheinander auch
lege dir den gurt gut an
schnüre dir den faden um
bevor wir losgehen
in die irre
in der irre wird es bunt
und laut
kostbarkeiten tauchen auf
am wegesrand
hoffentlich auch ein papierkorb
dahinein alle verzettelungen
die um uns herumfliegen
und uns von der irre ablenken
oder hineinführen
halte mich an dir
an deiner hand
an deiner brust
an der ich dich kraule
mir den mut ins herz
für die irrungen und wirrungen
der offenen himmel lacht über uns
als er uns so stolpern sieht
übereinander über deine, über meine füße
sie tragen uns mit voller wucht
die lampen fallen uns aus der hand
doch im dunkeln wartet die geborgenheit auf uns
da sind wir einzig und in aller klarheit
zusammen ganz.
Die Welt / ein Märchen ?
in jeder Geschichte
muss jeder
seinen Weg finden & gehen
selbst wenn er nur für sich selbst
die Hauptrolle einnimmt
und nicht in einem Baumzweig
ein Zauberstab schlummert
oder einen jedes Schwein
auf den Rücken nimmt
um über einen Fluss zu bringen.
oder war das ein Fuchs?
oder gar ein Pfannenkuchen?
ich weiß es nicht
ich hab damals abgelehnt –
auf meiner Seite des Flusses.
Aus : Die fünf Minuten des Isaak Babel
Jiddisches Erbe kommt herein, der tiefe Witz ostjüdischer Schwänke, die Diesseitigkeit der chassidischen Lehre, die Weisheit der alten hebräischen Bücher. Vom Großvater Levi Jizchok wird in der Novelle gesagt, er schreibe an einem Manuskript – dem „Mann ohne Kopf“. Wie das Buch geschildert ist, erinnert es an die Geschichten der Schalom Asch, Mendele Mojcher Sforim und Jizchok Lejb Perez. Und natürlich an Scholem Alejchem, mit dessen russischer Herausgabe Babel 1925/26 und dann wieder 1936 beauftragt war. Am 2. Dezember 1938 schreibt er anläßlich einer Inszenierung von „Tewje, der Milchhändler“, er verspüre selbst Lust, ein Stück daraus zu übersetzen. In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, daß der Erzähler in der „Reiterarmee“, Kirill Ljutow, in der Novelle „Der Rabbi“, befragt, womit der Jude sich beschäftige, antwortet: „Ich setze die Abenteuer des Hersch Ostropoler in Verse.“ Das läßt an Babels geplanten Herschele-Zyklus denken, aus dem 1918 in Petrograd „Schabos-Nahmeh“ erschien. Hersch Ostropoler war so etwas wie ein ostjüdischer Eulenspiegel, der lange Zeit am Hofe des ukrainischen chassidischen Rabbi Baruch aus Tuldzyn lebte und den gemütskranken Zaddik mit witzigen Einfällen erheiterte. Eine berühmte Sammlung der Geschichten vom Hersch stammt von Chajim Bloch.
Sechs Jahre bevor Babel seinen Erzähler von den „Stürmen der Phantasie“ sprechen läßt, klagt er (1918) : „In meinem Charakter liegt ein unerträglicher Zug zur Besessenheit und unrealen Haltung gegenüber der Wirklichkeit.“ Das sei zu überwinden. Die „Stürme der Phantasie“ zu bändigen und doch nicht zu dämpfen, sie zu beherrschen, das verhieß, die Wahrheit schonungslos und schön sagen zu können. „Ein Vergleich muß genau sein wie ein Rechenschieber und natürlich wie der Geruch des Dills“, sagte Babel 1921 zu Paustowski. Die Geschichte seiner Vorbilder ist die Geschichte der Disziplinierung seiner Prosa. Babel liebte Puschkin, Tschechow, Maupassant. Kiplings „eiserne Prosa“. Gorkis Novelle „Nach Hause“ aus dem Zyklus „Wanderungen durch Rußland“. Tolstois „Hadschi Murat“.
„Als ich ‚Hadschi Murat‘ wieder las“, sagte er 1937, „dachte ich, hier mußt du lernen. Hier ging ein Strom aus der Erde direkt in die Hand, direkt auf das Papier, ohne jede Wand, riß mit dem Wissen der Wahrheit alle Hüllen schonungslos herunter, doch diese Wahrheit trug, sobald sie sichtbar wurde, leichte und schöne Kleider.“ So sollten seine Geschichten sein: Voller heidnischer Lust, unmäßig wie das Leben, fabuliert, doch auf den Punkt genau überlegt. „Kein Eisen dringt glühender ins menschliche Herz als ein zur rechten Zeit gesetzter Punkt“, heißt es in „Guy de Maupassant“. Die Novelle war da gerade recht. Babel bezog sich später auf Goethes bekannte Definition. Aber das war eher eine Aushilfe. Babel erneuerte die Novelle in einer Weise wie wenige vor ihm. Boccaccio und Maupassant, Turgenew und Tschechow waren bei ihm aufgehoben – und neu entdeckt. Auch dem Novellenzyklus forderte er Neues ab. Es war, wie Tolstoi fünfzig Jahre zuvor formuliert hatte: „Angefangen bei Gogols ‚Toten Seelen‘ bis hin zu Dostojewskis ‚Totenhaus‘ gibt es in der neuen Periode der russischen Literatur nicht ein einziges Prosawerk, das nicht ein wenig über die Mittelmäßigkeit hinausginge, die in der Form des Romans, des Poems oder der Erzählung völlig Platz gefunden hätte.“
Man hat sich einen Text von der sprachlichen Dichte der Prosa Johannes Bobrowskis vorzustellen. Auch an den Iren Synge ist einmal erinnert worden. Ein englischer Kritiker verglich 1928 die „in natürlichen Rhythmen gebrachte urwüchsige Volkssprache“ der Novellen „Salz“ und „Ein Brief“ mit Synges Sprache im Stück „Ein Held der westlichen Welt“. Was Babel leistete, wird aus einer Gegenüberstellung deutlich. In Larissa Reisners „Front“ heißt es: „Einer hält eine Rede – ach, eine Rede hält er, eine ungestüme, von Fehlern strotzende, grobe Rede, die noch vor einer Woche nur ein schiefes Lächeln geerntet hätte – doch der Kapitän ersten Ranges hört sie mit klopfendem Herzen, mit fliegenden Händen, und fürchtet sich einzugestehen, daß das Rußland dieser Weiber, Deserteure und Grünschnäbel, das Rußland des Agitators Abram, der Mushiks und der Sowjets, daß das sein Rußland ist, für das er gekämpft hat und immer kämpfen wird, ohne Furcht vor Läusen, Hunger und Fehlern; noch weiß er nicht, noch fühlt er es nur, daß hier allein das Recht, das Leben, die Zukunft ist.“
So eine Stelle ist bei Babel undenkbar. Bei Babel stehen diese „Reden“ da, die Larissa Reisner beschreibt: als Brief, als Beschwerde, als Augenzeugenbericht, als Lebensbeschreibung, Ansprache, Dialog. Babel läßt die historischen Subjekte selbst auf ihre Taten sehen. Haltungen werden nicht auktorial erläutert, sondern in ihrer sprachlichen Evidenz festgehalten. Babel arbeitet oft mit dem Denksystem, mit der Sprache seiner Helden, ohne korrigierend einzugreifen, ohne andererseits die Begrenztheit dieses Systems zu überdecken. Im Russischen heißt es „Skas“. Bei uns spricht man von personalem Erzählen. Wichtig ist ihm die Gelegenheit, durch eine Anstrengung des Gewöhnlichen das Außerordentliche zu erforschen.
Der Unterschied zwischen dem zitierten Brief des Kosaken Samuil Fjodorowitsch Schadrin und den Briefen in „Ein Brief“, „Die Sonne Italien“, „Die Geschichte eines Pferdes“, „Salz“, „Fortsetzung der Geschichte eines Pferdes“ oder „Der Verrat“ besteht in der differierenden semantischen Funktion der Texte und ihrer Elemente. In „Der Verrat“ schreibt ein Kavallerist: „… wie Feuer brennt die Seele und sprengt das Gefängnis unseres Körpers.“ Es korrespondiert nicht zufällig mit dem Bekenntnis des Erzählers Ljutow, „dessen uralten Leib die Stürme der Phantasie fast sprengen.“ Die Struktur der „Reiterarmee“ baut mit dieser Energie: mit dem Vorgefühl und der Vorwegnahme einer „vollständigen Emanzipierung aller menschlichen Sinne und Eigenschaften“. Die Glückssuche der „Reiterarmee“ ist nur so zu verstehen. So auch der Ernst, mit dem in „Die Geschichte eines Pferdes“ und „Fortsetzung der Geschichte eines Pferdes“ um ein Pferd gekämpft wird: „Die Kommunistische Partei ist, soviel ich verstehe, zur Freude aller und zur Errichtung einer unbedingten, uneingeschränkten Gerechtigkeit gegründet worden und muß sich auch um die kleinen Leute kümmern. Nun möchte ich den Schimmelhengst erwähnen, welchen ich den unverbesserlichen, konterrevolutionären Bauern abgejagt habe und der dazumal ganz armselig ausgesehen hat; viele Genossen haben ungeniert darüber gelacht. Ich aber hatte die Kraft, ihr boshaftes Gelächter zu ertragen, und habe mit zusammengebissenen Zähnen den Hengst für unsere gemeinsame Sache bis zur gewünschten Veränderung gepflegt, weil ich, Genossen, ein Liebhaber weißer Pferde bin und sie mit den letzten Kräften pflege, die mir nach dem imperialistischen Krieg und dem Bürgerkrieg geblieben sind.“ Und nur so versteht sich jener vielfach mißdeutete Satz Ljutows über seinen Freund Chlebnikow: „… uns beide verzehrten die gleichen Leidenschaften. Wir blickten auf die Welt wie auf eine Wiese im Mai, eine Wiese voller Frauen und Pferde.“ Babel besänftigte nicht das Pathos durch die Ironie des Beobachters, wie gelegentlich behauptet wird, er überwindet die Ironie durch das Pathos der neuen Realität.
Die Sprache modelliert, noch bevor sie zum Baustoff der Literatur wird, in komplizierter Form die Vorstellungen von den Beziehungen der Phänomene im Leben. Sie enthält, was die Arbeit des menschlichen Bewußtseins eintrug, darunter auch, was aus früheren literarischen Strukturen in sie einging. Der Dichter arbeitet also gegen den Widerstand seines Materials. Der künstlerische Effekt seiner Arbeit ist immer ein Bündel von Verhältnissen, das etwa umfaßt: das Verhältnis des neuen Texts zu den ästhetischen Normen seiner Zeit, zu den gängigen Gattungsvorstellungen, zum Sujetbegriff, zur Erwartung des Lesers, die Verhältnisse innerhalb des Texts, also das Verhältnis des Erzählers mit fiktivem Persönlichkeitswert zur realen Persönlichkeit des Autors, das Verhältnis der verschiedenen Stilebenen zueinander usw. Johannes Bobrowski formulierte das einmal sehr deutlich in einem Interview von 1965 : „Ich fürchte eine gewisse Stagnation in der Entwicklung, wenn wir in dem bisherigen Literaturdeutsch bleiben. Und ich habe mich bemüht, volkstümliche Redewendungen, sehr handliche Redewendungen, eben volkstümliches Sprechen bis zum Jargon, mit einzubeziehen, um die Sprache ein bißchen lockerer, ein bißchen farbiger und lebendiger zu halten. Außerdem geht das auch auf die Syntax. Ich bemühe mich um verkürzte Satzformen, um im Deutschen nicht sehr gebräuchliche Konstruktionen, die alle etwas Handliches haben.“ Bobrowski hat vom personalen Erzählen viel gehalten, und nicht zufällig imponierte ihm eine von Babels Tagebuchnotizen so, daß er sie als vorletzten Absatz in „Ich will fortgehn“ hereinnahm. Es ist: „Djakow kommt. Das Gespräch ist kurz: Für dieses Pferd kannst du fünfzehntausend bekommen, für jenes zwanzig. Wenn es aufsteht, dann ist es ein Pferd.“ Babel verwandte die gleiche Notiz in der Novelle „Der Chef der Kavalleriereserve“.
Die Sprachmischungen der „Reiterarmee“ sind so kompliziert wie in Bloks „Zwölf“ oder Majakowskis „Gut und schön“. Es ist keineswegs damit getan, die Herkunft der einzelnen Elemente zu benennen: Bauernrussisch, Militärjargon, Revolutionsvokabular, chassidische Beredsamkeit. Stilbildend ist das Nebeneinander und Gegeneinander der Polaritäten, die wechselnde Vereinigung des vorher Unvereinbaren. Und die polemische Korrespondenz dieses Verfahrens zur vorliegenden Literatursprache. Die Übersetzung muß vieles unterschlagen. Der stilistischen Funktion regelwidriger Grammatik in den „Briefen“, der Volksetymologien, des Nebeneinanders von Amtssprache, revolutionärer Losung und Dialekt, der Ukrainismen und Hebraismen kann die andere Sprache nur selten gerecht werden. Aber das sind die üblichen Verluste. Die Spannungen, die die Worte, Sätze, Absätze und Novellen zusammenhalten, sind durchaus zu reproduzieren. Freilich bleibt das schwer. Denn: „Ein Satz wird geboren – schön und häßlich zugleich. Das Geheimnis besteht in der kaum spürbaren Umstellung. Der Hebel muß gut in der Hand liegen und warm werden. Umstellen muß man in einem Zug, nicht in mehreren.“ „Berestetschko“ bietet sich als Beispiel an.
Die Novelle heißt so nach dem polnisch-russischen Grenzstädtchen und beginnt, wie fast alle Novellen, mit der Information über einen Ortswechsel: „Wir zogen von Chotin nach Berestetschko.“ Das schafft, wie die zusätzliche Datierung und geographische Festlegung von zwölf Novellen am Schluß des Texts (zum Beispiel „Bei Sankt Valentin“ mit „Berestetschko, August 1920“) jene „Authentizität“, die Babel für den Aufbau seiner Struktur brauchte: Sie gehört zum System der semantischen Steigerung der Autentica wie „Brief“, „Beschwerde“, „Ansprache“ und „Lebensbeschreibung“, in denen Fiktion das Dokument „dokumentarischer“ macht. In diesem Sinn ist Gorki zu verstehen, wenn er schreibt: „Wenn Sie darüber nachdenken, werden Sie, hoffe ich, Babel zustimmen, weil die Soldaten seiner ‚Reiterarmee‘ mehr Menschen sind als die Soldaten Budjonnys.“
„Wir zogen von Chotin nach Berestetschko.“ Das ständige Unterwegssein der 1. Reiterarmee kann gefaßt werden: „Nowograd-Wolynsk, Juli 1920“, „Belew, Juli 1920“, „Brody, August 1920“ usw. (wobei zu bemerken ist, daß Babel diese „Chronologie“ nicht wahrt.) Und: „Ich schlage mich nach Leszniów durch…“, „Gestern abend nahm unsere Division Berestetschko“, „Die 6. Division hatte sich im Wald beim Dorf Tschesniki gesammelt…“ usw. Der große Bilderbogen, die sinnliche Gleichzeitigkeit, an den Bauernbreughel erinnernd, Babels Struktur ohne Mitte, nach allen Seiten offen – gibt eine Entsprechung für diesen technisch wie sozial und historisch dynamischen Teil der jungen Roten Armee.
„Berestetschko“ rückt die Zeiten zusammen: Auf den tausendjährigen Grabhügeln verstümmelte Leichen. Am Grabe Bogdan Chmelnizkis das Lied der Bauern von vergangenem Kosakenruhm. Die jahrhundertealte Tradition einer dürftigen Architektur. „Der Ort stank in Erwartung einer neuen Ära…“ Das verlassene Schloß des einstigen Herrschers über Berestetschko und die Rede Winogradows über den Zweiten Kongreß der Kommunistischen Internationale und der französische Brief von 1820: „Berestetschko, 1820. Paul, mein Geliebter, man sagt, Kaiser Napoleon sei tot, ist das wahr? Ich fühle mich wohl, die Niederkunft ist leicht gewesen, unser kleiner Held wird schon bald sieben Wochen alt.“ „Berestetschko“ schließt: „Und unten ertönt noch immer die Stimme des Kriegskommissars. Voll Leidenschaft überzeugt er die staunenden Kleinbürger und die ausgeplünderten Juden: ‚Ihr seid die Macht. Alles, was hier ist, gehört euch. Es gibt keine Pans mehr. Ich schreite zur Wahl des Revolutionskomitees…'“
Neue Räume tun sich auf. Es ist eine Prosa der weiten Perspektive. Babels fünf Minuten beherbergen die Welt. Der Banduraspieler, der von vergangenem Ruhm singt, der Kosak, der tötet, Winogradow, der die Zukunft für angebrochen erklärt, der Kleinbürger, der staunt, Ljutow, der einen Brief von 1820 findet – sie stehen in der Geschichte. Das ist freilich keine Geschichtlichkeit quantitativer Art. Es gibt bei Babel keine Schlacht von Waterloo oder Borodino. Das ist ihm seinerzeit vorgeworfen worden. Schlachten sind bei Babel entweder vorbei („Gestern abend nahm unsere Division Berestetschko“, beginnt „Bei Sankt Valentin“) oder noch voraus („Und auf das Zeichen des Divisionschefs begannen wir die Attacke, die unvergeßliche Attacke auf Tschesniki“, schließt Tschesniki). In „Afonka Bida“ gibt es diesen Absatz:
„Am nächsten Morgen war Afonka verschwunden. Bei Brody begannen Kämpfe und hörten wieder auf. Niederlage wechselte mit vorübergehendem Sieg; wir bekamen einen neuen Divisionskommandeur. Afonka aber war noch immer nicht da. Nur das drohende Gemurr in den Dörfern bezeichnete die böse Raubtierspur seines Leidensweges.“ Er besorgte sich ein Pferd.
Diese Verschiebung der Proportionen führt zu der verblüffenden historischen Sättigung der „fünf Minuten“, also zur besonderen Art der epischen Dimension der „Reiterarmee“. Bis zum äußersten erkundet, wird die Realität phantastisch. Nicht nur Babels Gestalten, auch seine Landschaften sind von dieser Phantastik. Man verglich sie mit Kulissen. Das hat etwas für sich, denn es betont ihre relative Selbständigkeit. Da es bei Babel keine „Seelenlandschaften“ gibt, bleibt die geographische Szenerie seiner Novellen frei von expliziter Psychologie. In „Berestetschko“ gibt Babel der Landschaft drei Funktionen: die Geschichtlichkeit der Gegend aufzurufen; die sozialphysiologische Skizze des Grenzorts zu zeichnen, die ein Drittel der knapp drei Seiten einnimmt, und natürlich ihre Aufgabe nicht nur für „Berestetschko“, sondern für den ganzen Zyklus hat; und die aktuelle Atmosphäre der „fünf Minuten“ zu fixieren („Die Stille des Sonnenuntergangs färbte die Gräser vor dem Schloß blau…“ – „… sah über Wiesen hin, wo Nymphen mit ausgestochenen Augen alte Reigen tanzten“). Der Wechsel der Einstellungen erfolgt übergangslos. Auch die Landschaftsschilderung dient Babel dazu, die Assoziationsarbeit des Lesers durch genau berechneten Schnitt der Erkenntnis nutzbar zu machen. Wieviel Mühe Babel auf die richtige Anordnung der Elemente verwandte, ist gut zu verfolgen an Hand der Entwürfe für „Kampf um Brody“.
Im Tagebuch steht eine lange Eintragung vom 7. August 1920, beginnend mit: „Denkwürdiger Tag. Morgens von Chotin nach Berestetschko.“ Vergleicht man die Notiz mit der Novelle, so stellt man als Wichtigstes fest: Jeder Affekt, jedes Staunen, diese äußere Überraschung des Moments ist fort. Aufgesucht ist der historische Angelpunkt des Staunenerregenden, Überraschenden. Und: der historische Angelpunkt für den Affekt des Tagebuchs. Denn die „Reiterarmee“ erzählt zugleich, wie das Tagebuch aufgehoben wurde – bewahrt, potenziert und überwunden. Im Brief vom 13. August 1920 hieß es: „Ich habe hier zwei Wochen völliger Verzweiflung hinter mir, das kam von der rasenden Grausamkeit, die hier nicht eine Minute innehält, und davon, daß ich deutlich begriffen habe, wie ungeeignet ich für das Werk der Zerstörung bin, wie schwer es mir wird, mich vom alten zu lösen, von … dem, was vielleicht schlecht ist, für mich aber Poesie atmete wie der Bienenstock Honig; jetzt komme ich wieder zu mir, was soll da weiter sein – die einen werden die Revolution machen, und ich werde das singen, was sich abseits findet, was tiefer liegt, ich habe das Gefühl, daß ich das kann und daß dafür Platz und Zeit sein wird.“ Keine Drückebergerei. Es war die früheste Formulierung der Erzählperspektive der kommenden „Reiterarmee“. Noch undeutlich wie das ganze Werk im Jahre 1920. Ungefüge, kein Vergleich mit der exakten Tolstoi-Gegenüberstellung von 1937. „Abseits“ bezog sich nicht auf einen Platz außerhalb der Revolution, und „tiefer“ meinte die Tiefe der Revolution. Babel hat tatsächlich noch am Entferntesten, Ungeeignetsten das Außerordentliche des Neuen demonstriert und dieser neuen Außerordentlichkeit damit von vornherein die falsche Glorie versagt.
Weder im Tagebuch noch in den Entwürfen und Notizen gibt es einen Hinweis auf den Erzähler.
(Konzepte Leipzig : S. 79-87)
Manöver : all die Tage
Eine schwarze Gurke schwebt über der Stadt : rot
Blinken die Lichter : einen dröhnenden Schwanz
Zieht sie hinter sich her : eine Notlandung
um uns zu erschrecken all die Tage
Zwischen den Blöcken spielen die Kinder
Verstecken : Kuchen wird aufgetischt
Ein paar Jugendliche besprühn Wände : all die Tage
Hör ich den Bass : I’m on the highway to hell
Über den Wolken trommelt das Schlagzeug : unsichtbar
Slapsticks : untergründiges Gegrummel : fünf Millionen
Werden verbrannt in den Lüften all die Tage : Donnergrollen
Damit wir an die Allmächtige glauben : die Gewalt
Mit ihr wird keiner alt
Drei Verse
Kains Truppe zieht sich die Schilde bis über die Kinnlade, das Zeichen unter den Helmen verborgen
*
Auf dem Erdbeerfeld eine Freizeitarmee von Eltern mit ihren Prognosen, Die ungebornen (Trakl)
*
Mit der übernächsten Generation definieren wir die Division eines Moments durch einen anderen
Was ist ein Text?
„22 : 57 : Und heute Nacht, sagt ein anderer, hat er geträumt, dass er ein Schmetterling ist, und dass es ihm zu kalt ist, dass er auf einem Stein in der Sonne sitzt und die Flügel ausbreitet, und das hat er nicht von außen geträumt, also nicht so, dass er sieht, wie der Schmetterling auf dem Stein sitzt, dass er sieht, wie der Schmetterling die Flügel ausbreitet, nicht so, wie er den Stein sieht und die Flügel sieht und“
*
Teil der Sprache, sprachliches
Gebilde
Gegensatz
zum Namen, Patrick
* *
Doomsday
>22 ist kleiner als 57<
hat das eine Bedeutung
hat das etwas zu sagen
hat das wirklich eine
Die Spatzen pfeifen es
* * *
Dostoprimetschatelnosti
Dostojewskowo, kogo
Togo, Kongo
mitten ins Herz
Einer Finsternis. Einer? Ihrer
* *
Der Finsternisse sind viele
*
Der Finsterling
e
mail or not mail,
_’tis _’e quest…
Beck, immer B. wie damals
als der arme B. B.
ihn hörte:
* *
der durch sie hindurchging
* * *
Die Tannen pissen
* *
Der absinthene Himmel –
ein Schmetterling
Papagei
Schmetterlingspapagei
*
Gegensatz
>>Die Tonnen,
Siehst du sie?<<
+
An *
Ich war der, dessen Texte immer unter einem anderen Namen erschienen…
Aus einem privaten Brief in deutscher Sprache
Dein schönes,
Von Edelsteinen zerkratztes Gesicht
Leuchtet in der Sonne
Die kleine,
Von armen Leuten stammende Mitgift
Vergammelt in der Tonne
Allmählich
Frage ich mich beim Betrachten der Ikone,
Wer damit wohl gemeint sei:
Du und ich – ?
Sind es nicht, – –
Denn es sind immer 3
13.05.23
„Das Gedächtnis ist ein amethystfarbenes Meer“
Erinnerungen an die Triestiner Lyrikerin Lina Galli
War es das Café Stella Polare oder das Danubio gewesen, so frage ich mich, wo Giorgio Voghera mich an einem Februartag des Jahres 1979 mit einer älteren Dame bekannt gemacht hatte, der, wie es bei ihrem Tod 1993 in der Lokalzeitung Il Piccolo hieß, „letzten Dichterin der Stadt Triest“? Die ältere Dame war damals bereits 80 Jahre alt und ich hatte von ihr bis dato noch kein einziges ihrer Gedichte gelesen. Als wir uns am nächsten Tag ohne unseren Vermittler trafen, hatte sie mir ein Buch mitgebracht, das ein paar Jahre zuvor, 1973 erschienen war: Eppure ancora un mattino, eine Auswahl ihrer Gedichte von 1934 bis 1972, herausgegeben von Nora Baldi, die eine wesentliche Rolle in ihren späten Lebensjahren spielte. Außerdem das Typoskript eines langen Gedichts, das sie unter dem Eindruck des furchtbaren Erdbebens in Friaul (Mai 1976) verfasst und im Radio vorgetragen hatte. Dieses Erdbeben, d.h. das Schicksal der davon betroffenen Menschen bewegte sie damals noch immer stark und so sprach sie fast ausschließlich darüber zu mir. Bei Giorgio Voghera sollte ich später über die Dichterin lesen:
Lina ist heute als eine von ganz wenigen Triestiner Dichterinnen auch im übrigen Italien bekannt. Zweifellos kann sie nunmehr neben den Großen der Triestiner Literatur bestehen. Unsere Großen haben jedoch, vielleicht ohne es zu bemerken, eigentümliche Haltungen eingenommen. Lina hingegen bewahrt weiterhin eine mütterliche und gleichzeitig, so möchte ich sagen, beinah mädchenhafte Haltung. Unsere Großen waren alle ein wenig egoistisch: vielleicht ein ‚sakrosanter‘ Egoismus. Lina hingegen ist immer großzügig, vor allem gegenüber jungen Schrifttellerinnen und Dichterinnen, denen sie hilft, sich durchzusetzen.
Lina Galli war im letzten Jahr des neunzehnten Jahrhunderts geboren, stammte aus Istrien, aus dem venezianisch geprägten Städtchen Parenzo mit der berühmten Basilika. Die Mutter starb, als Lina vier Jahre alt war. Gemeinsam mit ihrem Bruder wurde sie von der Großmutter aufgezogen, die eine Pension geführt, in der auch viele österreichische Beamte verkehrten; einer von ihnen ermöglichte es dem begabten jungen Mädchen das Gymnasium in Gorizia zu besuchen. Mit dreiunddreißig Jahren kam sie als Lehrerin nach Triest, wo ihre für Kinder geschriebenen Reime, Filastrocche cantate col tempo noch im gleichen Jahr als Buch erschienen.
Zwischen dem darauffolgenden schmalen Gedichtband Trieste città (1938) und dem ersten Band einer Trilogie, in der sie die traumatischen Jahre des Weltkriegs in einer sehr persönlichen, autobiographisch geprägten Weise zu bewältigen suchte, waren 12 Jahre vergangen. Die alte Heimat war inzwischen jugoslawisches Staatsgebiet geworden, Parenzo hieß jetzt Pore?, und dort fühlte sie sich als eine Person, die zur Fremden geworden war. (Und an Lina Galli konnte sich in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als ich dort den Spuren ihrer Gedichte nachging, selbst in der Stadtbibliothek niemand erinnern.)
Im Antiquariat Misan in Triest, Fundgrube für meine eigene kleine Triestiner Bibliothek, hatte ich inzwischen den dritten Band der oben erwähnten Trilogie erworben, Notte sull’Istria, 1958 herausgegeben vom Movimento Istriano Revisionista; in Zeiten des sogenannten Kalten Krieges waren die Fronten verhärtet, zigtausende Italiener hatten Istrien verlassen (nach der Unterzeichnung des Pariser Friedensvertrages am 10. Februar 1947, auf den der 48. Geburtstag der Dichterin fällt, als Istrien an Jugoslawien fiel und Triest vorübergehend zur ‚freien Stadt‘ erklärt wurde). Sie alle waren zu esuli geworden, zu Flüchtlingen, Menschen, wie seit jeher, Opfer der ‚großen‘ Politik. „Nostalgia e dolore, tu li comprendi“, „Nostalgie und Schmerz, Du verstehst sie“ stand in diesem Exemplar als Widmung für einen (mir) Unbekannten in Gallis gestochener Handschrift, die bis ins hohe Alter die gleiche blieb.
Als ich diesen Band zum ersten Mal las, wusste ich nicht, dass das Drama der Foibe auch ihre eigene Familie erfasst hatte, ihr Bruder und ein Schwager Opfer einer grausamen Rache geworden waren, die auch unschuldige Menschen nicht verschonte:[1]„Du bist jetzt ein Schatten/ auch in meiner Erinnerung“, beginnt das Gedicht „Fratello“, in dem es gegen Ende zu heißt:
Man hat mir gesagt, sie haben euch hingestellt
an den Rand eines Steilhangs
– Gott hatte seine Hand zurückgezogen –
Tief unten plätscherte das Wasser.
Der Horizont war noch immer prächtig
über den duftenden Buchen.
Mit der Maschinenpistole haben sie euch niedergemäht
Am Ufer des Aurania.[2]
Autorin von Vita di mio marito und Dichterin der Nostalgie
1942 machte Lina Galli der Witwe von Italo Svevo, mit der sie befreundet war, den Vorschlag, eine Biografie über ihren Mann zu verfassen – was diese ‚begeistert‘ aufgenommen haben soll. Vita di mio marito erschien 1950 in dem von Anita Pittoni gegründeten Verlag Lo Zibaldone; als Verfasserin fungierte Livia Veneziani Svevo und darunter war in Klammern vermerkt: „Stesura di Lina Galli“, „Fassung von Lina Galli“. Was jahrzehntelang nur als Mitarbeit gegolten hatte, sollte erst vor wenigen Jahren durch die akribischen Nachforschungen der Triester Literaturwissenschaftlerin Daniela Picamus bewiesen werden: „Die Biografie von Svevo war von der Ehefrau gewollt, wurde aber gänzlich von Lina Galli strukturiert und geschrieben.“[3] In den langen Listen von Fragen, die die ‚Mitarbeiterin‘ an die Witwe stellte, befindet sich auch diese: „Was wurde aus der Übersetzung von Senilità von Piero Rismondo? – sowie die Antwort von Livia Veneziani Svevo: „Die Übersetzung von Piero Rismondo ist in Wien vor dem letzten Krieg verloren gegangen“.[4]
Noch in Parenzo hatte Lina Galli Nike Clama kennengelernt, die in der Pension ihrer Großmutter wohnte und in der dortigen Scuola elementare ihre Kollegin war. Nike Clama war 1896 in Graz geboren, „di padre icognito“, „Vater unbekannt“, wie es in den Dokumenten hieß; Lina Galli erzählte mir, dass er ein „nobile tedesco“ – womit ein Österreicher gemeint war – gewesen sei. Nike hatte in Graz die Universität besucht und sprach fließend deutsch (verfasste sogar eine Grammatica di Lingua tedesca); ihre Heimat war jedoch Istrien, von wo ihre Mutter stammte. So wie Lina Galli selbst, hatte sie erste Gedichte in der Görzer Zeitschrift Squille isontine veröffentlicht. Die beiden Frauen blieben ein Leben lang eng befreundet, und als Nike 1962 starb, gab Lina in den folgenden Jahren einige Bändchen mit Nikes verstreuter Prosa heraus (und widmete ihr u.a. das schöne Gedicht „Sei fuggita“, „Du bist entflohen“).
Gemeinsam mit Nike und einer anderen Freundin, der Dichterin Maria Milcovich Oliani (deren Leben 1941 durch Selbstmord endete), nahm vor allem Lina früh am literarischen Leben der Stadt Triest teil; schon 1933 veröffentlichte sie eine Rezension von I nostri simili des jungen Schriftstellers Pier Antonio Quarantotti Gambini (geboren 1910) und wurde nicht müde, auch nach seinem Tod (1965) immer wieder die Erinnerung an den Freund, der so wie sie aus Istrien stammte und mit dem sie die Liebe zu der ‚verlorenen Heimat‘ verband, wachzuhalten.
„Du bist meine Stadt der verschwiegenen Worte/ im Netz der verlassenen Straßen/ und jener lebendigen im Getöse“ beginnt „Città-Acipelago“, das 1968 in La mia città di dolore, einer erweiterten Sammlung ihrer Triest-Gedichte, aufgenommen wurde. Eine Stadt mit vielen in sich geschlossenen Inseln und Inselchen, mit Gegensätzen, die oft hart aufeinanderprallen, mit Menschen, gefangen „in contorti conflitti“, „in verworrenen Konflikten“. Eine Stadt, die jedoch immer wieder neu ist, „mit ihrem Wind/ und den weißen Felsen mit dem Fuß im azurblauen Meer“: der Wind, das Meer, und der Himmel über Triest – das sind Tröstungen, die die Dichterin über alle Unbilden hinweg unermüdlich zu variieren weiß – selbst als sie schon in ihre letzte Jahreszeit, in den „Winter des Lebens“ eingetreten ist. Doch da war bereits eine neue Zeit angebrochen, die nicht mehr die ihre ist, in der die Generationen auseinanderdriften, „die Stimme der Menschen/ metallen geworden ist/ nur mehr Ziffern skandiert.“ Die Dichterin notiert auch den Beginn dessen, was uns erst Jahrzehnte später mit voller Wucht treffen wird, die Zerstörung der Umwelt, den Verlust von Solidarität und Empathie.
Gerade in ihren Altersgedichten hat Lina Galli einen seltenen Höhepunkt erreicht, ist ihre Sprache immer konziser, lapidarer, treffender geworden. In kleiner Auflage, aber sorgfältig editiert, erschien 1989, noch zu Lebzeiten der Dichterin, ein letztes Buch, I Sogni.[5] Darin sind 55 Traumnotizen versammelt, Fragmente aus ihrem Leben, verwandelt wiederkehrend, in poetischen Stenogrammen beschrieben: „Mein zerstörtes Haus ist noch da/ Die Fassade ist neu gemalt/ die Fensterscheiben glänzen.“ An Bilder von Giorgio de Chirico mag man bei der Lektüre von „La città“ denken, ein surreales Triest, in dem die Träumende durch antike, verlassene Straßen wandelt, in denen sich architektonische Versatzstücke „multiplizieren“, als ob die „Mauern sich selbst gezeugt hätten“.
Als ich Lina Galli im April 1992 in der Casa di Riposo Anna in der via San Lazzaro besuchte, war ich zutiefst bewegt von der Aufnahme, die sie mir dort bereitete: Obwohl ihr Leben auf wenig mehr als auf ein Bett reduziert war, das in dem Mehrbettzimmer nahe an einem Fenster stand, und ihren Blick nur mehr auf den Himmel über der belebten Piazza Goldoni frei gab, hatte sie sich auf dieser Insel ein letztes poetisches Reich eingerichtet, in dem sie, einer alterslosen Fee gleich, noch immer Gedichte schrieb. Aus diesem Reich schickte sie mir danach noch drei Gedichte über jene Orte, die ihre Schicksalsstädte waren: „Parenzo“, „Trieste“, „Venezia“; letzteres sei noch unveröffentlicht, hatte sie dazu notiert; die erste Zeile lautet(e): „Nella tua bellezza la morte.“ „In Deiner Schönheit der Tod.“ Als hätte sie vorausgesehen, dass ein außer Rand und Band geratener Tourismus eines Tages im Begriff sein würde, ‚ihr‘ Venedig zu zerstören, „sommergersi“, untergehen zu lassen.
Es wäre hoch an der Zeit, aus dem umfangreichen Nachlass von Lina Galli auch ihren Briefwechsel mit den (nicht nur inzwischen berühmten) Mitgliedern (und nicht nur) des „Archipels Triest“ herauszugeben; ihre, in so vielen Zeitungen und Zeitschriften verstreute Prosa über Persönlichkeiten und Orte in ganz Italien; und, endlich, auch einen Band mit einer Auswahl ihrer Gedichte in deutscher Sprache.
Lina Galli
Gedichte ausgewählt und übersetzt von Ilse Pollack [6]
10. Februar 1947
Finsterer Februar
gepeitscht vom Wind.
Zu jener Stunde
hörte man Schreie.
Aus den Schlünden
erhoben sich fleischlose Arme
taumelten fluchend
fluchend.
Ähnlich wie die Ermordeten
schwanken stumm die Lebenden:
zu Stein geworden jedes Gesicht.
Die Häuser atmen nicht mehr,
der Himmel ist begraben im tiefen Meer.
Erschöpft biegt ums Eck ein vorsichtiger Mensch.
Es ist ein Überlebender, und er zittert.
Esuli – Die Geflüchteten
An Bord des Schiffes, von Pola getrennt
dachten sie angstvoll an die Städte
die sie erwarteten.
Aus ihrer Heimat gerissen
die an bildschönen Küsten vorüberglitt
auf ein unbekanntes Morgen zu.
In Venedig empfängt sie ein Schwarm von Leuten
mit abweisenden Schreien, verweigert ihnen Nahrung
und in Bologna kann der Zug nicht halten
wegen der feindseligen Menge.
Die Kinder schauen verwirrt um sich.
Die Eltern können ihnen nichts mehr geben.
Das Morgen – ein Albtraum.
Die Italiener empfinden sie nicht als Brüder
sie sind Leute, die es abzuweisen gilt, Geflüchtete.
Diese betrachten alles stumm
mit weit aufgerissenen Augen
in denen die Tränen stocken.
Zum Schmerz, alles verloren zu haben
kommt dieser neue Schmerz hinzu.
Ganz leise sprichst du mit den Toten
Jetzt wehen von den Bergen
die grausamen Winde, es stöhnen die Pinien
gekrümmt über dem Meer
unter dem Dach der grauen Wolken.
Vater, weit weg, lebender und verlorener Vater,
so alt sehe ich dich und kenne nicht
dein letztes Gesicht.
Zusammengekauert in der stillen Küche
neben dem Feuer,
gegenüber dem Feuer, das dir den Frost nicht vertreibt.
Die Kälte schneidet in die gipsernen Knochen
und du wartest und wartest, und schaust doch nicht hin zur Schwelle
denn niemand wird kommen.
Dein Blick folgt dem Licht, das sich von den Dächern zurückzieht
wie in dir selbst.
Ein rötlicher Fleck auf den Hügeln
zwischen den segelnden Nebeln, und die Krähe fliegt auf.
Das ist die Saison! Erinnerst du dich wie du
die roten Bracken herbeigepfiffen hast?
Unter deinen Stiefeln knirschte fröhlich der Frost.
So stumm sehe ich dich und kenne nicht
deine letzte Stimme.
fange ein fernes Echo nur auf.
Ganz leise sprichst du mit den Toten
und zählst die Zeit:
von Weihnachten bis Ostern.
Hinter deinem weißen Nacken
schlägt die alte Pendeluhr die Stunden
eurer entwurzelten Existenzen
und immer schwerer wird das Herz
im bleiernen Strudel der Tage.
Anders ist jenes Meer
Unruhig wittert der Verbannte die Luft
und sucht nach einem verlorenen Geruch.
Wer vergisst die heiteren Segel
in der leichten Brise des Südwinds,
und das Rollen der Karren
wegelang um den Weinberg?
Wer vergisst die engen Gassen vertieft
in das Summen des Nachmittags
und auf den Schwellen das Geflüster der Alten
im violetten Feuer des Abends?
Jedes Land, jede Stadt ist fremd –
anders ist jenes Meer, anders ist jener Wind.
Wo ist mein Laut? Wo ist mein Hügel?
In Parenzo
Ich bin gekommen um zu suchen
was ich verloren habe.
In meiner Erinnerung stand es fest.
Unter unwissenden Leuten
finde ich eine Menge Schatten
und die Leere, das Meer, den Wind.
Svevo
Du kehrst zurück mit den runden, freundlichen Augen
den schwarzen, im gelblichen Gesicht.
Du trägst „Melone“ und gehst wie ein Kaufmann
durch die Straßen von Triest wo die Kutschen widerhallen.
Niemand weiß von deinem „stillen Leiden“.
In Gedanken versunken, hält dich ein verborgener Fluss
ab von den kleinen Dingen des Zufalls.
Du denkst nicht an deine Erscheinung
an dein vagabundierendes Gehen.
Bei der prächtigen Villa, dem bequemen Gefängnis
nimmst du die übliche Haltung an.
Hier ist es wichtig zu lachen, zu lachen wie Chaplin:
die Frauen erwarten dich, neugierig,
lachen vor den zerstreuten Enkeln.
Nicht einmal du weißt in deiner Doppelbödigkeit
was die Wahrheit ist.
Gierig umklammerst du die Zigarette
gestattest dir ein Nickerchen.
Du rauchst, rauchst und verbrennst dich innerlich.
„Die letzte“ bettelst du, bevor du stirbst.
So sehr hast du den Tod gefürchtet, und dann kam er still und sanft.
„Weine nicht, Letizia, sterben ist gar nichts.“
Noch immer schmerzten die langen Jahre des Schweigens.
Die Geige, ach, ein Komplize!
Ein grausames Schweigen hattest du dir auferlegt
und dich verletzt.
Straßen bei Nacht
Auf Bürgersteigen gehe ich
über die müden Abfälle des Tages.
Der Nacht fehlt der Atem des Geheimnisses
das mich mit dem verlassenen Meer verband.
Ich suche es an den Ufern wo traurig sind
die Augen der Kinder gerichtet auf ein Meer
das dicht wie Pech nicht zu atmen scheint.
Ach, könnte ich die Traurigkeit ändern
den Himmel des Exils in schwarzer Nacht.
Tagsüber täusche ich mir einen Bodensatz an Beschäftigungen vor
während meine Träume ins Schleudern geraten.
*
Immer neu bist du mit deinem Wind
und den weißen Felsen mit einem Fuß im Blau.
Freudenspenderin scheinst du zu sein jedoch
wirbelst du ständig aufrührerische Seelen durcheinander.
Der Winter des Lebens
Die tiefsten Gedanken
nehmen mich nicht an der Hand.
Schläfrig hänge ich
ein müdes Blatt am Zweig.
Ein Rest in der irdischen Zeit.
Ein Schritt, der sich entfernt.
Nichts reißt mich aus dem Fluss der Dinge
keine Erinnerung an mein heimliches Brodeln.
Nur im Traum gehe ich ständig
steige Stufen, steile Pfade
wohin weiß ich nicht.
Ist das der Winter des Lebens?
Und doch gibt es immer noch
das endlose Lauschen.
Im Traum
Sie kommen im Traum
die vergessenen Tage.
Aus dem Unbewussten blühen sie wieder auf
die verlorenen Geschöpfe,
die verletzten Augenblicke, die unmöglichen Erwartungen,
die verbotenen Vereinigungen.
Aus einem Durchgang schießen Forderungen,
Blicke von Verdammnis, von enttäuschter Liebe.
Die Verschwundenen tauchen auf
in verwandelten Häusern, in unbekannten Landschaften
auf steilen Stufen, wir suchen sie
auf einstürzenden Korridoren.
Im Traum erfüllt sich
was uns nicht gewährt worden ist.
Unaufhörlich sickern sie durch
diese Erinnerungen, verborgen
im vermeintlichen Leben.
Zwei sind wir in einem.
Verlangen
Diese herabstürzende Lawine
ach, sie aufhalten können!
Wie ein Geizhals die Münzen zählt
festhalten können die verbleibenden Tage.
Ein Wort
Ein Wort:
„Tod“
und ich werde nichts als geträumt haben.
Ilse Pollack
Anmerkungen
[1] Mit dem italienischen Wort Foibe, abgel. von lat. Fovea, fossa, werden unzugängliche Höhlen im Karst bezeichnet. Der Begriff Foibe-Massaker bezeichnet brutale Kriegsverbrechen, die im und nach dem Zweiten Weltkrieg von jugoslawischen Partisanen an Italienern aus Rache verübt wurden, v.a. in den istrischen und dalmatinischen Küstengebieten. Vgl. dazu z.B. Cristin, Renato Hg. 2007, Die Foibe. Vom politischen Schweigen zur historischen Wahrheit/Foibe. Dal silenzio politico alla verità storica. Berlin u.a.: LIT.
[2] Nur wenige Orte wie das istrische Aurania/Vranja haben durch die Operationen der Partisanen Gewalt und Hinrichtungen erlitten, so betont Dario Alberti 1997 in seiner Monographie Istria. Storia, arte, cultura. Trieste: Lint.
[3] Daniela Picamus, bei der ich mich für die elektronische Übermittlung ihres 2014 publizierten Textes bedanke: La stesura di Lina Galli di ‚Vita di mio marito‘ di Livia Veneziani Svevo. In: Giorgio Baroni/Cristina Benussi Hg., L’esodo giuliano-dalmata nella letteratura. Atti del Convegno internazionale. Trieste, 28 febbraio-1 marzo 2013. Pisa/Roma: Fabrizio Serra Editore, 103-109.
[4] Der in Triest geborene und in Klagenfurt gestorbene Schriftsteller Piero Rismondo (1905-89) hatte bereits 1929 seine Übersetzung von Zeno Cosini publiziert; Senilità wurde in seiner Übersetzung unter dem Titel Ein Mann wird älter im Jahr 2000 im Wagenbach Verlag veröffentlicht.
[5] Galli, Lina 1989, I Sogni. Trieste: Edizioni Triestepress (mit einem Porträt der Dichterin von Marcello Mascherini und einem Vorwort von Licio Damiani).
[6] Die Gedichte stammen aus folgenden Lyrikbänden von Lina Galli: „10. Februar 1947“, „Esuli“, „Ganz leise sprichst du mit den Toten“, „Anders ist jenes Meer“. Aus: Notte sull’Istria. Poesie. Pola: L’Arena di Pola, 1958. „In Parenzo“. Aus: Eppure ancora un mattino. Padova: Rebellato Editore, 1973. „Svevo“, „Straßen bei Nacht“. Aus: Mia città di dolore. Poesie. Trieste: Società artistico letteraria, 1968. „Der Winter des Lebens“, „Im Traum“, „Verlangen“, „Ein Wort“. Aus: Il tempo perduto. Milano: Istituto propaganda libraria, 1986.


