Fische

Eins

Vielleicht kann ich heute froh darüber sein, mich bei bestimmten Dingen zurückgehalten zu haben. Der Abstand zu dem, was wir gemeinhin die Realität nennen, hat in mir eine Art des Wirklichkeitssinnes geschärft, die in der heutigen Zeit rar geworden ist. So bin ich nicht den Sinnestäuschungen der Technik erlegen, halte ein Lederfauteuil bis heute für ein solches, sobald es in meinen Besitz gelangt und ich das feste und doch angenehm nachgiebige Material mit meinem Körper forme. Viele Dinge jenseits des Horizontes lassen sich erforschen, doch Meinungen und Messergebnisse gehen zuweilen unkeusche Verbindungen ein.

Glauben Sie an Astrologie? Ich finde es durchaus sympathisch, den Charakter hiernach ein wenig zu prüfen. Ich zum Beispiel bin Ende Februar geboren. Mein Sternzeichen ist somit Fische und es hat für mich nichts Verwerfliches, dass ich Nachmittagsessen mit Sushi unter blassblauen Himmeln in Lokalen bevorzuge, deren Tische glatt und abwaschbar sind. Zudem sagen meine weiblichen Bekannten seit Jahren ähnliche Sätze, sobald sie mich bei irgendeiner Gelegenheit ihren Freundinnen vorstellen. Sie sagen: „Das ist Bryan, ein typischer Engländer, nicht nur im Winter blass und – ja, es stimmt – Sternzeichen Fische.“ Viel mehr ist nicht nötig. Mit der Zeit habe ich gelernt, dass wenige Worte zur Unterhaltung ausreichen. Wo es bedeutsam für mich werden kann, informiere ich mich – notgedrungen, so über die Bewässerungssysteme in Gewächshäusern oder über die Intelligenz von Kraftfahrern. Denn wenn man nachts mit ausgestrecktem Daumen an einer Autobahnausfahrt steht, hängt von ihrer Fahrweise das Überleben ab.

Zwei

Mein Gott, Bryan. Glatt und bleich wie ein Sandfisch ist seine Haut – Sandfische, Echsen, die durch den Wüstensand gleiten können wie Fische durchs Wasser. Im Vorgarten hat Bryan Tulpen angepflanzt. Zu seinem Geburtstag. Auch aus Einsamkeit, vermute ich. Rote Tulpen mit einer gelben Innenseite und einem schwarzlila Stempel. In seiner Wohnung vermeide er künstliches Licht, meinte er mittags in der Suppenbar im Kreis der Kollegen. Weil die Künstlichkeit ihn stört. Das Dunkel gebe dem Ganzen Heiligkeit. Ob er kirchlich sei, fragte ihn der Barbesitzer. „Ich glaube an etwas Gravitätisches und Erhabenes, das über spitze Türme, ovale Fenster oder die entsprechende Höhe verfügt“, entgegnete Bryan.

Ich habe nach diesen Sätzen meine Suppe sehr langsam zu Ende gelöffelt. Sie schmeckte anders als ich erwartet hatte. Bryan las die Morgenpost, die zerknittert war wie immer. Ich vermute, er las gar nicht. Alle warteten nur auf mich, und als ich den Teller von mir schob und die Rechnung beglich, sagte ich der Bedienung, die Suppen seien nicht ausreichend beleuchtet. Erst im Tageslicht, am Fenster sitzend, hätte ich die roten Beete erkannt. Nur Bryan grinste, die anderen verstanden oder hörten es nicht. Das Suppenbuffet lag hinter ihnen im Dunkeln.

Drei

Constanze mag mich nicht. Ihre Art, in der sie Sätze zu mir sagt, bestätigt mir das. Sie rührt sich nicht beim Essen, sie isst wie eine Schnecke, ich meine, in solch einem Tempo. Die Kollegen sagen, mach dich nicht verrückt. Constanze selbst lächelt nur. Pflückt sich die Tulpen in meinem Vorgarten, streicht mit ihnen über das schwarzlackierte Eisen des Gartentors und ich lasse sie ihr. Das übrige Grün decke ich mit Erde zu. Vielleicht stellt sie irgendwann eine von ihnen in eine Vase, die sie in meiner Spüle findet oder in einem meiner vielen Schränke. Jetzt sitzt sie mir gegenüber und schreibt reihenweise nichtige Meldungen, während ich lese und analysiere. Im Schreiben ist sie aktionistisch wie sonst nie. Sie streift meine Beine mit ihrem Hosenrock beim Gehen, aber sie hält diskreten Abstand zu meinem Körper, wenn unsere Füße sich treffen unter den Tischen. Sie trägt Kopfhörer und schreibt, schützt ihre Ohren und macht mich zu einem stummen Fisch. Nur die Spitzen meiner Schuhe berühren ihre Winterstiefel. Sie hat anscheinend noch nicht bemerkt, dass die Außentemperatur über Nacht um zehn Grad angestiegen ist.

Sergej Jessenin – 1924

Gehen wir unmerklich nun davon nach
Jenem Lande, wo die Ruhe als Erfüllung ist.
Möglich, dass auch ich in Bälde
Meine Siebensachen packen muss.

Meine lieben Birkenstämme! Dickicht –
Du bist Erde! Ihr – der weiten Ebenen Schlaf!
Angesichts des in die Ferne Schreitens dieser
Menge fehlt die Trauer zu verbergen mir die Kraft.

* * *

Gedanken aus der Sägemühle

Was soll ich dort, wo ich hin will!
Ich fahre trotzdem weiter.
Das Gras erzitterte…
Ob es einmal gut wird, dort?
Zunächst Übungen,
Was will ich dort, wo ich hin soll?
Ich fahre erstmal weiter.
Trotz alledem!

***

Als Mühlrad dann wie Müller sein,
Shakespeare-Kleksographie
Kafkaschen Ausmaßes
Gesungen unterm
Rauschen des Wassers
In den Cobble Stone Gardens
Ewiger Kindheit trotz alledem!
Dort unten…

Robinson Crusoe (6)

Die Sprache der Tiere, die Zeichen im Wald

Mit dem Himmel erwachten die Stimmen zum Leben.
Ihre Körper durchstöhnten die Phantasie.
Ihre Leiber versuchten Antwort zu geben
Auf die Fragen des Suchenden wer, wo und wie?
Erst waren die Körper nur in Gedanken zu sehen.
Die Gestalt offenbarte sich gleich oder nie.
Später dann begannen sie Wege zu gehen,
Und was sprechend im Schilf sich verbarg, waren sie.

Ballade vom verlassenen Schiff – Wladimir Wyssozkij 1971

für Andreas

An jenem Tag wurde selbst der Käptn geduzt
Und der Schiffsjunge galt ihm gleich an Talenten,
Mit gestrecktem Rückgrat und zerfetztem Verband
Hingen die Matrosen in den Wanten.

Die Türen unseres Verstandes
Aus den Angeln gerissen
Zu den Ufern voller Wunder,
Wie eingetaucht in ein Bett

In die ewig gewünschten und verheißenen Länder –
Die magellanischen und kolumbianischen.

* * *

Winde trinken mein Blut
Und durchqueren mein Holz
Gerade vom Bug bis zum Heck,-
Zerren Winde an mir:
Und ich stehe im Wind
Jeden Tag, jede Nacht,-
Der hinein in die Seele
Nägel treibt mir mit Macht,
In die Seele hinein…

Vor dem Radwechsel

* * *

Vier Bretter sah ich fallen,
Mir ward’s ums Herze schwer,
Ein Wörtlein wollt‘ ich lallen,
Da ging das Rad nicht mehr.

Robinson Crusoe (5)

Allein im Paradies

Das Meer hebt seine Wellen an den Strand.
Ihr Rauschen schiebt sich in die Worte.
Im Denken schäumt noch Untergang.
Das Träumen findet keine Orte.
Der Hunger zeigt sich als Bewegung.
Zähne ertasten süße Früchte.
Wasser bricht auf, wenn alles schwindet.
Ein Himmel steht und spricht zu mir.

20.1.1914 – Innerfaltfilm Zwei

Von China her weht
Warmer Wind gen Westen: Die
Temperaturen um den Gefrierpunkt
Lassen ein Mutterherz sieden.

Erste rasselnde Stimmen in
Der Tanne hinterm Haus
Zwitschern ihr Sarajevo.

Das Vollkommene aber
Hat keinen Anfang:
Edel, hilfreich und gut
Wird es selbst Jahrzehnte später
Noch einen Tornister ganz ausfüllen –

Mit den Leiden des Herzens,
Mit den Füßen im Schnee –

Was kaum einer mehr
Erinnert: Im Walde von
Combiegne saß unsichtbar
Ein Chinese mit am Tisch,
Einen Füllfederhalter im Jacket.

Gedicht über Bäume

Der Blitz kam vom Himmel herab.
Ein Körper flammte auf: Viel später
Wird man diesen Vorgang
Mit dem Widerstand des Einzelnen
Gegen das universale Fließen
In den vorgezeichneten Bahnen seiner Bewegung
Erklären. Nichts ist erklärt. Nichts.

Der Wald stand in Flammen.
Was Beine hatte nahm sie in die
Hand: Heute ist die Bekleidungs-
Industrie ein gutes Stück weiter –
Der Mann im Asbestanzug
Lenkt seine Schritte einfach
In das Feuer, in das Feuer mitten hinein.

Bäume wurden zu Rauch, Rauch wurde zu Nichts.
Nichts füllt den Raum zwischen Sonne und Erde.
Der Staub tanzt im Nichts, wo die Kälte
Froh sein sollte über jeden Pimpf
Makroskopischer Bewegung. Aber die Kälte
Ist nur die Kälte und hat keine Ahnung
Vom ewigen Prinzip, ewigen Prinzip.

Leben ist ewige Bewegung. Ewig die Worte
Beim Sprechen. Ewig auch das Verstummen.
Die Blitze zucken durch ferne Gewitter,
Die Luft strömt unaufhaltsam
In den vorgezeichneten Bahnen des Druckausgleichs,
Zwischen Himmel und Erde nur ewige Bewegung.
Und die Bäume? Die Bäume? Die?

Die Welt der Asbestanzüge gerät nicht mehr
Ohne Weiteres in Brand: Das Zeitalter der
Abgezogenen Felle gehört der Vergangenheit an.
Auch die Zukunft gehört der Vergangenheit an,
Wo alle Winde ruhen. Die 3-K-Hintergrundstrahlung
Beweist, dass das All eine Seele hat; der Mensch
Hat sich aus diesem Gedicht bewusst herausgehalten.

Robinson Crusoe (4)

Die Elemente: Blitz, Donner, Welle, Sand

Bedrohlich, wie es schwankt!
Das Meer bäumt sich gen Himmel;
Zerrissen in zwei Hälften
Zuckt eisiges Licht hernieder:
Über dem Rollen der Wellen noch
Das Grollen in der Luft.
Tief auf dem Grunde –
Wie still muss es da sein..!

Temperaturen

Dieser Winter hat etwas Ewiges : Schnee
sträuselt durch den gelben Lichtkegel
der Straßenlaterne herab : der Abend
ist eine historische Fotografie im Sepiaton : was kehrt
noch zurück : aus welcher Zeit : die aussterbenden
Dinosaurier des staatsmonopolistischen Kapitalismus : längst
totgesagt von unseren toten Genossen : Lenin
& Stalin & Bucharin : die chronisch autokannibalistischen
Linken : sie kehren wieder mit der anhaltenden
Kälte dieses Winters : was wissen
wir schon von der Zukunft : was wissen wir
von der Temperatur

6.2.2000 – Innerfaltfilm Eins

Der Stein mit dem Auge,
Genannt Hühnergott,
Konnte einmal fliegen:
Emporgeschleuderter Körper kraft innerer Bewegung
Drängt in die Ferne.

Drei Lungen unter Wasser.
Im Herzen zuckend letztes Lächeln,
Das Brot im Kopf zerfällt zu Teig –
Nun wird es wie es war.

Nichts ist mehr wie. Die Bänder
Zwischen Kopf und Herz
Vibrieren
Kraft Trägheit durchquerter Luft.
Nichts bleibt –

Der Gott mit Loch
In der Mitte
War nur ein Mensch
Unsichtbaren
Herzens – Herzen
Irgendso ein Alexander,
Segelnd unter falschem Namen.

Robinson Crusoe (3)

Schifffahrt nach Plan und Regeln

Wir reden hier nicht über Geld,
Alle segeln in die gleiche Ferne.
Jeder lebt in seiner Welt,
Manche Dinge tu ich gerne, gerne:
Im Ausguck hab ich den weitesten Blick.
Der Kapitän ist ein Meister des Schweigens.
Vor seinem Blick gibt es kein zurück.
Nachts mach ich mir seine Instrumente zu eigen.

Biologie

orange-300.jpg

Seine Beine sahen aus wie die einer Giraffe, so unbeholfen lang und dünn, wenn er tanzte. Die Anzüge, die sie ihm geschneidert hatten, waren für ihn zu weit, an Armen und Beinen zu kurz. Weiße Socken trug er dazu und schwarze Schuhe. Und ständig musste er aufpassen, dass er sein Haar nicht derangierte. Seine Gesten gaben ihn der Lächerlichkeit preis. Doch sein Gesicht war ihr Typ, ihr Herz eine Thermokanne. Bevor er Geld verdiente, trug er ausgeleierte V- und Rollkragenpullover, billige Secondhand-Klamotten, weiße Hemden mit unmöglichen Figuren bestickt. Damals, als er ein schüchterner, pickliger Junge war.

Sie hörte ihn reden mit leiser Stimme, als müsste er sie für später schonen, sie meinte, er hätte da etwas an den Nebenhöhlen und vielleicht schiefe Zähne. Ihr fiel auf, dass seine Stirn ein wenig glänzte und seine Unterarme im Vergleich zum restlichen Körperbau zu kräftig waren. Offenbar wirkte sich der Sport, den er trieb, nicht auf alle Muskelpartien gleichmäßig aus. Woher nahm der picklige Junge seine Vision und schaffte es, über seine Schwächen hinweg zu spielen, so als sei diese naive Schuljungenhaftigkeit der beste Weg, sich anzupreisen? Ihre Liebe zu ihm war noch durchlässig. Körperlos. Geruchlos. Ohne Schweiß und das Schnarchen neben ihr. Ohne Pyjamas.

Verstummte & vermummte

Kurze trennungen beleben die liebe
Lange trennungen lähmen sie
Dachte ich bis heute : liebe leute
Liebe läutend : hielt ich das telefon ans ohr
& hörte deine vor : würfe : kaum
Hatte ich den hörer empor : gehoben
Da raschelte es : klagte es : ich
Verstummte & vermummte mich
Bin das ich : meinst du mich
Dieser fiese freche grobian : sieh mal
in den spiegel : du bists
Hälst dich mir vor : daß ich nicht
Wiedererkenne : wer das ist : ich
Wir entkommen der falle nicht : keiner
Nicht : alle : die langen werden
Kurz & die kurzen lang : es bleibt
Der drang

Alte Sünden (Reprise)

für Matthias

– Quantentränen in Kadmiumträumen ohne Erinnern woran und wozu. Beschleunigung auf annähernd Sinnlosigkeit. Mit der Lichtgeschwindigkeit einer welken Tomate allein im großen Garten, wo die Wüstennacht endet. Neue Messungen. Black Box im Geschenkartikelformat. Unter Lampenschirmen erhellt, im Oberlicht schwimmend. Wenn die Temperaturen aus den Dünsten der Meßfühler steigen, ganz als sei alles Maß und Zahl. Und es träumt.

– Wie?

– Sinnlosigkeit. In den Tränen eingeschlossen die Worte. Insektenbeine, Mäusekrallen und das vollständige Sortiment der magischen Insignien. Unter Flutlichttürmen erklingt wieder das große Krabbeln. Kunstwelt, Fensterglas – alles das: Nur der Schnee gibt noch Nachricht vom Vergessen.

– Nein, das lügst du dir jetzt aus der Tasche.

– Eine Straßenbahn rattert durch die Wüste und quietscht vor jeder Wanderdüne den Mond an. Und der Chor der bellenden Hunde, die das Kraftwerk bewachen. Das ist ein Reaktor, gebaut aus dem Teer dieser grübelnden Form. In den Lampen brodelt der Tod. Zutaten aus Hoffnung und Wahnsinn. Kein Papier, nur das Flackern der Leuchtdioden. Und die Lämmer blöken wie eh und je.

– Aber das ist ja der Wahnsinn!

– Hinter den Mauern der Meldestelle feiern Trinker ihr Fest. Erst wenn die Worte versiegen, senkt sich der Schlaf auf die Wüste: Mein Polarfuchs, mein Liebling, mein Herz – Faulenzer von Gottes Gnaden. Hinter der Umzäunung aber hängt der Fahrplan. Flackerndes Zwielicht. Neue Messungen. Sinnlosigkeit. Datenströme zur Meldestelle. Eine Straße, da die Wüste axialsymmetrisch aus sich herausquillt. Harakiri vor neuen Ufern, geronnen zu Bernstein. Und Quantentränen in Kadmiumträumen unter gigantischen Flutlichttürmen. Das ist ein Reaktor, ich will mit ihm die Meere befahren auf dem Teer meiner grübelnden Form.

– O Käptn, mein Käptn!

– Bitte nicht. Der Darm verschlingt sich dabei immer so eigenartig. Nach drei Wochen ohne Blickveränderung kommen einem die unverhofften Gedanken vor wie Albatrosse, die außer Hörweite an der Insel vorbeifliegen. Du fängst an, deine Ödeme zu duzen. Zwischen dir und deinem Körper nichts weiter als grauer Matsch. Kultur. Wenn der Arsch ein Mensch wäre, würde man ihm den Mund verbieten. Aber er lässt sich ja nichts mehr sagen.

Robinson Crusoe (2)

Abschied: Aufbruch in die Welt

Die Wolken fallen mir auf den Kopf.
Die Wände kommen auf mich zu.
In meinem Schlaf öffnen sich Türen,
Ich weiß nicht wohin.
Lebt wohl, liebe Eltern!
Dieses Schiff ist mein.
Irgendwann komme ich wieder,
Wegen mir müsst ihr nicht traurig sein.

Ossip Mandelstam, 20.01.1937

Wie irgendwo die Erde ein Stein vom Himmel weckt
Fiel filigran ein Vers, kennt seinen Vater nicht:
Das Unerbittliche – Fundstück für den Dichter –
Kann nicht anders sein, niemand weist ihn zurecht.

Robinson Crusoe (1)

Die Eltern erziehen das Kind

Geboren aus der Rippe seiner Mutter
Erforschte er den Rand des Lächelns;
Verwickelt in die Stimmlagen des Vaters
Machte sich von allem er ein Bild:
Wozu sind diese Dinge da?
Wie heißt der fremde Fleck dort drüben?
Warum sind manche Menschen böse?
Wie sieht es aus am Ende der Welt?

Wieder : in pluderhosen

Katzenduft in wurzen
Rausschmiß in riesa
Verspätung in waldheim
Kurzer aufenthalt in leipzsch
Schon ist die reise vorbei

Wir sehen uns wieder : in pluderhosen
Wir riechen uns wieder : vorm abtritt
Wir hören uns wieder : in der telefonleitung des chefs

Dein talent ist respektlosigkeit
Mein talent ist provokation
& du bist beleidigt (was unterstelle ich dir)
& ich ticke aus (wie du mich ärgerst)

Wurzen, riesa, waldheim,
Leipzig, berlin : nirgendwo
Sind wir zu hause : überall
Gehn wir hin & hinüber

Ossip Mandelstam, 09.01.1937

So lächle doch, zorniges Lamm, von Raffaels Leinwand!
Die Lippen des Universums darauf sprechen schon ihren Einwand…

Im leichten Hauch der Hirtenflöte löse das Leid der Perlen auf –
Festgefressen in seiner Hülle hat sich das ozeanische Blau.

Farbe geraubter Seele in lichtloser Höhle zerrüttet,
Falten stürmischer Ruhe über den Knien verschüttet.

Auf dem Felsen härter als trockenes Brot – die Stöckchen des Waldes sacht,
Und es schwimmt von den Rändern des Himmels her eine reizend-entzückende Macht.

Die Wiese

Ein Schritt, und der Fuß versinkt im Boden, der Wind stellt das Wehen ein und die Sonne steht hinter eigenem Licht. Noch ein Schritt, etwas knistert, eine Böe löst einen trockenen Halm. Ein Blick nach rechts: Dunst. Ein Schritt zurück, ein schräger Stein, ein Schattenfleck, eine Quelle.

Robinson Crusoe. Metapoem

1. Die Eltern erziehen das Kind.

2. Abschied: Aufbruch in die Welt.

3. Schifffahrt nach Plan und Regeln.

4. Die Elemente: Blitz, Donner, Welle, Sand.

5. Allein im Paradies.

6. Die Sprache der Tiere, die Zeichen im Wald.

7. Beziehungen: Nähe, Ferne.

8. Das unbekannte Ich.

9. Tanz.

10. Rhythmus einer Stimme aus dem Körper.

11. Ich Robinson, du Freitag .

12. Zusammenleben.

13. Was ist hinter dem Horizont?

Wind, Farbe, Feld

Wie
durch blutige zweige
dringst du ins helle.

Gennadij Ajgi, aus: Ruhe

Im geäderten Dunst
eines Blicks
auf die Dinge
der Körper und Menschen
(menschenklein oder
riesig so klein) dass schon
niemand mit Augen darinnen ein
Nest sich kann bauen

ruhet still eine Lichtung ein
fast leerer Fleck im Blicken
so offen ganz oder klar
für das wehende Lied
durch den Raum zwischen
Dingen und Menschenkörpern
und schwer angeblickt ohne Scheu

Dass im Winde vergessen fast kann
ganz das Auge der Wunden die
geraden und runden Striche
wie der Linien im Freien
wieder im letzten der offenen
Blicke woraus wie die Sonne
urplötzlich erscheint nicht mehr wie

venen im pelz

An der leipziger skala läuft ein stück, das die grenzen herkömmlichen bühnentheaters sprengt und dennoch theaterspiel mit vorgegebenen rollen bleibt, sich nicht in improvisation auflöst. Die rede ist von „im pelz“, einer bearbeitung, die katharina schmitt an der „venus im pelz“ von leopold sacher-masoch vorgenommen hat. Dem programmzettel zufolge hat sacher-masoch vier jahre in leipzig gelebt, ohne daß die stadt von ihm notiz genommen hätte. Der ruhm, der sacher-masoch mit der figur des devoten liebhabers ereilte, war ihm unangenehm, beinahe peinlich. Dabei gelingen ihm einsichten in die machtverhältnisse der liebe, wie sie sonst nirgends zu lesen sind. Bereits die gutbürgerliche sitte des kuchenessens mutiert erst zum sadomasochistischen spiel, am ende zur würgefolter. Weiter gehts mit fußbodensauberlecken, woran „schon viele gescheitert sind“. Es wird im stück nicht gezeigt, was auch nicht nötig ist. Den höhepunkt bildet die persiflage heutiger exerzitien mit der peitsche, wie sie im sm-studio üblich zu sein scheinen. Das eigentlich besondere der inszenierung ist die platzierung des publikums: anstelle der sitzreihen lag ein riesiges fell auf dem boden ausgebreitet, auf dem sich die zuschauer – nachdem sie ihre straßenschuhe gegen filzpuschen getauscht hatten – niederließen, sich ausstreckten oder räkelten. Die beiden schauspielerinnen – keineswegs im pelz, sondern kontradiktisch in weißen baumwollkitteln, fast medizinisch – schlängelten sich zwischen den leuten durch, sprangen um einen schwebebalken herum, der den raum teilte. Die sitzordnung hatte etwas von wg-party, die pärchen kuschelten sich aneinander, es war eine lust, mit so unterschiedlichen leuten auf dem boden zu lungern. Die schauspielerinnen erzielten eine unmittelbarkeit, die eine bühne der unvermeidlichen distanz wegen verhindert hätte. Nur ihre stimmen und die vorgegebenen rollen zeichneten sie als schauspieler aus. Sie verschmolzen nicht mit dem publikum, aber waren ihm zum anfassen, fast schaurig nah. Im unterschied zum kino, das seine wirkung allein mit audiovisuellen illusionen erzielen muß – diese art der inszenierung schafft, was dem kino versagt bleibt. Mit dem verzicht auf die bühne behauptet das theater eigenständigkeit, bietet einen mehrwert weit über frontalberieselung hinaus: chillen und unterhaltung, sinnliche berührung und quasi philosophisches sinnieren in einem. Dann wurde es dunkel, sogar die beleuchtung der notausgänge erlosch, es war eine absolute finsternis, an die sich die augen nicht gewöhnten, und in diese finsternis hinein tönten aus wechselnden richtungen zwei stimmen, sonst nichts. Die szene steigerte sich noch, wieder bei licht, als der devote liebhaber, um sich noch mehr zu quälen, nach einem zweiten mann verlangte. Er wurde tatsächlich von einem mann gespielt, einem mann mit ordentlichem brustfell, dem später in ein echter fellmantel übergeworfen wurde. Als der mächtige mann erschien, begann der liebhaber zu zittern. Die realität der konkurrenz hatte er sich anders ausgemalt. Er wollte das masochistische spiel beenden, doch längst hatte es eigenleben gewonnen, die anderen beiden setzten es einfach fort, aus spiel wurde ernst. Um es nicht einzugestehen, spielte er wider willen wieder mit und ließ sich – symbolisch – fröhlich auspeitschen – und schluß. Nein, ein detail habe ich unterschlagen: der mächtige mann im pelz erschien von der seite und hinter ihm bedeckte ein montagsdemofoto mit devoten ddr-gesichtern die gesamte wand – mit einem schlag erhielt der privat anmutende dialog der kurgäste zu den machtverhältnissen in der liebe eine politische dimension, ohne daß es mit einem wort gesagt werden mußte…

Ophelia, bleiche Nebel

I
Schwer dröhnt die Milchstraße
Im Schwarz himmlischer Asphalte.
Hoch recken sich die Stengel-
Säulen irdischer Basalte.
Tief unten gurgelt einer seine
Liebe in die Aggregate.
Leichtfüßig läuft die Winterkatze
Von rechts nach links über die Straße.

Die Jagdgesellschaft ist verschwunden
Hinter dem Sternbild Kleiner Hund.
Die Zukunftsorgeln drehen sich
Ohne jeden Grund.
Die Chaosgrillen zirpen nicht,
Wo man sie singen heißt.
Ohnmächtig träumt der Bäckersfrau
Ein Nebel sternenweiß.

Leicht geht ein Wintersturm
Von Ost nach West über den Planeten.
Tief unter allen Felsenkrusten
Schwärt die Liebe der Osseten.
Hoch über zähen Lavaströmen
Gedeihet Frühbeets Kopfsalat.
Schwer hängt eine gequälte Seele
In ihres Herzens Apparat.

II
Ohnmächtig klimmen wir, blinde
Zeiger gen Mitternacht, Mitternacht.
Die ungeborenen Enkel, Enkel
Haben noch nichts falsch gemacht.

III
O Fallada, Ophelia!

Afrika, die Amerikas, Asien in den Ozeanen, Australien, aber natürlich auch Europa und seine Antarktis

Ein Mensch

Ist der Kuchen

Seiner Kinder –

Esst, esst und trinkt,

Damit es blühe

In euch –

Das Mitleid

Mit dem Körper

Dieser Welt,

Mitleid des Menschen

Mit dem Leiden jener Welt:

Süß fließt die Milch

Durch Honigland,

Scharf bläst der Wind

Aus den Stimmen hervor

Die Münder, Nasen, Augen

Auf der Haut, so

Tief im Ohr: Ein Kuchen –

Der Mensch

Halbgefrorn

Es hat geschneit : die autos stehen still
Kein starker arm : es rieselt sacht
Kein riese : kein führer : kein gott
Halbgefrornes wasser dämpft
Den verkehr : der lebenstrieb
Kehrt zurück zum leben : wärme
Kommt von innen : dahin
Igeln wir uns ein

Epikrise

Wir finden zusammen
Wir sitzen zusammen
Wir essen zusammen
Wir singen zusammen
Wir schlafen zusammen
Wenn du mich gut
Betreust : zeige ich
Gute Manieren