{"id":899,"date":"2011-03-16T10:03:10","date_gmt":"2011-03-16T09:03:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=899"},"modified":"2016-05-25T22:33:27","modified_gmt":"2016-05-25T21:33:27","slug":"serbien-sehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=899","title":{"rendered":"Serbien sehen!"},"content":{"rendered":"<p>Die Verwandtschaft der Sprachen erzeugt die Illusion einer gemeinsamen Kultur. Doch die Geschichte und konfessionelle Gebundenheit der ehemals jugoslawischen Teilrepubliken k\u00f6nnten kaum unterschiedlicher sein. Jugoslawien war im Auge eines Ostblockbewohners die Alternative schlechthin: der Bruch mit Stalin, die Bewegung der paktfreien Staaten, auf Partizipation zielende kollektive Eigentumsformen und die beibehaltene Reisefreiheit \u2013 all dies erschien den Reformern von 1956 und 1968, die den Sozialismus bewahren und in ein menschenw\u00fcrdiges System verwandeln wollten, geradezu anstrebenswert. Da\u00df die Vorgeschichte einen tiefen Ri\u00df durch den Balkan getrieben hatte und da\u00df Serbien dabei eine ganz eigene Rolle spielte, geriet in der Begeisterung f\u00fcr das f\u00f6derative Jugoslawien aus dem Blick.<\/p>\n<p>Das Morgenl\u00e4ndische Schisma projizierte die Alleingeltungsanspr\u00fcche des gepl\u00fcnderten Roms gegen\u00fcber dem kaiserlichen Konstantinopel auf den Balkan. Slowenien und Kroatien, die sich Venedig und den Habsburgern unterwarfen, um nicht dem osmanischen Reich eingegliedert zu werden, schienen aus Sicht der Orthodoxie an den Katholizismus verloren. Von der t\u00fcrkischen Herrschaft befreiten sich die Serben im Laufe des 19. Jahrhunderts selbst. Seitdem k\u00f6nnen sie nicht genug bekommen an Unabh\u00e4ngigkeit, Gr\u00f6\u00dfe und Freiheit. Da\u00df Serbien seine Unabh\u00e4ngigkeit ohne Unterst\u00fctzung des Westens errungen hatte, war dem Westen gar nicht recht. Auf dem Berliner Kongre\u00df 1878 wurde den \u00d6sterreichern die Besetzung Bosniens erlaubt, nicht zuletzt, um den serbischen Pl\u00e4nen zuvorzukommen, sich einen Zugang zur Adria zu verschaffen. Im zweiten Balkankrieg, in dem Serbien und Griechenland gegen ihren einstigen Verb\u00fcndeten Bulgarien k\u00e4mpften, beanspruchte Serbien die Territorien des heutigen Mazedonien und des Kosovo. Nach dem Attentat von Sarajevo vermutete \u00d6sterreich \u2013 im Einklang mit den Nachbarn Bulgarien, Rum\u00e4nien und der T\u00fcrkei \u2013 die Drahtzieher in Belgrad. Die Angst vor gro\u00dfserbischen Ambitionen diente als Vorwand, um den Ersten Weltkrieg vom Zaun zu brechen. Sp\u00e4ter, im K\u00f6nigreich Jugoslawien, beanspruchte Serbien die Hegemonie und provozierte damit die kroatischen und slowenischen \u201eBr\u00fcder und Schwestern\u201c.<\/p>\n<p>Serbien blieb ein unberechenbarer Partner. W\u00e4hrend des Zweiten Weltkrieges versuchte es lange, neutral zu bleiben. Erst unter dem Eindruck akuter Kriegsgefahr wandte sich die serbische Regierung den Achsenm\u00e4chten zu, was vom Volk nicht honoriert und mit Demonstrationen f\u00fcr England beantwortet wurde, so da\u00df Hitler Serbien kurzerhand bombardieren, erobern und zerst\u00fcckeln lie\u00df. Auch Stalin war der serbische Unabh\u00e4ngigkeitswille nicht geheuer. All das verschwand hinter der schillernden Kulisse des Tito-Kommunismus, des dritten Weges und der Illusion von der Realisierbarkeit einer Utopie.<\/p>\n<p>Erst die Kriege der 1990er Jahre tr\u00fcbten den Glanz der jugoslawischen Idee. Die Nationalismen sind wie schwelende Wunden wieder aufgebrochen, scheinbar aus dem Nichts. Heute werden die Unterschiede zwischen den Sprachen betont und zum identit\u00e4tsstiftenden Politikum. Die ungel\u00f6sten Konflikte \u2013 die auch Konflikte des Westens sind \u2013 brachen wie ein Geschw\u00fcr hervor: Nirgendwo prallen r\u00f6mische Kirche, Orthodoxie und Islam so dicht aufeinander wie auf dem Balkan. Die Hegemonie \u00fcber die unter Tito formell selbst\u00e4ndig gewordenen Teilrepubliken der SFRJ lie\u00df sich milit\u00e4risch nicht herstellen. Es scheint, als sollte dieser sch\u00f6ne Landstrich ausbaden, was in der Geschichte von Ost- und Westeuropa nur durch Abschottung in einem spannungsvollen Gleichgewicht gehalten wurde. Seit den Befreiungskriegen des 19. Jahrhunderts will Serbien mit dem Kopf durch die Wand. Ob es sich nach den Zerfallskriegen st\u00e4rker dem Osten (Ru\u00dfland) oder dem Westen (EU) zuwenden w\u00fcrde, blieb lange Zeit unklar.<\/p>\n<p>Wenn Serbien literarisch in den Mittelpunkt r\u00fcckt, dann geht es um Anerkennung: Literatur als Botschafter einer fremd erscheinenden Lebenskultur, einer trennenden religi\u00f6sen Verwurzelung und einer pochenden Idee der Autonomie. Nat\u00fcrlich ist die Literatur am Ende machtlos. Sie \u00e4hnelt, um mit Paul Celan zu sprechen, einer Flaschenpost, und es ist ungewi\u00df, ob sie den richtigen Adressaten erreicht. Serbien ins Zentrum zu stellen, bedeutet f\u00fcr den Westen eine Nachholestunde: Nur die Anerkennung des Eigenst\u00e4ndigen kann zu dem Grad an Verst\u00e4ndnis f\u00fchren, der die Konflikte entsch\u00e4rft, die Serbien stellvertretend f\u00fcr den Westen und den Osten, gegen den Islam wie auch gegen den Katholizismus ausgefochten hat. Die serbischen Dichter greifen dieses Spezifikum ihrer Geschichte auf, aber sie beschr\u00e4nken sich nicht auf ein Nachdenken \u00fcber Serbien. Dort, wo sie \u00fcber den nationalen Tellerrand hinausblicken, wird ihre Dichtung f\u00fcr uns interessant. Crnjanski sammelt seine Beobachtungen \u00fcber Deutschland am Ende der Weimarer Republik in Berlin. Pavlovi? fragt nach der Rolle der Religion in unserem postmodernen Leben und blickt dabei auch nach Indien als Wiege des Buddhismus. Lazi? interessiert die M\u00fcndigkeit der Frauen in einer vom orthodoxen Patriarchat gepr\u00e4gten Kultur. Tri?kovi? geht es um die universelle Funktion der Sprache und Toma\u0161evi? fragt nach dem Hinterherhinken der Menschlichkeit hinter dem technischen Fortschritt \u2013 eine Frage, die sich gerade dem Westen in Zeiten der Krise \u00f6konomischen Wachstumsdenkens stellt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Verwandtschaft der Sprachen erzeugt die Illusion einer gemeinsamen Kultur. Doch die Geschichte und konfessionelle Gebundenheit der ehemals jugoslawischen Teilrepubliken k\u00f6nnten kaum unterschiedlicher sein. 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