{"id":867,"date":"2011-02-27T12:57:45","date_gmt":"2011-02-27T11:57:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=867"},"modified":"2023-08-06T17:12:52","modified_gmt":"2023-08-06T16:12:52","slug":"lucken-und-lugen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=867","title":{"rendered":"L\u00fccken und L\u00fcgen"},"content":{"rendered":"<p>Was denn nur dazu sagen? Verschmitzt schmunzeln, wie der Autor das tut, der den Roman \u201eNesselk\u00f6nig\u201c geschrieben hat? Schmunzelnd, verschmitzt sagen: Lies mal! Lesen Sie Ralf Eggers \u201eNesselk\u00f6nig\u201c! Das ist ein satirischer Roman. Mit derartigen Romanen ist die deutsche Literatur nicht gesegnet.<br \/>\nKaum haben wir Uwe Tellkamps \u201eDer Turm\u201c verkraftet, kommt schon wieder ein Turm ins Blickfeld. Nicht auf Dresdens Nobelh\u00fcgel \u201eWei\u00dfer Hirsch\u201c errichtet, ist er nun in Potsdams arkadischer Landschaft zu besichtigen. Im Turmzimmer haust Victor Nesselk\u00f6nig. Wahrlich kein Nobody! Ein gestandener Mann, mit einer versteckten Biographie, hinter der sich die versteckte Biographie eines B. Traven verstecken mu\u00df. Gekonnt hat Eggers eine Lebensgeschichte konstruiert, in der er alle Ger\u00fcchte unterbringen kann, die die Geschichte des 20. Jahrhunderts m\u00f6glich machte. Gesetzt den Fall, die Lebensgeschichte Nesselk\u00f6nigs wird als die einer Figur des Schachspiels der Schlachten des Vorjahrhunderts gelesen. Um es genauer zu sagen: Der literarischen, geistigen, politischen Schlachten. F\u00fcr die ist die Figur des Victor Nesselk\u00f6nig tats\u00e4chlich der repr\u00e4sentativste Repr\u00e4sentant. Dem Dichter Nesselk\u00f6nig wird jeglicher Ruhm, vom Nobelpreis bis zum Nationalpreis der DDR, nicht nur angedichtet. Dennoch ist der Bekannte ein h\u00f6chst Unbekannter. Sein Leben ist ein Leben voller L\u00fccken. Seine Lebensgeschichte ist voller Lebensl\u00fcgen. Das ist der Stoff, aus dem Trag\u00f6dien gemacht sind beziehungsweise werden. Oder, wie bei Ralf Eggers, eine saftige Satire. Sollte man sagen: Eine tragische Satire? Das hei\u00dft, dem Roman die Ernsthaftigkeit zuzubilligen, die er hat. Hie\u00dfe auch, das Am\u00fcsement nicht ann\u00e4hernd zu w\u00fcrdigen, mit dem der Schriftsteller seinen Stoff in s\u00e4mtliche m\u00f6glichen Winkel des Geschehens schleppt. So da\u00df sich die Leser immer neu vergn\u00fcgt wundern, in welche Winkel sie geschleift werden.<br \/>\nDer 1961 geborene Schriftsteller steigt nicht nur in die Keller reichsdeutscher, sowjetischer, ddr-deutscher Vergangenheit. Er nimmt mit in das lebensgef\u00e4hrliche Moskau der drei\u00dfiger Jahre, in die Tristheit der ostdeutschen Provinz, die f\u00fcr Nesselk\u00f6nig im Problemjahr 1953 beginnt, als der Verschollene seine Auferstehung erlebt. Wem Nesselk\u00f6nig w\u00e4hrend der Jahrzehnte, bis zu seinem vermeintlichen Tod am 8. Oktober 1989 (!), begegnet, verbl\u00fcfft, macht den Roman jedoch nicht zu einem Schl\u00fcsselroman. Wenn, dann ist er ein Schl\u00fcssel zu den Seelen von Prominenten, die ostw\u00e4rts der Elbe Rang und Namen hatten. So beeindruckend die Kenntnisse des Autors sind, der sich in der Zeitgeschichte wie ein Zeitzeuge bewegt, so souver\u00e4n geht er mit dem angelesenen, angeeigneten historischem Material um. Mu\u00df er, weil er einer ist, der dann doch nicht dabei war. Weil er ein Erz\u00e4hler ist, der den Lesern die verzwickte, verwickelte Story des \u201eR\u00e4tselmannes\u201c, des \u201ePhantoms\u201c Nesselk\u00f6nig in seinem vitalen, variationsreichen Erz\u00e4hlwerk verklickern will. Ein Roman hat nun mal mehr Realit\u00e4t als Realit\u00e4t Reales hat. Die Leser d\u00fcrfen mit-r\u00e4tseln, d\u00fcrfen vermuten, aber auch verwirrt sein, wenn es anders kommt als angenommen. Nie vergessen: Der da spricht ist ein Satiriker! Er kann \u00fcberspitzen, wo es was zu \u00fcberspitzen gibt. Und daf\u00fcr gibt\u2019s immer neue vom Autor geschaffene Gr\u00fcnde. Die gefundenen und erfundenen Geschichten liefern die Gr\u00fcnde. Und die Geschichte der Suche nach dem verlorenen Ich, die die Geschichte des Viktor Nesselk\u00f6nig ist. Die eigentliche Geschichte des Romans, auf die man sich am ehesten einigen kann. Sofern man sich \u2013 wodurch auch immer \u2013 gen\u00f6tigt sieht, die Geschichte der Geschichten auszumachen. Wer sich dazu nicht gen\u00f6tigt sieht, genie\u00dft die Parabeln und Parodien, in denen Personen und Prozesse einer vergangenen Periode verquirlt werden. Gr\u00f6\u00dften Genu\u00df werden die Leser haben, die den Geist vergangener Geschichten und deren gestaltenden Gestalten im Sinn haben. Ralf Eggers Prosa modelliert ein Panoptikum fast vergessener und vergessener Gr\u00f6\u00dfen mehrerer deutscher Gesellschaften. Typen, Typen, Typen! Da kommts auf das Individuelle nicht so an. Also reichts, wieder und wieder die Neigung des Kopfes zu beschreiben und wer sich wann am Kinn kratzt oder mit dem Handr\u00fccken \u00fcber den Mund wischt. Wollen die Leser das wissen? Oder nehmen sie derartige gleichbleibende Beschreibungen als Element des Karikierens hin? Bevor sie selbst dazu neigen, mit \u201eschr\u00e4g gelegtem\u201c Kopf dazusitzen, sich am Kinn zu kratzen und mit dem Handr\u00fccken \u00fcber den Mund zu wischen. K\u00e4me es soweit, w\u00e4re man der Suggestion des Schriftst\u00fccks v\u00f6llig erlegen. Es droht den Leuten Gefahr, die sich leicht vereinnahmen lassen. Der Schriftsteller Ralf Eggers ist ein Schlitzohr. Der Roman \u201eNesselk\u00f6nig\u201c ist eine Satire. In dem geschieht alles, was den Menschen nicht geschehen sollte, n\u00e4mlich in die M\u00fchlen der Geschichte zu geraten. Vielleicht steckt Ralf Eggers selbst schon in einer M\u00fchle. In der der Literaturgeschichte, denn Tellkamp war nun mal schneller mit seinem Turm da.<br \/>\nRalf Eggers: Nesselk\u00f6nig. Mitteldeutscher Verlag: Halle (Saale) 2011, 463 Seiten, Klappenbroschur<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was denn nur dazu sagen? Verschmitzt schmunzeln, wie der Autor das tut, der den Roman \u201eNesselk\u00f6nig\u201c geschrieben hat? Schmunzelnd, verschmitzt sagen: Lies mal! Lesen Sie Ralf Eggers \u201eNesselk\u00f6nig\u201c! Das ist ein satirischer Roman. Mit derartigen Romanen ist die deutsche Literatur nicht gesegnet. 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