{"id":855,"date":"2011-02-16T23:26:23","date_gmt":"2011-02-16T22:26:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=855"},"modified":"2023-08-06T17:13:17","modified_gmt":"2023-08-06T16:13:17","slug":"extremes-elend-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=855","title":{"rendered":"Extremes Elend"},"content":{"rendered":"<p>Was war der 8. Mai 1945? War\u00b4s der Tag des Zusammenbruchs? War\u00b4s der Tag der Befreiung? Eines war der Tag mit Sicherheit nicht \u2013 die Stunde Null. Es war auch nicht die Stunde des demokratischen Neuaufbaus. Die Kriegshandlungen waren beendet. Es begann der Nachkrieg. Und der war f\u00fcr viele schlimmer noch als der Krieg.<\/p>\n<p>\u201eWelche Familie ist ohne Jammer und Not?\u201c fragte eine Nachkriegs-Tagebuchschreiberin, deren Texte in den von Peter B\u00f6thig und Peter Walther herausgegebenen Band \u201eDie Russen sind da\u201c aufgenommen wurden. Die Herausgeber haben den so genannt Namenlosen Namen und Stimme gegeben. Menschen aus dem brandenburgischen Land, die Teil der deutschen Kriegs- und Nachkriegsschicksale waren. Menschen, die, zumeist, selbst bereits Geschichte sind, deren Geschichten l\u00e4ngst Geschichte sind. Die Sammlung beginnt mit Notizen vom 15. Februar und schlie\u00dft mit einsichtig-ahnungsvollen Worten vom 6. Oktober 1949. Das ist, wie in der Historie eingetragen, der Vorabend der Gr\u00fcndung der Deutschen Demokratischen Republik. Die Menschen, die sich in \u201eDie Russen sind da\u201c \u00e4u\u00dfern, sind keine Historiker. Sie sind von den Historikern gef\u00fcrchtete Zeitzeugen. Jene, die den 8. Mai 1945 nicht als Tag der Befreiung erlebten. Jene, die in die Geschichtsb\u00fccher nicht diese Stunde Null eintrugen. Die Zeilen der Zeitzeugen sind unzensierte \u00c4u\u00dferungen zu den Zeiten des Zusammenbruchs des deutschen Reiches. Die Tagebuchschreiber sind durch ihre Aufzeichnungen zu Chronisten ohne Botschaften geworden. Wenn das kein Wert ist!<\/p>\n<p>Offensichtlich nicht f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit bestimmt, sind die Niederschriften unver\u00e4ndert ein Gewinn f\u00fcr die Nachwelt. Und sei\u00b4s nur, um distanzierter und differenzierter auf \u00fcberlieferte Geschichtsdarstellungen zu reagieren. Es sind also nicht die bedeutungsvoll gewordenen historischen Daten, die in dem Band Bedeutung haben. Es sind die Grundstimmungen, die in den Geschichten der Menschen sind, die keine Geschichte machten, sie jedoch erlitten. In der Summe der \u00c4u\u00dferungen ist viel Grunds\u00e4tzliches, das Geschichtsschreiber \u2013 aus welchen Gr\u00fcnden auch immer \u2013 wenn nicht tilgten, so doch verwischten. Vielleicht ist es nicht erheblich, von den vielen, meist abstrusen Ger\u00fcchten zu h\u00f6ren, die in den letzten Kriegsmonaten grassierten.<\/p>\n<p>Erheblicher ist es schon, mit welchen Ressentiments auf die Russen reagiert wurde. Brandenburg, das mu\u00df man wissen, wurde Sowjetische Besatzungszone. Von Anfang an war keine Bereitschaft der Bev\u00f6lkerung da, den Besatzern nicht abwehrend zu begegnen. Kurzum: Die Basis f\u00fcr die sp\u00e4ter installierte DDR war denkbar miserabel. Der Keim war bereits faul. Vielleicht ist dieses Fazit das G\u00fcltigste, das das Lese-Buch \u201eDie Russen sind da\u201c den Lesern vermittelt. Kein Wunder also, dass die von DDR-Historikern gern propagierte demokratische Erneuerung ein sch\u00f6ner Schein war. Die Vorbehalte der Leute waren enorm. Selbstzweifel, Selbsteinsichten sind h\u00f6chst selten. Kaum einer der sich Nazi nennt, obwohl reichlich nazistisches Denken in reichlich Aufzeichnungen ist. Traurig-tr\u00f6stlich, das das nicht aus den publizierten Aufzeichnungen getilgt wurde. Dadurch haben die Aufzeichnungen, im artikulierten Optimismus wie Pessimismus, eine Aufrichtigkeit, die den Nachgeborenen beispielhaft erscheinen mu\u00df. Es w\u00e4re geradezu \u00fcberheblich, in Stunden es extremen Elends, selbstkritische Einsicht zu erwarten. Die Zeitaussagen der Zeitzeugen konzentrieren den Blick auf die Zeit, aus der sie kommen und blicken kaum voraus in die folgende Zeit. Tage, nach der Ankunft der Russen, schreibt eine Lehrerin: \u201eWir sind sehr bedr\u00fcckt, denn das bedeutet doch, da\u00df wir sie nicht loswerden, da\u00df der Traum von einem unbesetzten St\u00fcck Deutschlands eitel war.\u201c Wie wahr! Am Wahrheitsgehalt jeder \u00c4u\u00dferung in \u201eDie Russen sind da\u201c kanns keinen Zweifel geben. Ob man die Wahrheit mag oder nicht! Und auch das sei abschlie\u00dfend gesagt: Der Band \u201eDie Russen sind da\u201c hat das Signal von Walter Kempowskis \u201eEcholot\u201c aufgenommen und ist selbst ein Echolot.<\/p>\n<p>Die Russen sind da. Kriegsalltag und Neubeginn 1945 in Tageb\u00fcchern aus Brandenburg. Hg. Peter B\u00f6thig, Peter Walther. Lukas Verlag: Berlin 2011. 512 Seiten. klappenbroschur<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was war der 8. Mai 1945? War\u00b4s der Tag des Zusammenbruchs? War\u00b4s der Tag der Befreiung? Eines war der Tag mit Sicherheit nicht \u2013 die Stunde Null. Es war auch nicht die Stunde des demokratischen Neuaufbaus. Die Kriegshandlungen waren beendet. Es begann der Nachkrieg. 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