{"id":8459,"date":"2017-07-24T19:37:16","date_gmt":"2017-07-24T18:37:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=8459"},"modified":"2017-10-04T19:10:38","modified_gmt":"2017-10-04T18:10:38","slug":"das-interview-mit-daniel-schneider-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=8459","title":{"rendered":"Rituale (1)"},"content":{"rendered":"<p>Berenike hie\u00df das Caf\u00e9, in dem sich Rosanna und Philippa gern trafen. Hier sa\u00dfen sie, bis die letzten sch\u00f6nen Herbsttage vor\u00fcber waren, am liebsten drau\u00dfen. Nun regnete es seit Tagen. Die Kellner hatten vergessen, das Mobiliar vom Vorplatz wegzur\u00e4umen. So konnte das Holz in aller Ruhe aufquellen. Und der Stempel der ostdeutschen Designer-Marke &#8222;Theodor&#8220; war an den St\u00fchlen noch gut lesbar. Mit ausdruckslosem Blick nahm man die Bestellungen auf: Martini, xtra-dry. Dazu T\u00f6rtchen mit Vanillepuddingf\u00fcllung und danach vielleicht noch H\u00e4hnchenfl\u00fcgel und gegrilltes Gem\u00fcse, mit viel Brot. &#8222;Zum Aufsaugen der Fl\u00fcssigkeiten.&#8220; Rosanna l\u00e4chelte den Kellner an und legte die Korrekturfahnen f\u00fcr einen neuen Magazinartikel auf den Tisch. \u201cSo, Philippa. Nun kannst du es abgeben, ohne dich zu blamieren. Mein Stil w\u00e4re mir allerdings zu schade f\u00fcr dieses Revolverblatt. Denk vielleicht noch daran, dass die Leute gern was \u00fcbers Essen lesen.\u201c<\/p>\n<p>Rosanna erinnerte sich an den gr\u00f6\u00dferen Aufmacher vom Juni, den sie f\u00fcr Philippa geschrieben hatte. Dieses Interview mit Daniel Schneider. Die Seiten ihres Exemplars waren vergilbt, so oft hatte sie es umgebrochen und Philippa daraus vorgelesen, sich immer wieder daran hochgezogen. Daniel Schneider sah zwar aus wie der K\u00fcnstler, in den sie als junges M\u00e4dchen verliebt war, aber sonst fehlte ihm jegliches Charisma. Philippa war dazu verdammt, Interviews mit mittelm\u00e4\u00dfigen Lokalgr\u00f6\u00dfen zu f\u00fchren. Da war Daniel Schneider schon eine etwas gr\u00f6\u00dfere Nummer. In der letzten Zeit wurde die Maske der \u00dcberheblichkeit etwas fahler um Rosannas Augen. Sie schlief schlecht. Sie schrieb es dem sinnlosen Nachdenken \u00fcber Daniel Schneider zu. Vernarrt wie ein Schulm\u00e4dchen in den halbgaren Jungen, hatte sie die Gelegenheit genutzt und ihn ohne Hemmungen angeflirtet, als Philippa auf dem Klo war. Philippa nahm es ihr nicht \u00fcbel. Oder sie t\u00e4uschte Gleichmut vor. Denn das konnte sie. Nun griff sie hastig nach dem Martiniglas und ihrer Brille. \u201eSag mal, hast du noch das Interview mit Schneider? Ich kann meins nicht finden. Und das war doch der Geniestreich dieses ereignislosen Sommers. Daniel Schneider mit nacktem Oberk\u00f6rper zwischen uns beiden. So eine H\u00fchnerbrust! Und die haben das tats\u00e4chlich gedruckt.\u201c Rosanna zuckte zusammen. Hatte Philippa Gedanken gelesen? Rosanna beschloss, ihrer Freundin endlich die Wahrheit zu sagen. \u201eDaniel wusste, wer den Artikel \u00fcber ihn geschrieben hatte. Er sagte beim Abschied zu mir, deine Freundin hat den Sarkasmus einer sauren Gurke, aber schreiben oder gar charmant sprechen, das kann sie nicht. Sie sollte noch ein wenig \u00fcben.\u201c<\/p>\n<p>Philippa hielt es f\u00fcr einen von Rosannas abgeschmackten Scherzen und reagierte nicht weiter darauf. Bis Rosanna sich \u00fcber ihre Tasche beugte und ein lila Flakon herauszog. &#8222;Hab ich von Daniel. Lyra pour L\u2019homme von Gilbert Asyl.\u201c \u201eDar\u00fcber macht man keine Witze, Rosy. Lass stecken. Du magst eloquent und klug sein, aber mich erreichst du damit nicht.\u201c<\/p>\n<p>Philippa hatte Daniel Schneider in der Berenike interviewt. Da es bereits Mai war, musste sich sich beeilen, den Artikel bis zur geplanten Ver\u00f6ffentlichung im Juni fertig zu bekommen. Schneider war von der gem\u00e4chlichen Sorte und lie\u00df sich bitten. Mit Rosanna als Philippas Begleitung hatte er nicht gerechnet und reagierte leicht erregt. Wie ein Topf mit Milch, der \u00fcberkocht und kurz vor dem Anbrennen ist, ging es Rosanna durch den Kopf. Aber zugleich durchstie\u00df ein warmes Gef\u00fchl ihren Unterleib, denn die Augen, ja sein ganzes Gesicht, \u00e4hnelte unverkennbar dem, in den sie mit f\u00fcnfzehn verliebt gewesen war. Rosanna \u00e4rgerte sich. So etwas Dummes, der Kerl hat doch \u00fcberhaupt keinen Charme. Wie kannst du nur so bl\u00f6d sein und \u00c4pfel mit Birnen vergleichen. Am Ende taufst du ihn noch den deutschen Bryan Ferry.<\/p>\n<p>Daniel Schneider, ein Name f\u00fcr einen schwitzenden und verpickelten Schuljungen, vollkommen durchsichtig und unkompliziert. Rosanna hatte ein Faible f\u00fcr undurchsichtige und komplizierte M\u00e4nner. Wahrscheinlich war das der Grund daf\u00fcr, dass sie schon l\u00e4nger allein war. Philippa hingegen hatte sich im letzten Jahr verlobt und redete f\u00fcr Rosannas Geschmack zuviel \u00fcber Babykleidung. \u201eDann h\u00f6re ich beim Magazin f\u00fcr ein Jahr uff und du kannst mich vertreten. Das w\u00e4r doch was f\u00fcr dich, Rosanna, du w\u00fcrdest dich verbessern. Immer dieses Geklecker an der Uni auf halben Stellen. Das h\u00e4lt doch kein Mensch lange aus, nur du.\u201c Der s\u00e4chsische Dialekt ihrer Freundin schlug Rosanna aufs Gem\u00fct.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Berenike hie\u00df das Caf\u00e9, in dem sich Rosanna und Philippa gern trafen. Hier sa\u00dfen sie, bis die letzten sch\u00f6nen Herbsttage vor\u00fcber waren, am liebsten drau\u00dfen. Nun regnete es seit Tagen. Die Kellner hatten vergessen, das Mobiliar vom Vorplatz wegzur\u00e4umen. So konnte das Holz in aller Ruhe aufquellen. 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