{"id":834,"date":"2011-01-04T18:36:39","date_gmt":"2011-01-04T17:36:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=834"},"modified":"2016-05-25T22:31:47","modified_gmt":"2016-05-25T21:31:47","slug":"fatale-folgen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=834","title":{"rendered":"Fatale Folgen"},"content":{"rendered":"<p>Martha hat ihr Schicksal getragen. Geduldig, gebeugt und voller Gram. Und das fast dreieinhalb Jahrzehnte. Martha hat einen Suizidversuch \u00fcberlebt, den sie gemeinsam mit ihren vier T\u00f6chtern begehen wollte, als die Rote Armee einmarschierte. Marthas Leiden dauerte lebenslang. Der Krieg, in den sie geraten war, endete erst mit ihrem Tod. Das, so scheints, ist unab\u00e4nderlich auch das Schicksal der 91j\u00e4hrigen Wilhelmine Hennemann. Ihr begegnen die Leser in dem ungew\u00f6hnlichen Roman \u201eMagnolienschlaf\u201c, den Eva Boronsky geschrieben hat. Eine Nachgeborene, die Sinn f\u00fcr sinnf\u00e4llige Lebenslinien hat.<br \/>\nUngew\u00f6hnlich ist der Roman, weil er keine dieser beliebig-gleichf\u00f6rmigen Geschichten erz\u00e4hlt.<br \/>\nUngew\u00f6hnlich ist das literarische Pr\u00e4ludium, mit dem der Roman eingeleitet wird. Da gibt\u2019s Worte aus der \u201eDeutschen Wochenschau\u201c vom 5. M\u00e4rz 1945. Eingestimmt wird in das Schwierig-Schlimme, das im Folgenden aufkommen wird. Es mu\u00df geahnt werden, dass nicht friedlich werden wird, was friedlich anf\u00e4ngt: Die Begegnung zweier Frauen unterschiedlicher Generationen, die Gro\u00dfmutter und Enkelin sein k\u00f6nnten. Frauen verschiedener V\u00f6lker: Deutsche, die Greisin, Russin die Junge. Gebrechlich, die Alte. Pflegerin, die Andere. Das sieht, wie es zun\u00e4chst aussieht, nach der Geschichte eines Pflegefalls aus. Das w\u00e4r\u00b4 dann das Gew\u00f6hnliche.<br \/>\nWas Wilhelmine und Jelisaweta zu tragen und zu ertragen haben macht den schmalen Roman nicht nur au\u00dfergew\u00f6hnlich. Es macht ihn wichtig und wesentlich. \u00c4u\u00dferlich gesehen bleibt die Geschichte eindeutig die Geschichte einer Pflege und wird auch nichts anderes werden. Und ist doch etwas g\u00e4nzlich Anderes. Ist in wichtigen Teilen die Konfrontation der deutsch-russischen Vergangenheit, die offensichtlich nicht ihr Ende hatte, als der zweite Weltkrieg vor\u00fcber war. Wann endet ein politischer Krieg im privaten Leben? Wer denkt dar\u00fcber nach? Heute? Eva Boronsky ganz gewi\u00df.<br \/>\nDie Fortsetzung des Krieges unter anderen Konstellationen, das ist\u00b4s, was die Schriftstellerin den Lesern zumutet. Was nicht bedeutet, dass ihr Buch eine Zumutung ist. Gar eine Verl\u00e4ngerung der Grauen des Krieges. Aber die Folgen, die andauernden fatalen Folgen, sind sichtbar, h\u00f6rbar, sp\u00fcrbar f\u00fcr beide Frauen. Sie selbst sind die Folgen. Sie wissen um die Angst, die Leben zerst\u00f6rt hat. Sie wissen um die Gewalt, die Leben geboren hat. Die greise Wilhelmine wie die jugendliche Jelisaweta. Und sie geraten, durch sich, miteinander mitten hinein in die Ressentiments der Deutschen gegen\u00fcber den Russen, der Russen gegen\u00fcber den Deutschen.<br \/>\nEs ist, was und wie geschildert wird, auszuhalten. Eva Boronsky ist eine Schriftstellerin, die sowohl deutlich wie distanziert erz\u00e4hlt, was sie erz\u00e4hlt. Die Deutlichkeit ist nicht unbedingt immer im gew\u00e4hlten Vokabular. Sie ist in der Aussage der oft kargen, harten S\u00e4tze. Der so sanktionierte Lakonismus n\u00fctzt der Verdeutlichung im Erz\u00e4hlen, das sich gern auch aufs Andeuten verl\u00e4\u00dft. Der Leser ist gefordert, der zweite Autor zu sein, der Geschichte nicht nur aus dem Schulunterricht kennt. Wer nicht so gut und so weit ist, der kommt durch \u201eMagnolienschlaf\u201c auch mit seinen historischen Kenntnissen weiter. Das Gestern ist in der Gegenwart. Ob wir es glauben oder nicht. Man mu\u00df es nur vergegenw\u00e4rtigen, wie es Eva Boronsky in ihrem Roman getan hat. Man mu\u00df es nur wahrnehmen. Als Lekt\u00fcre! Oder als \u201eKleines Fernsehspiel\u201c. M\u00fc\u00dfte sich nur noch jemand der Sache annehmen!<\/p>\n<p>Eva Boronsky: Magnolienschlaf. Aufbau Verlag: Berlin 2011<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Martha hat ihr Schicksal getragen. Geduldig, gebeugt und voller Gram. Und das fast dreieinhalb Jahrzehnte. Martha hat einen Suizidversuch \u00fcberlebt, den sie gemeinsam mit ihren vier T\u00f6chtern begehen wollte, als die Rote Armee einmarschierte. Marthas Leiden dauerte lebenslang. Der Krieg, in den sie geraten war, endete erst mit ihrem Tod. 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