{"id":831,"date":"2010-12-30T13:10:28","date_gmt":"2010-12-30T12:10:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=831"},"modified":"2011-01-02T14:19:10","modified_gmt":"2011-01-02T13:19:10","slug":"monolog-im-schnee","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=831","title":{"rendered":"Monolog im Schnee"},"content":{"rendered":"<p>I<br \/>\nAlles ist wei\u00df geworden und bleibt es nun auch.<\/p>\n<p>In der U-Bahn sehe ich Menschen und Werbung. Ich bin mir nicht sicher, ob ich Menschen sehe. Ich bin mir sicher, dass ich Werbung sehe, aber ich wei\u00df nicht, wof\u00fcr. Ich verstehe die Werbung nicht und will sie nicht verstehen. Ich schlie\u00dfe die Augen. Ich versuche, mir Musik vorzustellen.<\/p>\n<p>Ich h\u00f6re keinen Klang, nur die ineinandergreifenden Ger\u00e4usche der U-Bahn. Sie verschmelzen zu einem Quietschen in unterschiedlichen Farben: Schienen, Z\u00fcge, F\u00fc\u00dfe, T\u00fcren.<\/p>\n<p>Ich bin kalt. \u00dcberall in meinem K\u00f6rper ist es kalt. Die W\u00e4rme, die da sein muss, um mich am Leben zu halten, sp\u00fcre ich nicht. Dabei f\u00fchle ich. Ich habe F\u00fchler, die das Leben ertasten, aber keine Gef\u00fchle. Wie f\u00fchlt sich das Leben an? Rein, ohne Gef\u00fchl?<\/p>\n<p>Vielleicht sind die Gef\u00fchle in mir versunken wie die Titanic an den Grund des Eismeers. Die gro\u00dfe, stolze Titanic!<\/p>\n<p>Es gibt eine Melodie hinter dem Quietschen von Z\u00fcgen und Schienen. Aus dieser Melodie pule ich Worte hervor wie aus dem Inneren eines Br\u00f6tchens. Ich knete den weichen, schon gebackenen Teig und forme kleine Wesen. Die Wesen beginnen zu leben. Ich t\u00f6te sie; zerbei\u00dfe, zerkaue und schlucke sie. Ich t\u00f6te die Worte. Schreibe sie auf. T\u00f6te und erl\u00f6se. Immer wieder und wieder, es h\u00f6rt nie auf. Die Worte fliegen fort wie gefiederte Eisprinzessinen; sie fliegen in den Schneehimmel auf Nimmerwiedersehen. Ich wei\u00df nicht, wo sie sind, was sie machen, ob sie irgendwo bleiben. Welchen Schrecken sie verbreiten. Wen oder was sie erl\u00f6sen.<\/p>\n<p>Drau\u00dfen wird immer Schnee liegen. Als es noch sehr selten Schnee gab, empfand ich den Schnee als hell, heilig, rein, leise, ruhig, still. In mir gab es eine Art Schneegesang. Es war ein leiser und reiner Gesang, von einem d\u00fcnnen, lispelnden Stimmchen gesungen. Der Gesang hatte eine kindliche Melodie. Sie versprach Ewigkeit. Sie lag wie ein Morgennebel in mir und wurde nie laut.<\/p>\n<p>Der Schnee war etwas Besonderes. Er kam nicht jedes Jahr. Und wenn er kam, ging er wieder. Er schmolz, er verging, er zerfloss. Zur Schneeschmelze schloss ich die Augen, um die unsch\u00f6nen Reste nicht zu sehen. Den wei\u00dfen Schnee behielt ich in meinem Innersten als reine Sehnsucht zur\u00fcck. Wie war die Sehnsucht s\u00fc\u00df!<\/p>\n<p>Doch nun ist der Schnee ewig. Er ist verschmutzt, verunreinigt, als w\u00e4re er verg\u00e4nglich wie das Bellen eines K\u00f6ters.<\/p>\n<p>Ich habe kein Bed\u00fcrfnis, jemanden anzusprechen, und ich m\u00f6chte nicht angesprochen werden. In mir schneit es, die Flocken tanzen durcheinander \u00fcber meiner inneren Schneelandschaft. Sanft landen sie, als legten sie sich schlafen. Sie sprechen, lispeln Erinnerungen, fl\u00fcstern Liebesakte, Worte, Worte, durcheinander, ineinander, miteinander.<\/font><\/p>\n<p>Ein Akt mit Worten im Schnee. Eine Schneezigarette danach. Das war hei\u00dfkalt! Etwas ist tot. Etwas lebt.<\/p>\n<p>Ich habe mich abgel\u00f6st wie eine Haut vom kalten K\u00f6rper Wirklichkeit. Eine Schneehaut liegt au\u00dferhalb von mir, <em>meine<\/em> Schneehaut. Sie bleibt dort liegen wie ungew\u00fcnschte Milchhaut auf Milch. Sie ist aus Milch, aber sie geh\u00f6rt nicht zur Milch. Sie bleibt \u00fcbrig.<\/p>\n<p>Drau\u00dfen ist es kalt und wird es kalt bleiben. Die Schneelandschaft in mir ist geschmolzen; die wirbelnden Flocken \u00fcber ihr sind mitten im Wirbeln erstarrt und k\u00f6nnen nicht landen. Sie stehen in der wei\u00dfen Luft wie Fische in einem Aquarium. Wei\u00dfe Fische in wei\u00dfem Wasser. Ich singe meinen Monolog-Gesang im Schnee. Er klingt weit und f\u00fcr niemanden h\u00f6rbar. Weit<\/p>\n<p>II<\/p>\n<p>Seit der Schnee da ist, ist alles anders geworden. Der Verkehr ist zum Erliegen gekommen. Alle Fahrzeuge sind stehen geblieben. Nur noch vereinzelte Autos sind auf den Stra\u00dfen und bringen sich gegenseitig um. Die Menschen liegen im Schnee. Manche sind versch\u00fcttet, vergraben, man wird sie nie mehr finden, andere liegen wie K\u00e4fer r\u00fccklings auf dem Eis.<\/p>\n<p>Der Schnee ist kalt, die Welt ist wei\u00df.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, warum die Welt soviel schlechter geworden ist. Liegt es am Schnee? Hat der Schnee die Menschen mit einer Art inneren K\u00e4lte infiziert? Oder liegt es am Schmutz, der den Schnee verunreinigt hat? Hat dieser Schmutz das Innerste der Menschenseele verdreckt?<\/p>\n<p>Fr\u00fcher lag im Winter eine wei\u00dfe, unber\u00fchrte Decke des Friedens \u00fcber allem. Sie schimmerte in der Nacht, und tags\u00fcber spielte die Sonne ein Spiel mit tausend funkelnden, glitzernden, Diamanten. Was war nur damals anders? Was lag nur unter dieser Decke verborgen?<\/p>\n<p>III<\/p>\n<p>Seit der Schnee nicht mehr geht, haben die Leute aufgeh\u00f6rt, mit mir zu reden. Alles ist in Stille geh\u00fcllt. Diese Stille ist, wie der Schnee, unrein. Sie ist ein dreckiges Schweigen, ein Ver-schweigen, ein Verbrechen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I Alles ist wei\u00df geworden und bleibt es nun auch. In der U-Bahn sehe ich Menschen und Werbung. Ich bin mir nicht sicher, ob ich Menschen sehe. 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