{"id":83,"date":"2007-10-25T16:38:27","date_gmt":"2007-10-25T14:38:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=83"},"modified":"2009-01-30T19:12:21","modified_gmt":"2009-01-30T17:12:21","slug":"ein-herrenbein-auszug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=83","title":{"rendered":"Ein Herrenbein (Auszug)"},"content":{"rendered":"<p>Baronin Morast hatte sich bereits zu Mittag in ihr Schlafgemach zur\u00fcckgezogen, das der Gatte vor dem sp\u00e4ten Abend nicht betreten durfte. Sie f\u00fcrchtete seit ein paar Tagen seine derberen Gel\u00fcste. Diese Furcht vermochte sie nicht recht zu deuten, deshalb musste sie sich legen, den Stuck anschauen und nachdenken. Der Baron sprach besorgt vom Stuck und seinen Widrigkeiten. Dass die Malerrolle nicht bis in die Rosenritzen dringe. Dass dort die Weltsicht sich verlor. Dass er die Deutung den Kunsthistorikern \u00fcberlassen m\u00fcsse. Dreimal Rund ineinander \u2013 rund. Frau von Morast w\u00e4lzte tr\u00fcbe und konturlose Eindr\u00fccke wie ihre Kissen hin und her, kehrte das unterste zu oberst, tat, als w\u00fcrde sie ein inneres Bett neu beziehen. Sie w\u00fchlte Matrazen auf, entfernte feuchte und stockige Flecken, f\u00f6nte trocken, rubbelte. An ihren Gatten konnte sie nicht denken, ohne dass ein feiner sie Brechreiz streifte, nur eben streifte wie der zuckende Nervenschmerz im linken Ohr. Die Lust, dachte sie, die Lust empfand sie doch. Irgendetwas an ihrem Manne war ihr unheimlich geworden. Sie erinnerte sich an das dr\u00f6hnende Lachen, mit dem er den Privatier Kellermann und seine Clique begr\u00fc\u00dft hatte, w\u00e4hrend er sein neues Mohnpr\u00e4parat an ihnen ausprobierte. Bl\u00e4ulich hatten sich allseits die Lippen verf\u00e4rbt, und als Morast nach ihr griff mit d\u00fcnnen Fingern, hatte sich zu der vertrauten Lust, die ihr den Unterleib wie ein Schwert durchschnitt, ein leiser Ekel gesellt, ein\u00a0 Kontrapunkt, der ihr den Hals kitzelte. Ein fremder Eigner. Eigner welcher ihrer K\u00f6rperregionen? Sie hatte ihn geehrt, ihn, ihren Mann, der ihr L\u00fcste verschaffte. Der H\u00fcte \u00e1 la mode trug, orangenorange, linzertortenrund, zuckerkristallbesprenkelt. Der mit der neuen Mode ging, ein Lebensdetail, das immer mehr auch M\u00e4nner betraf. Der ihr ein Papageienzimmer f\u00fcr ihre gefiederten Freunde eingerichtet hatte, anspruchsvolle Wildtiere, die sie niemals, wie ihren Gatten, einfach mit \u201eputtputt\u201c locken durfte, damit sie handzahm wurden. Die federbest\u00fcckten Unget\u00fcme. Ihr Mann war rasiert. Ganzk\u00f6rperrasuren lie\u00df er w\u00f6chentlich vornehmen, bei einem Freunde, dem Friz\u00f6r.<\/p>\n<p>Der Friz\u00f6r schnitt nicht nur Haare, k\u00e4mmte, ondulierte und shampoonierte &#8211; nein, er rasierte auch, sowohl Herren als auch Damen. Sein Salon war Stadtgespr\u00e4ch, derzeit noch. Ein, zwei Monate, und der Trend erreichte seinen H\u00f6hepunkt, um dann langsam wieder abzufallen wie eine sanfte winterliche Bergsenke, schlie\u00dflich wurden Besuche beim Friz\u00f6r zu einer Gewohnheit, die Zwang war. Die Klugen folgen einer Mode und reden nicht dar\u00fcber. Sie scheinen. Haben Linzertorten auf den Haaren oder Orangenbl\u00fctenextrakte in die noch feuchte Frisur ger\u00fchrt und hineinzitiert, mit zittrigen Fingern, Haare, die ein Windhauch hochfahren l\u00e4sst. Frau von Morast zog Luft ein, stie\u00df sie aus ihren offenen Mund ger\u00e4uschvoll gegen die Wand zu ihrer Linken aus. Dr\u00fcckte mit dem Kopf das Kissen zur Seite, Augen auf wie eine Tote. Er m\u00f6ge sie mir zudr\u00fccken. Gundolf! Sie rief nach ihrem Gatten, pelzig fuhr es ihr \u00fcber Bauch und Beine, Gundolf! Sie schrie es dem Stuck entgegen und sah einen Himmel schimmernd wie Glas, eine Kuppel w\u00f6lbte sich auf die Umtriebige nieder und umfing ihr Gehirn, durch dessen Windungen Serotonin und Endorphin, Dopamin und Neurasthenin schoss wie ein ICE durch die platte Landschaft zwischen Hamburg und Berlin-Ostbahnhof.<\/p>\n<p>Baron Morast war inzwischen in einem unangenehmen Br\u00fcten versunken, welches das Endorphingeschoss im Hirn seiner Gattin kontrastierte, pfiffig und nicht ohne \u00dcberlegenheit. Warum hatte Gertrud ihn aus seinen Gem\u00e4chern verbannt? Hatte sein Kuss auf ihren Hals, den er lange, lange vorbereitet hatte, sie nicht \u00fcberzeugen k\u00f6nnen, dass er den K\u00f6rperregionen mit zarteren D\u00fcnsten durchaus zugetan war? Ihr Hals roch so nach Fr\u00fchlingsblumen, war so Jugendstil! Das hatte er ihr beichten wollten mit gefalteten H\u00e4nden und verschlossener Hose. Nichts, aber auch nichts war auf diesen Kuss gefolgt. Nur eine Schweigeminute wie nach unfassbaren\u00a0 Ereignissen oder w\u00e4hrend eines katholischen Gottesdienstes, wenn die Gemeinde auf die Knie gesunken war und gleich das \u201eVater unser\u201c in leierndem Gesange beten w\u00fcrde. Die Erinnerung an dieses Schweigen, diese Schlaffheit der Windhose, in die kein Hauch hineinblies, veranlasste ihn jetzt, im Wechsel ungelesene Kuriere und Zeitungen vom Tische zu nehmen und mit ihnen zu wedeln als verscheuche er Insekten. \u201eDu musst du zuerst freundlich sein, du kennst doch Weiber. Klopfet an, so wird euch aufgetan, notfalls klopfst du mit dem sch\u00f6nen Gedanken, nicht gleich mit der Fl\u00f6te. Manche lieben auch Musik. Aber fang nicht mit Wagner an, das wird sie verscheuchen wie ein frischer Morgen den Scheuen Nachfalter,\u201c hatte Kuraschowski, der Landbote, ihm beim Diner in den halb ge\u00f6ffneten Mund gesagt, der gerade eine Gabel voll Lacknudeln empfing.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Baronin Morast hatte sich bereits zu Mittag in ihr Schlafgemach zur\u00fcckgezogen, das der Gatte vor dem sp\u00e4ten Abend nicht betreten durfte. Sie f\u00fcrchtete seit ein paar Tagen seine derberen Gel\u00fcste. Diese Furcht vermochte sie nicht recht zu deuten, deshalb musste sie sich legen, den Stuck anschauen und nachdenken. 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