{"id":807,"date":"2010-10-31T11:31:55","date_gmt":"2010-10-31T10:31:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=807"},"modified":"2011-05-12T15:30:12","modified_gmt":"2011-05-12T14:30:12","slug":"sommerfrische","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=807","title":{"rendered":"Sommerfrische"},"content":{"rendered":"<p>Gegen Abend bereitete Vyvyan ein \u00fcppiges Men\u00fc zu. Er durfte nur wenig davon zu sich nehmen, denn das meiste, was da auf Tellern lag und in Sch\u00fcsseln schwamm, l\u00f6ste bei ihm Atemnot aus. Eduard hatte ihn, als wir noch\u00a0in der Stadt lebten, rechtzeitig\u00a0ins Krankenhaus gebracht. Jetzt waren wir isoliert von solchen Einrichtungen. Vyvyan gab uns ein Zeichen zuzugreifen und verlie\u00df das Zimmer.<\/p>\n<p>An diesem Abend hatte ich keinen Appetit. Ich sp\u00fcrte eine\u00a0feuchte Hand auf der Schulter und h\u00f6rte dicht vor mir die Worte: \u201edu solltest das Versma\u00df anders setzen, du mu\u00dft im Takt \u2026 die Monotonie \u2026\u201c Ohne sich weiter zu r\u00fchren, rutschte die Hand in meinen Ausschnitt und verweilte dort.\u00a0Direkt vor mir stand eine Platte mit Shrimps, die mit einer wei\u00dflich-gr\u00fcnen Sauce \u00fcbergossen waren. Ein fischiger Geruch stieg daraus auf. Als ich mich nach links wandte, zog sich die Hand fast automatisch zur\u00fcck.<\/p>\n<p>&#8222;Wei\u00dft du eigentlich alles \u00fcber Vyvyan, was du wissen solltest?\u201c Es war Eduard. Er besa\u00df die F\u00e4higkeit, mathematische Logik mit einem Gesp\u00fcr f\u00fcr lyrische Str\u00f6me zu verkn\u00fcpfen .\u00a0Obwohl er unf\u00e4hig war, auch nur eine literarisch originelle Zeile zu produzieren. Alles, was er schrieb, roch nach Plagiat. Das allerdings beherrschte er so hervorragend, dass wir manchmal Schwierigkeiten hatten, Original von Kopie zu unterscheiden.<\/p>\n<p>&#8222;Mein lieber Eduard, was sollte ich wissen?&#8220; Im Nebenzimmer hustete Vyvyan. Warum setzte er sich nicht wenigstens zu uns? Fast eine Stunde hatte ich nun seine Bekannten bei Laune gehalten, deren M\u00fcnder verarbeiteten, was sie zwischen die Z\u00e4hne bekamen. Eduard griff nach einem H\u00fchnerbein und\u00a0tauchte es in die Fischsauce. \u201eEine Besonderheit, die nur wenige erlebt haben, die ihm nahe standen. Ich durfte sie genie\u00dfen.&#8220;\u00a0 Nun meldete sich der wei\u00dfblonde Junge an Eduards anderer Seite\u00a0zu Wort. \u201eAh, es geht wieder um das Altbekannte \u2026 meine G\u00fcte, wenn man bedenkt, was da die Hirnforschung in den letzten Jahren \u2026 habt ihr Vyvyans letztes St\u00fcck gelesen, mit dem dahinter\u2026\u201c Der Junge kaute eingelegte Oliven und kleckerte dabei auf seinen Anzug. Eduard zog mit den Fingern die z\u00e4he H\u00fchnerhaut vom Fleisch und strich sie an Vyvyans leerem Teller ab.\u00a0Mein Magen krampfte sich zusammen. Ich zwang mich, von dem Pilzragout zu kosten, das der Junge mir von der gegen\u00fcberliegenden Seite des Tisches entgegenschob. Sein Gesicht war verschlossen, er sprach nicht gern \u00fcber Vyvyan und seine Vorlieben. Sicher war es ihm nicht recht, dass ich hier sa\u00df. Das Tischgespr\u00e4ch behagte mir nicht. Der Wei\u00dfblonde ging zu den Fenstern und schloss sie. Kein Luftzug regte sich in dem gro\u00dfen E\u00dfzimmer. Mir schien, als w\u00fcrde es heute fr\u00fcher dunkel.<\/p>\n<p>Ich nahm eine Kerze vom Buffet, steckte sie auf einen der gerundeten Messingst\u00e4nder. Dann bat ich den Jungen, sie anzuz\u00fcnden. Er tat es gelangweilt, dumm und ungeschickt. F\u00fcr einen Moment glaubte ich, zu ersticken. \u201eWas soll denn das hier alles bedeuten?\u201c, h\u00f6rte ich mich, zu Eduard gewandt, fragen. \u201eIhr esst wie die Schweine, pudert und parf\u00fcmiert euch wie die Weiber im achtzehnten Jahrhundert und verbreitet solch einen Mief, da\u00df ein Lungenkranker umf\u00e4llt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu hast zuviel im <em>Zauberberg<\/em> gelesen.\u201c Eduard l\u00e4chelte ironisch.\u00a0Ich h\u00f6rte keine Ger\u00e4usche aus dem Nebenzimmer mehr. \u201eRieche ich etwa nicht gut? Das w\u00e4re doch schade f\u00fcr unsere Verbindung.\u201c Im Freundeskreis hie\u00df Eduard die <em>Br\u00fcsseler Spitze<\/em>, sein Wohnort kombiniert mit der Beschaffenheit seiner Zunge.\u00a0Nein, er roch angenehm nach Vetiver, das musste ich zugeben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gegen Abend bereitete Vyvyan ein \u00fcppiges Men\u00fc zu. 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