{"id":778,"date":"2010-08-11T15:55:22","date_gmt":"2010-08-11T14:55:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=778"},"modified":"2016-05-25T22:32:04","modified_gmt":"2016-05-25T21:32:04","slug":"behindertes-begehren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=778","title":{"rendered":"Behindertes Begehren"},"content":{"rendered":"<p>Ein gutes Buch ist so selten wie ein guter Banker, ein guter Lehrer, ein guter Arzt, ein guter Journalist. Eines der besseren B\u00fccher der guten B\u00fccher ist \u201eRuf mich bei deinem Namen\u201c des Amerikaners Andr\u00e9 Aciman, der in Alexandria geboren wurde. Der Roman beginnt: \u201e\u00b4Sp\u00e4ter!\u00b4. Das Wort, die Stimme, die Attit\u00fcde. Ich hatte noch nie erlebt, dass sich jemand mit einem \u00b4Sp\u00e4ter\u00b4 verabschiedete -&#8230;\u201c. Auch ein Trivialroman k\u00f6nnte so beginnen und h\u00e4tte dann einen ausgezeichneten Anfang. Acimans Roman ist alles andere als trivial, obwohl seine Story, oberfl\u00e4chlich betrachtet, nicht fern des Trivialen ist. Simpel gesagt: Was die Leser zu lesen bekommen ist eine Sommer-Sonne-Strand-Geschichte, die am h\u00e4uslichen Pool, an italienischen Gestaden, in ger\u00e4umiger Professorenvilla, im provinzialischen St\u00e4dtchen unter s\u00fcdlichen Himmel stattfindet. In dieser Umgebung und Atmosph\u00e4re treffen zwei \u201eKnaben\u201c aufeinander: der 17-j\u00e4hrige Professorenbengel Oliver und der aus den USA angereiste Student David. Trotz ihrer Jugendlichkeit sind die Beiden gepr\u00e4gte Pers\u00f6nlichkeiten, die ihrer nat\u00fcrlichen Unmittelbarkeit hinderlich ist. Diese Behinderung, auch im Begehren, wei\u00df der Erz\u00e4hler geschickt in feinsinnigen Szenen zu variieren. So ist f\u00fcr die dauernde Spannung des Romans gesorgt. Das Erwarten, das Unerf\u00fclltsein, das Wiedererwarten, das Wiederunerf\u00fclltsein garantieren das Auf und Ab, das die Neugier der Leser immer neu anstachelt, obwohl der Roman in den Handlungen eher handlungsarm ist. Die eigentliche Bewegung findet in den Gedanken der gleicherma\u00dfen musisch begabten und orientierten Hauptpersonen statt. Immer dominiert das Geistige, obwohl das k\u00f6rperliche Begehren, also die schwer zu bekennenden, dann doch mit ungeteilter Lust zu lebenden Gef\u00fchle, ma\u00dfgeblich die Begegnung von David und Oliver bestimmen. Sie sind Empfindsame, \u00fcberaus Empfindsame, die unentschieden sind in ihrer Entschiedenheit. Ihre Gef\u00fchle pendeln: Von Frau zu Mann, von Mann zu Frau. David und Oliver erleben sich in ihrem Unverm\u00f6gen, angesichts aller m\u00f6glichen M\u00f6glichkeiten. Sie erfahren miteinander, in ihrer Unvollkommenheit, Momente des Vollkommenseins. Sie sind Menschen voller Spa\u00df an der gebildeten, bildenden Sprache, Menschen, die sich aussprechen wollen und immer wieder einander sprachlos machen.<\/p>\n<p>Kurzum, sie sind nicht einfache schlichte Menschen. Sie sind zu sch\u00f6n, zu klug, zu selbstgewi\u00df. Zumindest werden sie so vom Autor aus gutem Grunde geschildert. Er will Distanz zu den Figuren, will dass sich niemand verliebt in die Sch\u00f6nheit, die Klugheit, die Selbstgewi\u00dfheit. Das w\u00e4re die Sache des Trivialromans. Das w\u00e4re die Sache eines schw\u00fclstigen Schwulenromans. Das w\u00e4re die Sache eines beliebigen Unterhaltungsromans.<\/p>\n<p>\u201eRuf mich bei deinem Namen\u201c ist ein unterhaltender Roman eines starken, sprachkundigen Schriftstellers. Der Roman hat die Qualit\u00e4t, die einst eine Erz\u00e4hlung wie Stefan Zweigs \u201eVerwirrung der Gef\u00fchle\u201c oder James Baldwins Roman \u201eGiovannis Zimmer\u201c hatten. Das Sprachbewu\u00dftsein von Andr\u00e9 Aciman bestimmt die literarische Konstruktion seines Romans. Szenen und Dialoge sind derart konzentriert und komprimiert, dass sie ohne weiteres in ein anderes Medium zu \u00fcbertragen sind. Der Leser des Buches sieht einen Film. In dem ist mehr zu sehen als nur eine Sommergeschichte. Die Leser nehmen teil an Lebens-, Menschengeschichten, die, in ihrer Besonderheit, so besonders dann doch nicht sind. Das ist das Gute, das Andr\u00e9 Aciman so gut geschildert hat, dass sein Roman mit Genu\u00df gelesen werden kann. Mit Genu\u00df? Kann man das heute noch sagen? Ja, warum denn nicht? Weil einem so viele B\u00fccher gar keinen Genu\u00df mehr bieten?!<\/p>\n<p>Andr\u00e9 Aciman: Ruf mich bei deinem Namen. Aus dem Amerikanischen Renate Orth-Guttmann. Deutscher Taschenbuch Verlag: M\u00fcnchen 2010. dtv 13894. 286 Seiten<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein gutes Buch ist so selten wie ein guter Banker, ein guter Lehrer, ein guter Arzt, ein guter Journalist. Eines der besseren B\u00fccher der guten B\u00fccher ist \u201eRuf mich bei deinem Namen\u201c des Amerikaners Andr\u00e9 Aciman, der in Alexandria geboren wurde. Der Roman beginnt: \u201e\u00b4Sp\u00e4ter!\u00b4. Das Wort, die Stimme, die Attit\u00fcde. 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